2,99 €
Das Jahrestage-Buch ist eine Unabhängigkeitserklärung von dem Ritual, uns an denkwürdige Daten nur dann zu erinnern, wenn sie exakt zehn, fünfundzwanzig, hundert oder tausend Jahre her sind. Gedacht wird immer. Und sehen wir Jahres-, Gedenk- und Aktionstage doch einmal mit anderen Augen: den Welt-Tourismus-Tag, den nationalen Hut-Tag, den Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen, die D-Days, den internationalen Witze-, den Pi-, den BDSM-Tag, den Welttag des Lächelns oder den des Faulenzens. Erinnert wird aber auch an die Erstbesteigung des K2 und an die Großen der Geschichte: an den Todestag Robert Gernhardts und den des Diogenes von Sinope, den Geburtstag Fritz Benschers. Das Jahrestagebuch gedenkt aus Anlässen: Dichterjuristen und Nonkonformisten, Linkshändern und Rechtsgelehrten, Hörgenuss und Konzertantem, der Dietrich und dem Präsidenten, Digital- und Barem, Übersetzern, Überwegen, Overkill, Fantasie, Fesseln und Höhepunkten. Und noch vielem mehr.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jahrestage-Buch
Siegfried Reinecke
Jahrestage-Buch
77 mal anders gedenken
© 2020 Dr. Siegfried Reinecke
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Umschlagfoto und -gestaltung: Siegfried Reinecke
Autorenfoto: Iris Cichon
ISBN Paperback
978-3-347-10054-1
ISBN Hardcover
978-3-347-10055-8
ISBN e-Book
978-3-347-10056-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Stadt eines Vorworts
In the Year 802.701, 802.701
1. Januar – Neujahrstag
„Hätten Sie's gewußt?“
4. Januar – Tag des Trivialwissens – National Trivia Day (USA)
Watching me, watching you – aha-a
8. Januar – Männerbeobachtungstag
Der innere Zirkel
10. Januar 1919 – Entstehung des Freistaats Flaschenhals
Mann ging nicht mehr ohne
15. Januar – Nationaler Hut-Tag
… von hervorragendem Verstand
21. Januar 1867 – Geburtstag Ludwig Thomas
Vorwärts nimmer
31. Januar – Rückwärts-Tag
Roberts Robe
8. Februar 1937 – Geburtstag Manfred Krugs
Dialektische Hochkomik
9. Februar 1948 – Todestag Karl Valentins
All you hear is …
13. Februar – Internationaler Tag des Radios
Perfect Harmony@Deutschland AG
14. Februar 1967 – Beginn der Konzertierten Aktion
Möblierter Herr, c/o Witwe Ratkowski
23. Februar 1899 – Geburtstag Erich Kästners
Eine Niere für zwei
Zweiter Donnerstag im März – Weltnierentag
Vermeiden Sie Felher!
8. März – Tag des Korrekturlesens
Kreißsaal? Welcher Kreißsaal?
14. März – Pi-Tag
Gegen Abend Bevölkerungsverdichtung
23. März – Weltwettertag
Am Anfang: Müßiggang
23. März – Tag des Faulenzens – National Goof-Off Day (USA)
Wahl der Qual
26. März – Erfinde-Deinen-eigenen-Feiertag-Tag
Drs. honoris causa multiplex!
30. März – Tag des Arztes
Lola Lola trennt sich
2. April 1930 – Marlene Dietrich verlässt Deutschland
Acht Jahre sind nicht lebenslang
6. April 1789 – Wahl George Washingtons zum ersten US-Präsidenten
Tragödie mit Folgen
15. April 1912 – Untergang der Titanic
Roben Roms
21. April 753 v. Chr. – Gründung der Stadt Rom
Rein oder nicht rein? Keine Frage!
23. April – Tag des deutschen Bieres
Dead men don't wear trousers
Erster Freitag im Mai – Ohne-Hosen-Tag
In Treue fast fest
1. Mai 1972 – Uwe Seeler beendet seine Fußballerkarriere
Zur Wonne, zur Freizeit
2. Mai – Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen
Es lodert noch
4. Mai – Internationaler Tag der Feuerwehrleute
Archive der Schönheit und des Wissens usw.
19. Mai – Internationaler Museumstag
Gute Daten, böse Daten
25. Mai 1987 – Volkszählung
25. Mai 2018 – Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung
Bargeld lacht – nicht mehr lange
27. Mai 1968 – Inbetriebnahme des ersten Geldautomaten in Deutschland
Schon einer eine kritische Masse
3. Juni – Europäischer Tag des Fahrrads
Ein feiner Zug
5. Juni 1883 – Jungfernfahrt des Orient-Express'
Triumph der Fakenews und Täuschungen
6. Juni 1944 – D-Day
Philosoph der Praxis
13. Juni 323 v. Chr. – Tod des Diogenes von Sinope
Ruhe bewahren!
18. Juni – Internationaler Panik-Tag
Yogaga
21. Juni – Welt-Yoga-Tag
Er, Er, Er
30. Juni 2006 – Todestag Robert Gernhardts
LOL? LOL!
1. Juli – Internationaler Witze-Tag
But listen closely!
18. Juli – Welt-Zuhör-Tag
Harry P. und die Reichtümer des Lebens
20. Juli 1998 – Erscheinen des ersten Bandes der Harry Potter-Reihe
Sub, Dominante, Subdominante
24. Juli – Internationaler BDSM-Tag
Der Zweite ist der erste Verlierer
31. Juli 1954 – Erstbesteigung des K2
Berufsberatung beim Dichter
5. August – Tag des Abrackerns – National Work like a Dog Day (USA)
Wiederholen macht Freude
8. August – Wiederholungstag
Mieze, Muschi, Mörderviech
8. August – Internationaler Tag der Katze
Tele oder Strat?
10. August 1909 – Geburtstag Leo Fenders
Lass der Jugend ihren Lauf
12. August – Internationaler Tag der Jugend
Das schöne Händchen, bitte!
13. August – Internationaler Linkshändertag
Man spreche Deutsh!
Zweiter Septembersonnabend – Tag der deutschen Sprache
Denk- und Todesmal
1. September – Tag des Zebrastreifens
Ein reichlich anthropozentrisches Weltbild
17. September 1967 – Erstausstrahlung „Raumpatrouille“
Schafft ein, zwei, dreihunderfünfundsechzig!
20. September – Autofreier Tag
Weise Reisen
27. September – Welt-Tourismus-Tag
Im Knopfloch ist immer noch Platz
Erster Freitag im Oktober – Welttag des Lächelns
Quereinstieg
5. Oktober – Welttag der Lehrerin und des Lehrers
Höats hoit zua, sunst …
6. Oktober – Tag der gewaltfreien Kommunikation
Hashtag Hug-Tag
10. Oktober – Hug a Drummer Day (Umarme-einen-Schlagzeuger-Tag)
Jeden Tag einige gute Daten
20. Oktober – Welt-Statistik-Tag
… und am Ende gewinnt Deutschland
26. Oktober 1863 – Gründung der Football Association (FA)
Bleibt ein Mann ein Mann?
3. November – Welt-Männer-Tag
Dem Tüftleur ist nichts zu schwör
9. November – Tag der Erfinder
Bekannt von Film, Bühne und KZ
13. November 1904 – Geburtstag Fritz Benschers
Das fehlte noch!
16. November – Internationaler Welttag der Toleranz
„Seht, das ist Fernsehen!“
21. November – Welttag des Fernsehens
Concord, Concorde
21. November 1977 – Eröffnung des Linienverkehrs mit der Concorde
Mit Geräusch (verkehrt) verbunden
22. November – Tag der Hausmusik
Woah! Wayne Rooney an Loch 13
30. November – Nationalfeiertag von Barbados
… und sie sieht gut aus
2. Dezember – Internationaler Tag der Modelleisenbahn
Runter kamen sie früher schlimmer
7. Dezember – Tag der internationalen Zivilluftfahrt
Im Raum-Zeit-Diskontinuum
8. Dezember – Gib-vor-ein-Zeitreisender-zu-sein-Tag
Sind denn alle Menschen korrupt?
9. Dezember – Internationaler Anti-Korruptions-Tag
La Montanara für das Objektiv
11. Dezember – Internationaler Tag der Berge
Tabu-Los
17. Dezember 1962 – Eröffnung des ersten Beate-Uhse-Shops
Short movies got reason to live
21. Dezember – Kurzfilm-Tag
Bonus
Was sich lange wehrt …
Termin variabel – Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg International
Abbildungsnachweise
Die ausgewählten Jahrestage
Stadt eines Vorworts
Bad Mergentheim
Jahrestage-Buch: eine Tour d'Horizon mit nicht weniger, aber auch nicht mehr als als 77 Stationen. Auf den Spuren eines Flaneurs des Wissens erleben Sie ganz unaufgeregt eine äußerst seriöse Auswahl all dessen, was man weiß, was man wissen sollte, was man zu wissen meinte.
Guten Gewissens entstand gewissermaßen eine Art ewiger Kalender. Nutzen Sie ihn, solange Sie können. Es ist nicht nur für jeden etwas dabei, vielmehr wird er gerade jedem Journalisten sehr zupass kommen, ein Kompendium an die Hand zu bekommen, dass ihm seine Frage „Worüber berichten wir heute?“ im Sinne von „Was für ein Gedenktag ist heute?“ beantwortet. Damit traktiert er dann Sie, seine Zuschauer, Hörer und Leser. Nur dass runde Jahrestage maßlos überschätzt sind.
Es ist ja auch ein fragwürdiges Ritual, an denkwürdige Daten nur zu erinnern, wenn sie exakt zehn, fünfundzwanzig, hundert oder tausend Jahre her sind. Da muss man manchmal ganz schön lange warten, obwohl man doch auch einmal spontan gedenken will. Das Jahrestage-Buch befreit von Gedenkzwang und lädt ein, jederzeit und an jedem Ort seinen Erinnerungen nachzuhängen.
Sooo: Man sollte z.B. verdienstvollen Menschen auch einmal zu Lebzeiten gedenken. Dann haben sie auch mehr davon. Diesem Herrn aus Tauberbischofsheim vor allem anlässlich des 9. Dezember – des Internationalen Anti-Korruptions-Tags.
Es gibt Zeiten, schreibt der so große wie groß gewachsene Harald Schmidt, „da diktiert sozusagen der Kalender das Thema. Oft nicht das Schlechteste, weil gerade über dieses Thema ja schon alles gesagt ist. Grund genug also, es nochmal zu tun, natürlich aus völlig neuer, epochemachender Perspektive.“ So reflektiert er in Warum und wohin? Gesammelte Notizen aus dem beschädigten Leben [München 2002, S. 181] Recht hat er, und so geschieht es hier. Möge es gelungen sein.
Das Spektrum der Gedenk-, Jahres- und Aktionstage ist sehr weit, es reicht vom nationalen Hut-Tag über den Weltwetter-, den Abracker-Tag, den Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen, den internationalen Witze-, den Pi-, den BDSM-Tag bis hin zum Welttag des Lächelns und dem Tag des Faulenzens. Ein besonderes Gedenken gilt der Erinnerung an die Erstbesteigung des K2, an den Todestag Karl Valentins und den des Diogenes von Sinope, an den Geburtstag Fritz Benschers, nicht zu vergessen an den Internationalen Welttag der Toleranz und den Umarme-einen-Schlagzeuger-Tag. All das wird gleichmäßig ernsthaft und seriös behandelt. Mag sein, dass zuweilen dem angemessenen, echten Pathos des Anlasses eine Prise Ironie den Atem nimmt; Spott oder niederträchtige Herabsetzung des gedachten Gegenstands liegen jedoch der Absicht dieser Gedenkblätter fern.
Ganz im Gegenteil: Unendlich viel an Wissen, Orientierung und Unterhaltung verdanken wir den gefeierten Gegenständen, Sachverhalten und Menschen. Und so gestaltet sich dieses kleine Projekt zu einer ehrerbietigen Verneigung vor dem, was letztlich unser Leben ausmacht oder beeinflusst hat, bei dem einen mehr, dem anderen weniger. Sollte das nicht der Fall sein, so kann man ja immer noch dazulernen aus einer Enzyklopädie, die mit den modernen Wikis wenig, hingegen mit klassischen rein gar nichts zu tun hat. Nichtsdestoweniger lernt man einiges bis vieles über Dichterjuristen und Nonkonformisten, Hörgenuss und Konzertantes, die Dietrich und den Präsidenten, Hopfentrank und Hosenlose, Digital- und Bares, Übersetzer, Überwege und Overkill, Fantasie, Fesseln und Höhepunkte. Und noch viel mehr. Das muss reichen.
Dank eines großzügigen Stipendiums eines Stralsunder Mäzens konnten die Studien zu diesem Band im ziemlich schönen Taubertal zum Abschluss gebracht werden.
Berlin, Bad Mergentheim, März 2020
JANUAR
Über Neues und Nichtiges, Observation und Staat, Hut Couture, Dichterjuristen und Nonkonformisten
1. Januar – Neujahrstag
In the Year 802.701, 802.701
Der erste Tag bekommt den Namen, den er verdient wie kein anderer. Und nur an diesem Tag werden Vorsätze gefasst – und vielleicht schon wieder verworfen Jeder sollte das tun, also Vorsätze fassen. Der besondere Service für Sie: Nutzen Sie den Raum für Vorsätze am Ende dieses Beitrags!
Nicht auszurotten ist anscheinend die Ansicht, dass – nur weil wir wieder einmal von vorne zu zählen beginnen – etwas ganz Außergewöhnliches, nie Dagewesenes, Großes, Schönes oder auch Schlechtes, Grausiges, Entsetzliches ins Haus steht. Oder dass wenigstens so viel selbst beeinflusste Veränderung eintritt, dass man sich durch Askese und Läuterung zu einem besseren Menschen entwickelt (siehe „Vorsätze“). Dazu ist es sinnvoll, die Dinge von ihrem Ende her zu betrachten, so wie es unsere langjährige Kanzlerin immer anzuregen pflegte. Wobei sich das Problem zu stellen scheint, dass wir in unserer übergroßen Mehrheit nicht recht wissen, wie das Jahr zu Ende gegangen sein wird, um entsprechend die Konsequenzen zu ziehen, angemessene Vorsätze zu fassen.
Aber vielleicht ist es ja auch gar keine so gute Idee die Zukunft zu antizipieren. Das liegt zum Teil daran, dass man nicht weiß, was sie bringt, und zum Teil daran, dass man es nicht wissen will. Nehmen wir nur einige – nicht ganz beliebige – Beispiele.
Das Rauchen aufgeben, sich gesünder ernähren, mehr Bewegung und ähnliche Banalitäten: Viel zu wenige Menschen nehmen sich zum Jahreswechsel etwas ganz Besonderes vor – etwas wirklich ganz Bedeutendes. Aber wenn schon ein Blick in die Zukunft, dann auch richtig: Warum nicht einmal eine Zeitreise antreten? Zugegeben, Sie wären nicht der erste, der das tut. Vielleicht aber der oder die erste, der/die nicht in der Zukunft verloren geht, wie jenes verkannte Genie am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie wissen, von wem die Rede ist. Richtig, von George. So heißt jedenfalls der Zeitreisende in der Verfilmung des H.G. Wells-Romans „The Time Machine“ aus dem Jahr 1960. In der Vorlage von 1895 ist der Wissenschaftler noch namenlos, verfolgt aber das gleiche Projekt, das er seinen Freunden am Silvesterabend des Jahres 1899 vorstellt. Zumindest zeigt er ihnen ein Modell seiner Zeitmaschine, das im Film ungefähr so aussieht:
Klassisches Design, robuste Karosserie: TM Wells 1899
Er lässt es in der Zukunft verschwinden, doch seine Besucher glauben an einen Trick und verlassen ungehalten die Feier zur Verabschiedung des alten Jahrhunderts. George aber macht sich darauf mit dem wirklichen Zeitschiff auf in die Zukunft: In den Jahren 1917 und 1940 erlebt er die Weltkriege, 1966 einen Atomschlag. Er flieht, bevor er selbst vernichtet wird, mit Highspeed und stoppt seine Maschine erst wieder, als er sich sicher vor weiterem Unheil glaubt. Es ist der 12. Oktober 802.701. Er hat somit eine erkleckliche Anzahl von Neujahrs bzw. Neujahren überflogen und ebenso viele Vorsatzlisten versäumt.
Er findet eine Welt vor, in der glückliche, schöne Menschen leben. Sie werden allerdings von hässlichen, bösen Menschen wie Vieh gehalten. Und dafür soll man in die Zukunft reisen? Will man das wissen?
Jedoch: Zuhause ist es auch nicht besser. George rettet sich mit Müh' und Not in seine Zeit zurück und trifft unverändert auf Ignoranz. Da beschließt er, zurück in die Zukunft (das wäre mal ein schöner Titel für einen Film gewesen) zu reisen, um die nur ein paar hunderttausend Jahre entfernte Dame seines Herzens wiederzutreffen. Um diesmal aber besser gewappnet zu sein und den schönen Menschen helfen zu können, nimmt er drei Bücher mit.
Und hier ist eine Empfehlung an Sie, die etwas vorgestrig klingen mag, aber unvergleichlich erfolgversprechender und nachhaltiger sein wird, als jeder noch so krachend scheiternde Vorsatz: Nehmen Sie sich nur etwas Zeit, überlegen Sie gut und entscheiden Sie dann, welche drei Bücher Sie durch das kommende Jahr begleiten sollen (also welche beiden außerdem, außer dem, Sie verstehen?). Es wird Sie am Ende des Jahres nicht gereut haben (Futur II).
Für diejenigen, die es dennoch nicht lassen können und tatsächlich glauben, sie könnten das, was in den folgenden zwölf Monaten tatsächlich auf sie zukommt, irgendwie durch die Macht ihres Willens beeinflussen, hier der angekündigte
Raum für Vorsätze
Tipp des Verlags: Durch Erwerb weiterer Bände erweitert sich der Umfang des Raums für Vorsätze um ein Vielfaches. Bitte bevorraten Sie sich!
Noch ein Nachsatz: Der beliebteste Vorsatz der Deutschen ist auch in diesem Jahr derselbe wie im letzten Jahr. Und in dem davor. Das hat den Vorteil, dass man sich den Vorsatz gut merken kann. Es hat den Nachteil, dass er dann noch nie eingelöst wurde. Man sollte sich also vornehmen, diesem Vorsatz im bevorstehenden Jahr nachzukommen. Vorsicht: „Nach mir die Sintflut!“ auch nur zu denken ist keine Option. Denken Sie nach, bevor Sie sich am Ende Vor-würfe machen müssen.
4. Januar – Tag des Trivialwissens – National Trivia Day (USA)
Hätten Sie's gewußt?
Wer weiß denn sowas?
Der Airbag in Autos fällt in Deutschland unter das Sprengstoffgesetz.
[https://www.unnützes-wissen.de/site/nutzloses-Wissen.html]
Säugetiere brauchen allesamt durchschnittlich 21 Sekunden zum Entleeren der Blase.
[https://www.genialetricks.com/trivialwissen/]
Bei der größten bekannten Primzahl handelt es sich um 277232917-1, eine Zahl mit 23.249.425 Stellen.
„Hätten Sie's gewußt?“ So lautete der Titel der Mutter aller Ratesendungen im deutschen Fernsehen, in der Quizmeister Heinz Maegerlein zwischen 1958 und 1969 seine meist gut informierten, ja geradezu gebildeten Kandidaten traktierte. Wie gut hätten Sie ausgesehen? Hätten Sie die Sache mit den Airbag/Pipi/Primzahl-Fakten „auf dem Kasten“ gehabt? Sicher nicht. Und wenn doch: warum?
Wer braucht schon so viel Spezialwissen. Im Allgemeinen reicht uns doch eine überschaubare enzyklopädische Übersicht über eine begrenzte Anzahl von Gegenständen und Sachverhalten aus. Auch bei Maegerlein (selbiger, der als Sportreporter mit einem einzigen Hauptsatz, dem vormals witzigen „Sie standen an den Hängen und Pisten“, unsterblich wurde) wären Fragen nach Fakten wie die eingangs genannten natürlich nicht gestellt worden, es war schließlich kein Expertenquiz.
Als die Quizz- und Wissenden noch weggesperrt wurden: Hätten Sie's gewußt?, 1960.
Hier waren Allrounder gefragt. Die gab es auch in den Fußballspielersammelbildchenheften der Siebziger Jahre noch; Herren, die nicht allein Spezialisten des Toretretens oder des Gegenspielerummähens waren, sondern beides leidlich beherrschten. Von „Allroundwissen“ spricht heute auch noch ein „Trainingsbuch für Quizmillionäre". Bei Magerlein mussten sich die immerhin oft auf einem Gebiet besonders versierten Damen und Herren Ratefüchse auch aufs Glatteis begeben, in dem sie Fragen aus Rubriken wählen mussten wie „Sport“, „Film“ oder „Operette“ und – eine Kostbarkeit der Quizkategorien – „ABC der Frau“.
In dieser Rubrik lautete z.B. eine Frage: „Welcher Kontinent exportiert das meiste Gefrierfleisch?“ Für die souveränen Antworten der Kandidatin „USA? Amerika?“ und die Replik des Meisters „Richtig! Südamerika“ gab es ganze drei Punkte. Ihr männlicher Konkurrent überraschte in dieser Frage durch geographisches Detailwissen.
Den nachhaltigsten Eindruck machte bzw. macht dem Flaneur des Wissens damals wie heute aber die Abteilung
Die Paradedisziplin der Kollektivkenntnisse. (Hätten Sie's gewußt?, 1968) Zeichnung: Manfred Schmidt
Maegerlein hebt also zu fragen an: „Ein italienischer Naturforscher, Mathematiker und Philosoph, der von 1564 bis 1642 lebte, wurde zu einem der Bahnbrecher der modernen Naturwissenschaft. Seine Fallgesetze und seine Parteinahme für Kopernikus haben ihn berühmt gemacht. Legende ist freilich wohl sein berühmter Ausspruch: 'Und sie bewegt sich doch'. Wer war denn das, bitte?“ Die Antwort der Kandidatin kam wieder schnell und klar.
Ist das nun Trivialwissen? Solches scheint nach heutigem Verständnis eher eine Unterkategorie von Allgemeinwissen zu sein. Duden online definiert: „[weniger bedeutsames] Allgemeinwissen; Wissenswertes“, was uns nicht viel weiter bringt. Weniger bedeutsam als zu wissen, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, wäre es wohl, sämtliche Staatsoberhäupter Ugandas seit seiner Unabhängigkeit zu kennen. Letzteres erscheint nicht einmal wissenswert zu sein und gehört erst recht nicht zum Allgemeinwissen. (Obwohl: Es handelte sich um Mutesa II, Obote, Idi Amin, nochmal Obote sowie Museveni. Gut, nicht wahr?)
Die denkbar kürzeste Definition könnte lauten: Um Trivialwissen handelt es sich, wenn absolut jeder verständige Mensch einer Aussage zustimmen oder sie zumindest annehmen würde. Beispiel: Die Erde ist eine Kugel. Jeder? Verständige? Wir stehen selbst hier erneut vor einem Problem. Entweder ist dieses Wissenspartikel nicht trivial oder der Mensch, der es bestreitet, ist nicht verständig. Noch einmal also: Was sind denn jetzt Trivia, und warum muss man die mit einem Tag bedenken?
Nähern wir uns einer Antwort mit einem weiteren Beispiel, es lautet: „Nehmen Sie einen Hamster, der nicht aufhört zu wachsen. Der normale Hamster verdoppelt jede Woche sein Gewicht, bis er etwa zwei Monate alt ist. Wenn er dann nicht aufhört und sein Gewicht weiter verdoppelt, hätten Sie nach einem Jahr einen Hamster von einer Milliarde Tonnen Gewicht, der an einem einzigen Tag die weltweite Maisproduktion eines ganzen Jahres auffressen könnte.“
Man könnte sagen: ein klassisches Beispiel für ein absolut irrelevantes Wissenspartikel, weil es in seiner Extrapolation einer völlig ausgeschlossenen Entwicklung eine reine Spielerei darstellt. Mithin handelt es sich aufgrund der unsinnigen Prämissen um nutzloses Wissen.
Das gilt aber nur, solange es jenseits jeglichen spezifischen Kontext steht, also etwa in einem Partygespräch, in dem eine solche Aussage als Eisbrecher dient. Gibt man aber Kontext dazu, sieht die Sache ganz anders aus: Das Zitat stammt von Andrew Simms, seines Zeichens Mitarbeiter am Zentrum für globale politische Wirtschaftsforschung der Universität von Sussex und ein Fellow an der New Economics Foundation; also ein Ökonom, ein Experte mit hohen akademischen Weihen. Warum redet er solch einen 'Bullshit'? Klarer wird der Zusammenhang, wenn man weiß, dass seine Worte völlig isoliert in einer Satiresendung des Fernsehens auftauchen [extra 3, NDR-Fernsehen, 30.10.2019], die hier ganz und gar unkommentiert bleiben – also immer noch 'Bullshit' sind und im Grunde allenfalls der Bloßstellung von Expertenwissen dient.
Tatsächlich entstammt der Ausschnitt einer langen Dokumentation des Senders arte über Sinn und Unsinn grenzenlosen Wachstums. [„Wachstum, was nun?“, arte, 10.9.2019] Erfährt man darüber hinaus noch zusätzlich, dass Simms den Earth Overshoot Day (Welterschöpfungstag, Erdüberlastungstag) initiierte, mit dem jedes Jahr das Datum neu bestimmt wird, an dem die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen die Reproduktionsfähigkeit der Erde zu übersteigen beginnt, dann ist klar, dass der Ökonom zu einem der heftigsten Kritiker der Logik bedingungslosen Wachstums zählt. Außerdem entwickelt er Auswege aus der Klimakrise und unterstützt Extinction Rebellion, die Bewegung, die Kampagnen zu zivilem Ungehorsam in der Klimafrage organisiert. So ahnt man, dass Simms auf den ersten Blick unsinnige Hamster-Aussage zu einem Modell greift, mit dem er die fatalen Folgen von als alternativlos propagierten Reproduktionskreisläufen illustrieren will.
Bezogen auf die Frage, was nun Trivialwissen von nicht-trivialem, elaboriertem Wissen unterscheidet, legt das letzte Beispiel nahe, dass es vor allem anderen auf die Funktion ankommt. Und die hängt eben vom Kontext ab. Sind Wissenspartikel im Rahmen institutionalisierter, hochspezialisierter Diskurse anzutreffen, so können die gleichen trivial erscheinen, wenn sie in alltagskulturellen Zusammenhängen auftauchen. Sie müssen gar nicht mal in elaborierter Fachsprache, in Formeln und Matrizen o.ä. daherkommen, sondern können durchaus anschaulich sein wie das Hamster-Modell. Das Letztere aber hat den Vorteil, gerade anschließbar an Alltagsdiskurse zu sein, die zu einem überwiegenden Teil aus symbolischen, metaphorischen, kurz: anschaulichen, so genannten interdiskursiven Redeelementen bestehen. Dieses Unspezifische, viele spezialisierte Diskurse zwar integrierende, aber sie auch damit 'überwindend', ermöglicht es uns miteinander zu kommunizieren, die wir in ganz unterschiedlichen Sach- und Fachzusammenhängen unterwegs sind.
Trivialwissen ist also gewissermaßen grundsätzlich dysfunktionales Wissen; es ist nicht in erster Linie an bedeutendem, wissenschaftlichem oder auch nur alltagspraktischem Erkenntnisgewinn orientiert. Unterstützer des Tages des Trivialwissens heben aber unbeirrt hervor, dass jeder dazu ermutigt sei, sich neues Wissens anzueignen oder vorhandenes einmal unter einem anderem Gesichtspunkt zu betrachten: „Let National Trivia Day be an opportunity to learn something new – gain some knowledge or gain a new perspective. Discovering a new tidbit might be refreshing, enlightening or epically awesome. If you aren't constantly learning, you aren't truly living.“ [https://nationaltoday. com/national-trivia-day/] Ein Angebot, dass man schwerlich ablehnen kann.
Machen wir uns also gemein mit dem Mut zum Wissen, zur Not zum Trivialen. Es hat so viele Facetten. Mal ist es funktionales, mal eher dysfunktionales (Trivial-) Wissen. Heute wissen wir ja, dass Wissen in jedem Fall Macht konstituiert, ohne dieses ist ein modernes Subjekt ganz unvorstellbar – um es einmal so holzschnittartig zu formulieren. Wenn man schon über etwas Bescheid weiß, sollte man andere daran teilhaben lassen, so sie denn offen dafür sind. Denn man kann den Umgang mit Trivialwissen als ein Spiel betrachten, bei dem man allerdings mitmachen wollen muss. Wenn man ständig alles anzweifelt und sofort googelt, kommt das Spiel nicht in Gang.
Manchmal unterlässt man das aber gerade sehr gerne. Dann etwa, wenn das triviale Wissen so schön zupass kommt und man sich von diversen Traumata entlastet fühlt. Nehmen wir doch nur mal die Sache mit Albert Einstein und seinen miserablen Schulnoten in den Naturwissenschaften. Manche wissen, dass er sein Abitur in der Schweiz gemacht hat und ziehen ihre Schlüsse: So also erklären sich die Fünfen und Sechsen seiner Matura. Die anderen müssen googeln – oder sie verkneifen es sich.
8. Januar – Männerbeobachtungstag
Watching me, watching you – aha-a
An plane spotter hat man sich inzwischen gewöhnt, das ist ja auch eine harmlose Spezies. Was um alles in der Welt jemanden dazu bewogen hat – und das auch noch in einschlägigen Jahrestageskalendern zu implementieren –, die indiskrete Praxis der Observation von Männern zu feiern, muss schon sehr befremden. Das zeugt schon von einem besonderen Geschmack, über den man auch in diesem Fall wohl nicht streiten darf. Neben Wal- und Wahlbeobachtern ist das schon ein besonders skurriles Hobby. Was gibt’s denn da zu sehen?
Ob gewollt oder nicht, man muss als Mann am 8. Januar jeden Jahres damit rechnen, genau fixiert zu werden, wenn sich das Wissen um diesen Aktionstag ausbreitet, was mit diesen Zeilen überhaupt nicht intendiert ist. Da heißt es, sich gut gepflegt und ordentlich gekleidet in die Öffentlichkeit zu begeben, sich zu benehmen, also einen insgesamt guten Eindruck zu machen oder – wenn man keinen großen Wert auf gute Bewertungen legt – sich im Rahmen des Üblichen zu bewegen.
Stellen Sie die vor allem bei Frauen beliebtesten Charaktereigenschaften heraus, über die jeder Mann geheim im Übermaß verfügt: Zeigen Sie Emotionalität und Humor. Ad 1, Emotionalität: „Gestern Abend haben wir Mensch ärger dich nicht gespielt, da habe ich mal so richtig die Sau 'rausgelassen.“ So wie der tagein tagaus tief in sich ruhende Ex-Innenminister De Maizière seine im seelischen Untergrund brodelnde Leidenschaft kundzutun einmal willens und in der Lage war, kann das jeder Mann. Ad 2, Humor: Lachen Sie doch ab heute mal über die Witze, die andere und nicht Sie selbst machen. Fällt schwer, klar, kann aber, wenn Sie sich entspannt zusammenreißen, gelingen.
Wo findet man heute überhaupt noch Männer? Wenn man absolut sicher gehen will, besuchen Sie die Aufsichtsratssitzung eines DAX-Konzerns. Sicherer noch: Schummeln Sie sich mal in eine Klausur der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, möglichst als Mann oder als solcher verkleidet, damit Sie nicht so auffallen. Während des Karnevals ist der Elferrat jeder beliebigen Großen Prunksitzung ein wahrer Augenschmaus.
Männer-Überhang: Sometimes it’s a long way up for man watching.
Jüngere Vertreter der male community trifft man im Knabenchor an, nach bevorstehenden höchstrichterlichen Entscheidungen über die zulässige Exklusion von Mädchen in solchen Einrichtungen bald aber nicht mehr exklusiv. Nutzen Sie also die Zeit. Schützenvereine werden dagegen noch eine Weile ihren Nimbus erhalten, jedes Jahr einen Champion zu küren. Er heißt Schützenkönig, und nicht sie, Schützenkönigin. Ja, noch gibt es ein paar Paradiese männlicher Zurschaustellung. Schauen Sie mal vorbei, und gucken Sie hin! In freier Wildbahn wird das über kurz oder lang erfolglos sein.
Wahrscheinlich verdankt sich die ganze Idee ohnehin einem lauen Witz, denn der amerikanische Male Watcher's Day geht auf die Profession der Whale Watcher zurück, was nun mal überhaupt nichts mit penetrantem Gestarre auf das Beste am Männlichen zu tun hat, sondern eine ehrbare Tätigkeit darstellt, die einen Beitrag dazu leistet, die Riesenmeeressäuger vor dem Aussterben zu retten. Das ist aber im Falle des Mannes gar nicht nötig. Obwohl: Nach Jahrzehnten der berechtigten Förderung des weiblichen Parts der Bevölkerung glaubt manch Psycho- und Soziologe an mittlerweile schwer reparable Schäden am Mythos Mann. Wenn der Männerbeobachtungstag da für einen Moment des Innehaltens sorgte, wäre das ein doch noch löbliches Unterfangen.
Eher aber ist zu befürchten, dass diese Legitimation für Lausch- und Sichtangriffe auch nicht besser ist als gut gemeinte Stasi-, BND- und NSA-Aktionen. Also sollte sich jedes Mitglied der Gesellschaft (m/w/d) vor solcherlei hüten – ob er Subjekt oder Objekt des Unternehmens ist. Bleiben Sie wachsam, nie war die Warnung so wertvoll wie heute: Big Brother/Sister/Diverse is watching you!
10. Januar 1919 – Entstehung desFreistaats Flaschenhals
Der innere Zirkel
„Wir geben kund und zu wissen, dass heute Ihr neuer Staat entstanden ist!“ Nein, so viel Pathos war damals nicht, als am Rhein ein neues deutsches Reich in die Weltgeschichte eintrat. Ursächlich dafür war schlicht der ungeschickte Umgang mit einem Zirkel. Denn als die Siegermächte des Ersten Weltkriegs einzogen, errichteten sie rechtsrheinisch zwei halbkreisförmige Brückenköpfe für die Franzosen und die US-Amerikaner mit einem Radius von jeweils dreißig Kilometern. Diese Halbkreise überlappten sich aber nur teilweise, so dass in der Mitte ein flaschenhalsähnliches, unbesetztes Gebiet übrig blieb. Dieses neutrale Areal verteidigten die Bürger energisch, und unter der Führung ihres patriotisch gesinnten Bürgermeisters erreichten sie schließlich, dass die deutsche Waffenstillstandskommission und die Alliierten ihrem Ansinnen zustimmten. Gute vier Jahre währte das Bestehen dieser winzigen selbständigen politischen Einheit, was im Vergleich zu anderen deutschen politischen Großprojekten zuvor und danach eine ganz anständige Lebenszeit ist.
Nein, nein, das war durchaus ein richtiges politisches Gebilde mit eigenem Territorium, Administration, sogar eigener Währung; zwar ein Zwergstaat, aber mitnichten ein Mikrostaat oder gar ein Scheinstaat oder Fantasiestaat wie, mit Verlaub, etwa die Freistadt Christiania oder die Republik Freies Wendland. Definitionsgemäß wäre der Freistaat eher mit dem Heiligen Stuhl zu vergleichen, was der eine als Auszeichnung, der andere als eine zweifelhafte solche ansehen wird. Erst recht handelt es sich beim dort handelnden Personal nicht um Menschen, „die als exzentrisch gelten, oder damit eigentlich ganz andere, meist wirtschaftliche oder lokalpolitische Interessen verfolgen oder aus politischen Gründen das politische System ihres Landes ablehnen“, so Wikipedia.
Ganz im Gegenteil waren es verantwortungsvolle Bürger, die das Heft in die Hand nahmen, allen voran der als klein und dicklich beschriebene Bürgermeister Edmund Pnischeck, der wünschte, dass „zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirklichen deutschen Rheines verbleiben soll, frei von jedem welschen Einfluss", so der plötzlich über seine engen Grenzen hinaus denkende Lokalpolitiker. Dieses nationale Erbe werden hoffentlich niemals Reichs- bzw. in diesem Fall Freistaatsflaschenhalsbürger wiederaufleben lassen.
Der Preis der gewollten splendid isolation von den Franzmännern und der Unabhängigkeit war, dass das Gebiet zwischen Koblenz und Mainz, rund zehn Kilometer breit und bis zu 30 Kilometer lang beiderseits der Kleinstadt Lorch, ökonomisch vollständig vom Rest Deutschlands isoliert war. Glücklicherweise war für Wein und Schnaps reichlich gesorgt, weil die meisten Untertanen über Weinberge und eventuell auch noch über eine Brennerei verfügten. Für alles andere waren Ideen gefragt – und kriminelle Energie.
Äußerst seriöse Bürger entwickelten sich zu skrupellosen 'Organisatoren', Schmugglern und Schiebern. Bereitwillige Bauern zum Beispiel, die im Schutze der Dunkelheit Vieh aus dem besetzen Gebiet in den Flaschenhals lieferten, durften großzügige Entlohnung in Form von lokalen alkoholischen Erzeugnissen erwarten. Andere Lebensmittel für die 17000 Einwohner mussten zum Teil über viele Kilometer auf holprigen Wegen mit klapprigen Fuhrwerken herangeschafft werden, immer unbemerkt von den Franzosen. Ganz stolz bilanziert Edmund Pnischeck in seinen Erinnerungen:
„Wenn in Deutschland manche Stadt vor Hungerstreiks bewahrt geblieben ist, so haben sie es den Heinzelmännchen zu verdanken, die damals in Lorch tätig waren.“
Sammler zahlen heute mehr als das Doppelte des Nennwerts (evtl. eine gelinde Untertreibung)
Der französischen Besatzungskommandantur war das Treiben im und um den Freistaat nie geheuer und sie hätte ihm lieber früher als später Einhalt geboten. Als Deutschland mit Reparationsforderungen in Rückstand geriet, besetzen Frankreich und Belgien im Januar 1923 das Ruhrgebiet und einen Monat später auch gleich das Gebiet der renitenten Unabhängigen am Rhein, und das entgegen den Regelungen des Versailler Vertrags. Damit war das Ende des Freistaats besiegelt, er ging im November 1924, als die Franzosen abzogen, in der Weimarer Republik auf. Seine Bürger bedauerten das sehr, immerhin: Sie waren ein Volk, ein ganz besonderes.
In Deutsch-Südwest, also eng geografisch gesehen, ist die Existenz des Freistaats heute noch recht präsent, und sei es nur, um den Tourismus anzukurbeln. Auch Winzer hängen sich an die Geschichte dran und vermarkten ihre Produkte mit entsprechenden Bezeichnungen. Es ist ja auch eine wunderschöne Gegend am Rhein, ganz in der Nähe von St. Goar und St. Goarshausen, Rüdesheim und Bingen. Wie oft ist man früher wohl die Rheinstrecke der Bahn hinunter gefahren, ohne dass einem diese politische Sehenswürdigkeit bewusst war?
Ein Denkmal haben inzwischen zwei Autoren der selbständigen politischen Einheit Flaschenhals in Form einer Bildergeschichte errichtet:
Wiersch, Marco, Kissel, Bernd: Freistaat Flaschenhals (Comic). Hamburg: Carlsen 2019
15. Januar – Nationaler Hut-Tag
Mann ging nicht mehr ohne
Welch schöne Reminiszenz an längst vergangene Tage, an denen eine Kopfbedeckung noch zu etwas nutze war und nicht allein eine reine modische Notwendigkeit darstellte, das zeigt ein recht aktuelles Buchcover. Schon lange zuvor hatte Hans Castorp in Thomas Manns „Der Zauberberg“ entsprechend empfohlen, „dass man einen Hut aufhaben soll, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich schickt." Und schicken tut es sich, wenn man einer Dame begegnet. Aber nicht nur dann: Auch seriöse Herren bewillkommnen sich untereinander gern formvollendet.
„Der Abschaum der Menschheit, wenn ich nicht irre?“ – „Der blutige Mörder der Arbeiterklasse, wie ich annehme?“ (Umschlagbild des Romans unter Verwendung des Textes einer sehr berühmten Karikatur)*
Es ist ein wahrer Jammer, dass die Etikette heute eine andere ist als dazumal vor unserer kleinen westdeutschen Kulturrevolution. „Übrigens: Man geht nicht mehr ohne Hut“, dichtete die Reklame Mitte der Fünfziger Jahre – and so they did. Hut hat man, oder Hut hat man nicht. In aller Regel hat man einen.
Gönnt man sich heute noch einmal die Gelegenheit, in alten Fernseh- oder Wochenschauaufnahmen Straßenszenen aus dieser Epoche zu sehen, so wird man überrascht sein, wie uniform sich die männliche Bevölkerung obenrum ausnahm. Eine, wenn man so will, Armee von Hut- oder wenigstens Mützenträgern bevölkert die Gehwege und Grünanlagen.
Wenige Jahre zuvor hatte Mann sich auch durchgängig bedeckt gegeben, aber immerhin hatte er jetzt den drückenden Stahlhelm durch einen ungleich leichteren Filzhut ersetzen können – hätte er zumindest. Man verließ die Wohnung einfach nicht ohne Hut auf dem Haupt.
Da fiel die Entscheidung dem soldatischen Mann noch leicht:Manfred Schmidt-Illustration aus Hätten Sie's gewußt? (1960)
Zahllos auch die Komödien (vor allem aus der goldenen Zeit der Zwanziger und Dreißiger), in denen ein Mann ewig nicht aus dem Haus kommt, weil er verzweifelt nach seinem Homburg, seiner Kreissäge, seltener seinem Bowler sucht. Den findet z.B. auch Oliver Hardy zuweilen nicht: In der Szene „Der verlorene Hut“ ganz klassisch deshalb nicht, weil er schlicht dort sitzt, wo er hingehört. Und ohne Kopfbedeckung kann sie auch nicht so unnachahmlich elegant von ihm mit dem Ärmel gebürstet werden, man kann sie auch nicht mit der Stan Laurels verwechseln, oder es fehlt im Falle eines Falles etwas zum vor Ärger Hineinbeißen – oder gar zum ganz Aufessen (Laurel in „Way out West – Zwei ritten nach Texas“, 1937).
Hutreklame war aus den Zeitschriften der Adenauer/Erhardt-Ära und aus Fernseh- und Kinowerbungsinseln nicht wegzudenken. Im Nachrichtenmagazin Der Spiegel beispielsweise hatte sie für die weit überwiegend männliche Kundschaft ihren Platz neben den hochpreisigen Auto- und Reiseinseraten sowie den Anzeigen für vergleichsweise ebenfalls nicht gerade billige Alkoholika. Und ihre professionellen Texter und Designer waren weiß Gott nicht einfallsloser als ihre Konkurrenz.
Sei kein Frosch, nimm den Hut! 2/3-seitige Anzeige im Spiegel, Dezember 1965. Text: „Frösche sitzen nur bei gutem Wetter oben. Männer warten nicht auf gutes Wetter. Sie packen jede Aufgabe jederzeit richtig an. Sie vertrauen auf ihr eigenes Urteil. Sie wissen, was richtig ist.“
Da war die Welt des zupackenden, zielbewussten, in jeder Lage souveränen Mannsbilds noch in Ordnung; und die Psychologie des Huttragenden ein sehr übersichtliches Unternehmen.
„Ein Hut macht den Herrn. Ein Hut wirkt männlich. Besonders dem jungen Gesicht gibt der Hut mehr Reife. – Verrät Ihr Haar jedoch die '50', macht Sie ein Hut um Jahre jünger (und eleganter). Der Mann mit modischem Hut erscheint korrekt, selbstsicher und vertrauenswürdig. Frauen sehen das deutlich, denn … Frauen sehen uns lieber mit Hut.“
[Gemeinschaftswerbung der deutschen Hutindustrie, 1958, zitiert bei: http://www.
wirtschaftswundermuseum.de/maennerbild-50er-1.html, Aufruf am 15.02.2020]
Die Alters- und Männlichkeitsregulierung organisiert der Kapitalismus eben auf seine Weise, ästhetisch damals immerhin angenehmer als in der unmittelbaren Gegenwart. Wir müssen darauf noch zurückkommen.
Als sich die Dämmerung der Haut Couture der Hutkultur am Horizont abzeichnete (das tut das beginnende Ende von etwas immer dort und nicht etwa im Nebel oder in der Hocheifel), konnte niemand ahnen, wie schnell und nachhaltig der Verzicht auf dieses so lange scheinbar unverzichtbare Accessoire der Virilität vonstatten gehen würde. Noch 1961 war die endgültige Verwandlung eines Kommunisten in einen kapitalen kapitalistischen Schwiegersohn in dem Moment vollendet, als ihm – nach frischen Unterhosen und einem Monokel – endlich eine Melone verpasst wurde. Otto Ludwig Piffl (Horst Bucholz in Billy Wilders Berlin-Komödie „One, two, three“) fand, das putze ihn ungemein. Welches System am Ende des Kalten Krieges den Hut aufhaben würde, schon damals hätte es jedermann vorhersehen können.
Der Übergang vom Geht-gar-nicht-ohne zum luftigen Nur-noch-oben-ohne währte aber dann wirklich nicht lange. Was war dafür verantwortlich? Oder wer? John F. Kennedy persönlich habe den Hut umgebracht. So jedenfalls steht es geschrieben in vielen Zeitungsartikeln und auch Wikis, verbreitet von Augenzeugen, die die Augen nicht aufgemacht haben. Charming JFK habe während seiner Inauguration 1960 demonstrativ auf eine Kopfbedeckung verzichtet und damit einen Erdrutsch ausgelöst. Die Zahl der Hutverkäufe sei daraufhin landesweit dramatisch eingebrochen und habe sich nie wieder erholt – nur weil der Herr auf modern, jung und dynamisch machen wollte. Sieht man aber einmal ganz genau hin …
Young Mr. Kennedy, „has not just a hat but a traditional silk top hat on, making him look like a younger, sexier, more Catholic version of the Monopoly guy!“
Selbstverständlich hatte er bei der Vereidigung selbst den Hut abgelegt, er hatte schließlich Manieren so wie die Präsidenten vor und die meisten nach ihm. Ansonsten gibt es reichlich Bilder, die ihn am Tag seiner Amtseinführung eben gar mit einem Zylinder zeigen. Eine traditionellere Kopfbedeckung ist kaum denkbar.
Tatsächlich verantwortlich für den Niedergang von Borsalino, Homburg und Co. sind neben ideologischen ganz praktische Gründe: „Eine neue Haarmode (Elvistolle!) sowie das Automobil als Massentransportmittel (ein VW-Käfer war einfach zu niedrig, um darin einen Hut zu tragen) trugen maßgeblich dazu bei.“ [Der Hut macht den Mann, Die Zeit, 16.5.2018] Zum anderen betraten nach 1960 die Jugendbewegungen die Bühne, womit sich ein sportlicher, legerer Lebensstil auszubreiten begann. Zugleich waren konservatives Denken und biederes Verhalten samt entsprechender Kleidung nicht mehr angesagt. Die Verdeckung des Hauptes passte mit der 68er-Kulturrevolution nicht mehr in die Zeit, in deren Gemeinschaftsseligkeit doch schon der Keim der universellen Individualisierung steckte. Denn mit Frisuren konnte man sich ein weitaus unverwechselbareres Aussehen und damit Image verschaffen als mit der insgesamt doch arg normierten Hutmode. Und wenn schließlich etwas irgendwann nicht mehr Mainstream ist, erweckt es dann doch wieder den Eindruck oder zumindest das Gefühl von Einzigartigkeit.
Kopfbedeckungen tragen heute wenige Menschen in unseren Breiten, und wenn, dann vermehrt junge Leute, sei es der kaum erträgliche Wollmützenstrumpf namens Beanie, die unverwüstliche Basecap oder sogar der klassische Hut. Dieser verleiht nunmehr die Aura des Außergewöhnlichen, kennzeichnet den (selbst-) bewusst lebenden Mann. Dabei scheint es sich in erster Linie um Pop-Künstler zu handeln wie z.B. Roger Cicero, Jan Delay, Zucchero, so man will auch Udo Lindenberg. Warum ist denn der Hut heute wieder ein echtes musthave für den stylischen Hedonisten (sorry für die Sprache, die dafür erfunden wurde)? Übergeben wir doch die Frage einfach an den Hut-Designer, an Philip Treacy:
„'Ein Hut vermag es, die Persönlichkeit desjenigen, der ihn trägt, komplett zu verändern. Er kann sogar dazu führen, dass dieser anders steht, anders geht, dass er sich interessant fühlt.' Hutträger mit Angebern gleichzusetzen, wie es immer wieder vorkommt, seit der Hut keine Selbstverständlichkeit mehr ist, hält er indes für einen Fehler. Ziel sei es grundsätzlich, die Gesichtszüge hervorzuheben, schließlich betrachte man bei einer ersten Zusammenkunft 'nicht Fuß, Hand oder Hüfte' eines Menschen, sondern schaue ihm ins Gesicht. 'Ein Hut ist überdies eine günstigere Alternative zu kosmetischer Chirurgie.'“
[Maschewski, Alexandra: Philip Treacys Regeln für den richtigen Hut, Die Welt, 28.06.2014]
Des Meisters Empfehlung zum Trotz setzt die Mehrheit der Betroffenen aber wohl doch auf's Skalpell. Am 15. Januar mögen sie immer von Neuem daran erinnert werden, dass es kostengünstigere, aber vor allem ansehnlichere Lösungen für einen verpfuscht geglaubten Schädel gibt. Sorry, Dr. Botox! Und Dank wegen der ästhetischen Entlastung von uns nicht Bodyoptimierten.
Vor noch übleren Verirrungen sei überdies auch noch gewarnt. Nur ein kleiner Aussetzer in unserer biologischen Ausstattung, und wir kennen uns selbst nicht mehr wieder, daran erinnert uns das Buch des Professors für Neurologie und Psychiatrie Oliver Sacks. Und ganz besonders arg wird es dann natürlich bei jenem „Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Wundern muss das nicht.
Hut oder nicht Hut, er kann materiell gar nicht so ausgerottet sein, dass er seine ubiquitären symbolischen Qualitäten einbüßen könnte. Das ist heute nicht anders als es schon 1965 war, wie die folgende Annonce beweist:
Erklärtext unter der Schreibmaschine: „'… Weil sie mit der TRIUMPH 'electric 15 c, 31 c, 51 c' geschrieben sind. Weil 'c' Kohleband heißt, weil Kohleband bedeutet: Briefe, die ihr Unternehmen wirksam repräsentieren sollen, erhalten ein besonders attraktives Aussehen und damit die Exclusivitätvon Chefbriefen.“
Derjenige, der redet, hat erst einmal den Hut auf. Als solcher darf man entsprechend sagen: Hat man den Eindruck, ordentlich betreut zu sein, nennt man sich immer noch gut behütet, längst bekannte Sachen sind ein alter Hut, und Politiker sollten viel öfter mal wieder denselben nehmen, wenn ihre Fehlleistungen uns über die Hutschnur gehen. Sollte zudem jemand glauben, hier würde ein Faible für solche Sentenzen ausgelebt, so sei ihm nur kühl entgegnet: „Damit habe ich nichts am Hut!“ – auch wenn diese Sprachspiele so unsterblich scheinen wie Fang den Hut! sehe man sich doch vor: Überall kann ein Kalauer als false friend lauern. Seien Sie auf der Hut!
