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Als Angela Merkel im Herbst 2015 »die Grenzen öffnet«, sitzt Theo Schmitz in Bayern gebannt vor dem Fernseher. Der Kölner ist fasziniert – und verunsichert. Wie soll Deutschland diese Herausforderung stemmen? Zurück in seiner Heimatstadt nimmt Theo spontan den syrischen Flüchtling Samir bei sich auf. Samir möchte nach Schweden weiterreisen, sobald seine Frau und Tochter in Deutschland sind. Theo will helfen, Verständnis schaffen und Brücken bauen – doch er muss bald erkennen, dass Integration schwieriger und komplizierter ist als gehofft. In der Silvesternacht wird Theos Tochter Janina Opfer sexueller Gewalt. Und Samir ist plötzlich verschwunden. Beunruhigende Indizien verdichten sich, Theos Vertrauen gerät ins Wanken – und mit ihm sein ganzes Weltbild. Je näher du mir kommst ist ein literarisches Tagebuch über Idealismus und Realitäten – und über die Erfahrung, dass Bedrohung oft im Kopf entsteht, Verständnis aber durch Begegnung. Joachim Heyna fordert in seinem Roman eine besondere Form von Toleranz: Wer bereit ist, sowohl eigene als auch fremde Impulse als natürlich anzuerkennen, nimmt ihnen das Bedrohliche. Entscheidend ist, ihnen nicht zu erliegen – sondern menschlich zu bleiben und das Richtige zu tun.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGBundesbahnhof 1, 56859 Bullay/MoselDeutschlandTel.: 06542/5151E-Mail: [email protected] Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-959-0Lektorat: Katharina LoskaAusstattung: Stefanie ThurAquarell Titel: Dr. Holger Figge
Für meinen Sohn Paul, den besten Vater der Welt.
Achtung: Dieser Bericht verzichtet auf jegliche Schönfärberei.
Auf dem kleinen Röhrenfernseher in meinem Fremdenzimmer der Pension Steinadlernest in Mittenwald liegt ein Spitzendeckchen. Akribisch ausgerichtet, genau im Fünfundvierzig-Grad-Winkel. Die Abstände der Ecken zu den Rändern hin sind bis auf den Millimeter gleich. Der vordere Zipfel lugt vorwitzig ins Bild. Auf dem Deckchen thront, exakt mittig, ein cremefarbenes Porzellanväschen mit bayerischem Landeswappen und goldgerändertem Band. Weiß-blaues Karomuster.
Aus der Vase blühen Wildblumen: Habichtskraut, Mehlprimeln und Weißer Germer von den Buckelwiesen – täglich frisch. Meine Pensionswirtin Kreszenzia Sendlhuber sammelt die floralen Kostbarkeiten auf ihren täglichen Spaziergängen. Die Zenzi verdankt ihre beneidenswerte Gesundheit vor allem der regelmäßigen Bewegung an der frischen Luft – und dem regelmäßigen Genuss eines selbstgebrannten Kräuterschnapses. Dessen Rezept ist ebenso geheim wie die Destillieranlage im Keller ihres Sohnes.
Ich habe die ›Medizin‹ ein einziges Mal probiert – und danach entschieden, notfalls ein paar Jahre früher zu sterben.
Unter dem Spitzendeckchen flimmert das Programm. Entgegen meinen Prinzipien sehe ich am frühen Morgen fern. Aber was in diesen Tagen Anfang September 2015 über Mitteleuropa hereinbricht, kann ich nicht ignorieren. Und mit Zenzis wohlgeordnet-heiler Welt hat das wenig zu tun. Bis vor kurzem sorgten auf deutschen Bildschirmen Dieter Bohlen und Oliver Geissen für eine verlässliche Quote. Heute sind es Massen an Flüchtlingen, die auf unser Land zuströmen – ununterbrochen, Tag und Nacht, auf allen Kanälen.
Da hilft kein nervöses Zappen. Ob öffentlich-rechtlich oder privat, ob reißerisch oder sachlich – die Kameras der Welt starren wie hypnotisiert auf dieses Menschengewimmel auf dem Weg ins gelobte Land.
In mein Land.
Die Kamerastandpunkte sind perfekt gewählt. So etwas lernt man auf der Filmhochschule. Sieben verlorene Demonstranten formatfüllend ins Bild quetschen oder unzählige Migranten zu einem endlosen Bandwurm komponieren. Von rechts oben nach links unten.
Ich denke an den Schwarz-Weiß-Film über die Völkerwanderung im Geschichtsunterricht, Gesamtschule Köln Raderthal/Zollstock, Klasse 8c. Der ratternde Sechzehn-Millimeter-Projektor ergießt einen nie enden wollenden Treck an gotischen Barbaren in das weströmische Reich. Die sonore Stimme des Sprechers verkündet genüsslich die Aushöhlung des Imperiums von innen. Damals hat mir das einen wohligen Nervenkitzel beschert. Aus sicherer Entfernung fühlte ich mich in der Haut des Theoderich unschlagbar.
Völkerwanderungen habe es immer gegeben, und es werde sie immer geben, mahnte mein ›Geschi-Lehrer‹. Was ging uns das an?
Meine daraus gezimmerte Gleichgültigkeit hielt bis eben.
Am gestrigen Freitag hat unsere Bundeskanzlerin entschieden, Tausende Flüchtlinge, die in Ungarn zum ›March of Hope‹ aufgebrochen waren, nach Deutschland einreisen zu lassen, und damit die seit Monaten zugespitzte Lage in eine neue Dimension gehievt.
Seit heute durchfiebert mich echte Betroffenheit. Von Distanz ist keine Rede mehr. Weder zeitlich noch räumlich. Plötzlich durchpflügt die moderne Völkerwanderung mein Herz.
Und meinen Magen. Dort werden meine wohlmeinenden Gedanken von einem drohenden Grummeln beschimpft.
Ich springe vom Sessel auf. Energisch drückt die Feder des Ausknopfs meinen Daumen zurück, der Bildschirm fiept in sich zusammen, die Flüchtlinge verschwinden in einem horizontalen, gleißend hellen Streifen.
Böse Zungen behaupten später einmal, Angela Merkel hätte mit ihrer Entscheidung einen ›Magneten angeschaltet‹. Die Büchse der Pandora geöffnet. Ihr ›einmaliges humanitäres Gebot‹ sei zugleich die Aufforderung an alle Migranten dieser Welt gewesen, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen.
*
Am Mittag des Tages eins nach dem fundamentalen Wendepunkt – also Angela Merkels Entscheidung, ›den Magneten anzuschalten‹ – sitze ich auf meinem Koffer.
Bei Trachten Jungmüller gab es Original-Rindslederhosen mit zünftiger Stickerei für hundertneununddreißig Euro. Dazu habe ich das Karohemd, Kniebundstrümpfe, Haferlschuhe und den Filzhut mit Gamsbartimitat gewählt. Mein Karnevalskostüm für 2016 ist ebenso komplett wie sperrig. Aber es muss in diesen Koffer!
Während meine (ausnahmsweise willkommenen) achtundneunzig Kilo den Riesentrolley zusammenquetschen, verfolge ich gebannt die Nachrichten des Bayerischen Rundfunks: »Der ungarische Regierungschef Viktor Orbán hatte zuvor Kritik an seinem Land im Umgang mit der Flüchtlingskrise zurückgewiesen. Das Problem sei nicht ein europäisches, sondern ein deutsches, sagte Orbán in Brüssel. Keiner der Flüchtlinge wolle in Ungarn bleiben, alle wollten nach Deutschland gehen.«
Höre ich – und bin erst einmal baff. So viel also zur europäischen Wertegemeinschaft und ihren christlich-abendländischen Wurzeln. Kannst du vergessen, Theo. Nicht mal der Gottesbezug hat es in die europäische Verfassung geschafft. Der musste damals ebenso draußen bleiben wie heute die Kriegsflüchtlinge aus Syrien.
»Deutschland tut alles, was moralisch und rechtlich geboten ist, nicht mehr und nicht weniger«, sagt meine Bundeskanzlerin. Mit dem Schutz der EU-Außengrenzen sei es nicht getan. Denen, die Schutz verdienen, müsse dieser gewährt werden. Dazu verpflichte die Genfer Flüchtlingskonvention. Klingt logisch. Noch besser: menschlich. Ich möchte stolz sein auf diese Frau.
Als 1989 die Mauer gefallen ist, habe ich zu Hause auf meinem Schlafsofa gelegen. Bekam den Arsch nicht hoch. Anstatt nach Berlin zu fahren und hautnah ein Jahrhundertereignis am eigenen Leib mitzunehmen, ließ ich mir von meiner Mutter belegte Brote mit pikanten Gewürzgürkchen und Bier servieren. Meinem Vater schmeckte das nicht. Beides. Der hätte lieber gesehen, ich wäre endlich ausgezogen. Zu Petra, meiner Jugendliebe. Aber die hatte aus heiterem Himmel Schluss gemacht.
Damals bin ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben vor einer Frau auf die Knie gefallen. Weil ich glaubte, mein Seitensprung sei ein einmaliger Ausrutscher. Petra glaubte das nicht.
Sie hat recht behalten. Und mein Jugendzimmer blieb weiter bewohnt. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wichtiger ist: Das passiert mir nicht noch einmal. Ich meine das mit Berlin. Meine Entscheidung steht: Ich werde meinen Monsterkoffer nach Hause schicken, in München Zwischenstation machen und live in das historische Zeitgeschehen eintauchen. Hotspot Hauptbahnhof. Refugees Welcome! Mit Theo Schmitz aus Köln mittendrin.
Mit Mühe hieve ich den Trolley auf die Postwaage. Der Schalterbeamte Karl Unsriger wurschtelt mit seinen Wurstfingern die Gepäckschlaufe durch den Griff, hält inne und sagt: »Aha, der Herr Theo Schmitz. Aus Köln-Bayenthool. I hoff, Sie ham oan scheena Urlaub do bei uns ghabt.«
Ich nicke.
»Und etz gead’s z’rugg in de scheena Domstodt?«
»Nicht direkt, Herr Unsriger«, sage ich, obwohl der Begriff Domstadt eine nicht unerhebliche Anziehungskraft auf mich ausübt. Zumal, wenn er in meinem Lieblingsdialekt vorgetragen wird. »Ich mache noch einen Abstecher über München. Mal sehen, was da abgeht.«
»Vastehe«, wird Karl vertraulich. »A bissl wos dalebn!«
»Genau«, erwidere ich. »So kann man es auch sagen.«
Dass ich am Hauptbahnhof die ankommenden Flüchtlinge begrüßen will, behalte ich besser für mich. Wer weiß, ob Herr Unsriger das so lustig findet.
Bis in die Nacht sitze ich, in eine Wolldecke gewickelt, auf dem Balkon. Blase den Rauch meiner Abschiedszigaretten in Richtung Karwendelmassiv. Auf diesem Balkon haben wir oft zusammen gesessen. Wir drei. Jahrelang. Glücklich. Als wir noch zusammengehörten: Franziska, Janina und ich. Verdamp lang her.1
Das Wetter ist auf herbstlich umgeschlagen. Die Leichtigkeit der ersten Urlaubswoche ist endgültig dahin. Meine Gedanken käuen das alles beherrschende Thema wieder: die Flüchtlingsmassen auf dem Weg nach Europa. Genau der richtige Zeitpunkt, um nach Hause zu fahren.
Die Zenzi verabschiedet mich so, wie ich es mir von meiner Mutter immer gewünscht habe. Bajuwarisch-herzlich. Meine Pensionswirtin macht ein Gesicht wie ein Schulmädchen, das zum ersten Mal auf Klassenfahrt geht.
»Ich komme doch wieder, Zenzi«, versichere ich. »Ich bin doch immer wiedergekommen.«
»Ja. Du scho.« Jetzt schluchzt sie, die Zenzi. »Aba bringst die Nina aa amol wida mid.«
Ich stutze.
»Mei, des moan i fei ernst. Sieh zua, dass des wieda in Ordnung kummt, die Sach mid deina Nina!«
Dabei schaut sie gar nicht mehr so brav, die Zenzi. So klein und hutzelig die Alte sein mag; wenn sie erst mal böse wird, schleicht man sich besser.
»Ich muss los«, sage ich. »Der Zug!«
»Pfiat di, Theo!«, ruft die Zenzi mir winkend nach. Mit extraliebevollen Augen.
Ihre Mahnung begleitet mich hinunter zum Bahnhof: »Sieh zu, dass das wieder in Ordnung kommt!«
Das ist schnell gesagt. Aber ich verspreche nichts mehr, was ich nicht halten kann. TS 72 kann vieles, doch manchmal stoße auch ich an meine Grenzen. Ausgerechnet ›die Sache‹ mit meiner einzigen Tochter Janina kann ich auf gar keinen Fall versprechen.
Weil es nicht von mir abhängt. Nicht allein.
TS 72, so nenne ich mich spaßeshalber. Als Reaktion auf den ›Lukas Podolski‹-Hype Anfang 2006. Da rannten auf einmal alle mit Klamotten aus der LP-10-Kollektion herum. Beknackt. Also habe ich mir aus Protest ein T-Shirt mit TS 72 drucken lassen – Theo Schmitz, geboren 1972.
*
Die Menschentraube drängt gegen das Absperrgitter auf dem Querbahnsteig des Münchner Hauptbahnhofs. Viele klatschen, johlen, pfeifen. Wie in der Fankurve bei einem Auswärtsspiel meiner Fortuna. Ich behaupte mit meinem massigen Körper den Platz in der ersten Reihe. Einige der ankommenden Flüchtlinge recken den Daumen in die Luft und lachen ins Publikum – Spieler, die sich für den Support bedanken.
Die meisten aber schlurfen einfach nur erschöpft an uns vorüber, die Torturen einer Odyssee in ihren matten Augen konserviert. Niemand wollte sie haben – ein halbes Dutzend Länder entlang der Balkanroute waren froh, sie weiterziehen zu sehen, bis nach Ungarn. Dort hatte man am wenigsten auf sie gewartet. Auf dem Bahnhof Budapest gab es kein Vor und kein Zurück mehr. Nach Wochen und Monaten der Strapazen, des Hoffens und Bangens suchte die pure Verzweiflung vergeblich ein Ventil.
Bis Angela Merkel sich erbarmte.
Jetzt sind sie hier. Würde ich die Hand ausstrecken, könnte ich sie berühren. Aber so nah ich ihnen auch bin, zwischen uns liegen Welten. Eine groteske Distanz, die alle Jubelgesten und Freudenschreie nicht aufzuheben vermögen.
Das Unwohlsein ist wieder da. Meine Fantasie sträubt sich plötzlich, für all diese Menschen eine glückliche und friedliche Zukunft bei uns zu denken.
Völkerwanderung. Das ist kein Film mehr. Das ist aufwühlende Realität. Mein herzliches Willkommen duckt sich feige hinter einem Kassandraruf: Die meisten von denen da werden keine Arbeit finden und uns auf der Tasche liegen! Sozialfälle, in Parallelgesellschaften zusammengepfercht. Importierte Hartz-IV-ler, die unseren mühsam aufgebauten Wohlstand ins Wanken bringen …
Mitten in meine Larmoyanz dringt der Blick eines jungen Flüchtlings und brennt sich mir umstandslos in die Gedärme. Ich sehe Müdigkeit, Neugier. Aber auch Hoffnung, den Anflug eines Lächelns. Schnell wende ich mich ab.
Direkt neben mir wird eine junge Frau in einem Walk-Mantel interviewt. Drei Mikrofone, jeweils mit knallbuntem Windschutz, bedrängen ihren rotgefleckten Hals. Ihre Augen leuchten. Wie das rote LED der Kamera. Wir sind auf Sendung.
Wir. Denn garantiert bin ich mit auf dem Bild. Als die Frau sagt: »Diesen Menschen muss man doch helfen. Da gibt es überhaupt keine zwei Meinungen«, nicke ich also betont heftig.
Und male mir aus, wie das wäre: TS 72 heute Abend in der Tagesschau. Ob Martina dann zusieht? Auf ihrem ›Art Déco‹-Daybed, eingehüllt in ihre extraflauschige Kuscheldecke aus Mikrofaser-Flanell?
Jetzt fragt ein BBC-Reporter: »Are you even ready to welcome some of them personally?«
Dieses Mal nicke ich vorsichtshalber nicht.
*
Ich liebe Bahnfahren. Natürlich erster Klasse. In der zweiten werde ich ständig daran erinnert, dass ich dringend abnehmen muss. Fünf Zentimeter weniger Sitzbreite. Da kannst du die alleinreisenden Studentinnen noch so einladend anlächeln – wenn die sehen, wie wenig Platz neben dir frei ist, hast du keine Chance.
Wir fliegen mit zweihundert Kilometer pro Stunde durch die Schwäbische Alb. Der Zweifel geht mir nicht aus dem Kopf: Heiße ich die Flüchtlinge jetzt willkommen oder nicht?
Je beleidigter ich versuche, diese Frage von mir zu weisen, desto bohrender wird sie. Ich wende mich hilfesuchend an Tante Google. Da jubelt BILD Online auf dem Display: Angela Merkel beendet die Schande von Budapest. Eurojournalist titelt: Alles richtig gemacht – Angela Merkel Superstar.
Das ist MEINE Kanzlerin, durchfährt mich ein wohliger Schauer.
Ich klicke weiter. ›Angela Merkel muss ganz klar sagen, wie sie den Zustrom der Flüchtlinge stoppen will!‹, soll Horst Seehofer gesagt haben. Wieso spricht mir das genauso aus dem Herzen?
Die Nachrichtenseite mit dem Namen Contra Magazin empört sich: Ein im Netz verbreitetes Video zeigte das angeblich brutale Vorgehen der ungarischen Polizei gegen Migranten. Die schrecklichen Bilder aber würden nicht einmal die halbe Wahrheit sagen. Die ungekürzte Version enthülle, wie ein Mann seine Frau mit Kleinkind in brutalster Weise auf die Schienen werfe und prügle. Auch sich selbst schlage er mit einem Stein auf den Kopf und ins Gesicht. Mit größter Mühe zögen die Polizisten den Mann von der Frau weg. Trotz Kenntnis der Wahrheit sei die Berichterstattung nicht korrigiert worden, klagt das Magazin; stattdessen sei das Video komplett aus dem Netz verschwunden.
Ich spüre Unbehagen in mir aufkochen. Meine Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft sind weder verhandelbar noch käuflich. Wenn sie mit gefakten Bildern ergaunert werden sollen, mache ich dicht. Journalisten, die zu solchen Mitteln greifen, spielen Leuten in die Karten, die nur darauf gewartet haben.
Ob ich auch schon zu sehen bin? TS 72 im Netz?
Ich klicke mich der Antwort entgegen, was die Journalisten aus meinem heftigen Beifallsnicken gemacht haben. Finde aber nur einen Videoschnipsel auf SPIEGEL online. Da verkündet ein grinsender Urbayer in bemühtem Hochdeutsch: »Ich komme aus Regensburg. Und wollte in München dabei sein und sehen, wie die Münchener die Gäste als Weltstadt mit Herz empfangen!«
Klingt gut. Aber auf einmal bin ich froh, nicht neben diesem Mann gestanden und genickt zu haben. Das kollektive Fähnchenschwenken erscheint mir umso symbolischer, je weiter ich mich davon entferne. Ich fürchte, der BBC-Reporter wird recht behalten. Wer von uns ist persönlich bereit, einem oder mehreren Flüchtlingen Obdach zu geben, sich um ihn zu kümmern? Wo die meisten von uns es schon als Zumutung betrachten, wenn in der Nachbarschaft ein Übergangsheim betrieben wird.
Ich nehme den Becher Kaffee für zwei Euro achtzig. Beiße in die Stulle, die Zenzi liebevoll mit Ölpapier, Alufolie und Gummiring umwickelt hat. Dick Butter und drei Lagen Bierschinken. Dazu ein hartgekochtes Ei mit Senf.
Beim Kauen kommt mir Werner in den Sinn. Vor ein paar Jahren hatte ich den Obdachlosen bei mir aufgenommen. Eine meiner berühmt-berüchtigten Theo-Impuls-Aktionen. Ohne zu wissen, was da auf mich zukam. Nach ein paar Tagen alarmierten die Nachbarn die Hausverwaltung. Werner musste ausziehen.
Immerhin, er ist heute noch mein Freund. Aber welches Risiko bin ich damals eingegangen? Nicht das geringste. Null! Werner ist Deutscher. Zwar evangelisch, aber weiße Hautfarbe. Würde ich das Gleiche bei einem Afghanen tun oder einem Libanesen? Andere Sprache, andere Kultur, andere Religion? Solchen Menschen anonym zuzujubeln, ist eine Sache. Sie aber persönlich anzusprechen, sie anzufassen und ihren Geruch mit nach Hause zu nehmen – das ist eine andere Liga. Da ist keine Mattscheibe mehr und auch kein Absperrgitter.
Als ich über die Hohenzollernbrücke auf den dunklen Dom vor blauschwarzem Himmel zufahre, geht mir das Herz auf. Auch so eine meiner kölschen Krankheiten. Also Krankheiten, die Hochstimmung verursachen. Vielleicht schicke ich Janina deshalb die WhatsApp. Vielleicht aber auch, damit Zenzi mir keine Vorwürfe machen kann: Hallo Janina. Bin zurück aus dem Urlaub. Wenn du magst, skypen wir. Theo.
Zu förmlich?
Geht nicht anders. Nach alledem, was passiert ist.
»Sie sind wieder da«, haucht Frau Jonas. Meine Nachbarin ist scheuer als ein junges Reh. Sie gehört zu den Frauen, die zeitlos jünger und älter zugleich wirken. Zwinkert unablässig, schaut dabei linkisch schräg an mir vorbei.
Ich sage meinen Spruch auf, »Danke für die Zeitungen und die Blumen«, und überreiche ihr die Flasche Mittenwalder Bärenfang – mit extraviel Honig.
»Das wäre doch nicht nötig gewesen«, erwidert sie und geniert sich – wie immer.
»Ich weiß«, sage ich gönnerhaft – wie immer.
Schon drückt Frau Jonas die Tür ins Schloss. So sanft, dass kein Wild der Welt davon aufschrecken würde.
Ich durchblättere die ungelesenen Kölner Stadt-Anzeiger der letzten zwei Wochen: MIGRATION – TRAGÖDIE – 71 Todesopfer aus Lkw geborgen – Brandanschlag bei Hameln – SCHLEPPER – FLÜCHTLINGE – Merkel verurteilt rechte Gewalt – FLÜCHTLINGE …
Die Schlagzeilen meines Urlaubs. Muss ich das alles noch einmal haben?
Die Berichte über meine Fortuna sind wesentlich anziehender: Ungeahnte Stärken, neue Schwächen – DRITTE LIGA – Dank einer variablen Offensive holt der SC Fortuna in der englischen Woche sieben Punkte – Sorgen bereitet noch die Defensive.
Das erste Zwischenfazit meiner Leib-und-Magen-Zeitung ist genau die richtige Willkommenslektüre à la ›zurück in der Südstadt‹. Ein kühles Bierchen (endlich wieder Kölsch) und rein in den Massagesessel, Modus: volle Pulle. Mein mit Abstand teuerstes Möbelstück brummt und knetet sich von den Schultern bis runter zu den Waden und zurück.
Den Verantwortlichen muss es irgendwie gelingen, den Kölnern zu verdeutlichen, dass es neben dem FC noch einen zweiten Verein in der Stadt gibt, der mit Herzblut geführt wird und Profifußball bietet.
Lese ich. Und höre überhaupt nicht mehr auf zu nicken. Dabei ist irgendwie gelingen doch nur das Synonym für: Vergiss es!
Keine Nachricht von Janina. Hätte ich drauf wetten können. Quote hundert zu eins.
Ich werde von heute an meinen WhatsApp-Chat mit Nina archivieren. Und ihn der Zenzi irgendwann unter die Nase halten. Sauber abgeheftete Belege für meine ›Ich habe mich um meine Tochter bemüht‹-Erklärung 2015. Wie soll ich »die Sach in Ordnung bringa«, wenn Janina einfach nur mauert? Meine Ansätze von Wiedergutmachung in einem schwarzen Loch verglühen lässt?
Wütend schütte ich meinen Kaffee in das Nirostabecken und knalle die Tasse auf die Spüle. Arabica-Robusta-Spezialmischung. Sündhaft teuer. Eine Schande.
Mit der Jacke in der Hand stürme ich aus der Wohnung. Unten im Flur greife ich mir die Zeitung und trete ins Freie. Tausende erreichen Deutschland – Unterbringung auch im Kölner Raum, ›droht‹ der Kölner Stadt-Anzeiger.
Tausende.
Ob die alle so freundlich empfangen werden wie ich? Als ich im Großmarkt zu Holger an seinen Gemüsestand trete, fällt der mir ebenso unerwartet wie ungewohnt um den Hals.
Holger Niemer, einer der wenigen, die aus meiner Kindergartenzeit übrig geblieben sind. Wenn ich ihn sehe, lebt das alte Viertel Zollstock wieder auf. Ich hänge an ihm, wie man an einem alten BAP-Song hängt – Kumm Südstadt, verzäll nix.2
»Habe ich was verpasst?«, frage ich erstaunt. Und kneife die Augen zusammen. Sein Aftershave muss aus dem Supermarkt sein.
Holger lässt mich los, grinst über alle vier Backen. »Ich werde Papa«, sagt er feierlich.
Na, dann herzlichen Glückwunsch, denke ich – das Bild meiner renitenten Tochter vor dem geistigen Auge. Und rufe: »Das ist ja großartig!«
Um glaubwürdiger zu wirken, schlage ich Holger mit beiden Händen auf die Brust. »Du sollst sehen, Kinder sind das Beste, was dir passieren kann!«
Doch, ich meine das ehrlich. Fände nur allzu gerne den Kniff, dieses Beste auch in meinem Leben wieder zu spüren.
»Du bist also einverstanden?«
»Wie, was, womit?«
»Leni wünscht sich, dass du Patenonkel wirst.«
Ausgerechnet!, denke ich – und hoffe, dass mein Entsetzen nicht allzu sehr auf meine Mimik durchschlägt. Leni – Marlene Benn, auch so eine Geschichte.
»Puh. Ja«, sage ich. »Warum nicht?«
Das dürfte spannend werden. Spätestens bei der Taufe, wenn ich Leni wieder unter die Augen trete.
Signale aus dem hellen Deutschland – Der Imagewandel einer Nation und ihrer Regierung. Der Kölner Stadt-Anzeiger fasst für seine treuen Leser die Reaktionen anderer Länder auf unseren Umgang mit den Flüchtlingen zusammen. Dank Merkel hat ein neues deutsches Wort Eingang ins Französische gefunden: ›Mutti‹.
Klingt gut. Richtig gut.
Wenn ich den Stadt-Anzeiger lese, sitze ich bereits im Höninger, meinem absoluten Lieblingsrestaurant, und habe mein ›Basiswerk‹ vollbracht. So nenne ich den morgendlichen Teil meiner Kurierfahrten. Den immer gleichen Teil meiner Arbeitstage. Verpflichtungen, die meinem Leben die nötige Struktur geben. Seit der Faire Express Service Köln pleitegegangen ist, bin ich selbst Unternehmer. Mein Chef Friedbert hat mir den Sprinter überlassen – »der gerät sonst in die Konkursmasse« – und sich nach Thailand abgesetzt. Dafür verzichtete ich auf meinen ausstehenden Lohn, immerhin für zweieinhalb Monate. Der Deal war eine von Steffens genialen Ideen. Hat auch was für sich, einen Advokaten zum Freund zu haben.
Die riesigen Schriftzüge des FExSKö sind drangeblieben. Schließlich habe ich ein paar Kunden von Friedbert übernommen. Für die sind vor allem drei Dinge wichtig: Theo Schmitz ist pünktlich, zuverlässig – und preiswert. Letzteres ist wohl mein bestes Argument. Dank meiner Großtante Ottilie und ihrem sehr Theo-lastigen Testament. Ich betrachte die Spedition als sinnvollen Zeitvertreib. Sie muss mich nicht reich machen. Drei-, viermal die Woche besorge ich im Großmarkt am Bonntor Gemüse, Fisch und Fleisch für Werners Küche im Ahle Zollstocker und für ein paar Restaurants in der Voreifel. Wie gesagt: mein ›Basiswerk‹.
Gelegentlich übernehme ich eilige Kurierdienste quer durch das Rheinland. Und manchmal, viel zu selten eigentlich, in die Weiten der Republik. Einmal durfte ich bis nach Cuxhaven, da wurden dringend Steuerplatinen für Windräder gebraucht. Die mussten in fünfeinhalb Stunden auf dem Schiff sein. Für eintausend Euronen. Pauschal.
Nach vier Stunden und dreiundzwanzig Minuten war ich oben, und der OM 646 meines Sprinters pfiff aus allen Löchern. Auf der Rückfahrt hatte ich kistenweise Frischfisch für Werner an Bord.
Die weiteste und schönste Fahrt bisher ging nach Wassersleben, kurz vor der dänischen Grenze. Auf der anderen Seite: Krusau – Kruså. Idyllisch bis zum Abwinken. Wälder, Ostsee, Strand, Bootsanleger. Das Hotel in Wassersleben liegt direkt am Meer. Ich bin spontan eine Nacht geblieben. Als ich am Sonntagmorgen dort herumstreifte, hatte ich stundenlang keine Sehnsucht nach Franziska.
Nord- und Ostsee – das sind Sahnehäubchen-Fahrten.
Das Frühstück im Höninger teilt meine Tage. In den ›Geschafft‹-Teil und den ›Mal sehen was heute noch geht‹-Teil.
Dabei blättere ich durch den Stadt-Anzeiger. In aller Gemütsruhe. Wenn wir nicht gerade in Zeiten der Völkerwanderung leben. Nachrichten wie diese jedenfalls bringen mich in Wallung: Die Dänen stellen den Bahnverkehr zwischen Flensburg und Padborg ein.
Ausgerechnet die Dänen. Wo, bitte schön, ist der Sinn für solche Aktionen?
Ich erinnere mich an eine Szene in dem Film Das Boot: Beim Abtauchen vor feindlichen Zerstörern wird der Druck auf U 96 immer größer. Ventile knallen, eiskalte Fontänen schießen waagerecht in den Schiffskörper. Hektisch versuchen die Männer um den ›Kaleun‹ Heinrich Lehmann-Willenbrock, die Wassereinbrüche zu stoppen. Wenn sie an der einen Stelle Erfolg haben, brechen woanders zwei neue auf.
Dann sehe ich den Wald bei Kruså vor mir. Das gleichnamige Flüsschen ist die Grenze zu Dänemark. Ein paar nasse Socken, und schon wäre ich drüben gewesen.
Hej, ihr dänischen Brüder und Schwestern: viel Erfolg beim Abdichten!
Mein Monstertrolley ist da. Als ich das bayerische Edelkostüm in den Schrank hänge, muss ich an Zenzi denken. Und an die »Sach mit dera Nina«. Ich fürchte, so leicht wird mich die Pensionswirtin eines Steinadlernestes nicht davonkommen lassen. Ein paar ernsthafte Versuche müssen es schon sein.
Ich greife zum Telefon. Fühlt sich an wie eine Handgranate.
»Was gibt’s?«, will Franziska wissen. Und das ist noch freundlich.
»Guten Morgen«, sage ich betont neutral. »Ist Nina da?«
»Klar. Die liegt noch im Bett. Warum sollte sie auch in die Schule gehen.«
»Also nein«, sage ich ruhig. »Könntest du ihr ausrichten, dass ich angerufen habe.«
»Wieso? Ist ihr Handy denn aus?«
Natürlich nicht, denke ich. Aber ich werde einen Teufel tun und meiner Ex verraten, dass Janina nicht auf meine WhatsApp reagiert.
Anruf beendet. Ich starre das Display an und frage mich, warum ausgerechnet jetzt die Erinnerung an unseren letzten gemeinsamen Urlaub in mir hochpoppt: Wandern in Österreich. Während Janina auf meiner Schulter sitzt und mir mit den winzigen Zeigefingern in den Ohren pult, streicht Franzi in ihrem leichten Sommerkleid über die Almwiesen und pflückt Blumen. Von Zeit zu Zeit streckt sie den Strauß in die Höhe und strahlt.
Wie hübsch meine Freundin lachen konnte. Ich habe Franzi danach nie mehr so ausgeglichen und unbeschwert erlebt. Seit unserer Trennung begegnet sie mir wie ein einziger und ewiger Vorwurf.
Janina aber ist meine kleine Prinzessin geblieben. Sie himmelte mich an, ließ nichts auf mich kommen. Unsere Wochenenden waren vollgepackt mit wilden Unternehmungen, albernen Gesprächen und Unmengen an McFlurry – Vater-Tochter-Konzentrate, die viel zu schnell dem Sonntagabend entgegenrasten.
Dann krachten ihre Pubertät, mein Egotrip und der Verzicht auf das Sorgerecht zeitgleich aufeinander. Janina musste mit ihrer Mutter nach Salzburg umziehen, weil Franzi dort den Mann gefunden hatte, den sie »immer schon suchte«.
Und weil Theo es geschehen ließ.
Das hat Nina mir nicht verziehen. Sie hatte gehofft, ihr Vater würde um sie kämpfen. Aber bis der Schnellmerker TS 72 das realisierte, war es zu spät.
So die offizielle Version. Inoffiziell hätte ich ein Riesenproblem damit gehabt, wenn Janina bei mir gewohnt hätte. Ich fühlte mich ihren heftigen pubertären Ausschlägen weder gewachsen noch hatte ich Bock darauf.
Das alles hat Nina mehr enttäuscht, als ich wahrhaben wollte.
Seit meine Tochter nach Österreich gezogen ist, haben wir uns aus den Augen verloren. Ein paar sporadische Kontakte über Skype, ein Kurzbesuch im Frühsommer mit ziemlich deprimierenden Einsichten – das war’s.
Entgeistert, mutlos und ohne jede Perspektive. So trete ich, der unheilbar fußballverrückte Fortuna-Köln-Fan Theo Schmitz, den Heimweg vom Südstadion an. Der Tabellenführer aus Dresden hat uns soeben eine Lektion erteilt. Die couragierten Anfangsminuten der Fortuna implodierten mit dem ersten Angriff der Ossis. Er traf ins Schwarze – und mir mitten ins Herz.
Nach elf Minuten das Null-zu-zwei. Vor über dreitausend Zuschauern!
Kollektives Entsetzen. Geteiltes Leid ist halbes Leid? So ein Schmarren. Der Rest ist stilles Erleiden, lähmendes Ausharren, unfrommes Beten: Lass es kein Schlachtfest werden!
Am Ende beklagt die Anzeigetafel das Eins-zu-fünf. Eine Demütigung.
Wie gerne hätte ich den Spaziergang durch den Volksgarten bei diesem geilen Spätsommerwetter zu einem Fest gemacht. Aber meine düster-schweren Gedanken nach einer solchen Klatsche lassen sich nicht auf Knopfdruck ausschalten, das kann bei TS 72 dauern. Der glorreiche Sieg gegen den Zweiten aus Magdeburg ist gerade einmal vierzehn Tage her – nun kommt es mir vor wie eine Ewigkeit. Damals überschlug sich meine Fantasie in Hochrechnungen, die geradewegs in die zweite Liga führten.
Heute bin ich mir sicher: Die gewinnen kein Spiel mehr, steigen sang- und klanglos in die Regionalliga ab.
So trotte ich heimwärts. Sehe nicht das majestätische Grün der uralten Bäume um mich herum, nicht die fröhlichen, entspannten Menschen am See. Ich höre weder die jauchzenden Kinder auf dem Naturspielplatz noch die manierierten Gesänge der Buchfinken, die einen Dreck auf das Leid der Fortuna geben.
Und doch dringt ein Signal in meine Wahrnehmung, als besäße es einen Geheimcode. Mein ›Lasst mich in Ruhe‹-Panzer ist an einer einzigen Stelle löchrig. Durch diese Öffnung springt das Schild mich an: Fluchtling from Syria – need shelter! Bitte!
Und reißt mich unsanft in die Welt zurück.
Widerwillig fokussiere ich dieses Bild, schneide es aus der Umgebung, seziere es in seinen Einzelheiten. Bloß nicht langsamer werden!
Da sitzt also einer von denen. Leibhaftig. Wie ein Penner.
Ja, sorry, der sieht aus wie ein Penner.
Muss der ausgerechnet jetzt hier sitzen? Entschlossen wende ich meinen Blick ab, straffe mich und denke mich weit genug vorwärts, dorthin, wo ich nichts mehr damit zu tun habe.
… need shelter? Ich schaue mich noch einmal verstohlen um.
Da trifft mich ebenso unverhofft wie flehend der Blick des jungen Mannes. Ich sehe Müdigkeit, Neugier, Hoffnung. Ich sehe die gleiche Mischung wie bei dem Flüchtling im Münchener Hauptbahnhof.
*
Am frühen Abend ist meine Hoffnung zurück. Na ja, gezwungenermaßen. Martina zuliebe sitze und bange ich mit den anderen FC-Fans im Höninger. Sie will unbedingt, dass ich mit ihr das Top-Spiel der ersten Liga ansehe: Eintracht Frankfurt gegen den ersten FC Köln.
Eigentlich ist das gegen unseren Vertrag. Unsere Beziehung ist rein erotisch und streng geregelt. Einmal wöchentlich freitags, abwechselnd bei mir oder bei ihr. Nachdem wir uns damals getrennt und aus den Augen verloren hatten, gab es für einen Neuanfang nur diese Lösung: Sex ja, Liebe nein. Keine Romantik, kein Alltag.
Aber heute machen wir zum ersten Mal eine Ausnahme. Weil Martina gestern bei ihrer schwerkranken Mutter war und ich selbst nicht weiß, wohin mit mir, lasse ich es gelten. Und ergebe mich in eine absurde Rolle: Ausgerechnet TS 72, der Verlierer des Tages, soll dem FC Glück bringen.
Dieses Missverständnis hat sich nach genau vier Minuten erledigt. »War doch klar, dieser sch… Meier!«, schimpft Martina und kneift ihre Enttäuschung ein wenig zu heftig in meinen Oberarm.
Ich nehme beides reglos zur Kenntnis, das Gegentor und die Körperverletzung.
Sehe stattdessen den ›Penner‹ from Syria im Volksgarten und erinnere mich an die Wetterwarnung. Für Köln sind schwere Sturmböen, Regen und Hagel gemeldet. Was geht mich das an? Soll er aufstehen und ins Obdachlosenheim gehen.
… need shelter! Dieser Blick. Je mehr ich mich bemühe, ihn zu vergessen, desto krasser sehe ich das als durchkomponierte Szene vor mir: Ein hilfloses Häuflein Mensch versinkt im menschenleeren Volksgarten im Wolkenbruch – allein, einsam, hoffnungslos.
Während die Fußballgemeinde Zeuge des zweiten Untergangs eines Kölner Vereins an diesem denkwürdigen Samstag wird, schaue ich hinaus auf den Höninger Weg. Spüre die kalt-nassen Klamotten auf der Haut dieses Flüchtlings, als wäre es meine eigene. Und sage mir: Wenn du ihn da sitzen lässt, lässt du dich selbst sitzen.
Als Modeste in der achtundzwanzigsten Minute den Eins-zu-drei-Anschlusstreffer köpft, folgt Martinas nächster Anfall. Ihr »Ob da noch was geht?«-Kneifer fällt nicht weniger schmerzhaft für mich aus.
Draußen trotzt die Linie zwölf den quer stehenden Regenfäden.
Ich muss wieder an den obdachlosen Werner denken. Hätte die Hausverwaltung damals kein Machtwort gesprochen, der würde heute noch bei mir wohnen. Immerhin habe ich dem Beinahe-Koch, der eigentlich nur Angst vor der Abschlussprüfung hatte, einen Job im Ahle Zollstocker verschafft. Mittlerweile rockt er die Küche des wohl coolsten Restaurants im Veedel fast allein.
Heute muss ich keine Hausverwaltung oder Eigentümerversammlung mehr fragen. Die Wohnung in Bayenthal ist mein Eigentum, Teil der Erbschaft von Großtante Ottilie. Gott habe sie selig, auch wenn sie nur angeheiratet war.
… need shelter!
Die nassen Klamotten auf seiner Haut.
Auf meiner Haut.
Wie ferngelenkt stehe ich auf – nein, erlebe ich mich aufstehen – und gebe Martina einen flüchtigen Kuss. »Toilette«, murmele ich, um jede Diskussion zu vermeiden. Und trete in dieses Sauwetter hinaus.
Mit Mühe stemme ich meinen Knirps Sturmfest gegen den Wind.
Was mache ich hier eigentlich? Was geht mich dieser Syrer an? Der ist längst weg!
»Theo, geh zurück zu deiner Martina und ertrage ihre Flennerei noch ein bisschen. Sie wird es dir danken«, sagt die Stimme meines verstorbenen Vaters, die immer noch das große Wort führt, wenn es bequem und lauwarm bleiben soll in meinem Leben.
»Später geht sie brav mit dir ins Bett und besorgt es dir«, ergänzt der pubertäre Flegel in mir.
Ich trotte weiter, ziehe dabei meinen Alten, diesen längst vermoderten, aber manchmal umso lebendigeren, ewigen Zauderer und Mahner, einfach hinter mir her. Und finde mich umso großartiger, je beleidigter seine Versuche werden, mich doch noch umzustimmen.
Dann stehe ich mit einer Entschiedenheit, die ich immer noch nicht begreife, vor einer in sich zusammengeduckten Skulptur aus Fleisch und Blut, aus aufgeweichter Pappe und verlaufendem Edding im Volksgarten. Und weiß ein für alle Male: Das ist kein ›Penner‹.
»Zieh das an«, sage ich und reiche dem bis auf die Haut durchnässten Mann meine Jacke. »Theo. Ich heiße Theo!«
Der Syrer stutzt, schaut mich prüfend an. Dann lacht er.
Meine Güte, das nenne ich strahlend weiße Zähne.
»Samir. My name is Samir. I’ve been waiting for you«, sagt er.
Und ich denke nur: Ist klar!
Samir erhebt sich langsam von seiner knallorangen Isomatte.
Wie klein der ist. Und so schmal. Als er meine Jacke überstreift, muss auch ich lachen. Dreimal krempelt Samir die Ärmel um, bis seine Hände wieder zum Vorschein kommen.
Unschlüssig stehen wir uns gegenüber.
»Warum? Why?«, frage ich und deute auf den bedauernswerten Rest von Pappschild. »Hast du keine Flüchtlingsunterkunft? No refugee camp?«
»Nix gut«, wehrt Samir ab und tritt einen Schritt zurück. Dabei zieht er instinktiv die kleine Reisetasche an seinen Körper.
»Sorry«, entgegne ich und hebe die Hände. »No problem. Don’t worry about.«
Langsam setze ich mich in Bewegung. »Come on«, sage ich. »Du kannst bei mir wohnen. Erstmal.«
Im selben Moment heult die nächste Mahnung meines Vaters auf: »Theo, du zettelst da etwas an, das weit über deine Vorstellungskraft hinausgeht!«
»Lass mich in Ruhe«, entscheidet der Entschlossene in mir. »Ich bin alt genug!«
*
In der Nacht mache ich kein Auge zu. »No problem. Don’t worry about«, äfft es in meinem Schädel und hallt tausendfach wider.
Schöner Schlamassel. Keine fünf Meter von mir entfernt liegt dieser Fremde, dieser absolut Fremde. Dessen Augen mich gepackt und nicht mehr losgelassen haben. Mich zu einer Kurzschlusshandlung genötigt haben.
Ja, genau: Schnellschuss. Von allen guten Geistern verlassen!
Typisch Theo. Ist schließlich nicht das erste Mal.
Aber seit ich Samir »a good night’s sleep« gewünscht habe, sind meine Gedanken weniger höflich: Mit einem ›Was ist in dich gefahren, einen illegalen Araber mit in die Wohnung zu nehmen, ihm dein Bett zu überlassen und deinen Schlafanzug zu schenken?‹ weiden sie sich an meiner größten Schwäche: Ich bin ein Meister spontaner Einfälle und Taten. Meine Impulse können von einer Heftigkeit sein, die selbst Sigmund Freud in Angst und Schrecken versetzt hätten. Da nützen all meine Super-Über-Ichs nichts mehr, da bricht sich ein Wille in mir Bahn, der jede Vernunft und jeden Einwand aus dem Stadion schießt. Da gehst du besser in Deckung.
So wie am zwölften September 2015 um neunzehn Uhr fünfzehn. Als TS 72, von nichts und niemandem aufzuhalten, geradewegs vom Höninger in den Volksgarten spazierte und sich an seiner großmäuligen Willkommensgeste erregte, wohl in der stillen Hoffnung, dieser Syrer sei längst über alle Berge.
Ja, so war’s: Mein Auftritt im Volksgarten war nichts weiter als eiskalt kalkuliertes Nicht-Risiko. Oh, schade, ich hätte ja, ich wollte ja – aber jetzt ist er weg!
Aber er war nicht weg, dieser Kerl. Er saß immer noch da, flehend, klagend, fordernd.
Genau! Samirs ganzer Habitus war eine einzige Forderung. »My name is Samir, I’ve been waiting for you.«
Der hat auf mich gewartet! Und es auch noch zugegeben! Als ich ihn fragte, ob er wirklich auf mich gewartet habe. »There was such a humanitarian impulse in your eyes«, gab er mir zur Antwort.
Samir, das nehme ich dir übel. Dass du diesen Impuls schamlos ausnutzt und ihn knallhart auf die Probe stellst. Und ich Vollpfosten falle darauf herein.
Ich hätte Politiker werden sollen. Oder Schauspieler. Mein Hang zu großer Geste gehört auf die Bühne. Das ist ungefährlicher. Für Mimen und Politiker ist die Nummer nach der Vorstellung beendet. Das Licht geht aus, der Vorhang fällt. Alle Worte sind verhallt. Tritt er auf die Straße, macht niemand mehr den Mimen verantwortlich. Und Politiker streiten eh alles ab oder sitzen es aus.
Für den superschlauen TS 72 aber beginnt das Drama erst.
Wird ein schwerer Gang, aber um zwei Uhr siebenunddreißig bin ich mir sicher:
Ich sage diesem Samir, dass alles ein Missverständnis war; immerhin durfte er mal ordentlich duschen und hat richtig was zu beißen gehabt. Und: »Keine Polizei. Versprochen!« Ein TS 72 ist kein Verräter.
Ja, so fühlt es sich einigermaßen plausibel und vor allem behaglich an. Ich ziehe die Mohairdecke an mein Kinn. Der Geruch dieser Decke, die ich einst Martina geschenkt habe, die immer hautnah dabei war, wenn es körperlich zwischen uns wurde, und die sie mir zurückgeschenkt hat, als sie wiederkam und mir das Angebot einer völlig unverbindlichen Affäre machte – dieser Geruch nimmt mich endlich mit in einen schweren, schwerelosen Zustand.
*
»Samir, wir gehen frühstücken«, sage ich um neun Uhr siebzehn. Mit einer Stimme, die vor Charme und Überzeugung nur so strotzt.
Aus mir werde einer schlau. Mit stolzgeschwellter Brust führe ich meinen Gast über den Bayenthalgürtel nach Zollstock, in mein Heimat-Veedel. Ich mag zwar weggezogen sein, aber mein Herz wird für immer in den Straßen mit den hübschen moselländischen Namen schlagen: Briedeler, Ürziger, Bernkasteler.
Im Höninger bestelle ich »zweimal das extragroße Frühstücksbuffet mit unzähligen Köstlichkeiten« für knappe zwölf Euro.
Die Versicherung auf der Faltkarte, Cerealien seien gesund, hatte damals den Ausschlag gegeben. Seitdem sitze ich hier auch sonntags. Den Musikgeschmack von WDR 2 nehme ich in Kauf.
Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière habe im Rahmen der geltenden Regeln des Schengener Abkommens vorübergehend die Einführung von Grenzkontrollen an der deutsch-österreichischen Grenze veranlasst, meldet der Radiosprecher.
Ich schaue die Kellnerin an. Entziffere ihr Namensschild. Leticia ist sehr jung und sehr hübsch. Ich habe sie noch nie gesehen. Wäre ein weiterer Grund, hier zu frühstücken.
»Leticia«, sage ich grinsend und schaue zu den Minilautsprechern an der Decke. »Am besten macht ihr die Kiste einfach aus.«
Obwohl ich die Zeitung eher vorsichtig auf den Tisch lege, schreckt Samir zusammen. Er starrt wie hypnotisiert auf die Gesichter der Flüchtlinge, die auf Seite eins unter der Headline Angekommen – Das Ziel heißt Deutschland in die Kamera lachen. Aber ebenso schnell entspannt er sich wieder.
Mir fällt der Typ in der Bildergalerie oben rechts auf. Tatsächlich, der sieht Samir zum Verwechseln ähnlich.
Leticia bringt den Kaffee. Sie lächelt. Sofort gefällt sie mir noch ein bisschen besser. Ich betrachte ihre schmalen Hände, während sie Samir eingießt, und denke mir diese Hände wer weiß wohin. Und überlege, ob Samir solche Gedanken auch hat – jetzt und überhaupt.
»Ich muss dich das fragen, Samir«, kann ich meinen plötzlichen Wunsch nach Klärung nicht länger zurückhalten: »Du sagtest, Refugee-Camp sei ›nix gut‹. Willst du dich etwa nicht registrieren lassen?«
»Re-gis-trie-ren?«
»Komm, du hast mich schon verstanden. To register as a refugee. Registrieren. Klingt doch genauso. Also: why not?«
Samir hebt die Hände. »Sorry. Kein gutes Issue, Thema!«
»Du weißt schon, dass ich dich illegal bei mir wohnen lasse!«
»I know. Vielen Dank …« Samirs Reaktion gerät arg italienisch: Der beinharte Verteidiger hebt nach einem brutalen Foul unschuldig die Hände. »Well. The problem is my wife. Tahire hat Onkel in Schweden.«
»Na und?«
»Samir lieber Deutschland. Deutschland gut. Mein Traum war studieren hier. Therefore I took German lessons. For a long time. At home.«
»Studieren. Aber warum …?«
»Schicksal wollte anders. Mein Vater hatte Gemüseladen in Aleppo. My parents, they lived very modestly. Wollten mir Studium bezahlen. Then my father became seriously ill. On his deathbed I had to promise him not to abandon my mother. Nicht Stich lassen, so sagt man doch, oder?«
»Fast«, bestätige ich. »Dann hast du also das Gemüsegeschäft übernommen.« So leid mir das mit seinem Studium tut, ich stelle mir Samir mit Holger zusammen in den Markthallen vor und mag diesen Gedanken.
»Then I met Tahire. My daughter Ayasha was born. And my mother died.«
»Krass«, sage ich. Und denke: drei kurze Sätze für drei krasse Ereignisse. Schon läuft dein Leben total anders.
Ich schaue Samir prüfend an. »Und jetzt bist du trotzdem hier?«
»As I said, I like Germany. In addition: Theo nett.«
Aha, in addition. Der nette Theo in mir freut sich, aber der kritische Theo ist nicht zufrieden. Das klingt nach einem Ausweichmanöver. »Und weiter?«
Samir beugt sich zu mir herüber und flüstert: »Wenn Samir Asylantrag in Deutschland, dann nix mehr Schweden.«
»Aha, nix«, flüstere ich zurück. »Und dann ist Tahire sauer?«
»Sauer? Sour? Ah, angry. Ja, Tahire angry.«
»Okay«, sage ich. Und denke: Die Antwort ist plausibel. Und die Syrerin Tahire hat bei dem Syrer Samir was zu sagen. Ist mir tatsächlich wichtig.
»Und wie wollt ihr das lösen?«, frage ich. »Wie geht es weiter? Solange du illegal hier bist, hast du keinen Anspruch auf irgendwas.« Ich reibe Zeigefinger und Daumen aneinander.
Samir stutzt. Dann grinst er. »Money!«, sagt er. »Samir genug Money.« Er greift in seine Gesäßtasche, holt sein Portemonnaie heraus und hält mir ein paar Hundert-Dollar-Scheine hin.
Wie sieht das denn jetzt aus?
Ich schaue mich um und zische: »Are you crazy? So war das nicht gemeint. Samir, ich will kein Geld von dir. Nein. No! Pack diese verdammten Scheine weg!«
Samir zuckt zusammen. Ist er jetzt enttäuscht? Sein Blick verrät jedenfalls nichts Gutes. Auf Italienisch: Der Blutgrätschen-Verteidiger starrt entgeistert auf die völlig überraschende gelbe Karte.
»Pass auf«, sage ich und krame tief in meiner Kinderstube. »Meine interkulturelle Kompetenz ist nicht gerade ausgeprägt. Ich will dich nicht beleidigen. I don’t want to offend you. Aber du brauchst das Geld dringender. Außerdem – genau! – könnte ich jetzt auch beleidigt sein, dass du es mir überhaupt anbietest. Bin ich aber nicht. Ich nehme es nicht. Meine Hilfsbereitschaft hat mit Geld nichts zu tun.«
Wow, wie sich das anhört. Aber hat Samir es auch verstanden?
Sein Gesicht entspannt sich jedenfalls. Und prompt steht er auf, kommt einen Riesenschritt auf mich zu und umarmt mich. »Guter Mensch«, sagt er. »Du bist – Engel. Bruder!«
O Gott, bleibst du wohl stehen!, hecheln meine Gedanken dieser zwischenmenschlichen Realität hinterher. Aber meine Suche nach Hinweisen, das sei ein übler Trick, eine perfide morgenländische Masche, ist ebenso kindisch wie zwecklos.
Für ein paar Sekunden fällt jede Distanz in sich zusammen. Und diese Herzenswärme eines Flüchtlings, der zu begreifen beginnt, dass nicht alles in seinem Leben Krieg, Gewalt, Vertreibung und Elend ist, dreht meine mühsam anerzogene, aufgebaute und sorgsam behütete mitteleuropäische Menschenscheu für diesen kurzen Moment auf links.
Am Abend sitzen wir mit einem Weltatlas auf den Knien nebeneinander. Dabei berühren sich unsere Beine, der linke Oberschenkel eines Deutschen und der rechte eines Syrers. Wie warm das wird.
Zärtlich legt Samir das Foto von seiner Frau (diese Tahire ist echt attraktiv!) und seiner Tochter (einfach nur niedlich, die kleine Ayasha) beiseite. Dann fährt er mit seinem akkurat geschnittenen Zeigefingernagel über die großen doppelseitigen Bögen – Seite achtundvierzig, neunundvierzig, Der Nahe Osten – in messerscharfem Offsetdruck.
Aus Samirs Fingerrouten und seiner deutsch-englischen Erzählung puzzelt meine Vorstellungskraft den fesselnden Film seiner Flucht:
Der dreißigjährige Samir lebt mit seiner Frau Tahire und ihrer gemeinsamen Tochter Ayasha in Aleppo. Sie betreiben den Gemüseladen seiner verstorbenen Eltern.
Ich sehe eine enge Gasse mit offenen Fenstern und flatternder Wäsche, die hoch oben kreuz und quer über die Straße gespannt ist. Unten leuchten Stellagen und Kisten in der Morgensonne; unverschämt frisch und bunt quellen Auberginen, Kichererbsen und Tomaten, Feigen und Datteln hervor. Aus dem Stimmengewirr vernehme ich Samirs Rufe: Angebote des Tages und Preisansagen. Neugierige bleiben stehen, betrachten die Auslage, nehmen hier und da etwas prüfend in die Hand. Prall gefüllte Tüten wechseln den Besitzer. Eine bildhübsche junge Frau mit tiefschwarzen, langen Haaren und dunklen, geheimnisvollen Augen lächelt die Kunden an. Das muss Tahire sein. Ein Kunde lächelt zurück, in seinem Blick paaren sich Lüsternheit und Hochachtung.
Dann, aus dem Nichts, eine gewaltige Detonation!
Die ganze orientalische Idylle fliegt mir um die Ohren. Eine Bombe der Terrormiliz des Islamischen Staates hat Samirs Haus getroffen und zerstört von jetzt auf gleich seine Existenz. Wie durch ein Wunder bleiben er und seine Lieben unverletzt.
Tahire aber wird verschleppt. In einem zitternden Filmschnipsel schlagen ihre Beine in der Luft herum, das Ganze ist unterlegt mit verzweifelten Schreien. Ohnmächtig muss Samir zusehen, wie vermummte Gotteskrieger seine Frau entführen. Er beugt sich hinter dem Rest einer Auslage zu seiner Tochter hinab und hält ihr den Mund zu. Ihm bleibt keine Wahl. Wenn er sich zeigt und Tahire retten will, sind sie alle verloren …
Als seine Frau wie durch ein Wunder wieder auftaucht, kann Samir es nicht glauben. Aber es ist nicht die Zeit, Fragen zu stellen. Schweigend packt er sie und die kleine Ayasha in das Auto eines Freundes, rafft sein ganzes Geld und ein paar Dokumente zusammen und fährt mit ihnen über die Grenze in die Türkei und von dort aus weiter an die Ägäis.
Das nächste Bild zeigt die griechische Polizei, nicht gerade zimperlich. Sie lässt die Flüchtlinge von einer Schlägertruppe zurück in die Türkei prügeln. Großaufnahme: Tahire fleht ihren Mann an, er solle es allein versuchen, sie komme mit Ayasha nach, irgendwann. Tränenerstickter Abschied, Hände, die einander loslassen, ohne zu wissen, ob sie sich jemals wieder berühren.
Samir kontaktiert einen Geheimtipp, meine Fantasie lässt auf dem Display seines Smartphones ebenso einfallslos wie verheißungsvoll das Wort Schlepper aufleuchten – und eine Nummer, die ich nicht entziffern kann. Für sechstausend Dollar erhält Samir ein Visum für Libyen und die Überfahrt nach Europa.
In Algier setzt der Film wieder an. Samir und andere Flüchtlinge werden mit Pickups quer durch die algerische Sahara gefahren. Hinter den martialischen Vehikeln mit ihren armdicken Rammschutzbügeln und den zusammengekauerten Gestalten auf der Ladefläche wirbeln Staubwolken auf und verwehen.
Dann sehe ich die Schutzsuchenden alleingelassen. Zu Fuß nähern sie sich der Grenze zu Libyen.
Wie gefährlich das ist, hat ihnen niemand gesagt. Das Wasser geht aus. Kein einziger Schluck ist mehr übrig, ihr Durst wird zu einer monströsen Allgegenwärtigkeit. Bald bleiben die ersten zurück; sie legen sich einfach auf die ausgedörrte Erde und lassen ihr Gesicht in den staubigen Tod sinken. Immer öfter trifft Samir jetzt auf Verhungerte und Verdurstete. Hyänen fallen über die Leichen her, weichen nur widerwillig vor Vorüberziehenden zurück und beobachten sie aus sicherer Entfernung. Sobald die Flüchtlinge weg sind, machen sich die Raubtiere wieder an den Kadavern zu schaffen.
Schnitt.
Sie leben! Ausgehungert, aber euphorisch kommen Samir und seine Kameraden in der Grenzstadt Debdeb an, schlingen gierig einen Kanten trockenes Brot und abgestandenes Wasser in sich hinein. Mit einem Lieferwagen werden sie in die libysche Hafenstadt Zuwara gebracht. Und dort scheinen sie endgültig in einer Sackgasse zu enden.
Mehrere Wochen verbringen sie in einer Hütte, ohne dass irgendetwas geschieht. Die Männer leben bei mörderischen Temperaturen auf engstem Raum. Ich sehe die Luft stehen vor Hitze, Hoffnungslosigkeit und Aggression. Wieder gibt es Opfer. Man packt die Toten an den Beinen, schleift sie ins Freie und fort – wie verendetes Vieh.
Auch Samirs Gefährten überleben nicht.
Als niemand mehr daran glaubt, scheucht ein Bewaffneter die paar Übriggebliebenen auf und führt sie in die libysche Wüste. Samir lässt es geschehen, hat keine Angst mehr. Er will nur noch, dass dieser Horrortrip endet, egal wie.
Dann sieht er das Meer. Und gewinnt den Glauben wieder. An sich, seine Rettung und an ein Wiedersehen mit Tahire und Ayasha.
Hektik bricht aus, mit Schlägen und Tritten werden die Hilflosen auf ein rostiges Wrack verfrachtet, ohne Rücksicht auf Verluste.
Fünfhundert Flüchtlinge quetschen sich auf das viel zu kleine Boot und werden unter Deck zusammengepfercht. Und wieder gibt es nur ein paar Flaschen Wasser und ein paar Kanten Brot.
»The catering of a six-thousand-dollar-exclusive-adventure-trip«, hallt Samirs bittere Stimme aus dem Wohnzimmer-Off.
Sie seien bald in Sicherheit, erklärt ein Schlepper. Scharf und sarkastisch. Stundenlang tuckert das Boot durch die Nacht, die schwarz und hoffnungslos auf die Flüchtlinge niederdrückt. Als der Motor ausfällt, ist das Entsetzen mit Händen zu greifen. Aber bis auf ein paar klagende Rufe wütet die Panik inwendig, legt sich bleiern auf Glieder und Stimmen der dem Tod Geweihten. Weit und breit ist nichts zu sehen und zu hören – die Zeit steht still.
»Wie im Weltall, when the Safety-Tether snaps«, höre ich Samir. »Dann drang Wasser in der Boot …«
An dieser Stelle versagt seine Stimme.
Meine Vorstellung von einem riesigen Strudel, der die wehrlosen Menschen in die Tiefe zieht, zerfällt hinter dem entsetzten Blick meines Gastes. Direkt neben mir auf dem Sofa ringt ein Mensch um seine Fassung.
»He, alles gut. Hier bist du in Sicherheit!«, sage ich – und füge hinzu, wenn auch deutlich leiser: »You do not need to be afraid anymore. Germany protects you.«
Ganz langsam und ganz bewusst lege ich, als wolle ich auch meine eigenen Vorbehalte und Zweifel ein für alle Mal in die Schranken weisen, den Arm um Samirs Schulter.
… Mit den Displays ihrer Handys versuchen die Sterbenden, sich bemerkbar zu machen. Ich sehe das gespenstische Schauspiel wie bei einem Open-Air-Konzert, und doch hat es nicht im Entferntesten mit solch kitschigem Pathos zu tun.
Aber es wirkt: Samir und seine Leidensgenossen werden von der italienischen Küstenwache aufgegriffen und nach Catania gebracht. Kurze Bilder in rasanter Folge zeigen Uniformierte, die einen Flüchtling nach dem anderen über die Reling auf das sichere Schiffsdeck ziehen – der neue Boden unter Samirs Füßen ist aus zwölf Millimeter dickem Stahl, frisch gestrichen und soldatisch blank gewienert.
Schnitt.
Im sizilianischen Flüchtlingslager herrschen chaotische Zustände. Es fehlt an allem – nicht genügend Betten, keine Duschen, keine Ruhe. Täglich kommen weitere Schutzsuchende hinzu. Wie gerne wäre Samir nur einen Augenblick mit sich allein.
Aber er ist weit davon entfernt, irgendetwas zu kritisieren oder zu verteufeln. Er lebt!
Und er ist all denen dankbar, die sich ebenso wenig darüber beklagen. Die einfach nur ihren Job machen und nicht fragen, warum ausgerechnet ihre Heimat von einem Zustrom an Menschen heimgesucht wird, den beim besten Willen niemand in der Lage ist, mit normalen Standards zu bewältigen.
Per SMS meldet Tahire, es gehe ihr gut. Sie fleht ihren Mann an, weiterzureisen, so schnell und so weit wie möglich gen Norden. Schon verlassen Samir und einige andere im Schutz der Dunkelheit das Lager. Unregistriert und auf eigene Faust – niemand hindert sie daran.
Mit dem Zug erreichen sie Mailand.
Wie leicht das alles geht. Und wie frei sich das anfühlt.
Auch die Schweizer Grenzbeamten lassen sie unbehelligt passieren. Immer weiter reisen die Flüchtlinge, ohne jeden Widerstand und ohne jede Kontrolle, quer durch halb Europa.
