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Solange wir uns von unseren Vorstellungen, was Leben sei, nicht lösen können, werden wir nie erkennen, wie völlig geborgen wir eigentlich sind und daß der Kampf ums eigene Überleben und persönliche Sicherheit reine Energieverschwendung ist.
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Bernadette RobertsJenseits von Ego und Selbst
WIDMUNGDen Kontemplativen Wahrheitssuchern in Ost und Westinsbesondere den Bewohnern der spirituellen Berge Karmelund New Camaldoli
Bernadette Roberts
Jenseits vonEgo und Selbst
Erfahrungsbericht einer spirituellen Reise
Titel der Originalausgabe
The experience of no-self
Übersetzung aus dem Amerikanischen:
Franz Loschnigg und Karin Hein
Bearbeitung: Lienhard Valentin
Titelfoto: Shai Ginott
© 1993 Bernadette Roberts
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2018
Published by arrangement with State University of New York Press
© der deutschen Ausgabe: 1997, Arbor Verlag, Freiamt alle Rechte vorbehalten
Hergestellt von mediengenossen.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-222-1
Inhalt
Einleitung
Erster Teil
Der Weg – Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kompendium der Reise
Geistige Stille
Zweiter Teil – Nähere Betrachtungen
Fragen und Kommentare
Wo bleibt Christus?
Das Selbst
Zum Schluß
Anmerkungen
Einleitung
Dies ist der persönliche Bericht einer zweijährigen spirituellen Reise, in deren Verlauf ich das Abfallen all dessen erlebte, was man als Selbst bezeichnen könnte. Der Weg führte durch einen unbekannten Durchlaß in ein so andersartiges und neues Dasein, das ich trotz vierzig Jahren diverser kontemplativer Erfahrungen niemals für möglich gehalten hätte. Die Erfahrung eines Seins ohne Selbst, die so jenseits all meiner Erwartungen lag, blieb mir völlig unbegreiflich und paßte in kein mir bekanntes Bezugssystem. Obwohl ich in Bibliotheken und Buchläden stöberte, fand ich nirgends eine Erklärung oder Darstellung eines ähnlichen Geschehens, was mir damals sehr geholfen hätte. Den vorliegenden Bericht schrieb ich in Anbetracht des Mangels an schriftlichen Darstellungen und in der Hoffnung, daß er jenen nützen möge, deren Bestimmung eine ebensolche Reise über das Selbst hinaus bereithält.
Meine inneren Erfahrungen reichen bis ins frühe Kindesalter zurück, doch erst mit fünfzehn entdeckte ich, daß sie sich wie-Teile eines Puzzles in den größeren Rahmen der christlich-kontemplativen Tradition einfügen. Dieser Entdeckung folgten zehn Jahre relativer Abgeschiedenheit, im Streben nach dem christlichen Ideal der Vereinigung mit Gott. Als ich gewiß war, dieses Ziel erreicht zu haben, trat ich in ein üblicheres Leben ein, in dem ich mich bis heute befinde.
Das christliche Ideal der Selbstaufgabe wird traditionell als Umwandlung oder Verlust des Ego (des niederen Selbst) gesehen, das zum höheren oder wahren Selbst in seinem Einssein mit Gott gelangt. In diesem Einssein behält das Selbst jedoch seine individuelle Einmaligkeit und verliert ontologisch nie sein eigenständiges Selbstsein. Daß ich mich selbst verloren hatte, bedeutete zugleich, mich als Teilhaber am göttlichen Leben in Gott wiederzufinden. Von da an ist das Grundgefühl von Sein und Leben gleichermaßen das Gefühl von Gottes Sein und Leben – nicht länger habe ich das Gefühl von „meinem“ Leben, sondern von „unserem“ Leben – Gott und Selbst. In diesem bleibenden Zustand ist Gott als stiller Ruhepol im Mittelpunkt des Seins der spirituellen Betrachtung stets zugänglich – das ist der Punkt, an dem das Selbstsein entspringt und in dem es zuweilen verschwindet. Dieses letztere Verlieren des Selbst ist jedoch kein Dauerzustand, sondern nur vorübergehend. Es war mir auch nie in den Sinn gekommen, daß das in diesem Leben jemals möglich wäre.
Vor der besagten inneren Reise schenkte ich dem Selbst, seiner Tragweite und seinen Definitionen wenig Beachtung. Das Selbst war für mich einfach die Gesamtheit des Seins, Körper und Seele, Denken und Fühlen, eines Seins zentriert in Gott als seiner Kraftachse und seinem Ruhepunkt. Da das Selbst im tiefsten Innern auf das Göttliche trifft, fand ich nie ein wahres Selbst ohne Gott – wo wir den Einen finden, findet sich auch das andere.
Soweit reichten meine Erwartungen, daher war ich umso überraschter und verwirrter, als ich viele Jahre später in einen Dauerzustand geriet, in dem kein Selbst da war, kein höheres oder wahres Selbst noch sonst etwas, das man Selbst nennen könnte. Offensichtlich war ich aus jedem Bezugsrahmen gefallen, aus meinem eigenen wie auch dem der Tradition, als ich auf einen Weg stieß, der dort anzufangen schien, wo die Beschreibungen der vita contemplativa abbrechen. Doch aus der eindeutigen Gewißheit, daß das Selbst verschwunden war, ergab sich automatisch die Frage, was da weggefallen war – was war das Selbst? Was genau war es gewesen? Und am allerwichtigsten: was bleibt, wenn das Selbst weg ist? Die hier geschilderte spirituelle Reise enthüllt schrittweise die Antworten auf diese Fragen, die sich einzig und allein aus der persönlichen Erfahrung ergaben, da sich von außen keine Erklärung anbot.
Mit Ausnahme des wenigen, das ich bei Meister Eckhart fand, stand ich mit meiner Erfahrung ratlos da, und in den Werken östlicher Traditionen, die in meiner Umgebung verfügbar waren, begegnete ich dem gleichen Mangel an Erklärungen. Obwohl die buddhistische Vorstellung der Selbstlosigkeit, vom „Nicht-Selbst“ mir sehr wahr zu sein schien, fehlte jede Ewähnung, wie wir zuvor der Ganzheit des Selbst in seiner Vereinigung mit Gott begegnen, und so blieb die christliche Erfahrung der Selbsthingabe natürlich ungeklärt. Gut möglich, daß, je intensiver jemand zuerst das Einssein erfährt, ihm sein Wegfallen umso unerklärlicher und bestürzender erscheinen muß. Erst wenn dieser Übergang hinter uns liegt und wir uns an das neue Dasein gewöhnt haben, verschwindet der relative Unterschied zwischen Selbst und Nicht-Selbst aus unserer Reichweite. Doch dann haben wir auch schon gesehen, wo der Weg langgeht, und brauchen keine Erklärungen mehr.
Als ich erkennen mußte, wie allein ich war in dieser Kluft zwischen dem höchsten christlichen Ideal des Selbstverlustes und der unmittelbaren Erfahrung, zog ich meine eigenen Schlüsse. Vor allem bin ich überzeugt, daß das innere Leben aus zwei verschiedenen und separaten Entwicklungen besteht, denen ganz bestimmte, typische Erfahrungen entsprechen. Die erste von beiden ist die Bewegung auf die Vereinigung mit Gott zu, die mit dem psychologischen Integrationsgeschehen parallel zu laufen scheint. Ihre Schwerpunkte sind innere Prüfungen und dunkle Nächte, die das Selbst festigen im permanenten Einssein mit Gott, dem Ruhepunkt und der Achse seines Seins. Hier erkennen wir, daß das Selbst nicht verlorengeht, sondern sich vielmehr als neues Selbst entpuppt, das aus der tiefsten, innersten göttlichen Mitte heraus lebt.
Auf diese erste Bewegung folgt ein zeitlicher Zwischenraum (zwanzig Jahre in meinem Falle), während dem das Einssein einer Reihe von äußeren (nicht inneren) Prüfungen unterzogen wird, bis sich die Einheit zutiefst in ihrer Beständigkeit und Festigkeit bewährt und allen Kräften standhält, die an ihrem Kern rütteln, sie zersetzen oder stören wollen. In dieser Periode entdecken wir auch die Schönheit und das Wundersame an diesem Geschenk der Einheit – und vor allem entdecken wir, was dieses Ganzsein bedeutet und wie es in unserem Alltag auf dem Marktplatz des Lebens wirkt. Anfangs geht es darum, daß wir uns an den Unterschied zwischen dem Leben mit dem früheren, fragmentierten Selbst und dem Leben mit dem neuen Selbst gewöhnen, das sich aus seiner Mitte in Gott nicht mehr wegrücken läßt. Letzten Endes ist das ein Stadium, wo wir, falls äußere Prüfungen ausbleiben, regelrecht nach ihnen Ausschau halten, da die aus dem Einssein entstehende Energie nach außen streben muß (und zwar als Ganzes, und nicht als verstreute Kraft), nach Ausdruck sucht, nach Herausforderung – sogar nach Leiden –, um diese unversiegende Liebe zu enthüllen und zu bekennen.
Ich möchte hinzufügen, daß im kontemplativen Schrifttum auch die Jahre zwischen den Phasen weitgehend unbeachtet bleiben und ihre Bedeutung sehr unterschätzt wird. Bei diesem Zeitraum „auf dem Marktplatz des Lebens“ handelt es sich eigentlich um die Vorbereitung einer großen Explosion – einer stillen allerdings – die einen weiteren großen Wendepunkt einleitet. Anscheinend wird am Ende des Marktplatzes ein Punkt erreicht, wo das Selbst so völlig mit dem Ruhepol in Einklang ist, daß es sich nicht mehr, auch nicht in seinen ersten Regungen, aus der Mitte wegrücken läßt. Von keiner Gewalt und von keiner Prüfung kann es mehr auf die Probe gestellt, noch von den Stürmen des Wandels bewegt werden. Zu diesem Zeitpunkt hat das Selbst offensichtlich seine Funktion verwirkt, es ist nicht länger nützlich oder nötig, und das Leben kann ohne es weitergehen. Wir sind bereit, weiterzuziehen, über das Selbst hinaus, sogar über das intime Einssein mit Gott hinaus. Hier betreten wir wieder ein neues Dasein – vielleicht am besten bezeichnet als ein Leben ohne Selbst.
Der Anbruch der zweiten Entwicklungsphase ist gekennzeichnet durch das Abfallen des Selbst und das Auftreffen auf das, was bleibt, wenn es nicht mehr da ist. Dieser Wegfall ist umwälzend, eine komplette Umkehrung solchen Ausmaßes, daß sie unmöglich übersehen, unterbewertet oder genügend in ihrer Bedeutung als Meilenstein im inneren Leben betont werden kann. Es ist weit mehr als die Entdeckung eines Lebens ohne Selbst. Die unmittelbare und unausbleibliche Folge ist ein Ankommen in einer neuartigen Dimension des Wissens und Seins, die eine schwierige und langwierige Akklimatisierung erfordert. Der reflexive Mechanismus des Geistes – also die Instanz, die Ichbewußtsein und Selbst ermöglicht – ist abgeschnitten und auf Dauer außer Kraft gesetzt, so daß von nun an das Bewußtsein im Jetzt fixiert ist, und von seiner ununterbrochenen Schau des Unbekannten nicht abrücken kann.
Die Reise ist somit nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Periode der Akklimatisierung an eine neue Art des Sehens, eine Zeit des Übergangs und des allmählichen Erkennens dessen, was bleibt, wenn kein Selbst mehr da ist. Das ist kein Weg für diejenigen, die sich Liebe und Glückseligkeit erhoffen, sondern für Mutige, die im Feuer geprüft wurden und unerschütterlich auf das vertrauen, was jenseits des Gekannten liegt, jenseits vom Selbst, jenseits vom Einssein, sogar jenseits von Liebe und Vertrauen.
Der Zeitpunkt, an dem das Selbstbewußtsein endgültig aufhört und ein neuer Weg beginnt, stellt einen so entscheidenden Wendepunkt oder Meilenstein im kontemplativen Leben dar, daß ich nur rätseln kann, wieso über diesen Durchbruch so wenig ausgesagt ist. Vielleicht werde ich mich mit dem Schweigen der Autoren nie abfinden können, die über diese zweite Bewegung nichts verlauten lassen. Vielleicht gehen manche Mystiker gelassen mit etwas um, das für andere eine gewaltige Explosion darstellt – oder vielleicht spielen die Verfasser einfach herunter, was sie nicht verstehen und unorthodox oder ausgefallen scheint. Oder vielleicht – und zu dieser Ansicht neige ich – brachten sie die beiden Bewegungen durcheinander, weil sie nicht genügend zwischen dem grundlegenden Wandel im Bewußtsein und dem Aufhören des Bewußtseins unterschieden – zwischen dem ersten Schritt über das gewöhnliche Selbst (Ego) und dem späteren über das höhere, wahre Selbst hinaus – zwischen der Vereinigung mit Gott und Gott jenseits des Einsseins. Da das kontemplative Leben insgesamt gesehen kontinuierlich verläuft, ist es oft schwer, eine Grenze zu ziehen und Unterschiede klar zu erkennen, bis man selbst auf die Marksteine trifft und der Unterschied zwischen den Phasen offensichtlich und unverkennbar zutage tritt.
Meine Absicht in dieser Schrift ist daher, zur Klärung der zweiten Entwicklungsphase beizutragen, sie besser erkennbar zu machen und – wenn möglich – die wahre Bedeutung des Selbstverlustes im christlichen Sinne zu erhellen. Zum Teil entspringt dieser Versuch der Überzeugung, daß dieses Geschehen nicht ungewöhnlich ist, daß viele Menschen dieses Stadium entweder erreicht haben oder erreichen werden und für sie Erklärungen genauso wichtig sind, wie sie es für mich gewesen wären. Wenn Zweien auch nie dieselben Erfahrungen zuteil werden, haben jene, die ihr wahres Selbst in Gott fanden und dann wieder verloren, sicher gewisse Konsequenzen und Entdeckungen gemeinsam.
Ich versuchte, die Erfahrungen zu beschreiben, solange sie noch im Gange waren. Doch erst als das Geschehen vorüber war – als der relative Unterschied zwischen Dasein mit oder ohne Selbst nicht mehr in Erscheinung trat – verfaßte ich den Bericht in seiner jetzigen Form und gab ihn einigen Freunden zum Lesen, zur Stellungnahme und Kritik. Obwohl viel zu nachsichtig in bezug auf den Inhalt oder die hausbackene Prosa, waren sie dennoch freimütig in ihren Fragen und Einwänden. Als Erwiderung dazu verfaßte ich den zweiten Teil, wobei ich versuchte, Antworten zu finden, die während des Übergangs noch nicht ersichtlich waren.
In mancher Hinsicht lernte ich beim Abfassen dieser Endkapitel mehr über das Erlebte, als während es sich zutrug. Es scheint im Wesen des Durchlasses zu liegen, daß er ein Zustand totalen Nichtwissens ist, was dem Erlebten wohl eine gewisse Schönheit und etwas Mystisches verleiht, doch auch Bestürzung verursacht. Daraus ergaben sich gewisse Erschwernisse, die, so glaube ich, bei Vorhandensein entsprechender Informationen hätten vermieden werden können. Erst als die Reise zu Ende war und ich zurückblicken konnte, erlangte ich ein besseres Verständnis und war dann fähig, die Deutungen in den letzten Kapiteln anzubieten.
Dort habe ich auch auf mein Vorleben hingewiesen, wo es zum Verständnis des Geschehens im Zusammenhang mit Vergangenem notwendig schien. Dieses Vorleben erwähnte ich anfangs nicht, da ich mich hier einzig und allein mit jener relativ unerforschten Lebensdimension befasse – der Bewegung über das Selbst hinaus. Ich war mir auch bewußt, daß dieser Übergang, wenn ich ihn nicht baldmöglichst schriftlich festhielte, in Vergessenheit geraten würde. Eines der ersten Dinge, die man auf dieser Reise lernt, ist, daß von den einzelnen Erlebnissen nichts zurückbleibt, kaum eine Fußspur und sicherlich keine lebhafte Erinnerung. Man lernt mit einem Wort, ohne Vergangenheit zu leben.
Aus diesem Grunde schrieb ich schnell, bevor das Erlebte für immer verloren war und das Leben ohne Selbst so sehr verblaßte wie der Tag meiner Geburt. Die Befreiung von der Vergangenheit machte es auch möglich, auf die Person bezogen zu schreiben – ich hätte es früher nie gewagt –, weil das Erlebte nicht mehr „mir“ gehört. Ich betrachte es wie irgend einen anderen Lebensumstand oder etwas, das sich um uns herum ereignet. Somit steht es jetzt unabänderlich für sich, wo es für immer bleiben wird – als etwas Vergangenes.
Zum Schluß betone ich nochmals, daß die folgenden Erfahrungen nicht die erste Phase im spirituellen Leben, also nicht die seelische Vertiefung im Einssein mit Gott, beschreiben. Diese wurde bereits an anderer Stelle beschrieben. Ich glaube auch, daß sie genügend behandelt wurde, ist sie doch zwangsläufig das alleinige Thema kontemplativer Autoren. Somit beginne ich dort, wo diese abbrechen. Hier beginnt die Reise über Einssein, Selbst und Gott hinaus in die stillen Regionen des Unbekannten.
ERSTER TEIL
Der Weg
Kapitel Eins
Die Stille mit ihren verschiedenen Arten und Abstufungen war mir aus früherer Erfahrung vertraut. Es gibt eine innere Stille und eine, die sich von außen herabsenkt. Es gibt eine Stille, die das Dasein beruhigt und eine, die das ganze Weltall ausfüllt. Es gibt die Stille des Selbst und seiner Eigenschaften – Wille, Denken, Erinnern und Gefühle. Es gibt eine Stille, in der nichts ist und eine, in der etwas ist. Und schließlich gibt es die Stille ohne ein Selbst und das Schweigen Gottes. Wenn es einen Weg gibt, an dem sich meine kontemplativen Erfahrungen veranschaulichen lassen, so ist es dieser sich ausbreitende und vertiefende Weg der Stille.
Einmal jedoch schien dieser Weg zu einem Ende zu kommen, als ich in eine Stille eintrat, aus der ich nie mehr völlig herauskommen sollte. Ich muß vorausschicken, schon früher war ich auf eine so völlige und alles durchdringende Stille der Eigenschaften des Selbst gestoßen, daß verhaltene Furcht aufkam, Furcht, für immer hinweggeschwemmt, ausgelöscht, ohnmächtig zu werden und vielleicht nie mehr zurückzukehren. Um die Furcht zu bannen, unternahm ich in solchen Momenten irgendetwas, um mein Schicksal Gott anzuvertrauen – eine Willensäußerung, einen Gedanken, irgendeine Absicht. Jedesmal wurde so die Stille durchbrochen und ich kehrte dann allmählich zum vertrauten Selbst zurück – und wähnte mich in Sicherheit. Doch eines Tages war dies nicht mehr der Fall.
Dort, wo ich wohnte, die Straße hinunter, lag ein Kloster am Meer, und wenn ich nachmittags wegkonnte, liebte ich es, eine zeitlang allein in der Stille seiner Kapelle zu verweilen. Dieser eine Nachmittag war nicht anders als sonst. Wieder breitete die Stille sich aus und ich wartete darauf, daß die Furcht aufkäme, die sie brechen würde. Doch diesmal kam die Furcht nicht. Ob aus gewohnter Erwartung oder zurückgehaltener Furcht, ich empfand Momente der Anspannung, als ob ich darauf wartete, daß die Furcht mich berührte. In diesen Momenten des Wartens war mir, als stünde ich am Abgrund oder balancierte auf einem dünnen Seil, mit dem Vertrauten (mir selbst) auf der einen und dem Unbekannten (Gott) auf der anderen Seite. Eine Regung aus Furcht hätte eine Bewegung auf das Selbst und das Bekannte zu bedeutet. Würde ich diesmal hinübergehen oder wieder auf mich selbst zurückfallen – wie üblich? Da ich keine eigene Kraft hatte, mich zu bewegen oder zu wählen, wußte ich, daß es nicht an mir war, zu entscheiden. Innen war alles ruhig, still und unbewegt. In dieser Stille war mir nicht bewußt, zu welchem Zeitpunkt mich Furcht und Erwartungsspannung verließen. Ich wartete weiter auf eine Regung, die nicht von mir ausging, und als nichts kam, verblieb ich einfach in der großen Stille.
Die Schwester rasselte mit den Schlüsseln der Kapellentür. Zeit abzuschließen – Zeit auch, das Essen für meine Kinder zu richten. Kraftlos wie ich in solchen Momenten war, war es mir schon immer schwergefallen, mich unvermittelt aus tiefer Stille herauszureißen. Mich zu bewegen, war so anstrengend, als müßte ich Bleigewichte heben. Diesmal jedoch kam mir in den Sinn, nicht ans Aufstehen zu denken, sondern es einfach zu tun. Es war, glaube ich, eine lohnende Lektion, denn ich verließ die Kapelle leicht wie eine Feder im Wind. Einmal draußen, erwartete ich durchaus, meinen normalen Kräftezustand und meine Denkfähigkeit wiederzugewinnen. Doch an diesem Tag hatte ich Schwierigkeiten, da ich immer wieder in die große Stille zurücksank. Beim Nachhausefahren mußte ich ständig gegen eine Ohnmacht ankämpfen, und der Versuch, das Essen zu richten, war, als ob ich einen Felsbrocken verschieben müßte.
Drei Tage lang strengte ich mich bis zur Erschöpfung an, wachzubleiben und gegen die Stille anzukämpfen, die mich jeden Moment zu überwältigen drohte. Selbst ein Minimum an Hausarbeit konnte ich nur verrichten, indem ich mir fortwährend vorsagte, was ich da gerade tat. Jetzt schäle ich die Karotten, jetzt schneide ich sie, jetzt nehme ich einen Topf heraus, jetzt tue ich Wasser in den Topf und so weiter und so fort, bis ich so erschöpft war, daß ich mich auf die Couch retten mußte. Kaum daß ich dalag, verlor ich sofort das Bewußtsein. Manchmal schienen es Stunden, wenn es nur fünf Minuten waren, dann wieder schien es wie fünf Minuten, wenn es Stunden waren. In dieser Bewußtlosigkeit gab es keine Träume, kein Gewahrsein meiner Umgebung, keine Gedanken, kein Leben – absolut nichts.
Am vierten Tag merkte ich, daß die Stille nachließ und es weniger anstrengend wurde, wachzubleiben. So traute ich mir zu, Lebensmittel einkaufen zu gehen. Ich weiß nicht, was geschah, als mich plötzlich eine Frau schüttelte und fragte: „Schlafen Sie?“ Ich lächelte sie an, während ich versuchte, mich zurechtzufinden, da ich in dem Moment nicht die leiseste Ahnung hatte, wie ich in das Geschäft gekommen war oder was ich dort wollte. So fing ich wieder von vorne an: jetzt schiebe ich den Einkaufswagen, jetzt muß ich Orangen kaufen und so fort. Am Morgen des fünften Tages konnte ich meine Hausschuhe nirgends finden. Als ich aber für die Kinder Frühstück machte und den Kühlschrank öffnete – unglaublich, was ich dort vorfand, es war absolut lächerlich!
Mit dem neunten Tag hatte die Stille soweit nachgelassen, daß ich sicher war, es würde bald alles wieder normal sein. Wie aber die Tage so dahingingen und ich wieder wie früher funktionierte, merkte ich, daß etwas fehlte, doch ich konnte nicht sagen, was es war. Etwas oder ein Teil von mir war nicht zurückgekehrt. Ein Teil von mir hielt sich noch immer in der Stille auf – als wäre ein Teil meiner geistigen Fähigkeit außer Kraft gesetzt. Ich dachte, das läge an meinem Gedächtnis, weil es sich erst als letztes wieder einstellte. Als es endlich wieder da war, merkte ich, wie flach und leblos es war – wie farblose Dias aus einem alten Film. Es war tot. Nicht nur die ferne Vergangenheit war leer, auch die gerade erst verflossenen Minuten.
Ist nun einmal etwas tot, gewöhnt man sich bald ab, es wieder wachrufen zu wollen. Mit einer leblosen Erinnerung lebt man wie einer, der keine Vergangenheit hat – man lernt, in der Gegenwart, im Jetzt zu leben. Daß dies nun mühelos gelang – weil aus schierer Notwendigkeit – war ein Gutes an einer ansonsten aufreibenden Erfahrung. Selbst als ich mein praktisches Gedächtnis zurückgewann, blieb mir die Fähigkeit, mühelos im Jetzt zu leben. Aber mit der Wiederkehr des praktischen Gedächtnisses verwarf ich mein bisheriges Verständnis dessen, was da abhanden gekommen war, und entschied, daß der stille Anteil meines Geistes eine Art „Versenkung“ sei, ein Aufgehen im Unbekannten, das für mich natürlich Gott war. Es war wie eine fortwährende Schau auf das große, schweigende Unerkennbare, die durch keine Tätigkeit unterbrochen wurde. Das war also eine weitere willkommene Auswirkung der ursprünglichen Erfahrung.
Diese Erklärung für den stillen Aspekt meines Geistes („Versenkung“) schien einen Monat lang zu genügen, bis ich wieder meine Meinung änderte und zu dem Schluß kam, die Versenkung sei eigentlich eine eigene Bewußtheit, eine spezielle Art des „Schauens“. Was da wirklich vor sich ging, war kein „außer Kraft setzen“, sondern eigentlich ein „Öffnen“ – es war nichts abhanden, sondern etwas war hinzugekommen. Nach einer Weile jedoch schien auch dies nicht mehr treffend, es blieb irgendwie unbefriedigend – etwas anderes war da geschehen. Ich beschloß, in der Bibliothek nachzusehen, ob ich dieses Mysterium mit Hilfe der Erfahrungen anderer lösen könnte.
Ich hatte herausgefunden, daß das, was nicht in den Schriften des Johannes vom Kreuz stand, wahrscheinlich auch nirgends anders zu finden war. Obwohl ich die Schriften des Heiligen gut kannte, konnte ich weder bei ihm noch sonstwo in der übrigen Literatur eine Erklärung für mein spezifisches Erlebnis finden. Auf dem Heimweg jedoch an jenem Tag, während ich vor dem Panorama von Tal und Hügeln den Hang hinunterging, kehrte ich meine Schau nach innen, und was ich sah, ließ mich stillstehen. Wo sonst meine eigene raumlose Mitte war, war nichts. Es war leer. In dem Moment, als ich das sah, durchströmte mich eine stille Freude und ich wußte, wußte endlich, was fehlte – mein „Selbst“ war weg.
Körperlich fühlte ich, als wäre eine schwere Last von mir genommen. Ich fühlte mich unglaublich leicht und blickte auf meine Füße, um sicher zu sein, daß sie auf dem Boden standen. Später dachte ich an die Erfahrung des heiligen Paulus: „Von nun an, nicht ich, sondern der Christus lebt in mir“ und ich merkte, daß trotz der Leere in mir kein anderer eingezogen war, um meinen Platz einzunehmen. Daraus schloß ich, daß Christus die Freude, die Leere selbst WAR. ER war alles, was von diesem Menschenleben übrigblieb. Tagelang ging ich nun mit dieser Freude einher, die zuweilen so mächtig war, daß ich mich fragte, wie lange die Schleusen noch halten mochten.
Dieses Erlebnis war der Höhepunkt meiner kontemplativen Berufung. Es war das Ausklingen einer Frage, die mich jahrelang gequält hatte: wo höre ich auf und wo fängt Gott an? Über die Jahre war die Trennlinie so dünn geworden und derart verblaßt, daß ich sie meistens gar nicht wahrnehmen konnte. Doch immerzu wollte ich verzweifelt wissen: was war Seines und was war mein? Nun hatte meine Not ein Ende, es gab kein mein mehr, es gab nur noch Ihn. In dieser seligen Freude hätte ich gerne den Rest meines Lebens verbracht, doch das lag nicht im Großen Plan. Innerhalb weniger Tage, einer Woche vielleicht, zerbarst plötzlich mein gesamtes spirituelles Leben – Arbeit, Leid, Erfahrungen und Zielsetzungen eines ganzen Lebens – unwiederbringlich in tausend Scherben, und übrig blieb nichts, absolut nichts.
Kapitel Zwei
Als die Freude über meine innere Leere nachzulassen begann, versuchte ich, sie in der Abgeschiedenheit innerer Einkehr zu erneuern. Zwar war das Selbst als Mittelpunkt nicht mehr vorhanden, doch ich war sicher, daß die gebliebene Leere, die Stille und das Glücksgefühl Gott selbst war. Einmal saß ich so und kehrte meine Schau in völlig hedonistischer Absicht nach innen. Fast unmittelbar begann der leere Raum sich auszuweiten, derart rapide, daß er zu explodieren schien. In der Magengrube hatte ich das Gefühl, als sause ich in einem Lift hundert Stockwerke nach unten und als würde mir in diesem Fallen alles Lebensgefühl auslaufen. Im Moment der Landung wußte ich: Wenn es kein persönliches Selbst gibt, gibt es auch keinen persönlichen Gott. Ich sah deutlich, wie beide zusammen gehen – aber wohin sie gingen, habe ich nie herausgefunden.
Eine Weile saß ich da, Geist und Gefühl wie betäubt. Ich konnte weder über das Geschehene nachdenken, noch gab es irgendeine Reaktion in mir. Um mich herum war nur Stille, und in dieser vollkommenen Stille wartete ich und wartete, daß sich irgendeine Reaktion einstellte, daß irgendetwas geschehen würde. Doch es geschah nichts. In mir war kein Lebensgefühl, keinerlei Regung oder Empfindung. Schließlich begriff ich, daß ich überhaupt kein „Inneres“ mehr hatte.
Im Moment des Fallens geschah ein so völliges Auslöschen, daß ich nie wieder das Gefühl haben würde, ich besäße ein Leben, das ich mein eigen nennen könnte – oder irgendein anderes Leben. Mein inneres oder spirituelles Leben war zu Ende. Es gab kein Schauen nach innen mehr, von nun an konnten meine Augen nur nach außen blicken. Damals konnte ich noch nicht ahnen, welch ungeheure Nachwirkungen dieses schlagartige Ereignis haben würde. Das mußte ich erst nach und nach herausfinden, und zwar einzig und allein durch Erfahrungen. Mein Verstand konnte nicht begreifen, was geschehen war. Dieses Ereignis und alles, was darauf folgte, lag außerhalb jedes mir bekannten Bezugsrahmens. Von hier an mußte ich mich buchstäblich einen unbekannten Pfad entlangtasten.
Mein erster Gedanke war: oh nein, nicht noch eine Dunkle Nacht! Erfahrungen der Verhüllung Gottes kannte ich zur Genüge und ich war ziemlich entmutigt bei dem Gedanken, daß es noch weitere geben sollte. Als sich jedoch keine der üblichen Reaktionen einstellte (alles Erdenkliche von Angst bis Agonie), merkte ich, daß die Erfahrung nicht zu den vom heiligen Johannes vom Kreuz beschriebenen gehörte und schob den Gedanken beiseite. Außerdem spielte es keine Rolle, ich mußte mich einfach mit der Realität im Hier und Jetzt abfinden, einer Realität, in der kein Lebensgefühl in mir war.
So saß ich da, völlig wach, gesund, bei Kräften, augenscheinlich lebendig, kurzum, alles funktionierte wie immer – doch ich spürte kein Leben in mir. Was nun? Ich beschloß, ich könne ebensogut jetzt gleich mit dem Kochen des Abendessens beginnen, doch all die gewohnten Handgriffe liefen so mechanisch ab, als wäre ich ein Roboter. Ich konnte keine eigenen Energien mehr in meine Verrichtungen hineingeben. In meinem Tun war nichts Lebendiges, alles war völlig automatisch, bewegte sich bloß in den konditionierten Bahnen.
Nach einer Weile hast du dann genug und bekommst allmählich das dringende Bedürfnis, irgendwo Leben zu finden. Ich ging in den Garten in der Hoffnung, es dort zu finden, stand da und sah mich um. Ich wußte, da war Leben, doch ich konnte es nicht spüren. So ging ich herum wie eine Blinde, betastete alles, die Blätter und Blumen, reichte hinauf in die Kiefernzweige und ließ sie durch die Hände gleiten. Ich bückte mich und grub mit den Händen in der Erde. Dann legte ich mich ins Gras, die Handflächen nach unten, sah ins Kieferngeäst und fühlte den Luftzug über mir. Es war gut, hier zu sein. Alles war in Ordnung. Irgendwo war Leben überall um mich herum, wenn auch nicht in mir.
Unweit befand sich ein Vogelschutzgebiet, das ich in Krisenzeiten immer aufsuchte. So auch später an diesem Abend, bevor die Sonne unterging. Es lag nur wenige Häuserblocks entfernt und der Weg dorthin bot schöne Ausblicke auf das Meer mit dem meilenlangen Küstenstrich und den hinter dem Naturschutzgebiet aufsteigenden Hügeln. Meistens ging ich nur ein kleines Stück weit hinein, weil hinter dem Baumstumpf, auf dem ich gern saß, ein Sumpf begann, der tiefer und morastiger wurde, je näher man an einen der Teiche herankam – diese wurden von dem Fluß gebildet, der hier ins Meer mündete. An jenem Abend jedoch zog ich Schuhe und Socken aus und watete zur Mitte des Naturschutzgebietes vor, bis ich einen kleinen, kaum sichtbaren Felsen fand, der aus dem Moor ragte. Hier im hohen Schilf setzte ich mich zwischen die Wildgräser und versank – sank buchstäblich ein in das Leben, das ringsum und bald schon auch über mir war.
Hier hatte ich mich immer zuhause gefühlt. Es war ein Ort tiefen Friedens und geheimnisvoller Stille. Aus Erfahrung wußte ich, daß Probleme niemals durch Nachdenken gelöst werden – allein durch das Hiersein, hier draußen, im Freien, inmitten des wirklichen Lebens, sonderte sich das Wesentliche wie von selbst vom Unwesentlichen, so daß bei der Heimkehr alles Unwesentliche weggefegt war und ich den Weg, den ich einschlagen mußte, klar vor mir sah. So auch an jenem Abend. Ich fühlte mich zuhause, geborgener vielleicht als je zuvor. Rings um den kleinen Felsen sproß Leben, es sprudelte förmlich über und war überall. Es kompensierte so sehr mein eigenes fehlendes Leben, daß es die Ereignisse des Tages wie ungeschehen machte. Hier gehörte ich ohne Zweifel hin, umgeben und fest eingeschlossen in diesem flüchtigen, nicht lokalisierbaren Etwas, das sich „Leben“ nennt. Schließlich, dachte ich, ist vermutlich kein Mensch besser als die Elemente, aus denen er besteht – denn die Elemente sind ja sein Leben – doch wieso das so war, wußte ich nicht. Alles, was zählte, war einfach da zu sein.
Die folgenden Wochen verbrachte ich meistens im Freien. Drinnen war es kaum noch auszuhalten, alles war so mechanisch, leblos und allem fehlte jede persönliche Energie, daß ein Minimum an Hausarbeit das einzige war, was ich leisten konnte. Im Freien jedoch, irgendwo draußen strömte das Leben – friedlich, selbstvergessen, unwißbar – hier mußte ich sein. So streifte ich über die Hügel, die Flußufer und den Meeresstrand entlang, einfach nur schauend, wahrnehmend, seiend.
Zwar hatte ich schon immer geschaut und beobachtet, doch diesmal war es anders, weil ich in den Bäumen, den Feldblumen und dem Wasser ebensowenig Leben finden konnte wie in mir selbst – und doch war überall Leben. Seltsam, wie der Verstand danach strebt, dieses Unwißbare, das sich Leben nennt, zu lokalisieren und festzuhalten. Und wenn das Verlangen gestillt ist, wird er geblendet in diesem Wissen und beraubt sich für immer der einzigen echten Gewißheit, die der Mensch hat – so wenigstens sollte ich bald herausfinden. Jetzt erst einmal suchte ich nach dieser Gewißheit und fand sie nicht. Obwohl alles genauso leer schien wie ich selbst, wußte ich wohl, irgendwo in der Natur gab es Leben und ich wollte nur dort sein und daran teilhaben.
Auf einer Klippe über dem Meer, an einer kleinen Felsenbucht, wo Seehunde dösten, stand eine knorrige, windgeplagte Zypresse. Das war ein Lieblingsplatz von mir. Zwischen den leidgeprüften Wurzeln, wo sonst nichts wachsen konnte, war ein Fleckchen, wo man sich hinsetzen konnte, ohne einen einzigen Löwenzahn zu zertreten oder die vielfältige Flora zu stören, die dem Felsen seine Schönheit verlieh. Hier nun weihte mich die Natur in einem schlichten, stillen Moment in ihr Geheimnis ein und ich sah, wie alles eigentlich war. Gott, das Leben, war nicht in den Dingen, es war genau umgekehrt. Alles war in Gott. Und wir waren nicht in Gott wie Wassertropfen, die man vom Meer trennen kann, sondern eher wie… nun, das einzige, was mir einfiel, war, wie wenn wir versuchen wollten, von einem aufgeblasenem Ballon ein Stückchen abzukneifen. Wenn wir das abgekniffene Stückchen wegschneiden, platzt der ganze Ballon, es geht also nicht. Man kann nichts von Gott trennen, und sobald wir die Vorstellung des Getrenntseins aufgeben, taucht alles wieder zurück in die Ganzheit Gottes und des Lebens.
Zu sehen, wie es eigentlich ist, ist eines – es zu beschreiben, ein anderes. Eines ist sicher: solange wir an Antworten hängen, solange sich der Verstand an Definitionen und sonstiges klammert, werden wir die Dinge nie so sehen, wie sie wirklich sind. Solange wir uns von unseren Vorstellungen, was Leben sei, nicht lösen können, werden wir nie erkennen, wie völlig geborgen wir eigentlich sind und daß der Kampf ums eigene Überleben und persönliche Sicherheit reine Energieverschwendung ist. Diese Erkenntnis eröffnete mir einen neuen Ausblick. Ich begann, die Dinge anders zu sehen, und vor allem hörte ich auf, nach Leben suchend herumzustreifen – es ist offensichtlich überall, und wir sind darin – es gibt nichts anderes.
Im Rückblick möchte ich aber noch eines erwähnen, das ich auf diesem Weg gelernt habe. Eine einmalige Einsicht reicht nicht aus, um wirkliche Wandlung zu bewirken. Mit der Zeit sickert jede Einsicht in unseren gewohnten Bezugsrahmen, wird diesem angepaßt und verliert sich gewöhnlich im Klima des Verstandes – und der Verstand neigt dazu, jede Einsicht zu vergiften. Das Geheimnis, wie aus einer Einsicht bleibendes Wissen und Verstehen werden kann, liegt darin, sie weder anzurühren, festzuhalten noch zu dogmatisieren, ja nicht einmal über sie nachzudenken. Einsichten kommen und gehen, doch um sie bleibend zu machen, müssen wir mit ihnen fließen, sonst ist keine Wandlung möglich. Es ist ein Irrtum, wenn wir glauben, nur weil wir einen Ball zugespielt bekamen, wüßten wir, in welche Richtung wir zu laufen haben. So gehen vielleicht unsere bedeutendsten Einsichten verloren. Sie rutschen in unseren gewohnten Bezugsrahmen und wir kommen nicht vom Fleck. Doch wenn wir im Moment der Ballannahme wirklich bereit sind, werden wir vom Schwung mitgetragen und in den Sog mit hineingezogen – in welche Richtung auch immer. Ich gebe diese Erfahrung weiter, da ich sie auf mühsame Weise erringen mußte. Immer wenn Einzelheiten nicht zusammenpaßten oder wenn Einsichten außerhalb meines Bezugsrahmens lagen, fühlte ich mich viel verlorener als es nötig war. Das Herumsuchen und Nachjagen nach meinen unlösbaren Fragen brachte mir viele Erschwernisse, die ich mir hätte sparen können.
Ein Beispiel, wie ich wider Willen lernen mußte, war, als mir jegliche Empfindung eigenen Lebens abhanden gekommen war, und ich gezwungenermaßen nach Leben außerhalb von mir
