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Die perfekte romantische Komödie zum Fest der Liebe
Jedes Jahr im Dezember fliegen Molly und Andrew gemeinsam nach Dublin. Doch beim zehnten Flug ist alles anders …
Molly und Andrew kennen sich seit zehn Jahren und haben ein gemeinsames Ritual: Kurz vor Weihnachten treffen sie sich auf dem Flug von Chicago nach Dublin, wo beide ihre Familie besuchen. Mehr als diese sieben Stunden und fünfzehn Minuten haben sie noch nie miteinander verbracht. Doch in diesem Jahr fallen wegen eines Sturms über dem Atlantik sämtliche Flüge nach Europa aus. Während Molly nichts dagegen hätte, die Feiertage in Chicago zu verbringen, will Andrew unbedingt zu seiner Familie. Etwas leichtsinnig verspricht Molly, ihn rechtzeitig nach Hause zu bringen. Es beginnt eine dreitägige Odyssee über Buenos Aires, Paris und London, bei der die beiden sich näherkommen als je zuvor …
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Seitenzahl: 509
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jedes Jahr im Dezember treffen sich die Anwältin Molly und der Fotograf Andrew am Flughafen von Chicago, um gemeinsam nach Dublin zu fliegen, wo beide die Feiertage mit ihren Familien verbringen. Doch ausgerechnet bei ihrem zehnten Jubiläum bringt ein Sturm über dem Atlantik alles durcheinander: Statt der geplanten sieben Stunden und fünfzehn Minuten sind Molly und Andrew drei Tage lang zusammen unterwegs. Um es rechtzeitig nach Dublin zu schaffen, nehmen sie mehrere Umwege in Kauf. Insbesondere Andrew will an Weihnachten unbedingt bei seiner Familie sein. Molly dagegen wünscht sich insgeheim, die gemeinsame Zeit möge niemals enden …
Catherine Walsh hat Literatur studiert und lebt in Dublin. Wenn sie nicht gerade schreibt, versucht sie vergeblich, ihre Zimmerpflanzen nicht umzubringen. »Jedes Jahr im Dezember« ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint.
Catherine Walsh
Roman
Aus dem Englischen
von Babette Schröder
Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel »Holiday Romance« bei Bookouture.
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2023
Copyright © Catherine Walsh, 2022
First published in Great Britain in 2022 by
Storyfire Ltd trading as Bookouture.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotive: Alamy/Rvo233; FinePic®, München
Redaktion: Britta Schiller
LS · Herstellung: ik
Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss
ISBN: 978-3-641-30712-7V001
www.goldmann-verlag.de
Für Áine
HEILIGABEND, VOR NEUN JAHREN
CHICAGO
»Sind Sie sicher?«
Die Verkäuferin gibt sich keine Mühe, ihre Skepsis zu verbergen, als sie mit dem Blick meinem Finger zum untersten Regalfach hinter ihr folgt. Dort, zwischen den feineren, teureren Parfums, steht ein plumper grüner Flakon, der aussieht, als hätte man ihn versehentlich dort abgestellt.
»Es ruft nach mir«, sage ich.
Die Frau, die laut Namensschild Martha heißt, zögert, doch ich lächele nur. Schließlich seufzt sie und bückt sich, um das Parfum hervorzuholen, wobei ihre Schneeflockenohrringe glitzern. »Ich glaube, das von Armani wäre die bessere Wahl«, sagt sie, während ich den Ärmel hochschiebe. Meinen anderen Arm haben wir bereits mit fünf verschiedenen Düften bestäubt, und mir geht die unparfümierte Haut aus. »Darauf gibt es zwanzig Prozent Rabatt.«
»Das da ist einfach zu schön«, sage ich und halte ihr mein Handgelenk hin.
Pflichtbewusst sprüht sie mir den Duft auf. Als ich mich vorbeuge, um ihn einzuatmen, rümpfe ich die Nase über den künstlichen Apfelduft. Widerlich süß mit einer starken chemischen Note. Meine Schwester wird es furchtbar finden.
Also ist es perfekt.
»Ich nehme es.«
Martha hustet, als die Parfumwolke auch sie erreicht. »Falls der Preis das Problem ist, hätten wir jede Menge günstigere Alternativen.«
»Nein«, versichere ich ihr. »Das ist das Richtige. Ganz bestimmt.«
Sie öffnet den Mund, um zu protestieren, als der nächste Song aus den Lautsprechern ertönt. Irgendetwas über Schlittenglocken, Rentiere und eine fröhliche Zeit. Sie erschauert unübersehbar, und ich verziehe mitleidig das Gesicht. Ich kann nur erahnen, wie oft sie sich das Lied schon anhören musste.
»Wechseln die hier jemals die Playlist?«
»Eigentlich nicht.« Ihr Blick fällt auf das Parfum und dann auf die Menschenschlange, die sich hinter mir gebildet hat. Ich erkenne genau den Moment, in dem sie mich als hoffnungslosen Fall abstempelt. »Als Geschenk?«
»Bitte.«
Sie versteckt den Flakon in einem Haufen Seidenpapier, als ob sein Anblick sie persönlich beleidigen würde, und ich streiche im Geiste den letzten Punkt auf meiner To-do-Liste. Mit Zoes Geschenk bin ich nun offiziell fertig, um für die Weihnachtsfeiertage nach Hause zu fliegen. Oder besser gesagt für eine Woche im Dezember. Meine Familie steht nicht sonderlich auf Weihnachten, dennoch erwarten alle, dass ich nach Hause komme. Wenigstens darf ich dort für ein paar Tage das Lieblingskind sein. Seit ich zum Studium in die USA gezogen bin, haftet mir bei meinen Besuchen der Reiz des Neuen an, was bedeutet, dass ich im Grunde keine Hausarbeit zu erledigen habe. Als Zoe letztes Jahr drei Abende hintereinander das Geschirr spülen musste, war sie ziemlich genervt. Aber meine Mutter behauptete, ich würde zu sehr unter dem Jetlag leiden, und mal ehrlich, was wäre ich für eine Tochter, wenn ich meiner eigenen Mutter widersprechen würde?
»Sind Sie sicher?«, fragt Martha, die Plastiktüte fest in der Hand, und ihr professionelles Verkäuferinnenlächeln verblasst.
Ich reiche ihr das Geld und versuche, nicht über ihren Widerwillen zu lachen. »Ganz sicher.«
Ich bin gerade fertig, als mein Telefon klingelt, und meine gute Laune erhält einen erheblichen Dämpfer – es ist Hayley. Einen verwegenen Moment lang überlege ich, nicht ranzugehen. Wäre ich doch nur meinem Instinkt gefolgt, denke ich, sobald ich das Gespräch angenommen habe.
»Du musst mir einen Gefallen tun.«
Mit ihrer Stimme in meinem Ohr drehe ich mich um und bahne mir einen Weg durch den überfüllten Duty-free-Bereich am Flughafen Chicago O’Hare.
Hayley war die erste Freundin, die ich an der Northwestern kennengelernt habe. In unserem ersten Jahr wohnte sie drei Zimmer neben meinem, und als Neuling auf der Suche nach einem freundlichen Gesicht hängte ich mich an sie.
In den ersten Monaten fiel zwar nichts Bedenkliches zwischen uns vor, dennoch stellte ich schnell fest, dass es noch viel nettere Leute gab, mit denen ich meine Zeit verbringen konnte. Menschen, mit denen ich mehr gemeinsam hatte als mit der Frau, der ich ständig den Kaffee bezahlen musste, weil sie das Portemonnaie in ihrer anderen Tasche vergessen hatte. Sie ließ sich jedoch nicht abschütteln und hing auf eine Weise an mir, die ich sowohl verwirrend als auch schmeichelhaft fand – auch wenn unsere Freundschaft harte Arbeit bedeutete.
Zoe sagt immer, ich könne mich nicht richtig durchsetzen, aber so etwas lernt man ja auch nicht in der Schule. An meinem ersten Tag erhielt ich viele bunte Flyer zum Thema Freunde finden. Aber nichts darüber, wie man sie wieder loswird.
»Es ist gerade etwas ungünstig«, sage ich. »Ich bin am Flughafen, schon vergessen?«
»Es ist ein wirklich dringender Gefallen.«
»Das bezweifle ich.« Ich versuche, nicht so mürrisch zu klingen, wie ich mich fühle. »Aber sag, was ist los?«
Als sie antwortet, höre ich lautes Kaugummischmatzen. »Kann ich mir heute Abend dein blaues Kleid ausleihen? Das mit den Trägern hinten?«
»Das habe ich eingepackt.«
»Und was ist mit dem grünen, in dem du aussiehst, als hättest du Brüste?«
»Ich habe Brüste.« Ich schnaube. Die zwei brauchen nur manchmal ein bisschen Hilfe dabei, sich ins rechte Licht zu rücken. »Andrew interessiert sowieso nicht, was du anhast.«
»Andrew?«
»Dein Freund«, erinnere ich sie und versuche, nicht daran zu denken, wie sie es in meinen Kleidern treibt.
Die beiden sind seit ein paar Monaten zusammen, und ich habe ihn fast nie ohne ihre Zunge in seinem Hals gesehen. Als wir uns das erste Mal begegnet sind, waren wir beide hocherfreut, so fern der Heimat einem Iren zu begegnen, und ich plauderte munter mit ihm. Hayley schien der Gedanke, dass wir uns anfreunden könnten, allerdings nicht zu gefallen, und so hat sie uns seitdem möglichst voneinander ferngehalten. Um ehrlich zu sein, glaube ich allmählich, dass sie in ihrem Leben niemanden duldet, der sich nicht ausschließlich um sie kümmert. Doch als sie jetzt am anderen Ende der Leitung herumdruckst, ist nichts von dieser eifersüchtigen Seite zu merken.
»Was?«, frage ich und weiß, dass sie genau das von mir hören will.
»Ich überlege, mit ihm Schluss zu machen.« Sie sagt das so beiläufig, als wollte sie sich von einem alten Paar Schuhe trennen.
»Seit wann? Ich dachte, du magst ihn?«
»Ich mochte ihn.« Eine Pause. »Er macht eine Menge Witze.«
Ich verdrehe die Augen, setze meinen Weg fort und schlängle mich an den anderen Reisenden vorbei.
»Aber ich konnte ihn ja nicht kurz vor den Feiertagen abservieren«, fährt sie fort. »Ich bin schließlich kein Unmensch.«
»Nein, da hast du recht. Der kalte, dunkle Januar ist viel besser.« Armer Kerl. Bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen wir uns unterhalten haben, wirkte er ganz nett. Oder vielleicht habe ich auch nur aus Loyalität einem Landsmann gegenüber Mitgefühl mit ihm. »Wohin gehst du heute Abend?«
»Abendessen mit Rob.« Sie kann ihre Freude kaum verbergen. »Wir sind gestern zusammen losgezogen, nachdem er …«
»Wie bitte?«
»Billys Freund.«
»Ja, ich weiß, wer Rob ist«, sage ich und stelle mir vor, wie sie mit dem muskulösen Verbindungsstudenten geknutscht hat. »Was meinst du damit, ihr seid zusammen losgezogen?«
»Wir sind nach Kendras Party zu ihm gegangen, und Molly, du glaubst nicht, was er mit seiner …«
»Du hast also mit Andrew Schluss gemacht?«, unterbreche ich sie verwirrt.
»Ich sagte, ich denke darüber nach.«
Ich brauche definitiv neue Freunde. »Du hast ihn betrogen?«
»Es ist kein Betrug, wenn ich Schluss machen werde.«
»Doch, ist es!«
»O mein Gott«, stöhnt sie. »Das ist keine große Sache.«
»Du musst mit ihm Schluss machen, wenn du dich mit einem anderen triffst, Hayley. Das ist grausam.«
»Na gut«, schnauft sie. »Gut. Ich tue es jetzt gleich.«
»Nein, nicht jetzt. Warte, bis die Vorlesungen wieder anfangen.«
»Aber du hast doch gerade gesagt …«
»Ich weiß, was ich gesagt habe.« Ich betrete ein automatisches Laufband und ziehe den Koffer näher an mich heran. Dann fällt mein Blick auf mein finsteres Gesicht in der Spiegelwand gegenüber, und ich bemühe mich, eine freundlichere Miene aufzusetzen. Vielleicht hat sie recht – wer will schon an Heiligabend abserviert werden? »Wie wäre es, wenn du dich nicht mit Rob triffst, bis du mit Andrew Schluss gemacht hast?«
»Aber ich treffe mich heute Abend mit ihm«, sagt sie, als wäre ich schwer von Begriff. »Hör zu, wenn es so eine große Sache für dich ist, schicke ich Andrew eine Nachricht.«
»Hayley, das kannst du nicht machen!«, rufe ich aufgebracht bei dem Gedanken, dass sie per Textnachricht mit ihm Schluss macht. Ich kenne den Typen zwar kaum, aber es gibt doch so etwas wie Anstand.
Am anderen Ende der Leitung wird es still, und ich glaube, sie hat endlich begriffen, wie beschissen das wäre, doch dann schnaubt sie: »Okay, Mom.«
»Hayley …«
»Ich muss jetzt auflegen.« Plötzlich klingt sie äußerst gelangweilt. »Wir sehen uns, wenn du zurückkommst.«
»Ich habe dir meinen Schlüssel dagelassen, damit du meine Pflanzen gießt, nicht damit du dir ein Kleid von mir leihst und Andrew darin betrügst.«
»Bis dann!«,ruft sie und legt sofort auf.
Ich stolpere vom Laufband und starre empört auf mein Handy. Ich brauche neue Freunde. Das könnte mein Neujahrsvorsatz sein. Neue Freunde. Neue, nicht-schreckliche Freunde.
Nach dem Anruf bin ich derart schlecht gelaunt, dass ich weitere fünf Minuten brauche, bevor ich merke, dass ich in die falsche Richtung gelaufen bin. Und als ich schließlich verschwitzt und aufgelöst das Gate erreiche, ist das Boarding schon halb vorbei.
Es ist ein kleines Flugzeug. Zwei Sitze auf jeder Seite, zwei in der Mitte, dicht an dicht. Es geht quälend langsam voran, da sich die Leute im Gang stauen, während sie die Taschen in die Gepäckfächer stopfen und mit schweren Wintermänteln herumhantieren.
Ich passe mich den schlurfenden Schritten meines Vordermanns an und konzentriere mich darauf, niemanden mit meinem Koffer anzurempeln. Erst als ich bei meiner Sitzreihe angekommen bin und meine schmerzenden Finger entspanne, werfe ich einen Blick auf den Platz neben meinem.
Ich bilde mir ein, bescheidene Ansprüche an Mitreisende zu haben. Sie sollten lediglich die Schuhe anbehalten und mir nicht das Essen stehlen, wenn ich zur Toilette gehe. Ich möchte einfach einen höflichen, normalen Fremden, den ich sieben Stunden lang ignorieren kann, während ich versuche, etwas Schlaf zu bekommen. Man stelle sich also mein Entsetzen vor, als ich anstatt eines unbekannten Vielfliegers Hayleys künftigem Ex-Freund in die Augen blicke.
Andrew Fitzpatrick scheint genauso überrascht, mich zu sehen, wie ich es bin. Doch während ich denke: Das darf doch wohl nicht wahr sein, lächelt er nur. Von diesem Lächeln hat Hayley nach ihrem ersten Date geschwärmt. Ein Lächeln mit weißen Zähnen und Grübchen, bei dem einem ganz warm ums Herz wird. Und das richtet er jetzt mit aller Kraft auf mich.
So ein Mist.
»Molly?«
Mist, Mist, Mist.
»Hallo!«, flöte ich etwas zu laut. Zimmerlautstärke, Moll. Oder Flugzeuglautstärke oder was auch immer.
»Ist das etwa deiner?« Er deutet auf den Platz neben sich, und ich blicke mich um, ob nicht wie durch ein Wunder doch noch jemand anders erscheint. Natürlich ist das nicht der Fall. Dieser Flug war schon vor Tagen ausgebucht. Das weiß er auch und wartet meine Antwort gar nicht erst ab, ehe er aufsteht und in den Gang schlüpft. »Das ist ja verrückt«, fährt er fort. »Und du hast den Fensterplatz ergattert.«
Auch bekannt als der Sitz ohne Entkommen.
Ich verstaue meinen Koffer oben über dem Sitz, bevor ich mich etwas ungelenk an ihm vorbeischiebe. Sieben Stunden. Ich werde die nächsten sieben Stunden lügen müssen. Sieben Stunden und dreißig Minuten, wenn man Start und Landung mitzählt. Vielleicht könnte ich so tun, als ob ich schlafe. Vielleicht könnte ich …
»Wie läuft’s im College?« Andrew lässt sich auf den Platz neben mir fallen, während ich die Duty-free-Tüte unter den Sitz vor mir schiebe. Er schnallt sich sofort an, obwohl das Boarding noch nicht abgeschlossen ist. »Du studierst BWL, richtig?«
Smalltalk. Normalerweise habe ich nichts gegen Smalltalk, aber in solchen Situationen führt Smalltalk gelegentlich zu tiefschürfenden Gesprächen. »Wirtschaftswissenschaften.«
Er stößt einen leisen Pfiff aus. »Das klingt sogar noch besser. Du willst also Wirtschaftswissenschaftlerin werden?«
»Anwältin. Glaube ich.«
»Glaubst du?«
»Ich habe die Noten dafür.«
Er sieht mich an, als ob ich etwas Lustiges gesagt hätte. »Aber willst du Anwältin werden?«, fragt er, als ich nichts mehr sage.
»Ich habe mich noch nicht entschieden.« Die Worte klingen abwehrender als beabsichtigt, und als daraufhin ein etwas längeres Schweigen folgt, komme ich mir unhöflich vor. »Und du?«, frage ich. »Wie läuft es mit … bei dir?«
Bei meinem Zögern zucken seine Mundwinkel. »Fotografie. Es läuft gut. Vielleicht hat Hayley es dir schon erzählt, ich suche für nächsten Sommer einen Praktikumsplatz. Ich würde nämlich gern in Chicago bleiben. Vielleicht nicht gerade die klügste Entscheidung, da alles unbezahlt ist. Komplett unbezahlt. Aber ich kann bei meinem Onkel wohnen, bis er genug von mir hat. Freie Kost und Logis für ein paar Monate, wenn ich die Nachtschichten in seinem Laden übernehme.« Andrew beugt sich in meine Richtung, während eine Flugbegleiterin das Gepäckfach über unserem Kopf zuschlägt. »Riecht es hier nach Zuckerwatte?«
Na toll. »Das bin ich. Sorry.« Ich rieche an meinem rechten Arm. »Ich habe ein Parfum ausgesucht«, erkläre ich, und seine Miene hellt sich auf.
»Wirklich? Vielleicht kannst du mir ja helfen. Ich wollte Hayley mit etwas überraschen. Sie wollte keine Weihnachtsgeschenke, aber theoretisch ist es ja schon Januar, wenn ich sie wiedersehe, also … Was?«
»Nichts.« Ich lächle und ziehe das Flugmagazin aus der Tasche im Vordersitz. Warum hat sie mir bloß von Rob erzählt? Warum? Warum, warum, warum, warum …
»Ich dachte an das hier.«
Ich beobachte, wie er sein eigenes Magazin aufschlägt, zu der Seite mit den Geschenken blättert und auf einen kleinen Flakon von Chanel zeigt.
»Da steht, das ist ein Klassiker.« Er blickt auf die winzige Schrift neben dem Bild. »Neunundachtzig Dollar. Was denkst du?«
Ich denke, ich werde Hayley umbringen.
Neunundachtzig Dollar. Jemand, der für seinen Onkel Nachtschichten schiebt und in einem irischen Billigflieger sitzt, hat keine neunundachtzig Dollar für eine Frau übrig, die ihn in einer Woche abservieren wird.
»Du kannst ihr doch nichts im Flugzeug kaufen«, sage ich, während er seine Brieftasche herausholt. »Du solltest es an einem besonderen Ort kaufen.«
»Das muss sie ja nicht wissen, wenn du ihr nichts verrätst.«
»Und das ist eine Menge Geld.«
Er streckt sich nach der Ruftaste. »Ich habe darauf gespart.«
»Aber …«
»Verzeihung? Mr Fitzpatrick?« Wir drehen uns beide um, als eine andere Flugbegleiterin mit einem schelmischen Gesichtsausdruck von hinten an uns herantritt. »Ihr Bruder hat vorhin angerufen«, sagt sie, und Andrew macht ein völlig verwirrtes Gesicht.
»Es war die Rede von einem ›Happy Birthday‹-Ständchen«, fährt sie fort und überreicht ihm einen kleinen, quadratischen Umschlag. »Aber würden Sie sich auch mit einem Freigetränk zufriedengeben?«
»Gern.« Er klingt erleichtert, dann gleitet sein Blick zu mir. »Können wir zwei daraus machen?«
»Natürlich«, erwidert sie. »Was darf ich Ihnen bringen?«
»Oh …« Ich sehe Andrew an, doch der wartet auf meine Entscheidung. »Weißwein?«
»Für mich auch«, sagt Andrew und zeigt ihr das Flugmagazin. »Und kann ich …«
»Wir beginnen mit dem Verkauf, sobald wir in der Luft sind«, unterbricht sie ihn mit einem strahlenden Lächeln. »Sicherheitsgurt«, erinnert sie mich.
Wie gewünscht, schnalle ich mich an und warte, dass sie hinter dem Vorhang verschwindet. Schlimmer kann dieser Tag nicht mehr werden. »Du hast Geburtstag?«
Zu meiner Überraschung bricht er in Gelächter aus. »Nein. Das ist ein Scherz von meinem Bruder. Christian will mich nur in Verlegenheit bringen.« Als er mich ansieht, vergeht ihm sein Lächeln. »Hey, geht es dir gut? Du bist bleich wie ein Gespenst.«
»Das liegt an der Beleuchtung«, lüge ich. Na gut. Wenigstens betrügt sie ihn nicht an seinem Geburtstag.
O mein Gott, das darf nicht meine moralische Richtschnur sein!
»Ich wusste, dass er etwas im Schilde führt«, fährt Andrew fort, während ich versuche, mich zu beruhigen. »Hast du Geschwister?«
»Eine Schwester.«
»Älter oder jünger?«
»Älter. Etwa drei Minuten.«
Er runzelt die Stirn, dann fällt der Groschen. »Ihr seid Zwillinge?«
»Eineiig.«
»Im Ernst?«
Ich nicke und verkneife es mir, angesichts seiner Begeisterung die Augen zu verdrehen.
»Wow, das ist …«
Geht das jetzt wieder los?
»… völlig normal und nicht weiter beeindruckend«, fährt er fort und lächelt, als mein Blick wieder zu ihm gleitet. »Du musst es satthaben, dass die Leute beinahe durchdrehen, wenn du ihnen davon erzählst.«
»Ein bisschen«, gebe ich zu.
»Tut mir leid.«
»Nein, ich versteh das schon. Aber wenn sie mich fragen, ob wir den Schmerz der anderen spüren, möchte ich mir die Kugel geben.«
Er lacht, und ich entspanne mich ein wenig. »Wir sind zu viert«, sagt er. »Liam ist der Älteste. Dann komme ich, dann Christian. Und Hannah ist erst sechs.«
»Sechs?«
»Sie war eine willkommene Überraschung.« Er schiebt den Finger unter die Lasche des Umschlags und grinst, als er die Karte aufklappt, die nichts als einen grob gezeichneten Mittelfinger enthält. »Stilvoll. Verstehst du dich mit deiner Schwester?«
»Ja. Meistens.«
»Ich wette, es ist schwer, so weit von ihr entfernt zu sein.«
»Darüber habe ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht«, antworte ich ehrlich. »Ich meine, wir schicken uns ständig Nachrichten und so.«
»Trotzdem«, beharrt er. »Es ist sicher schön, an Weihnachten zusammen zu sein.«
»Klar.«
»Klar?« Wieder lächelt er. Diesmal noch breiter.
»Wir stehen nicht so auf Weihnachten«, erkläre ich.
Er wirft mir einen skeptischen Blick zu. »Du fliegst zu Heiligabend nach Hause.«
»Zufall. Ich jobbe in einem Schuhladen und wollte eigentlich über die Feiertage arbeiten, aber mein Chef hatte keine Schichten für mich. Außerdem wollte Zoe, dass ich ihr ein paar Sachen mitbringe, also …« Als ich merke, dass er mich anstarrt, verstumme ich. »Hier bin ich.«
»Du brichst mir das Herz, Molly.«
»Ich bin kein Scrooge!«, verteidige ich mich. »Ich habe nur keine Lust auf die ganze …«
»Liebe?«, hilft er mir aus. »Gemütlichkeit und Freude?«
»Geschenke. Geld. Dieselben zwölf Lieder, die immer und immer wieder gespielt werden.«
»Ah, das Argument der Kommerzialisierung«.
Als er das Thema so schnell abtut, sehe ich ihn skeptisch an. »Wenn man es nicht für die Kinder tut, ist Weihnachten nichts anderes als wochenlanger, teurer Stress, der unweigerlich in Enttäuschung endet. Wie kann irgendetwas diesen Erwartungen standhalten?«
»Wow. Du bist also ein Grinch?«
»Ich bin kein …«
»Ein echter Grinch.«
»Ich bin eben praktisch veranlagt.«
»Das verstehe ich«, sagt er und scheint sich zu amüsieren. »Aber es klingt auch so, als würdest du Weihnachten falsch angehen.«
»Bei dir ist das etwas anderes. Du hast es gerade selbst gesagt, in deiner Familie gibt es ein Kind. Das ist ein Unterschied.«
»Kind oder nicht Kind, man ist nie zu alt, um sich ein paar Tage lang im Haus zu verkriechen und zu essen, bis einem schlecht ist. Von der Mode ganz zu schweigen.« Er deutet auf seinen Pullover, und zum ersten Mal fällt mir das fröhlich winkende Rentier auf, das auf die Vorderseite gestickt ist.
»Rentiere winken nicht«, bemerke ich.
»Rudolph schon. Rudolph liebt es zu winken.«
Ich schnaube. »Jetzt wird mir alles klar.«
»Wirklich?«
»Mm-hm. Aus so einer Familie kommst du.«
Er scheint sich über meine Bemerkung zu amüsieren. »So einer Familie?«
»Wie aus der Werbung. Passende Pyjamas. Knisterndes Kaminfeuer.«
»Völlig hemmungslos. Du wohl nicht, vermute ich mal?«
»Wie schon gesagt, wir haben es nicht so mit Weihnachten.« Als er mich weiter mit einem Funkeln in den Augen ansieht, werde ich zunehmend gereizt und mache ein finsteres Gesicht. »Was?«
»Nichts. Ich überlege nur, wie ich dich für die schönste Zeit des Jahres begeistern kann.«
»Du könntest für den Anfang damit aufhören, solche Sachen zu sagen.«
Er grinst. »Ich werde deine Meinung darüber ändern.«
»Du bist dir ja ganz schön sicher.«
»Klar. So sicher, dass ich wette, deine grinchhafte Einstellung bis zur Landung zu ändern.«
»Eine Wette?« Ich presse die Lippen zusammen und verkneife mir ein Lächeln. »Über wie viel reden wir?«
»Eine Million …«
»Ein Dollar«, sage ich und hebe einen Finger. »Und du solltest wissen, dass ich extrem ehrgeizig bin, wenn es ums Gewinnen geht.«
»Und du solltest wissen, dass ich vielleicht unschuldig wirke, aber nicht vor Tricks zurückschrecke.«
»Unschuldig, hm?«
Er deutet vage auf sein Gesicht. »Ich habe so etwas Jungenhaftes an mir, ich kenne meine Stärken.«
Darüber muss ich lachen, und er schwenkt die gefälschte Geburtstagskarte zwischen uns. »Also«, sagt er. »Willst du sehen, wie viel wir mit dieser Karte gratis bekommen, oder nicht?«
Bevor ich antworten kann, vibriert das Handy auf seinem Schoß, und ich zucke zusammen. Irgendwann in den letzten Minuten haben wir uns einander ganz zugewandt, und als ich jetzt sehe, wer anruft, rutscht mir der Magen in die Kniekehlen, als wären wir in Turbulenzen geraten. Irgendwie hatte ich Hayley während unserer Unterhaltung vergessen, aber jetzt kehrt sie schrill in meinen Kopf zurück. Andrew hält das Telefon an sein Ohr und scheint meine Panik nicht zu bemerken.
»Es ist Hayley«, sagt er, während mein Puls zu rasen beginnt. »Sie hat so viel gebüffelt, dass ich sie vor meiner Abreise gar nicht mehr gesehen habe.« Mit einem strahlenden Lächeln dreht er sich nach vorn. »Hey, Süße! Du wirst nie erraten, wer …«
Ohne nachzudenken, reiße ich ihm das Telefon aus der Hand und beende das Gespräch.
Stille. Eine schrecklich peinliche Stille, die ewig zu dauern scheint, während Andrew mich einfach nur anstarrt.
Und dann: »Was zum Teufel …«
»Du darfst während des Fluges nicht ans Telefon gehen.«
»Wir sind noch nicht einmal auf die Startbahn gerollt«, antwortet er langsam. »Die Türen sind noch offen.«
»Es kann trotzdem eine Störung auslösen.«
Sein Mund öffnet und schließt sich, das Lachen ist ihm vergangen. »Kann ich mein Telefon zurückhaben?«, fragt er schließlich.
Ich ziehe es in Erwägung, Nein zu sagen. Ihn vor dem zu bewahren, was sonst geschehen wird, auch auf die Gefahr hin, mich wie eine Verrückte zu benehmen. Er ist ein netter Kerl. Ein netter, fröhlicher Kerl, und wenn Hayley ihm schon wehtun muss, dann bitte nicht ausgerechnet jetzt, wo er gerade zehn Minuten lang von Weihnachten geschwärmt hat. Aber sein unbeeindruckter Gesichtsausdruck verrät mir, dass er gleich den Sicherheitsdienst rufen wird, und ich möchte auf keinen Fall verhaftet werden.
»Klar. Sorry.« Ich gebe es ihm zurück. »Beim Fliegen bin ich immer etwas nervös.«
»Echt jetzt?« Er wendet sich von mir ab, so gut das bei dem wenigen Platz möglich ist, aber ich lasse nicht locker.
»Also, diese Wette … Du wolltest mich überzeugen?«
»Hör zu«, beginnt er, aber das Telefon summt erneut, und wir blicken beide nach unten und sehen eine Nachricht auf dem Display aufleuchten. Ich glaube, mir wird schlecht.
Nicht per SMS.
Nicht an Heiligabend.
Das kann sie doch nicht machen.
Andrew wird mucksmäuschenstill.
Doch, kann sie.
»Weißwein?« Nichtsahnend taucht die Flugbegleiterin wieder neben ihm auf, zwei Plastikbecher in den Händen. »Wir dürfen die Bar eigentlich erst nach dem Start öffnen, aber …«
»Ja!«, rufe ich, stehe halb auf und erschrecke die arme Frau damit. »Ja, bitte.«
Andrew rührt sich nicht, während ich die Getränke entgegennehme, ebenso wenig wie unsere neue Freundin, die etwas zu selbstzufrieden wirkt.
»Ich weiß, wir haben gesagt, wir lassen Sie mit dem Freigetränk davonkommen«, sagt sie, während er auf die SMS starrt. »Aber weil es unser letzter Flug vor Weihnachten ist, konnten wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, unsere Passagiere ein bisschen in Verlegenheit zu bringen.«
Ich blicke an ihr vorbei und sehe zwei weitere Flugbegleiterinnen auf uns zukommen. O nein. »Ich glaube nicht, dass …«
»Happy Birthday …«
O nein.
Ein dunkles Rosa kriecht Andrews Hals hinauf und breitet sich auf seinem Gesicht aus, während das Kabinenpersonal und schließlich auch die Mehrheit der Passagiere in das Lied einstimmen.
»Happy Birthday, lieber Andrew …«
Während sie lautstark ihr Bestes geben, um den Oktavsprung zu bewältigen, hebt Andrew langsam den Kopf und sieht mich an.
»Happy Birthday«, sage ich mit einem schwachen Lächeln und leere meinen Becher in einem Zug.
21. DEZEMBER, JETZT
CHICAGO
Neulich habe ich an einem Test teilgenommen. Einem dieser »Was du mit deinem Leben anfangen solltest, du unentschlossener Idiot«-Tests. Alle Fragen waren sinnlos (wähle eine Farbe, wähle ein Salatdressing). Dazwischen waren Gedanken von Promis eingestreut, die ich nicht kenne. Am Ende wurde mir gesagt, ich solle Kindergärtnerin werden. Das hat mir nicht gefallen, also habe ich ihn noch mal gemacht. Da kam heraus, dass ich Medizin studieren sollte. Als ob das einfach so von heute auf morgen ginge.
Ich habe beschlossen, meinen Job zu kündigen. Nein, ich habe beschlossen, meine Karriere an den Nagelzuhängen. Nach drei Jahren Jurastudium und vier Jahren Arbeit als Anwältin. Das war vor fünf Wochen. Mehrere Stunden nach meinem offiziellen Feierabend saß ich am Schreibtisch, schloss ein Dokument, öffnete ein anderes und stellte fest, dass ich völlig unglücklich bin, und das schon seit einer ganzen Weile.
Es war wie die Dusche in meiner ersten Wohnung: in der einen Sekunde warm und normal, in der nächsten ein eiskalter Sturzbach. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es war eine Erleichterung, mir das endlich einzugestehen, aber Unwissenheit ist manchmal auch ein Segen. Und da sich die nächste Stufe der Erleuchtung nicht gleich einstellte – weil ich nicht plötzlich meine Leidenschaft für Salsa entdeckte oder herausfand, dass ich insgeheim schon immer Buchhalterin werden wollte –, blieb nur ein ungutes Gefühl zurück, während mir immer wieder zwei kleine Worte durch den Kopf gingen.
Was nun?
Ich kenne die Antwort darauf noch nicht.
Die meisten Menschen, die ihr Leben ändern möchten, wissen, was sie tun wollen. Sie übernehmen ein baufälliges Schloss in Südfrankreich, sie machen eine Umschulung zur Sozialarbeiterin oder verkaufen all ihr Hab und Gut und werden Nonne.
Sie sprechen in der Regel nicht über Dinge wie Miete, Studienkredite und Krankenversicherung. Es gibt kein vierteiliges YouTube-Tutorial über all das, was noch irgendwie bezahlt werden muss. Keinen Dreitausend-Wörter-Blog darüber, wie man auf realistische Weise neu anfangen kann, ohne sein altes Leben komplett aufzugeben.
»Molly.«
Vielleicht fange ich an, Lotto zu spielen.
»Molly.«
Oder ich könnte mir eine Katze anschaffen.
»Hey!«
Als jemand nachdrücklich an meine Wand klopft, blicke ich auf und sehe meine Freundin Gabriela in der Tür stehen.
»Hättest du nicht schon vor zehn Minuten aufbrechen müssen?«, fragt sie. »Ich dachte, du wärst fertig.«
»Ich bin fertig.«
Bin ich nicht. Ich bin nie fertig.
»Alles gut.« Ich wende mich wieder meinem Laptop mit dem geöffneten Vertrag zu und blinzle, als die Worte vor meinen Augen verschwimmen. »Ich habe ein vierzigminütiges Zeitfenster für Verspätungen einkalkuliert.«
»Na klar.« Sie kommt ganz herein und verschränkt die Arme vor der Brust. Man sieht ihr nicht an, dass sie seit heute Morgen um sieben Uhr bei der Arbeit ist. Das marineblaue Kleid ist faltenfrei, das Make-up frisch, die dunklen Locken zu einem tiefen Pferdeschwanz zurückgebunden, der ihr herzförmiges Gesicht betont. Eine dieser Locken löst sich, als sie näher kommt und die Papierstapel vor mir betrachtet. »Ist das der Freeman-Vertrag?«
»Ist es jemals etwas anderes als der Freeman-Vertrag?«, murmle ich. »Oder kann es sein, dass wir nur noch diesen einen Mandanten haben?« Denn genau so fühlt es sich an. Das ist alles, woran ich in den letzten Wochen gearbeitet habe. Vielleicht sind es auch Jahre. In diesem Stadium kann ich mich nicht mehr zurückerinnern. Ein Hin und Her um den Verkauf eines Unternehmens, über den man sich schon vor Monaten hätte einigen sollen. »Es ist, als würde ich dafür bezahlt, allen die Zeit zu stehlen.«
»Solange du bezahlt wirst«, brummt sie und zieht einen der Ordner zu sich hinüber.
Gabriela hat auch drei Jahre Jura studiert. Drei Jahre Jurastudium und fünf Jahre in der Kanzlei. An meinem ersten Tag bei Harman & Nord führte sie mich in der schicken Wolkenkratzeretage an der LaSalle Street herum. Jener, in der wir uns gerade befinden. Gabriela will ihren Job nicht aufgeben. Gabriela, wie auch der Rest unseres kleinen Freundeskreises, liebt ihren Job und hat nichts gegen den Druck, die Überstunden oder die Rücksichtslosigkeit, die ich, wie mir zusehends klarer wird, einfach nicht besitze.
»Alles gut«, wiederhole ich, während sie zu lesen beginnt. »Ehrlich gesagt, lese ich …« – Als sie mich ansieht, verstumme ich kurz – »… seit einer Stunde dieselbe Seite«, gebe ich dann zu.
»Du brauchst Urlaub.«
»Ich mache ja welchen.«
»Nein, du fliegst nach Hause«, erwidert sie streng. »Das ist kein Urlaub. Schon gar nicht über Weihnachten. Erst recht nicht, wenn man Weihnachten hasst.«
»Ich hasse Weihnachten nicht«, brumme ich und nehme ihr den Ordner wieder ab. »Ich laufe nur nicht mit einem Rentiergeweih auf dem Kopf herum. Es gibt einen Mittelweg.«
»Nächstes Jahr solltest du einfach hierbleiben.«
»Das kann ich nicht«, sage ich und reibe mir genau zwei Sekunden lang die müden Augen, ehe mir wieder einfällt, dass ich Mascara aufgetragen habe. »Ich muss nach Hause.«
»Du fliegst immer. Bring deine Eltern dazu herzukommen. Führ sie herum, zeig ihnen, wie beeindruckend dein Leben hier ist.« Sie legt den Kopf schief und schenkt mir ein reizendes Lächeln. »Wir können zusammen essen gehen, und du kannst ihnen erzählen, was für eine wunderbare Mentorin ich bin.«
»Bist du das?«
»Eltern lieben mich. Ich bin sehr höflich.«
»Du bist eine Schleimerin, das ist ein Unterschied.« Ich klappe meinen Laptop zu und beginne, meine Papierberge zu einem riesigen Stapel aufzutürmen, aber Gabriela bleibt, wo sie ist, und beobachtet mich mit nachdenklicher Miene. »Was ist?«, frage ich.
»Nichts.« Sie streicht mit dem Finger über das dunkle Holz des Schreibtischs, dann fällt ihr Blick auf meinen Bauch. »Bist du schwanger?«
»Wie bitte?«
»Du kannst es mir ruhig sagen.«
»Nein!«
»Nein, du bist nicht schwanger, oder nein, du willst es mir nicht sagen?«
»Beides«, blaffe ich.
»Okay.«
»Ich habe noch nicht mal einen Freund.«
»Okay.« Sie senkt ihre Stimme zu einem Flüstern. »Ist das das Problem? Brauchst du etwas Sex? Den können wir dir besorgen.«
»O mein Gott.« Ich hole meine Laptoptasche und sammle meine Papiere ein. »Sei still. Wir sind keine Freundinnen mehr.«
»Es ist nur, weil du in letzter Zeit so abwesend wirkst«, sagt sie und heftet sich an meine Fersen, als ich das Büro verlasse, um meine benutzte Kaffeetasse in die Küche zu bringen. »Und du solltest wissen, dass du mit mir über alles reden kannst. Ich kann gut zuhören. Viele Leute vertrauen mir.«
»Wer vertraut dir?«
»Michael.«
»Michael ist dein Mann, er muss dir vertrauen.«
»Ja, aber man kann mir auch vertrauen. Und als die einzigen beiden Mädels in diesem Männerverein müssen wir zusammenhalten.«
»Zwei Mädels in … Du hast wieder diese Podcasts gehört, oder?«
»Frauen unterstützen Frauen«, beharrt sie. »Das bedeutet, wir müssen miteinander reden.«
»Aber nicht über meine Gebärmutter, Gab.«
Wir gehen den langen Korridor entlang, der auf beiden Seiten von gläsernen Besprechungsräumen gesäumt ist. Für eine Anwaltskanzlei haben wir ironischerweise wenig Privatsphäre. Das hat mich schon immer gestört. Besonders in Momenten der Unsicherheit komme ich mir vor wie in einem Aquarium. Als würde man mich permanent beobachten und nur darauf warten, dass ich einen Fehler begehe. Selbst jetzt ist auf der Etage viel los, denn die meisten Leute sind nach dem Abendessen noch einmal zurückgekommen, um bis spätabends weiterzuarbeiten.
In der Küche ist niemand. Ich stelle meine Tasse in die schon übervolle Spülmaschine und mache mich auf den Rückweg, wieder dicht gefolgt von Gabriela.
»Hast du seit Brandon mit jemandem geschlafen?«, fragt sie, als wir meinen Schreibtisch erreichen.
»Warum ist das wichtig?« Ich stöhne und verziehe bei der Erwähnung meines Ex-Freunds das Gesicht. »Wann hattest du denn das letzte Mal Sex?«
»Heute Morgen.«
»Das ist … Das muss ich nicht wissen.«
»Warum hast du dann gefragt?«
»Weil du …« Ich atme hörbar aus und hole die benötigten Unterlagen aus einem Ordner, bevor ich meinen Mantel anziehe. »Darum geht es nicht.«
»Aber du gibst zu, dass etwas ist.«
»Ja«, sage ich und stecke die Dokumente in die Laptoptasche. »Aber es ist nichts Ernstes, und mir geht’s gut. Oder zumindest so gut, wie es einem nach so einer Woche gehen kann.« Und bei den Wochen, die mir bevorstehen.
Ich hole einen kleinen Koffer heraus, den ich unter meinen Schreibtisch geschoben hatte, und denke an die Arbeit, die ich noch erledigen muss. Eigentlich spreche ich mit Gabriela sonst schon über solche Sachen, aber ich weiß, dass sie es nicht verstehen würde. Ihre Eltern sind beide Anwälte. Ihr Bruder ist Anwalt, und ihr Großvater war Anwalt. Alle ihre Freunde sind Anwälte. Es würde ihr nie in den Sinn kommen, etwas anderes zu tun. Es würde ihr nie in den Sinn kommen, dass es etwas anderes gibt. Ich weiß, dass sie versuchen wird, mir mein Gefühl auszureden, und um ehrlich zu sein, macht sie ihren Job besser als ich. Sie wird gewinnen.
»Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich für dich da bin«, fährt sie fort. »Und dass ich bereit bin, dir zuzuhören, falls du jemanden brauchst.«
Sie klingt so ernsthaft bemüht, dass meine Gereiztheit einer leichten Belustigung weicht. »Ich weiß«, sage ich und hänge mir die Tasche über die Schulter. »Und dafür bin ich dir dankbar. Das weißt du. Aber mir geht’s gut.«
»Ich möchte nur helfen.«
»Du kannst mir helfen, meinen Mantel zu finden.«
»Den hast du an.«
Stimmt.
»Okay, vielleicht bin ich ein bisschen unkonzentriert.« Ich blicke auf meine Armbanduhr und binde mein blondes Haar zu einem Pferdeschwanz. Noch immer ein Dreißig-Minuten-Fenster für Verspätungen. »Bleib, wo du bist.« Ich ziehe eine weiße Pappschachtel aus der unteren Schreibtischschublade und grinse, als Gabriela erfreut nach Luft schnappt.
»Ich dachte, wir schenken uns dieses Jahr nichts! Du hast gesagt, du würdest mit mir zu diesem Sambakurs für Anfänger gehen und dich nicht darüber lustig machen.«
»Das tue ich trotzdem«, verspreche ich.
Gabriela und ich schenken uns normalerweise Kleinigkeiten zu Weihnachten. Gefälligkeiten oder Präsente mit einem strengen Preislimit. Vor zwei Wochen hat sie mir geholfen, meine neue Matratze in den dritten Stock hinaufzutragen. Was für zwei nicht gerade große Frauen wesentlich schwieriger war, als es sich anhört.
»Das ist für dich und Michael«, erkläre ich. »Espresso-Brownies von dieser Bäckerei in Little Italy.« Ich öffne die Schachtel und präsentiere die säuberlich geschnittenen, leckeren Quadrate. »Erinnerst du dich? Ich habe sie zu deiner Geburtstagsparty mitgebracht, und du hast sechs davon gegessen.«
»Ich erinnere mich nicht, weil ich bestimmt eine ganze Flasche Sekt dazu getrunken habe.« Sie greift nach einem Stück und stöhnt genießerisch, als sie hineinbeißt.
»Pack sie in einen luftdichten Behälter, wenn du nach Hause kommst«, sage ich, als sie mir die Schachtel abnimmt. »Und bewahre sie bei Zimmertemperatur auf. Am besten schmecken sie mit etwas Sahne. Und vielleicht etwas Puderzucker. Oder ein bisschen …«
»Ich finde es toll, dass du glaubst, diese Babys würden es bis nach Hause schaffen«, unterbricht sie mich und leckt sich die Krümel von den Lippen. »Du hättest Köchin werden sollen.«
»Ich bereite kein Essen zu. Ich esse es.«
»Keine Arbeit, nur den Ruhm absahnen. Respekt.« Sie schiebt sich die Hälfte des Brownies in den Mund und hält einen Finger hoch. »Wafe«, nuschelt sie mit vollem Mund, was ich als »Warte« deute.
Interessiert beobachte ich, wie sie eine Schublade in ihrem Schreibtisch, der meinem gegenübersteht, öffnet und einen Teddybären der Chicago Cubs herauszieht.
»Der ist für das Baby«, sagt sie. »Damit deine Schwester ihr Kind direkt in die richtige Richtung erziehen kann.«
»Gab! Das wäre doch nicht nötig gewesen.«
»Ich weiß, aber ich bin nett.« Sie wartet, während ich den Teddy in meinen Koffer packe, zu all den Lebensmitteln und wenigen Kleidungsstücken, die ich mit nach Hause nehme. »Mehr nimmst du nicht mit?«
»Es ist nur für ein paar Tage.«
»Ja, aber es ist Weihnachten«, protestiert sie. »Was ist mit Geschenken?«
»Den meisten Menschen schenke ich Geld. Sie erwarten es und wollen es so.«
»Das kommt mir nicht sehr weihnachtlich vor.«
»Und trotzdem bin ich immer noch jedermanns Lieblingsverwandte.« Ich richte mich auf und gehe im Geiste die wichtigsten Dinge durch. Kleidung, Geldbörse, Tickets. Schlüssel, Ausweis, Telefon.
»Alles okay?«, fragt Gabriela, als ich sie endlich ansehe.
Ich nicke. »Und wenn nicht, ist es jetzt zu spät. Ruf an, wenn du mich brauchst. Ab morgen bin ich online. Und …«
»Auf Wiedersehen, Molly«, sagt sie und schiebt mich aus der Tür.
»Wiedersehen«, erwidere ich automatisch. »Frohe Weihnachten, sollte ich wohl sagen.«
»Schön, dass du so unglücklich klingst, wenn du das sagst. Das bringt mich richtig in Weihnachtsstimmung.«
Sie wartet mit mir, bis der Aufzug kommt, und winkt zum Abschied fröhlich, während sie die andere Hälfte ihres Brownies isst.
Da der Fahrstuhl auf jeder zweiten Etage hält, dauert es ewig, bis ich die Lobby erreiche.
Draußen ragen die Wolkenkratzer über mir auf, die Straßen sind voller Menschen, die auf dem Weg in Restaurants, Bars und Clubs sind. Wenigstens dauert es zu dieser Tageszeit nicht lange, ein Taxi zu erwischen, und im Handumdrehen sause ich quer durch die Stadt nach Westen in Richtung Interstate.
Der Schnee fällt in dichten Flocken, und obwohl ich schon seit Jahren hier lebe, habe ich mich immer noch nicht ganz daran gewöhnt.
Als ich herkam, war ich noch ein Teenager und hielt mich für unglaublich erwachsen, dabei hatte ich eine Scheißangst. Den ganzen Flug über hatte ich mich gefragt, ob ich einen riesigen, teuren Fehler begehe, aber alle Zweifel lösten sich augenblicklich in Luft auf, sobald ich aus dem Flugzeug gestiegen war. Ich wusste von Anfang an, dass Chicago meine Stadt ist. Und damit hatte ich Glück. Manchmal ist es unvorhersehbar, was einen anspricht und was nicht. Aber so wie Wohnungssuchende durch die Tür treten und sofort wissen, ob die Behausung etwas für sie ist, wusste ich vor all den Jahren, als ich herzog, dass ich hierhergehöre.
Es war ein Bauchgefühl.
Oder vielleicht war es Schicksal.
Meine Eltern waren davon ausgegangen, dass ich nach dem College zurück nach Dublin ziehen würde, aber ich dachte nicht daran. Wenn sie danach fragten, war ich nie um Ausreden verlegen. Die Sommer verbrachte ich mit Freunden und Bekannten. Auf das College folgte das Jurastudium. Auf das Jurastudium die Arbeit. Und nebenbei baute ich mir ein neues Leben auf. Eine eigene Wohnung, liebenswerte Freunde und eine Stadt, die ich inzwischen wie meine Westentasche kenne.
Ich liebe die Parks, die Festivals und die Strände. Die Architektur, die Menschen und die Leichtigkeit, mit der man hier miteinander umgeht. Es gefällt mir, dass sich einige der besten Restaurants der Welt direkt vor meiner Haustür befinden. Und dass das alles mir gehört.
Ich glaube, meine Familie erwartet auch jetzt noch, dass ich nach Irland zurückkehre. Aber wie könnte ich das? Das hier ist jetzt mein Zuhause. Und ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.
Also, ich habe nachgedacht …
Die Nachricht meiner Schwester erreicht mich kurz vor dem Flughafen, gefolgt von einer Reihe Emojis, mit denen sie gern jede Nachricht aufpeppt.
O nein.
Warum verschwinden wir zwei nicht einfach und fliegen auf eine griechische Insel, anstatt dass du Weihnachten herkommst?
Ich glaube nicht, dass man dich in deinem Zustand noch in ein Flugzeug lässt.
Ich ziehe einen weiten Mantel an. Das merkt keiner.
Zoe ist im achten Monat schwanger und soll im Januar entbinden. Ich glaube, meine Eltern sind noch aufgeregter als sie selbst. Sie haben sie vor Kurzem dazu gebracht, wieder bei ihnen einzuziehen, damit sie sie umsorgen können.
Vorhin waren ein paar Sternsinger an der Tür. Dad hat versucht, lustig zu sein, und sich »Hotel California« gewünscht. Mam hat ihnen ein paar übrig gebliebene Packungen M&Ms gegeben, als ob Halloween wäre.
Und die Leute fragen sich, woher ich das habe. Ich kann mir schon vorstellen, wie die nächsten Tage ablaufen werden. Die großen Familientreffen (ja, ich arbeite viel; nein, ich bin noch nicht verheiratet) und die kleineren Abendessen zu Hause, bei denen wir vier unbeholfen unsere seltsame Version von Weihnachten durchziehen. Mam wird früh ins Bett gehen, Zoe wird sich zu einer Freundin davonschleichen, und Dad wird mich im Wohnzimmer festnageln und mir die gleichen barschen, aber gut gemeinten Fragen stellen wie immer – zu meiner Altersvorsorge und der Wärmedämmung meiner Wohnung und ob ich seinen Rat befolgt und in einen guten Werkzeugkasten investiert habe. Er weiß nicht mehr, wie er mit mir reden soll, will es aber trotzdem versuchen.
Jedes Jahr ist es so, als würden wir vier halbherzig etwas nachspielen, das wir im Fernsehen gesehen haben. Und immer wieder frage ich mich, warum wir das eigentlich machen.
Mein Handy vibriert, und ein Foto von meinem sehr, sehr schmalen Jugendbett erscheint, das mit einer Bettwäsche bezogen ist, die meine Eltern ziemlich sicher schon vor meiner Geburt besessen haben.
#Glamour, schreibt Zoe darunter, und ich seufze und entschuldige mich im Geiste bei meinem armen Rücken. Sobald ich zurück in Chicago bin, muss ich eine Massage buchen.
In der Nähe des Flughafens wird der Verkehr dichter, aber zu dieser Jahreszeit sollte ich wohl dankbar sein, dass wir überhaupt ankommen. Als ich aussteige, gebe ich dem Fahrer ein Trinkgeld, checke meinen Koffer ein, behalte meine Laptoptasche aber bei mir. Nachdem ich durch die Sicherheitskontrolle bin, habe ich kein Zeitfenster mehr für Verspätungen, und ich eile geradewegs zum Duty-free-Shop wie eine Frau mit einer Mission.
»Entschuldigen Sie«, wende ich mich an die erstbeste Verkäuferin mit einem Schild um den Hals. »Welches ist das am wenigsten verkaufte Parfum, das Sie haben?«
Fünf Minuten später verlasse ich den Laden in einer widerlichen Dunstwolke von diversen Popstar-Düften und mit einem glitzernden rosafarbenen Flakon, der in einer Tüte an meinem Handgelenk baumelt.
Schließlich erreiche ich das Gate und schlängele mich an müden, missmutigen Familien und einsamen Erwachsenen, die ins Leere starren, vorbei, bis ich einen dunkelhaarigen Mann entdecke, der über eine National Geographic-Ausgabegebeugt dasitzt. Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber ich stelle mir vor, wie er beim Lesen die Stirn in Falten legt und jedes zweite Wort laut mitliest, obwohl er immer schwört, es nicht zu tun.
Einen Moment lang beobachte ich ihn nur, dann gehe ich langsam auf ihn zu und spüre mit jedem Schritt, wie die Welt um mich herum in den Hintergrund rückt. Keine Sorgen mehr, keine Planung, keine Arbeit, kein gar nichts. Zum Teufel, damit muss ich mich wahrscheinlich nach der Landung befassen. Aber nicht jetzt. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der die Arbeit bei mir an zweiter Stelle kommt.
Als ich ihn erreiche, lächele ich und zögere nicht, ihm die Zeitschrift aus der Hand zu nehmen.
»Entschuldigen Sie, Sir«, sage ich, als er erschrocken zurückweicht. »Ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz.«
Andrew Fitzpatricks erschrockene Miene verfliegt, sobald er mich sieht. Er grinst mich mit seinen haselnussbraunen Augen an, als wäre ich das Beste, was ihm heute passiert ist. Ich weiß, dass er das Beste ist, was mir heute passiert ist.
»Hey, Fremde«, sagt er und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. »Schön, dich hier zu sehen.«
VOR ACHT JAHREN
FLUGNUMMERZWEI, CHICAGO
Sieh ihn nicht an. Sieh ihn nicht an, sieh einfach gar nicht in seine Richtung. Sieh nach unten! Schau auf dein Handy und tu so, als wärst du beschäftigt. Benimm dich genauso feige, wie du es bist. Sieh nach unten, sieh nach unten, sieh nach unten.
Ich sehe auf und beobachte, wie Andrew mit einer Flugbegleiterin scherzt, während er sich langsam auf mich zubewegt.
Er hat sich die Haare komplett abrasiert, was ihm nicht steht. Ich würde ja sagen, ich erkenne ihn kaum wieder, aber das stimmt nicht. Ich erkenne ihn sehr wohl wieder, ich würde dieses Gesicht überall erkennen. In den letzten Monaten habe ich oft genug darüber nachgedacht.
Unser Flug ist genauso unvergesslich wie der Moment, als ich meine Lehrerin »Mam« nannte oder als ich vergaß, im Zug die Toilettentür abzuschließen und eine arme Frau wesentlich mehr von mir sah, als uns beiden lieb war.
Das heißt, es war verdammt peinlich, und ich habe den Moment, in dem ich ihm das Telefon aus der Hand gerissen habe, seitdem mindestens einmal pro Woche im Geiste durchlebt. Nach dem Vorfall mit Hayley haben wir kein Wort mehr miteinander gesprochen, und als wir gelandet waren, verschwand er den Gang hinunter, bevor überhaupt die Türen geöffnet wurden. Das letzte Mal habe ich ihn am Gepäckband des Dubliner Flughafens gesehen, wo er jemanden am Telefon anschrie. Ich kann mir denken, wen.
Mit Hayley habe ich mich nur noch ein einziges Mal getroffen, als sie mich eine Woche nach meiner Rückkehr auf die Party irgendeines Typen mitschleppte. Ich stellte sie wegen des Vorfalls mit Andrew zur Rede, aber sie tat es mit einem Lachen ab! Bald darauf hörte sie auf, mir SMS zu schicken, und ich beließ es dabei. Ich habe neue Freunde gefunden, mein Leben ist weitergegangen.
Aber jetzt? Jetzt?
Ich weiß, wir kommen beide aus einem kleinen Land, aber trotzdem.
Ich sinke tiefer in meinen Sitz und tue so, als würde ich durch einen Artikel scrollen, kann jedoch an nichts anderes denken als an den leeren Platz neben mir. Denn es ist einer der wenigen Plätze, die überhaupt noch frei sind.
Und Andrew kommt weiter auf mich zu.
Während ich aus dem Augenwinkel beobachte, wie er näher kommt, beginnt mein Herz heftig zu schlagen. Ich meine, das ist doch lächerlich. Es gibt Zufälle, und es gibt einfach nur kosmische Ungerechtigkeit. Er hätte jeden beliebigen Platz in jedem beliebigen Flugzeug an jedem beliebigen Tag buchen können, warum also ausgerechnet diesen? Warum muss er …
»Entschuldigen Sie? Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre Jacke zur Seite schiebe?« Andrew bleibt direkt neben mir stehen, und ich habe keine andere Wahl, als aufzusehen und mich an die vage Hoffnung zu klammern, dass er mich vergessen hat.
Hat er nicht.
Er starrt mich mit erhobenen Armen an, weil er gerade dabei ist, seine Tasche in das Gepäckfach zu schieben. Sobald sich unsere Blicke treffen, verzehnfacht sich meine Verlegenheit, und während er einfach nur vor mir steht, schießt mir die Hitze ins Gesicht.
»Hallo«, sage ich mit dem breitesten künstlichen Lächeln.
Das Wort scheint etwas in ihm auszulösen, denn seine Miene wird ausdruckslos, während er den Arm mit der Tasche sinken lässt und weitergeht, als hätte er mich gar nicht gesehen.
Okay, nicht so toll.
Schwach drehe ich mich wieder nach vorn und tue so, als würde ich das höfliche Gespräch ein paar Reihen hinter mir nicht mitbekommen. Eine Minute später taucht eine verwirrte Frau neben mir auf und rutscht mit einem mitfühlenden Lächeln auf den Platz neben mir.
»Streit mit Ihrem Freund?«, fragt sie.
Ich knirsche mit den Zähnen, riskiere einen Blick nach hinten und stelle fest, dass Andrew mich nicht aus den Augen lässt.
Sofort drehe ich mich wieder zurück und sinke so tief in den Sitz, dass er nicht einmal meinen Hinterkopf sehen kann.
Aber das spielt keine Rolle. Ich fühle dennoch den ganzen Flug über seinen Blick auf mir.
JETZT, CHICAGO
Ich werfe die Zeitschrift zurück auf Andrews Schoß und betrachte resigniert das rot-grüne Ungetüm von einem Pullover, das er trägt.
»Was zum Teufel ist das?«, frage ich und deute auf sein Gesicht.
»Das hier?« Andrew streicht sich übers Kinn. »Mein männlicher Dreitagebart, weil ich ein männlicher Mann bin?«
»Lässt du dir einen Bart wachsen?«
»Die Tatsache, dass du das erst fragen musst, bringt mich dazu, dass ich am liebsten lügen und Nein sagen würde.«
Es wird ein toller Bart, das wissen wir beide. Ich habe mir Andrew nur nie mit einem Bart vorgestellt. Ich dachte immer, sein Gesicht sei zu offen dafür, mit diesem dummen Grübchen auf der linken Wange und diesen lächerlichen Augen, die nach Belieben ihre Farbe zu ändern scheinen.
»Was passiert im Sommer, wenn du braun wirst und dich dann doch rasieren willst? Dein Gesicht hätte zwei verschiedene Farben.«
»Glaubst du, darüber habe ich nicht nachgedacht?«
Ich lächle kurz. »Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich musste bei der Arbeit noch ein paar Dinge erledigen.«
»Zu spät würde bedeuten, ich wäre in der Luft und du auf dem Boden. Das Flugzeug ist noch da, falls dir das dicke Ding da draußen entgangen sein sollte.«
»Ich wollte dich überraschen.« Ich lasse mich auf den Stuhl neben ihm fallen und überreiche ihm den Umschlag, den ich seit ein paar Tagen in meiner Tasche mit mir herumtrage.
»Es fühltsichnicht wie Diamanten an«, scherzt er und tut so, als ob er das Gewicht prüfen würde.
»Es ist ein Upgrade für die erste Klasse.«
Sein Lächeln erstirbt, und er starrt mich an. »Was?«
»In der Lounge ist bestimmt der Teufel los, aber wir können nachsehen …«
»Wie viel hat das gekostet?«, fragt er entsetzt, während er den Umschlag öffnet und die Tickets herauszieht, als stammten sie von Willy Wonka persönlich.
»Keine Sorge. Weniger, als du denkst.«
»Moll, die Weihnachtstarife sind schon schlimm genug …«
»Ich sagte, keine Sorge«, unterbreche ich ihn. »Weißt du, wie viele ungenutzte Flugmeilen ich hatte? Ich musste sie für etwas ausgeben. Außerdem ist es unser zehnjähriges Jubiläum.«
»Zehn?« Er stutzt, und ich bin etwas verletzt. »Bist du sicher?«
»Ja! Unser erster Flug war vor zehn Jahren. Das ist ein Jubiläum.«
»Es können nicht mehr als sieben sein.«
»Es sind zehn! Es ist …«
Als er eine Hand hebt und eine Goldkette zwischen uns baumelt, verstumme ich. Am unteren Ende der Kette, die im Neonlicht glitzert, hängt ein kleiner blauer Anhänger.
»Herzlichen Glückwunsch zum Zehnjährigen!«, sagt Andrew, als ich sie nehme.
»Idiot«, murmele ich ohne den geringsten Vorwurf in der Stimme und betrachte mein Geschenk. Die Kette ist schlicht, klein und passt perfekt zu mir.
»Vorsicht«, sagt er, als ich den Verschluss öffne. »Ein älterer Mann mit starkem Akzent in dem Antiquitätenladen hat gesagt, sie wäre verflucht.«
»Ach ja?«
»Irgendwas mit drei Geistern an Heiligabend? Oder vielleicht war es ein Golem. Als ich am nächsten Tag zurückgegangen bin, um nachzufragen, war der Laden auf mysteriöse Weise verschwunden.« Andrew hilft mir, mein Haar im Nacken hochzuhalten, während ich die Kette anlege. »Ich kann dir garantieren, dass sie nicht so viel gekostet hat wie die Tickets«, fügt er hinzu. »Überhaupt nicht viel, um ehrlich zu sein. Aber das ist auch nur der erste Teil.«
Jetzt werde ich neugierig. »Ich bekomme ein zweiteiliges Geschenk?«
»Ein Jubiläums- und ein Weihnachtsgeschenk.«
»Wir schenken uns nichts zu Weihnachten.«
»Ich bin ein böser Junge, Molly. Ich mache, was ich will. Ich gebe es dir, wenn wir landen, es ist in meinem Koffer.« Er streicht sich über den Dreitagebart, während ich die Kette an meinem Hals zurechtrücke, um sie ihm zu präsentieren. »Im Laden sah sie größer aus«, sagt er, als ob mich so etwas interessieren würde.
»Sie ist wunderschön, danke!«
»Sehr gern.« Sein Blick springt zu meinen Augen, und auf seinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. »Frohe Weihnachten, Moll!«
Und auf einmal bin ich so glücklich wie seit Wochen nicht mehr. »Frohe Weihnachten, Andrew!«
»Und? Irgendwelche neuen Frauen in deinem Leben, von denen ich wissen sollte?«
Ich streife eine weitere Kleidungsschicht ab und mache es mir auf dem Hocker bequem. Unser Flug hat vierzig Minuten Verspätung, darum sitzen wir an einer kleinen Bar in der Nähe des Gates. Ich mit einem Glas Sprudelwasser vor mir, Andrew mit Ginger Ale.
Zunächst hatten wir es in der Erste-Klasse-Lounge versucht, aber die war bei dem Andrang, der auf der Startbahn herrscht, erwartungsgemäß voll. Dieses Jahr schneit es besonders stark, aber deshalb mache ich mir keine Sorgen. Während in Irland schon zweieinhalb Zentimeter Schnee ein Chaos auslösen, weiß Chicago damit umzugehen.
»Nur eine«, sagt er und greift in die kleine Schale mit Tortilla-Chips zwischen uns. »Sie heißt Penny.«
Ich versuche, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen, und trinke einen Schluck. Die Bläschen prickeln auf meiner Zunge. Das hat er in seinen letzten E-Mails gar nicht erwähnt.
Zoe hat einmal gesagt, die Freundschaft zwischen Andrew und mir sei die seltsamste, von der sie je gehört hätte. Aber ich finde sie nicht schlecht. Wir wohnen an entgegengesetzten Enden der Stadt, und er ist oft beruflich unterwegs, während ich einfach rund um die Uhr im Büro bin. Abgesehen von den jährlichen Flügen sehen wir uns selten. Und obwohl ich fest daran glaube, dass eine Online-Freundschaft genauso echt sein kann wie eine persönliche, hätten wir uns ohne diese kleine Tradition aufgrund meiner Arbeitsbelastung wahrscheinlich schon längst aus den Augen verloren.
Aber nur weil wir uns nicht sehen, heißt das nicht, dass wir nicht miteinander sprechen. Textnachrichten, E-Mails, Telefonanrufe. Er war der Erste, dem ich es erzählt habe, als ich von Zoes Schwangerschaft erfuhr. Als ich meine Wohnung fand, meinen Job.
Er schickt mir vor allem Memes und Fotos von Möbeln mit dubiosen Flecken, die irgendwo verlassen in der Gegend herumstehen. (Hab einen Futon für dich gefunden, schrieb er einmal. Oder sein Lieblingsspruch: Rate mal, ob das Blut oder Ketchup ist.) Aber normalerweise hält er mich auch über seine Freundinnen auf dem Laufenden. Tatsächlich stellt er sie mir sogar bei den seltenen Gelegenheiten vor, an denen wir uns außerhalb von Weihnachten treffen. Wahrscheinlich damit sie sich keine Sorgen machen, weil ihr neuer Freund ständig einer anderen Frau Bilder von irgendwelchen versifften Sesseln schickt.
»Wann ist das passiert?«, frage ich und versuche, nicht verletzt zu klingen, weil ich es noch nicht wusste.
»Vor etwa zwei Monaten«, antwortet er beiläufig. »Sie ist süß, aber sie schnarcht. Und sie ist eine Frühaufsteherin.«
»Du hast sie erst vor zwei Monaten kennengelernt, und sie ist schon bei dir eingezogen?«
»Na ja, ich fände es grausam, sie um diese Jahreszeit draußen zu halten.«
Ich starre ihn an, während er das Telefon auf dem Tresen zu mir herumdreht und wartet, dass bei mir der Groschen fällt. Es dauert mindestens fünf Sekunden länger, als ich zugeben möchte.
»Du hast einen Hund?«
»Mein Mitbewohner hat einen Hund«, korrigiert er mich und zeigt mir ein Foto.
»Du hast einen Hund!« Als ich den kleinen Dackel sehe, bin ich entzückt. »Penny?«
Er nickt. »Wir sind sehr glücklich miteinander.«
»Ich freu mich für dich. Ich weiß, dass du schon länger einen haben wolltest.«
»Solange sich die Nachbarn nicht beschweren, sollte es okay ein. Bei dem Typen von gegenüber bin ich mir allerdings nicht sicher. Der sieht aus wie eine Petze.«
Ich gebe ihm das Telefon zurück, zögere und versuche, seine Stimmung einzuschätzen. »Mit Marissa ist es also aus?«
»Mit wem?«
Ich verziehe mitfühlend das Gesicht, und er zuckt mit den Schultern. Eine zierliche Marketingfrau mit rabenschwarzem Haar, die er im Internet kennengelernt hatte und mit der er seit einem Jahr zusammen war.
»Wir haben es versucht«, sagt er. »Aber schlussendlich hat es wohl nicht gereicht.«
»Es tut mir leid. Sie war süß.«
Er schnaubt. »Du hast sie nur einmal getroffen und mochtest sie nicht mal.«
»Das stimmt nicht!«
»Du magst meine Freundinnen nie.«
»Doch, die Lehrerin.«
»Die Lehrerin«, wiederholt er ausdruckslos. »Du kannst dich nicht einmal an ihren Namen erinnern.«
Als wäre es meine Schuld, dass man seine Verflossenen so leicht vergisst. »Soph…«
»Emil…«
»Emily!« Ich schlage triumphierend mit der Hand auf den Tresen. »Emily. Emily, die Lehrerin. Mit der unglaublich leisen Stimme.«
Er wirft mir einen liebevollen Blick zu. »Du bist so eine Bitch.«
»Das mit Emily ist Jahre her«, erinnere ich ihn. »Und hat sie dich nicht für diesen verheirateten Kerl sitzen lassen? Ich sollte sie also gar nicht mögen.«
»Alison hat mich für den verheirateten Kerl sitzen lassen. Emily hat mich geghostet.«
»Du hast einen schrecklichen Frauengeschmack.«
»Hey«, sagt er und legt eine Hand auf sein Herz. »Worte können verletzen, Molly. Vielleicht stehen schreckliche Frauen einfach auf mich. Egal, das sagt ja gerade die Richtige. Was ist eigentlich aus Brandon geworden? Du hast mir nie gesagt, warum du mit ihm Schluss gemacht hast.«
»Er hat mit offenem Mund gekaut.«
»Dann ist es natürlich nachvollziehbar.«
Ich zwinge mich zu einem Grinsen, während ich auf mein Getränk hinunterblicke und mit einem Ring an meinem Finger spiele. »Er hat einen neuen Job in Seattle«, erkläre ich. »Er ist weggezogen.«
»Und da hast du einfach Schluss gemacht?«
»Es war ein guter Job«, sage ich leichthin. »Aber ich habe keine Lust auf eine Fernbeziehung, und ich wollte nicht mit ihm dorthin ziehen. Wir waren erst seit ein paar Monaten zusammen. Ich meine, ich hatte immer noch Angst, ein großes Geschäft zu machen, wenn er in der Wohnung war.«
»An der Stelle wird’s jetzt wirklich intim.«
Ich trete ihm unter dem Tresen gegen das Schienbein und trinke noch einen Schluck. »Ich habe ihn gebeten zu bleiben«, sage ich nach einem Moment.
Sofort wird Andrews Gesicht ernst. »Ach, Moll.«
»Mir geht’s gut. Ehrlich gesagt, habe ich mich inzwischen so an das Alleinsein gewöhnt, dass ich nicht weiß, ob ich es so toll finden würde, jemanden kennenzulernen, mit dem ich wirklich zusammen sein möchte. Ich weiß nicht, ob ich mich noch so verbiegen kann.«
»Ich will nichts über dein Sexleben hören.«
»Damit meine ich, mich auf Kompromisse einzulassen, du Vollpfosten.« Ich blicke über seine Schulter auf die Abflugtafel. Unser Flugstatus ist unverändert. Verspätet. Nicht dass ich etwas gegen die zusätzliche Zeit mit Andrew einzuwenden hätte, aber ich würde sie viel lieber in den Sitzen der ersten Klasse verbringen. »Wie lange dauert es noch, bis sie gesetzlich verpflichtet sind, uns eine Pizza zu bestellen?«
»Du bist die Anwältin.«
»Keine Pizza-Anwältin.«
»Stimmt. Wie läuft es überhaupt?«, fragt er. »Hast du diesen Monat jemanden reich gemacht?«
»Aber hallo! Sogar gleich drei Leute.«
»Haben sie es verdient?«
»Alle meine Mandanten haben es verdient.« Ich leere mein Wasser und möchte unbedingt das Thema wechseln. »Wie viel freie Zeit hast du dieses Jahr?«
»Nur zwei Wochen. Danach bin ich voll ausgebucht.«
»Und du klingst auch nur ein bisschen eingebildet.«
Er grinst. »Ich habe an einem bescheideneren Auftreten gearbeitet.«
»Aha. Und wie läuft es so?«
»Nicht so gut«, sagt er, und ich lache.
Als wir uns kennengelernt haben, träumte Andrew davon, als Fotojournalist die Welt zu bereisen. An weit entfernten Orten Bilder vom Leben in all seinen Facetten zu machen. Und das hat er versucht. Jahrelang. Aber die Aufträge waren rar gesät, und wie bei den meisten Menschen siegte am Ende die Vernunft über das Wunschdenken. Durch Hochzeitsfotos kann er seine Rechnungen bezahlen, Abschlussfeiern und Bar-Mizwas bescheren ihm ein regelmäßiges Einkommen. Und er tut es nicht ungern. Er hat mir einmal gesagt, dass er viel Freude am Gewöhnlichen hat, dass er seine Arbeit und die Menschen, die er trifft, mag. Ich glaube ihm. Und ansonsten bräuchte ich mir nur seine Fotos anzuschauen, um es zu sehen.
»Ich denke darüber nach, eine neue Website zu erstellen«, fährt er fort. »Ich kenne da einen Typen, der …«
»Shit!«
Wir blicken beide auf den erschöpften Geschäftsmann neben uns.
»Entschuldigung«, sagt er, als er merkt, dass wir ihn ansehen. »Entschuldigen Sie! Mein Flug wurde gerade gestrichen.« Ohne ein weiteres Wort rutscht er vom Hocker und hält sich das Telefon ans Ohr.
»So was ist beschissen«, murmelt Andrew, und ich nicke und bin plötzlich beunruhigt, als ich die Uhrzeit sehe.
»Das wird schon.« Andrew errät meine Gedanken. »Heute Abend ist viel los. Das hatten wir doch schon öfter.«
Das stimmt. Letztes Jahr hatten wir fünf Stunden Verspätung, nicht genug, um noch mal nach Hause zu fahren, aber genug, dass alle ziemlich
