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GEISTERJÄGER VON GESPENST ERMORDET!
So titelte die SUN, Großbritanniens auflagenstärkste Boulevardzeitung. Damit war gottlob nicht ich gemeint, aber einige Zeit später sollte dieser Mord zu meinem Job werden. Ich begab mich nach Schottland, in das Dorf Claymore, in dessen Nähe sich ein altes Schloss befand. Und dort sollte es spuken. Und das Spukgespenst tötete angeblich all jene, die es wagten, nachts in das alte Gemäuer einzudringen. Daran glaubte ich nicht, das hielt ich für eine kindische Geistergeschichte. Doch dann traf ich die Würgerin von Claymore Castle.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Die Würgerin von Claymore Castle
Grüße aus der Gruft
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Henry Cardell
GEISTERJÄGER VON GESPENST ERMORDET!
So lautete die Schlagzeile der aktuellen Ausgabe der SUN, die mir Suko am Morgen auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er schien die Überschrift witzig zu finden. Ich war da anderer Meinung.
Trotzdem überflog ich den kurzen Artikel. Darin wurde von einem Hobby-Geisterjäger namens Nigel Billingsworth berichtet, den man vor zwei Tagen in einem schottischen Spukschloss tot aufgefunden hatte. Obwohl die Todesursache ein Herzinfarkt war, sah es das Boulevardblatt als eine Ironie des Schicksals, dass der Parawissenschaftler verstorben war, während er einem seiner ›Geister‹ nachgestellt hatte.
Ich erfuhr außerdem, dass der schrullige Billingsworth in gewissen Kreisen eine Art gefeiertes Phänomen gewesen war. Er hatte mehrere pseudowissenschaftliche Bücher und Artikel aus den Bereichen des Übersinnlichen veröffentlicht, doch ich selbst hatte noch nie von meinem ›Kollegen‹ gehört, weshalb ich die Zeitung kurzerhand in den Papierkorb beförderte.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich in naher Zukunft mit den Umständen von Billingsworths Tod konfrontiert werden würde ...
Das alte schottische Schloss mit dem archaischen Namen Claymore Castle mochte bereits am helllichten Tag einen beunruhigenden Anblick für manche Menschen bieten. Im düsteren Zwielicht der Dämmerung, umgeben von geisterhaften Nebelschwaden und lang gezogenen Schatten, wirkte es geradezu furchteinflößend. Das war zumindest die Auffassung des älteren Mannes, der in dieser frühen Abendstunde aus seinem halb verrosteten Pritschenwagen stieg, den er vor dem gewaltigen Torbogen des Anwesens geparkt hatte.
Der Mann verschloss die Tür des Wagens, schlug den Kragen des Arbeitsmantels hoch und versuchte, das klamme Gefühl beiseitezuschieben, das sich langsam in seiner Magengegend breitmachte. Das gelang ihm zu seinem Bedauern nur halbwegs.
Der Mann, den alle Bewohner des naheliegenden Dorfes Claymore nur ›den alten Murray‹ nannten, umrundete den Wagen und öffnete die hintere Klappe der Pritsche. Er ließ den Deckel einer Aluminiumkiste aufschnappen, die auf der Ladefläche festgezurrt war, und holte daraus einen dunklen Werkzeuggürtel aus verschlissenem Leder hervor. Er schnallte ihn um seine breite Hüfte und prüfte kurz den Sitz der verschiedenen Werkzeuge in den Halterungen.
Als er zufrieden war, fischte er einen kleineren Holzkasten aus dem Behälter, aus dessen Inneren das klirrende Geräusch von umherrutschenden Eisenketten und Vorhängeschlössern in unterschiedlichen Größen drang, und klemmte ihn unter die linke Achsel. Zu guter Letzt brachte er einen orangefarbenen Baustellenhelm zum Vorschein, den er sich auf den kurz geschorenen, grauen Haarschopf setzte, bevor er die daran befestigte Stirnlampe einschaltete.
Dann wandte er sich dem über und über mit Kletterrosen bewachsenen Torbogen zu und schritt entschlossen unter ihm hindurch auf Claymore Castle zu.
Der alte Murray hatte in den vergangenen Jahrzehnten so viel Zeit auf dem Gelände des Schlosses verbracht, dass er es wie seine Westentasche kannte. Trotzdem wollte das mulmige Gefühl nicht verschwinden. Im Gegenteil. Es wurde mit jedem Schritt unangenehmer. Dabei konnte er durchaus von sich behaupten, ein harter Brocken zu sein. Schließlich hatte er beinahe die Hälfte seines Lebens bei den Royal Marines als Soldat gedient. Während dieser Zeit hatte er in den frühen achtziger Jahren im Dienstgrad eines Sergeants bei einer kleinen Einheit in einigen Schlachten im Krieg um die Falkland-Inseln gekämpft.
Trotzdem spürte er, seit er vor einer knappen Stunde die Stadt verlassen und sich Meile für Meile Claymore Castle genähert hatte, eine eindeutige Art von Furcht in sich aufkeimen. Allerdings eine weit irrationalere und bedrückendere, als er sie je auf einem Schlachtfeld erlebt hatte.
Claymore Castle war ein kleines Schloss. Nicht so bullig und erdrückend wie die berühmten schottischen Burgen und Ruinen. Es ähnelte vielmehr einem verlassenen Herrenhaus, dessen einzige Besonderheit der schmale Turm mit dem spitzen Dach war, der sich an der rechten Flanke des Eingangsportals in die Höhe schraubte. Touristen hatten sich, seit der alte Murray denken konnte, noch nie hierher verirrt. Er war sich sogar sicher, dass es kein einziges Reisebüro auf der ganzen Welt gab, das von dem Gebäude wusste, um es irgendjemandem als Reiseziel anpreisen zu können.
Zudem strahlte es eine beklemmende Aura aus, die einem gestandenen Mann auch ohne den Leichenfund vor zwei Tagen an den Nerven zehren konnte.
Nachdem der alte Murray vor vielen Jahren aus gesundheitlichen Gründen ehrenhaft aus der Armee entlassen worden war, hatte ihm der damalige Bürgermeister, ein feiner Mann namens Brewster, angeboten, im Dorf als eine Art Mädchen für alles zu arbeiten. Diese Aufgabe beinhaltete neben kleineren und größeren Hausmeisterarbeiten im Rathaus, der Schule und anderen öffentlichen Gebäuden der Ortschaft eben auch die Tätigkeit als eine Art Schlossverwalter. Claymore Castle hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seit fast einem Jahrhundert leer gestanden, aber der Bürgermeister wollte es nicht verfallen lassen. Vielleicht konnte man mit dem alten Kasten ja doch noch irgendetwas anfangen.
Außerdem war hin und wieder durchaus eine gewisse Präsenz auf dem Gelände notwendig. So ein verlassenes Schloss war ein beliebter Anziehungspunkt für viele Dorfjugendliche, die sich gegenseitig ihre Tapferkeit beweisen wollten.
Kurzum, falls es einen Menschen im Umkreis von fünfzig Meilen gab, der absolut keine Angst vor dem Schloss haben musste, dann war das der alte Murray.
Und doch ...
Er konnte nicht festmachen, woher dieses flaue Gefühl im Magen rührte. Was er sicher wusste, war nur, dass sich am heutigen Abend eine unbegründete Angst in ihm festgesetzt hatte, für die er keine richtige Erklärung fand.
Er erreichte das Eingangsportal des Schlosses. Eine hohe, oben abgerundete Eichentür empfing ihn, die vermutlich vor langer Zeit reichhaltige und fein geschnitzte Verzierungen gezeigt hatte. Im Laufe der Jahre hatte die Witterung dem Holz schwer zugesetzt, und erhalten war nur eine graue, an einigen Stellen zersplitterte Fläche, auf der man die kunstvollen Details der Vergangenheit allenfalls noch erahnen konnte.
Der alte Murray stellte die Holzkiste mit den Schlössern und Ketten auf das Kopfsteinpflaster vor der Eingangstür ab, wobei er ein lautes Scheppern und Rasseln hervorrief, das ihn selbst zusammenzucken ließ. Danach schalt er sich einen Narren für den dummen Gedanken, dass er mit dem Krach irgendetwas im Inneren des Schlosses aufgeschreckt haben könnte.
Verwundert über sich selbst und die ungewohnt blühende Fantasie, die durch seinen Schädel wanderte, schüttelte er den Kopf und holte einen großen Schlüsselbund aus der rechten Manteltasche. Ein kurzer prüfender Blick, dann hatte er den passenden Schlüssel gefunden.
Vor langer Zeit hatte er eine Vorrichtung am steinernen Türrahmen angebracht, die es ihm erlaubte, den Eingang des Gebäudes mit einem Vorhängeschloss zu verriegeln. In dieses Schloss steckte er nun den Schlüssel und drehte ihn herum. Dann nahm er das Schloss in die Hand und beugte den Kopf nach vorn, damit er im Licht der Stirnlampe den Zustand prüfen konnte. Der Schlüssel hatte sich geschmeidig in der Schließvorrichtung herumgedreht, und abgesehen von einer dünnen Rostschicht auf dem Bügel schien es völlig in Ordnung zu sein.
Ein verrostetes oder defektes Bügelschloss war eine Einladung an jede Art von Eindringlingen, das wusste er nur zu gut, deshalb mussten solche Schwachstellen unverzüglich beseitigt werden.
Der alte Murray drehte das Schloss in der Hand. Es war in tadellosem Zustand. Wie, zur Hölle, war der Kerl, der vor einigen Tagen im Inneren des Gebäudes sein Leben verloren hatte, aber hier eingedrungen? Ohne Zweifel nicht durch das Eingangsportal, dessen war sich Murray nach der Kontrolle des Vorhängeschlosses sicher. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als auf seinem heutigen Rundgang jede Tür und jedes Fenster zu kontrollieren, um herauszufinden, an welcher Stelle sich der Spinner Zugang verschafft hatte.
Der alte Murray seufzte. Alles deutete darauf hin, dass seine spätabendliche Inspektion mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als er eingeplant hatte. Doch die Alternative wäre gewesen, daheim herumzusitzen, zum einhundertsten Mal einen alten BBC-Krimi anzusehen und seine Frau Martha dabei zu beobachten, wie sie sich mit Pralinen vollstopfte. Von daher war die Situation nicht allzu tragisch.
Mit einem Kopfschütteln blickte er noch einmal über die Schulter zurück. Die Sonne war vor wenigen Sekunden untergegangen, und so konnte er den Torbogen hinter sich in der Dunkelheit und dem Nebel nur schemenhaft ausmachen. Von seinem Pritschenwagen war nichts mehr zu sehen, die Schwärze hatte ihn bereits komplett verschluckt.
Der alte Murray nahm einen anderen Schlüssel, größer und altmodischer als der vorherige, und steckte ihn in das ursprüngliche dunkle Türschloss des Eichenportals.
Mit einiger Kraftanstrengung drehte er ihn herum, öffnete den Eingang und betrat Claymore Castle ...
Der alte Murray betrat die finstere Eingangshalle und spürte, noch bevor er die Tür hinter sich zurück ins Schloss gedrückt hatte, dass etwas nicht stimmte. Er blieb auf dem verstaubten Marmorboden stehen und ließ den Blick über die Umgebung schweifen.
Das Licht der Stirnlampe wanderte an Wänden entlang, die in einer anderen Zeit mit Ölgemälden und prächtigen Wandteppichen behangen gewesen waren, sich nun aber völlig kahl präsentierten. Es streifte über Ecken und Winkel, in denen einst kostbare und wuchtige Möbel gestanden hatten, an deren Stelle jedoch mittlerweile außer geisterhaften Spinnweben und Staubmäusen nichts mehr zu sehen war. Nur die gewaltige Treppe, die sich in einem weiten Bogen von der rechten Seite der Halle nach oben schwang und der von schimmeligen Tüchern verhängte Kronleuchter an der hohen Decke zeugten ein wenig von der Imposanz längst vergangener Tage.
Der alte Murray drehte den Kopf von links nach rechts, und die schmutzigen Fensterscheiben an der ihm gegenüberliegenden Seite des Raumes reflektierten den Schein seiner Lampe. Aber er konnte beim besten Willen nicht ausmachen, woher das Unbehagen kam, das sich erneut in ihm breit machte.
Dann aber merkte er plötzlich, was anders war als bei seinen Besuchen zuvor.
Es war der Geruch.
Sofort schoss ihm die Erinnerung an seinen längst verstorbenen Großvater durch den Kopf, wie er auf der Veranda gesessen hatte und seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen war.
Ja, es roch nach Pfeifenrauch!
Der alte Murray runzelte die Stirn. Das war allerdings mehr als merkwürdig.
Dennoch, es roch eindeutig nach süßem Pfeifenrauch.
Die erste Erklärung, die ihm in den Sinn kam, war die, dass möglicherweise der Arzt oder einer der Polizisten, die vor zwei Tagen die Leiche abgeholt hatten, Raucher gewesen waren. Aber das war natürlich Unsinn und höchst unwahrscheinlich. Die Männer hatten sich in jenem Augenblick alle im Dienst befunden, und der alte Murray konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass einer von ihnen währenddessen geraucht hatte, noch dazu Pfeife ...
Vielleicht waren Jugendliche hier eingedrungen, und einer von ihnen hatte eine Pfeife dabei. Ja, so musste es sein. Wahrscheinlich befanden sie sich auch noch im Haus.
Der alte Murray seufzte. Offenbar musste er seine heutige Überprüfung um die Suche nach der Ursache des ominösen Pfeifengeruchs erweitern.
Resigniert stellte er die Holzkiste auf dem Boden ab und überlegte kurz, ob er den Werkzeuggürtel ebenfalls dazulegen sollte, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Er entschied sich dagegen, klaubte stattdessen den Schlüsselbund aus der Manteltasche und drapierte ihn mit einem leisen Klirren auf dem Deckel der Kiste.
Dann trat er an den Fuß der Treppe und betrachtete den abgewetzten Teppich, der seit wer weiß wie vielen Jahrzehnten vor der ersten Stufe lag. Er mochte früher einmal bordeauxrot und prunkvoll gewesen sein, nach all der Zeit hatte er allerdings einen hässlichen Braunton angenommen. Der passte jedoch zum Rest des heruntergekommenen und ungepflegten Schlosses.
Die Gelenke des alten Murrays knackten, als er vor dem Teppich in die Hocke ging und mit der Hand fast zärtlich darüberstrich. Genau an dieser Stelle hatte man den leblosen Körper des armen Kerls aufgefunden. Auf dem Rücken liegend. Die Finger gekrümmt, als wollten sie sich mit Gewalt in den Boden krallen. Die Augen weit aufgerissen, den verdeckten Kronleuchter anstarrend.
Das war auch der Grund, warum der alte Murray zu so später Stunde hier war. Craig Howland, gegenwärtiger Amtsinhaber des Bürgermeisterpostens in Claymore, hatte ihn vor zwei Stunden angerufen und ihn angewiesen, das Gebäude so gut es ging zu verrammeln, damit es nicht noch ein Unglück gab und plötzlich Geistergeschichten im Dorf kursierten. Sämtliche Türen und Fenster sollten sicher verriegelt und die Schlösser auf Schäden geprüft werden. Jeglicher Umstand, dass das Gebäude von Unbefugten betreten werden konnte, musste seiner Auffassung nach so schnell wie möglich beseitigt werden.
Dass sich irgendwelche Leute Zutritt in das Schloss verschafften, hatte er jahrelang mehr oder weniger geduldet. Aber seit dem Tod des alten Mannes war er wohl der Meinung, er müsse vor seinen Wählern eine gewisse Entschlossenheit demonstrieren.
Offenbar war dieser Gedanke Howland erst heute am späten Nachmittag gekommen, und der alte Murray fand es etwas übertrieben, dass das alles noch an diesem Abend geschehen musste. Doch wer war er, dem Bürgermeister zu widersprechen.
Er wandte sich vom Fuß der Treppe ab, um endlich mit der Arbeit zu beginnen und sich um das dringlichere Problem des vermeintlichen Brandgeruchs zu kümmern, der nach wie vor in der Luft lag. Er versuchte, nicht mehr über die Leiche nachzudenken, was ihm jedoch ebenso wenig gelang wie das latente Angstgefühl abzuschütteln, das ihn immer noch im Griff hielt. Ständig schweiften seine Gedanken zu dem Toten ab.
Sein Name war Billingsworth gewesen, wenn sich der alte Murray richtig erinnerte, und er stammte aus London. Er war vor zehn Tagen in Begleitung einer jungen Frau im Dorf angekommen, und beide hatten sich in ›Wilma's Guest House‹, einer Pension, einquartiert, statt in dem kleinen Hotel, das zu Jimmys Pub gehörte. Was keine schlechte Wahl war, wie Murray fand. Wilma war für ihr herzliches Verhalten und ihr fabelhaftes Frühstück weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt.
Die junge Frau, die Billingsworth begleitet hatte, war nach dem Fund ihres toten Bekannten und einigen Stunden auf der Polizeiwache relativ zügig aus dem Dorf verschwunden. Vermutlich war sie auf dem schnellsten Weg nach London zurückgekehrt.
Im Dorf erzählte man sich, dass Billingsworth eine Art Geisterjäger gewesen war, der alberne Bücher über seine verrückten Theorien zu allerhand unsinnigem Spuk- und Gespenstergefasel veröffentlicht hatte. Zweifellos existierten auch über Claymore Castle mehr als genügend Geschichten dieser Art, die einen solchen Menschen dazu veranlassen konnten, einmal vor Ort zu erforschen, wie viel Wahrheit in den alten Legenden steckte.
Beispielsweise in der, welche von der Würgerin erzählte, die vor über vierhundert Jahren ihren Ehemann ermordet hatte und zur Strafe irgendwo im Gebäude eingemauert worden war. Selbstverständlich spukte sie seither, wie man es von einem anständigen britischen Geist erwarten konnte, im Schloss herum, auf der Suche nach neuen Opfern.
Es war mehr als logisch, dass diese oder eine ähnliche Story einen Mann wie Billingsworth dazu verleitete, nachts in das Gebäude einzudringen. Nur leider war der Grusel, den er bei seinem nächtlichen Herumwandern gesucht hatte, offenbar zu viel für sein schwaches Herz gewesen.
Der alte Murray verließ die Eingangshalle und betrat den Ostflügel des Gebäudes. Vor ihm lag ein kurzer Flur. Auf der rechten Seite befanden sich drei Türen, die er im Licht seiner LED-Stirnleuchte auch deutlich sehen konnte.
Er näherte sich der ersten, hinter der – wie er wusste – nichts weiter als die enge Wendeltreppe lag, die hoch zum Turm führte. Dort hielt er kurz inne und schnupperte am Schlüsselloch, stellte aber schnell fest, dass der Geruch nicht aus dieser Richtung kam.
Er schritt den Flur entlang, der dann nach links abknickte, wo weitere Zimmer lagen. Wenn ihn seine Nase nicht täuschte, kam das geheimnisvolle Pfeifenaroma eher von dort.
Der alte Murray blieb stehen, als er für einen Moment glaubte, ein Flüstern zu hören. Zuerst sagte er sich, dass es nichts weiter als ein Luftzug war, der von einem offen stehenden Fenster im Schloss herrührte. Dann jedoch wisperte der Windhauch seinen Namen, und ein eisiger Hauch streifte ihn und ließ ihn zittern.
Zugleich registrierte der alte Murray, dass sich der Pfeifengeruch derart verstärkte und so intensiv wurde, dass er ihm zusätzlich den Atem raubte. Und während er sich an die Brust fasste, erkannte er, dass der Flur vor ihm nicht länger in Dunkelheit lag. Ein heller, unnatürlich kühl wirkender Schein näherte sich dem alten Murray, der erneut das Flüstern hörte, das nun auch deutlicher zu vernehmen war und aus den finstersten Tiefen eines Grabes zu hallen schien.
»Bist du es?«, wisperte eine weibliche Stimme, die auf eine verstörende Art jung und doch so alt wie die Menschheit klang. »Sag es uns! Bist du es?«
Das merkwürdige Licht näherte sich, aber auf eine seltsame Weise hatte er das Gefühl, dass es nicht die nähere Umgebung beleuchtete. Dann wurde das Licht für einen Augenblick fast unerträglich hell.
Der alte Murray blinzelte. Unfähig, sich zu bewegen, versuchte er, das Schauspiel zu begreifen, das sich ihm bot.
In all dem unnatürlichen Lichtschein erkannte er nun die Umrisse einer menschlichen Gestalt, die ihm entgegenschwebte. Es war der Schemen einer Frau, die gleichzeitig wunderschön und dennoch schrecklich wie in seinen schlimmsten Albträumen aussah.
Für einen Moment, der dem alten Murray wie eine Ewigkeit erschien, standen sich die beiden gegenüber, und ein seltsames Gefühl von Vertrauen machte sich in ihm breit. Das Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, denn was er dort vor sich sah, war das ewige Leben.
Doch dann verzerrte sich das Gesicht der Geisterfrau zu einer boshaften Fratze, und die Stimme, die aus ihrer verrotteten Kehle drang, kreischte schrill und schmerzhaft in seinen Ohren: »Bist du derjenige, der uns bestohlen hat? BIST DU ES?«
Die Panik und der nackte Überlebenswille rissen den alten Murray aus seiner ohnmächtigen Starre. Er wirbelte herum, nahm die Beine in die Hand und rannte den Gang zurück, in die Richtung, aus der er gekommen war ...
