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Wollten Sie schon immer den Jakobsweg gehen, schrecken aber davor zurück, mit 40 Mann in einem Herbergszimmer zu übernachten? Haben Sie Angst vor Bettwanzen oder Flöhen? Scheuen Sie Hunger und Durst? Haben Sie aber trotzdem schon immer vom Camino geträumt, sich letztlich diesen Weg aber nicht recht zugetraut? Dann lesen Sie dieses Buch, es wird Ihnen die Augen öffnen. Man kann den Jakobsweg gehen und trotzdem gut schlafen. Man kann den Camino pilgern und wunderbar essen und trinken. Spanien stellt alles Notwendige zur Verfügung. Und man kann den Jakobsweg in seiner eigenen Geschwindigkeit entdecken, man muss den Weg nicht mit sportlichen Höchstleistungen absolvieren. Der Autor brauchte 42 Tage für knappe 900 Kilometer Fußweg, von den Pyrenäen bis zum Atlantik. Mit Pausen in Burgos, Leon und Santiago de Compostela. Dies ist für einen Normalbürger zu schaffen, auch wenn es nicht einfach ist. Doch denken Sie nicht nur an die Mühsal. Der Jakobsweg hat seine Geheimnisse, er hat seine Gesetze und jeder, ausdrücklich jeder, der sich auf ihn einlässt, wird überrascht werden. Jeder wird seinen eigenen Camino gehen. Das ist die Garantie des Weges. Sie brauchen dieses Buch nicht, Sie brauchen eigentlich gar nichts vorher zu wissen. Gehen Sie einfach Ihren Weg! Und nur, wenn Sie immer noch im Zweifel sind oder wenn Sie genauer wissen wollen, wo es tatsächlich Tücken gibt, wissen wollen, was man auf eine solche Reise wirklich mitnehmen sollte, welche Etappen empfehlenswert sind, oder welche nicht, und wenn Sie unbedingt wissen müssen, wo man als Büromensch gut nächtigen kann, dann ist das Buch etwas für Sie. Dann haben aber nicht Sie das Buch gefunden, sondern das Buch Sie.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2015
RAÚL ETTO
Jakobsweg für Manager
Raúl Etto
Jakobsweg für Manager
Die Business Class geht pilgern
Mit 25 Fotos
www.tredition.de
Alle Fotos vom Autor privat.
Mein großer Dank geht an Kerstin Jungk für die zuverlässige Fehlerkorrektur und die sich anschließenden Gespräche über den Camino. Weiterhin danke ich Hildegard, Helena und Flora aus Weinheim, dass sie uns von ihrem Camino ein Jahr zuvor so sehr begeistert und uns wertvolle Tipps für unsere eigene Reise mitgegeben haben. In diesem Sinne danke ich auch Herrn Kerkeling, der uns alle zu solchen Reisen inspiriert hat. Danke. Ganz besonderer Dank geht an meine Frau und meine beiden Töchter, Julia und Caroline, dafür, dass sie mich zu dem Buch ermutigt und mir während des Schreibens stets den Rücken frei gehalten haben. Ihr Lieben, ohne euch wäre das Buch niemals entstanden. Danke!
1. Auflage
© 2015 Raúl Etto
Umschlag, Illustration: Julia Otte
Lektorat, Korrektorat: Kerstin Jungk
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Paperback
ISBN 978-3-7323-5492-4
Hardcover
ISBN 978-3-7323-5493-1
e-Book
ISBN 978-3-7323-5494-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Marén
Vorwort
Als mir meine Frau vor Jahren den Jakobsweg vorschlug, hatte ich nur ein fades Schmunzeln übrig. Der Jakobsweg, dort gehen doch nur Christen hin. Oder Aussteiger. Oder eben Hape Kerkeling. Was soll das alles mit mir zu tun haben? Ich lehnte rund herum ab und wir flogen wie gewohnt, Business-Class-mäßig in die Erholungsferien. Einmal USA, oder eben Bali, Thailand oder Mexiko. Schließlich arbeitet man hart genug.
Aber der Jakobsweg, der Camino, hat seine Geheimnisse. Einmal mit ihm begonnen, lässt er einen nicht mehr los. Er schafft sich seine Räume und er sorgt dafür, dass du ihn gehen wirst, wenn er zu dir passt. Nicht ohne Grund ist er ein uralter Weg. Schon vor der großen Zeitwende war er Jahrtausende lang der Einweihungsweg keltischer Priester. Dann, mit der Wiederentdeckung der Reliquien wurde er der wichtigste Pilgerweg der Christenheit. Über tausend Jahre pilgerten ihn tiefgläubige Christen, erlagen seinem Zauber, starben am Straßenrand und in seinen Gebirgen oder kamen nach Monaten oder Jahren geläutert zurück.
Und heute? Heute ist der Camino ein unerklärliches Phänomen geworden. Christen aus aller Welt gehen wieder diesen Weg, aber auch Andersgläubige und auch Menschen, die an gar nichts mehr glauben. Warum tun die das? Es ist doch nur ein Weg. Und sind die Reliquien wirklich echt? Muss man ihre Existenz nicht wissenschaftlich bezweifeln, ist nicht alles nur Legende? Diese Fragen stellt man sich vielleicht vorher, hinterher nicht mehr. Denn jeder, der den Camino gegangen ist, wird von ihm verändert werden. Ein Weg, der seit mehreren Jahrhunderten ein heiliger Weg ist hat nun mal seine Wirkungen. Was bedeuten unsere 100 Jahre? Wie flüchtig ist alles, was wir tagtäglich erringen? Wie grandios die Landschaft des Camino, die Leute, der Zauber und seine Magie.
Davon werde ich berichten.
Aber selbst wenn man sich nun vorgenommen hat, den Camino zu wagen, können moderne Menschen das überhaupt? Menschen, die jahrzehntelang im Büro sitzen. Schafft man das, 700 bis 900 Kilometer zu Fuß. Und wie hält man es in den berüchtigten spanischen Albergues - den Herbergen für Pilger - aus? Wie findet man dort seine Ruhe? Können ganz normale Leute den Camino gehen?
Die Antwort ist bereits an dieser Stelle ein klares JA. Jeder Normalbürger, jeder Büromensch, jeder in die Jahre gekommene Manager kann den Camino gehen, man muss nur genügend Zeit mitbringen. Aber wie hält man das durch, 6 Wochen ohne richtigen Schlaf. Nun, das ist das Wichtigste: Niemand muss in den 30- bis 40-Bett-Zimmern der spanischen Albergues schlafen. Der Autor und seine Frau haben tatsächlich keine einzige Nacht in solch einer Massenunterkunft verbracht.
Wie das geht? Auch davon werde ich erzählen.
Und für den hochmotivierten Business-Kollegen, der wie üblich nicht allzu viel Zeit hat, sei direkt auf den Anhang verwiesen. Dort werden alle Hotels, Hostals und Albergues mit Privatzimmern aufgelistet, in denen der Autor übernachtet hat.
Man kann die Prosa getrost überspringen.
Doch eines vorab. Dieses Buch ist ein sehr privates Buch geworden. In der Tat, es ist die überarbeitete Abschrift meines Tagebuches, mit allen Gedanken, Irrungen und Wirrungen. Diesem Buch fehlt daher jeglicher professioneller Abstand, den man bei Erzählungen und Berichten eigentlich erwarten sollte. Hier gibt es diesen Abstand nicht, im Gegenteil. Die 42 Tage auf dem Camino waren für mich das größte Abenteuer seit Jahrzehnten und ich habe dabei all meine Emotionen und Gedanken - naive, hintergründige, spirituelle, aber auch banale Gedankensplitter - aufgeschrieben und verarbeitet.
Natürlich habe ich in dem Tagebuch auch versucht, den Camino selbst zu beschreiben, seine Wege, seine Städte, seine Menschen.
Ich bin jedoch kein Schriftsteller, sondern ein Ingenieur, der seit über 10 Jahren ein Unternehmen leitet. Dies hat nun gar nichts mit dem hier Dargelegten zu tun oder eher, mein eigentliches Leben ist das pure Gegenteil vom Pilgern. Ich bitte den Leser daher um Verständnis, dass ich Erkenntnisse notiert habe, die er selbst schon lange besitzt. Dass ich in Kathedralen Gänsehaut bekomme, die er schon lange besucht hat. Und dass ich mich an der Landschaft erfreue, die der Naturverbunde schon seit Jahrzehnten gesehen hat. Jeder geht seinen eigenen Camino, dies sollte bereits zu Beginn klar sein.
Und jeder verdient seinen Respekt.
Warum wage ich das Experiment – mein Tagebuch der Kritik zu übergeben – dann überhaupt?
Nun, ich denke, viele Menschen stecken in einem Hamsterrad. Tun Dinge, die sie nicht tun wollen. Würden gerne ausbrechen, wissen aber nicht mehr wie. Und viele haben vom Jakobsweg gehört und von seinen kleinen Wundern.
Aber ihn selber gehen?
Schön wär’s, doch wie soll man Zeit finden? Wie soll man das schaffen? Wie kann man es mit all der Mühsal, den Flöhen und Wanzen, den Unbequemlichkeiten des Weges nur aushalten? Man braucht keinen Luxus, aber einen solchen Weg, dies sei zu hart, so hört man viele sagen. Denn um diesen Weg ranken sich zahlreiche Mythen, Missverständnisse und falsche Vorstellungen. Und viele Filme und Bücher betonen geradezu die Mühsal, die Strapazen und die schlechten spanischen Unterkünfte. Das stimmt auch alles, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Und das ist schade. Viele, ja viel zu viele Menschen, denen der Weg sehr gut tun würde, werden dadurch vom Camino Francés, dem Sternenweg nach Santiago de Compostela, abgehalten.
Für diese Menschen – Menschen wie Sie und ich - gebe ich mein Tagebuch frei. Genau für Sie also, damit auch Sie den Weg gehen werden, denn er wird vieles verändern. Im Inneren und im Äußeren.
Beginnen wir mit dem Abenteuer.
Inspiration vom Wegesrand
Pilger, was ruft dich?
Tausende, seit über 1.000 Jahren.
Pilger, was ruft dich?
Ist es der eisige Schneesturm in der Navarra
oder der köstliche Wein der Rioja
ist es die grandiose Kathedrale von Burgos
oder sind es die Berühmtheiten von Astorga?
Und der Pilger schaut in mein Gesicht
nein, das ist es alles nicht.
Ist es die ewige Hochebene der Tierra de Campos
oder sind es die weißen Hähne von Santo Domingo
ist es die erhabene Gotik von León
oder sind es die mysteriösen Templer von Ponferrada?
Und der Pilger schaut in mein Gesicht
nein, das ist es alles nicht.
Ist es das bescheidene Cruz de Ferro
oder das malerische Villafranca del Bierzo
sind es die schmackhaften Pulpo Gallego
oder die schauerlichen Nebel von O Cebreiro?
Und der Pilger schaut in mein Gesicht
nein, das ist es alles nicht.
Ist es die Einsamkeit des Wegs
auf den endlosen Feldern der Meseta
oder sind es die warmherzigen Menschen
in den Dörfern und Städten, durch die du gehst?
Und der Pilger schaut in mein Gesicht
nein, das ist es alles nicht.
Dann ist es die Kathedrale von Santiago de Compostela
was euch lässt schlagen eure Herzen schneller!
Doch der Pilger schaut in mein Gesicht
nein, das ist es alles nicht.
Aber Pilger, sag, was ist es dann?
Was ist es, was dich treibt so an?
Und der Pilger schaut auf und spricht
ja, das war es alles und es war es nicht.
Dann steht er auf, dreht sich mir zu
in mir wird es leise, unendliche Ruh
Er schaut mich still an und sagt dann bestimmt
es ist jene Stimme, die in uns erklingt.
Ich sehe ihn an, versteh ihn nicht
der Pilger lacht in mein Gesicht…
Es ist jene Stimme, die am Ziele spricht
dass dein Leben deine eigene Wallfahrt ist.
Raúl Etto
frei nach Fundstücken und Erlebnissen
auf dem Jakobsweg
Tagebuch
42 Tage auf dem Camino Francés
Alle Personennamen vom Autor geändert
Tag 1 - 1. März
Jeder Mensch trägt all das in sich, was er für ein glückliches Leben braucht, viele haben es nur vergessen.
W. Shakespeare
Anreise: Von Bilbao nach Pamplona
Heute sind wir in Bilbao angekommen, mit Lufthansa, direkt aus Frankfurt. Was für ein angenehmer Flug, der Pilot hat die Maschine jederzeit im Griff. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Lufthansapiloten tatsächlich noch fliegen können. Das ist gut so. Zuerst hatte ich mich beim Lesen schon gewundert, dass dieser Umstand im Artikel so betont wurde, man sollte ja denken, dass … Aber es war natürlich manuell fliegen gemeint. Und selbst das können unsere Jungs also. Gut zu wissen, dass im Cockpit Menschen sitzen, die fliegen können, selbst dann, wenn die Technik mal aussetzt.
Danke, Lufthansa!
Warum interessiert mich so etwas? Nun, ich bin Ingenieur. Ich liebe die Technik. Ich liebe die Mathematik. Und komplexe Systeme zu analysieren, ist mein bevorzugtes Element. Dafür wurde ich ausgebildet. Und je komplexer ein System, desto besser fühle ich mich. Irgendwann steigen immer mehr Wettbewerber aus dem Ring, was mir die Luft zum Atmen bringt. Was mir Freiräume bringt. Was mir meinen Lebensunterhalt einbringt. Komplexität ist meine Welt, hier bin ich zu Hause. Aber man kennt so leider auch die Tücken der Systeme. Einfach gut, dass es Piloten gibt, die fliegen können. Ich grinse vor mich hin. Meine Frau rüttelt mich aus meinen Gedanken.
Bilbao. Die Stadt empfängt uns freundlich. 20 Grad Lufttemperatur. Und das am 1. März. Damit haben wir nicht gerechnet. Die schlimmsten Schauergeschichten wurden uns erzählt. Nordspanien im März. Die Hölle. Schneestürme. Kälte, genauso wie in Deutschland. Aber wir wollten es trotzdem wagen, konnten am Termin nichts mehr ändern. Man muss ja erst einmal 6 Wochen frei bekommen. Das ist nicht so einfach. Nein, das Wetter war mir egal. Der Rucksack voller Wintersachen. Schlafsack schützend bis minus 20 Grad. Mütze, Schal, Thermojacken. Man will ja nicht frieren. Aber Bilbao meint es gut mit uns. Hier friert keiner, im Gegenteil. Ein paar Jogger kommen mit kurzen Hosen auf uns zu. Sind wir in der falschen Stadt, Südspanien vielleicht, wir kommen ins Schwitzen. Natürlich sind wir richtig. Aber das Wetter. Ach nein, nicht das Wetter. Es ist der Rucksack, ca. 15 kg sind auf meinem Rücken. Meine Frau hat ca. 12 kg. Soll man nicht machen! Es gibt da diese goldene Regel, dass der Rucksack nur 10% des eigenen Körpergewichtes schwer sein soll. Das wissen wir auch. Aber wir haben wochenlang gepackt, überlegt, Listen gemacht, wieder überlegt, neue Listen gemacht. Und wir haben nur noch das aller Nötigste dabei. Ehrlich. Mit weniger kann kein Mensch überleben, das wissen wir genau.
Und doch. Der Rücken schmerzt bereits jetzt. Der Schweiß rinnt nur so runter. Wir machen eine längere Pause. Bilbao ist schön, warum nicht einfach mal eine Pause machen und die Stadt genießen. Geschäftskollegen haben gemeint, Bilbao sei hässlich. Das war wohl mal so. Aber heute ist es anders. Eine tolle Stadt. Und vorne am Fluss das Guggenheim-Museum. Aber dafür steht uns heute nicht der Sinn. Unser Tag 1 der Pilgerreise hat begonnen. Was mussten wir uns nicht alles anhören. Pilgern? Was du? Du bist doch der langweilige CEO einer Firma. Was soll das denn jetzt? Hast du einen Schuss oder bist du gar verrückt geworden? Willst du etwa aussteigen? Und - by the way - (wofür hat man sonst Freunde) das schaffst du nie! Deine Frau vielleicht, die ist ja eh die sportlichere von euch beiden. Aber du? Niemals, nicht den ganzen Weg. Nicht den Camino Francés.
Nun gut. Ich bin zu klein für mein Gewicht, viel zu klein. Hohe Schuhe machen den BMI auch nicht besser. Was soll‘s also. Jeden Tag Geschäftsessen. Der Magen knurrt auch jetzt wieder. Ich suche eine Tapasbar. Wir sind in Spanien. Ich liebe Tapas, Spanien selber kenne ich nicht, jedenfalls nicht das Land. Alle Inseln sind besucht. Alle Hotels, immer alles inklusive, abgegrast. Aber das Land? Wie spricht man hier? Ich kenne ca. 20 Wörter. Mein bestes ist la cerveza aus dem Familienurlaub. Alles inklusive. Die Kinder bekommen immer so schöne Armbänder, und man selber hat dann seine Ruhe, schließlich muss man ausspannen.
Bilbao. Wir gehen durch einen wunderschönen Park, sieht neu angelegt aus. Die Sonne brennt. Scheiß-Rucksack, denke ich leise. Sagen tue ich lieber nichts, meine Frau hat sich riesig auf die Reise gefreut. Ob sie auch schon Schmerzen hat, ich blinzle unauffällig rüber.
Wir sind in Spanien und wir finden natürlich eine Tapasbar. Da hier niemand Englisch spricht, muss ich die Finger benutzen. Und es klappt gut. Niemand ist frustriert darüber, dass ich kein Spanisch kann. Zum Glück sind wir nicht in Frankreich gelandet. Es fängt gut an. Meine Frau ist super glücklich mit den Tapas, ich auch. Ich könnte an der Bar herausschreien, dass ich pilgern werde. Ob die Leute an unseren Rucksäcken erkennen können, dass ich Pilger bin. Ich drehe mich vorsichtig um. Meine Frau erkennt mein Anliegen sofort und ist amüsiert. Ich bin bereits jetzt schon ziemlich stolz, bis jetzt haben wir es vom Flughafen zum Bus geschafft und vom Bus bis in die Tapasbar. War doch ganz gut, denke ich mir so. Wird schon, muntere ich mich auf.
Oh Gott, ich habe ja noch keine Ahnung.
Ich bin - wie immer bei Urlaubsreisen - überhaupt nicht vorbereitet, weiß aber trotzdem, dass ca. 900 Kilometer Fußweg vor uns liegen. Drei Kilometer haben wir heute bereits geschafft. Es klappt gut, ich bin in Hochlaune. Die Arbeit zu Hause, bloß nicht dran denken, dass bringt nur Sorgen. Ich esse Tapas und strahle meine Frau an. Dann suchen wir den Rückweg, denn um 18 Uhr geht der Bus nach Pamplona. Wir müssen heute noch dort hin. Pamplona. Dies ist die verrückte Stadt mit den Stierkämpfen. Spanier sind komisch, aber wir müssen dorthin. Denn wir wollen nicht schummeln. Wir wollten ganz vorne anfangen. St.-Jean-Pied-de-Port. Der Beginn des berühmten Jakobsweges. Davon gibt es viele. Aber keiner soll sein wie der Camino Francés. Der Sternenweg. Wir werden sehen.
Unterwegs sehen wir wohl sehr hilfesuchend aus. Eine einheimische Familie spricht uns an und erklärt uns den Weg zum Busbahnhof. Mir ist sofort klar, dass die Mutter dies nur macht, um der Tochter ihr perfektes Englisch vorzuführen. Aber warum nicht. So lernt die Kleine hautnah, wie wichtig eine Fremdsprache ist. Ich stupse ihr mit dem Finger auf die süße Nase. Sie grinst. Ich auch. Dann gehen wir weiter. Irgendwann sitzen wir im Bus. Ich bin völlig kaputt. Hoffentlich muss ich nicht auf die Toilette. Vor uns liegen zwei Stunden Fahrt. Nun, nach Fahrplan, aber man weiß nie, wir sind schließlich in Spanien. Mein Kopf driftet ab. Hey Raúl, wir sind nicht Dritte Welt. Eine gute Freundin meiner Frau schimpft, wenn ich von Geschichten anfange, die aus dem Business stammen. Deutschland hat es aber auch wirklich drauf. Sind wir nicht wirklich die größten? Man sieht es ja jetzt wieder in der EU. Wer zahlt? Deutschland. Wer empfängt? Auch Spanien.
Der Bus fährt jedoch überraschend gut und ich schlafe ein. Endlich. Denn schlafen ist nicht so meine Stärke. Ein eigenes Thema. Immer arbeiten, bis Mitternacht. Dann keine Ruhe finden. Dann Alkohol. Wein. Natürlich den teuren, die Firma zahlt, ich lebe seit 10 Jahren in einem Hotel auf Kosten der Firma. Aber so geht man irgendwann kaputt. Man merkt es sogar selber, aber man ändert es nicht, man hat nicht den Mut es zu ändern. Bis, ja bis der Blitz einschlägt. Ich träume verrückte Dinge. Der Bus wackelt. Meine Frau schmiegt sich an mich. Seit 25 Jahren sind wir verheiratet. Die beste Entscheidung meines Lebens. Wieder höre ich im Halbtraum unsere Freunde. Waaas, mit deiner Frau? Niemals geht das gut. Und die Freunde meiner Frau sind noch viel, viel schlimmer. Waaas, mit deinem Mann? Niemals. Denkt immer dran, der Camino schmiedet Ehen, und der Camino zerstört Ehen. Aber mal unter uns, ich würde diesen Weg niemals ohne meine Frau gehen. Für uns war klar, nur zusammen. Und es war eine gute Entscheidung. Aber das weiß man natürlich erst hinterher. Ja, was für ein Weg.
Ich habe ja immer noch keine Ahnung.
Ich glaube, niemand weiß, auf was er sich hier wirklich einlässt.
Du musst Hape lesen, sagt meine Frau, sie liebt diesen Komiker, ich nicht. Ich will Hape nicht lesen und ich widersetze mich. Meine geniale Begründung. Dann vermittelt er mir Erwartungen, die mich später total enttäuschen. Das überzeugt meine Frau und ich habe meine Ruhe, von Hape. Aber heimlich lese ich doch Abschnitte aus Jakobsbüchern. Ich bin diesmal zu aufgeregt, um den Weg wirklich völlig zu ignorieren.
Der Bus hält. Wir sind in Pamplona. Übrigens auf die Minute. Ich bin überrascht.
Pamplona. Ich schlage in meinem Reiseführer nach. Vor über 2.000 Jahren von den Römern gegründet. Später Zentrum der Christianisierung der Basken. Heute, die Stadt der Stierkämpfer und Hauptstadt der Navarra. Und die größte Stadt am Jakobsweg. 200.000 Einwohner. Städtisches Flair. Sehr schöne Altstadt. Und zwei berühmte Tapas-Gassen. Eigentlich ein sehr guter Eintrittspunkt für Pilger. Insbesondere die Tapas-Gassen möchte ich genauer kennen lernen. Aber nicht heute, denn wir wollten ja ganz vorne anfangen. Nun, ich sage bereits wollten. Leider ist der Pyrenäenpass nämlich noch gesperrt, so haben wir erfahren. Viel zu viel Schnee, der Pass ist für Pilger nicht passierbar. Wir haben daher auf der Busreise entschieden, in Roncesvalles zu starten. 20 Kilometer später, direkt an der französischen Grenze. Dadurch gewinnen wir einen Tag, verlieren aber den Wunsch-Startpunkt auf unserer Karte. Ich bin ehrlich enttäuscht, meine Frau jedoch glücklich, dass wir am ersten Tag nicht 1.000 Höhenmeter zu überwinden haben. Nun gut, es ist ja irgendwie auch ihre Reise.
In Pamplona angekommen gehen wir in die Kathedrale Santa Maria, Sitz des hiesigen Erzbischofes. Ich bin beeindruckt. Was für ein schönes gotisches Bauwerk. 100 Jahre lang wurde sie gebaut, 1501 fertig gestellt. Ich suche den Heiligen Jakob und stelle mich davor. Meine Frau weiß Bescheid. Sie darf mich jetzt nicht stören. Denn ich habe mir einen persönlichen Text überlegt, den ich dem Jakob jeden Tag vortragen möchte. Man weiß ja nie. Vielleicht hilft er ja wirklich. Ich habe einen riesen Bammel vor den 900 Kilometern, bin so etwas noch nie gelaufen. Es ist die größte sportliche Herausforderung meines bisherigen Lebens. „Heiliger Jakob, unterstütze und bestärke uns auf unseren Weg …“, beginne ich … und werde nachdenklicher und nachdenklicher und nachdenklicher. Gleich am Eingang ist die Passstelle, ruft meine Frau nach 15 Minuten, um mich aus den Gedanken zu reisen. Man erhält dort seinen Credencial del Peregrino, seinen Pilgerpass. Wir haben unseren jedoch bereits in Deutschland besorgt, vom Jakobsverein aus Paderborn. Wir stempeln jedoch nicht ab, denn heute soll es noch nicht losgehen.
Nach der Kathedrale geht es doch in die Tapas-Gassen, man darf sich den Schönheiten einer Stadt einfach nicht verschließen. Und was für eine schöne Sitte ist das auch. Kleinigkeiten, mit besten Fisch, Fleisch, Käse. Dazu Wein. Spanien ist einfach toll. Ich beginne es zu lieben. Gegen 22 Uhr geht es leider schon zurück. Unser Hotel liegt in der Altstadt, das war eigentlich eine gute Idee, aber nun? Was für ein Krach. Unser Zimmer zeigt auf eine Gasse mit - ich glaube es nicht - Tapasbars. Was für ein Krach. Die Leute dort unten lachen, schreien, pöbeln und lieben sich. Spanien nervt total. Es ist 2 Uhr nachts. Erst um 3 Uhr kommt Ruhe in die Stadt und langsam – endlich - kommt Ruhe in meinen Kopf. Ich denke noch mit Sorge an den Weg, dann wirkt der viele Wein und ich schlafe ein.
Tag 2 - 2. März
Es sind deine Gedanken, die Dich traurig oder glücklich, arm oder reich machen.
Ch. Brandstetter
Roncesvalles – Espinal (Aurizberri)
Als ich aufwache, steht meine Frau auf dem kleinen Balkon und hält ihren Block in der Hand. Was machst du, frage ich. Zeichnen, antwortet sie lapidar. Und in der Tat. Meine Frau macht eine erste Skizze von der Gasse. Pilgern mit Zeichenblock. Warum nicht, wenn man es denn tragen kann (natürlich können wir es nicht tragen).
Überraschenderweise gibt es Frühstück, obwohl der Hotelier ausdrücklich gesagt hat, dass es kein Frühstück gäbe. In der Lobby ist jedoch Kaffee und Gebäck für alle gedeckt. Ein guter Tag beginnt. Leider stellt sich jedoch heraus, dass der Bus nach Roncesvalles erst um 18 Uhr abfährt. Wir würden einen ganzen Tag verlieren, was wir auf gar keinen Fall wollen, obwohl wir genug Reserven eingeplant haben. Wir entscheiden uns daher für ein Taxi. Die Taxifahrer wissen sofort Bescheid, Roncesvalles, no problema, sicherlich arbeiten die heimlich mit dem Busunternehmen zusammen. 60 Euro für die knapp 50 Kilometer. Das ist überteuert, denke ich, aber wir willigen ein.
Die Taxifahrt ist schön, aber jetzt verstehe ich erst die Entfernungen. Oh ja. Das müssen wir alles wieder zurück. In drei Tagen pilgern wir ja hochoffiziell in Pamplona ein. Die Straßen ziehen sich endlos dahin. Das geht es alles wieder zurück. In meinem Kopf hämmert es. Tausende haben das schon geschafft, sage ich mir. Warum nicht auch du, versuche ich mich zu beruhigen. Die Landschaft lenkt mich ab. Es geht kurvig die Berge hoch. Und jetzt kommt der Schnee. Links und rechts der Straße ca. 2 Meter hoher Schnee. Ja, man hatte uns gewarnt. Im März sind die Pyrenäen nicht passierbar, höre ich Freunde vortragen. Aber ich kenne das Aufzählen von Problemen aus dem Job. Irgendwie geht dann doch immer alles, man muss nur wirklich wollen. Dachte ich. Aber hier, so ganz alleine? Meine Frau mustert mich besorgt, sie kennt mich eben ziemlich gut, und drückt meine Hand. Ich beruhige mich, die Landschaft ist faszinierend. Schnee. Wie schön, sage ich mir, wie jungfräulich. Ich atme tief ein und wieder aus. Mit einmal wirkt alles ruhig und majestätisch. Dort vorne dann Roncesvalles, sage ich souverän zu meiner Frau. Aber ich irre mich, und zwar noch vielmals. Der Taxifahrer lacht, nein, es dauert noch! Plötzlich kreuzen Pilger unsere Straße. Der Taxifahrer erklärt, dass dies nun wirklich ungewöhnlich sei, scheinbar sind selbst hier unten die Pilgerwege immer noch nicht passierbar. Ohje.
Nach gefühlten drei Stunden Fahrt kommen wir endlich an.
Roncesvalles. Das Eintrittstor des Camino Francés auf spanischer Seite. Es ist mittags 11 Uhr. Wir steigen aus, … und sind alleine. Dichter Nebel ringsherum. Kein Mensch zu sehen. Mein Herz hüpft, ob vor Freude, weiß ich selbst nicht recht. Aber langsam erkenne ich die Schönheit des Ortes. Und seine Bedeutung. Seit über tausend Jahren pilgern hier die Menschen durch, kommen geschwächt aus Frankreich an, müssen versorgt werden. Im Hospital. Oder müssen schlafen. Im 40-Mann-Schlafraum. Der Ort ist bereits dadurch etwas Besonderes. Es ist mucksmäuschenstill im gesamten Dorf.
Alles liegt im Nebel. In mir kommt endlich, endlich Ruhe auf. Wir gehen in die Kirche, sie ist offen, was wir erst später zu schätzen wissen, denn bestimmt 70% aller Kirchen auf dem Weg werden geschlossen sein. Die Kirche ist dunkel, leider, bis meine Frau einen Geldschlitz findet, in welchen sie 1 Euro hineinsteckt. Jetzt wird die Kirche für 8 Minuten hell … und wunderschön. Der Altar ist pures Gold. Ich zünde 4 Kerzen an. Für uns und unsere Kinder, die in Gedanken immer bei uns sind. Und ich zünde eine 5. Kerze an, für einen guten Bekannten, der kürzlich erkrankt ist. Ich drücke ihm fest die Daumen, dass er das durchsteht. Krankheit entsteht immer zuerst im Kopf, ob die Ärzte das wahr haben wollen oder nicht. Doch sie heilen nur den Körper. Aber erst wenn auch der Geist wieder geheilt ist, ist man gesund, so sehe ich das. Lange stehe ich vor dem Altar und bin in Gedanken. Dann sehe ich eine Büste vom Heiligen Jakob, er steht vorne rechts. Ich sehe ihn an und spreche mit ihm, jetzt wird es ernst.
Es ist 12 Uhr mittags. Die Kirchturmglocken verbreiten einen magischen Klang. Der Ort atmet Magie, würde ein Dichter sagen. Es klingt kitschig, aber es ist wahr. Dieser Ort atmet Magie. Seit über 1.000 Jahren pilgern hier Menschen los. So etwas ist für mich unbegreiflich. Und ich stehe hier und denke, was wird bitteschön in 1.000 Jahren sein? Ich habe keine Ahnung. Nun gut, was wird in 100 Jahren sein? Ach was, was wird in einem Jahr sein? Ich kann mich vom Altar nicht losreisen, seit ewigen Zeiten war ich nicht mehr in einer Kirche. Höchstens, um sie als Bauwerk zu bestaunen. Aber Roncesvalles ist einmalig. Benommen trete ich aus der Kirche. Wir sind immer noch ganz alleine in diesem Ort. Der Nebel ist allgegenwärtig. Man sieht nichts als graues Weiß und überall Schnee. Dann entdecke ich Bauarbeiter auf der anderen Straßenseite und betrete einen riesigen Schlafsaal. Das also ist der berühmte Saal aus den zahlreichen Büchern und Filmen. Platz für 100 Leute. Zwei Duschen, zwei Toiletten, unterirdisch. Man muss wirklich sehr müde sein, wenn man hier ausspannen will, denke ich sarkastisch. Aktuell ist er zum Glück geschlossen. Die Pilger schlafen in einem anderen Haus. Wie wir später erfahren, hat aber auch dieser Schlafsaal kein einziges Fenster. Das 4-Sterne Haus am Ort öffnet erst am 1. April, wir dürfen es trotzdem besichtigen.
Hier könnte man nächtigen.
Wir suchen den offiziellen Startpunkt und finden neben der Kirche den Eintritt. Nach mehrmaligem lauten Klopfen kommt ein altes Männlein.
Der hat bestimmt schon die Pilger im Mittelalter abgefertigt, denke ich. Dann holt er sein Büchlein raus. Name, Anschrift, Beruf. Alles muss eingetragen werden. Warum pilgern Sie? Religiös. Spirituell. Sportlich. Wer hier sportlich einträgt (und dies in Santiago wiederholt), bekommt später keine Compostela. Und sportlich stimmt bei mir sowieso nicht. Ich kreuze meinen Grund an. Dann will er wissen, ob wir nach Santiago zu Fuß wollen, mit dem Rad oder mit dem Pferd. Man staunt, ja Pferd kommt öfters vor als man denkt. Hätte man mir früher sagen sollen, flachse ich zu meiner Frau. Sie sieht mich böse an. Sei bitte ernst, will sie mir sagen. Irgendwann treffen wir tatsächlich Pilger mit Pferd, auch welche mit Esel, aber davon später.
Stolz teile ich ihm mit, dass wir zu Fuß pilgern wollen, was das Männlein aber in keiner Weise erstaunt. Klar, machen ja alle. Ich bin trotzdem enttäuscht. Nachdem wir alles eingetragen haben, bekommen wir den Eingangsstempel, den ich 5 Wochen später in Santiago vorzeigen werde, was auch dort niemanden erstaunen wird. Klar, machen ja alle! Um es gleich zu sagen. Es machen nicht alle, die wenigsten Pilger unterziehen sich dieser Tortur. Im März 2015 werden 5.000 Pilger in Santiago ankommen, aber die meisten werden in Sarria gestartet sein, 111 Kilometer vor Santiago. Und nicht mal jeder zweite, der hier in den Pyrenäen startet, wird sein Ziel erreichen. 52% hören auf, sagt die Statistik, warum auch immer. Jeder zweite. Einfach ist es also nicht, aber das wusste ich ja schon. In dieser Woche starten ca. 40 Leute mit uns, was in dieser Jahreszeit normal ist. Knapp 15 werden in Santiago eintreffen. Wir werden alle noch kennen lernen und all das wird eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens.
Es ist 13 Uhr. Meine Frau drängelt, denn schließlich pilgern wir heute noch los. Wir wollen nicht in Roncesvalles übernachten. Demnächst kommen auch die ersten Pilger, die es doch ab St-Jean-Pied-de-Port in Frankreich probiert haben. Man kann die Straße laufen, die ist jetzt geräumt worden, sagt das Männlein. Ich überlege noch, ob ich mit einem Taxi nach St.-Jean-Pied fahre und zurücklaufe, gebe das dann aber schnell auf. Keine Extratouren. Meine Frau entdeckt das Straßenschild. 790 Kilometer bis Santiago. Ich denke, ich werde noch genug zu laufen haben.
Wir haben bereits vorgebucht und unser heutiges Ziel liegt sagenhafte 6 Kilometer weit weg von hier. Ich gebe zu, es klingt nicht gerade überambitioniert, war aber eine kluge Entscheidung. Wir hatten uns entschieden, nicht die Fernverkehrsstraße entlang zu gehen, sondern die offizielle Pilgerroute zu versuchen. Leider geht es nicht, überall liegt Schnee und Eis.
Hinter Roncesvalles wagen wir dann doch, die Straße zu verlassen, da der Schnee weniger wird. Wir gehen rechts in einem Dorf den Camino (einen schönen Feldweg) hinunter. Der Nebel löst sich auf und riesige Vogelschwärme werden sichtbar. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Ein lautes Gezwitscher liegt in der Luft. Das ist einmalig. Noch heute sehe und höre ich diese Vogelmassen in den Lüften.
Wir stapfen guten Mutes durch den Matsch. Der Rücken beginnt zu schmerzen. Bestimmt haben wir schon eins bis zwei Kilometer geschafft. Jedenfalls hoffe ich das.
Urplötzlich kommt ein spanischer Bauer um die Ecke. Er geht direkt auf meine Frau zu und küsst sie ab. Sie ist völlig erschrocken, ich deute ihr aber an, dass sie das jetzt wohl überstehen muss. Der alte Mann lächelt uns zu und wünscht von ganzem Herzen „Buen Camino“, einen guten Weg. Genau so plötzlich wie er gekommen war, ist er auch wieder weg.
Buen Camino. Es ist ein gutes Omen, das weiß ich. Ob mich der Heilige Jakob vorhin gehört hat? Hoffentlich hat mich jedoch keiner meiner Geschäftskollegen belauscht.
Buen Camino, guter Weg.
Doch der Weg wird gar nicht gut, jedenfalls der Grund und Boden auf dem wir marschieren nicht. Aber die Stimmung ist super. Der Weg führt in einen Wald hinein, es wird richtig matschig, da mehrere Bachläufe den Camino überfluten. Und auf einmal hört der Weg ganz auf. Vor uns liegt ein Bach, mindestens ein Meter breit. Überspringen kann man den sicher nicht. Zurück geht es aber auch nicht mehr, viel zu weit sind wir in den Wald gelaufen, die Straße ist weit weg. Wir entscheiden uns notgedrungen eine kleine Brücke zu bauen (immerhin bin ich Ingenieur), zwei bis drei dicke Äste sind schnell gefunden. Nach 30 Minuten passieren wir den Bach. Geschafft. Jetzt geht es hoch und runter und hoch und runter. Der Rücken schmerzt immer mehr. So klappt das nie, das weiß ich jetzt schon. Irgendwann kommen wir auf einen großen Waldweg und es geht endlich bergab.
Und dann sehen wir Espinal. Unsere erste Station. 6 Kilometer weg von Roncesvalles, wir sind fix und fertig, völlig durchgeschwitzt. Es ist 17 Uhr, wir betreten die Bar unseres Hostals und werden freundlich empfangen. Die Hoteliers denken tatsächlich, wir kämen aus St.-Jean-Pied, und sie fragen interessiert nach den Verhältnissen auf den Bergpässen. Wir wollen nicht korrigieren und antworten irgendwas.
Abends werden wir mit einem Pilgermenü verwöhnt, direkt am Kamin. Für 10 Euro pro Person. Vorspeise, Hauptspeise, Dessert und – unglaublich – für jeden von uns eine ganze Flasche Rotwein. Es wird gut. Alles wird gut. Ich lächle meine Frau an und sage ihr, dass es jetzt nur noch 784 Kilometer bis Santiago sind. Sie findet das gar nicht witzig. Früh gehen wir zu Bett.
Morgen wird sich zeigen, ob wir jemals Pilger werden.
Tag 3 - 3. März
Nicht die Erfahrungen sind es, die Dich prägen, sondern das was Du daraus machst.
Unbekannt
Espinal – Larrasoaña
Als wir gegen 9 Uhr das Hotelrestaurant betreten, um zu frühstücken, halte ich verdutzt inne. Himmel und Menschen sind dort versammelt, kein Vergleich zu gestern. Was ist denn hier los? Ich gehe zur Bar und bestelle weltmännisch, dos cafés.
Etwa ooooch Deutscher?, spricht mich ein älterer Herr von der Seite an. Er heißt Eddy, und er wird mein deutscher Lieblingsfreund. Eddy ist am 1. März in St.-Jean-Pied gestartet, hatte den Wetterbericht nicht gehört. Jetzt ist Eddy hier. Er erzählt vom Aufstieg und Abstieg nach Roncesvalles. Und er sucht einen Arzt, sein Knie ist definitiv kaputt. Er kann nicht mehr gehen. Da Eddy kein Englisch spricht, versuche ich zu vermitteln. Aber es gibt keinen Arzt hier oben. In der Gruppe der anderen Pilger, es sind Italiener, gibt es jedoch einen Physiotherapeuten. Er wird sich Eddy annehmen. Zum Glück. Eddy fragt, ob er mit uns laufen kann. Ich sage ihm, dass wir sehr langsam sind, er lacht. Sicher nicht langsamer als er jetzt. Wir gehen zusammen los, Eddy humpelt neben uns her. Wir haben entschieden, auf der Straße zu bleiben, die Erfahrung des Baches am gestrigen Tag haben wir noch im Gedächtnis. Am Ende von Espinal stehen drei Japaner mit einer Karte. Wir beraten und entscheiden uns, zusammen zu gehen, sicher ist sicher. Es zieht Schneegestöber auf. Die Pyrenäen können sehr ungemütlich werden. Sehr ungemütlich. Es soll hier oben schon Tote gegeben haben.
Der Weg auf der Straße ist nicht schön, die Autofahrer rasen dicht an uns vorbei. Die Pfützen spritzen. So geht das nicht. So kommen wir nie an, sage ich meiner Frau. Sie schüttelt nur den Kopf. Nach zwei Stunden treffen wir den offiziellen Pilgerweg wieder, er kreuzt erneut die Straße und wir entscheiden, nun doch den richtigen Camino zu wagen. Schließlich geht es ins Tal hinab, der Schnee wird bald weg sein.
Eddy hat Anschluss gefunden und bleibt auf der Straße, wir gehen in den Wald hinein. Es ist ein traumhafter Wanderweg. Man kann es kaum beschreiben. Die Luft ist rein und klar. Der Schnee sauber. Und er wird tatsächlich geringer. Hochgefühl kommt in uns auf. Hurra, wir pilgern! Das ist es also, was alle so inspiriert. Alleine in der Natur. Alleine mit sich. Wir reden nicht. Der Weg fordert volle Konzentration. Und dann wird er doch wieder unpassierbar. Überall liegen entwurzelte Bäume. Was ist hier passiert? Wir erfahren später, dass ein hochgefährlicher Sturm der Vorwoche eine Vielzahl von Bäumen in der Luft herumgewirbelt hat. Hunderte Bäume liegen kreuz und quer im Wald, zahlreiche sind auf den Weg gestürzt. Es dauert eine Ewigkeit bis wir voran kommen. Man braucht erneut volle Konzentration. Der Rücken schmerzt immer schlimmer. Auch regen sich die Füße. Ich schaue meine Frau an, ehrlich, das schaffen wir nie.
Das geht so nicht!
Wir geben trotzdem nicht auf und schlagen uns Stück für Stück bis Puerto de Erro durch. Es klappt immer besser, wir arbeiten uns voran. In Erro kommen wir endlich aus diesem Urwald raus und vor uns steht – das gibt’s doch nicht - ein einsamer Campingwagen als Mini-Shop. Fanta, Cola, Bier, alles was wir wollen, wird hier angeboten. Wir trauen unseren Augen nicht. Wo sind wir? Wir atmen auf. Zurück in der Zivilisation. Wir kehren ein, oder besser fallen auf eine Steinbank und genießen die süße Brause. Man soll Fanta trinken, habe ich gelesen, denn dort ist Zucker drin und alles was man sonst so noch braucht. Und es stimmt. Die Kräfte kehren zurück. Der Mut kommt zurück. Wir haben es geschafft. Doch wie wir auf der Karte erfahren, ist es gerademal die Hälfte des heutigen Weges. Aber egal. Wir packen das, zumindest heute.
Es geht steil bergab, wieder volle Konzentration. Der Rucksack wackelt auf dem Rücken, man muss das Gleichgewicht wahren. Und dann, irgendwann, sind wir in Zubiri. Wir erstürmen die nächstgelegene Bar und genießen den besten Espresso des Tages. Nach dem Café treffen wir die Italiener aus Espinal wieder, die gerade in einer Albergue einchecken. Und ihr, fragen sie. Nun, wir gehen weiter, wir schlafen in Larrasoaña, antworten wir selbstbewusst. Die Italiener sind schwer beeindruckt von uns. Die jungen Männer können nicht mehr. Aber die sind ja auch in Roncesvalles gestartet, wir in Espinal. Die haben 6 Kilometer mehr in den Knochen. Und doch, das Weitergehen war ein Fehler. Mühsam und demotiviert schleppen wir uns nach Larrasoaña. Auf einem Hang entlang. An einem großen Tagebau vorbei. Und etwas hat sich verändert. Das Wetter. Hier unten, am Fuße der Pyrenäen ist es regelrecht heiß geworden. Wir können nicht mehr. Eben noch im Schnee. Jetzt sind wir viel zu dick angezogen. Wir fallen fast um mit den ganzen Wintersachen, setzen uns an einen kleinen Bach. Dann endlich. Ein Schild. In einem Kilometer sind wir da, verspricht es uns.
Damals haben wir jedoch noch nicht gewusst, dass Spanier die Entfernung oftmals bis zum Ortsschild angeben, nicht bis zum Zentrum. Denn aus dem einen Kilometer wurden mindestens vier. Gegen 18 Uhr kommen wir an und suchen unsere Pension, Pension Tau. Wir werden warmherzig empfangen. Meine Frau geht sofort ins Bett und fällt in einen Tiefschlaf. Ich gehe unter die Dusche. Und ich bin wahnsinnig stolz.
Was für ein Tag.
Wir sind jetzt Pilger.
Das Abendessen nehmen wir direkt in der Pension ein, die ich sehr empfehlen kann. Im Anhang ist jede Unterkunft, die wir aufgesucht haben, aufgeschrieben und bewertet, natürlich rein subjektiv. Am heutigen Abend sind wir in der Pension Tau. Es gibt ein Pilgermenü und Wein so viel ich will. Und ich will viel. Der Ort selber ist hässlich. Zubiri war viel, viel schöner. Aber dafür sind wir 6 Kilometer weiter als die anderen Pilger. Und morgen wollen alle nach Pamplona. Ich bin mir sicher, dass wir das zumindest schaffen können.
Tag 4 - 4. März
Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.
Ch. Morgenstern
Larrasoaña – Pamplona / Cizur Menor
Wie aus einer fernen Welt wache ich auf. Die Pension war sehr gut, die Betten auch. Ich bin zufrieden. Leider tut alles weh. Der Muskelkater wird schlimmer statt besser, denke ich. Die Knie tun weh, die Achillessehne schmerzt. Meiner Frau geht es nicht besser. Wir müssen noch langsamer machen, ein Büromensch bleibt ein Büromensch, bleibt ein Büromensch.
Nach dem Frühstück treten wir raus, die Sonne scheint bereits, es ist blauer Himmel. Dies werden wir noch öfter haben. Es wird der beste März in Nordspanien seit Jahrzehnten, aber davon wissen wir ja noch nichts. Hinter uns liegen die Pyrenäen. Wir sind noch ca. 500 Meter hoch, auch Pamplona hat diese Höhe. Es geht also nur noch geradeaus, sagt die Karte. Aber die Karte täuscht. In dieser Hinsicht hat sie nie gestimmt. Es gibt keine einzige Etappe, die keine Höhenunterschiede hat. Nie geht es gerade aus. Egal was die Karte sagen will. Der Jakobsweg, den wir gehen werden, hat insgesamt 30.000 Höhenmeter. Es wird eine Tortur, man wäre mit dieser Kraftanstrengung sicher auch auf den Mount Everest gekommen.
Aber was wollen wir dort?
Die Sonne hat leider getäuscht, es ist bitter, bitter kalt. Bestimmt um die 5 Grad. Ich bin unzufrieden mit meiner Bekleidung, bloß nicht erkälten, denke ich, denn das ist ein echtes Problem auf dem Jakobsweg. Laufen ist ja nur das eine. Klar, man muss es jeden Tag. Man muss immer 6 bis 8 Stunden gehen. Immer und immer. Aber man darf eben auch nicht krank werden, nicht umknicken, sich nicht erkälten und auch keine Zahnschmerzen bekommen. Nichts, was einen in der Zivilisation einen Tag Auszeit bescheren würde. Hier kann es das Ende der gesamten Reise sein. Aber bloß nicht dran denken. Ich spreche meinen persönlichen Text an den Heiligen Jakobus, muss ja niemand wissen.
Gab es den Heiligen Jakobus eigentlich? Ist das nicht alles Hokuspokus, denke ich beim Laufen und ich erinnere mich an die Legende aus diversen Reiseführern … Jakobus, auch Jakobus der Ältere genannt, war Sohn des Fischers Zebedäus. Er gehörte zusammen mit seinem Bruder Johannes zu den Aposteln Jesu. Alle Apostel sollten das Wort Jesu in die Welt hinaus tragen und Jakobus bekam nach dem Tode Jesu die Aufgabe, die Iberische Halbinsel zu christianisieren. Sein Versuch scheiterte jedoch kläglich, er hatte nach vielen Jahrzehnten gerade mal 8 Gefolgsleute. Daraufhin kehrte er enttäuscht nach Jerusalem zurück, wurde dort jedoch im Jahre 44 im Auftrag von Herodes enthauptet. Schlimme Zeiten damals. Seine Jünger trugen die sterblichen Überreste zu einem Schiff, welches die Gefolgsleute nach Iria Flavia in Galicien brachte. Aber es waren schlimme Zeiten für Christen. Damals soll in jenem Lande eine mächtige Königin, namens Lupa, geherrscht haben, die von den Jüngern auf der Suche nach einer Grabstätte um Hilfe gebeten wurde. Die Königin wollte ihnen jedoch überhaupt nicht helfen, im Gegenteil, sie wollte alle Jünger ermorden lassen, scheiterte aber mehrmals mit ihrem Versuch. Schließlich lenkte Lupa ein und gewährte den Gefolgsleuten eine Grabstätte, auf der sie später eine kleine Kirche bauen durften. Sicherlich nicht uneigennützig, sondern mit beginnendem Respekt vor diesem Glauben und seiner dahinter stehenden Macht. Dies alles geschah im 1. Jahrhundert. Danach geriet das Grab für eine sehr lange Zeit in Vergessenheit. Es gab nur Gerüchte, Sagen und Legenden. Im 9. Jahrhundert wurde das Apostelgrab auf mysteriöse Weise wieder entdeckt und an der Grabesstelle wurde eine Kirche erbaut. Santiago de Compostela, der Ort „Heiliger Jakob vom Sternenfeld“, war geboren. Und mit diesem Ort begann eines der größten Wunder in der Geschichte der Christenheit. Es entstand ein Wallfahrtsort, der Rom und Jerusalem zeitweise den Rang abzulaufen drohte.
Soweit zur Legende, irgendwie ist sie sehr schön. Doch nun pilgern seit über 1.000 Jahren Menschen aus aller Welt an das vermeintliche Apostelgrab.
Was ist, wenn es gar nicht seine Reliquien sind, die man im 9. Jahrhundert fand? Ist dann nicht alles umsonst? Vergebene Pilgermüh?
Ich bin wirklich verwirrt und erfahre erst auf dem Weg, dass man es nicht umsonst macht, niemals. Denn wenn Millionen Pilgern vor dir diesen Weg gegangen sind, seit Hunderten von Jahren Kirchen und Kathedralen an den Wegesrand gebaut werden, wenn all diese Pilger ihre Spuren und Gedanken am Straßenrand hinterlassen, in Stein geritzt, in Eisen, in Holz oder als Kunstwerk verbaut, wenn erneut tausende Pilger auf diesen Weg wandern und du manche davon intensiv kennenlernen wirst, dann hinterlässt das tiefe Spuren in deiner Seele.
