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»Sie sind jetzt in Sicherheit« Wer sich in einer medizinischen Notlage befindet, ist in einer Art Trancezustand: Die Wahrnehmung ist eingeschränkt, gleichzeitig hoch fokussiert und empfänglich für Suggestionen jeglicher Art. Für die Patientenansprache birgt das gewisse Risiken, aber auch große Chancen. Ein legendär gewordenes Experiment hat das eindrücklich belegt. Dabei erreichten mehr Notfallpatient:innen lebend das Krankenhaus, wenn sie von entsprechend geschulten Ersthelfer:innen versorgt wurden, ihr Genesungsprozess verlief besser und sie konnten das Krankenhaus nach kürzerer Zeit wieder verlassen als Patient:innen aus herkömmlich versorgten Vergleichsgruppen. Don Jacobs und Bram Duffee stellen in diesem Buch alles zusammen, was für eine wirksame Kommunikation mit Notfallpatienten gebraucht wird. Die Prinzipien der hypnotischen Kommunikation bilden die Basis für die Glaubwürdigkeit der Helfenden und das Vertrauen in ihr Tun, für die Beziehung zu den Patient:innen und für deren Erwartungen an das, was mit ihnen geschehen wird. Geordnet nach der Art des Notfalls und den entsprechenden Anforderungen, formulieren Jacobs und Duffee klare Anweisungen, etwa zum Stoppen von Blutungen und zum Umgang mit Schmerzen. Übungen am Ende jedes Kapitels verankern das Gelernte, Angaben zu weiterführender Literatur helfen, das neue Wissen zu vertiefen. Die Autoren: Don Trent Jacobs, Ph.D., Ed.D.; ehemaliger Feuerwehrmann, Rettungsassistent und Vizepräsident der Nordkalifornischen Gesellschaft für klinische Hypnose; derzeit Professor an der Fielding Graduate University in Santa Barbara, CA. Autor von über 20 Büchern im Bereich Wellness, Bildung und indigene Weltanschauung. Bram Duffee, Ph.D.; Rettungssanitäter, Wissenschaftler und Speaker aus Houston, Texas. Als Spezialist für Gesprächsanalyse untersucht er die Interaktionen von Rettungskräften mit dem Ziel, die Notfallversorgung zu verbessern. Derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für soziale Innovation der Fielding Graduate University tätig. Der Herausgeber: Ernil Hansen, Dr. rer. nat., Dipl.-Biol., Dr. med.; Facharzt für Anästhesiologie, Professor für Anästhesiologie Universität Regensburg, Anästhesist am Universitätsklinikum Regensburg bis 2013, seitdem Studentenunterricht "Therapeutische Kommunikation", Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (MEG), Träger des Milton-Erickson-Preises 2022.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Don Trent Jacobs / Bram Duffee
Kommunikation mit Patienten in der Rettungs- und Notfallmedizin
Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Ernil Hansen
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Dempewolf
2025
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe: Hypnose und Hypnotherapie
hrsg. von Bernhard Trenkle
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: B. Charlotte Ulrich
Umschlagmotiv: © Vladimir – stock.adobe.com
Redaktion: Nicola Offermanns
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2025
ISBN 978-3-8497-0558-9 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8529-1 (ePUB)
© 2025 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
Alle Rechte vorbehalten
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Hypnotic Communication in Emergency Medical Settings«.
© 2024, Routledge, 4 Park Square, Milton Park, Abingdon, Oxon OX14 4RN,
Mitglied der Taylor & Francis Group.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Dempewolf.
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Carl-Auer Verlag GmbH
Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg
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Vorwort des Herausgebers zur deutschen Ausgabe
Vorwort der Autoren
Einleitung
Rechtliche und ethische Erwägungen
Gegenübertragung
Teil I: Glaubwürdigkeit sichern
1 Glaubwürdig sein (CREDIBLE)
Heilen mit Worten: Ein Blick in die Geschichte
Das Kansas-Experiment
Wie Worte die Heilung beeinflussen
Körpersprache
2 Vertrauen (Confidence)
Leitfaden zur Ausstrahlung von Vertrauen und Souveränität
3 Beziehung (Rapport)
Leitfaden zum Aufbau von Beziehung
4 Erwartung (Expectation)
Teil II: Bewältigungsmechanismen aktivieren
5 Anweisungen (Directives) – ein Überblick
6 Innere Bilder (Images)
7 Glaubhaftigkeit (Believability)
8 Wortwörtliche Auslegung (Literal interpretation)
Wortwörtliche Auslegung dessen, was der Patient im Hypnosezustand hört
9 Motivation (Enthusiasm)
Die Rolle von Motivation in der Patientenkommunikation
Motivation und Selbstwahrnehmung
Emotionen und Motivation
10 Umgang mit Schmerzen
Schmerzmanagement
11 Blutungen stoppen
12 Kardiovaskuläre Notfälle
Behandlung oder Vorbeugung von Schockreaktionen
Akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt)
Herzstillstand
Schlaganfall
13 Thermische und chemische Verletzungen
Verbrennungen und Verätzungen
Erfrierungen
14 Atemwegsprobleme
Asthma
Hyperventilation
Erstickungsanfall
15 Anaphylaxie
Das Immunsystem des Patienten umlenken
Das Gedächtnis des Immunsystems
16 Entbindung und pädiatrische Notfälle
Notfallgeburt
Pädiatrische Notfälle
17 Psychische Notfälle
Plötzlicher Tod eines nahestehenden Menschen
Suizidversuch
Vergewaltigungsopfer
Aggressives, gefährdendes Verhalten
18 Selbsthypnose zur Selbstfürsorge der Helfer
Eine Überlebensmentalität entwickeln
Anhang
Das Kansas-Experiment (Wright 1976)
Merksätze
Weiterführende deutschsprachige Bücher
Literatur
Anmerkungen des Herausgebers
Ergänzende Literatur
Über die Autoren
Ohne seine eigene Mitwirkung ist kein Unfall- oder Notfallopfer zu retten. Die Feuerwehr kann die Person aus einem brennenden Haus »retten«, aber nicht ihr Leben. Das können auch Medikamente und medizinische Maßnahmen nicht. Ohne die Funktionen der Homöostase, ohne Vasomotorik und Gerinnung, ohne Wundheilung und Immunsystem, ohne die Selbstheilungskräfte und einen »Lebenswillen« geht es nicht. Demgegenüber ist die Mitwirkung des Patienteni durch seine Angaben, sein Befolgen von Anweisungen zweitrangig verglichen mit der Regulation seiner Körperfunktionen. Diese kann aber nicht rational und willkürlich erfolgen. Sie ist im Unbewussten abgespeichert. Und das lässt sich durch Kommunikation ansprechen, erreichen und beeinflussen.
Von dieser Art von Kommunikation handelt das vorliegende Buch – eine Kommunikation, die nicht nur Informationen vermittelt und austauscht, sondern auf den Patienten einwirkt, auf seine Erkrankung und seine Gesundung, die damit eine therapeutische Kommunikation ist. Doch Kommunikation hat zwei Seiten: Wie jedes Medikament und jede Therapie kann sie heilen oder auch schaden. So ist es gerade im Notfall zuallererst unsere Aufgabe, durch Kommunikation und Suggestionen in der Kenntnis ihrer Funktionsweisen Schaden abzuwenden. Denn wie stark ein Patient geschädigt wird, hängt nicht allein von dem erlittenen Trauma oder medizinischen Ereignissen ab, sondern im weiteren Verlauf in erheblichem Maße auch von der Qualität der Kommunikation. Einer Posttraumatischen Belastungsstörung ist besser zu diesem Zeitpunkt entgegenzuwirken, als sie später zu therapieren. Und erst wenn die negativen Einflüsse auf den Notfallpatienten vermieden oder neutralisiert sind, kann eine positive Kommunikation ihre volle, auch medizinische Wirkung entfalten (Hansen a. Zech 2019). Sie ist essenziell notwendig, denn wissenschaftliche Erkenntnisse und klinische Erfahrung haben die künstliche Trennung von Körper und Psyche inzwischen überwunden und gezeigt, dass beide die Erkrankung bestimmen – genauso wie auch die Heilung.
Ein Großteil der Symptome und Probleme bei einem Notfall entstehen nicht von außen, sondern als Reaktionen des Körpers: die Atemnot durch Bronchospasmus oder Glottisödem, der Blutdruckabfall bei Ansicht von Blut, der Koronarspasmus bei Stress. Um sie einzubeziehen, müssen wir das Unbewusste ansprechen.
Die menschliche Kommunikation kann sich nicht auf Informationsübermittlung beschränken, sondern lebt von Bedeutungsinhalten. Sowohl die Erzeugung von Erwartung und Placebo-Effekten (Moerman 2006), die jedes Medikament, jede medizinische Maßnahme erst zur vollen Wirksamkeit bringen, als auch die Erfüllung der psychologischen Grundbedürfnisse, die Sicherheit und Zuversicht vermittelt und die eigenen Schutz- und Heilungskräfte bestärkt (Zech u. Hansen 2024), werden inzwischen ganz wesentlich als Reaktion auf Bedeutsames (meaning response) verstanden. Und nicht zu vergessen: die Bedeutung der therapeutischen Beziehung!
Für diese Zusammenhänge und meine praktische Tätigkeit als Arzt war eine wirklich einschneidende und inspirierende Erfahrung das 1991 erschienene Buch Patient communication for first responders and EMS personnel von Donald T. Jacobs. Wo in der Medizin sonst ging und geht es darum, welche Worte wir im Notfall zu Patienten sprechen, wie Menschen in größter Not funktionieren und welche Bedürfnisse sie haben oder wie sich in dieser Situation eine Beziehung aufbauen lässt? Hier erschien ein Buch, geschrieben von einem Paramedic für Paramedics, in einem Rettungssystem, in dem – ohne ärztliche Mitwirkung am Unfall- bzw. Notfallort und beim anschließenden »scoop and run« (Einpacken und Wegbringen) mit oft langen Fahrten zum Krankenhaus – neben nur basalen medizinischen Erstmaßnahmen im Wesentlichen »Reden mit dem Patienten« anstand. Das Buch enthält einen großen Schatz an Kommunikationserfahrungen und -beispielen. Es hat mich auch bestärkt, mich mit moderner Hypnose auseinanderzusetzen – also dem Zugang und der Sprache für das Unbewusste. In der Folge habe ich in meinen Vorlesungen, Vorträgen, Seminaren und Fortbildungen für Rettungskräfte sowie meinen Publikationen immer und ausgiebig auf Beispiele aus diesem Wunder-vollen Buch zurückgegriffen und es durch Publikationen dem deutschsprachigen Fachpublikum zugänglich gemacht (Hansen 2009; Hansen, Zimmermann u. Dünzl 2010) – u. a. das bemerkenswerte »Kansas-Experiment«. Es ist ein Glücksfall, dass dieses schon lange vergriffene Buch der Autoren Don T. Jacobs und Bram Duffee unter dem Titel Hypnotic communication in emergency medical settings – for life-saving and therapeutic outcomes nun erneut in den USA veröffentlicht wurde (Jacobs a. Duffee 2024). (Unverständlicherweise nehmen die Autoren darin kaum Bezug auf das zugrundeliegende Buch von 1991, obwohl der ursprüngliche Text weitgehend übernommen ist.) Von noch größerer Bedeutung ist jedoch, dass dieses einzigartige Buch jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt und sich nun an ein notarztgebundenes Rettungssystem wendet und damit auch an Ärzte.
Für das Lesen und das Verständnis des Buches ist es unabdingbar, an dieser Stelle die völlig unterschiedlichen Systeme von Notfall- und Rettungsdienst in Europa bzw. den USA sowie weitere Besonderheiten anzusprechen. Die beteiligten Berufsgruppen – im angloamerikanischen System mit Paramedics, EMT (emergency medical technicians) und ehrenamtlichen EMR (emergency medical responders), in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Notfallsanitätern, Rettungssanitätern und Sanitätern bzw. Transportsanitätern – sind in Ausbildung und Befugnissen nur bedingt vergleichbar. Daher haben wir die englischen Berufsbezeichnungen nicht mit »Rettungs- oder Notfallsanitäter« übersetzt, sondern sind auf Begriffe wie »Helfer« und »Rettungskraft« ausgewichen. Der gravierendste Unterschied ist jedoch das Fehlen eines Arztes im US-amerikanischen System und die entsprechend eingeschränkte medizinische Versorgung vor Ort wie auch während des Transportes. Auffallend rar sind in den Fallberichten entsprechend medizinische Maßnahmen benannt. Dies und eine z. T. ungewohnte Ausdrucksweise – beide Bücher wurden von Paramedicsii und nicht von Notfallmedizinern geschrieben – tun der Aussage und dem Wert des Buches jedoch keinen Abbruch! Denn die Kommunikation mit Patienten in Not, die hier angesprochen und in eindrucksvollen Textbeispielen ausgeführt wird, gilt für alle beteiligten Berufsgruppen gleichermaßen. Vom Laien-Ersthelfer bis zum Rettungssanitäter, vom Feuerwehrmann bis zum Notarzt, vom Notfallsanitäter bis zur Pflegekraft in der Notaufnahme: Alle können von dieser Art der Notfallkommunikation profitieren, v. a. die Patienten. Sie ist auch unabhängig von der Art und dem Ausmaß der medizinischen Behandlungsmaßnahmen. In jedem Fall soll sie nicht Unterbrechung oder gar Ersatz der medizinischen Erstmaßnahmen sein, sondern diese unterstützen und ergänzen, was gleichermaßen notwendig ist.
Ebenso ist die lange Entstehungsgeschichte des Buches nicht als Nachteil anzusehen: Der notwendige und richtige Umgang mit diesen Patienten und das persönliche und heilungsunterstützende Gespräch mit ihnen sind zeitlos. Während sich in den letzten 30 Jahren immense Entwicklungen und Fortschritte für die medizinische Behandlung in der Notfall- und Rettungsmedizin ergeben haben, gibt es kaum eine Weiterentwicklung in der therapeutischen Kommunikation mit diesen Patienten. Trotz aller neuen Erkenntnisse ist sie weder ersetzbar noch veraltet, vielmehr ist ihre Rolle bis heute weitgehend vernachlässigt. So ist z. B. bis heute nicht vorgesehen, dass bei der Reanimation auch jemand mit dem Patienten spricht. Und was auch?
Diese deutsche Ausgabe erweitert den Leserkreis auf Ärzte, bedingt durch die enge Zusammenarbeit von Medizinern und Nichtmedizinern bei der Versorgung von Unfall- und Notfallpatienten in den Gesundheitssystemen des deutschsprachigen Raums. Ohne das »Ziehen an einem Strang« lassen sich weder die Negativeinflüsse eindämmen noch eine therapieunterstützende und selbst therapeutisch wirkende Kommunikation aufbauen und erfolgreich einsetzen. Dabei beschreiten wir Neuland. Natürlich gibt es reichlich Literatur zum Thema »Notfallkommunikation« und Lehrbücher über Kommunikation an sich. Unbenommen sind sie notwendig und sehr hilfreich, tragen sie doch bei zu einem reibungslosen Ablauf der Notfallversorgung, der fehlerfreien Informationsübermittlung, der Kommunikation zwischen den beteiligten Rettungskräften untereinander und zur Rettungszentrale, der sicheren Befundübermittlung entlang des Rettungseinsatzes von Unfallort über die Notaufnahme bis zum Operationssaal und zur Intensivstation. Sie betreffen auch psychische Notfälle und liefern theoretische Grundlagen der Kommunikation.
In dem vorliegenden Buch dagegen geht es um eine Kommunikation mit den betroffenen Notfallpatienten – mit jedem von ihnen, weil sie alle ähnlichen Belastungen ausgesetzt sind und Bedarf an Kommunikation haben. Das Buch vermittelt keine kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen und Theorien, sondern gibt höchst praktische Formulierungen an die Hand, die sich sofort anwenden lassen, zudem praktische Übungen dazu, wie Sie authentische eigene Formulierungen entwickeln können. Und das in einer Fülle, wie sie in medizinischen Lehrbüchern bisher nicht zu finden ist. Es kommen Besonderheiten zur Sprache, die bisher in der notfallmedizinischen Literatur weitgehend fehlen: der besondere, notfallinduzierte Trancezustand, in dem sich Patienten befinden, und die adäquate Sprache dafür. Ihre Kenntnis ist in diesen existenziell bedrohlichen Situationen von entscheidender Bedeutung, denn die eingetretene erhöhte Empfänglichkeit für Suggestionen ist unbedingt zu berücksichtigen, allein schon, um eine Negativ-Trance zu vermeiden. Über Vernunft sind diese Patienten oft nicht mehr erreichbar – eine Trance-Sprache, wie sie hier aufgezeigt wird, ist angezeigt.
Damit kommt »Hypnose« ins Spiel, und zwar nicht nur die Erfahrungen und Erkenntnisse moderner wissenschaftlich fundierter Hypnose und Hypnotherapie, wie sie in dem Buch anklingen, sondern die ganze Vorbelastung des Wortes durch historische Fehlentwicklungen, Show- und Laienhypnose, die wesentlich den Zugang, die Brücke zurück in die Medizin, behindern (Hansen 2024a). Für das Verständnis und die praktische Anwendung dieses Buches ist keine Hypnoseausbildung nötig, wie sehr auch die nähere Beschäftigung mit Hypnose nützlich und empfehlenswert ist.iii Da man – wie im Buch ausgeführt – im akuten Notfall davon ausgehen kann, dass sich der Patient bereits in einem Trancezustand befindet, entfällt die Notwendigkeit, sich mit Hypnose-Induktionstechniken zu beschäftigen. Entsprechende Angebote für »Notfallhypnose«, die nicht auf Ärzte und Psychotherapeuten beschränken werden – wie es die seriösen, wissenschaftlichen Hypnosegesellschaften fordern –, sind nachweislich potenziell gefährlich, weil sie zu psychotherapeutischen Versuchen, z. B. zu einer Traumatherapie ohne entsprechende Ausbildung, verlocken können. Auch eine »Trance-Vertiefung« ist, anders als in speziellen psychotherapeutischen Situationen, nicht notwendig, weil der Notfallpatient die adäquate, notwendige Tiefe der Trance selbst regelt (Rossi a. Cheek 1994). Ebenso ist eine Verstärkung hypnotischer Phänomene wie z. B. Dissoziation ohne speziellere Kenntnisse selten sinnvoll, weil z. B. eine spontan im Notfall eingetretene Dissoziation eng mit der Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) korreliert.
Die Erkenntnis, dass sich Patienten in akuten Notfällen oft, geradezu regelhaft, in einem hypnoseähnlichen Trancezustand befinden – d. h. in einem geistigen Zustand erhöhter Empfänglichkeit für Suggestionen mit der kritiklosen Bereitschaft, die gesprochenen Worte wörtlich zu nehmen –, ist eine wesentliche Botschaft dieses Buches. Die Autoren sprechen von Spontanhypnose, während man »Hypnose« heute eher enger fasst und besser von Spontantrance sprechen würde. So groß die Ähnlichkeit in den Reaktionen und so wichtig und hilfreich die Erkenntnisse der Hypnoseforschung und Hypnotherapie für die dann adäquate »hypnotische Kommunikation« auch sind, halte ich es weder für notwendig noch bei all den angesprochenen Vorurteilen und Falschinformationen für hilfreich, wenn wir den Patienten gegenüber wie bei der Aufklärung und Fortbildung über diese Art von Kommunikation dem Notfall- und Rettungspersonal gegenüber von »Hypnose« sprechen. Der Notfallpatient braucht Kommunikation und nicht Hypnose. Das Wort »Hypnose« in diesem Buch sollte Sie also nicht irritieren, sondern eher neugierig machen.
Zur Aktualisierung haben die Autoren in der neuen Buchversion Literaturzitate hinzugefügt, die ich als Herausgeber in der vorliegenden Übersetzung noch erweitert und auch um deutschsprachige Literatur ergänzt habe. Letztere finden sich zusammen mit Ergänzungen und Kommentaren als Anmerkungen des Herausgebers am Ende des Buchs. Wegen ihrer großen praktischen Bedeutung sind im gesamten Text Formulierungsbeispiele durch Grauhinterlegung hervorgehoben. Außerdem wurden wichtige Textpassagen als Merksätze markiert. Sie finden sich zusammen mit dem »Kansas-Experiment« sowie Anleitungen, die sich aus Unterkapiteln ergeben, und einigen »Hypnosetechniken« auch zusammengefasst im Anhang.
Einer besseren Anschlussfähigkeit in der Medizin ist auch die Streichung des letzten Kapitels der aktuellen amerikanischen Ausgabe geschuldet: »The planetary emergency«. So relevant das Thema und so lesenswert die Vorschläge der Autoren auch sind, sehe ich es doch als vorrangiges Ziel der vorliegenden Ausgabe, Kommunikationsstrategien für den Notfall an medizinische Helfer zu vermitteln, die akut Patienten retten müssen, nicht den Planeten. Wir verweisen für dieses Kapitel auf die Originalausgabe.
Das vorliegende Buch bietet zum einen deutschsprachigem Fachpersonal in der Notfall- und Rettungsmedizin direkten Zugang zu dem großen Erfahrungsschatz amerikanischer Paramedics, und zwar hauptsächlich in Form zahlreicher wörtlicher Beispiele und Formulierungsvorschläge, die direkt zur Anwendung in der praktischen Arbeit einladen. Zum anderen bringt es das Thema »therapeutische Kommunikation« aktuell in die Medizin, indem es sich – rettungssystembedingt – auch an die beteiligten Ärzte richtet. Dabei werden bisher zu wenig berücksichtigte Aspekte wie der spontane Trancezustand und die damit einhergehende erhöhte Empfänglichkeit von Patienten in akuten Notsituationen angesprochen. Nebenbei, doch nicht minder bedeutsam, weitet das Buch den Blick auch auf Patienten in Bewusstlosigkeit, wie sie in diesen Notfallsituationen nicht ungewöhnlich ist – bei Herzkreislaufstillstand, Schädelhirntrauma oder Intoxikation, bei Reanimation oder Koma –, indem sie für die notwendige Kommunikation keine Unterscheidung zwischen wachen, eingetrübten oder bewusstlosen Patienten macht (Hansen 2024b). Die im Buch beschriebene Trance-Induktion durch Angst und Schmerz ergibt, dass die vorgestellte Betrachtungs- und Umgangsweise nicht nur bei Unfall oder Notfall, sondern genauso für andere Akutsituationen von Patienten Geltung hat. Das bedeutet: Dies ist nicht nur ein Buch für in Rettungs- und Notfallmedizin Tätige, sondern es ist genauso hilfreich für medizinisches Personal in Anästhesie, operativen Fächern, Geburtshilfe, Radiologie, Zahn- oder Kinderheilkunde, Intensivmedizin u. v. m., um noch kompetenter und wirkungsvoller Patienten in Not durch Kommunikation beizustehen – letztlich also für uns alle, auch als Privatperson, die wir jederzeit unerwartet und plötzlich als Ersthelfer einem Menschen in Not, vielleicht einem nahen Angehörigen, gegenüberstehen können. Ein wichtiges Buch also!
Ernil Hansen
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.
Universitätsklinikum Regensburg
Hansen, E. (2009): Kommunikation mit Notfallpatienten. In: C. Madler et al. (Hrsg.): Akutmedizin – Die ersten 24 Stunden. Das NAW-Buch. München (Urban & Fischer), 4. Aufl., S. 1177–1187.
Hansen, E. (2024a): Efforts, pitfalls and criteria to build a bridge between hypnosis and medicine. In: J. H. Linden et al. (eds.): Routledge international handbook of hypnosis. Section IV.
Frontiers of hypnosis
, pp. 741–753.
Hansen, E. (2024b): Touching the unconscious in the unconscious – hypnotic communication with unconscious patients.
Frontiers in psychology
15: 1389449. DOI: 10.3389/fpsyg.2024.1389449.
Hansen, E. a. N. Zech (2019). Nocebo effects and negative suggestions in daily clinical practice – forms, impact and approaches to avoid them.
Frontiers in pharmacology
10:77. DOI: 10.3389/fphar.2019.00077.
Hansen, E., M. Zimmermann u. G. Dünzl (2010): Hypnotische Kommunikation mit Notfallpatienten.
Notfall + Rettungsmedizin
13: 314–321. DOI: 10.1007/s10049-010-1293-z.
Jacobs, D. T. (1991): Patient Communication for first responders and EMS personnel: The first hour of trauma. Englewood Cliffs, NJ (Brady).
Jacobs, D. T. a. B. Duffee (2024): Hypnotic communication in emergency medical settings – for life-saving and therapeutic outcomes. New York (Routledge).
Moerman, D. E. (2006): The meaning response: thinking about placebos.
Pain practice
6 (4): 233–6. DOI: 10.1111/j.1533-2500.2006.00091.x.
Rossi, E. L. a. D. B. Cheek (1994): Mind-body therapy. Ideodynamic healing in hypnosis. New York (Norton).
Zech, N. u. E. Hansen (2024): Reden mit Bewusstlosen? Therapeutische Kommunikation während Narkose, Reanimation oder Therapiekomatöser Zustände.
Anästhesiologie, Intensivmedizin Notfallmedizin, Schmerztherapie
59 (10): 610–615. DOI: 10.1055/a-2046-4466.
i Der besseren Lesbarkeit halber wird in diesem Buch das generische Maskulinum verwendet, das per definitionem alle Geschlechter umfasst.
ii Der Erstautor war zur Entstehungszeit des Buches »fire fighter and EMT«.
iii Dazu empfehlen sich Fortbildungsangebote und Literaturhinweise der wissenschaftlichen Hypnosegesellschaften, etwa der Milton Erickson Gesellschaft für klinische Hypnose (M. E. G.), der Deutschen Gesellschaft für Hypnose (DGH), der Milton Erickson Gesellschaft Austria (MEGA) oder der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose (SMSH).
Im Vorwort eines Sachbuchs erläutern die Autoren gewöhnlich, was sie bewogen hat, über ihr Thema zu schreiben. Am Ende dieses Abschnitts teilen wir (Bram und Don) Ihnen unsere persönlichen Gründe dann natürlich auch gerne mit. Beginnen wollen wir jedoch mit unserer gemeinsamen Überzeugung, dass die Worte, die innerhalb der ersten Stunde zu einem Unfall- oder Notfallopfer gesagt werden, das Potenzial haben, Leben zu retten, Leiden zu lindern und Heilung einzuleiten.
Dies wissen wir beide aus unserer zusammengenommen fast vierzigjährigen Erfahrung in den Bereichen Notfallmedizin und Hypnose. Gleichzeitig kennen wir als promovierte Wissenschaftler auch die Forschungsergebnisse, die diese Überzeugung stützen. Auch wenn wir im Rest des Buches akademische Fachbegriffe und entsprechende Zitate auf ein Minimum beschränken, möchten wir hier einige Studien anführen, die sich auf diese Forschungen beziehen. Die folgenden Abstracts sind nur einige von vielen, die belegen, dass Hypnose eine wirksame medizinische Intervention bei medizinischen Notfällen sein kann, wie sie überall auf der Welt vorkommen und von denen wir viele in diesem Text erwähnen.
Zunächst aber unsere Arbeitsdefinition von Hypnose, damit Sie wissen, was diese Forschungsergebnisse de facto zeigen: Das Wort Hypnose kann einen besonderen Bewusstseinszustand bezeichnen, der eine Person in die Lage versetzt, Reaktionen zu aktivieren, die sich vom gewöhnlichen Alltagsbewusstsein unterscheiden (siehe Peter 2024). Konkret kommt es während dieses anderen Bewusstseinszustands zu kognitiven und sensorischen Veränderungen bei unterschiedlichen Oszillationen im Gehirn. Niedrigere Frequenzen wie beispielsweise Theta-Wellen scheinen das Reagieren auf mentale oder verbale Anweisungen oder Suggestionen zu erleichtern, während das Vorliegen höherer Frequenzen eher die Verbindungen verschiedener Schaltkreise untereinander begünstigt, um physiologische Reaktionen wie beispielsweise vermindertes Schmerzempfinden hervorzurufen (Jensen, Adachi a. Hakimian 2015). Wissenschaftler der Universität Turku, Finnland, fanden zudem heraus, dass das Gehirn während der Hypnose in einen Zustand übergeht, in dem einzelne Hirnregionen unabhängiger voneinander agieren (Tuominen et al. 2021). Bezeichnenderweise wollten Wissenschaftler jahrzehntelang nicht wahrhaben, dass Hypnose tatsächlich die Gehirnaktivität verändert. Dank verbesserter Technologien konnte mittlerweile jedoch bewiesen werden, dass die Fähigkeit der Hypnose, Schmerzen zu lindern und Ängste zu reduzieren, eindeutig mit funktionellen Veränderungen der Gehirnaktivität einhergeht (siehe Miltner, Franz a. Naumann 2024). So zeigte beispielsweise eine systematische Auswertung von 10 404 extern begutachteten Arbeiten, dass es während der Hypnose signifikante Unterschiede in der Gehirnaktivität in Bezug auf Lokalisation und Häufigkeit gibt (Wolf et al. 2022).
Das Wort Hypnose wird auch verwendet, um den Prozess zu beschreiben, durch den solche neurologischen Veränderungen erfolgen, sei es in Fremd- oder Selbsthypnose. Da es so viele Ansätze gibt, bietet die wissenschaftliche Forschung hier allerdings wenig mehr als die Beschreibung der in den verschiedenen Experimenten verwendeten Techniken.1 Es bestehen Gemeinsamkeiten zwischen der klinischen Hypnose und der Bühnenhypnose, die wir beschreiben könnten. Unser Ziel ist bei diesem Buch jedoch nicht, hypnotische Induktionstechniken per se zu lehren. Vielmehr geht es darum, Lesern bewusst zu machen, dass während eines Traumas spontane hypnotische Bewusstseinszustände auftreten, die alles, was ein Ersthelfer zu einem Patienten sagt, zu einer möglichen hypnotischen Suggestion machen. Im Anschluss an die folgenden Abstracts, die diese Behauptung stützen, erfahren Sie mehr über Spontanhypnose und darüber, was uns motiviert hat, dieses Buch zu schreiben.
Die Wirksamkeit von Hypnose zur Behandlung von Schmerzen und Ängsten ist heute vielfach nachgewiesen.2 Während diese Technik in der Anästhesie und Psychiatrie mittlerweile schon häufiger verwendet wird, kommt sie in der Rettungsmedizin bislang nur wenig zum Einsatz. Die Anwendungsbereiche in der stationären und außerklinischen Notfallmedizin sind jedoch ausgesprochen vielfältig, und entgegen der landläufigen Meinung sind Notfallsituationen geradezu ideal geeignet zur Anwendung von Hypnose. Hypnose ist eine zuverlässige, sichere, wirksame und kostengünstige Technik, die jeder Helfer erlernen kann. Sie stärkt die Beziehung zwischen Betreuendem und Patienten und ermöglicht eine andersgeartete, menschlichere und gelassenere Behandlungsweise.
Hypnose kann ein nützliches Hilfsmittel im Rettungsdienst sein. Ihre Wirksamkeit bei verschiedenen klinischen Bereichen ist durch kontrollierte Studien nachgewiesen.3 Beschrieben wird die Anwendung bei Verbrennungen, Schmerzen, in der Pädiatrie, bei chirurgischen Eingriffen und psychischen Ausnahmefällen (z. B. Koma, somatoforme Störungen, Angstzustände und posttraumatischer Stress) sowie im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt (z. B. Hyperemesis, Geburtswehen, Entbindung etc.).
Ein Katastrophenereignis kann sowohl für Einzelpersonen als auch für eine Gruppe von Menschen mit einem akuten physischen und/ oder psychischen Zusammenbruch verbunden sein. Neben schnellen physischen Hilfsmaßnahmen kann es in solchen Situationen notwendig sein, ebenso schnell psychische Hilfe zu leisten. Hierfür ist die Hypnose, genauer gesagt die Fremdhypnose, eine wichtige Methode.
Nichtpharmakologische verhaltensbezogene Begleitmaßnahmen gelten als wirksame und sichere Mittel zur Minderung von Schmerzen und unerwünschten Nebenwirkungen bei medizinischen Behandlungen.4 Im Vergleich zu Standardmaßnahmen wirken sich nichtpharmakologische Interventionen positiv auf das Wohlbefinden der Patienten aus, selbst wenn nur die halbe Menge Analgetika und Beruhigungsmittel verabreicht wird. Die bei strukturierter Aufmerksamkeit beobachtete Tendenz hin zu geringeren Schmerzen und verminderter Angst erreichte bei gleichzeitigem Einsatz von Hypnose statistische Signifikanz.
Ziel dieser Studie war, die Auswirkungen von Hypnose auf die Schmerzwahrnehmung bei Kindern während klinischer Eingriffe zu untersuchen. Konkret untersuchten die Forscher die Reaktionen des autonomen Nervensystems von Kindern, die in der Notaufnahme unter Hypnose genäht werden mussten. Schmerzempfinden ist durch abrupte Veränderungen im Nervensystem, u. a. im autonomen Nervensystem, gekennzeichnet. Um die parasympathische Reaktivität abzuschätzen, wurde die Herzratenvariabilität (HRV) gemessen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass Hypnose bei pädiatrischen Notfällen die sympathische Reaktion des Herzens auf Schmerz reduziert, was ein Marker für Schmerzlinderung unter Hypnose sein könnte, während die parasympathische Aktivität eher ein Marker für Hypnose zu sein scheint.
In einer kontrollierten Studie untersuchte man die Anwendung von Hypnose bei Asthmapatienten im Alter von 10 bis 60 Jahren mit paroxysmalen Anfällen von Keuchen oder Engegefühl in der Brust, die durch Bronchodilatatoren gelindert werden konnten. Unabhängige klinische Gutachter bewerteten das Asthma bei 59 Prozent der Hypnosegruppe und bei 43 Prozent der Kontrollgruppe als »viel besser«, wobei der Unterschied signifikant war. Zwischen den Geschlechtern gab es kaum Unterschiede. Ärzte, die bereits Erfahrung mit Hypnose hatten, erzielten signifikant bessere Ergebnisse als Ärzte, die damit noch nicht vertraut waren.
Fallgeschichten zeigen, dass Hypnose starke Blutungen und Schmerzen positiv beeinflussen kann; sogar Warzen lassen sich entfernen – vermutlich, indem die Blutzufuhr zu ihnen weitgehend unterbunden wird. Wir sind der Ansicht, dass sich auch die Durchblutung von Krebstumoren beeinflussen lässt, was diese entweder direkt schädigen könnte oder zumindest eine nützliche Ergänzung zu Chemo- oder Strahlentherapie darstellen könnte.
Es wurde untersucht, ob sich Bluthochdruck (Hypertonie) durch (a) Muskelentspannung und (b) Hypnose senken lässt. Sechs Bluthochdruckpatienten ohne medikamentöse Behandlung dienten als Kontrollgruppe, sechs weitere bekamen als Therapie Muskelentspannung und Hypnoseverfahren. Neun Patienten, die mit antihypertensiver Medikation gut eingestellt waren, wurden ebenfalls mit Muskelentspannung und Hypnose behandelt. Sowohl in der Gruppe ohne Medikamente als auch in der mit medikamentöser Behandlung zeigte sich eine signifikante Senkung des systolischen und diastolischen Drucks, während in der Kontrollgruppe keine signifikante Senkung zu verzeichnen war. Die erhöhten Blutdruckwerte fielen durch Muskelentspannung ab und normalisierten sich während der Hypnose vollständig. Die Patienten erhielten Anleitungen zur Selbstentspannung und Selbsthypnose, um die positiven Effekte über den Krankenhausaufenthalt hinaus beibehalten zu können.
Hypnose wird in der Medizin seit bald 250 Jahren eingesetzt. Dennoch nutzen Notfallmediziner in Notaufnahmen oder in der präklinischen Versorgung sie nur selten. Diese Übersichtsarbeit beschreibt Hypnose, ihre historische Anwendung in der Medizin, verschiedene neurophysiologische Studien über das Verfahren sowie ihre Anwendungsgebiete und potenziellen Einsatzmöglichkeiten in der Notfallversorgung. Und sie macht Vorschläge, wie man ihren Einsatz im Rettungswesen intensivieren könnte. Obwohl das Verfahren sicher, schnell und kostengünstig ist, arbeiten Notfallmediziner nicht oft mit Hypnose. Dies liegt zum Teil an den Mythen, die sich um die Hypnose ranken, und auch daran, dass man sie mit Alternativ- und Komplementärmedizin assoziiert.7 Echte Hindernisse, die einer verstärkten klinischen Anwendung im Wege stehen, sind unter anderem mangelnde gesicherte Wirksamkeit sowie unzulängliche Schulungen und Ausbildungsvorschriften. Basierend auf den Ergebnissen weiterer Forschung könnte Hypnose eine leistungsstarke und sichere nichtpharmakologische Ergänzung zum Rüstzeug der Rettungskräfte werden, die das Potenzial hat, die Patientenversorgung in der Notfallmedizin, in der präklinischen Versorgung und in entlegenen medizinischen Settings zu verbessern.
Der Autor dieses letzten Abstracts weist auf die bedauerliche Tatsache hin, dass Hypnose bei medizinischen Notfällen nur selten eingesetzt wird – eben aufgrund von falschen Vorstellungen und mangelnder Ausbildung in dem Bereich. Wir möchten mit diesem Buch diese beiden Hindernisse bei der Rettung von Leben ausräumen. Wir sind uns sicher, dass durch die Art von praktischem »Training«, das wir anbieten, immer mehr Ersthelfer und Rettungsdienste das Bedürfnis haben werden, unsere Kommunikationsstrategien einzusetzen, die die spontane Trance bei Unfallopfern berücksichtigen. Zwei Studien belegen, dass das Wissen um die Macht der Worte professionelle Rettungskräfte durchaus motiviert. Vielleicht liegt es daran, dass sie intuitiv erkennen, wie sie schon immer über diese Macht verfügt haben – auch wenn niemand sie benannt hatte. Eine Studie zeigt, wie Krankenschwestern ihr Kommunikationsverhalten änderten, nachdem sie von Hypnosetechniken erfahren hatten, die zur Schmerzbehandlung von Kindern bei medizinischen Eingriffen eingesetzt werden (Aramideh et al. 2020).
Erwähnt werden soll auch Michael Moates, der im Rahmen seiner Doktorarbeit mehr als tausend professionelle Ersthelfer befragte, ob ihrer Meinung nach die eigenen Worte einen positiven Effekt auf die Behandlungsergebnisse haben könnten. Anschließend ließ er sie eine kurze Beschreibung des Phänomens [der positiven Beeinflussung von Krankheitsverläufen durch Worte] lesen. Über 50 Prozent änderten daraufhin ihre Meinung: von negativ-skeptisch hin zu einer positiven Antwort.
Thomas Elmendorf, ehemaliger Präsident der California Medical Association, verweist auf die Hindernisse, mit denen man konfrontiert ist, wenn man die Botschaft, die unser Buch vermitteln soll, in der Notfallmedizin verbreiten möchte. Bereits 1991 schrieb er zu dem Text, auf dem dieses Buch basiert:
»Das Material stellt für alle Beschäftigten in der präklinischen Versorgung sowohl eine Chance als auch eine Herausforderung dar. Die Chance besteht darin, die Patientenkommunikation auf ein zuvor unbekanntes Niveau zu heben, das positive, möglicherweise lebensrettende physiologische Reaktionen fördern kann. Die Herausforderung besteht darin, die Barrieren der Voreingenommenheit, der Vorurteile und einer Denkweise zu durchbrechen, die eine objektive Bewertung verhindern.«8
Zu den oben zitierten Abstracts muss angemerkt werden, dass die Arbeiten allesamt eine Hypnose-Induktion beinhalten. Ob dies bei denjenigen, die mit medizinischen Notfällen zu tun haben, nötig war, wird nicht diskutiert. Was uns zum Thema Spontanhypnose zurückbringt: Wir gehen in diesem Buch davon aus, dass Notfallopfer sich automatisch in einem Zustand der Hypnose befinden und somit keiner eigenen formellen Trance-Induktion bedürfen.
Die American Academy of Orthopedic Surgeons stimmt dieser Annahme offenbar zu, denn die Autoren von Emergency Care and Transportation of the Sick and Injured (AAOS 2021) weisen darauf hin, dass Ersthelfer
»extrem bedacht darauf sein müssen, was sie am Unfallort sagen. Während großem Stress können sich scheinbar belanglose oder im Scherz geäußerte Worte im Kopf des Patienten festsetzen und immensen Schaden anrichten. Gespräche am Unfallort müssen angemessen sein.«
Allerdings wird nicht erklärt, warum dies so ist, und in dieser sowie in allen (es sind zahlreiche!) Neuauflagen erfährt der Leser lediglich, dass ein erster Behandlungsschritt darin bestehe, den Patienten »zu beruhigen und zu bestärken«.
Dass Spontanhypnose in wissenschaftlichen Studien keine Beachtung erfährt, ist verständlich. Wird Hypnose in einem Labor oder einer Klinik gezielt herbeigeführt, kann sie nicht spontan sein. Dennoch gibt es Hinweise für die Existenz und die Bedeutung von Spontanhypnose, sodass wir der Meinung sind, dass dieses Buch viele Leben retten und viel Leid lindern kann. Arreed F. Barabasz, vormals Direktor für ärztliches Training an der Fakultät für Psychologie der Universität Canterbury, teilt unsere Meinung. In einem wissenschaftlichen Artikel, in dem er die APA (American Psychological Association) kritisiert, weil sie in ihrer aktuellen Hypnose-Definition die Spontanhypnose ausklammert (Barabasz a. Barabasz 2015), schreibt Barabasz:
»Eine Definition, die Spontanhypnose nicht einbezieht, gibt Wissenschaftlern gleichsam einen Freibrief, auf eine experimentelle Überprüfung des möglichen Einflusses dieser Variablen auf ihre Ergebnisse zu verzichten.«
Als Beispiel führt er eine in der Hypnoseforschung viele Jahre immer wieder zitierte Studie an, die geflissentlich außen vor lässt, dass fünf Versuchspersonen in Spontanhypnose dieselben hypnotischen Reaktionen zeigten wie diejenigen, die professionell hypnotisiert wurden. Laut Barabasz ist die Hypnoseliteratur voll von Studien, die das mögliche Auftreten von Spontanhypnose schlichtweg ignorieren.
»Es ist naiv, wenn ein Klinikarzt annimmt, solange er sie nicht formell anwende, träte keine Hypnose auf« (ebd.).
Zudem erklärt er, einem traumatischen Ereignis ausgesetzt zu sein, sei ein häufiger Auslöser für eine Spontanhypnose.
Eine weitere Arbeit zum Thema Spontanhypnose stammt aus dem Bereich Psychiatrie und Forensik. Dem Autor John O. Beahrs zufolge treten
»hypnoseähnliche Phänomene und Vorgänge spontan auf, entweder offen oder in verdeckter Form«.
Beahrs beschreibt vier sich überlappende Arten von Spontanhypnose. In einem Abschnitt mit dem Titel »Trauma und Spontanhypnose« argumentiert er, dass
»das Erleben eines katastrophalen Stressors so gut wie immer von tiefgreifenden Veränderungen des subjektiven Willens, des Zeitempfindens und anderen kognitiven/perzeptiven Veränderungen begleitet wird, die die Kriterien für einen hypnotischen Zustand erfüllen« (Beahrs 1989).
Ich lernte das Potenzial hypnotischer Sprache bereits vor geraumer Zeit im Rettungsdienst kennen. Es war in den 1980er-Jahren; ich frischte damals meine Rettungssanitäter-Ausbildung auf, hatte im Rahmen meines Health-Psychology-Studiums einen Kurs in Hypnotherapie belegt, rückte als Feuerwehrmann bzw. Rettungssanitäter9 für das Marin County Fire Department zu vielen Einsätzen aus und arbeitete gleichzeitig mit Wildpferden. Zu dieser Zeit fing ich an, bei einigen Einsätzen »Notfallhypnose« anzuwenden. Nach der Promotion beendete ich meine Tätigkeit bei der Feuerwehr und eröffnete eine Praxis für Hypnotherapie. Später wurde ich Vizepräsident der Northern California Society of Clinical Hypnosis und unterrichtete Hypnose an der UC Berkeley als Lehrbeauftragter im Bereich Hypnose-Zertifizierung für Ehe-, Familien- und Kinderberatung.
In der Zeit zwischen meiner Tätigkeit als Rettungssanitäter und der als Hypnosetherapeut drehte ich mit einer Reihe angesehener Ärzte und Sanitäterkollegen, die bereits damit arbeiteten, ein Video.iv Ich glaube, es war das erste Mal, dass dieses Thema überhaupt öffentlich Erwähnung erfuhr. Norman Cousins (2009), der Autor von Anatomy of an Illness, forschte damals an der UCLA und arbeitete mit Schauspielern, die unterschiedliche Emotionen »imaginierten«, um herauszufinden, wie diese ihre Biochemie beeinflussten. Nachdem er das Video gesehen hatte, kontaktierte er mich und schlug mir vor, darüber ein Buch zu schreiben. Also verfasste ich einen entsprechenden Text10 und schickte ihn zur Begutachtung an verschiedene Fachleute. Für diesen ursprünglichen Text bekam ich die folgenden Rückmeldungen:
»Dieses Buch gehört in die Bibliothek eines jeden Menschen, und jeder von uns sollte es aufmerksamst lesen … das Wissen, das wir hier aufnehmen, könnte viele Leben retten« (David Cheek).
»Dieses Buch stellt praxiserprobte Techniken vor, die nachweislich unschätzbaren Einfluss auf die Heilungschancen von Patienten haben« (Journal of Emergency Services).
»Dieser Ansatz bietet die Chance, Patienten auf einem bisher unbekannten Niveau zu versorgen« (Thomas Elmendorf, M. D., ehemaliger Präsident der California Medical Association).
»Dieses Material steht an vorderster Front eines aufregenden und innovativen Ansatzes für die präklinische Versorgung« (Benny Cooper, Leiter der Notarztausbildung an der Murray State University).
»… Es liefert wertvolle Informationen über verschiedene Aspekte der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Ich bin sicher, es gibt keinen Patienten oder Notfalldienstleister, der von diesem Ansatz zur Behandlung einer traumatisierten Person nicht profitieren würde« (Norman Cousins, UCLA School of Medicine).
Leider waren die frühen 1990er-Jahre offenbar nicht die richtige Zeit für mein Buch.11 Ich sage »leider«, weil ich überzeugt bin, dass es viele Leben hätte positiv beeinflussen können, wenn Ersthelfer all diese Jahre Zugriff darauf gehabt hätten. Heute, in einer Zeit, in der die Zahl medizinischer Notfälle wahrscheinlich weiter steigt, ist die Welt vielleicht eher bereit, diese lebensrettende, einfach zu praktizierende Kommunikationsform als Ergänzung zur etablierten Erste-Hilfe- und Notfallversorgung anzunehmen.
Gleichwohl herrscht weithin noch immer Skepsis gegenüber dem Phänomen Hypnose. Zu viele Menschen betrachten sie als etwas, das nur in der Einbildung existiert und nicht wirklich mit einer biologischen Veränderung der Funktionsweise unseres Nervensystems zu tun hat. Hier nur drei Studien, die verdeutlichen, dass Hypnose real und klinisch erwiesen ist:
Hirnscans zeigen, dass bei Menschen in Hypnose der vordere Teil des Gehirns dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Dieser Hirnteil ist auch mit dafür zuständig, unterschiedliche Gedanken voneinander zu trennen. Es gibt auch Veränderungen in anderen Hirnregionen, die daran beteiligt sind, Dinge anders zu sehen. Zudem gibt es Veränderungen im hinteren Teil des Gehirns, die darauf Einfluss haben, wie Menschen auf verschiedene Suggestionen reagieren.
Probanden zeigten eine erhöhte Aktivität in den Regionen des Farbensehens in beiden Gehirnhälften, wenn sie aufgefordert wurden, Farben zu sehen – egal, ob sie in Wirklichkeit Farben oder Grau anschauten. Die gleichen Bereiche reagierten weniger stark, wenn die Anweisung lautete, Grau zu sehen. Dies geschah nur während Hypnose, und zwar auf der linken Seite anders als auf der rechten. Menschen, die sich hypnotisieren lassen, können Veränderungen in ihren Gefühlen und Gedanken erfahren, die sich in der Bildgebung des Gehirns darstellen lassen. Das bedeutet: Hypnose ist real und nicht nur vorgetäuscht.
Diese Gruppe untersuchte in einem Experiment, wie das Gehirn auf eine Art von magnetischer Energie reagiert, die die elektrische Hirnaktivität beeinflusst. Der Versuch zeigte, dass bei einer Person, die eine Einwort-Suggestion erhält, sich die Verbindungen im Gehirn verändern und sich stärkere Signale schwieriger zwischen verschiedenen Bereichen übertragen lassen. Die Ergebnisse dieses Experiments deuten darauf hin, dass Hypnose die Vorgänge im Gehirn verändern kann, was möglicherweise Einfluss darauf hat, wie Menschen unter Hypnose reagieren.
Als Wissenschaftler mit indigenen Wurzeln glaube ich an die indigene Vorstellung, dass Worte heilige Schwingungen sind. Traditionelle indigene Kulturen und auch unsere frühen vorkolonialen Vorfahren wussten um die Kraft trancebasierten Lernens und Heilens und nutzten sie regelmäßig. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich die Lektüre weiterer Bücher, die wir dazu geschrieben haben (Jacobs 2016; Jacobs 1998; Jacobs a. Narvaez 2022; Duffee a. Willis 2023).
1998 wurde ich mit 19 Jahren Rettungssanitäter und bekam schon in jungen Jahren sehr viel Verantwortung übertragen. Ich war sehr jung für einen Beruf, der echte Führungsqualitäten erfordert, doch mir wurde schnell klar, dass meine Worte – und die Art und Weise, wie ich diese Worte sage – großen Einfluss auf mein gesamtes Umfeld haben. Das gilt vor allem in einer Notfallsituation, wenn alle Beteiligten automatisch schon unter einem gewissen Stress stehen. Wenn ich also am Einsatzort mit meinem Team oder über Funk mit dem Einsatzleiter kommuniziere, beurteilen die anderen die Situation nicht zuletzt auf Grundlage der nonverbalen Bestandteile meiner Botschaft – wie Tonfall und Lautstärke. Bin ich gestresst, erschüttert oder voll Angst, merken sie das, und ich wollte natürlich nie den Eindruck erwecken, dass ich aufgrund meiner Jugend dem Stress nicht gewachsen war. Hinzu kommt: Sobald Kollegen oder Umstehende spüren, dass der Verantwortliche unter Druck steht, überträgt sich dieser Stress natürlich auch auf den Patienten. Um dieses Problem von Anfang an zu entschärfen, konzentrierte ich mich voll auf die Prinzipien, die ich bei den Pfadfindern gelernt hatte und die auch mein professionelles Outfit und Auftreten prägten.
