Jildirim - Deutsche Streiter auf heiligem Boden - Werner Steuber - E-Book

Jildirim - Deutsche Streiter auf heiligem Boden E-Book

Werner Steuber

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Beschreibung

Die Heeresgruppe "Jildirim" (Türkisch für "Blitz"), auch bekannt als Heeresgruppe F, war eine Einheit der Osmanischen Armee während des Ersten Weltkriegs. Obwohl den osmanischen Truppen zugehörig, umfasste sie auch das deutsche Asienkorps. Der erste Oberbefehlshaber war ab Juni 1917 der ehemalige preußische Kriegsminister und Generalstabschef Erich von Falkenhayn. Von Falkenhayn wurde am 25. Februar 1918 durch General der Kavallerie Otto Liman von Sanders abgelöst. Nach dem Waffenstillstand von Mudros am 30. Oktober 1918 übernahm Mustafa Kemal Atatürk das Kommando bis zur Auflösung der Einheit einige Tage später.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jildirim

 

Deutsche Streiter auf heiligem Boden

 

WERNER STEUBER

 

 

 

 

 

 

 

Jildirim, Werner Steuber

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783849680532

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

INHALT:

Vorwort des Herausgebers. 1

Vorwort des Reichsarchivs zur 2. Auflage.2

Einführung.4

Im Balkanzug nach Konstantinopel.7

Die Vorgeschichte von "Jildirim".9

Hemmungen und Vorbereitungen.22

Konstantinopel und Ausreise nach Aleppo.30

Aleppo.37

Das deutsche Asienkorps. Trostlose Ausblicke.51

Im Kraftwagen durch Syrien und Palästina.59

Jerusalem. Die dritte Schlacht von Gaza.88

Der Fall von Jerusalem. Nablus (Sichem).101

Nazareth –– Winter an der Front –– Galilea.115

Feinde ringsum? — Wechsel im Oberkommando. — Der neue Kurs.132

Der Ausgang des Ringens.142

Nachwort.150

Vorwort des Herausgebers

Sehr geehrter Leser,

wir, der Herausgeber dieses Buches, halten dieses Werk zur Geschichte des Ersten Weltkriegs, das lange Zeit nur kaum, schwer oder gar nicht erhältlich war, für unverzichtbar für das kulturelle Erbe Deutschlands und der Welt –– auch wenn Denkweisen, Ausdruck, Wortwahl und Schreibstil in aller Regel nie die Ansichten des Verlegers widerspiegeln.

Aus diesem Grund haben wir dieses Ihnen hier vorliegende Werk zusammengesetzt aus Scans des in den 1910er Jahren erschienen Originals –– eine spannende, aber auch sehr herausfordernde Aufgabe, da selbst den allerbesten Adleraugen der eine oder andere Druck- oder grammatikalische Fehler entgeht.

Deswegen geschätzter Leser, seien Sie nachsichtig, wenn Sie über etwas stolpern, das so ganz offensichtlich dort nicht hingehört. Teilen Sie uns auch gerne Ihre Funde mit, wir werden die entsprechenden Stellen schnellstens berichtigen.

In diesem Sinne, sehr viel Freude beim Lesen,

Ihr Jazzybee Verlag

(Jürgen Beck)

 

 

Vorwort des Reichsarchivs zur 2. Auflage.

 

Die in dem Vorwort zur 1. Auflage ausgesprochene Vermutung, dass das Bedürfnis nach Einzeldarstellungen von Schlachten wachsen werde, je mehr die Erinnerung verwische, und je mehr der zunehmende Abstand von dem gewaltigen Erleben Muße zu rückschauenden Betrachtungen bringe, hat sich als zutreffend erwiesen. Mit jedem seit dem Ende des Weltkrieges dahingegangenen Jahre hat die Schriftenfolge eine zunehmende Verbreitung gefunden, so dass heute die Herausgabe einer 2., alle bisher erschienenen Bände umfassenden Auflage, und zwar in einer gegenüber der 1. Auflage mehrfach gesteigerten Höhe, notwendig wird.

Das Reichsarchiv darf in der zunehmenden Verbreitung der Schriftenfolge den Beweis dafür erblicken, dass es einem Bedürfnis weiter Volkskreise entgegenkam, als es sich mit diesen Einzeldarstellungen das Ziel setzte, in historisch getreuer Wiedergabe den inneren Zusammenhang der gewaltigen Kämpfe vorzuführen, in denen das deutsche Volk in unvergesslicher Hingabe Blut und Leben eingesetzt hat. Das Bestreben, die Einzeltaten deutscher Männer vor Vergessenheit bewahren zu helfen und den Helden des Krieges ein Denkmal ihres Ringens und Sterbens zu setzen, hat überall Zustimmung und Unterstützung gefunden. Es war sogar möglich, vermittels einer mit gesammelten Geldmitteln errichteten "Bücherspende" zahlreiche Volks- und Schulbibliotheken mit den ersten 7 Bänden der Schriftenfolge kostenlos zu versorgen. Leider hat jedoch die Inflation vorzeitig dieses Werk zerstört, für dessen Unterstützung den Spendern auch hier gedankt sei.

In zahlreichen Besprechungen der Presse ist der Schriftenfolge ausnahmslos viel Anerkennung ausgesprochen worden. Einzelne der erschienenen Bände haben in ungewöhnlichem Maße Beifall gefunden. Trotzdem wird stets weitere Vervollkommnung der Darstellungen anzustreben sein. Eine Schlacht des Weltkrieges erschöpfend und klar zu schildern, hat sich, nicht zuletzt in Hinsicht auf die vielfach ungenügenden Unterlagen, als eine ungemein langwierige und mühsame Arbeit erwiesen. Die gesammelten Erfahrungen, wobei auch aus dem Leserkreis dankenswerte Anregungen kamen, werden nutzbar verwendet werden können. Auch ist zu hoffen, dass die einzelnen Bände zukünftig in schnellerer Folge erscheinen.

Nachdem nunmehr noch im Laufe dieses Jahres der erste Band des großen, zusammenhängenden Werkes des Reichsarchivs über den Weltkrieg herausgegeben werden kann, wird erstrebt, die Schriftenfolge "Schlachten des Weltkrieges" mit diesem Werk in eine ergänzende Beziehung zu bringen. Jenes zusammenhängende Werk wird sich in Hinsicht auf die Fülle des zu behandelnden Stoffes nur in sehr großen Zügen mit dem Verlauf der einzelnen Kampfhandlungen befassen können. Die Schlachtendarstellungen dieser Schriftenfolge sollen an dem großen dort gezeichneten Rahmen ansetzen und die Schilderung der Ereignisse bis in die letzten Einzelheiten fortführen.

Auch in Zukunft wird das nur möglich sein, wenn die Mitkämpfer auf Grund persönlicher Erinnerungen und Auszeichnungen die amtlichen Unterlagen des Reichsarchivs vervollständigen. Wie bisher wird die Schriftleitung (Abteilung 6, Archivrat Soldan) für jede in Arbeit genommene Schlachtendarstellung die Teilnehmer an den Kämpfen zur Mitarbeit auffordern. Das Reichsarchiv gibt sich der Hoffnung hin, dass diese Aufforderungen wie bisher von Erfolg begleitet sein werden.

All denen aber, die durch Hergabe von persönlichen Aufzeichnungen, durch Beantwortung von Fragebogen oder in mündlichem Gedankenaustausche unsere Arbeit unterstützten, sei herzlich gedankt. Bor allen anderen gebührt schließlich Dank den Schriftstellern und allen Offizieren, die ihre bewährte Kraft in den Dienst der Schriftenfolge stellten, indem sie hie historische Erforschung des Verlaufs einer Schlacht übernahmen.

Möge der Kreis dieser Mitarbeiter sich immer weiter ausdehnen! In Hinsicht auf die endlos lange Kette der Schlachten des Weltkrieges bleibt noch unendlich viel zu tun, damit hier, wie es bei Errichtung dieser Schriftenfolge ausgesprochen wurde, dem deutschen Volke lebendig entgegentritt, was es in vier langen, harten Kriegsjahren ertragen und geleistet hat, damit hier für kommende Geschlechter ein historisch getreues und möglichst vollkommenes Bild von der Größe und Härte unseres Verzweiflungskampfes entstehen kann.

 

Der Präsident des Reichsarchivs

v. Mertz.

 

 

Einführung.

 

Der vorliegende 4. Band der "Schlachten des Weltkrieges" fällt scheinbar aus dem Rahmen der Schriftfolge heraus, indem er nicht von einer einzelnen Schlacht erzählt, sondern die Ereignisse eines ganzen Kriegsschauplatzes vor dem Auge des Lesers entrollt. Die Eigenart eines Feldzuges im Orient, wo auch die Verhältnisse hinter der Kampffront ausschlaggebende Bedeutung erlangen, erforderten jedoch eine besondere Behandlung.

Jeder Krieg hier ist abhängig von einer gründlichen technischen und sanitären Vorbereitung. In der Erkenntnis und Beachtung dieses Grundsatzes liegt das Geheimnis englischer Kolonialerfolge. Er hm sich auch in Palästina bewahrheitet. Kein Heldentum, mag es noch so überwältigend sich äußern und die denkbar beste Truppe sein Träger sein, konnte in Palästina Erfolge zeitigen, wenn nicht der Techniker und der Arzt sorgsam vorgearbeitet hätten. Hinzu tritt hier aber auch die richtige Bewertung der Leistungsfähigkeit der Türkei, welche die Hauptmasse der Kämpfer zu stellen hatte. Und nicht zuletzt gewinnt die Frage Bedeutung, inwieweit es gelingen konnte, deutsche und türkische Männer in gemeinsamer Arbeit in einem rücksichtslosen Siegerwillen zu einigen. Kriegstagebücher und amtliche Unterlagen ähnlicher Art bieten dem der Ergründung dieser Verhältnisse nachgehenden Forscher recht unvollständige Unterlagen, zumal unter der Eigenart des Kriegsschauplatzes und der Entwickelung der Ereignisse die Führung der offiziellen Aufzeichnungen nur mangelhaft sein konnte, ein großer Teil auch noch in Verlust geraten ist.

Unter diesen Verhältnissen war es der Schriftleitung willkommen, als der Verfasser des vorliegenden Heftes, Herr Obergeneralarzt Dr. Steuber, sich bereit erklärte, seine persönlichen Tagebücher unter Hinzuziehung amtlicher Unterlagen des Reichsarchivs zu einer möglichst getreuen und umfassenden Darstellung auszugestalten. Die Schriftleitung verschloss sich, der Anregung folgend, nicht der Erkenntnis, dass eine so entstehende Arbeit noch keineswegs zu einem abschließenden historischen Urteil über die Ursachen führen kann, die jenen katastrophalen Ausammenbruch der Palästinafront zeitigten, dessen Bedeutung für den Ausgang des Weltkrieges heute vielfach noch unterschätzt wird. In dieser Hinsicht Licht und Schatten gerecht zu verteilen, wird weitgehender historischer Forschungstätigkeit vorbehalten bleiben müssen, der insbesondere auch türkische und englische Unterlagen zur Verfügung stehen.

Der Schriftleitung kam es hier vor allen Dingen darauf an zu zeigen, unter welchen Verhältnissen deutsche Truppen dort unten kämpften, was sie fern der Heimat erlebten und leisteten. Aus diesem Grunde wurde häufig auch an der das Erleben unmittelbar vermittelnden tagebuchartigen Darstellung festgehalten, die besondere Bedeutung erlangt, da sie von einem an maßgebender Stelle wirkenden Manne herrührt, der dank langjähriger Erfahrungen auf kolonialem Gebiete zu einem Urteile berufen erscheint.

Dr. Steuber war im Jahre 1890 mit Wißmann in Deutsch-Ostafrika gewesen und hatte in der Begleitung dieses Forschers als Offizier und Arzt an der Niederwerfung des großen Araber-Aufstandes teilgenommen. Drei Jahre lang wirkte er damals in der werdenden deutschen Kolonie, machte die Expedition Wißmanns nach dem Kilimanjaro und in andere Gegenden des Hinterlandes mit und war an der gesundheitlichen und militärischen Erschließung unserer schönsten Kolonie beteiligt. Dabei entwickelte sich ein koloniales Verständnis, das weit über den ärztlichen Rahmen hinausging. Nach kurzer Verwendung in der Heimat war Dr. Steuber dann von 1900—1902 Chefarzt von ganz Deutsch-Ostafrika und hatte als solcher die Leitung des gesamten militärischen und zivilen Sanitätswesens. 1902 wurde er, da die Pest von Indien her drohte, nach Britisch-Indien geschickt und bereiste zum Studium der Pestbekämpfung nahezu ganz Indien bis an den Himalaya und bis an die Grenzen von Tibet. Hier bot sich ihm Gelegenheit, das englische koloniale Heerwesen zu studieren und seine Erfahrungen über die Verwendung weißer Truppen in den Tropen zu ergänzen.

Zu Beginn des Weltkrieges zunächst als Armeearzt an der Westfront verwendet, trat Dr. Steuber bei Aufstellung der mit dem Decknamen "Jildirim" (d. h. Blitz) bezeichneten Heeresgruppe an die Seite des zum Oberbefehlshaber ernannten Generals v. Falkenhayn. Zu "Jildirim", das drei türkische Armeen in Syrien und Mesopotamien umfasste, gehörten auch die deutschen "Pascha"-Formationen und das "Asienkorps", mit welchem Deutschland nach dem Verlust von Bagdad der Türkei zu Hilfe kommen wollte. Von "Jildirim" während der türkischen Kommandozeit Falkenhayns spricht dieses Buch in erster Linie, es gibt aber gleichzeitig einen Überblick über die ganze Vorgeschichte des Unternehmens, ohne deren Kenntnis der Leser nur unvollkommen zu folgen vermöchte und zeigt den tragischen Ausgang des Kampfes in Palästina als eine natürliche Folge der Verhältnisse.

"Gewiss standen wir "Jildirim Leute", so schrieb General v. Falkenhayn jetzt an Dr. Steuber, "auf einem verlorenen Posten. Dass aber niemand, der zum Handeln berufen war, deshalb den Mut sinken ließ, dass jeder im Gegenteil alles daransetzte, trotz der widrigsten Umstände die Sache zu halten, wird den "Jildirim-Leuten" stets zum hohen Ruhme gereichen Und sie haben sie ja schließlich, obschon bei der Überlegenheit des Feindes mit knapper Not, gehalten. Wenn ich mich dieser Zeit erinnere, muss ich Ihrer und Ihrer Mitarbeiter Tätigkeit mit in erster Linie gedenken. Niemals hätten wir angesichts der Tücken und Gefahren des Klimas auf der einen Seite, dein Versagen des Nachschubs auf der anderen annähernd das leisten können, was geleistet ist, ohne Ihre geniale und aufopfernde Mitwirkung.

Ihnen im Namen des Vaterlandes auch an dieser Stelle dafür meinen aufrichtigsten Dank zu sagen, ist mir Bedürfnis." Dieser Dank erstreckt sich auf alle, die in treuer Pflichterfüllung an der Seite des türkischen Bundesgenossen fern der Heimat dort unten auf heiligem Boden unter unsagbar schwierigen Verhältnissen arbeiteten, kämpften, bluteten und starben.

Potsdam, im November 1921.

Die Schriftleitung beim Reichsarchivs.

Soldan, Archivrat.

 

 

Im Balkanzug nach Konstantinopel.

 

Wenn die Tür des Balkanzuges in Berlin auf dem Bahnhof Friedrichsstraße sich hinter dem Orientreisenden schließt, dann überkommt ihn ein Gefühl der behaglichen Ruhe und des Geborgenseins, ähnlich wie den Reisenden an Bord des den Hafen verlassenden Schiffes, sobald als letzte Verbindung mit dem Lande das Fallreep emporgezogen wird. Das ruhelose, nervenzehrende Hasten und Treiben versinkt hinter ihm, es ist ein köstliches Gefühl: "Nun ist dein freier Wille für die nächsten Tage ausgeschaltet; du brauchst keine Entschlüsse mehr zu fassen, bis Konstantinopel sorgt ein anderer für dich". Und das Ergebnis ist meist ein erquickender Schlaf, der auch die Sorge um die nächste dunkle Zukunft in ein Nichts versinken lässt.

Die heiße ungarische Morgensonne flutet am 30. August 1917 durch das geöffnete Fenster des Schlafwagens: sie spiegelt sich in der Sumpfniederung der Donau südlich von Budapest. Ungezählte Wasservögel bevölkern die weite Wasserfläche; im Hintergrunde dampft im Morgennebel die Puszta. Peterwardein, die alte trutzige Feste, und Carlowitz, die Brutstätte kroatisch-serbischer Verschwörungen, liegen hinter uns. Donnernd rollt der Balkanzug über die gewaltige Brücke der Save; die gelben Fluten decken die Gebeine ganzer österreichischer Kompanien, Opfer des Dezember 1914, als die Batterien der siegestrunkenen Serben von den Höhen des Kalimagdan die überladenen Pontons niederkartätschten. Die Rache folgte auf dem Fuße: die Feldherrnkunst eines Mackensen, die stürmende Tapferkeit deutscher Musketiere und Pioniere leistete das unmöglich Scheinende, die serbische Standarte verschwand dort oben; heute flattert auf dem alten Konak der Obrenowicz die schwarz-gelbe Fahne Österreichs im Morgenwind.

Und nun reiht sich Erinnerung an Erinnerung. Dort der Avala-Berg mit seinem alten Barbarossaturm, ein frisches Ruhmesblatt deutscher Truppen, die dort den mit Kreuzfahrerblut gedüngten Boden von neuem mit deutschem Blute netzten. Überall die Erinnerung an den deutschen Siegeszug durch Serbien im Jahre 1915. Cuprija wird erreicht, wo die Mörder des österreichischen Erzherzogspaares zu ihrer Blutarbeit abgerichtet wurden, von wo all das Elend ausging, das dieser Krieg der Menschheit brachte.

Nisch und Sofia. Bulgarische Kavallerieoffiziere, dandyhaft angezogen, die unvermeidliche Peitsche in der Hand, demi-mondäne Damen am Arm, machen sich, von "Knigges Umgang mit Menschen" noch nicht angekränkelt, auf dem Bahnsteig breit. Türkische weiß beturbante Hodjas geben dem osmanischen Gesandten Feti Bey das Geleit; die Nähe des Orients macht sich mehr und mehr bemerkbar.

Und wieder wird aus schwüler Nacht und kaltem Morgen ein neuer heißer Tag. Die weite Ebene Thrakiens nimmt uns auf mit ihren zahlreichen maulwurfsartig geformten künstlichen Erdhügeln, den Resten altrömischer Kriegskunst, die hier durch Fanale von Hügel zu Hügel ihre Fernnachrichten übermittelte. Eine deutsche Ordonnanz in türkischer Uniform händigt mir die "Garnisonvorschriften für Konstantinopel" aus, wohlparagraphiert. Der Dienst naht.

Jetzt biegt der Balkanzug scharf nach Süden ab, um die historische Tschadalscha-Linie zu überschreiten, an der einst der bulgarische Ansturm seine Grenze fand. Eine erfrischende Seebrise bläst aus dem überhitzten Wagen die Stickluft heraus. Und nun eröffnet sich dem spannenden Blick das Ziel der Sehnsucht des Abendländers. die Aussicht auf den wirklichen Orient. Einer sich entschleiernden Odaliske vergleichbar enthüllt sich Reiz auf Reiz: Das Marmara-Meer mit der Perlenkette seiner Schlösser und Serails, der tiefblaue Bosporus, drüben die Küste Kleinasiens, überragt von dem umwölkten Gipfel des bithynischen Olymp — Konstantinopel!

Unsagbar mächtig wirkt der zauberhafte Reiz der Stunde auf die durch lange Kriegsjahre mit Erz gepanzerte Seele und macht sie weich und empfindsam wie nie. Schlackengleich fällt das Erinnern an all das furchtbare Erleben des Krieges von deinem Innern, ein schmerzhaft seliges Gefühl raunt dir zu: Genieße den Augenblick, er ist ein Höhepunkt in deinem Leben, nie kehrt er wieder!

Nun schiebt sich der Balkanzug längs der zyklopischen Mauern des alten Byzanz, von denen eine Geschichte von zweitausend Jahren herabschaut, in den Bahnhof des alten Stambul ein. Wir sind am Ziel.

Das lärmende Chaos des unverfälschten orientalischen Straßenlebens, nimmt uns auf.

Ein neuer Abschnitt des Kriegslebens beginnt.

 

 

Die Vorgeschichte von "Jildirim".

 

Die Würfel waren gefallen, als "Göben" und "Breslau" am 30. Oktober 1914 einen Angriff russischer Seestreitkräfte auf dem Bosporus zuvorkamen und als "Sultan Jawuz" und "Midilli" unter der Flagge des osmanischen Halbmondes, aber mit deutscher Tatkraft, feindliche russische Schiffe im Schwarzen Meer versenkten und Sewastopol beschössen. Die Türkei war in den Weltkrieg eingetreten und hatte sich an die Seite ihres deutschen Verbündeten gestellt. Eine Unternehmung gegen den Suez-Kanal und gegen Ägypten, das heißt dorthin, wo die britische Weltherrschaft sterblich schien, zu richten, lag nahe. Die geistige Schwungkraft eines Enver Pascha hatte über entgegenstehende Bedenken und Vorschläge, die einen ersten machtvollen Schlag gegen Russland von der Küste des Schwarzen Meeres ausgeführt sehen wollten, gesiegt. Mitte November begannen die Vorbereitungen, um den Plan einer solchen Expedition in die Tat umzusetzen.

Das Ziel, welches der türkischen Obersten Heeresleitung vorschwebte, war weitausschauend, aber der Siegespreis beim Gelingen rechtfertigte den hohen Einsatz. Der Suez-Kanal ist in der Tat die Lebensader am Körper des britischen Imperiums, er ist die unmittelbare und kürzeste Verbindung zwischen dem Mutterland und seinen reichsten Kolonien. Wenn es der Türkei gelang, den Schiffsverkehr im Kanal, auch nur für längere Zeit, zu unterbinden, musste dies die weittragendsten Folgen für die beiden feindlichen Hauptmächte auf dem westlichen Kriegsschauplatz. England und Frankreich, haben. Auch die deutsche Heeresleitung konnte sich diesem Gedankengang nicht verschließen und begünstigte demzufolge alle darauf hinzielenden Unternehmungen.

Bereits im November erfolgte die Aufstellung einer neuen, der 4. Armee in Syrien unter dem Oberbefehl von Djemal Pascha, dem als Chef des Generalstabes der deutsche Oberst v. Frankenberg, zur Seite stand. Zur besonderen Verwendung war Oberst Freiherr v. Kreß mit sieben deutschen Offizieren beigegeben, denen die Vorarbeiten und die Leitung des Expeditionskorps gegen den Kanal als besondere Aufgabe gestellt wurde.

Zwischen dem Aufmarschgebiet in Südpalästina und dem Angriffsziel erstreckt sich in einer Breite von 150 km die Sinaiwüste, die von dem Expeditionskorps durchquert werden musste. Zum ersten Mal in der Geschichte unternahm eine geschlossene Truppe ein solches Wagnis, durch die Verhältnisse gezwungen, denn der bessere Karawanenweg von El Arisch längs der Küste, den in grauer Vorzeit ein Ramses, Kambyses, später Alexander der Große und noch im vorigen Jahrhundert Napoleon Von aparte einschlug, war diesmal ungangbar. Das meerbeherrschende England sperrte von seinen Schlachtschiffen aus den Küstenweg und glaubte sich dadurch hinreichend gesichert.

Oberst Frhr. v. Kreß leistete in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit das denkbar Mögliche. So wurden beispielsweise allein zum Zwecke der Wasserversorgung in der Wüste 5000 Kamele bereitgestellt.

Bewundernswert waren die Marschleistungen der Truppe, die in einer Stärke von rund 20 000 Mann Anfang Februar 1915 von Bir Sheba aus in fünf Tagemärschen ohne nennenswerte Verluste den Marsch durch die Wüste vollbrachte.

Trotz allem! Man kann sich dem nicht verschließen, dass die türkische und mit ihr die deutsche Oberste Heeresleitung die Schwierigkeiten eines solchen, in der Kriegsgeschichte einzig dastehenden Unternehmens und der rückwärtigen Verbindungen nicht genügend gewürdigt haben. Der von den in Kolonialkriegen geschulten Engländern stets festgehaltene Grundsatz, die Truppen in frischem, nach keiner Richtung hin geschwächtem Zustand an den Feind heranzubringen, konnte bei dem türkischen Expeditionskorps nicht durchgeführt werden. Der Erfolg des ganzen Unternehmens war unweigerlich an die Bedingung der Überraschung des Feindes gebunden. Wie aber sollte der Anmarsch der türkischen und arabischen Truppen wenigstens in seinem letzten Abschnitt dem Feind verborgen bleiben? Wie sollten sie, erschöpft vom langen Wüstenmarsch, im unmittelbaren Ansturm den in jeder Beziehung ungeschwächten Feind schlagen und den Kanal überwinden, der an jener Stelle südlich Ismailia 100 Meter Breite misst, unter feindlichem Feuer, das zudem sofort von den bereitliegenden englischen Kriegsschiffen und heraneilenden Panzerzügen aufgenommen wurde?

Trotz der übes alles Lob erhabenen Tapferkeit der türkischen Bataillone — ein Teil der arabischen Truppen ging sofort zum Feind über — und der einwandfreien taktischen Leitung des Vorstoßes durch Oberst Frhr. v. Kreß war das Misslingen des ganzen Unternehmens von vornherein besiegelt. Zwei türkische Kompanien, die bereits auf dem westlichen Ufer des Kanals standen, wurden, nachdem die Pontonbrücke durch feindliches Flankenfeuer zerstört war, gefangen. Das Gros des Expeditionskorps konnte sich geschickt und unter verhältnismäßig geringen Verlusten — von den deutschen Offizieren starb Hauptmann v. d. Hagen den Heldentod — vom Feinde loslösen und den Rückzug antreten.

Das erste Unternehmen gegen den Suez-Kanal war damit gescheitert. Das Ergebnis war für beide Parteien lehrreich. Auf türkischer Seite hatte man erkannt, dass den Vorbereitungen, dem Stärkeverhältnis der Truppen, besonders in ihrer technischen Zusammensetzung, und nicht zum wenigsten dem Ausbau der rückwärtigen Verbindungen in ganz anderem Umfange Rechnung getragen werden musste, wenn ein derartiges Unternehmen Erfolg haben sollte.

Den Engländern aber — und das war das Verhängnis für die Türken — ging zum ersten Mal die Erkenntnis auf. dass ihre bisherige Ansicht, die Sinaiwüste genüge allein, den Kanal gegen alle Angriffe von Osten zu schützen, irrig war. Nicht ohne Grund warteten sie auf einen zweiten, besser vorbereiteten feindlichen Angriff auf den Kanal, und mit echt englischer Gründlichkeit trafen sie entsprechende Vorkehrungen, deren Ziel aber nun nicht mehr die passive Verteidigung des Kanals, sondern ein aktives Vorstoßen gegen den Feind im Osten war. Die nächste Zukunft sollte zeigen, dass die englische Führung hiermit den einzig richtigen Weg eingeschlagen hatte, der im weiteren Verlauf den türkischen Besitz ganz Palästinas in Frage stellte.

Nach dem Misslingen dieses ersten Unternehmens zogen sich die türkischen Streitkräfte unter Zurücklassung schwächerer Vortruppen bei El Arisch unter Oberst Frhr. v. Kreß in die Linie Gaza—Bir Sheba zurück. Die sommerliche Hitze machte weitere Kriegshandlungen größeren Stils zunächst unmöglich. Der deutsche Oberst benutzte aber jede Gelegenheit, die Engländer nicht zur Ruhe kommen zu lassen: mehrfach gelang es einzelnen Patrouillen, bis zum Kanal vorzudringen und selbst Minen dort zu legen. Ein wirklicher Erfolg konnte naturgemäß hiermit nicht erzielt werden, vielmehr wurde hierdurch nur erreicht, dass die Aufmerksamkeit auf englischer Seite dauernd wachgehalten wurde.

Mittlerweile ließ es sich die türkische Heeresleitung, die den Kanal als Angriffsziel dauernd Im Auge behielt, angelegen sein, in großzügiger Weise die rückwärtigen Verbindungen des Operationsgebietes, in erster Linie die zuführenden Bahnlinien auszubauen. Wieder war es deutsche Zähigkeit und Ingenieurkunst, die allen Hindernissen zum Trotz, die aus der Natur des Landes, dem Mangel an Material und Arbeitskräften und nicht zum geringsten Teil aus dem aktiven und passiven Widerstand der türkischen Verwaltungsbehörden erwuchsen, ein Werk vollbrachte, das dauernd, auch über den Verlauf des Krieges hinaus, Zeugnis ablegen sollte für deutsche Tüchtigkeit. Meißner Pascha, schon seit langen Jahren in der Türkei tätig, gelang es, die Bahn Asule—Jerusalem, die im Herbst 1914 erst bis Sileh reichte, über eine Strecke von 450 km über Ramie—Bir Sheba—Hasir el Audscha in Richtung Kuseime bis zum Mai 1916 fertigzustellen. Es war eine Leistung, die nur derjenige voll würdigen kann, der Land und Leute und die zähbreiigen türkischen Widerstände an Ort und Stelle kennengelernt hat. Dass daneben der Ausbau brauchbarer Kraftfahrstraßen mit Erfolg fortgeführt wurde, bedeutete eine ebenbürtige technische Leistung. Hand in Hand hiermit ging die systematische Wassererschließung, wiederum unter deutscher Leitung des Regierungsbaumeisters Dr. Range und Baumeisters Dr. Schuhmacher, endlich die Anlage von Magazinen und Lazaretten längs der zuführenden Etappenstraßen. Mehr und mehr erkannte eben die türkische Heeresleitung, dass die eigenen Mittel und organisatorischen Fähigkeiten allein, ohne deutsche Hilfe, nicht ausreichend waren, um ein so großzügiges Unternehmen auch nur mit einiger Aussicht auf Erfolg einzuleiten und durchzuführen.

Der erste Misserfolg war nicht zum geringsten Teil aus dem Mangel an Fliegern, Maschinengewehren, schweren Batterien mit entsprechenden Kraftwagen-Kolonnen und Trains erwachsen. Nach wie vor hielt man aber daran fest, dass die Verhinderung oder wenigstens Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs auf dem Suez-Kanal für die gesamten Operationen auf dem Haupt-Kriegsschauplatz im Westen von allergrößter Bedeutung sei.

Die deutsche Heeresleitung hatte sich dementsprechend entschlossen, dem Ersuchen der Türkei Folge zu geben und stellte ein Expeditionskorps — Kennwort "Pascha" — zu diesem Zweck zur Verfügung. Anfang März 1916 trafen die Truppen in Süd-Palästina ein. Sie sollten, aus das Gesamt-Expeditionskorps verteilt, dessen Hauptstützen werden: neben einer geschlossenen Fliegerabteilung berücksichtigte die Zusammensetzung besonders Stämme und Material für acht Maschinengewehr-Kompanien. außerdem mehrere schwere Batterien und Minenwerfer. Flakzüge und zwei Feldlazarette. Österreich hatte sich durch Gestellung von zwei Gebirgsbatterien beteiligt. Die Gesamtstärke des Expeditionskorps betrug rund 16 000 Mann, also weniger als bei dem ersten Unternehmen.

Dafür war aber diesmal dem technischen Ausbau der Truppe erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt.

Wie leider alle mit türkischen Mitteln eingeleiteten Unternehmungen erfuhr auch dieses infolge der schlechten Transportverhältnisse eine unliebsame Verzögerung. Oberst Frhr. v. Kreß, der auch diese Expedition leitete, benutzte die Zeit des Wartens zu wiederholten kleinen Vorstöben gegen den Kanal. Ein etwas größeres Teilunternehmen im April 1916 brachte dank der ausgezeichneten Anlage und Durchführung einen vollen Erfolg. Ein ganzes englisches Kavallerie-Regiment wurde bei El Katja gefangengenommen. Andererseits trug aber dieser Sieg in verstärktem Maße dazu bei, die Engländer erneut auf die ihnen drohende Gefahr aufmerksam zu machen und zu einem stärkeren Ausbau ihrer Verteidigungsanlagen zu veranlassen.

Die nächsten heißen Sommermonate — man wartete sehnlichst auf die nach nicht eingetroffene schwere Artillerie — dienten der Aufklärung am Feinde. Diesmal stand die Fliegerabteilung 300 zur Verfügung; sie hatte ihren Flughafen von Bir Sheba nach El Arisch vorgelegt und hat in dieser Zeit unter Führung des Hauptmanns v. Heemskerck. umgeben von den Gefahren der Wüste, im dauernden Kampf mit Klima und einem überlegenen Gegner ganz Hervorragendes geleistet. Deutscher Fliegerschneid, der keine Gefahr kannte, deutsche Organisation und Disziplin fanden nicht nur bei den höheren türkischen Offizieren volle Anerkennung, sie zogen auch die nomadisierenden Beduinenscheichs, denen die Kunst des Fliegens als etwas ganz Neues und Unerhörtes erschien, in den Bann der Bewunderung. Unsere Flugzeuge drangen bis jenseits des Kanals vor, überflogen Kairo und die Pyramiden und suchten mit Erfolg, soweit ein solcher bei der geringen Stärke möglich war, durch Bombenabwurf die feindlichen Vorbereitungen zu stören.

Die moralische Wirkung dieser Angriffe war, wie durch Beduinen mitgeteilt wurde, auf die feindlichen sudanesischen und arabischen Soldaten gewaltig.

Das Ergebnis dieser Erkundungsflüge war allerdings nicht ermutigend. Man fand den Kanal an seiner Ostseite durch eine von Port Said bis Suez sich erstreckende Verteidigungsstellung geschützt, eine Vollbahn von Kantara rückte ihre Gleisspitze langsam aber sicher in Richtung auf El Katja vor. dauernder lebhafter Frachtverkehr auf dem Kanal deutete mit Sicherheit darauf hin. dass man fieberhaft an der Verteidigung des Kanals arbeitete. Auf eine Überraschung, wie sie dem ersten Unternehmen vor einem Jahre zugutegekommen war, durfte man auf türkischer Seite künftig nicht mehr rechnen.

Mitte Juli 1916. also in der heißesten Jahreszeit, die den Aufenthalt in der Sinaiwüste nicht nur für die deutschen und österreichisch-ungarischen, sondern auch für die türkischen Truppen zur Hölle machte, entschloss sich Oberst Frhr. v. Kreß, obgleich ein Teil der schweren Batterien, durch das Verkehrshindernis des Taurus und Amanus aufgehalten, noch nicht zur Stelle war, zum Vormarsch Richtung Kanal.

Auf den Entschluss des Führers wirkte nicht zuletzt die verzweifelte Verpflegungslage ein; die Magazine waren leer, der rückwärtige Nachschub des türkischen Verwaltungsdienstes versagte einmal wieder vollkommen.

Die Begleiterscheinungen blieben nicht aus, Typhus und Cholera fassten im Expeditionskorps Fuß, Desertionen der türkischen und arabischen Soldaten häuften sich.

Am 2. August stieß das Expeditionskorps 40 km östlich des Kanals auf den Feind, der in überlegener Stärke, wohlverpflegt und ausgeruht den Angriff im befestigten Lager von Romani erwartete. Der Ausgang der Schlacht konnte nicht zweifelhaft sein. Arabische Bataillone versagten, die ermüdete türkische Infanterie wurde von einer feindlichen Kavallerie-Division umfasst, nur mit Mühe und unter dem Schutz der Dunkelheit gelang es, in die Ausgangsstellungen zurückzukehren.

Auch das zweite Kanal-Unternehmen endigte also mit einem vollen Misserfolg, wie nach Lage der Dinge nicht anders zu erwarten gewesen war. Schrittweise und unter fortgesetzten Kämpfen zog sich das Expeditionskorps zurück, feine Hauptkräfte sammelten sich unter Zurücklassung kleiner Nachhuten in Bir Mezar, 35 km westlich von El Arisch. Kein Geschütz war verlorengegangen.

Unsagbar waren die Leiden und Strapazen, die hier inmitten des Grauens der Wüste, umschwärmt vom nachdrängenden Feind, fern vom Vaterland deutsche und österreichisch-ungarische Männer Schulter an Schulter mit dem still und klaglos dahinsinkenden anatolischen Soldaten erduldeten. Kaum eine Kunde ist während des Krieges bis zur Heimat gedrungen: mögen darum diese knappen Zeilen auch die Erinnerung neu erwecken an deutsches Heldentum dieser Männer vom Expeditionskorps "Pascha" in jenem fernen Erdteil.

Der Ausgang des zweiten misslungenen Kanal-Unternehmens stellt den Wendepunkt dar in den Kämpfen aus der Sinai-Halbinsel. War bisher die Türkei der Angreifer gewesen, so tritt sie diese Rolle nun an England ab. Langsam, systematisch aber unaufhaltsam, mit echt angelsächsischer Zähigkeit baut die englische Führung ihre Angriffslinien in Richtung Palästina aus. März 1917 hat die Bahn die türkisch-ägyptische Grenze bei Tell Rifah erreicht: in großzügiger Weise führt eine Wasserleitung filtriertes Nilwasser quer durch die Wüste zur Front, für Nachschub der Verpflegung und Munition sorgt der Schiffsverkehr auf dem Suez-Kanal. Lazarette und Erholungsheime im gesunden Klima Ägyptens sind bereit, die kranken und erschöpften englischen Soldaten aufzunehmen.

Angesichts solchen Reichtums der Hilfsmittel auf feindlicher Seite, zu denen die Not und der Mangel auf türkischer Seite, der Hunger und Durst bei Mensch und Tier. Krankheiten, schlechte Unterkunft und mangelhafte Ausrüstung im furchtbaren Gegensatz stehen, kann man den türkischen Truppen, die nunmehr in dem Räume Gaza — Tell Scheria — Bir Sheba am Ausgang des Gebirges von Süd-Palästina zum Entscheidungskampf sich sammelten, die höchste Anerkennung nicht versagen. Schon die nächsten Ereignisse des Frühjahrs 1917 sollten zeigen, dass die zähe Widerstandskraft der türkischen Truppen, verstärkt durch die technischen deutschen Hilfskräfte, unter der bewährten Führung des Obersten Frhr. v. Kreß, der mit unvergleichlicher persönlicher Spannkraft feine Soldaten immer von neuem mit sich riss. vorläufig noch nicht gebrochen war. Mit zielbewusster Energie gingen die Engländer weiter vor. Dauernd trafen Verstärkungen an der Front ein, die in dem Raum El Arisch—Chan Junis—Tell Rifah versammelt wurden. Auch die türkische Seite wurde im Lauf der nächsten Monate durch frische Truppen — 3. Kavallerie-Division. 16. und 53. Division — gestützt, zum Teil befanden sie sich aber Mitte März 1917 noch im Anmarsch.

Oberst Frhr. v. Kreß gewann in der zweiten Hälfte des März auf Grund von Fliegermeldungen die Überzeugung, dass ein Angriff der Engländer auf die von einem Detachement unter Major Tiller besetzte Stadt Gaza bevorstehe und verstärkte dementsprechend die Besatzung durch zwei österreichisch-ungarische Haubitz-Batterien.

Am 26. März setzte schlagartig unter Beteiligung englischer Kriege schisse von See aus der Infanterie-Angriff auf Gaza ein. Unter Benutzung starker Kavallerie und Panzerkraftwagen, die zwischen Gaza und Tell Scheda durchstießen, erfolgte ein von allen Seiten die Stadt umfassender Angriff. Nur den rasch entschlossenen Maßnahmen des Obersten Frhr. v. Kreß, dessen Hauptquartier in Bir Sheba sich befand, war es zuzuschreiben, dass mit größter Eile Teile der 3. und 16. Division von Norden eingreifend, den Feind in Flanke und Rücken fassten und den anfänglichen Sieg der Engländer in eine blutige Niederlage verwandelten.

Die erste Schlacht von Gaza war für die Türken gewonnen: die Stadt blieb fest in türkischer Hand, nicht zum geringsten Teil dank der aufopfernden Tapferkeit ihres Kommandanten, Major Tiller. Die Verluste der Engländer waren sehr bedeutend: 1500 tote Engländer wurden von den Türken auf dem Schlachtfelde beerdigt. Auch die türkischen Verluste waren nicht gering. Der Kommandant der österreichisch-ungarischen Haubitz-Batterie, Hauptmann Ritter v. Truczewski, und Leutnant Cordier zählten zu den Toten.

Am 18. April erneuten die Engländer ihren Angriff: es kam zur zweiten Schlacht bei Gaza. Auch sie endigte am Abend des Schlachttages mit einer sehr blutigen englischen Niederlage: die Engländer verloren nach türkischer Angabe an 10000 Mann: englische Gefangenen-Aussagen bestätigten diese Schätzung. Bezeichnend für die Gründlichkeit der englischen Vorbereitungen und die Solidität ihrer Anmarschstraßen war das Eingreifen von großen Tanks in den Gang der Schlacht. Das von den tiefeingeschnittenen Wadis (trockene steinige Flussbette) zerrissene Gelände bei Gaza war für sie jedoch nicht günstig: einen durchschlagenden Erfolg vermochten die Tanks nicht zu erzielen.

Mit der zweiten Gaza-Schlacht fanden bis auf weiteres die Kämpfe an der Sinaifront ihren Abschluss. Wie auf anderen Kriegsschauplätzen trat auch hier ein allmähliches Erstarren der beiderseitigen Fronten ein, der Stellungskrieg begann.

Die türkische Front lehnte sich mit dem rechten Flügel. Gaza im Bogen einschließend, an das Meer an und verlief, in der Hauptrichtung südöstlich sich haltend, bis Bir Sheba, das eine für sich gesonderte befestigte Stellung erhielt. Der Ausbau der türkischen Gräben, Unterstände und Drahthindernisse begegnete bei den immer schwieriger sich gestaltenden Zufuhrverhältnissen erheblichen Hemmnissen. Aus demselben Grunde stellte sich bald bedenkliche Munitionsknappheit ein, die umso empfindlicher und drückender war, als auf feindlicher Seite augenscheinlich Überfluss an Munition bestand und zu dauernden täglichen Verlusten bei den türkischen Truppen führte. Besonders hervorragendes Verdienst erwarb sich auch während des Stellungskrieges die Fliegerabteilung 300, die bis zum Herbst, das heißt dem Zeitpunkt, als aus englischer Seite ein erhebliches Zahlen-Übergewicht an Flugzeugen eintrat, die unbestrittene Herrschaft in der Luft festhielt.

Der Sommer 1917 verging ohne bedeutende kriegerische Ereignisse an der Palästinafront, doch war bei dem dauernden Nachschub an Truppen und Material auf englischer Seite eine langsame aber stetige Verschiebung des Kräfteverhältnisses zu Ungunsten der Türken unverkennbar.

Während der hier geschilderten Ereignisse an der Sinaifront war auf einem anderen Orient-Kriegsschauplatz, im Irak eine Wendung eingetreten, die in ihrer weiteren Entwicklung sehr bald auch eine mittelbare, darum aber umso fühlbarere Wirkung auf die Gestaltung der Verhältnisse an der Sinaifront ausüben sollte. Am 11. März 1917 war Bagdad von den Engländern besetzt worden. Im Lauf des Mais fasste die türkische Heeresleitung den Entschluss, das durch den Verlust Bagdads tödlich verletzte Prestige des Islams durch eine gewaltsame Rückeroberung der Hauptstadt Mesopotamiens wiederherzustellen. Man ging an die Aufstellung einer neuen, der türkischen 7. Armee. Dies musste ohne Frage bei den genügsam gekennzeichneten üblen Nachschubverhältnissen in der Türkei zu einer Schädigung der Versorgung der ohnehin nur schwer zu erreichenden Sinaifront, zu einer Lähmung der Kräfte aus diesem Kriegsschauplatz führen.

Bei der Beurteilung der operativen Handlungen und Ereignisse auf den einzelnen Oroient-Kriegsschauplätzen ist es deshalb notwendig, das Gesamtbild aller Fronten nicht aus den Augen zu verlieren. Bei der ohnehin dauernd zunehmenden Erschöpfung der Türkei war es eben unausbleiblich, dass eine gesteigerte Beteiligung auf dem einen ein Nachlassen der kriegerischen Leistungsfähigkeit aus den übrigen Schauplätzen zur Folge haben musste.

Die türkische Heeresleitung glaubte wohl mit umso geringeren Bedenken den Schwerpunkt ihrer operativen Tätigkeit auf die Euphratlinie mit dem Endziel der Wiedereroberung von Bagdad legen zu dürfen, als es in den letzten Monaten an der Palästinafront ruhig geworden war. Die rechte Flanke des Bagdad-Unternehmens erschien strategisch nicht gefährdet. Den von Oberst Frhr. v. Kreß in dieser Richtung geäußerten Bedenken und Warnungen wurde in Konstantinopel zunächst eine ernste Bedeutung nicht beigemessen. Es gelang vielmehr die deutsche Oberste Heeresleitung nach längeren Verhandlungen für den Plan einer Expedition gegen Bagdad zu gewinnen. Dem Drängen der verbündeten Türkei und den Forderungen der hohen Politik folgend, entschloss man sich in Deutschland, durch ein großzügiges Unternehmen dem osmanischen Bundesgenossen behilflich zu sein, das verlorengegangene Bagdad wiederzuerobern und die Engländer auf ihre Basis am Persischen Golf zurückzuwerfen. Erheblich größere welt- und handelspolitische Pläne konnten vielleicht nach der Gewinnung Bagdads erörtert werden. Jetzt galt es. England zu verhindern, sich den so heiß erstrebten Landweg Ägypten—Arabien—Indien zu erringen. Der erste Schritt von feiten Englands hierzu war bereits getan. Mekka mit der heiligen Kaaba befand sich seit Sommer 1916 in britischer Hand: als zweite und wichtigste Etappe war Bagdad anzusehen, das andererseits als Kopfstation der Bagdadbahn und Schlüssel zum Indischen Ozean für die weitausschauenden Ziele der mitteleuropäischen Weltpolitik unentbehrlich war.

Die deutsche Oberste Heeresleitung hotte die großen technischen Schwierigkeiten eines solchen militärischen Unternehmens sehr wohl klar erkannt, glaubte aber diese überwinden zu können und zu müssen.

"Schwierigkeiten gibt es nicht" — ein hartes Erziehungswort deutscher militärischer Friedensarbeit, ein Wort, das nicht zuletzt die deutsche Kriegführung zu beispiellosen Taten befähigte, das ober In seiner Auswirkunq schließlich auch an unserem Untergang mitgearbeitet hat! — Alle Vorteile für den zu erwartenden Kampf standen auf Seiten Englands. Es verfügte über das freie Meer und den nahezu bis Bagdad schiffbaren Schott el Arab und Tigris. Die rückwärtige Verbindung des Operationsheeres In Mesopotamien war als durchaus gesichert, das nahe Britisch-Indien eine unerschöpfbare Quelle klimatisch eingemahnter Menschen und an Kriegsmaterial. Bei ihrem ausgedehnten und gut arbeitenden Nachrichtendienst waren sie gegen Überraschungen gesichert, so dass auch der Plan des neuen türkischen Bagdad-Unternehmens ihnen nicht lange verborgen bleiben konnte. Eine ganz besondere Vereinfachung seiner Kampfführung fand England für diesen Kriegsschauplatz schließlich in seiner Einsamkeit. Sein Wille gebot hier allein, und all die Hemmnisse einer Koalitionskriegführung waren für England ausgeschaltet.