Jetzt entspann dich mal! - Timothy Caulfield - E-Book

Jetzt entspann dich mal! E-Book

Timothy Caulfield

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Beschreibung

Wir treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen: darüber, wann wir aufstehen, was wir zum Frühstück essen, ob Gluten ungesund ist, wie viel Kaffee wir trinken und vieles mehr. Eine ziemlich ermüdende Angelegenheit, die oft dazu führt, dass wir im Laufe des Tages immer schlechtere Entscheidungen treffen. Timothy Caulfield zeigt anhand eines normalen Tages, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, dass die meisten Entscheidungen ohnehin auf Fehlinformationen beruhen. Vieles, von dem wir glauben, es sei gesünder, sicherer oder besser, ist es in Wirklichkeit gar nicht. Wissenschaftlich fundiert und mit einer Prise Humor nimmt er uns die Angst vor falschen Entscheidungen, damit wir uns einfach mal entspannen können. Lehrreich, manchmal kontrovers aber immer unterhaltsam: »Jetzt entspann dich mal!« ist ein überraschender und befreiender Leitfaden für das moderne Leben.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2020

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TIMOTHY CAULFIELD

JETZT ENTSPANN DICH MAL!

TIMOTHY CAULFIELD

JETZT ENTSPANN DICH MAL!

WARUM WIR GETROST AUFHÖREN KÖNNEN, ANGST VOR FALSCHEN ENTSCHEIDUNGEN ZU HABEN

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2020

© 2020 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Die englische Originalausgabe erschien 2020 bei Allen Lane unter dem Titel Relax, Dammit! © 2020 by Timothy Caulfield. All rights reserved. Die Übersetzung wurde durch Cooke Agency International, CookeMcDermind und Liepman AG vermittelt.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Übersetzung: Martin Bauer

Redaktion: Petra Holzmann

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Umschlagabbildung: shutterstock/TY Lim

Satz: Christiane Schuster | www.kapazunder.de

Druck: CPI books GmbH, Leck

ISBN Print 978-3-7474-0227-6

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96121-584-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96121-585-0

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.mvg-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

DER WISSENSCHAFT GEWIDMET.

HALTE DURCH!

INHALT

EINLEITUNG: ENTSCHEIDUNGEN, ENTSCHEIDUNGEN

I. AM MORGEN UND AM VORMITTAG

6:30 UHR – AUFWACHEN!

6:31 UHR – AUF DAS HANDY SEHEN

6:35 UHR – ZÄHNE PUTZEN

6:40 UHR – AUFS HANDY SEHEN (SCHON WIEDER)

6:45 UHR – AUF DIE WAAGE STEIGEN

6:50 UHR – ANZIEHEN

6:55 UHR – KAFFEE

7:00 UHR – FRÜHSTÜCK

7:05 UHR – MILCH

7:15 UHR – VITAMINE

7:45 UHR – DIE KINDER ZUR SCHULE BRINGEN

7:50 UHR – PENDELN

8:15 UHR – PARKEN

8:30 UHR – ARBEITSBEGINN

9:30 UHR – ÖFFENTLICHE TOILETTE

9:33 UHR – HÄNDE WASCHEN

10:00 UHR – NOCH EINEN KAFFEE?

10:30 UHR – MULTITASKEN

11:00 UHR – SICH AUFS MITTAGESSEN FREUEN

II. MITTAG UND NACHMITTAG

12:00 UHR – MITTAGESSEN

13:15 UHR – SCHIMPFEN

13:30 UHR – EINEN DANKESBRIEF SCHREIBEN

13:45 UHR – HINSTELLEN

14:00 UHR – NOCH EINEN KAFFEE?

14:15 UHR – SEIFE

14:17 UHR – WASSER TRINKEN

14:20 UHR – MEETING

14:30 UHR – EIN POWER-NAP

15:00 UHR – DIE FÜNF-SEKUNDEN-REGEL

15:15 UHR – E-MAILS

16:00 UHR – HÄNDESCHÜTTELN

16:00 UHR – UMARMUNGEN

16:30 UHR – TORSCHLUSSPANIK!

III. SPÄTNACHMITTAG UND ABEND

17:00 UHR - SPORT

17:45 UHR – ZEIT MIT DEN KINDERN VERBRINGEN

17:45 UHR – SMARTPHONE CHECKEN

18:00 UHR – ABENDESSEN

18:15 UHR – WEIN

19:00 UHR – ABSPÜLEN

19:30 UHR – TOILETTENSITZ WIEDER HERUNTERKLAPPEN ODER NICHT?

19:50 UHR – 10.000 SCHRITTE?

20:00 UHR – BINGEWATCHING

22:00 UHR – AUFS HANDY SCHAUEN, SCHON WIEDER

22:30 UHR – HAARE WASCHEN

22:45 UHR – ZAHNSEIDE BENUTZEN

22:50 UHR – SEX

22:55 UHR – KUSCHELN

23:00 UHR – SCHLAFEN

DIE JETZT-ENTSPANN-DICH-MAL-REGELN

ÜBER DEN AUTOR

DANKSAGUNG

QUELLENNACHWEIS

EINLEITUNG: ENTSCHEIDUNGEN, ENTSCHEIDUNGEN

»Ihr werdet am Boden zerstört sein, wenn euer Sohn stirbt! Ihr werdet euch schrecklich fühlen!«

Mit diesem Paukenschlag beendete meine Schwägerin eine hitzige Debatte beim sonntäglichen Familienessen. Ich hatte der versammelten Großfamilie gerade verkündet, dass ich beschlossen hätte, Fallschirm springen zu gehen. 3.000 Meter, das meiste davon im freien Fall.

Alle hielten mich für verrückt. Aber das war nichts Neues. Die Vorstellung, dass ich, Onkel Tim, ungebremst der Erde entgegenrase, hatte für keine Diskussionen gesorgt. Was alle in Panik versetzt hatte, war mein Plan, meinen 14-jährigen Sohn Michael mitzunehmen.

Tag für Tag treffen wir jede Menge Entscheidungen. Einigen Schätzungen zufolge liegt die Zahl bei mehreren Tausend, allein in Sachen Ernährung treffen wir täglich Hunderte Entscheidungen. Wir beschließen, wann wir aufstehen, wie wir unsere Zähne pflegen, was wir zum Frühstück essen, wie viel Kaffee wir trinken, wie unsere Kinder zum Kindergarten kommen sollen und so weiter.

Die Struktur dieses Buches lehnt sich an die Reihenfolge der Entscheidungen an, wie wir sie an einem typischen Tag treffen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Dutzende dieser Entscheidungen möchte ich dabei genauer untersuchen. Einige Fragen sind banaler oder unterhaltsamer, wie etwa, ob wir uns auf den Sitz einer öffentlichen Toilette setzen sollen? Wo wir am besten parken? Ob es wirklich eine gute Idee ist, den Kollegen zusammenzufalten? Oder ob wir nach dem Sex noch kuscheln sollen? Andere Fragen sind ernsthafterer Natur und kniffliger. Soll ich meine Kinder zur Schule fahren? Soll ich morgens auf eine Waage steigen? Soll ich mich schuldig fühlen, weil ich nicht genug Zeit mit den Kindern verbringe?

Bei einigen Themen beleuchte ich, wie die Betrachtungsweise sich im Lauf der Zeit geändert hat, und analysiere, wie gesellschaftliche Kräfte die Diskussion und die Argumente verzerren. Andere handle ich kurz ab, indem ich allein auf die Fakten verweise. Mein Ziel ist dabei, einen nützlichen Überblick zu verschaffen, was zu einer Frage wissenschaftlich belegt ist, aber auch den Sinn dafür zu schärfen, wie kulturelle, historische und wissenschaftliche Kräfte unser Denken bezüglich vieler alltagsrelevanter Themen prägen.

Mir ist schon klar, dass sich Menschen bei ihren Entscheidungen nicht allein von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen. Und wenn man sich die Entscheidungen ansieht, die wir so täglich treffen, kristallisiert sich eines heraus: Im Grunde liegen wir meistens ganz richtig, wir dürfen uns also entspannen. In aller Regel spielen unsere Entscheidungen nämlich eine viel weniger wichtige Rolle, als wir annehmen. In einer Welt, in der Informationen zunehmend verzerrt werden, weil jemand wirtschaftlichen, ideologischen oder ganz persönlichen Nutzen daraus zieht, kann es schwer sein, die objektive Wahrheit zu ermitteln, egal, ob es jetzt um Zahnpasta oder Toilettensitze geht. Aber es gibt diese Wahrheit, und es kann befreiend sein, sie herauszufinden.

Entscheidungen zu treffen ist anstrengend. Es erschöpft uns regelrecht. Deswegen fällt etwa die Leistung von Aktienanalysten über den Tag hinweg ab. Oft treffen wir aus geistiger Erschöpfung schlechte Entscheidungen, zum Beispiel was unsere Ernährung angeht: Je müder unser Gehirn ist, desto mehr Junkfood konsumieren wir. Geistige Erschöpfung beeinflusst, welche Medikamente Ärzte verschreiben und wie streng Richter urteilen. Und je bewusster wir uns entscheiden – je mehr Gedanken wir auf ein Thema verwenden –, desto mehr strengt es uns an.

Entscheidungsprozesse sind komplex, chaotisch und können erheblichen Stress verursachen, weil gesellschaftliche Strömungen manche Entscheidungsprozesse zunehmend mit Ängsten belegen. Doch davon sollte man sich nicht irremachen lassen, wie ich mit diesem Buch gerne deutlich machen würde. Wer es schafft, aktuelle »gesellschaftliche« Trends, das Werbegetrommel und rein ideologische Botschaften zu ignorieren und sich nur an die Fakten hält, dem fallen viele Entscheidungen deutlich leichter.

Mit diesem Buch hoffe ich auch, unsere täglichen Entscheidungen in einen erfrischend neuen Kontext stellen zu können, sodass viele Dinge in einem neuen Licht erscheinen – auch wenn das vielleicht nichts an den eigenen Ansichten ändert. Im Kern geht es in diesem Buch um die Rechtfertigungen hinter unseren Entscheidungen und um die kulturellen, historischen und wissenschaftlichen Kräfte, die beeinflussen, wie wir sie treffen.

Klar, jeder möchte die richtigen Entscheidungen treffen – oder zumindest die für ihn richtigen. Wir kaufen bestimmte Lebensmittel, weil wir sie für gesünder oder umweltfreundlicher halten. Wir putzen unsere Zähne und benutzen Zahnseide, weil wir nicht wollen, dass uns die Zähne ausfallen. Wir sagen Nein zur vierten Tasse Kaffee, weil uns zu viel Koffein schadet. Wir fahren unsere Kinder zur Schule, weil wir uns um ihre Sicherheit sorgen. Wir setzen uns nicht auf die Brillen öffentlicher Toiletten, weil wir uns vor Keimen fürchten. Wir halten einen Power-Nap, weil es heißt, das würde unsere Produktivität steigern. Wir versuchen, nicht ständig unsere E-Mails zu checken, weil uns das angeblich stresst. Wir arbeiten im Stehen, weil Sitzen das neue Rauchen ist. Wir schlucken Vitamine, um Krankheiten vorzubeugen. Wir verschaffen unserem Ärger Luft, weil man uns sagt, es sei gut für das seelische Wohlbefinden, wenn man seine Gefühle rauslässt. Und auf die Frage, warum wir eine bestimmte Entscheidung getroffen haben, haben wir meistens eine einigermaßen stichhaltige Begründung: Wir tun etwas, weil es gesünder, sicherer oder einfach besser ist.

Aber, wie sich zeigen wird, widersprechen die Fakten vielen unserer Überzeugungen. Vom Augenblick des Erwachens bis zum Einschlafen am Abend treffen wir Dutzende Entscheidungen aufgrund mehr oder weniger falscher Informationen.

Dabei will ich ohnehin nicht behaupten, wir wären hyperrationale Wesen, die ausschließlich aufgrund harter Fakten entscheiden. Ganz im Gegenteil prägen unzählige kulturelle, soziale und psychologische Kräfte unsere Entscheidungen. Und die passenden Rechtfertigungen suchen wir uns oft erst hinterher. Was bedeutet: Wir entscheiden uns erst und dann konstruieren wir die Begründung, warum unsere Entscheidung die richtige war. Wir suchen uns Gründe, die den Entschluss rechtfertigen, unserer Persönlichkeit entsprechen und uns vernunftgesteuert und konsequent erscheinen lassen – selbst wenn das ursprüngliche Motiv für unsere Entscheidung ein anderes war oder wir es gar nicht kennen.

Wir tun das, um sogenannte kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Studien haben gezeigt, dass Menschen nach der Entscheidung für eine neue Stelle oder für das Studium an einer bestimmten Universität diejenigen Attribute stärker gewichten, die für den neuen Arbeitgeber bzw. die gewählte Universität sprechen, als vor der Entscheidung. Entsprechend weniger stark gewichten sie die Attribute, die für die nicht gewählten Alternativen gesprochen hätten. Wir versuchen Entscheidungen zu treffen, die uns konsequent wirken lassen – wodurch die Entscheidungen der Vergangenheit unsere zukünftigen Entscheidungen beeinflussen. Vielleicht verschmähen wir genetisch verändertes Obst, weil wir ohnehin schon Bio-Obst kaufen und das Gefühl haben, das wäre nur konsequent und passe zu unserem Bild von uns selbst. Hinterher dann suchen wir eine Rechtfertigung für diese Wahl – auch wenn der eigentliche Grund war, dass wir konsequent wirken wollten. Und ist unsere Wahl erst einmal getroffen, müssen wir auch bei dieser Rechtfertigung bleiben, denn sie gehört nun zu unserem Selbstbild.

Wir alle machen das so. Du bist da nicht anders als ich.

Selbst wenn wir also alle Fakten kennen würden, würden wir sie bei unseren Entscheidungen nicht notwendigerweise alle beachten. Es lohnt sich unbedingt, diese gewaltige Kluft zwischen unseren Rechtfertigungen und den Erkenntnissen der Wissenschaft zu untersuchen. Denn dabei eröffnet sich uns die Gelegenheit, drei soziale Paradoxa zu erkunden, die unser Leben immer stärker durchdringen und zutiefst schädlich sind. Meiner Überzeugung nach sind diese Paradoxe geradezu zum Inbegriff unserer Zeit geworden, was kein gutes Licht auf uns wirft. Alle drei erschweren es, gute Entscheidungen zu treffen, und machen den Entscheidungsprozess unendlich viel stressiger.

Erstens gibt es das Paradoxon der Wissens-Ära. Wir leben in einer Welt, die in Informationen ertrinkt. Nie zuvor gab es so viel wissenschaftlich fundiertes Wissen wie heute. Schätzungen zufolge verdoppelt sich der wissenschaftliche Output alle neun Jahre. Seit 1665, als in Frankreich und Großbritannien die ersten wissenschaftlichen Zeitschriften entstanden, wurden mehr als 50 Millionen Fachartikel veröffentlicht. Und jedes Jahr kommen etwa 2,5 Millionen Artikel neu hinzu. Natürlich würden uns nur die allerwenigsten bei unseren täglichen Entscheidungen helfen, aber die Zahlen allein vermitteln schon ein Gefühl für das rasante Wachstum verfügbaren Wissens. Es gibt jede Menge Informationen da draußen. Und nie war es so leicht, auf diese Informationen zuzugreifen. Man sollte also denken, dass die Menschheit sich in zunehmendem Ausmaß wohlinformiert und auf Grundlage von Fakten entscheidet.

Gleichzeitig erstarken aber soziale Kräfte, die dieses Wissen unterwandern. Wir befinden uns in der Ära von Fake News, Verschwörungstheorien, alternativen Fakten und sozialen Echokammern. Nur zu oft werden Informationen verzerrt, hochgejazzt, falsch dargestellt oder offenkundig falsch interpretiert. Deswegen führen all diese jederzeit verfügbaren Informationen oft nicht zu fundierteren Entscheidungen. Der Blick darauf, was die Wissenschaft zu einer bestimmten Frage sagt bzw. nicht sagt, eröffnet die Einsicht dafür, wie und warum Information verzerrt wird. Und diese Analyse wird dir hoffentlich dabei helfen, zu erkennen, was man beachten und was man ignorieren sollte.

Zweitens gibt es das Paradoxon der Risikominimierung. Bei vielen Entscheidungen geht es uns vornehmlich darum, Schaden zu vermeiden oder Risiken zu minimieren. Noch bei den scheinbar harmlosesten Fragen – etwa, wann wir zu Bett gehen, was wir essen, wie wir zur Arbeit kommen oder sogar, wie wir unsere Hände waschen sollen – spielen oft Risikoerwägungen eine Rolle. Und die Werbebranche weiß das. Denn mit nichts lassen sich Produkte und Ideen besser vermarkten als mit dem Schüren von Ängsten, insbesondere auf dem Feld der Gesundheit. Die billionenschwere Wellnessindustrie erfindet Gründe zur Sorge – etwa vor Toxinen – und verkauft uns dann eine Lösung für diese Angst, die sie selbst erzeugt hat.

Ganze Branchen haben sich auf die Fahnen geschrieben, unsere Kinder zu beschützen. Da gibt es Überwachungsgeräte, die Entführungen verhindern sollen, und Produkte, die Kinder vor all den chemischen Stoffen schützen sollen, die, so behauptet zumindest die Werbung, ihre Gesundheit gefährden. Jessica Albas Marke »The Honest« mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Dollar scheint auf der Erkenntnis gegründet, dass sich Angst (inklusive elterliche Schuldgefühle) verkauft: Das Unternehmen bietet Dinge wie Windeln (selbstverständlich aus natürlichen Materialien), Vitamine (bio und genetisch nicht modifiziert, klar) und Hygieneprodukte (natürlich hypoallergen) an, mit dem erklärten Ziel, uns »Seelenfrieden« zu verschaffen, denn oberste Priorität des Unternehmens sei, »dich und deine geliebten Menschen zu schützen«.

Und natürlich gilt es, Gefahrenstoffe in unserer Umgebung zu meiden. Aber schließlich bevölkern wir keine dystopische Mad-Max-Welt voller flächendeckend giftiger Chemikalien, die die Haut verätzen und das Erbgut verändern. Tatsächlich lebt man heute in den meisten Ländern sicherer und gesünder als je zuvor. Fast in jeder Hinsicht sind die Zeiten heute objektiv oft besser als zuvor. So gingen in den Vereinigten Staaten die Gewaltverbrechen und Eigentumsdelikte über die letzten 25 Jahre stetig und erheblich zurück. Trotzdem glaubten 2017 volle 70 Prozent der Amerikaner irrigerweise, die Kriminalität steige an. Gerade einmal 19 Prozent der Befragten lagen richtig.

Auch der Drogenmissbrauch durch Teenager geht zurück. Komasaufen und Rauchen sind heutzutage viel weniger üblich als noch vor Jahrzehnten. Weniger Kinder verunglücken im Straßenverkehr, obwohl mehr Menschen und Autos unterwegs sind als je zuvor. (Im Jahr 2017 fuhren die Amerikaner eine Rekordstrecke von etwa fünf Billionen Meilen.) Heutzutage ist es für ein Kind ungefährlicher, eine Straße zu überqueren, als es in der Kindheit der Eltern war. Daten der amerikanischen Behörde für Verkehrssicherheit zeigen, dass die Zahl tödlicher Verkehrsunfälle, bei denen Kinder von Autos überfahren wurden, seit 1993 von mehr als 800 auf heute weniger als 250 gesunken ist.

Ähnliches gilt für viele Krankheiten. Immer weniger Menschen sterben an übertragbaren Krankheiten, vor allem dank Impfungen – einer Erfindung, die jährlich Millionen Leben rettet. Obwohl Krebs die zweithäufigste Todesursache bleibt (nach Herzerkrankungen), verbessert sich die Lage auch hier. 2018 berichtete das amerikanische Krebsinstitut, dass die Mortalität durch Krebs zwischen 1990 und 2014 um ein Viertel abgenommen habe.

Aber die Nordamerikaner sind in ihrem Irrglauben nicht allein. Weltweit glauben die meisten Menschen, dass Armut und Kindersterblichkeit zunehmen, obwohl beides über die letzten Jahrzehnte stark zurückgegangen ist. Und die Verbesserung beschleunigt sich sogar. Seit 1960 ist die Anzahl gestorbener Kinder von jährlich 20 Millionen auf sechs Millionen gesunken. Weltweit ist die Lebenserwartung seit dem Jahr 2000 um fünfeinhalb Jahre gestiegen. Es wäre sehr wichtig, diese Fortschritte anzuerkennen –, aber die meisten von uns sind blind dafür. Einer im Jahr 2015 durchgeführten Umfrage zufolge glaubten nur sechs Prozent der Amerikaner, die Welt würde ein besserer Ort. Doch unter dem Strich leben wir in einer Ära historisch niedriger Risiken für Leib und Leben, und dennoch versuchen wir auf Teufel komm raus, immer noch mehr Risiken zu vermeiden – eingebildete wie reale.

Natürlich sollten wir unentwegt danach streben, die Welt zu verbessern und etwa unsere Viertel lebenswerter zu gestalten, die Straßen sicherer zu machen, den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu verbessern und die Sauberkeit von Luft und Wasser zu steigern. Ja, die Menschheit steht vor gewaltigen Herausforderungen wie Klimawandel, Artenschwund, Fettleibigkeit, multiresistenten Keimen und Kriegen in aller Welt, um nur ein paar zu nennen. Auch unsere Gesellschaft darf gerne toleranter und diverser werden. Ich behaupte also keineswegs, alles sei zum Besten bestellt. Aber wir dürfen auch die Gesamtperspektive nicht aus den Augen verlieren. Doch genau das tun die meisten.

Es gibt viele Gründe, warum wir überall Risiken sehen. Nicht zuletzt sind wir genetisch darauf programmiert, Risiken zu erkennen und zu vermeiden. Aber unsere Angst sollte nicht unsere Entscheidungen dominieren. Tatsächlich weist einiges darauf hin, dass unsere Risiko-Besessenheit uns weniger gesund und weniger glücklich macht. Forscher fanden sogar heraus, dass Ängste um die eigene Gesundheit das Risiko für Herzerkrankungen erheblich steigern.

Viele Entscheidungen, die wir treffen, um gesünder zu werden oder Risiken zu vermeiden, bewirken genau das Gegenteil. Ich finde das einen der verblüffendsten Widersprüche unserer Zeit. Manche Praktiken sind richtiggehend absurd, etwa intravenöse Vitamin-Infusionen oder Darmspülungen. Auch wenn sie von alternativen Heilern und prominenten Gesundheitsgurus als tolle Methode gepriesen werden, unsere Körper zu entgiften und gesünder zu machen, ändert das nichts an der Tatsache, dass die Methoden erstens gefährlich sind und zweitens keinen nachweisbaren Nutzen bringen. Neben diesen absurden Beispielen gibt es aber ganz viele Dinge, die die meisten von uns tun – etwa, um ihren Nachtschlaf oder ihre Ernährung zu verbessern oder um sich und ihre Lieben sicher an ihr Ziel zu bringen –, die gar nicht dazu taugen, unsere Sicherheit zu erhöhen, wie wir es glauben.

Das dritte und letzte Paradoxon, das uns Entscheidungen erschwert und viel Stress verursacht, ist das Vollkommenheitsparadox. Wir fühlen uns unter immer stärkerem Druck, besser zu werden. Unser Ziel ist Perfektion – bei Aussehen, Jobs, Beziehungen, Erziehung, geistiger Gesundheit, Sexualleben und, und, und. Diese Besessenheit ist eine Perversion des ursprünglichen amerikanischen Traums vom Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück. Mehr noch, wir betrachten es nicht nur als Recht, sondern nachgerade als unsere Pflicht, nach Vervollkommnung zu streben. Aktuelle Forschungsergebnisse, darunter eine Studie aus dem Jahr 2017, für die 40.000 Studenten befragt wurden, zeigen, dass sowohl perfektionistische Einstellungen als auch der soziale Druck, sich zu perfektionieren, über die letzten Jahrzehnte erheblich zugenommen haben. Das Paradox besteht darin, dass weder das Streben nach Selbstoptimierung noch das Erreichen von an Perfektion orientierten Zielen uns glücklicher macht, zumindest nicht dauerhaft. Ganz im Gegenteil, beides macht uns krank, an Körper und Geist.

Viele der uns eingeredeten Ziele, etwa bezüglich unseres Aussehens, unserer Beziehungen oder unserer Karrieren, sind völlig illusorisch. Wir hetzen einer Vollkommenheit nach, die gar nicht existiert und folglich schlicht unerreichbar ist. Nur ein Beispiel: Neue Apps erlauben dem Nutzer, seine Bilder von sich zu verändern und zu perfektionieren, damit er perfekt in den sozialen Medien aussieht. Das führte zu vollkommen unrealistischen Schönheitsstandards. Promis und Models wirken dank Photoshop schon seit Ewigkeiten perfekt. Aber jetzt kann jeder an seinem Aussehen herumdoktern. Verschlimmert wird das Ganze dadurch, dass die sozialen Medien in Verbindung mit Smartphones es erlauben, sich unablässig mit anderen zu vergleichen. Und dieser ständige Vergleich macht viele von uns traurig, beklommen und unzufrieden.

Warum spielt das Vollkommenheitsparadox aber nun für dieses Buch eine Rolle? – Wir treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen, die uns einem bestimmten Ideal näherbringen sollen. Einen Teil des sozialen Drucks zur Selbstoptimierung erzeugen Unternehmen, die uns nur ihre Ware verkaufen wollen. Doch das Streben nach Vollkommenheit ist erstens ohnehin oft müßig und zweitens treffen wir unsere Entscheidungen – etwa darüber, welche Nahrungsergänzungsmittel wir schlucken oder welche Selbsthilfemethode wir anwenden – nicht auf der Grundlage von Fakten. Und so vergeuden wir nur unsere Zeit, unsere Energie und (meist) unser Geld.

Joanne, meine Frau, war gar nicht glücklich. »Von mir aus kannst du Fallschirm springen gehen, aber musst du Michael mitnehmen?«

Jeder, dem ich von meinem Fallschirm-Plan erzählte, pflichtete Joanne bei. Allgemein wurde befunden, es sei Wahnsinn, meinen Sohn in die Sache hineinzuziehen, unverantwortlich und schlicht falsch. Doch Michael konnte es kaum erwarten. Er suchte den besten örtlichen Anbieter für todesverachtende Sprünge heraus und löcherte mich unentwegt, ich solle doch endlich einen Termin buchen. »Für dieses Wochenende ist ziemlich gutes Wetter vorhergesagt, Papa. Wir sollten besser reservieren«, sagte er mehrmals täglich.

Ich will jetzt nicht behaupten, es sei eine gute Idee, Fallschirmspringen zu gehen. Ehrlich gesagt, hatte ich die Hosen richtig voll. Die Vorstellung, mich aus einem Flugzeug zu stürzen – noch dazu in Gesellschaft meines Jüngsten –, ängstigte mich zu Tode. Ich hasse es, in Kleinflugzeugen zu fliegen, da wird mir schnell schlecht. Und ein besonders mutiger Mensch bin ich sowieso nicht. Ich bin der Typ, der beim Anblick eines Schwarzbären davonrennt wie der Blitz und seine hübsche junge Braut ihrem Schicksal überlässt. Genau das machte ich am Anfang unserer Ehe, als Joanne und ich einem Schwarzbären über den Weg liefen. Aber genau aus diesen Gründen beschloss ich, Fallschirmspringen zu gehen. Trotz meiner Angst wusste ich, dass es relativ sicher ist. Fallschirmspringen ist das perfekte Beispiel für angsteinflößende Dinge, die nicht annähernd so gefährlich sind, wie wir glauben. – Wie sicher es ist? Dem amerikanischen Fallschirmspringerverband zufolge finden jährlich drei Millionen Sprünge statt. Dabei sterben jedes Jahr etwa 20 Menschen. Das ergibt ein Risiko von 0,007 tödlichen Unfällen pro tausend Sprünge. Das ist ein sehr, sehr kleines Risiko. Tatsächlich ist die Autofahrt zum Flugfeld (wie auch jede Fahrt zu einem Laden um die Ecke) das Gefährlichste an der ganzen Angelegenheit. Bei Tandemsprüngen, bei denen man an einen Experten geschnallt wird, ist das Risiko noch einmal kleiner. Und genau so etwas planten Michael und ich ja auch. Der britische Fallschirmspringerverband erklärt: »Die Häufigkeit tödlicher Unfälle bei allen Tandemsprüngen seit 1988 liegt bei etwa 0,14 pro 100.000 Sprünge.« Anders ausgedrückt, stirbt alle 703.000 Tandemsprünge ein Mensch. Das ist ein sehr, sehr, sehr niedriges Risiko. In Großbritannien hat es die letzten 20 Jahre überhaupt keine tödlichen Unfälle bei Tandemsprüngen mehr gegeben. Selbst die Verletzungsgefahr ist bemerkenswert niedrig; sie liegt bei einem Unfall pro 1.100 Sprünge – und dabei wird vom kleinen Kratzer über Verstauchungen bis zu Brüchen alles gezählt.

Michael ist Wettkampfturner. Er wirbelt um die Reckstange, macht Kreuzstütz an den Ringen und dann einen Salto zum Abgang, springt Flickflack und Salti am Boden. Glaubt man den Zahlen, ist seine Chance, sich bei der Ausübung seines Sports ernsthaft zu verletzen, mehr als zehnmal so hoch wie die, sich beim Fallschirmspringen auch nur einen Kratzer zu holen. Doch nicht einer derjenigen, die mich für meinen Fallschirmsprung-Plan kritisierten, warnte mich vor dem Turnen. Einige der Warnungen hörte ich von Eltern, deren Kinder Hockey spielen – einen Sport, der mir erheblich gefährlicher erscheint als Fallschirmspringen oder Turnen. Einer Studie zufolge kommt es in 1.000 Hockeypartien zu annähernd 19 Verletzungen (wobei nur ernsthaftere Blessuren wie Gehirnerschütterungen und Bänderverletzungen gezählt werden).

Noch einmal: Ich möchte nicht behaupten, es sei eine schlechtere Entscheidung, Auto zu fahren, Hockey zu spielen oder zu turnen, als aus einem Flugzeug zu springen, aber man sieht schon, dass wir Risiken auf seltsame und komplexe Weise betrachten und gewichten, insbesondere, wenn es um unsere Kinder geht.

Übrigens ist die Gefahr, von einem Bären getötet zu werden, auch ziemlich vernachlässigbar – meine unwürdige Flucht, bei der ich sogar meine Frau geopfert hätte, war also ebenfalls irrational. Zwischen 1900 und 2009 kamen in Nordamerika 63 Menschen beim Angriff eines Bären ums Leben. Betrachtet man die Abermillionen Menschen, die sich über diesen Zeitraum im Habitat von Bären aufgehalten haben, sieht man, wie winzig das Risiko tatsächlich ist. Passiert aber tatsächlich einmal etwas, sorgt das für Riesen-Schlagzeilen und reißerische Fernsehberichte. Noch Tage und Wochen später erfahren wir ellenlang vom Leben und Weben des Getöteten, und wie seine Familie damit umgeht. Kein Wunder, dass einem das Risiko da durchaus erheblich scheint. Und wenn man dann mit seiner besseren Hälfte durch den Wald marschiert, ist die Angst vor einem blutigen Zwischenfall dann immer sehr präsent.

Gedankengänge dieser Art sorgen dafür, dass wir viel zu großes Augenmerk auf vernachlässigbare Risiken für Leib und Leben legen. Ereignisse, die sich uns besonders einprägen oder die eine starke emotionale Reaktion hervorrufen, halten wir für viel wahrscheinlicher, als sie in Wirklichkeit sind. Ohne Schwierigkeiten können wir uns einen wilden Bären vorstellen, der einen Wandersmann verstümmelt, oder einen Fallschirmspringer, der ungebremst auf die Erde knallt. Gar nicht gut vorstellen können wir uns indes den (bestens belegten) Schaden, den wir uns antun, weil wir zu wenig Obst und Gemüse essen oder zu wenig schlafen. Wir fürchten uns also vor dem Bären, machen uns aber keine Sorgen, dass wir vielleicht zu wenig Karotten essen oder zu wenig Schlaf bekommen könnten. Verantwortlich dafür sind zwei kognitive Verzerrungen mit den sperrigen Namen »Verfügbarkeitsheuristik« und »Affektheuristik«. Dabei handelt es sich um fest verdrahtete Abkürzungen in unserem Denken; sie sorgen – zusammen mit einigen weiteren Faktoren – dafür, dass wir im Umgang mit Risiken nur mäßig vernünftige Entscheidungen treffen. Aufgrund dieser beiden Heuristiken halten viele Menschen beispielsweise Fallschirmspringen für eine schlechte Idee: Denn es handelt sich um eine »extreme Betätigung«, bei der man sich ein grässliches Ende leicht ausmalen kann. Platsch.

Unglücklicherweise leben wir umgeben von Medien, die, wie die Forschung immer wieder zeigt, bestimmte Risiken aufbläht und Ängste schürt. Und es wird immer schlimmer. 2018 zeigte eine Studie der Universität Warwick, dass Berichte über Gefahren – etwa über den Ausbruch einer Seuche, Terrorismus oder Naturkatastrophen – immer schlimmer, unzutreffender und reißerischer werden, je mehr wir sie teilen. Man darf sich das als perverse und pervertierende Flüsterpost vorstellen. Der Erstautor der Studie, Professor Thomas Hills, erzählte mir: »Menschen picken sich aus Informationen die furchterregenden Teile heraus, um sie dann weiterzuerzählen. Weil alle das so halten, wird jedes Ereignis auf das reduziert, was uns Angst macht. Das scheinbare Risiko wird dadurch verstärkt.«

Professor Hills, der auch darüber forscht, wie Informationen in Entscheidungsprozesse einfließen, sagte mir, die heutige Welt werde deshalb als Risikogesellschaft bezeichnet, »denn für uns scheint nur noch zu zählen, dass man Risiken vermeidet ... Dadurch wird Risiko der entscheidende Grund, warum wir Dinge tun oder lassen, eine objektive Abwägung von Für und Wider findet kaum oder nur noch beschränkt statt.«

Das Risiko spielt also eine erhebliche Rolle, doch viele weitere soziale Kräfte beeinflussen ebenfalls, welche Informationen in unsere Entscheidungsfindung einfließen. Aktuelle Forschungen zeigen, dass sich Unwahrheiten in den sozialen Medien »signifikant schneller, weiter, tiefer und breiter verbreiten als die Wahrheit«. Wahrscheinlich, weil Lügen einfach interessanter sind als die Wahrheit. Gemeinsam machen es kognitive Verzerrungen und die weite Verbreitung irreführender Informationen nahezu unmöglich herauszukitzeln, was wirklich die beste faktenbasierte Entscheidung wäre.

Angesichts unserer heutigen Medienlandschaft ist es nur zu einfach, vom Wirbelwind der Falschinformation erfasst zu werden. Nur zu leicht schleichen sich Fehleinschätzungen von Risiken, Pseudowissenschaften, Verschwörungstheorien und Gesundheitsmythen in unser Entscheidungskalkül. Doch nicht verzweifeln – für viele unserer täglichen Entscheidungen gibt uns die Wissenschaft eine klare Handreichung. Solange wir wissen, worauf wir achten müssen, können wir durchaus faktenbasierte Entscheidungen treffen.

Die Maschine war winzig und alt, eine Cessna aus den 1950ern. Außerdem war sie extrem laut. Die hinteren Sitze waren ausgebaut worden, Michael und ich saßen zusammengedrängt direkt hinter dem Piloten auf dem Boden. Es war so wenig Platz, dass ich weder aufstehen noch meine Beine ausstrecken konnte. In meinem Hinterkopf köchelte Platzangst.

Während des Steigflugs auf die vorgeschriebene Höhe ächzte und zitterte die Maschine. Wir fühlten uns wie in einem fliegenden Rasenmäher. Ich fürchtete, eine ganz schlechte Entscheidung getroffen zu haben.

Als wir 12.000 Fuß erreicht hatten, drosselte der Pilot den Motor und warf die Tür auf. Der Wind brüllte ohrenbetäubend. Michael und ich sahen einander an. »Heilige Sch ...«, murmelte er reflexhaft, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Michael und sein Tandem-Master schoben sich langsam Richtung Tür. Michael hängte die Beine aus dem Flugzeug, und bevor ich mich versah, war er schon weg. Mein Magen drehte sich um, als ich meinen Sohn in die Tiefe stürzen sah. Im Nu war er zu einem winzigen Punkt geschrumpft.

Was zum Teufel hatte ich mir nur gedacht?

Dann war ich dran. Ohne weiter nachzudenken – das hätte nur dazu geführt, dass ich im letzten Moment doch noch kneife –, stellte ich meine Füße auf das kleine Trittbrett außerhalb der Maschine. Der Wind heulte vorbei. Ich schnappte nach Luft.

Dann stürzten wir aus dem Flugzeug.

»Ahhhhhhh«, schrie ich hemmungslos. »Geil! Geeeeeeeeeil!«

I. AM MORGEN UND AM VORMITTAG

6:30 UHR – AUFWACHEN!

Wahrscheinlich gehört für viele das tägliche Aufstehen zu den schwierigsten Dingen überhaupt – außer man ist einer dieser Menschen, die morgens unerträglich munter aus dem Bett springen. Aber wann sollten wir denn aufstehen? Fängt der frühe Vogel wirklich den Wurm?

Mein Vater konnte den Gedanken nicht ertragen, dass seine Kinder den Tag verschlafen. Selbst wenn es gar keinen Grund für mich gab aufzustehen – Schule, Arbeit, Hausarbeit –, rauschte er frühmorgens in mein Zimmer, tippte mich arrhythmisch mit dem Finger auf die Schulter und erklärte: »Du verschwendest den besten Teil des Tages.« Oder er verlangte, ich solle aufstehen »und etwas Nützliches tun«. Diese abgedroschenen Phrasen machten unser morgendliches Ritual bloß noch schlimmer. Bis heute zucke ich zusammen, wenn mich jemand auf diese bestimmte arrhythmische Art antippt.

Gibt es überhaupt irgendwelche Belege dafür, dass mein Vater mit seinen Appellen recht gehabt haben könnte?

»In meinen Augen kommt es beim Aufstehen hauptsächlich auf Regelmäßigkeit an«, erläuterte Professor Satchidananda Panda. »Genau genommen, beginnt der Tag beim Zubettgehen am Vorabend.«

Professor Panda forscht am Salk-Institut für biologische Studien in Kalifornien und ist ein anerkannter Experte für den zirkadianen Rhythmus des Menschen, jener Systemuhr in uns, die Körperfunktionen zu synchronisieren hilft. Er hat den Einfluss des täglichen Rhythmus’ auf Zellen, Fliegen, Mäuse und Menschen untersucht. »Wir sollten versuchen, jeden Abend ungefähr zur gleichen Zeit zu Bett zu gehen«, riet er. »Und wir sollten ungefähr immer zur gleichen Zeit aufwachen.«

Es war Abend, als er mir diese Ratschläge gab. Er hielt ein Glas Wein in der Hand und lächelte breit, sodass eine Spur Ironie in dem Rat mitschwang. Wir hatten beide Vorträge bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Santa Barbara gehalten und gönnten uns in jenem Augenblick ein wenig Entspannung. Früher am Tag hatte Professor Panda seine überzeugenden Forschungsergebnisse präsentiert, wonach es unser Wohlergehen erheblich beeinträchtigen kann, wenn wir unseren zirkadianen Rhythmus ignorieren. »Natürlich kann es sehr schwer sein, konsequent zur gleichen Zeit zu Bett zu gehen«, gab er zu und erhob sein Glas.

Etliche Studien untermauern Professor Pandas Einschätzung, wie wichtig regelmäßiger Schlaf ist. Hauptsächlich forscht er an Studenten, einer Gruppe, die nicht gerade für regelmäßige Schlafgewohnheiten bekannt ist. Eine 2017 an Bachelorstudenten durchgeführte Studie zeigte, dass diejenigen mit unregelmäßigeren Schlafenszeiten akademisch schlechter abschnitten. Eine weitere Studie aus dem gleichen Jahr, an der mehr als einhundert Bachelorstudenten teilnahmen, zeigte einen Zusammenhang zwischen geregeltem Schlaf und allgemeinem Wohlbefinden. Wer regelmäßig zur gleichen Zeit zu Bett geht, schläft – wenig überraschend – in der Regel länger und besser. Das gilt nicht nur für chronisch erschöpfte Studenten. Eine australische Studie an 300 älteren Menschen – einer Altersgruppe, die oft nur schlecht schläft – ergab 2018, dass feste Zubettgehzeiten durchaus helfen, die empfohlene Schlafmenge zu bekommen. Für Erwachsene rechnet man mit sieben Stunden täglich (wobei es erhebliche persönliche Unterschiede gibt). Oft stehen unregelmäßige Schlafmuster auch mit schlechten Ernährungsgewohnheiten und Übergewicht in Zusammenhang.

Hatte mein Vater also recht? Hat seine Anstupserei mir dabei geholfen, einen regelmäßigen Schlafrhythmus einzuhalten?

Na ja, nicht wirklich.

Studien haben gezeigt, dass »Lerchen« mit ihrem Leben zufriedener sind, akademisch erfolgreicher und im Beruf produktiver. Nicht umsonst gilt frühes Aufstehen als Erfolgsrezept. Sieger gammeln nicht im Bett herum. Ehrgeizige Manager ebenso wenig. Tim Cook, der CEO von Apple, steht angeblich jeden Tag um 3:45 Uhr auf. Als First Lady ließ sich Michelle Obama um 4:30 Uhr wecken. Der Quarterback Tim Brady beginnt täglich um 5:30 Uhr mit dem Videostudium. Und der Schauspieler Dwayne »The Rock« Johnson drückt schon um 4:00 Uhr morgens im Fitnessraum absurde Mengen Eisen.

Doch aus Gesundheits- und Produktivitätsperspektive ist das, der allgemeinen Auffassung zum Trotz, kein guter Tagesrhythmus – zumindest nicht für einen großen Teil der Bevölkerung. Es klafft eine bemerkenswerte Lücke zwischen der »Volksweisheit« und den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Schlaf. Einige Wissenschaftler meinen sogar, die gesamte Gesellschaft habe ihre Uhren falsch gestellt. Dr. Paul Kelley, der an der britischen Open University zu den Themen Schlaf, zirkadianer Rhythmus und Neurowissenschaft des Gedächtnisses forscht, fordert andere Anfangszeiten für Arbeit und Schule. Denn der natürliche biologische Rhythmus unseres Körpers, so Dr. Kelley, passe nicht zu den aktuellen Büro- und Schulzeiten. Angesichts der Tatsache, dass manche von uns Lerchen sind und andere Nachteulen, glaubt Dr. Kelley, dass ein Arbeitsbeginn um zehn Uhr die Produktivität steigern könnte, auch wenn das vielen von uns verdammt spät vorkäme. Zu frühes Aufstehen – Kelley zufolge für die allermeisten von uns die absolute Norm – beeinträchtigt unsere Gehirnfunktionen. Übermüdete Menschen sind weniger kreativ und begehen mit größerer Wahrscheinlichkeit Fehler. Übermüdung trägt vermutlich auch zu Stimmungsproblemen, Gewichtszunahme und einer allgemein verringerten Lebenszufriedenheit bei. In manchen Berufen erhöht sie die Unfallgefahr am Arbeitsplatz.

»Ich selbst bin ein absoluter Morgenmensch«, verriet mir Dr. Kelley. »Ich liebe den Tagesanbruch. Das Licht. Die Stille. Dafür bin ich um acht Uhr abends total kaputt. Natürlich sehe ich das Paradox, dass ich für eine gesellschaftliche Veränderung trommle, obwohl ich von der aktuellen Situation profitiere. Doch angesichts der Fakten halte ich es für das Richtige.«

Der Umstand, dass Morgenmenschen wie Dr. Kelley tüchtiger scheinen, ist vermutlich nur die Folge davon, dass die Struktur unserer Gesellschaft Lerchen enorm entgegenkommt. Das Vorurteil, der frühe Vogel sei besser dran, ist tief verwurzelt. Frühes Aufstehen gilt annähernd universell als tugendhafte, fast schon noble Tat. Steht man hingegen später auf, als allgemein für angemessen gehalten wird, gilt man als faul und träge. (Studien zufolge wachen US-Amerikaner durchschnittlich um 6:37 Uhr auf, wobei weltweit große Unterschiede existieren. So wachen Slowenen um 6:02 Uhr auf, Kanadier um 6:50 Uhr und Argentinier um 8:44 Uhr.) Man denke nur an all die Zitate und Aphorismen, die das frühe Aufstehen preisen. Thomas Jefferson sagte: »Die Sonne hat mich die letzten 50 Jahre nicht im Bett erwischt.« Aristoteles riet: »Es ist gut, vor Tagesanbruch aufzustehen, denn diese Gewohnheit fördert Gesundheit, Reichtum und Weisheit.« Und Benjamin Franklins Sinnspruch dazu kennt in Amerika jedes Kind: »Früh zu Bett zu gehen und früh aufzustehen macht den Menschen gesund, reich und klug.«

Doch gibt es umgekehrt eine einzige Hymne auf ein weiteres Viertelstündchen im Bett? Vielleicht sollten wir ein paar dichten. Wie wäre es mit: »Wer lange schläft, gewinnt zuletzt!« Oder mit: »Später Morgen hat Kreativität im Mund!« Oder mit: »Vergiss die Uhr und werde Sieger!«

Dr. Kelley erzählte mir, dass im Großteil der Welt Nachteulen systematisch benachteiligt werden. Das verschafft vielen Menschen mit einer genetischen Vorliebe für späte Nachtstunden einen erheblichen Startnachteil. »Lange galt die Auffassung, dass frühe Anfangsstunden jedem zupasskämen«, erklärte Dr. Kelley mit offenkundiger Missbilligung. »Das stimmt einfach nicht! Diese Fixierung auf den frühen Morgen kann ganz reale negative Folgen haben.«

Ob man also gern früh aufsteht oder nicht – der eigene Chronotyp –, ist weitgehend genetisch bestimmt. Eine Analyse genetischer Daten aus dem Jahr 2017, in die auch Zwillingsstudien einflossen, kam zu dem Ergebnis, dass genetische Faktoren bis zu 50 Prozent zum Chronotypen beitragen. Bei Scans zeigten sich strukturelle Unterschiede in den Gehirnen der zwei Chronotypen. Man darf daraus schließen, dass einem mehr oder weniger angeboren ist, zu welcher Zeit man am besten aufstehen sollte. Sich auf eine ganz andere Zeit umzustellen – damit man vielleicht doch noch ein Morgenmensch wird –, ist erstens schwierig und zweitens gar nicht ratsam. Ein wenig lässt sich der Chronotyp allerdings anpassen, um etwa eine Stunde. Das verriet mir mein Freund und Kollege Dr. Charles Samuels, der medizinische Direktor des Zentrums für Schlaf und menschliche Leistungsfähigkeit an der Universität Calgary. Dafür müsse man aber einige Strategien konsequent anwenden – und vor allem auf Regelmäßigkeit achten.

Obwohl es kein Charakterfehler ist, eine Nachteule zu sein, zeigte 2018 eine Studie mit 400.000 Personen, dass »Nachteulen ein leicht erhöhtes Sterblichkeitsrisiko hatten«. Allerdings könnte der Grund dafür wiederum darin liegen, dass die zeitlichen Abläufe moderner Gesellschaften auf Morgenmenschen zugeschnitten sind. 2018 ging eine Studie der Frage nach, wie viel genetische Ausstattung respektive Lebensstil zu den erhöhten Gesundheitsrisiken von Nachteulen beitrugen. Den Forschern zufolge waren die Risiken nicht auf die biologische Neigung zurückzuführen, lange wach zu bleiben, sondern allein auf Verhaltensweisen, die oft mit langem Aufbleiben einhergehen (wie nächtliches Essen, schlechter Schlaf und Bewegungsmangel). Das ist eine gute Nachricht, denn diese Verhaltensweisen lassen sich ändern – umso leichter, je mehr die Gesellschaft Änderungen zulässt und den verschiedenen Chronotypen ein wenig mehr Flexibilität einräumt.

Warum und wie der Chronotyp unsere Gesundheit beeinflusst, ist ein komplexes Puzzle, an dem die Wissenschaft noch eifrig forscht. Für unseren Alltag spielt lediglich der wissenschaftliche Konsens eine Rolle, dass unser Chronotyp Gesundheit und Wohlbefinden beeinflusst.

Bestens belegt ist auch der Umstand, dass die biologischen Uhren von Teenagern überhaupt nicht zu ihren aktuellen Stundenplänen passen. Eine 2017 veröffentlichte Studie verfolgte mehr als 30.000 Schüler über zwei Jahre hinweg und fand heraus: Je später ihr Unterricht begann, desto bessere Noten schrieben die Schüler, desto weniger Stunden schwänzten sie und desto mehr Schüler machten ihren Highschool-Abschluss. Dr. Kelley zufolge lassen die Daten vermuten, dass ein späterer Unterrichtsbeginn die schulischen Leistungen um bis zu zehn Prozent verbessern würde. Und es hätte noch weitere soziale Vorteile, wenn wir Teenager länger schlafen ließen. 2013 zeigten Gehirnscans im Rahmen einer Studie, dass Schlafmangel – unter dem etwa 80 Prozent aller Teenager leiden – die Hemmschwelle für riskantes Verhalten senkt (und die ist bei Heranwachsenden ohnehin schon niedrig genug). Deswegen plädieren viele Wissenschaftler wie auch Dr. Kelley für einen späteren Unterrichtsbeginn in Schulen. Angesichts der deutlicher werdenden Hinweise aus der Wissenschaft beginnen einige Behörden umzudenken. Eine Studie der RAND Corporation errechnete 2017, ein späterer Unterrichtsbeginn würde der US-amerikanischen Wirtschaft innerhalb eines Jahrzehnts einen Vorteil von 83 Milliarden Dollar bringen, in erster Linie aufgrund besserer akademischer Leistungen, die sich der RAND Corporation zufolge später in höherer Produktivität ausdrücken würde, und zweitens aufgrund einer verringerten Zahl von Verkehrsunfällen, die von übermüdeten Heranwachsenden und Erwachsenen verursacht würden. Ich wünschte, ich könnte mit diesen Daten in die 1980er zurückreisen und sie meinem Schulter-tippenden Vater in die Hand drücken.

Während der Diskurs um spätere Unterrichtszeiten und eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten gerade erst losgeht, liegt auf der Hand, was wir aus der aktuellen Forschung lernen können: Erstens: Erkenne deinen Chronotyp! Passe zweitens deinen Tagesablauf möglichst an ihn an und halte dich drittens möglichst konsequent an Schlafenszeiten!

Und wie findet man nun seinen Chronotypen heraus? Wahrscheinlich weißt du längst, ob du eine Eule oder eine Lerche bist. Frage dich einfach: »Bin ich ein Morgenmensch?« Wissenschaftler gehen diese Frage natürlich systematischer an. 2018 ermittelte eine Studie den Chronotyp einer halben Million Briten. Danach waren 27 Prozent der Bevölkerung ausgesprochene Morgenmenschen, 35,5 Prozent eher Morgenmenschen, 28,5 Prozent eher Nachtmenschen und neun Prozent entschiedene Nachtmenschen. Verwendet wurde dafür der wohlbekannte MEQ (Morningness-Eveningness Questionnaire), den jeder online ausfüllen kann (ist im Internet leicht zu finden). Dieser Fragebogen zum Chronotyp wurde 1976 entwickelt, als Forscher sich fragten, wo die Menschen auf dem Kontinuum möglicher Chronotypen liegen würden. Letztlich geht es dabei um die Frage, zu welcher Tageszeit man sich persönlich auf dem Leistungshöhepunkt fühlt. (Dem Test zufolge bin ich ein »moderater Morgenmensch«, was meiner Ansicht nach perfekt hinkommt.)

Ich weiß, ich weiß. »Lebe nach deinem persönlichen Chronotyp« ist das ultimative Beispiel für »leichter gesagt als getan«. Viele Menschen verrichten Schichtarbeit, andere müssen um sieben oder acht Uhr am Arbeitsplatz sein. Andere stehen früh auf, weil die Kinder ein Frühstück brauchen. Doch auch wenn wir unseren Tagesrhythmus nicht hundertprozentig an unseren Chronotypen anpassen können, sollten wir doch wissen, welcher Typ wir sind.

Dann muss sich niemand mehr gezwungen fühlen, dem Früher-Vogel-Stereotyp zu entsprechen. Du bist nicht der »Rock« (falls doch, möchte ich dir sagen, Furious 7 hat mir super gefallen!). Alle Menschen sind unterschiedlich. Tue dein Bestes, innerhalb des Korsetts, das die Realitäten des Lebens dir aufzwängen. Finde einen Rhythmus, der zu dir passt. Und bleibe möglichst konsequent dabei. Das ist vielleicht noch wichtiger. Suche dir einen Rhythmus, den du durchhalten kannst. Und bleib dann dabei, aber nicht auf Teufel komm raus. Entspann dich, verdammt!

Dr. Panda meinte: »Klar ist es gut, regelmäßige Schlaf- und Wachzeiten einzuhalten. Andererseits ist es aber auch wichtig, genug Schlaf zu bekommen.« Mache also ein Nickerchen, wenn du tagsüber müde wirst! Plane genug Spielraum dafür in deinen Tagesablauf ein. Tatsächlich hilft langes Ausschlafen am Wochenende einem erschöpften Körper offenbar bei der Erholung. Allerdings sollte man das nur gelegentlich machen und nicht zu exzessiv betreiben – Regelmäßigkeit bleibt das Zauberwort in Sachen gesunder und erholsamer Schlaf. Du solltest langes Ausschlafen am Wochenende also nicht zum Teil deiner langfristigen Schlaf-Strategie machen.

Aber, wie schon Dr. Samuels betonte: Das Wichtigste ist, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Als ich ihn zu all den Schlaf-Tipps befragte, die so herumschwirren, meinte er: »Lass dich nicht irremachen. Was für jemand anderen hinhaut, funktioniert nicht zwingend für dich. Übernimm nicht einfach einen Rhythmus, beispielsweise den von Tom Brady. Das könnte kontraproduktiv sein. Es gibt keine allein seligmachende Schlafgewohnheit.«

Entspann dich also, was deine Weckzeit angeht. Du musst nicht mit Tim Cook um 3:45 Uhr aufstehen!

6:31 UHR – AUF DAS HANDY SEHEN

Lass es!

2015 ergab eine Studie, dass die meisten US-Amerikaner nach dem Aufwachen als Erstes an ihr Handy denken. Nicht an Kaffee, ans Anziehen oder gar an ihren Partner. Kein Wunder also, dass 61 Prozent von uns innerhalb der ersten fünf Minuten nach dem Erwachen auf ihr Handy schauen. Etwa die Hälfte von uns tut das direkt nach dem Aufwachen. Unter Millenials liegt der Anteil sogar bei 66 Prozent. Dieses Verhalten ist aus zwei Gründen problematisch.

Erstens kann es passieren, dass du im halbwachen Zustand etwas per E-Mail, Tweet, WhatsApp oder auf Facebook in die Welt raushaust, das du später bitter bereust. Unmittelbar nach dem Erwachen befindest du dich noch im Halbschlaf, dein Verstand arbeitet noch nicht auf vollen Touren. Und ausgerechnet jene höheren Gehirnfunktionen, die dich vor Peinlichkeiten bewahren, fahren als Letzte hoch.

Und zweitens ist der Blick auf das Handy wahrscheinlich keine gute Art, seinen Tag zu beginnen. Ein zwanghaftes Checken des Handys steht mit Angstzuständen und Stress in Verbindung. Lass dir also ein wenig Zeit, bevor du ins Meer der E-Mails, Direct Messages, Facebook-Posts und Textnachrichten tauchst.

Diese Entscheidung triffst du am besten schon am Vorabend – indem du das Handy nicht ins Schlafzimmer mitnimmst. Das ist vermutlich die sicherste Art, schlaftrunkene E-Mail-Peinlichkeiten und »covfefe«-Twitter-Katastrophen zu vermeiden.

6:35 UHR – ZÄHNE PUTZEN

Schon die alten Ägypter benutzten Zahnpasta – vor etwa 7.000 Jahren. Wahrscheinlich trugen sie sie mit einem Zweig oder dem Finger auf. Zahnbürsten gibt es seit etwa 5.000 Jahren. Die ersten Bürsten mit Borsten (vom Schweinehals) entstanden um das Jahr 1600 in China. Seit 1780 werden Zahnbürsten, die den heutigen ähneln, industriell hergestellt. Obwohl die meisten Nordamerikaner erst nach dem Zweiten Weltkrieg anfingen, sich regelmäßig die Zähne zu putzen – zurückkehrende Soldaten hatten diese Angewohnheit aus Europa mitgebracht –, ist Zahngesundheit heute ein Multi-Milliarden-Geschäft geworden.

Da gibt es High-Tech-Zahnbürsten, eine überwältigende Auswahl an Zahnpastas, Zahnseiden, Mundspülungen und Zahnaufhellern neben einem ganzen Berg ausgeklügelter Reinigungsgerätschaften. Doch trotz dieser langen Geschichte und des starken sozialen Drucks, seine Zähne gut zu pflegen, ist bei den meisten unserer Gepflogenheiten nicht wissenschaftlich belegt, dass sie der Zahngesundheit wirklich dienen. Tatsächlich gibt es kaum belastbare Forschungsergebnisse dazu, was wir da in unseren Mündern anstellen. Natürlich kann schlechter Atem unser Sozialleben ernsthaft schädigen. Aber worauf sollten wir bei unserer Morgenroutine eigentlich wirklich achten?

Später im Buch, im Kapitel »Am Abend«, gehe ich noch ausführlicher auf die Wissenschaft rund um die Mundhygiene ein, weil die meisten Experten raten, dass man sich hauptsächlich am Abend um seine Zähne kümmern sollte. Aber der morgendliche Halt im Bad bietet die perfekte Gelegenheit, kurz auf die wachsenden Sorgen um Fluoride und die Anreicherung des Trinkwassers mit Fluoriden einzugehen.

Denn an diesem Komplex zeigt sich exemplarisch, wie Angst und gezielte Fehlinformation uns beeinflussen. Einige Städte und Gemeinden entwickelter Länder haben schon aufgehört, ihrem Trinkwasser Fluorid beizusetzen, etwa Calgary (Kanada). Eine 2015 im Canadian Journal of Public Health veröffentlichte Studie berichtet, der »Widerstand gegen die Anreicherung des Trinkwassers mit Fluorid erlebt eine kräftige Renaissance«. Promis wie Dr. Oz verleihen den Fluoridgegnern eine Stimme. Und auf Fake-News-Webseiten ist Fluoridierung ein heißes Thema. NaturalNews, eine der berüchtigtsten Seiten für die Verbreitung von Gesundheits-Nonsens, titelte frech (und nicht wahrheitsgemäß): »Hunderte mutige Zahnärzte sprechen sich gegen die Fluoridierung von Trinkwasser aus.« Die Anzahl der Gruppen von Fluoridierungsgegnern wächst, und entsprechend eifrig werden – wissenschaftlich nicht schlüssig belegte – Theorien weiterverbreitet, wonach Fluorid im Trinkwasser den IQ von Kindern senke und verschiedene Krebsarten fördere.

Wie so oft, begann die öffentliche Debatte um die Fluoridierung unseres Trinkwassers mit einigen absurden Verschwörungstheorien. Wenn man »Fluorid im Trinkwasser« googelt, staunt man, dass mal die Nazis, mal die Kommunisten und / oder die Illuminaten dahinterstecken sollen. Eine gängige Theorie lautet, die Regierung versetze das Trinkwasser mit Fluorid, um die Bevölkerung willenlos zu machen. Eine haarsträubende Theorie, möchte man meinen, aber einer Studie zufolge glaubten 2013 neun Prozent aller Amerikaner fest daran, weitere 17 Prozent waren sich da nicht sicher. Das sind ziemlich schockierende Zahlen. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung hält es für denkbar, dass die Regierung die gesamte Bevölkerung über Jahrzehnte geistig betäubt hat.

Ein anderes Fluorid-Mem handelt davon, dass Hitler und Stalin mit der Fluoridierung begonnen hätten, um die Insassen von Konzentrationslagern ruhig zu stellen. Diese Behauptung ist völlig absurd, sowohl historisch als auch biochemisch Humbug, und wird wahrscheinlich nur von einer Minderheit der Leute geglaubt, die sich wegen Fluorid im Trinkwasser sorgen. Und doch: Studien haben gezeigt, dass allein das Vorhandensein von Verschwörungstheorien, und seien sie noch so bizarr, die öffentliche Wahrnehmung verzerrt.

Sorgen um unsere Gesundheit beruhen gelegentlich allein auf solchen Verschwörungstheorien. Im Fall der Fluoridierung kam zuerst das unzutreffende Gerücht auf, Fluorid im Trinkwasser schade der Gesundheit. Und ist die Sorge erst einmal geweckt, wird sie mit akzeptableren und intuitiv ansprechenden Argumenten unterfüttert. Im Fall der Fluoridierung wird etwa unterstellt, die Industrie habe das Forschungsergebnis, wonach Fluorid unschädlich sei, unangemessen beeinflusst. Oder es wird beklagt, die Regierung verletze Bürgerrechte, indem sie das Trinkwasser einfach mit Fluorid versetzt. Diese beiden Aspekte sind durchaus bedenkenswert, obwohl sie letztlich mehr ideologisch begründet als mit richtigen Informationen belegt sind.

Gerade weil die Verschwörungstheorien zur Fluoridierung so bizarr sind – Hitler, chemische Stoffe, die uns willenlos machen, und eine gewaltige Vertuschung durch die Regierung –, bleiben sie im Gedächtnis haften. Selbst wenn man den Unfug nicht glaubt, fachen diese Verschwörungstheorien allein durch ihre Existenz die allgemeine Sorge über Fluoride an und sorgen dafür, dass die Diskussion darum nie versandet. Wie bereits angemerkt, ist es wissenschaftlich bestens belegt, dass man sich umso leichter an etwas erinnert, je öfter man es hört und je plausibler es klingt. Die Hitler- und Gehirnkontroll-Mythen glauben vielleicht nur die wenigsten, aber dieses ganze »Rauschen« rund um die Fluoridierung veranlasst Menschen vielleicht, eine fluoridfreie Zahnpasta zu kaufen. Außerdem scheint das Rauschen die öffentliche Wahrnehmung von Nutzen und Risiko zu beeinflussen. 2015 befragten die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC; das amerikanische Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention) die Bevölkerung, und eine relativ große Minderheit von 27 Prozent hielt die Fluoridierung des Trinkwassers für potenziell schädlich, nur 55 Prozent fanden sie unbedenklich.

Aber sollten wir uns Sorgen um Fluorid im Trinkwasser machen? Gibt es tatsächlich eine weitreichende Verschwörung, um die Bevölkerung mit Fluorid ruhig zu stellen? Zwar wird weiter an der Frage geforscht, und wir sollten regelmäßig überprüfen, was die Wissenschaft zu Nutzen und Risiken von Maßnahmen zu sagen hat, aber bisher sprechen die Ergebnisse eine eindeutige Sprache. Die kanadische Regierung betonte 2016 in einem Positionspapier: »Die Fluoridierung des Trinkwassers bleibt eine unbedenkliche und kosteneffektive Maßnahme zur Förderung der allgemeinen Gesundheit; sie ist ein wichtiges Werkzeug zum Schutz der Gesundheit und des Wohlbefindens aller Kanadier.«

Eine 2018 durchgeführte Studie der US-amerikanischen National Institutes of Health (Gesundheitsbehörden) an 7.000 Kindern zwischen zwei und acht Jahren sowie an 12.000 älteren Kindern bestätigte die erheblichen Vorteile der Fluoridierung für die Gesundheit insbesondere von Kindern. Ein Übermaß an Fluorid kann zwar negative Effekte haben, etwa weiße Verfärbungen an den Zähnen, doch die dem Trinkwasser zugesetzte Menge liege weit unterhalb dieser kritischen Menge. Umgekehrt wäre der Schaden ganz erheblich, der durch einen Stopp der Fluoridierung entstünde. In Gemeinden und Städten wie Calgary, wo die Fluoridierung ausgesetzt wurde, kommt es zu erheblich mehr Karies. Angesichts dieser Daten kann es kaum überraschen, dass die CDC die Fluoridierung des Trinkwassers zu den zehn erfolgreichsten Maßnahmen aller Zeiten zur Förderung der öffentlichen Gesundheit zählt.

Auf die Frage nach der Fluoridierung hat die Wissenschaft eine eindeutige Antwort: Ihr Nutzen ist bestens bewiesen, mögliche Schäden sind zu vernachlässigen. Wenn deine Gemeinde ihrem Trinkwasser Fluorid zusetzt, sei dankbar und entspann dich.

Aber kommen wir zurück auf das morgendliche Zähneputzen. Solltest du fluoridhaltige Zahnpasta verwenden? Wieder lautet die eindeutige Antwort: Ja. Eine Metaanalyse von mehr als 70 klinischen Versuchen an mehr als 70.000 Kindern bestätigte »den Nutzen von fluoridhaltiger Zahnpasta für die Prävention von Karies bei Kindern und Heranwachsenden«.

Aus medizinischer Sicht ist Fluorid sogar das einzig Nützliche in Zahnpasta. Das führte mir Dr. Grant Ritchie vor Augen, ein Zahnarzt, Sachbuch-Autor und lautstarker Trommler für wissenschaftlich fundiertere Mundhygiene-Maßnahmen. Er ist, natürlich, ein großer Fan des Zähneputzens. »Das Wichtigste ist die mechanische Entfernung der Plaque durch die Borsten«, erklärte Dr. Ritchie. »Der Hauptvorteil der Zahnpasta besteht darin, dass sie Fluorid an die Zähne bringt.«

Nichtsdestotrotz gibt es etliche fluoridfreie »Bio-Zahnpastas« auf dem Markt, die vielleicht dazu beitragen, dass dein Atem irgendwie ökologischer riecht, ansonsten aber vermutlich total nutzlos sind. Tatsächlich konnte ich keine einzige Studie finden, die ihren Gebrauch empfehlen konnte. Eine Untersuchung zu Aktivkohle-Zahnpasta vermerkte, dass zu ihr überhaupt nicht seriös geforscht wurde. Robert Weyant, ein Professor für öffentliche Zahngesundheit an der Universität Pittsburgh, bestätigt meine Einschätzung. »Man darf da nicht in die Bio-Falle tappen«, sagte er. »Diese Bio-Produkte – wobei nie definiert ist, inwiefern sie ›bio‹ sein sollen –, sind ein Beispiel dafür, wie Marketing über die Wissenschaft triumphiert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie wirken. Ich halte sie für total nutzlos.«

Dr. Weyant glaubt, dass in der Öffentlichkeit viele falsche Vorstellungen über Zahngesundheit kursieren. Natürlich ist Zahnpflege wichtig, aber wie so oft genügt es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. »Ernähre dich gesund, rauche nicht und putz dir zweimal täglich die Zähne mit fluoridhaltiger Zahnpasta«, sagte er. »Alles Weitere spielt eine untergeordnete Rolle. Wenn dein Trinkwasser mit Fluorid versetzt wird, ist das ein zusätzlicher Bonus.«

(Falls du dich fragst, welche Art Zahnbürste du hernehmen solltest: Weiche Borsten sind offenbar ein wenig sicherer – das heißt, sie verursachen weniger Verletzungen –, und es gibt gewisse Hinweise, dass elektrische Zahnbürsten tendenziell dazu beitragen, Parodontose zu verhindern. Aber klare Belege gibt es dafür nicht. 2014 ergab eine Studie, dass das »Borstendesign nur geringen Einfluss auf die Fähigkeit einer Zahnbürste hat, Plaque zu entfernen.«)

Ich möchte auch betonen, dass das morgendliche Zähneputzen nicht irgendwie besonders wirksam ist. Dank der Wissenschaft weiß man, dass zweimaliges Putzen am Tag genügt, hauptsächlich weil – ich wiederhole mich da – dabei Fluorid an die Zähne gelangt. Es nutzt nichts weiter, noch öfter zu putzen. Die meisten Experten sind sich auch einig darin, dass das abendliche Zähneputzen besonders wichtig ist, direkt vor dem Zubettgehen. »Das liegt hauptsächlich daran, dass das Fluorid danach im Mund bleibt und dort die ganze Nacht wirken kann«, erklärte Dr. Weyant. Du musst also morgens gar nicht putzen, wobei frischerer Atem nach dem Putzen durchaus ein schöner Nebeneffekt des morgendlichen Schrubbelns ist. Wenn du mit mir zusammenarbeitest, bitte putz dir also morgens die Zähne!

6:40 UHR – AUFS HANDY SEHEN (SCHON WIEDER)

Lass es. Wahrscheinlich machst du es trotzdem. Aber du solltest es lassen.

Ich finde es erstaunlich, wie schnell Smartphones das menschliche Dasein revolutioniert haben. Das erste iPhone von Apple kam 2007 heraus, und seitdem haben Smartphones auf verblüffende Weise verändert, wie wir mit der Welt interagieren. Einigen Schätzungen zufolge checken Menschen im Durchschnitt mehr als 100-mal täglich ihre Handys, blicken also etwa alle zehn Minuten darauf. Und wir berühren unser Handy – in dem Sinne, dass wir etwas darauf tun, mehr als 2.500-mal täglich. Verrückt! 2018 ermittelte eine Studie, dass Menschen sogar im Urlaub 80-mal täglich auf ihr Handy schauten. Durchschnittlich glotzen wir vier Stunden am Tag auf diese Geräte. Das sind 120 Stunden im Monat, was einem zeitraubenden Nebenjob entspricht. Etwa jeder zweite von uns sieht auf sein Handy und überprüft typischerweise den Nachrichten-Eingang, noch bevor er überhaupt aus dem Bett steigt.

Die meisten meiner Leser werden also ihr Handy zwischen dem Erwachen und dem Frühstück mindestens zweimal checken (vielleicht sogar zehnmal). Wahrscheinlich macht der eine oder andere das sogar auf der Toilette. Glaubt man einer Marktforschungsstudie aus dem Jahr 2016, schauen 75 Prozent aller Menschen auf ihr Smartphone, während sie auf der Toilette sitzen, und etwa 40 Prozent lesen und schreiben dabei Nachrichten. (Halte dir das vor Augen, wenn du das nächste Mal eine frühmorgendliche E-Mail von einem Kollegen bekommst!) So erklärt sich vielleicht auch, warum 19 Prozent von uns schon mal das Handy in die Toilettenschüssel gefallen ist. Nicht zuletzt deswegen sind einer Studie von 2019 zufolge 95 Prozent aller Handys mit verschiedenen Bakterienarten kontaminiert. (Denk daran, wenn dich das nächste Mal jemand bittet, ein Foto von ihm zu schießen!)

Obwohl so ziemlich jeder es macht, gibt es gute Gründe, warum wir nicht dauernd auf unsere Handys blicken sollten. Ich werde später in unserem hypothetischen Tagesablauf noch ausführlicher darauf eingehen. Aber jetzt leg das verdammte Ding weg!

6:45 UHR – AUF DIE WAAGE STEIGEN

Viele Leute lassen sich von ihrem Gewicht stressen. Und zwar sehr. 2014 ergab eine Umfrage, dass 21 Prozent der Frauen sich ständig um ihr Gewicht sorgen und 34 Prozent gelegentlich. Im gleichen Jahr erklärten bei einer anderen Umfrage drei Viertel der befragten Erwachsenen, »sie könnten mal abnehmen«. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf Nordamerika. Eine französische Studie ergab, dass sich 45 Prozent aller Europäer Sorgen um ihren Hüftumfang machten.

All dieser Stress rund um unseren Speck hat zu unzähligen – meist gescheiterten – Diäten geführt und eine 220-Milliarden-Dollar-Industrie hervorgebracht. Geschätzt macht jede Frau bis zu ihrem 45. Geburtstag durchschnittlich 61 Abmagerungskuren. Inzwischen springen auch immer mehr Männer auf diesen Zug. Bei der oben erwähnten Umfrage erklärten auch 63 Prozent der Männer, »sie könnten mal abnehmen«. Kein Wunder also, dass die Werbung der Abnehm-Industrie zunehmend auch auf Männer abzielt (und ihnen nach Kräften ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Extrapfunde einredet). In der Werbung von Weight Watchers und anderen Unternehmen der Branche sind immer mehr Männer zu sehen, darunter ehemalige Football-Stars, damit auch die bisher eher unbekümmerte Hälfte der Bevölkerung anfängt, Diätprodukte zu kaufen.

Der soziale Druck, der zu unserer Besessenheit mit dem Körpergewicht führt, kommt aus vielen Richtungen. Da sind die unrealistischen Berichte in den Medien (»Du brauchst ein attraktives Sixpack für die Badesaison!«), die Kampagnen der Diätindustrie (»Dieses Produkt verschafft dir ein attraktives Sixpack für die Badesaison!«), der ständige Vergleich mit anderen in den sozialen Medien (»Schau dir dieses prächtige Sixpack an!«) und der echte Wunsch, gesünder zu leben (wozu Sixpacks aber nicht notwendigerweise gehören). Egal, wo unser Bedürfnis nun herrührt, es verursacht heutzutage jede Menge Angst und Stress.

Also, solltest du nun auf die Waage steigen? Hilft sie dir im Kampf um deinen Bauchumfang oder stresst dich nur, was du da siehst? Ist das eine gute Art, den Tag zu beginnen?

Über diese simple Frage ist sowohl gesellschaftlich als auch akademisch eine heiße Debatte entbrannt. Typisch dafür waren die Reaktionen, als die Carleton University in Ottawa beschloss, die Waagen aus ihren Fitnessräumen zu entfernen. »Unserer Ansicht nach hat die Fixierung auf das Körpergewicht keine positiven Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden«, erklärte der Leiter des Gesundheitsund Fitnessprogramms der Universität seine umstrittene Maßnahme. Er argumentierte, der Waagen-Verzicht »liegt ganz im aktuellen Fitness- und gesellschaftlichen Trend«, denn das Körpergewicht »ist kein guter Parameter für den Gesundheitszustand«. Die Maßnahme löste sofort heftige Reaktionen aus, sogar weltweit. Die britische Daily Mail etwa schrieb in ihrer Schlagzeile (unzutreffenderweise), dass die Universität die Waagen entfernt hätte, »weil sie ›Essstörungen verursachen‹«.

Ich selbst bekam in der Waagen-Diskussion auch mein Fett weg. Als ich über eine Studie twitterte, die der Frage nachging, wie oft man auf die Waage steigen sollte, erntete ich Kommentare wie »Am besten nie!«, »Waagen messen keine Gesundheit!« und »Selbstwertgefühl lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken!« Diese weit verbreiteten Gefühle wurzeln in der Vorstellung, dass das Selbstwertgefühl leidet, wenn man auf die Waage steigt, man sich seines Körpers schämt und sich zu sehr auf sein Gewicht konzentriert statt auf seine Gesundheit. Und intuitiv leuchten diese Argumente gegen regelmäßiges Wiegen durchaus ein. Ein 2017 erschienener Artikel in der Cosmopolitan ist dafür typisch. Die Überschrift verrät schon alles: »Ich warf meine Waage raus und bin jetzt glücklicher als je zuvor.« Unzählige Artikel des gleichen Tenors gehören mittlerweile zu unserer Popkultur. Google nur mal »Waage weg«, und du bekommst mehr als 13 Millionen Treffer, die meisten davon Blogeinträge und Medienartikel zum Thema positives Körpergefühl nach dem impliziten Motto »Du bist mehr als eine Zahl«. Diese Botschaft ist in der Popkultur momentan allgegenwärtig. Berühmt wurde Kate Winslets Auftritt in der Tonight Show von Jimmy Fallon, bei dem sie verriet, sie habe sich seit zwölf Jahren nicht mehr gewogen. »Super Tipp, das ist ein toller Entschluss«, riet die Oscar-Gewinnerin.

Viele Menschen aus dem Gesundheitswesen schlagen in die gleiche Kerbe. So erklärte eine zugelassene Ernährungswissenschaftlerin 2018 in einer CBC-Sendung, wir alle sollten unsere Waagen »rauswerfen«. (Wahrscheinlich machen Badezimmerwaagen inzwischen einen guten Teil der nordamerikanischen Müllberge aus!) Warum? Weil, so die Ernährungswissenschaftlerin, das Wiegen nichts helfe, »die Waage aber sehr viel Macht hat und enorm beeinflusst, wie Menschen sich wahrnehmen. Sie lassen zu, dass eine einzige Zahl ihren Selbstwert bestimmt.«

Doch was sagt die Wissenschaft?

Tatsächlich weist alles darauf hin, dass regelmäßiges Wiegen den meisten Menschen dabei helfen kann, ihr Gewicht zu halten oder zu senken. 2015 ergab eine systematische Übersicht der Literatur, dass »regelmäßiges Wiegen mit Gewichtsabnahme in Zusammenhang steht«. Die Autoren einer weiteren Übersichtsstudie gingen noch weiter und schrieben: »Wiegen wirkt sich positiv auf das Gewicht aus, insbesondere, wenn es täglich oder wöchentlich passiert.« Eine weitere Studie verfolgte 3.000 Teilnehmer über zwei Jahre hinweg und kam zu dem Schluss, dass »häufigeres Wiegen mit größerer Gewichtsabnahme oder mit geringerer -zunahme in Verbindung stand«. Ein sechsmonatiger Versuch, bei dem sich die Hälfte der Teilnehmer täglich wiegen sollte, kam 2015 zu einem ähnlichen Ergebnis: Das häufige Wiegen sorgte dafür, dass »die Menschen sich gewichtsbewusster verhielten und mehr Gewicht verloren«. Mehrere Studien mit jungen Erwachsenen und Studenten kamen sämtlich zum gleichen Schluss: Wiegen hilft.

Nun haben solche Studien zugegebenermaßen nur beschränkte Aussagekraft. Manche stellten nur einen Zusammenhang fest (vielleicht tun sich Menschen, die sich gerne wiegen, einfach leichter mit dem Abnehmen?), stärker kontrollierte Studien führten zu weniger beeindruckenden Ergebnissen. Trotzdem ist die Datenlage im Ganzen verdammt schlüssig und überzeugend. Wenn du also planst, abzunehmen oder nur dein Gewicht zu halten (und das sollten die meisten von uns), dann wäre es eine gute Idee, einigermaßen häufig auf eine Waage zu steigen. 2007 fassten Professor Butryn und Kollegen von der Drexel University die Ergebnisse ihrer Studien zusammen: »Konsequentes Wiegen kann Individuen dabei helfen, verlorenes Gewicht zu halten, indem es Gewichtszunahmen sofort sichtbar macht, bevor sie eskalieren. Das ermöglicht Menschen, sofort gegenzusteuern.«

Okay, regelmäßiges Wiegen kann also helfen, das Gewicht zu halten, aber mit welchen Kosten ist es verbunden? Welche psychologischen und sozialen Folgen hat es? Wenn das tägliche Wiegen uns alle runterzieht, lohnt es sich dann überhaupt? Das scheint der Knackpunkt, wie die Debatte um die Waagen an der Carleton University zeigte. Und ich kann das nachvollziehen. Angesichts einer Alltagskultur, die unrealistische Schlankheitsideale propagiert, und einer wachsenden Anzahl von Menschen, die mit einem negativen Körperbild ringen, besteht sicher Anlass, eine Strategie kritisch zu hinterfragen, die uns alle mit unserem Körpergewicht konfrontiert. Tag. Für. Tag.

Nun lässt es sich aber wissenschaftlich testen, ob regelmäßiges Wiegen uns wirklich unglücklich macht bzw. sogar ernsthafte psychologische oder gesundheitliche Probleme verursachen könnte. Und genau das haben Forscher getan. Ihre Ergebnisse? Allen mahnenden Stimmen der Popkultur zum Trotz lassen sich kaum Hinweise darauf finden, dass Wiegen langfristigen psychologischen Stress oder Probleme mit dem Körperbild verursachen könnte, zumindest nicht bei Erwachsenen.

Es mag etwas Befreiendes haben, seine Waage aus dem Badfenster zu werfen, ganz im Sinne dieses Buchs – lass dich von ihr nicht stressen! Aber leider passt dieses hübsche Bild nicht zu der wissenschaftlichen Realität (die ebenso unbedingt zu diesem Buch gehört). Vielleicht wirfst du da ein nützliches Werkzeug aus dem Fenster, das – dem größten Teil der Forschung zufolge – keinen wesentlichen psychologischen Schaden anrichtet. Eine Metaanalyse etwa betrachtete 2016 sämtliche verfügbaren Daten und kam zu dem Schluss, dass Wiegen in aller Regel keine psychologischen Schäden verursacht. 2014 kam eine klinische Studie zum gleichen Ergebnis: »Wiegen steht nicht in Verbindung mit negativen psychologischen Folgen.« Außerdem sei es »für übergewichtige Erwachsene eine effektive und gefahrlose Strategie zur Gewichtskontrolle«.

Deutlich mehr Vorsicht scheint allerdings bei Heranwachsenden, insbesondere bei Teenagern, geboten. Es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen häufigem Wiegen und einer problematischen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, wahrscheinlich, weil es sich, so die Autoren einer Studie von 2011, um eine Teilpopulation handelt, die »oft den gerade gängigen Schlankheits- und Schönheitsidealen hinterherläuft«. Doch selbst für junge Erwachsene kann regelmäßiges Wiegen ein nützliches Instrument sein – solange man die Gefahr von Problemen mit dem Körperbild im Auge behält. 2015 kam eine Studie, die die Abnehmgewohnheiten von annähernd 600 jungen Erwachsenen untersuchte, zu dem Schluss, dass »häufiges Wiegen mit gesunden Gewichtsmanagementstrategien korreliert war, nicht aber mit bedenklichen Praktiken oder depressiven Symptomen«.