Jazz und Spiritualität - Uwe Steinmetz - E-Book

Jazz und Spiritualität E-Book

Uwe Steinmetz

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Beschreibung

Außerhalb der sakralen Musiktraditionen der Weltreligionen finden sich in der populären Musik des 20. und 21. Jahrhunderts vielfältige Klangräume spirituellen Erlebens. Der Jazzmusiker und Musikwissenschaftler Uwe Steinmetz zeigt an Musikbeispielen und biografischen Studien aus der Jazzgeschichte und -gegenwart, welche musikalischen Elemente des Jazz als globale Musiksprache Schnittstellen zu spirituellen Erfahrungen bilden können und wie in der Tradition des Spiritual Jazz aus religiösen Erlebnissen und Überzeugungen eigene musikalische Sprachen auf verschiedenen Kontinenten geworden sind. Eine umfangreiche Diskografie im Anhang rundet den Band ab und lädt zu eigenen Hörerfahrungen ein.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Uwe Steinmetz

Jazz und Spiritualität

Für die Hörenden, Spielenden, Betenden.

Great art is absolutely suitable to some sort of spiritual awareness and forces which lay beyond the plane of life we are used to. Some people experience this more than others. An artist is supposed to be attempting tobe in touch with these aspects. That’s just one of the artist’s responsibilities and what they reveal in their work to people among other things.

But the closeness that you have with music and your instrument is akin to a feeling that you can’t put into words. One knows it exists but you don’t necessarily have proof. Spiritual beliefs are truly something you can have faith in. It’s kind of the way we play our instrument. We surely practice and know some things are going to work but we are not positive they always will.

The responsibility of the artist in any field is to achieve expertise and reveal the forces that are surrounding all of us … it’s our job!!

Dave Liebman, May 2023

INHALT

VorwortTord Gustavsen:Die Heilige Dreifaltigkeit im Jazz

EinstimmungHör-Bar/eine Einladung!

AuftaktHören als Brücke zur Spiritualiät

FireSchmerz, Katharsis, Ekstase, Licht

TruthEinheit, Schönheit, Empathie

PrayerReligion auf der Jazzbühne

NachklangFetching Hats

AusklangStille, Alles

Danksagungen

AnhangLese- und Hörtipps

Vorwort Tord Gustavsen: Die Heilige Dreifaltigkeit im Jazz

Fire, Truth und Prayer bilden die Hauptkapitel dieses Essays über die Geschichte der Begegnungen von Spiritualität und Jazz, erzählt von dem brillanten Saxophonisten und Musikwissenschaftler Uwe Steinmetz. Feuer, Wahrheit und Gebet – was für eine schöne Zusammenfassung der grundlegendsten Aspekte des Lebens und einer Musik im Fluss! Es geht um Vitalität, Ehrlichkeit und Offenheit. In Beziehungen, in der persönlichen Entwicklung, in der Spiritualität und im Musikmachen.

Wenn wir spielen, dienen, suchen und feiern wir eine wertvolle grundlegende Wahrheit, die Worte nicht vollständig ausdrücken können. Wir sind Feuer und Flamme – angetrieben von Inspiration und Leidenschaft entwickeln wir uns spielerisch weiter, idealerweise nachhaltig in einer vertiefenden Spiralbewegung und nicht in Richtung Burn-out. Wir betreten den musikalischen Raum mit unserer Sehnsucht nach Freiheit, unserer Verletzlichkeit, unserer Offenheit und unserem Willen zum Zuhören – wir beten. Wenn dies alles in unserer Musik gelingt, sind wir auf dem Höhepunkt dessen angelangt, was uns als Menschen ausmacht; wir bringen fruchtbare Energie und Liebe in die Welt und nehmen im Grunde an der Schöpfung teil. Was für ein Geschenk, dies zu dürfen, und was für eine Verantwortung – und wie sehr es schmerzt, wenn dies nicht gelingt, da wir darum wissen, wie gut es sein könnte!

Die Vorstellung von der Heiligen Dreifaltigkeit in der christlichen Tradition kann sich postmodernen Menschen – mit oder ohne religiösen Hintergrund – auf inspirierende neue Weise eröffnen. Ergänzend zur biblischen „Vater-Sohn“-Beziehung können wir Gott als ultimative Realität in der dritten Person (Wahrheit), Gott als persönliche dialogische Präsenz in der zweiten Person (Gebet) und Gott als Lebenskraft in uns in der ersten Person (Feuer) betrachten. Auf diese Weise ergibt „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ auch für mich persönlich heute den meisten Sinn, besonders in Anlehnung an die Schriften der Theologen Paul Smith und Roland Michael Stanich.

Und wenn man diese befreiende erweiternde Vorstellung von Trinität in die Tat umsetzt, zeigt sich ihre vielschichtige Sinnhaftigkeit, denn wenn wir Musik machen, beteiligen wir uns aktiv an der Entfaltung der Heiligen Dreifaltigkeit. Es ist der multidimensionale und multidirektionale Fluss von 1) analytischem Verstand, 2) relationaler, verletzlicher Präsenz und 3) instinktiver Vitalität im symbiotischen Zusammenspiel, das die Musik zum Leben erweckt.

Mit dem analytischen Verstand sind wir ständig im Prozess des Hörens und Verstehens, erkennen Muster, identifizieren mögliche Wege in die Zukunft usw. Durch die relationale Präsenz sind wir mit der Band und dem Publikum in Verbindung, kommunizieren, lieben oder streiten manchmal auch. Mit der instinktiven Vitalität lassen wir die Musik geschehen, wir intensivieren unser Spiel, lassen uns vom dem Groove, von den kostbaren, kraftvoll klingenden Texturen und Gesten inspirieren. An diesen Prozessen aktiv dabei zu sein, und manchmal die totale Synthese der drei zu erleben, bedeutet, an der Entfaltung der Heiligen Dreifaltigkeit teilzunehmen; das Absolute oder das Heilige zu suchen, unser Herz zu öffnen und die Kraft des Lebens zu spüren und diese zu lenken. Was für ein Geschenk – und was für eine Verantwortung.

Das gilt auch für Musik ohne ausdrücklichen Bezug zur Spiritualität. Manche Musikerinnen und Musiker verwenden explizit religiöse oder spirituelle Sprache, manche nicht. Manche sind sogar davon angewidert. Und das ist völlig in Ordnung. Es sind ohnehin nicht die Worte und die Konzepte, die verwendet werden, sondern die Musik, die gemacht wird – und was diese Musik an Inspiration, Klarheit, tiefer Freude, Spaß und existenzieller Unterstützung geben kann. Ich kenne niemanden, der mehr postmoderne spirituelle Präsenz besitzt und zugleich meine eigenen Fehler so großzügig vergibt wie der agnostische Schlagzeuger in meinem Trio.

Natürlich kann dieser trinitarische Fluss in explizit „spiritueller“ improvisierter Musik offenkundiger sein und geschehen, wenn sie mit Ritualen, Meditation, Trance oder spirituellen Erkundungen zu tun hat. Wenn wir zum Beispiel mit biblischen Chakra-Meditationen mit improvisierter Musik und angeleiteter Meditation in unserer Kirche arbeiten, gehen wir in gewisser Weise mit dem spirituellen Aspekt der Musik weiter, als wenn wir ein Konzert für ein zahlendes Publikum spielen.

Aber ich glaube fest, dass der Kern derselbe ist. Jedes gute Konzert kann auch eine spirituelle Meditation oder sogar eine Liturgie sein, die uns mit einer tiefen Wahrheit in Berührung bringt, unser Lebensfeuer neu anfacht und einen Raum für ein informelles Gebet oder die Ermutigung zu einem aufrichtigen Dialog mit anderen Menschen eröffnen kann.

Auf diese Weise ermöglichen die persönlichen und musikalischen Begegnungen zugleich die Entfaltung der Trinität im Gebet und im schöpferischen Feuer des Lebens. Jedes Mal, wenn wir Differenzen, Empathielosigkeit und andere Abwehrmechanismen überwinden und stattdessen wohltuende Energien, mitreißende Grooves, authentischen und wahrhaft schönen musikalischen Ausdruck und damit verkörperte Kreativität erschaffen, sind wir Mitgestaltende an einem Stück des Himmelreichs.

Tord Gustavsen, im Juni 2023

Einstimmung Hör-Bar/eine Einladung!

Ein Kind trifft einen weisen Menschen und fragt: „Was ist Spiritualität?“

Dieser kommt sogleich ins Schwärmen. „Spiritualität ist die Ergriffenheit deiner Seele von dem, was unsichtbar deine Welt in dir und um dich zusammenhält, es ist das Bewusstsein von einer ewigen und alles verwandelnden Kraft in allem Lebendigen, es ist die Sehnsucht in dir, wenn du in den Nachthimmel schaust, oder die Wahrheit in dir, wenn du auf das Meer hörst, es ist die Hoffnung, die in dir wächst, wenn du den Frühling riechst, aber alles in allem ist es wie … der allumfassende feurige, wahrhaftige, andächtige Klang von …“ Der weise Mensch gerät in Ekstase und ringt nach Worten, das Kind schaut, langsam unruhig werdend, auf sein Handy – „Danke, Danke aber ich muss jetzt zum Schlagzeugunterricht, ich lerne gerade Jazz …“ Der weise Mensch schreit erleichtert auf und faltet die Hände dankbar – „JAZZ war das Wort, nach dem ich die ganze Zeit gesucht habe … denn Jazz befreit deine Seele, um dich wahrhaftig mit der Welt zu verbinden, Jazz ist wie …“ Das Kind hört nichts mehr, es rennt die Straße herunter, Kopfhörer auf höchste Lautstärke, ein Lachen im Gesicht: gleich kommt das Schlagzeugsolo.

Der Saxophonist Albert Ayler sagte einmal, sein Spiel sei eine Reaktion auf das, was in Amerika vor sich ging, aber er habe seinen Frieden gefunden und ihn in einen stummen Schrei verwandelt. Der Bassist Steve Tintweiss hörte Aylers Schrei während eines Konzerts der Maeght Foundation:

Albert nahm seinen Dudelsack in die Hand und ging nach vorn auf die Bühne. Er begann sehr intensiv zu spielen, aber es kam kein Ton aus dem Dudelsack heraus. Es gab irgendein Problem, und Albert gab sich immer mehr Mühe, aber es kam überhaupt kein Ton heraus. Anstatt das zu tun, was fast jeder andere Musiker getan hätte, nämlich aufzuhören, das Instrument abzusetzen und ein anderes Horn zu nehmen oder jemand anderen ein Solo spielen zu lassen, während er versuchte, sein Instrument zu reparieren, tat Albert das nicht. Er spielte einfach weiter und stellte sich vor, wie das klingen würde, was er da gerade tat. Er wurde immer intensiver und ekstatischer, und das Publikum fing an, zu applaudieren und zu schreien und ihn anzufeuern, und es sah für mich so aus, als ob er für einige Sekunden schwebte, während er spielte. Zu diesem Zeitpunkt sah er aus, als hätte er sich in eine Art Troll oder in den mythologischen, Flöte spielenden Hirtengott Pan auf Steroiden verwandelt. Das Publikum war völlig gebannt.

Vor dem Klang, vor dem Atem, vor dem Schlagzeugwirbel ist allein die Energie schöpferischer Imagination. Im Erkaltungsprozess vom Urknall ultimativen Feuers, des All(e)s aller Zeiten, finden wir uns im Virgo Superhaufen, im Orionarm der Milchstraße, auf unserer Erde als Teil des andauernd expandierenden Universums, erleben wir Jazz und verbinden uns dabei mit dem Kosmos in uns und um uns. Space is the place, wie es Sun Ra uneinholbar in seinem 1974 erschienenen afrofuturistischen Gesamtkunstwerk filmisch pointiert. Spirituelle Kosmologien sind Heimatorte für die poetische Inspiration des Jazz. Jazz vertont keinen Kosmos und keine Spiritualität, er macht diese erlebbar, vom Sternenlicht in und über uns über das virtuose Schlagzeugsolo, dem dreckigen alltäglichen Blues bis zum verzweifelten Schrei über Ungerechtigkeit.

Jazz ist unordentlich, um uns den Blick auf höhere Ordnungen zu ermöglichen – vielleicht nicht auf den Kosmos, aber das, was uns belebt und Leben schenkt. In der messiness der Improvisation liegen messianische Qualitäten in einem Raum zwischen Wissen und Intuition und dem Wagemut eines Dialogs kultureller Traditionen und Riten. Musik kann so für die Hörenden wie ein reinigendes Feuer werden, dabei helfen, spirituelle Erfahrungen für unseren Lebensalltag zu gewinnen, wie ein Gebet oder eine Meditation wirken, oder schlichtweg erfüllen, was der Saxophonist John Coltrane als Sinn und Zweck des Musikmachens seiner letzten Lebensjahre beschrieb: To lift people up.

Im Jazz geht es um Leben und Tod (Nick Bärtsch), jedes Solo kann das letzte zu Spielende und zu Hörende sein, und dem ewigen berauschenden Fall in den Abgrund setzt Jazz seinen Klang blauwärts entgegen, Richtung Himmel, wissend um den Sog nach unten, brennend vor Lebenslust, das Ganze eine wahrhaftige kosmische Meditation über Schöpfung und Vergehen.

Ich möchte dazu einladen, Jazzschaffende zu entdecken, deren Musik durch ihre Suche nach spirituellen Erfahrungen geprägt ist, für die der Kosmos als Inspiration gerade gut genug ist, für die es in der Musik an die Substanz geht – um die spirituellen Grundlagen unseres Lebens.

Damit dies nicht klanglos hinter den Worten zurückbleibt, sondern erlebbar wird, bedarf es Euch, Hörende, die suchen, sehnsüchtig nach Ergriffenheit statt unterhaltsamer Perfektion, die in der Erde unterhalb ästhetischer Elfenbeintürme nach deren Fundament graben wollen, und die Verbundenheit in diesen Hörerfahrungen mit anderen Menschen, Zeiten und Kulturtraditionen entdecken möchten.

Die drei Hauptkapitel folgen einem losen chronologischen Blick auf die Geschichte des Jazz und ihren Verstrickungen mit Spiritualität und Religionen in 50 Hörbeispielen, die jeweils per Link hörbar werden können. Weiterführende bibliografische und diskografische Verzeichnisse ergänzen im Anhang die kurzen thematischen und biografischen Reflektionen der drei Hauptkapitel.

Spiritualität in ihrer Wechselwirkung mit Jazz wird von mir dabei als Phänomen betrachtet, das einer künstlerisch artikulierten Suche nach Transzendenz folgt, die über das Individuum hinausführt und zugleich dessen musikalische Sprache aufgrund persönlicher spiritueller Erfahrungen prägt. In diesem Sinne agiert Spiritualität als Brückenmedium hin zum Ritual und den Religionen der Weltkulturen, so wie das Genre Jazz als Produkt der Begegnungen von Kulturtraditionen und ihren spirituellen und religiösen Freiräumen in den USA entstanden ist. Durch diese notwendige Engführung verbinde ich die Hoffnung, in dieser Veröffentlichung nicht nur die Jazzgeschichte aus spiritueller Perspektive zu er-hören, sondern damit auch dem diffusen Wesen von Spiritualität über den Jazz etwas näher zu kommen.

So ist dieses Buch vor allem eine Einladung zum genussreichen gemeinsamen Musikhören, live im Konzert oder zu Hause als Session im Rahmen einer Hör-Bar im Freundeskreis gern mit einem Austausch über das Gehörte und Erlebte. Ein paar Beispiele für dieses thematische Hören des spirituell inspirierten Jazz finden sich auch im Anhang.

Uwe Steinmetz, im Mai 2023

Auftakt Hören als Brücke zur Spiritualiät

I wrote the shortest jazz poem ever heard,

nothin’ ’bout huggin’ … kissin’

… just one word.

Listen!Jon Hendricks

Liner notes: New York, N.Y.George Russell, DECCA, 1958

Wie alles, was sich nicht selbst genug ist, möchte Jazz sich im gemeinsamen Erleben teilend verschenken – Jazz ist eine Art des Musizierens, die ihre Vitalität aus der direkten Verbindung von Jazzschaffenden und Jazzhörenden schöpft.

Um das spirituelle Spektrum von Musik intensiv zu erleben, braucht es einen Fokus, denn wir hören Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Musik umgibt uns heute oftmals allgegenwärtig, doch in der Regel funktionalisiert und nicht als freier Erlebnisraum, noch seltener als gemeinschaftlicher konzentrierter Genuss im Konzert. Die von 2018 bis 2021 durchgeführte Panelstudie zur Zukunft der Musiknutzung in Deutschland belegt diese Trends.

Entscheidend wird sein, inwiefern unsere Gesellschaft den Wert des Musikhörens und letztlich damit von Musik und ihren Musikschaffenden nicht durch die Nutzung und Präsenz in digitalen Portalen bemisst, sondern die – nicht in Klicks oder Eurocent messbare – positive Wirkung von Musik auf viele Bereiche des individuellen und öffentlichen Lebens neu entdeckt und damit als fundamentalen Teil unserer kulturellen Identität begreift. Zumindest ist die Anzahl der wissenschaftlichen Studien und populärwissenschaftlichen Bücher über die heilsame Wirkung von Musik für körperliche Gesundheit, Lernprozesse und geistige Wachheit bis ins hohe Alter in den letzten Jahren deutlich angestiegen, ein paar Empfehlungen hierzu finden sich im Anhang.

Ein besonders schönes Buch über das Musikerleben ist „Deep Listening“ von der amerikanischen Komponistin Pauline Oliveros. Sie gründete „Das Zentrum für Deep Listening“ und beschrieb diese Qualität des Hörens als eine Art, auf jede erdenkliche Weise allem zuzuhören, was hörbar ist, egal bei welcher Tätigkeit. Dieses intensive Zuhören schließt die Klänge des täglichen Lebens, der Natur, der eigenen Vorstellung sowie musikalische Klänge mit ein.

Aber auch dem Hören von Jazz wird vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Die erstmalig 2008 veröffentlichten Studien zur Gehirnaktivität in der Jazzimprovisation an der Johns Hopkins School of Medicine unter der Leitung von Charles J. Limb sorgten sogar für ein beachtliches Medien-Echo. Limbs Studien bestätigten, dass bei der Improvisation ein Dialog zwischen verschiedenen Zentren der Gehirnaktivität stattfindet, der Verbindungen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte entstehen lässt, die für unser nachhaltiges körperliches Wohlbefinden bedeutsam sind. In vergleichenden Studien mit Free-Style-Rappern zeigten sich sehr ähnliche Ergebnisse in der Gehirnaktivität. Limb konnte zeigen, dass musikalische Improvisation und auch improvisierte Spoken Word Poetry neurologisch im frontalen Kortex verortet werden können.

In einem anderen Experiment untersuchten er und sein Team, dass zwei Jazzmusiker beim „vier-vier“, wenn sie also in kurzen Abschnitten abwechselnd improvisieren, besonders die Hirnregionen nutzen, die im Sprachzentrum für Grammatik und Syntax wichtig sind. Dies könnte bedeuten, dass Jazzimprovisation neurologisch durchaus Ähnlichkeiten zum spontanen Geschichtenerzählen aufweist und sich damit deutlich vom Vorlesen, also der Wiedergabe eines notierten Textes unterscheidet.

Limbs weiterführende Studien belegten auch Ähnlichkeiten im Prozess des Zuhörens von Jazzimprovisationen zwischen Spielenden und Zuhörenden, sodass deutlich wurde, dass beim Publikum dieselben Hirnareale wie bei der Band auf der Bühne aktiviert werden. Ein neurologischer Beweis für den wichtigen gemeinsamen „Spirit“ im Konzert, ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Interpreten und Publikum.

Die Studienergebnisse decken sich mit Studien des Neurowissenschaftlers Andrew Newberg, der den Begriff „Neurotheologie“ für sein Forschungsgebiet geprägt hat. Er konnte zeigen, dass während des Gebets und der bewussten, konzentrierten Meditation dieselben Bereiche in den Frontallappen aktiv sind wie bei der musikalischen Improvisation. Die Jazzimprovisation auf der Bühne eines Jazzclubs kann also neurologisch ähnlich wie ein Gebet oder eine Meditation wirken – für die Akteure genauso wie für die Hörenden.

Faszinierend ist es zu beobachten, wie mit den gerade in der Zeit der Corona-Pandemie exponentiell anwachsenden digitalen Erlebnismöglichkeiten von Musik besonders solche Formate an Tiefe gewinnen, in denen neue Hörtraditionen durch den technologisierten musikalischen Erlebnisraum geboren werden. Im Jazzbereich zeigt sich dies eindrucksvoll an der Idee der Studio-Live-Session, wie sie die Band Snarky Puppy in den letzten Jahren durch die Produktion ihres Albums We like it here geprägt hat. Das Album wurde an vier Abenden in den Niederlanden mit einem Studiopublikum aufgenommen und gefilmt. Die Menschen sitzen allesamt mit Kopfhörern zusammen im Live-Konzert und hören die ebenfalls Kopfhörer tragende Band und das entstehende Album in echter Studioqualität.

Warum aber die Kopfhörer? In Musikproduktionsprozessen werden die teuren Instrumente – zum Einzelpreis eines bekannten amerikanischen Elektroautos – von High-End-Mikrofonen und in akustisch perfektionierten Studioräumen aufgenommen, aufwendig gemischt und gemastert mit Abhörlautsprechern um dann am Ende auf MP3-Format komprimiert und vom Mobiltelefon oder der Boombox abgespielt zu werden. Wir stehen in der Gefahr, das Hören zu verlernen. Stattdessen spricht die Begeisterung aus den Gesichtern während der Live-Studiokonzerte von Snarky Puppy von der Ergriffenheit der Hörenden und motiviert so auf charmante, unaufdringliche Weise zum gemeinschaftlichen Hören in bester Studioqualität.

Ein zweites „analoges“ Digitalformat sind die berühmten Tiny Desk Concerts, eine Videoreihe von Live-Konzerten, die von NPR (National Public Radio) Music am Schreibtisch des Musikjournalisten Bob Boilen in Washington, D.C., veranstaltet werden. Für ein kleines Publikum spielen neben akustischen Ensembles aus dem Popmusikbereich immer wieder Jazzensembles. Das überwiegend akustische Konzertformat schließt an die Unplugged-Tradition der 1990er-Jahre in der Popmusik an und verblüfft immer wieder durch die hohe musikalische und akustische Qualität der zwischen Büromobiliar drapierten Bands. Die Reihe wurde ins Leben gerufen, nachdem Bob Boilen und der NPR-Musikredakteur Stephen Thompson frustriert ein Musikfestival verließen, weil sie die Band wegen des Lärms im Publikum nicht hören konnten. Thompson scherzte mit seinem Kollegen, dass die Bands künftig einfach direkt neben Boilens Schreibtisch auftreten sollten, um sie so am besten hören zu können.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann die Reihe über 800 Konzerte und mehr als 2 Milliarden Youtube-Klicks vorweisen. Obwohl die Zuhörenden in der Regel nicht abgebildet werden, ist die intime Atmosphäre gerade angesichts der eigentlich paradox wirkenden Auftrittssituation intensiv spürbar. Das Fehlen der Bühne macht deutlich, das qualitativ gute Musik keine Show und keinerlei Inszenierung bedarf, um ihre Wirkmächtigkeit für die Hörenden zu entfalten.

Insofern sind beide Beispiele eine Entzauberung der üblichen Auftrittssituationen: Bei Snarky Puppy wird das „Studiogeheimnis“ gelüftet durch die Beteiligung der am Live-Mitschnitt via Kopfhörer beteiligten Hörenden; bei den Tiny Desk Concerts entfällt die traditionelle Bühne und manche technische Finesse oder instrumentale Erweiterung schon aus Platzgründen. Die große Popularität dieser zunächst reduziert erscheinenden Konzertformate zeigt, dass kreative digitale Angebote innovative Potenziale entwickeln, die in der Folge zu intensiven „analogen“ Formen des Musikhörens inspirieren können. Der Erfolg dieser beiden Formate beweist die ungebrochene Attraktivität von Jazz als handgemachte Livemusik ebenso wie die fluide und dialogische Qualität von Jazz, sich hier auf organische Art mit dem digitalen Raum synergetisch zu verbinden.

So individuell Wege des Musikhörens für uns sind, analog, digital, hybrid, so können wir als Jazzhörende doch viele parallele und kreuzende Klangpfade anderer Hörenden erkennen, da Jazz nie alleine stattfindet, nie ohne eine Hörgemeinschaft. Dies ist ein Geschenk der Musik an uns als Hörende auf dem Weg, auf dem wir lauschend am Wegesrand jederzeit innehalten können, hoffend auf tiefste Erfahrungen – und das ist Spiritualität mitten in unserem Leben.

Mit anderen Menschen solche Wege des Hörens gemeinsam zu gehen, gehört für mich zum Schönsten – vertikal, durch die Jahrhunderte von den Quellen des Jazz, und horizontal in der Gegenwart mit denen, die wir auf der Bühne erleben und die mit uns gemeinsam Musik hören. Wer so Musik hört, jenseits von der Hoffnung auf die Erfüllung fester Hörerwartungen und Klischees, der öffnet sich für eine wichtige Botschaft des Jazz: Liebe zur Innovation. Jazz ist wenig Nostalgie und viel Wagemut, ins Ungewisse aufzubrechen; sich des eigenen mangelhaften Reisegepäcks durchaus bewusst, aber mit einer reichhaltigen Tradition, einem großen Klang als Rückenwind und mit Lust auf das Kennenlernen anderer Töne und Kulturen.

Alle Begegnungen zwischen Jazz und Spiritualität der folgenden drei Kapitel beschreiben Musikerinnen und Musiker,