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Dieses Buch ermutigt, im resilienten Miteinander neue Lösungen zur Bewältigung von Krisen zu suchen. Wie dies in Arbeitsteams, Familien, Vereinen oder sonstigen Institutionen möglich ist, zeigt ein übersichtliches 7-Phasen-Programm. Zur gemeinsamen und persönlichen Entwicklung trotz Krise stellt das Buch einen theoretischen Rahmen und viele praktische Beispiele dar. Es beschreibt ausführlich, welche positiven Auswirkungen es haben kann, Veränderungen zuzulassen und sich dabei auf die Stärken aller Personen einer Gruppe oder eines Teams zu besinnen. Resilienter Neubeginn wird auf der Grundlage eines evolutionären Denkens angeregt und gewohnte, aber hinderliche Vorstellungen werden kritisch hinterfragt. Die Bedeutungen von Lösungsfokussierung, Akzeptanz, Beziehungspflege, Flexibilität, Transparenz und Wertschätzung sind anschaulich im Kontext von Transformation und Krisenbewältigung erklärt. Es werden aktuelle Ergebnisse der internationalen Resilienzforschung in ein übersichtliches und praktisch brauchbares Gesamtverständnis gebracht. Mit Krisen sind hier einerseits prekäre Situationen im privaten Bereich sowie bei beruflichen Teams angesprochen. Andererseits geht es auch um globale Krisen, mit denen Teams in Organisationen und Institutionen zurecht kommen müssen. Dabei wird globale Transformation nicht ohne das Zutun starker und gut kooperierender Teams gelingen. Der systemische Ansatz durchzieht den gesamten Inhalt. Das Buch wirbt für eine lösungsorientierte Haltung im Team, bei der das ganze Leben als beständige Weiterentwicklung anerkannt wird. Das Buch stellt insgesamt eine systemisch-lösungsorientierte Grundlegung in Theorie und Praxis dar.
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Liebe Ilka,
lieber Malte, liebe Tilda,
dieses Buch widme ich unserer Familie.
Eure Gegenwart beschenkt mich immer wieder neu
und das nicht nur in Herausforderungen.
Danke, dass es Euch gibt.
Euer Kilian.
Vorwort
Kontext und Dank
1 Neustart unseres Systems
1.1 Ein Weg zum Wir
1.1.1 Vom Ökosystem zum Team
1.1.2 Transformation
1.2 Phasen der gemeinsamen Krisenbewältigung
I. Lösungen einzeln fokussieren
II. Herausforderungen persönlich annehmen
III. Beziehungen beständig pflegen
IV. Abläufe der Gruppe flexibel denken
V. Anforderungen transparent machen
VI. Ressourcen in der Gruppe wertschätzen
VII. Einzelmotive ableiten
1.3 Das neue Entwicklungsdenken
1.3.1 Kulturelle Gewohnheiten
1.3.2 Weltbilder im Alltag
1.3.3 Absolut Neues bei Gilles Deleuze
1.3.4 Fließende Übergänge einer Ganzheit
1.3.5 Achtsame Systembetrachtung
1.3.6 Verhandelbarkeit der Zukunft
1.3.7 Veränderung von Zeitskalen
1.3.8 Befreiung von Idealbildern
1.3.9 Mitgefühl und Ermutigung für Brüche
1.3.10 Annahme von Unterschieden
1.3.11 Beziehungspflege zwischen Kontexten
1.3.12 Nutzung von zurückliegenden Erfolgen
1.3.13 Fokussierung auf Chancen und Wunder
1.3.14 Beobachtung der Entfaltung von Hilfreichem
1.3.15 Stetiger Umbau von Strukturen
1.3.16 Resilienzförderung von lebendigen Systemen
1.3.17 Nutzung von Veränderung
1.3.18 Durch sprachlichen Umstand zum Sinn
1.4 Gut funktionieren oder gesund weiterentwickeln
1.4.1 Psychologische Investitionen
1.4.2 Achtsame Eigenverantwortung und Verstehbarkeit
1.4.3 Selbstwirksamkeit und Handhabbarkeit
1.4.4 Optimismus und Sinnhaftigkeit
1.4.5 Glück sozialer Verbundenheit
1.4.6 Problem der ignorierten Zukunftsentwicklung
1.4.7 Schräglage in verschiedenen Branchen
1.5 Teamfähigkeit und Fähigkeit von Teams
1.5.1 Ein Team ist mehr als Personen
1.5.2 Das Team als Sinnstiftung
1.5.3 Sinnstiftung und starke Worte
1.5.4 Multiple Führung
1.6 Das Miteinander praktisch entwickeln
1.6.1 Eine Frage der Entscheidung
1.6.2 Weiterentwicklung, Neuorientierung und Lösungssuche
1.6.3 Alles Definitionssache
2 Ein Programm zur nachhaltigen Teamentwicklung
2.1 Menschliches Miteinander als Spiel
2.1.1 Lebendige Systeme heilen
2.1.2 Beobachten, erklären und bewerten
2.2 Teamresilienz erscheint auf mehreren Ebenen
2.2.2 Resilientes Verhalten in Gruppen
2.2.3 Agilität der Gemeinschaft
2.2.4 Gute Arbeit und gutes Leben im Team
2.2.5 Zusammenfassung und Schema
2.3 Nur Altbekanntes, nichts Neues?
2.3.2 Methodische Vielfalt zur Entwicklung nutzen
2.3.3 Systemisches Coaching oder Supervision
2.3.4 Wie sich Dinge mit Worten bewegen
3 Erneuerung des Systembegriffs
3.1 Wozu neue Denkweisen?
3.1.1 Umgang unter Wissenschaffenden
3.2 Das alte Machbarkeitsdenken
3.2.1 Korrekturwunsch bei Funktionsverlust
3.2.2 Gefühlsentladungen am Systemfremden
3.2.3 Problematisierung von Unnormalem
3.2.4 Aufmerksamkeitsverlust durch Funktionsziele
3.2.5 Vortäuschung von Stabilität
3.2.6 Erstarrung von Hierarchie
3.2.7 Ausblendung anderer Wirklichkeiten
3.2.8 Plausibilität der Arbeitsverdichtung
3.2.9 Ausschluss von Wundervollem
3.2.10 Überschätzung von Prognosen
3.2.11 Mangelende Empathie für Entferntes
3.2.12 Unterschätzung von Kontexten
3.2.13 Verschränkungsphänomene im Lebendigen
3.3 Körper und Geist
3.3.1 Wo setzen wir für einen Neubeginn an?
3.3.2 Was erleben wir persönlich?
3.4 Gerichtete Entwicklung prozesshafter Ganzheit
3.4.1 Neuer und alter Konstruktivismus
3.4.2 Ganzheit in Ost und West
3.4.3 Impulse aus Philosophie und Sozialwissenschaft
3.5 Systemische Evolution
3.5.1 Individuation gestaltet Umwelten
3.5.2 Expression belebt das Systemsein
3.5.3 Disparation erzeugt Potenziale
3.5.4 Systemisch-evolutionäre Lösungsfokussierung
Ausblick
Über den Autor
4 Literatur
Es ist im allgemeinen Bewusstsein unserer Zeit angekommen. Die Menschheit steht vor ungeahnten Herausforderungen. Der Klimawandel zwingt uns möglichst rasch aus der prioritären Nutzung fossiler Brennstoffe auszusteigen. Genau diese Nutzung aber hat das unglaubliche Wirtschaftswachstum und die damit verbundene Wohlstandsentwicklung in den zurückliegenden zwei Jahrhunderten ermöglicht. Nun soll diese Dekarbonisierung des Wirtschaftens auf einer globalen Ebene innerhalb von zwei Jahrzehnten gelingen!! Eine menschheitsgeschichtlich noch nie dagewesene Veränderungs-notwendigkeit. Wie kann diese bewältigt werden?
An dieser Frage arbeiten zurzeit viele kluge Köpfe, viele Entscheidungsträger in den Institutionen und Organisationen der Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene, gleichzeitig auch in vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen mit einem hohen persönlichen Engagement aller Beteiligten. Der „sense of urgency“ ist an vielen Stellen unserer Gesellschaft inzwischen beobachtbar. Das kann durchaus zuversichtlich stimmen. Es scheint angekommen zu sein, dass es in den wesentlichen Handlungsfeldern unserer Gesellschaft ein radikales Umdenken braucht.
„Wir können unsere Probleme nicht mit demselben Denken lösen, mit dem wir sie geschaffen haben.“
Albert Einstein
Aber was heißt das nun genau, wenn man aus dem Reden endlich in ein gemeinsames Tun kommen will? Von welchen liebgewonnenen Prämissen unseres Entscheidens, unserer Lebensführung, unseres Blicks auf die Welt ganz allgemein werden wir uns verabschieden müssen? Dies gilt nicht nur für jeden einzelnen Bürger, jede einzelne Bürgerin in ihrem jeweiligen Lebensumfeld. Diese Fragen stellen sich insbesondere für die Verantwortungsträger in Organisationen. Denn diese haben als kollektive Akteure (als Unternehmen in der Wirtschaft, als Parteien, Verbände und Verwaltung in Staat und Politik, etc.) den größten Einfluss auf gesamtwirtschaftliche Entwicklungen. Sie alle müssen sich jetzt fragen, was an Veränderungen zeitnah anzustoßen ist, um aus einer die Probleme verstärkenden Rolle rauszukommen und zu einem Teil der Lösung zu werden.
Viele unserer Organisationen sind bereits seit einigen Jahren in weitreichenden Umbauten ihrer Organisations- und Führungsverhältnisse begriffen. Die Auswirkungen der digitalen Transformation haben für diese enormen Veränderungsanstrengungen die entscheidenden Anstöße geliefert. Gemeinsam ist diesem organisationalen Wandel die Erkenntnis, dass es für eine nachhaltig tragfähige Bewältigung der aktuellen Herausforderungen ganz neue Formen der Zusammenarbeit in und zwischen Organisationen braucht. So hat sich teamförmiges, bereichsübergreifendes Arbeiten in Organisationen inzwischen enorm verstärkt (unter welcher Überschrift auch immer diese Veränderungsinitiativen ins Leben getreten sind: mehr Agilität, Flexibilität, ein höherer Innovationsgrad, etc.). Gleichzeitig ist klar geworden, dass Organisationen nur eingebettet in ein funktionierendes Ökosystem erfolgreich operieren können. In diesem Sinne ist das Bewusstsein für diesen durchaus anspruchsvollen Vernetzungs- und Kooperationsbedarf an vielen Stellen deutlich gestiegen. Es sind allenthalben organisationale Ressourcen im Entstehen, die zweifelsohne auch für die großangelegten ökologischen Transformationsprozesse unserer Gesellschaft gut genutzt werden können.
Auf was lässt man sich ein, wenn Organisationen ihre angestammten hierarchiebetonten Steuerungsformen hinter sich lassen und an zentralen Stellen auf die besondere Leistungsfähigkeit von Teams setzen? Wir haben in der Zwischenzeit ausreichend Erfahrungen sammeln können, um zu wissen, dass es sich dabei um einen ganz entscheidenden Musterwechsel im alltäglichen Organisationsgeschehen handelt, dessen Gelingen hoch voraussetzungsvoll ist. Für dieses Gelingen bietet das vorliegende Buch von Kilian Hennes einen hervorragenden Wegweiser. In seinem Zentrum steht die Frage nach den Bedingungen für das Entstehen einer nachhaltigen Resilienz arbeitsfähiger Teams. Dieser zentralen Frage liegt die Annahme zugrunde, dass Teams ihr außergewöhnliches Problemlösungspotenzial einem gemeinsam durchlebten und immer wieder erneuerten Entwicklungsprozess verdanken. Um die besondere Qualität dieses teamspezifischen Miteinanders zu verdeutlichen, greift der Autor unter anderem auf das Konzept der Salutogenese zurück. Teams schaffen im Prozess ihrer Selbstwerdung einen sozialen Raum, in dem die Mitglieder ein tiefes Verstehen der eigenen Situation (individuell wie auch als Gemeinschaft) entwickeln können, in dem Selbstwirksamkeit laufend erfahren werden kann und in dem auf eine glaubwürdige Weise Sinnstiftung erlebbar wird. Letzteres festigt sich vor allem mit einer geteilten Sicht auf das besondere Zukunftspotenzial von Teams.
Insbesondere wenn es um die gemeinsame Bewältigung von herausfordernden Krisen geht, ist das Entwickeln von förderlichen Haltungen und den dazu passenden Verhaltensweisen geradezu essenziell. Dazu zählt das persönliche Annehmen können der gestellten Aufgabe und der damit verbundenen Herausforderungen, das flexible Gestalten des Vorgehens und der Arbeitsprozesse im Team, eine hohe Achtsamkeit auf die Qualität der wechselseitigen Beziehungen, ein kompromissloses Fokussieren auf das Finden von Lösungen und auf ein vorbehaltloses Erproben derselben, letztlich ein konsequentes Wertschätzen der im Team vorhandenen Ressourcen und der damit verbundenen teaminternen Unterschiede. All diese Dimensionen ergänzen sich im prozesshaften Geschehen eines Teams zu einem Ganzen, das sich aber in keinem Moment als etwas Festgefügtes darstellt, sondern sich stets in einer lebendigen, ausgesprochen dynamischen Veränderung befindet. In diesem Sinne integrieren sich im Team bewährtes Wissen, eine sorgfältige Wahrnehmung des jeweils Gegebenen und das gemeinsame Wollen zukunftsfähiger Lösungen immer wieder aufs Neue. Für dieses grundlegend prozesshafte Verständnis von Teams und ihrer Resilienz bietet das Buch eine ungemein reichhaltige Varianz an Beschreibungen und hilfreichen Hinweisen.
Neben seinem Fokus auf Teams kann das Buch aber auch als eine inspirierende Anleitung gelesen werden, die eigene Weltsicht, die eigene Art zu denken auf den Prüfstand zu stellen. Wenn uns klar wird, dass wir Hier und Jetzt einen gesamtgesellschaftlichen Neustart benötigen, dann gilt es zuallererst unsere tradierten Denkmuster und Sehgewohnheiten infrage zu stellen. Wir operieren üblicherweise mit in der Gesellschaft breit geteilten Narrativen, die uns wie eine fraglos akzeptierte Landkarte Orientierung und Zielfindung in einer komplexen Welt ermöglichen.
Genau diese vielfach ganz selbstverständlich genutzten „Landkarten“ bedürfen im Moment einer grundlegenden Revision. Der Autor bietet dafür eine Fülle nützlicher Handreichungen, die er der französischen Philosophie (Gilles Deleuze) entnimmt, den Erkenntnissen der neueren Systemtheorie (Niklas Luhmann) den lösungsorientierten Therapie- und Beratungsrichtungen (Steve de Shazer, Watzlawick, u.a.), der systemischen Beratungstradition (Fritz. B. Simon) und weiteren interessanten Theorieressourcen. Diese enorme Vielfalt an Theoriehintergründen integriert er zu einer plausiblen Sicht auf hochkomplexe Zusammenhänge, mit deren Hilfe er zeigen kann, wie untrennbar unsere Art des Denkens mit unseren Handlungsmöglichkeiten verwoben ist.
Die geneigte Leserin, der geneigte Leser wird durch dieses wertvolle Buch also gleich in zwei heute hochrelevanten Feldern mit nahrhaftem intellektuellem Futter versorgt: In unserem Verständnis für das besondere Leistungspotenzial resilienter Teams und in der Neuausrichtung der Art und Weise, wie wir uns in der heutigen Welt orientieren. Möge dieses Futter wohl bekommen.
Univ. Prof. Dr. Rudolf Wimmer
Witten, November 2021
Wir befinden uns in einer Zeit, in der die praktischen und theoretischen Grundlagen unseres Zusammenlebens auf dem Prüfstand stehen. Gibt es einen Weg zurück zu einem Zustand, den wir Normalität nennen, und taugen unsere althergebrachten Erklärungsweisen noch zur Entwicklung tragfähiger Lösungen? Wie finden wir jetzt einen hoffnungsvollen Umgang mit persönlichen und globalen Krisen? Welchen Anteil hat unsere Denkweise an der aktuellen Gemengelage? Die Philosophie hat schon ein neues Zeitalter ausgerufen (Deleuzianisches Jahrhundert), während wir uns geschäftig mit unseren dringlichsten eigenen Problemen abmühen. Dabei greift Betriebsblindheit um sich. Aber wo sind die blinden Flecken?
In solchen Situationen kann es helfen, für eine Weile innezuhalten und nach getaner Arbeit etwas Abstand zu nehmen vom Tagesgeschäft. Auf diese Art und Weise lässt sich ein offener, unverstellter Blick auf die eigene Wirklichkeit wiedergewinnen. Meist gelingen die Dinge danach besser. Manchmal packen wir dann auf neue Art und Weise und vor allem gemeinsam an. In diesem Sinne nimmt dieses Buch Sie mit auf eine Reise vom praktischen Miteinander zur Theorie krisenfester Teams und wieder zurück mitten ins Leben. Ziel ist es, Ihnen grundlegend neues Handwerkszeug für die gemeinsame Bewältigung großer und kleiner Herausforderungen an die Hand zu geben. Dazu habe ich mich in den letzten Jahren auf der Suche nach Lösungskonzepten durch die unterschiedlichsten Themenfelder navigiert. Viele alte Erkenntnisse und nützliche Neuerungen über gelingendes Miteinander sind dabei zusammengekommen. Sie konnten in einem handlichen Programm zur Bewältigung von Krisen verdichtet werden, welches ich Ihnen nun vorstellen möchte, bevor die Themen der Resilienz von Teams und der Systemischen Evolution im Detail vorgestellt werden.
Um diese praktischen und theoretischen Ansatzpunkte für die großen und kleinen Krisen in die hier vorliegende Form zu bringen, konnte ich mich auf wunderbare Unterstützer:innen an meiner Seite verlassen. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Unzählige Gespräche mit meiner Ehefrau Ilka und die kritische Lektüre unfertiger Passagen durch meine erwachsenen Kinder Tilda und Malte haben zur Reifung der Texte beigetragen. Eine intensive Begleitung durch das ganze Buch und die Schärfung der inneren Logik vieler Passagen ist dem wunderbaren Lektorat von Dr. Ute Baierlein mit ihrem klaren Blick und ihrer Ermutigung zu verdanken. Prof. Dr. Rudi Wimmers mit seinem unschätzbaren Weitblick, seiner Wertschätzung und gütiger Kritik hat der zweiten Edition besonders begrifflich zur Anschlussfähigkeit mit dem systemischen Ansatz verholfen. Seine Anregungen waren auch für die Weitung der theoretischen Herleitung sehr hilfreich.
Grundlage dieser Arbeit waren die vielen entwicklungsbereiten Teams, die ich als Coach begleiten durfte und das fantastische Team an der Hochschule, das mich nach einem wunderbaren Neubeginn bei meiner Teamleitung beständig weiterentwickelt hat.
Danke Euch allen!
„Wenn wir also verantwortlich handeln wollen,
dann müssen wir auch die Verantwortung übernehmen
für die Art und Weise, in der wir die Welt sehen.“ [1]
Ernst von Glasersfeld
Das ganze Leben ist ein beständiger Neubeginn. Sollte das nicht eigentlich Hoffnung geben? Als gelingender Neubeginn versucht das hier vorliegende Buch tatsächlich verschiedene Arten von gemeinsamer Weiterentwicklung, Neuorientierung und Lösungssuche zu erleichtern. Vom ganz Privaten bis hin zu globalen Partnerschaften im Sinne des Nachhaltigkeitsziels 17 der Vereinten Nationen fokussiert dieses Buch auf die Möglichkeit segensreichen Miteinanders. Es will Sie stärken, sinnstiftende Gemeinschaften zu pflegen. Es will Ihnen Möglichkeiten erklären, gleichzeitig Verantwortung für sich selbst und für die Gemeinschaft zu übernehmen. Vor allem aber soll es Ihnen durch ein geschärftes allgemeines Systemverständnis und dessen Anwendung ein wenig mehr Zufriedenheit, Glück, Freude und Resilienz im Miteinander eröffnen. Das wäre doch was! Aber dazu wird es auch notwendig sein, Verantwortung zu übernehmen für die Art und Weise, in der wir die Welt sehen. Gewohnte, aber kaum beachtete Denkweisen werden wir selbstkritisch hinterfragen. So kann Ihnen im praktischen Alltagsleben erfrischend oder ermutigend Neues begegnen und Sie werden gemeinsam gestärkt aus Krisen hervorgehen können. Dass Sie selbst den hierfür passenden Dreh herausbekommen, ist mein aufrichtiges Anliegen.
Mitten in einem unfreiwilligen Neubeginn werden die äußeren Umstände meist als Krise empfunden. Und häufig sind die damit einhergehenden Verluste wirklich existenziell und erschütternd. Mir selbst ist das vor Jahren schon mehrmals so gegangen. Aber sind nicht Krisen auch der Antrieb für erfolgreiche Entwicklungen? Im Rückblick konnte ich Chancen, Möglichkeiten und unerwartete Lösungen entdecken, die sich erst in der Krise entwickelt hatten. Während der Erschütterung stellt sich bewusst oder unwillkürlich die Frage, ob wir für die zukünftige Situation selbst Verantwortung übernehmen wollen. Schon die Art und Weise, wie wir den Verlust an Normalität deuten, kann so vielfältig sein. Auch dabei treffen wir Entscheidungen, die hoffentlich auf lange Sicht unserer Zufriedenheit, dem Glück geteilter Freude und der Spannkraft beziehungsweise Resilienz nicht im Wege stehen. Und wie geht es Ihnen jetzt? Würden Sie in der aktuellen oder in einer noch nicht absehbaren zukünftigen Krise für Ihre eigenen gedanklichen Vorstellungen von Familie, Freundeskreis, Verein, Team, Arbeitsgruppe oder Multi-Akteurs-Partnerschaft [2] letztlich die Verantwortung übernehmen? Wollen Sie die Art und Weise, wie sie die Menschen um sich herum sehen, einmal überprüfen, obwohl das meiste gerade einigermaßen läuft? Manchen von uns kommt das sehr verkopft vor, aber dieses Nachdenken über die eigene Weltsicht kann gerade in unserer globalisierten Welt sehr viel neue Freiheit und zusätzlichen Handlungsspielraum eröffnen. [3] Daher gebe ich Ihnen hierzu meine wärmste Empfehlung! Es ist eine echte Chance. Entscheiden Sie selbst, ob gerade jetzt für Sie die Zeit gekommen ist, Haltungen für einen solchen Neubeginn zu erkunden oder noch nicht.
In diesem Buch geht es neben den Umständen für ein gelingendes Miteinander im Privaten, im Ehrenamt und im Beruf auch um Denkgewohnheiten, die uns manchmal bei der Suche nach Lösungen für ganz konkrete Probleme einer Krisensituation im Wege stehen. Viele gut gemeinte Ratschläge zielen beispielsweise darauf ab, dass wir doch das System, in dem wir uns vielleicht verfangen haben, gründlich analysieren sollen. Das soll uns in die Lage versetzen, dadurch die Ursachen der Krise zu überwinden. Aber ganz abgesehen davon, dass so etwas wenig lösungsorientiert ist und erfahrungsgemäß leider selten funktioniert, gibt es eine viel tiefer liegende Chance: Was ist denn, wenn es die Art von beherrschbarem Krisensystem, wie wir es analysieren wollen, nur in unserem Kopf gibt? Vielleicht brauchen wir uns gar nicht mit ihm herumschlagen, weil es sozusagen nur eine fehlerhafte Landkarte und nicht die wirkliche Landschaft unseres Lebens ist? Wie sicher sind wir uns dann noch, dass Analysieren eine gute Strategie wäre, wenn die zukünftige Wirklichkeit doch ganz anders tickt als unsere Vorstellung vom System oder Mechanismus, der gerade nicht richtig funktioniert?
Wie kommen wir denn zu Lösungen, falls die Welt tatsächlich so unfassbar, flüchtig, unbeherrschbar, unsicher, fließend, überraschend, ineinandergreifend, komplex, mehrdeutig und immer wieder neu ist, wie sie uns intuitiv manchmal vorkommt? Hier kann es auf jeden Fall schon einmal helfen, in einem ersten Schritt die persönlichen Ressourcen zu fördern, Neuerungen zu erwarten, einfach zu experimentieren, sich vielleicht selbst zu verändern und insbesondere die gegenwärtige Situation achtsam wahrzunehmen, anstatt sich mit gut gemeinten Analysen nach vorgefassten Schemata und mit der Suche nach Schuldigen herumzuschlagen. [4] Ob die Bildung einer erschreckend detaillierten Modelvorstellung der Krise bei der Verwandlung von Problemen in konkrete Chancen wirklich nützlicher wäre? Eine Transformation von Krisen gelingt möglicherweise auch anders, aber dazu empfehle ich uns erst einmal einige genauere Betrachtungen zu der Art und Weise, wie wir die Welt sehen.
Um ein theoretisch fundiertes, aber umgangssprachlich fassbares und offenes Systemverständnis menschlicher Gemeinschaft, das erfahrungsgemäß beim Umgang mit Krisen sehr hilfreich ist, soll es in diesem Buch gehen. Die hier beschriebene Art von Neubeginn lädt Sie zunächst ein, über das Alltagsverständnis von Systemen nachzudenken und beschreibt dann ein phasenartiges Konzept von Teamresilienz. Dieses Programm können wir eher als einen offenen Orientierungsrahmen für krisenfesten Umgang miteinander, anstatt als vorgefasstes Schema verstehen. Dabei werde ich weitgehend auf Fachbegriffe verzichten. Um alltagssprachliche Bedeutungen in den Vordergrund zu stellen, werde ich die wenigen verwendeten Fachbegriffe neu schärfen. Außerdem möchte ich Sie herausfordern, vielleicht ungewohnte Gedanken zu erproben. Das dient Ihnen hoffentlich zur hilfreichen Weiterentwicklung des Miteinanders bei Veränderungen und soll Ihnen auch bei der gemeinsamen Neuorientierung in Krisen nützlich sein.
Einen praktisch nachvollziehbaren Zugang zum Neubeginn leitet Kapitel „Ein Programm zur nachhaltigen Teamentwicklung“ her. Die praktischen Aspekte können besonders dann hilfreich werden, wenn es in Ihrem Umfeld an der Zeit ist, Krisen im Miteinander zu überwinden, Teamgeist neu zu beleben oder gemeinsam einen hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft wiederzufinden. Besonders im Kapitel „Teamresilienz erscheint auf mehreren Ebenen“ geht es hierzu um die schrittweise Stärkung des Miteinanders. Zu diesem praktischen Ansatz bildet das Kapitel „Erneuerung des Systembegriffs“ eine gestraffte theoretische Grundlage. Das Kapitel „Phasen der gemeinsamen Krisenbewältigung“ entspricht einer handlichen Zusammenfassung des neuen Begriffs von Teamresilienz in der Fachliteratur.
Am besten lassen Sie sich der Reihe nach auf die nachfolgenden Kapitel ein, in denen die Hintergründe einer lösungsorientierten Haltung Schritt für Schritt neu skizziert werden. Systeme sind hier systemisch-evolutionär in dem Sinn erklärt, dass sie als Aspekte eines unteilbaren, lebendigen Ganzen gedacht werden. Der Vorstellung von Entwicklung als einem Mechanismus aus Zufall und Selektion wird damit eine klare Absage erteilt. Es wird in diesem Buch auf wissenschaftlicher Grundlage die Idee einer „Systemischen Evolution“ als praktisch in vielen Bereichen anwendbare Vorstellung beschrieben. Lösungsorientierung wird dabei nicht nur als ein Methodenrahmen neben vielen anderen für die systemische Beratung weiterentwickelt, sondern Lösungsorientierung darf auch die individuelle Haltung zum großen Ganzen des Lebens inspirieren.
„Wie verfahren Wissenschaften, Künste und Theorien mit dem Leben, das von
Virtualitäten, Singularitäten und Ereignissen geprägt ist?“ [5]
Gilbert Simondon
Um zunächst der Frage nach dem Umgang mit dem Leben angemessen nachzugehen, beginne ich die Überlegungen zum gelingenden Neubeginn und zum gemeinsamen Umgang mit Krisen nach der Offenlegung meiner persönlichen Hintergründe und schließe mit einer zugespitzten Gegenüberstellung unterschiedlicher Weltauffassungen an. Durch diesen Umweg sollen hilfreichere geistige Haltungen für den Umgang mit Krisen erkundet werden, als sie im Alltag häufig in Gruppen, Teams oder Gemeinschaften von unterschiedlichen Organisationen angetroffen werden. Diesen Umweg will ich mit Ihnen deshalb gehen, weil die gegenübergestellten Haltungen erst aus einer Art Vogelperspektive, also im Betrachten von Betrachtungsweisen, besser erkennbar werden. Diese Haltungen, altbekannte und neue, sollen den Leserinnen und Lesern sozusagen zur Wahl gestellt werden. Welche Denkweise ist für Sie annehmbar? Welche Vorstellung von Miteinander erachten Sie als hilfreich? Dabei wird es dienlich sein, sich als aufgeschlossene und zukunftsorientierte Menschen überhaupt erst einmal unterschiedlichen Weltauffassungen auszusetzen, bevor dann in späteren Kapiteln die Lösungsfokussierung systemisch-evolutionär neu begründet wird.
Ausgehend von den ersten allgemeinen Betrachtungen zu Weltbildern und zum menschlichen Miteinander werden wir in immer engeren Bögen um das Thema der wissenschaftlich erforschten, aber auch fachfremd gut nachvollziehbaren Teamresilienz kreisen. [6] Damit kommt auch ein klares Bekenntnis zu den Wissenschaften zum Ausdruck, die wir mehr denn je brauchen. [3] Die Gesellschaft braucht Wissenschaft auch für nachvollziehbare, merkfähige und auf die Welt zutreffende Weltbilder. Aber was ist denn zutreffend? Wenn Sie mit mir gedanklich durch dieses Buch mitgehen wollen, werden Sie das zuvor erwähnte allgemeinverständliche Programm zur Stärkung von Gruppen, Teams und Gemeinschaften als übereinstimmend mit den Grundthemen aktueller Fachliteratur kennen lernen. Sie können dann selbst überprüfen, ob es sich in Ihrem Alltag als hilfreich erweist.
1.1 Ein Weg zum Wir
„Mein Lebensmotto ist:
‚Beginne dort, wo du bist, warte nicht auf bessere Umstände.
Sie kommen automatisch, in dem Moment, wo du beginnst!‘ …
Wir müssen uns daher selbst verändern.
Das ist der erste notwendige Schritt.“ [7]
Petra Kelly
Dieses Buch entsteht inmitten globaler Krisen, die unser Verständnis von Normalität so sehr in Frage stellen, wie kaum etwas zuvor. Aber sie zeigen auch manche Veränderungsmöglichkeiten im Sinne einer verbesserten Zukunft auf. Mehr noch, sie fordern sie ein. Insgesamt aber halten diese Krisen für die Menschheit, die ohnehin schon in einem System zahlreicher Verwerfungen lebt, so viel Leid und Elend bereit, dass es wieder einmal unsere Vorstellungen sprengt. [8] Was sind solche Krisen nun? Sinnloser Fluch oder Hinweis auf noch erreichbaren Segen? Ehrlich gesagt kann ich mich hier nicht entscheiden. Irgendwie sind sie beides und keins von beiden oder vielleicht ganz etwas anderes. Ich kann zunächst nur sagen, dass mir beide Perspektiven in bestimmten Zusammenhängen nachvollziehbar erscheinen, und das hat sicher auch mit meiner Geschichte zu tun.
Für die Geschichte dieses Buches ist aber noch etwas ganz anderes entscheidend, was ich hier aus vollem Herzen wertschätzen möchte. Meine äußerst kluge, zutiefst mitfühlende und in der Unterscheidung von Geschehnissen wirklich begabte Ehefrau hat maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses Buch inhaltlich so entstehen konnte. Unzählige Gespräche am Küchentisch, viele lebhafte Diskussionen auch mit unseren erwachsenen Kindern und ihre Ideen haben mich immer wieder auf Neues gestoßen, dass wesentlich bei der Transformation von Krisen ist. Ihre Perspektive als Mensch mit beiden Beinen fest auf dem Boden und als Systemische Therapeutin hat das Buch mit geformt. Und wenn sie nicht mit mir und uns zusammen durch zwei existenzielle Krisen gegangen wäre, dann wäre auch alles ganz anders gekommen. Sie hat mich persönlich und beruflich gestärkt und inspiriert. Danke! Übrigens haben sich diese Zeilen nicht aus einer Danksagung an diese Stelle verirrt. Sie sind als Ausdruck von Wertschätzung auch als Vorgriff auf das wichtige Kapitel „Resilientes Verhalten in Gruppen“ bedeutsam und markieren schon eine beispielhafte Situation, wo sich ein Weg zum Miteinander als System verwirklichen kann.
In meiner Rolle als Naturwissenschaftler einerseits, in der ich an einer Hochschule lehre und forsche, bin ich gewissermaßen auch geübt in der Analyse von Systemen. Ich gebe jedenfalls mein Bestes. Nur wird Neues in der naturwissenschaftlichen Tradition gedanklich und handgreiflich in die wichtigsten Bestandteile zerlegt, in vielen Einzelheiten beschrieben und dann so gut es noch geht, wieder zusammengefügt und erneut beobachtet, um die Zukunft vorherzusagen. Manchmal geht dabei Wesentliches verloren. Wissenschaffende im Bereich der Lebenswissenschaften beobachten nüchtern, was beispielsweise geschieht, wenn ein Teil entfernt wird. Die Methode ist stets eine Kombination von Eingriff, Standardisierung und möglichst objektivierbarer Beobachtung. Das macht die Welt in gewissem Maße beherrschbar. Was geschieht, wenn in der Natur ein Tier fehlt? Was geschieht, wenn ein Organ entfernt wird? Was geschieht, wenn infizierte Personen aus einem System isoliert werden? Und was geschieht, wenn der Regenwald abgeholzt wird? Zunächst unabhängig von Bewertungen wie „gut“ oder „schlecht“ wird bei Veränderungen am Normalen nach Auswirkungen im natürlichen System geschaut. Aber was ist schon „normal“?
Im Privaten sind wir vielleicht für Unterschiede offen, aber in Industrie und Technik ist „normal“ gleichbedeutend mit „der Norm entsprechend“. Da ich beruflich auch über 10 Jahre lang als Auditor unterwegs war, kann ich Ihnen versichern, dass es hier keinerlei Abweichung geben dürfte, beispielsweise um die Gesellschaft mit den Errungenschaften der industriellen Produktion zu versorgen oder vereinbarte Grenzen der Umweltbelastung einzuhalten. Eine technische Umgebung schafft die Notwendigkeit der kontrollierten Funktionsweise über das spontane Mitarbeiten hinaus. [9] Aber die Erfahrung hat mir immer wieder gezeigt, wie sehr die Qualität des Miteinanders in Teams wesentlich dazu beiträgt, ob nun viele oder wenige Abweichungen von der Normalität auftreten. Manchen Teams ist es einfach deutlich besser gelungen, solche Normen hilfreich für ihre eigenen Abläufe zu nutzen. Häufig konnten sie das, indem sie sich in ihren individuellen Stärken unterschiedliche Aspekte und Perspektiven der Norm zu eigen gemacht hatten.
Als Systemischer Berater andererseits, der sich anerkannten Berufsverbänden für Supervision und Coaching verpflichtet, bin ich dagegen vertraut mit der Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven und Zeithorizonte jenseits von vorherrschenden Normen. [10] Unterschiedliche subjektive Wirklichkeiten, die jeweils als „normal“ empfunden werden, haben ihre Berechtigung und sollten eher eingeblendet werden und auf ihre Auswirkungen hin betrachtet werden. Das kann Handlungskompetenzen fördern. In der Praxis Systemischer Beratung steht die menschenfreundliche Zuwendung und die Unterstützung der selbstwirksamen Erkundung subjektiver Lösungen im Vordergrund. In der Beratung gestalte ich die Umwelt des Miteinanders, um Menschen in ihren eigenen subjektiven Beobachtungen zu fördern und ihnen ihre eigenen Erkenntnisse zu eröffnen. Die Methode ist eine Kombination von Anerkennung, Behutsamkeit und möglichst klarer Beobachtung der subjektiven Beobachtungsweisen. Abhängig von individuellen Bewertungen wie „hilfreich“ oder „nutzlos“ wird am Einzigartigen nach Auswirkungen auf die soziale Umwelt geschaut. Daher hoffe ich, dass Sie dieses Buch anregt, Ihre eigenen Betrachtungen anzustellen und Ihre eigene Meinung zu erkunden.
Sie werden nachvollziehen können, dass sich in mir im Laufe der Zeit immer stärker das Bedürfnis Raum verschafft hat, diese beiden Welten der Naturwissenschaften und des Systemischen Ansatzes [11] irgendwie zu versöhnen, sie aus dem Widerspruch zu befreien, in dem sie zu sein scheinen. Ich wollte diese beiden Themen, die auch in grundlegenden Definitionen vollkommen widersprüchlich sind, irgendwie hilfreich unter einen Hut bringen. Mit diesem Buch möchte ich nun allgemeinverständlich einen handlichen gemeinsamen Rahmen für Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft entwickeln und für die weitere Erprobung vorschlagen. Und dabei erlaube ich mir jetzt die Behauptung, dass das keineswegs nur ein egoistisches Anliegen ist. Aber wozu sollten Sie diese Reise mit mir zusammen machen? Hier kann ich nach bestem Wissen und Gewissen darum werben, dass Sie sich auf den Rest des Buches einlassen, denn es lohnt sich für den praktischen Umgang mit Krisen. Ich gebe mein Bestes und Sie werden es wahrscheinlich nicht bereuen. Ich war zwar persönlich zwischen die Stühle naturwissenschaftlich-technischer Notwendigkeiten und sozialer Wirklichkeitsauffassungen geraten, bildlich gesprochen muss ich aber inzwischen feststellen, dass sich diese beiden Stühle bei genauer Betrachtung doch in ihrer Verbindung als ein hübsches tragfähiges Sofa ohne Lücke erweisen. Eine meiner Dozierenden, die ich wirklich sehr hoch schätze und der ich viele weitreichende Einsichten verdanke, hat mich einmal in ungefähr diesem Kontext gefragt, wozu ich diesen Brückenschlag überhaupt verfolgen möchte. Liebe Heidi, jetzt kann ich Dir endlich eine passende Antwort auf Deine Frage geben: Eine theoretische Versöhnung von Natur- und Sozialwissenschaft könnte verdichtet in einer praktischen Methode für Gemeinschaften eine neue Tragfähigkeit entfalten, um Krisen besser zu meistern und gelingenden Neubeginn zu ermöglichen. Da bin ich mir nach all den Teamsupervisionen, Führungskräftecoachings und theoretischen Recherchen inzwischen ganz sicher. Ich gebe zwar keinerlei Garantie, wie genau das im Einzelfall passieren soll, aber meine Berufserfahrungen der technischen und systemischen Beratung zeigen, dass so ein theoretisch fundierter, praktischer Neubeginn sehr gut möglich ist, wenn auch nicht immer zwingend eintritt.
In persönlichen und globalen Krisen taucht häufig Trauer über Verluste auf. Und sei es der Verlust gefühlter Normalität, manchmal auch verbunden mit einem Klagen auf hohem Niveau. Diese Trauer ist unbedingt ernst zu nehmen. Aber sollten wir dann automatisch an schematische Analysen beispielsweise von Trauerarbeit glauben? Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und später Annahme müssen nicht mechanisch aufeinander folgen, um dann vielleicht sogar mit dem erneuten Verlust einer Normalität von vorne zu beginnen. [12] Die gelegentlich praktizierte, direkte Übertragung von solchen modellhaften Analysen auf Krisen im Allgemeinen macht mich skeptisch. Ist nicht beispielsweise diese im letzten Jahrhundert bahnbrechende Darstellung von Trauerarbeit einfach ein Abbild der Kultur und persönlichen Haltungen von genau demjenigen Ausschnitt der Gesellschaft, der damals untersucht wurde? Was für Menschen wären das denn abweichend vom Schema, bei denen die innere Haltung gleichzeitig Trauer über eine Krise oder die persönliche Endlichkeit und dennoch Hoffnung auf einen gelingenden Neubeginn zulässt. Es gibt sogar viele Menschen, die aus tiefem Herzen an den Übergang vom Tod in ein neues Leben glauben. Wie werden sie in einer globalen Krise trauern? Es soll Menschen geben, die im Verlust vom Alten tatsächlich den Beginn des
Neuen spüren können, weil sie wissen, dass alles im Fluss ist.
Dieses Buch, was sich als eine hilfreiche Anregung versteht, wird sich nicht um Analysen vom Verlust der Normalität drehen. Es soll auch keine Anleitung für die Verarbeitung trauriger Ereignisse in Gemeinschaften geben. Es soll Ihnen Lust machen, jetzt in Ihrer Gemeinschaft neu aufzubrechen. Es soll Anregungen und Handwerkszeug geben, wie wir unser Denken für das Privatleben, das Ehrenamt und den Beruf befreien können vom Frust des Verfalls gewohnter Normalitäten.
Mit diesem Buch möchte ich mögliche Etappen einer Reise zu lösungsorientierten, hoffnungsfrohen und damit tatkräftigen Gemeinschaften vorschlagen. Und dabei geht es gleichermaßen um Gemeinschaften von Teams, Familien, Abteilungen, Organisationen, globalen Partnerschaften [2], Vereinen oder Freundeskreisen. Die nachfolgenden Etappen zur Förderung lösungsorientierter Gemeinschaften geben auch sehr viel Raum für die weitere Anreicherung mit unterschiedlichsten Methoden des Coachings, wie sie in der Literatur beschrieben sind. [13, 14] Schauen Sie doch einfach, wo Sie momentan stehen und welche Etappen des Programms im Kapitel „Phasen der gemeinsamen Krisenbewältigung“ Sie probehalber mitgehen können. Es ist ein Angebot, machen Sie Ihr Eigenes draus, um eine lösungsfokussierte Lebenshaltung im Miteinander zu pflegen!
1.1.1 Vom Ökosystem zum Team
Als junger Student hatte ich mich im Sinne einer beruflichen Perspektive beim Erhalt unserer natürlichen Ressourcen für eine solide Bildung entschieden, weil schon in meiner Schulzeit die Warnungen des Club of Rome Unterrichtsstoff gewesen waren. Darum hatte ich für mich die Biologie erobert. Gerade das im Wasser verborgene Zusammenwirken winzig kleiner Lebensformen und ihr Einfluss auf die Stoffkreisläufe hatte es mir sehr angetan. Damals waren gerade die ersten Zusammenhänge zwischen den in der Umwelt gefundenen Viren und dem globalen CO2-Haushalt entdeckt worden. Um derart komplexe Naturphänomene zu verstehen, hatten wir im Studium die Theorien lebendiger Systeme zur Hand.
1.1.1.1 Vorläufige Erklärungen
Unser Studium galt den Ökosystemen, und Systemtheorien waren unsere Erklärhilfen. Zum Verdeutlichen wurden die unsichtbaren, weil winzig kleinen und die globalen Erscheinungen in der wissenschaftlichen Literatur mit bildreicher Sprache aus Erfahrungen des Alltagslebens angereichert. [15] Hierbei ging es stets um das Auffinden und Zählen der Lebewesen sowie um den vermuteten Fluss von Körpermasse und Energie durch das System. [16] Erklären, Vorhersagen und Reparieren waren unsere Antreiber und stark vereinfachende Experimente unser Handwerkszeug.
„Reduktionistische Experimente sind sehr gut geeignet,
um detaillierte Informationen über bestimmte Komponenten oder Prozesse
eines Systems zu generieren“ [17]
Eberhard Voit
Dabei haben wir zwar in Teams gearbeitet, aber es war schon damals aufgrund der Fülle an Spezialwissen nur möglich, das eigene Fachgebiet zu vertiefen. Und nicht selten wurde es mühsam, sich in den Arbeitsgruppen über das große Ganze zu verständigen. Wir haben viel Stückwerk produziert und uns dabei durch befristete Arbeitsverhältnisse in das eine oder andere Familienleben und in mehr oder weniger passende Berufe gehangelt. Nicht wenige unserer sogenannten Boomergeneration haben dabei ihre jugendliche Mission vergessen oder verraten. Mir persönlich ist von der Bewunderung natürlicher Systeme bis heute Wesentliches geblieben: Ich möchte es die Sehnsucht nennen, das Zusammenwirken zu verstehen und im Dienst einer Handlungsfähigkeit soziale Systeme zu fördern. Meine damalige Hoffnung auf die Wirkmacht rein technischer Lösungen hatte sich übrigens schon mit den ersten Berufserfahrungen erledigt. War damals noch das System winzig kleiner Lebensformen der Gegenstand meiner Aufmerksamkeit, so ist es heute vor allem das System mit Menschen als mitunter selbst widerstandsfähig zusammenwirkende Lebensform.
Zu meiner Überraschung musste ich Jahre später im Rahmen einer gründlichen Weiterbildung feststellen, dass sich zwischenzeitlich die Sozialwissenschaften an genau denselben Erklärhilfen bedient hatten, die wir zuvor in der Biologie beispielsweise zum Verständnis der Selbsterhaltung des Lebens herangezogen hatten. [18] Zu Beginn dieser beruflichen Neuorientierung war es sehr spannend für mich, als ich lernen musste, wie schlicht und teilweise unvollständig die Übernahme biologischer Modellvorstellungen in den Sozialwissenschaften erfolgt war. Aber fasziniert von der äußerst hilfreichen Lösungsorientierung im systemischen Denken wurde ich dann Supervisor und Coach mit dem Schwerpunkt der Systemischen Beratung von Teams. Auch in dieser Disziplin tauchten die sich selbsterhaltenden Systeme wieder auf. Nur werden hier beispielsweise die Menschen statt Mikroben als Elemente gedeutet und deren Beziehungen wären Kommunikationsereignisse statt Biochemie. Interessanterweise gibt es in der systemischen Praxis eine gewisse Verwirrung, ob nun die Menschen oder die Kommunikationsereignisse die Systemelemente sind. Ungeachtet dieser Feinheiten, auf die wir später zurückkommen, bin ich seit Jahren mindestens so fasziniert von der Teamentwicklung, wie ich es damals von der Erneuerung der Mikroben-Gemeinschaften war, die unter dem Druck von viraler Ausbeutung zersetzt wurden. [19] Vielleicht störe ich mich daher immer wieder an der beinahe vergleichbaren Ausbeutung menschlicher Gemeinschaften und hoffe daher so stark auf eine Transformation des gegenwärtigen gesellschaftlichen Miteinanders. Lebendige Gemeinschaften wie Familien, Abteilungen, Organisationen, Multi-Akteurs-Partnerschaften oder Vereine haben doch Besseres verdient, als in der erstbesten Krise zersetzt zu werden. Später, bei den Vorbereitungen für dieses Buch, tauchte dann die Selbsterhaltung von Lebendigem als eine interessante gedankliche Brücke erneut auf, nun aber zwischen den Sozialwissenschaften und der Philosophie. [20] Diese Brücke hat sich für das abschließende Kapitel „Erneuerung des Systembegriffs“ als sehr hilfreich erwiesen.
Wie es in so manchem Therapiekonzept angelegt ist, treibt auch mich die Zuversicht an, dass sogar alte Belastungen für einen Kompetenzerwerb von Gemeinschaften, Teams oder Gruppen nutzbar werden können. Möglich ist das, wenn sich gemeinsam vergegenwärtigen lässt, welche Bewältigungsstrategien schon einmal hilfreich waren. Auch hier lassen sich interessante Ähnlichkeiten bei den unterschiedlichen Systemen auffinden. So wie eine Mikrobe alte Bedrohungen Stück für Stück in seine genetische Erinnerung einschreiben kann, um sich zukünftig davon freizuhalten, so können auch Teams in der Erinnerung an schrittweise bewältigte Herausforderungen wachsen. Sie tun das, ohne von einem idealen Sollzustand getrieben zu sein. Auch wenn dies ein sehr weit gegriffener Vergleich ist, scheint es sich in der Schritthaftigkeit ohne Sollgröße um wiederholt auftretende Phänomene zu handeln. Aufgrund solcher systemischer Erfahrungen erachte ich es für Teams als hilfreich, überholte Gegensätze von Ist- und Soll-System kritisch zu hinterfragen. Und damit bin ich keinesfalls allein. [21] Wenn die Soll-Vorstellungen von einem sozialen System nicht mehr hilfreich, sondern bedrückend sind, dann taugen sie nicht mehr als gute Erklärhilfen. Hier ist es angebracht, sogar die Vorstellungen von Systemen an sich zu erneuern. Diese wurden nämlich in der Tradition der Steuerungs- und Regeltechnik von Apparaten entwickelt, die wenig gemein haben mit dem Leben. Damit wurde zwar die Natur weitgehend versteh- und beherrschbar gemacht. Es soll mir aber der Hinweis erlaubt sein, dass die Naturwissenschaften global gesehen wenig erfolgreich in der Beherrschung der Natur waren. Vielleicht ist auch für die Sozialwissenschaften eine Lösung in anderen Quellen als der Steuerungs- und Regeltechnik zu suchen. Dieses Buch soll dazu ein kleiner Beitrag sein.
1.1.1.2 Vom Labor zur Beratungspraxis
Nach dem Einstieg in das akademische Berufsleben und der Familiengründung mit meiner wunderbaren Ehefrau war das System der ständig befristeten Arbeitsverhältnisse nicht mehr passend und ich habe kurzerhand ein Prüflabor zur Beratung des ökologischen Landbaus und der handwerklichen Milchverarbeitung gegründet. Auch interessante, lebendige Systeme. Wie ich dann leider feststellen musste, ist so etwas für ein Labor nicht hinreichend lukrativ. Daher wurde der Kundenkreis bald um Industriebetriebe der Arzneimittelherstellung und Medizinproduktefertigung erweitert. Und schon verlangte das nächste System meine Aufmerksamkeit. Diesmal begegnete mir ein System in treuer Tradition zur Steuerungs- und Regeltechnik. Sie ahnen es vielleicht schon, ich musste ein Qualitätsmanagement-System aufbauen. Ebenso wie in der Ökologie und wie früher bei sozialen Systemen wird noch heute in diesem Bereich ein System definiert als ein zusammenhängender Satz sich gegenseitig beeinflussender Objekte. Und Qualität wird verstanden als der Grad, in dem Objekte bestimmte Anforderungen erfüllen. [22] Hier ist der Glaube meist noch unerschüttert, dass mit hinreichender Kontrolle ein System genau das gewünschte Ergebnis produzieren wird. Die Weltsicht ist hier noch eine altbekannte, obwohl die Praxis des Qualitätsmanagements tagtäglich den Beweis erbringt, dass Steuerungs- und Regeltechnik für menschliches Miteinander ungeeignet ist. Nicht wenige Konflikte in Industriebetrieben sind genau darauf zurückzuführen. Und die Theorie von gesetzmäßig steuerbaren Objekten gilt für soziale Systeme spätestens seit den 1990er Jahren als überholt. [23, 24]
„Einer der Gründe, warum es sich empfiehlt, systemische Erklärungskonzepte
zu verwenden, liegt darin, dass die gradlinig-kausalen Modelle oft nicht nur
nicht zu den angestrebten Zielen führen, wenn man mit biologischen,
psychischen oder sozialen Systemen zu tun hat, sondern paradoxe Effekte haben.“
Fritz B. Simon [25]
Als ich aufgrund der Erfahrungen mit dem Aufbau von Managementsystemen national und international als Auditor für solche Systeme berufen wurde, habe ich in den begutachteten Unternehmungen selten ein wirklich „gelebtes Qualitätssystem“ vorgefunden, wie es im Jargon der Auditor:innen heißt. Auf dem Papier gibt es hier immer ein Soll-System aus zahlreichen Vorschriften und Formularen und die Teams, die durch diese Systeme drangsaliert werden, führen häufig ein ganz anderes, aber auch hilfreiches Eigenleben. Dann gibt es noch die bedauerlichen Mitarbeitenden im Qualitätsmanagement, die Dokumente und Eigenleben irgendwie in Einklang bringen sollen. Sie haben es auf der einen Seite mit einem Steuerungs- und Regelsystem aus Papier zu tun und andererseits mit einem eigenwilligen sozialen System aus purer Kommunikation. Beide Systeme sind auch konzeptionell so verschieden, dass mensch wirklich mit einer paradoxen Situation zu tun hat. Das scheint zunächst recht bedauerlich, aber es gibt immer wieder Situationen, in denen, getragen von einem inspirierenden Teamgeist, alle Vorschriften erfüllt werden und gleichzeitig unter den Mitarbeitenden eine große Zufriedenheit herrscht. Das ist dann sehr erfreulich, aber auch überraschend. Das hat mir stets in positivem Sinne zu denken gegeben. Wie kann es sein, dass ein Team die gemeinsame Aufgabe so gut bewältigt? Was ist das Besondere an diesem System im System?
Was das Miteinander angeht, habe ich viele, viele tragfähige Antworten in den aktuellen systemischen Erklärungskonzepten gefunden. Ganze Verlage widmen sich sehr erfolgreich diesen Themen. Und in der Berufspraxis als Systemischer Supervisor, die ich übrigens irgendwann gegen die Funktion als Auditor eingetauscht hatte, konnte ich viele zauberhafte Momente der Entwicklung von Teams erleben. Besonders spannend wird es aber dann, wenn es um die Systemische Beratung von Teams im Umfeld von weitreichenden Regelwerken geht. Da prallen also wieder zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Systemen unvermittelt aufeinander. Aber ich will schon jetzt verraten, dass sich beides, wie im Kapitel „Erneuerung des Systembegriffs“ theoretisch hergeleitet, gut unter einen Hut bringen lässt. Dazu können wir das Verständnis sozialer Systeme etwas erweitern und praxistauglich formulieren. In einem erneuerten Systemischen Denken findet dann sogar so etwas Spezielles wie das Qualitätssystem seinen Platz. Es kann als gedankliches Gebilde und als Handlungsmöglichkeit gedeutet werden. Damit verlässt das Management nach vorgegebenen Regeln den hohen Sockel der einzig wirklichen Wirklichkeit, wo es manche Manager:innen so gerne sehen. Und wenn es gut läuft, motiviert das gedankliche Gebilde strukturell gebunden sowohl hilfreiches Kommunizieren als auch regelkonformes Handeln in Teams.
Da eine solche Erweiterung des Systemischen Beratungsverständnisses auch nützlich für das Miteinander von Menschen in Familie, Verein, Freundeskreis, Firma, Organisation, Multi-Akteurs-Partnerschaft oder Ähnlichem sein kann [26], will ich hier zunächst verschiedene Arten von menschlichem Miteinander ein wenig sortieren. Es gibt für das Miteinander in all diesen Bereichen verschiedene Begrifflichkeiten. Um Verwirrungen vorzubeugen, wird nun knapp skizziert, wie die Begrifflichkeiten in diesem Buch gebraucht werden:
Unter einer Gemeinschaft wird hier verstanden, was entsteht, wenn Menschen das tragfähige Potenzial einer gemeinsamen Zukunft hervorbringen.
Unter einem Team wird hier verstanden, was entsteht, wenn Menschen gegenwärtig eine gemeinsame Aufgabe wahrnehmen.
Unter einer Gruppe wird hier verstanden, was entsteht, wenn Menschen in der Vergangenheit eine bedeutsame Gemeinsamkeit geteilt haben.
Diese Begrifflichkeiten erscheinen mir für die nachfolgenden Betrachtungen sehr sinnvoll, auch wenn sie teilweise von dem gewohnten Gebrauch abweichen. Sie ermöglichen es aber beispielsweise eine Familie oder eine Abteilung sowohl als Gruppe, als Team und als Gemeinschaft zu verstehen. So ein Miteinander kann dann als mehreres gleichzeitig verstanden werden, beispielsweise als Gruppe und als Team. Oder ein Miteinander kann zwar eine Gemeinschaft, aber nicht Team sein. Diese Unterscheidungen sind zunächst völlig wertfrei und sie werden sich damit als nützlich erweisen. Sollte mir selbst dieser exakte Gebrauch einmal entgleiten, dann wird das Ihrer Aufmerksamkeit sicher nicht entgehen und Sie können mich in Gedanken korrigieren. Das wiederum könnte Ihnen helfen, noch genauer hinzuschauen auf die Art und Weise, in der Sie die Welt sehen.
1.1.2 Transformation
Vielleicht möchten Sie auch wissen, aus welcher Ethik heraus ich die folgenden Überlegungen zusammengetragen habe. Deshalb will ich die erste innere Bewegung nicht verborgen halten, die mich motiviert hatte, doch zu schreiben: Ich glaube fest daran, dass dem menschlichen Miteinander eine Qualität verheißen ist, die den Einzelnen guttut und sie in ihren persönlichen Entwicklungen und Sinnhaftigkeit stärkt. Das sage ich trotz oder wegen so mancher Mängel im gesellschaftlichen Zusammenleben. Es hat sich übrigens gezeigt, dass wir uns eine bessere Welt nicht einfach kaufen können. Irgendetwas am bisherigen globalen System läuft schief. Und das hat vermutlich auch mit uns selbst und unserer eigenen Bereitschaft zur Veränderung zu tun. Ich glaube wirklich, dass wir zusammen mehr Ressourcen für ein erfülltes Leben haben, als wir letztlich brauchen. Und ich glaube auch, dass wir jederzeit eine echte Chance haben, in eine so verheißungsvolle Zukunft aufzubrechen. Ich glaube auch, dass hierzu immer wieder eine Umkehr von ungesunden Gewohnheiten nötig und hilfreich ist. Vor allem glaube ich, dass globale Veränderungen und Verwandlung in der Veränderung der persönlichen Haltung Vieler beginnen. Jeden Tag neu und herausfordernd gegenwärtig. Und dazu müssen wir gemeinsam innehalten und schauen, ob wir uns berufen fühlen, einen eigenen Beitrag zu leisten. Ich weiß natürlich, dass wir nicht in einem Paradies leben, aber ich bin mir sicher, dass die Umstände sich gnädiger erweisen werden, wenn wir uns aus Dankbarkeit für die im Grunde wunderbaren Menschen um uns herum, ein bisschen freizügiger mit unseren Talenten in der Gemeinschaft einbringen.
„Alle aßen und wurden satt.
Als man anschließend die Reste einsammelte,
da waren es noch zwölf Körbe voll.“ [27]
Matthäus
In diesem Glauben an die Möglichkeit, das Gute mit hilfreichen Methoden fördern zu können, ist auch die Suchbewegung dieses Buches entstanden.
[28] Es hat mich nicht losgelassen, wie es gelingen könnte, dass Menschen in Freundeskreisen, Familien, Freizeitgruppen, Abteilungen und Organisationen aneinander wachsen und dabei seelisch satt werden. So ein menschliches Wachstum können wir übrigens sehr gut gebrauchen, angesichts der noch kommenden Krisensituationen. Global gesehen ist die große Pandemie schon wieder einigermaßen überwunden, wenn Sie diese Zeilen lesen, aber sollte unsere Gesellschaft nicht bald eine grundlegende Transformation erfahren, dann bleibt die Menschheit mit deutlich größeren Herausforderungen konfrontiert. Denn dann wäre zu befürchten, dass der Planet Erde selbst die Menschheit als Pandemie überwindet, wie es Erzählungen über die Rede eines indigenen Häuptlings zu entnehmen ist. [29] Aber so düster wollen wir es nicht kommen lassen. Sehr inspirierend sind hier die vielfältigen Konzepte und Aktivitäten von Initiativen, die eine Transformation der Gesellschaft vorantreiben. [30, 31] Und auch der vorliegende Beitrag könnte sich vielleicht durch die Förderung sinnstiftender Gemeinschaften als hilfreich erweisen. Wer weiß? Die Leitplanken des einfachen und flexiblen Programms gemäß Kapitel „Teamresilienz erscheint auf mehreren Ebenen“ helfen jedenfalls im Miteinander einen kleinen, aber feinen Unterschied zu machen. Das kann ich zumindest aus meiner Erfahrung als Supervisor versichern. Dieses Programm soll den Menschen in Gemeinschaft nützlich sein, eine gemeinsame Stärke zu entwickeln, um besser mit Krisen zurechtzukommen und dann auch global einen vielleicht winzigen, aber dennoch bedeutsamen Unterschied zu machen. Das wäre großartig!
Ausgehend von der Haltung der humanistischen Psychologie möchte ich mich in diesem Buch mit Gruppen, Teams und Gemeinschaften als Lebensraum für gesunde, schöpferische und sich selbst verwirklichende Persönlichkeiten befassen. Hierbei erfolgt bewusst keine grundlegende Trennung zwischen beruflichen und privaten Umgebungen. Ziel ist es, die Handlungskompetenz in beiden Lebenswelten weiterzuentwickeln. Wenn Ihnen persönlich so verheißungsvolle Ressourcen im menschlichen Verhalten wie Lösungsfokussierung, Beziehungspflege und Akzeptanz beim Lesen dieses Buches wichtig werden, dann haben wir zusammen einen Unterschied gemacht, der einen Unterschied macht. [32] Solche, die persönliche Spannkraft stärkenden Verhaltensweisen, strecken bildlich gesprochen ihre Baumwurzeln in unserer Persönlichkeit aus und wachsen in den Himmel von nachhaltiger Gemeinschaft und Gesellschaft.
„Wir haben vergessen,
unsere Denkmuster auf ihre Tauglichkeit für die Gegenwart zu prüfen.
Sie zu hinterfragen macht den Blick auf die Hebel frei, mit denen wir aus der
Krise in die Zukunftsgestaltung im 21.Jahrhundert kommen.“ [30]
Maja Göpel
Die nachfolgenden Themen haben also auch einen Bezug zu der Frage, wie es denn gelingen könnte, die längst überfällige Transformation der Gesellschaft weiter voranzutreiben, welche für ein Überleben ganzer Völker in diesem Jahrhundert unverzichtbar ist. [33] Es werden doch Menschen in Gemeinschaften wie beispielsweise Multi-Akteurs-Partnerschaften sein, die etwas für die Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände erreichen müssen. [2] Sie werden viel Kraft benötigen. Und sie werden einander als soziale Wesen brauchen, die wir nun mal sind. Daher geht es im Folgenden immer wieder um das Thema der Resilienz als Spannkraft, die uns selbst besonders in Teams verschiedenste Krisen in Chancen verwandeln lässt. Bei diesen Teams kann es sich um Familien, Vereine, Arbeitsgruppen, Kommissionen oder anderes handeln. Von keinem Einzelkämpfer, derer leider noch viel zu viele an den Hebeln sind, wird ein hilfreicher Beitrag für eine wirklich menschenfreundliche Zukunft zu erwarten sein. Nur in Gemeinschaft und durch die Verwirklichung unterschiedlichster Talente wird die Transformation der Gesellschaft hin zu einem Miteinander möglich sein, das die Massen auf diesem Planeten innerlich und äußerlich satt macht.
Bei der Betrachtung der Teamresilienz habe ich einige inspirierende Impulse der französischen Nachkriegsphilosophen Gilbert Simondon und Gilles Deleuze im Hinterkopf. [34–36] Mit einigen ihrer Grundideen wurde das Kapitel „Ein Programm zur nachhaltigen Teamentwicklung“ strukturiert. Außerdem befindet sich eine Hinführung zu bestimmten ihrer Grundgedanken im Kapitel „Systemische Evolution“, welches das Konzept der Evolution von Valentin Krassilov integriert. [37] Zunächst möchte ich aber das Thema dieses Buches in eine Übersicht und eine alltagssprachliche Gewissheit der Entwicklungsmöglichkeiten von Gemeinschaft gießen. So ist auch mein eigenes Lesen anderer Werke nur Transformation, also die Verwandlung in ein zukunftsfähiges Neues. Aber selbst wenn ich mich mit einigen Vereinfachungen der Kritik aussetzen sollte, erlaube ich mir hier ein umgangssprachliches Verständnis von Individuation, Differenz und Wiederholung für die Idee von Selbstwerdung in Gemeinschaft [38] zu entwickeln. Ich bin gewiss, dass das im Ergebnis sehr hilfreich sein wird. In dieser Gewissheit sind die weiteren Gedanken entstanden, die ich Ihnen nachfolgend vorstelle.
Kommen wir also zu einer ersten Annäherung an ein Verständnis gelingendes und krisenfestes menschliches Miteinander. Was macht uns zusammen stark? Braucht es nur starke Leute, um gemeinsam stark zu sein? Und was machen wir dann mit den vermeintlich schwachen Leuten? Was wäre denn überhaupt Schwäche? Ich bin mir sicher, auf diesem Weg kommen wir zu keinem brauchbaren Ergebnis. Nach vielen Jahren Berufserfahrung, nach vielen krisenhaften und erfolgreichen Erlebnissen, nach meinen persönlichen Beobachtungen als Teammitglied, Führungskraft, Coach und Supervisor und vor allem nach so manchem Literaturstudium erlaube ich mir ein abschließendes Urteil: Das Bild von einem Miteinander, das nur als eine Gruppe von starken Persönlichkeiten zusammen stark sein könnte, halte ich für vollkommen unrealistisch, nutzlos und überholt. Und unmenschlich ist so ein Bild obendrein, denn wer sollte dabei über die vermeintliche Schwäche entscheiden dürfen? Und welche Daseinsberechtigung hätten dann Schwache überhaupt in Gemeinschaften, die stark sein wollen? Ein solches Menschenbild führt zu nichts Gutem, wie die Geschichte unseres Landes beweist!
Fassen wir also zunächst ein vollkommen anderes Verständnis von krisenfestem Neubeginn in Gruppen, Teams und Gemeinschaften zusammen, bevor wir dieses Verständnis dann ausführlich erklären und begründen.
1.2 Phasen der gemeinsamen Krisenbewältigung
Was ist das Wichtigste, das zu beachten wäre, um gemeinsam eine Krise zu bewältigen? Meist wird es hilfreich sein, bestimmte Dinge anders zu tun oder vielleicht auch zu denken als bisher. Und was genau sollten wir jetzt verändern, wenn wir einen gelingenden Neubeginn anstreben? Auf diese Frage werden wir in der Regel antworten, dass es auf die genauen Umstände ankommt. Worum geht es denn und worum geht es Ihnen persönlich dabei? Geht es um eine Krise im privaten oder beruflichen Umfeld oder sprechen wir gerade von einer globalen Krise? Danach ist die Verlockung groß, nach speziellen Ursachen zu forschen, um sie schnell zu beseitigen. Es gibt aber auch grundlegende Haltungen, die im Allgemeinen einen gelingenden Neubeginn trotz einer speziellen Krise begünstigen, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden. Leider sind wir derzeit nicht nur einer globalen Krise ausgesetzt und es fällt nicht wenigen Menschen schwer, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Irgendwie scheint das ganze Weltgeschehen so wenig weise, so arm an Werten, Ethik und Moral. Liegen hier nicht doch die Ursachen für die aktuellen Probleme?
Nun ist es mein Anliegen, Ihre Aufmerksamkeit von durchaus berechtigten Moralvorstellungen hin zu den sozialen Systemen zu leiten, an denen sich Krisen entfalten. Die genaue Analyse von vereinfachten Ursachen mangelnder Ethik und ihren vermeintlich direkten Auswirkungen liegt mir fern. Jede Krise entfaltet sich mit strukturellen Voraussetzungen in einem meist komplizierten Gefüge. Ich möchte aber Hinweise geben, inwiefern bestimmte Veränderungen persönlicher Haltungen auch in bisher stabilen Krisensystemen nützlich sind. Neue Begleiterscheinungen können damit auch bei sich selbst erhaltenden sozialen Systemen entstehen. [18] Und solche Veränderungen sind grundsätzlich für Gruppen, Organisationen und Gesellschaften möglich. Dementsprechend darf erwartet werden, dass Veränderungen der Gegebenheiten nicht folgenlos bleiben. Dem systemisch-lösungsorientierten Ansatz folgend, wie er von Paul Watzlawick, Niklas Luhmann und Steve de Shazer begründet wurde, sollen in diesem Buch Haltungen aufgezeigt werden, die bei der Bewältigung von Krisen hilfreich sind. [11, 24, 39, 40] Dabei lohnt es sich, eine Offenheit gegenüber allen Betroffenen zu bewahren. Alle, die aus unserer Perspektive vielleicht selbst verschuldet in einer Krise stecken, haben nicht nur gute Gründe für Ihr bisheriges Verhalten, sondern sicher auch wichtige Stärken und Talente zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien. Wir dürfen neugierig und offen auf unterschiedliche Lebensentwürfe schauen. Bleiben wir zukunftsgerichtet und lösungsorientiert, dann können wir sicher auch den Lebensentwürfen weitreichender moralischer Ursachenforschung wertschätzend begegnen, aber dennoch ein freundliches Alternativangebot machen.
Beispielsweise ist Petra Kelly in einem bemerkenswerten Aufsatz über das Erwachsenwerden auf Gedanken von Mahatma Ghandi gestoßen, die vielen Menschen heute noch zutreffend, weil moralisch angemessen, erscheinen. Sie wurden angesichts einer gesellschaftlichen Krise in Indien veröffentlicht. [7] Passen sie nicht in gewissem Sinne noch zu unseren heutigen Krisen und ihr mögliches Zustandekommen? Die „Sieben sozialen Sünden“ wurden 1925, übrigens im Geburtsjahr von Gilles Deleuze, in Ghandis Zeitschrift The Young India veröffentlicht:
Politik ohne Grundsätze
Vergnügen ohne Gewissen
Reichtum ohne Arbeit
Wissen ohne Charakter
Handel ohne Moral
Wissenschaft ohne Menschlichkeit
Religion ohne Opfer
Moralisch angesprochen könnte mensch meinen, wenig hätte sich seitdem in der Welt verbessert. [41] Varianten dieser sozialen Sünden werden übrigens auch gerne zum Hervorheben von Schuldfragen bei persönlichen Krisen herangezogen. Aber obwohl Ghandi auch heute noch häufig zugestimmt wird, möchte ich nach anderen Ansatzpunkten der Krisenbewältigung suchen, anstatt sozialen Sünden als Problemursache nachzugehen. Was genau hat sich in der Welt dadurch verbessert, dass Probleme mit solchen Ursachen erklärt wurden? In einer Krise taucht aber vielleicht trotzdem die Frage auf, was nun werden soll und wer oder was schuld war. Und wie lange noch globale oder persönliche Krisen als Begleitumstände von solchen Ursachen fortbestehen sollen. Mensch könnte dann bei genügend großer Not versucht sein, Kulturrevolutionen, strenge Heilslehren oder hierarchisches Durchgreifen zu bemühen, um der Unmoral in der Krise ein Ende zu bereiten. Aber all das hat es in der Vergangenheit nicht wesentlich besser gemacht, oder? Wie sollen wir nun angesichts globaler Krisen nach Lösungen suchen?
Interessanterweise begegnet die Abteilung für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen solcher Orientierungssuche mit einer erfrischend lösungsorientierten Haltung: Alle Ideen, Menschen, Technologien, Institutionen und Ressourcen, die zur Erreichung der Lösung globaler Krisen benötigt werden, sind bereits vorhanden. Die Aufgabe wird zukünftig darin bestehen, Klarheit zu gewinnen, wie wir all dies einsetzen und auf neue und transformative Weise kombinieren und in neue partnerschaftliche Kontexte bringen können. [2] Wir sollten Lösungsansätze nicht durch einen Rückgriff auf moralische oder fundamentale Positionen suchen, sondern ganz praktisch darüber nachdenken, wie Individuen, Organisationen und Partnerschaften an Lösungen beteiligt sein könnten. Es braucht mutige und risikofreudige Menschen, die in der Lage sind, in mehrdeutigen Situationen zu agieren und dabei ergebnisorientiert zu bleiben und dabei ihr Handeln kontinuierlich zu reflektieren. Das bedingt solide Selbsterkenntnisse über das, was Einzelne gut können und über Verhaltensmuster sowie Tendenzen, die Nachhaltigkeit fördern. Ein ausgeprägtes Kontextbewusstsein über das Geschehen im unmittelbaren Umfeld, in Organisationen und im Miteinander erlaubt eine Art von Planung, die auf das Erscheinen von neuen Entwicklungen abzielt. [2]
Dabei könnte ich mir leicht verschämt eingestehen, dass ich selbst von den sieben Themen der Unmoral zum Teil auch betroffen wäre, wenn ich die Welt aus dieser Perspektive betrachten würde. Betroffenheit wäre daher angebracht, weil ich indirekt in Form meines global gesehen privilegierten Lebensstandards profitiere, während sich bei zahllosen anderen Menschen gleich mehrere Diskriminierungsformen überschneiden. [42] Ich bin nicht unschuldig, nur weil ich das nicht wahrnehme. Wenn diese Wahrnehmung einsetzt, dann gehen Menschen häufig durch Schuldempfindung und Scham zu einer Anerkennung des Problems und streben nach Wiedergutmachung. [43]
„Dieser Prozess kann bei manchen Menschen sehr lange brauchen,
bei anderen ist er intuitiver und passiert schneller.“ [43]
Emilia Roig
Schuldzuweisung scheint noch keine nachhaltige Lösung aufzuweisen, auch und gerade wenn ich nicht versichern kann, mit der Krise gar nichts zu tun zu haben. Es zeigt sich immer wieder, dass die plakative Gegenüberstellung von Sünde und Schuldlosigkeit beim Umgang mit sozialen oder globalen Krisen wenig hilft. Dennoch, was die sozialen Sünden im Detail angeht, könnten vielleicht veränderte Verhaltensweisen von vielen Einzelnen etwas bewirken. Es geht dabei um einen echten strukturellen Wandel. Das würde vielleicht eine Umkehr bedeuten. Aber nach welcher Moralvorstellung sollte die geschehen? Und wenn ich selbst etwas an meinem Verhalten ändern würde, hätte meine eigene Umkehr überhaupt die nötige Reichweite, wenn ich an globale Krisen wie den Klimanotstand denke? [8] Diese Sichtweise kann aufkeimende Veränderungswünsche und die partnerschaftlichen Bemühungen um Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit schnell erlahmen lassen. So erscheint die Suche nach den anderen Individuen, die zuerst umkehren und handeln sollen, ebenfalls wenig hilfreich bei der Krisenbewältigung.
Aber nochmals zurück zu den Fragen, die sich auf globale Krisen beziehen: Was genau sollten wir denn jetzt tun? Können wir bei globalen Ausmaßen überhaupt etwas ausrichten? Ja, tatsächlich! Und da gibt es nicht nur global anerkannte Ziele, die insbesondere im Zusammenhang mit der Überwindung von Armut gute Ergebnisse in anderen Themenbereichen zeigen [44], sondern es gibt auch einige inspirierende Vorbilder. Ich denke beispielsweise an junge, engagierte Menschen wie Greta Thunberg. Begonnen hat ihr beachtlich weitreichender Beitrag in winzig kleinen Schritten. Für die entscheidende Haltung des unerschrockenen Beginnens sensibilisiert das hier vorliegende Buch. Sie hat zunächst nur ein Schild mit einer klaren Botschaft an einem gewöhnlichen Ort hochgehalten und mit ihrem Verhalten gegen eine unspektakuläre Regel verstoßen. Immer wieder, um auf die Dringlichkeit der fortschreitenden Klimakatastrophe hinzuweisen. Das scheint zunächst keine große Leistung zu sein. Und dennoch ist im Zusammenspiel mit anderen Menschen und den Medien etwas sehr Großes und wie ich meine Hilfreiches entstanden. Aber was genau ist da geschehen? Krude Verschwörungserzählungen möchte ich hier nicht weiter beachten, weil sie ins Leere laufen. Es ist hier etwas sehr Bemerkenswertes passiert: Greta Thunberg ist sich selbst treu geblieben in Ihrem Erwachsenwerden, sie hat sich ausgedrückt, wie es ihr angemessen war. Und was natürlich noch dazu kam, ist, dass der Ausdruck ihrer Persönlichkeit in einem wachsenden Kontext medial wahrgenommen wurde und dann eine ungeahnte Bedeutung erlangt hat. Das ist für viele, besonders für junge Menschen, sehr ermutigend. Und gleichzeitig können wir an diesem Beispiel erahnen, wie globale soziale Systeme von Partnerschaften neu entstehen.
Die Selbstwerdung,
der Ausdruck und
das Kontexterscheinen
haben eine äußerst beachtliche Entwicklung in Gang gesetzt. [5, 45, 46] Auf genau diese drei Themen werden wir nach der Reise dieses Buches wieder zurückkommen, weil sie verdeutlichen, wie sich soziale Systeme auch im Kleinen entwickeln. Aber davon später.
Wie gehen wir nun mit diesen „Sieben sozialen Sünden“ um, die für viele Krisen verantwortlich gemacht wurden? Folgen wir zunächst dem Impuls von Gandhi, aber übertragen ihn in etwas konkretere Umstände. Und dabei unterbreiten wir ganz praktisch ein alternatives Handlungsangebot, welches schon einen kleinen positiven Unterschied in unserem Leben machen würde. Damit gehen wir von einer moralisierenden Haltung kleinschrittig in Richtung einer systemischen Haltung. Wir stellen zunächst den hohen moralischen Anspruch zurück und suchen nach noch so kleinen, aber konkreten und tatsächlich auch umsetzbaren Schritten, die stattdessen im persönlichen Umfeld eine Bedeutung haben können. Weder Schuldfragen noch Aufforderungen an Dritte sollen die ersten zarten Lösungsperspektiven verstellen. Wenn wir auf diese Art und Weise anstelle der globalen sozialen Problemursachen Ghandis nach Lösungsräumen im Kleinen Ausschau halten, dann ergeben sich interessante neue Perspektiven, die anschließend weiterverfolgt werden:
In der großen Politik sind für das globale Miteinander Grundsätze gefordert. Für uns könnte es dagegen schon hilfreich werden, uns zumindest motiviert einzubringen, wo auch immer wir uns in der Familie, im Team, im Verein, in der Multi-Akteurs-Partnerschaft oder in der Firma aufhalten. Welche grundsätzlichen Motivationen sind hier für Sie im Alltag denkbar?
Und sofern im großen Zusammenhang das Gewissen beim Vergnügen nicht fehlen soll, so ist es doch im Kleinen immer wieder angemessen, wenn wir zumindest mit einem gewissen Maß an Dankbarkeit wertschätzen, was und welche Gesellschaft uns vergönnt ist. Wofür und für wen würden Sie denn in Ihrem Leben danken wollen?
Und ja, es gibt viele Reiche, die ihren Reichtum ohne viel Arbeit vermehrt haben. So funktioniert leider derzeit das globale Wirtschaftssystem. Als wesentlicher Aspekt an der Arbeit wird bei diesem Punkt das persönliche Bemühen angemahnt. Es fehlt das selbsttätige Fokussieren auf die vielfältigen Lösungsdetails, die für das Anhäufen des Reichtums erforderlichen waren. Dafür waren andere zuständig. Wenn wir nun im Gegensatz dazu in unserem eigenen Kontext darauf verzichten, dass stets andere für unser Wohlergehen Lösungen bereithalten sollen, dann ist das schon ein qualitativer Unterschied und eine andere Haltung wird zum Ausdruck gebracht.
[47]
Wenn Wissen und persönliche Erfahrungshorizonte zusammenkommen, dann kann die Lebenserfahrung den Charakter prägen. Dabei geht das Erleben persönlicher Möglichkeiten in Lebenswissen über und Selbstwirksamkeit wird erfahren. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten beruflichen Erfolg? Ist nicht dabei beides geschehen, die Erfahrung hat das Wissen neu sortiert und den Charakter etwas geformt? Daher wäre hier ein hilfreicher erster Schritt das erneute Ermöglichen von Selbstwirksamkeit.
Und beim Handel ohne Moral wissen wir heute, wie sehr schon ein wenig Transparenz die Dinge fundamental verändern kann, weil sich dadurch neue Entscheidungsmöglichkeiten eröffnen. Praktische Maßnahmen, welche die Transparenz erhöhen, könnten also erste Schritte sein, mit denen die Ebene des beständigen Moralisierens verlassen wird. Was würde in Ihrem privaten Alltag zu mehr Transparenz führen, die auf ein Übervorteilen anderer verzichtet?
Es liegt auch auf der Hand, wie Menschlichkeit in die Wissenschaft zurückkehren könnte. Beispielsweise in der medizinischen Forschung geht mensch inzwischen systematisch in Beziehung mit Betroffenen.
[48]
Solche menschlichen Beziehungen von Wissenschaftler:innen und denen, die von Forschungsergebnissen betroffen sein werden, sind ein verheißungsvoller Weg, weil dies den Blick für die Menschen in ihrer Vielschichtigkeit schärft.
Und zuletzt denke ich bei Religion ohne Opfer an die Vielzahl der Religionen und die Religionsfreiheit in unserem Land. Dabei ist es für Religionen in ihrem Missionsdrang ein großes Opfer zu akzeptieren, dass es da noch anderen Glauben als den eigenen gibt. Akzeptanz kann hier ein Opfer und ein wichtiger erster Schritt sein.
Mit diesen neuen Perspektiven können wir nun unsere Aufmerksamkeit sieben hilfreichen Tugenden zuwenden und untersuchen, ob sie es begünstigen, dass Krisen zu bewältigen sind. Mit diesen Betrachtungen soll die oft drückende Last der Ursachenforschung von Problemen zurückgelassen werden. Kleine, hilfreiche Schritte werden in Aussicht gestellt, deren Auswirkungen nun in großem wie in kleinem Miteinander zu beobachten sein werden. Lösungsansätze sind nun im Fokus und nicht mehr nur unüberwindbare Probleme. Und glauben Sie mir, dies wird Entwicklungen ermöglichen, an die Sie und ich noch gar nicht gedacht haben. Neue Kontexte und Gemeinschaften lassen sich so viel leichter eröffnen. Sieben gar nicht so kleine Tugenden, die wir für den Anfang sicher besser bewältigen werden als die Abschaffung aller Problemursachen, können wir verschiedensten Krisen entgegenhalten. Der ethisch angezeigte große Wurf, nämlich gelingender Neubeginn, wird dann später konkret greifbar. Zunächst bleiben wir aber bei der neuen Ausrichtung der Aufmerksamkeit.
Motivation, Wertschätzung, Lösungsfokussierung, Selbstwirksamkeit, Transparenz, Beziehungspflege und Akzeptanz helfen bei der Neuorientierung in Krisen.
Für erste systemische Schritte einer gemeinsamen Neuorientierung lege ich Ihnen diese sieben Tugenden ans Herz, damit die dringend erforderlichen Entwicklungen überhaupt erst einmal im Kleinen in Gang kommen. Durch diese Tugenden werden beispielsweise eine gemeinschaftliche Haltung, das Verständnis für andere gesellschaftliche Bereiche, menschliche Beziehungsfähigkeit und Wissen über die Gestaltung von Partnerschaften gebahnt, Must-have für die Arbeit an Nachhaltigkeitszielen. [2]
