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Weihnachten steht vor der Tür, doch die besinnlichen Tage wird Butler Isaac Finley diesmal nicht in Battlecrease House bei seiner Dienstherrin Lady Mildred Enderby verbringen. Bridget, das Dienstmädchen von Lady Mildred, hat ihn über die Festtage in ihr Heimatdorf Coleshill eingeladen, und Isaac ist ganz hin und weg, ist er doch heimlich in Bridget verliebt. Doch in der Nacht, bevor Isaac in Coleshill ankommt, gibt es dort einen grausigen Todesfall. Eine ältere Dorfbewohnerin wird enthauptet. Und auf einmal macht wieder die alte Sage um den satanischen Sargmacher Charles Coffin die Runde, der Coleshill schon vor hundertfünfzig Jahren in Angst und Schrecken versetzte ...
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Wenn Weihnachten die Köpfe rollen
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Henry Cardell
22. Dezember
Gloria Danvers war ihrer eigenen bescheidenen Meinung nach die wichtigste Person des Zweihundert-Seelen-Ortes Coleshill. Sie war nicht nur die Gründerin des Kleintierzüchtervereins, Vorsitzende des Gartenbau-Komitees sowie unzähliger weiterer Organisationen, sondern vor allem und mit allergrößter Leidenschaft die Leiterin der örtlichen Theatergruppe. Kurz gesagt: Sie war im Dorf nicht weniger als eine Institution, und genau so und nicht anders wollte sie behandelt werden.
Doch nun stand in zwei Tagen die Premiere der diesjährigen Weihnachtsaufführung an, und alles drohte schiefzugehen. Bei den Eintrittskarten hatte sich ein wirklich peinlicher Druckfehler eingeschlichen, einer der Darsteller war angeblich krank geworden, und im Keller des Theatergebäudes hatte es offenbar einen Rohrbruch gegeben.
Und wer durfte den ganzen Schlamassel kurz vor den Feiertagen wieder in Ordnung bringen? Langsam, aber sicher drohte ihr der Geduldsfaden zu reißen.
Dass die gute Mrs Danvers an diesem Winterabend nicht nur die Geduld, sondern auch den Kopf verlieren sollte, ahnte sie zu jenem Zeitpunkt nicht ...
Es war an der Ecke von Connollys schäbigem Eisenwarenladen, als Gloria den unheimlichen Mann zum ersten Mal wahrnahm.
Fast hätte sie ihn übersehen, so sehr verschmolz seine dunkle Gestalt mit der Finsternis des kleinen Spielplatzes, auf dem er stand und sie wortlos beobachtete. Wäre da nicht die Reflexion eines Lichtscheins von einer weit entfernten Straßenlaterne gewesen, der sich für den Bruchteil einer Sekunde auf einem hohen Gegenstand spiegelte, den der Mann in Händen hielt, wäre Gloria in Gedanken versunken an ihm vorbeigelaufen.
Aber jetzt, da sie ihn bewusst wahrgenommen hatte, machte sie seine Anwesenheit auf eine nicht fassbare Weise nervös.
Natürlich wusste sie, dass ihre Beunruhigung unbegründet war. Coleshill war trotz der relativen Nähe zur Großstadt London, wo sich allerlei Gesindel herumtrieb, wahrscheinlich der sicherste Ort im südlichen Buckinghamshire. Wenn nicht sogar in der gesamten Grafschaft.
Seit Glorias Geburt vor dreiundsechzig Jahren lebte sie ohne eine einzige Unterbrechung in dem idyllischen Dorf, und das Schlimmste, was in dieser Zeit je passiert war, hatte 1986 stattgefunden. Damals hatte ein verwirrter Landstreicher dem alten Mel Bonney eines seiner Schafe gestohlen und es zum Entsetzen aller Dorfbewohner an seinem Lagerfeuer im Wald verspeist.
Ansonsten gingen die Konflikte unter den Einwohnern selten über die Ausmaße eines üblichen Nachbarschaftsstreits hinaus. Daher gab es, zumindest vom logischen Ansatz her, nicht den geringsten Anlass, besorgt zu sein.
Dass sie es trotzdem war, verwunderte sie allerdings nicht weiter, denn ihre Nervosität passte perfekt zu dem verkorksten Tag, der hinter ihr lag.
Der hatte bereits mit einem äußerst diesigen Dezemberwetter seinen Anfang genommen, das Gloria am Morgen durch das Fenster ihres Schlafzimmers traurig begrüßt hatte. Das lustlose Wetter hatte die nächsten trüben Stunden dominiert und erstickte mit seiner Kälte und Farblosigkeit jegliche gute Laune schon im Keim.
Die fahle Wintersonne hatte es den restlichen Tag über kein einziges Mal für nötig befunden, sich den Menschen zu zeigen. Stattdessen hatte sie sich stoisch hinter einer breiten Front tiefhängender Wolken versteckt, als hätte sie etwas zu verbergen.
Allerdings hatte es an diesem Morgen auch einen kurzen Lichtblick gegeben. Als Gloria am Morgen mit ihrem Ehemann am Frühstückstisch gesessen und in den Garten geblickt hatte, hatte sie ihm beiläufig über seine Zeitung hinweg zugeraunt, dass es heute Schnee geben würde. Raymond hatte nur verächtlich geschnaubt und irgendetwas davon gemurmelt, dass es in Coleshill schon seit Jahren nicht mehr geschneit hatte und er sich nicht vorstellen könne, dass der Wettergott ausgerechnet an diesem Tag eine Ausnahme machte.
Ganz bestimmt nicht, my dear!, waren seine hochnäsigen Worte gewesen, deren abfällige Betonung sie beinahe zur Weißglut getrieben hatte. Als dann eine halbe Stunde später die ersten dicken Flocken vom Himmel fielen, konnte sich Gloria ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen.
Mit diesem Grinsen hatte sie ihren Gatten so lange gequält, bis er kapituliert und den Rückzug ins Red Lion angetreten hatte.
Ihrer Genugtuung hatte sein eingeschnapptes Verhalten keinen Abbruch getan. War es ihre Schuld, dass sie in den meisten Fällen mit ihren Voraussagen recht behielt? Wenn der alte Tattergreis ein Problem damit hatte, sollte er sich doch eine andere suchen, die so dumm war, sich mit ihm abzugeben. Er konnte froh sein, dass sich eine so wichtige und bedeutende Persönlichkeit wie Gloria überhaupt mit ihm abgab.
Aber in dieser Hinsicht war er genauso stur wie der Rest der Einwohner von Coleshill, die alle neidisch auf ihren Einfluss im Ort waren und nicht müde wurden, sie das bei jeder Gelegenheit deutlich spüren zu lassen.
Die gute Laune aufgrund ihrer eingetroffenen Wettervorhersage und des erfolgreichen Verscheuchens ihres Ehemanns in seinen geliebten Pub währte leider nur kurz. Der panische Anruf von Walter, der sich eine Stunde später bei ihr meldete, um sie mit der Hiobsbotschaft des Wasserschadens im Theater zu beglücken, war nur der erste Hammerschlag auf ihre Mauer des Optimismus gewesen.
Kurz darauf folgte schon die Nachricht von Doris Hayworth, die Gloria am Telefon hysterisch gackernd auf den Druckfehler der Eintrittskarten hingewiesen hatte. Anstatt des korrekten Titels des Stücks »CHARLES DICKENS: EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE« war dort in großen Buchstaben CHARLES FICKENS zu lesen.
Einen so obszönen Fauxpas würde garantiert niemand im Dorf überlesen.
Den krönenden Abschluss dieser Reihe von Schreckensnachrichten bildete der Auftritt von Terry Whithams Ehefrau. Die stand plötzlich und unangekündigt vor Glorias Haustür und berichtete ihr mit nervösem Blick, dass ihr Schwachkopf-Gatte angeblich mit Grippe und hohem Fieber im Bett lag. Es täte ihm unendlich leid, aber er sei gezwungen, seine Teilnahme an dem Theaterstück, auf das er sich doch so gefreut hatte, abzusagen.
Bei dem Gedanken daran bemerkte Gloria, wie ihr linkes Augenlid vor Wut zuckte. Terry hatte in dem Stück zwar nur eine Nebenrolle, aber die war nicht unwichtig, und es war nahezu unmöglich, in der kurzen Zeit bis zur Aufführung einen Ersatz aufzutreiben.
Zwar war Gloria durchaus bereit, sich im schlimmsten Fall selbst auf die Bühne zu stellen, aber eine optimale Lösung war das nicht. Was würde die Lokalpresse schreiben, wenn sich die Leiterin der Coleshill Players höchstpersönlich herabließ, sich in ein albernes Kostüm zu zwängen, um mit all den anderen Trotteln auf der Bühne zu stehen?
All diese unvorhergesehenen Probleme, die im Laufe des Tages aufgetaucht waren, hatten in Verbindung mit dem ungemütlichen Wetter dafür gesorgt, dass sich Gloria Danvers' Laune bis ins Bodenlose verschlechterte.
Als sie nun mit einer riesigen Wut im Bauch durch die schmalen Straßen von Coleshill stapfte, war die Sonne seit zwei Stunden untergegangen. Und mit ihr zusammen war der Schneefall von einer Sekunde auf die andere verschwunden. Doch er hatte eine fingerdicke weiße Schicht zurückgelassen, die sich überall, von der Straße bis hinauf zu den Hausdächern, wie glitzernder Puderzucker verteilte.
Auch wenn Gloria wusste, dass die weiße Pracht aller Wahrscheinlichkeit nach bis Weihnachten wieder verschwunden sein oder sich zumindest in schmutzigen Matsch verwandeln würde, gab ihr dieses kurze Aufflackern von Wintergefühlen ein Stück Trost. Sie musste zugeben, dass der in diesen Breitengraden so ungewohnte Schnee ihre Weihnachtsstimmung, die in diesem Jahr so lange auf sich hatte warten lassen, ein wenig angefeuert hatte. Trotz der eisigen Temperaturen, die er mit sich brachte und die Gloria eine Spur frostiger vorkamen, als sie gerade eben den Umriss des großen Mannes auf dem Spielplatz entdeckt hatte.
Bevor sie von der Tower Road auf die Village Road abbog, an deren Ende sich das kleine Theatergebäude befand, warf sie noch einen vorsichtigen Blick über die Schulter. Der Mann stand nach wie vor wie eine grausige Vogelscheuche zwischen den Spielgeräten und blickte bewegungslos in ihre Richtung.
Viele Details konnte Gloria in dem kurzen Moment, in dem sie ihn möglichst unauffällig betrachtete, nicht erkennen. Er war zweifellos groß, mindestens sechseinhalb Fuß, schätzte sie. Allerdings musste sie zugeben, dass der hohe Hut, der auf seinem Schädel saß, den Eindruck ein wenig verzerrte.
Die Kopfbedeckung sah aus wie ein altmodischer Zylinder, was aber unmöglich sein konnte. Gloria hatte außer bei einem Pferderennen in Cheltenham, zu dem sie ihr Vater vor vielen Jahren einmal mitgenommen hatte, noch nie einen Mann gesehen, der einen Zylinder trug.
Natürlich gehörte ein solcher Hut zur Standardausstattung der männlichen Schauspieler in ihrem bevorstehenden Theaterstück, das im 19. Jahrhundert spielte. Aber eine beunruhigende Stimme in Glorias Innerem glaubte nicht daran, dass der Mann, der dort regungslos in der Dunkelheit stand, ein Kostüm anhatte, so bizarr sein Erscheinungsbild auch sein mochte.
Soweit sie es erkannte, war er in einen langen, dunklen, irgendwie schwer aussehenden Mantel gekleidet, der ihm bis zu den Fußknöcheln reichte und genau wie der Zylinder völlig aus der Zeit gefallen schien. Doch bemerkenswerter als seine merkwürdige Kleidung war die große Schaufel, die er mit behandschuhten Händen umklammert hielt und deren breites Blatt im Schein der Straßenlaterne seltsam funkelte.
Wer, zum Teufel, war er? Das Gesicht des Mannes war auf die relativ weite Entfernung nicht deutlich genug zu erkennen, um es mit dem eines der Einwohner von Coleshill in Verbindung zu bringen. Abgesehen davon war es vollständig von einem breiten Schatten bedeckt, den die Krempe des Zylinders auf das Antlitz des Mannes warf.
Es konnte sich bei ihm natürlich nur um einen engagierten Mitbürger handeln, der sich an diesem Abend die Mühe machte, den Bürgersteig vor dem Spielplatz vom Schnee zu befreien und Salz zu streuen. Aber dieser naheliegende Gedanke, dass jemand um diese späte Stunde etwas so Selbstloses tun könnte, kam Gloria Danvers nicht in den Sinn. Stattdessen überlegte sie, ob sie nach den Feiertagen eine Art Nachbarschaftswache organisieren sollte, die sich darum kümmerte, solch herumstreunendes fremdes Gesindel aus dem Dorf zu verscheuchen.
Sie rückte ihre extravagante, riesige Brille zurecht, rümpfte die Nase und zog den pelzbesetzten Kragen ihres Wintermantels fester um sich. Dann bog sie schnell um die nächste Straßenecke und verlor den unheimlich aussehenden Mann endlich aus dem Blick ...
Glorias Freude währte allerdings nur kurz, weil sie nun auf einem Grundstück vor sich die Gestalt einer weiteren Person erkannte. Deren Erscheinung erfüllte sie zwar nicht mit der unbewussten Furcht, die der Zylinderträger bei ihr hinterlassen hatte, aber glücklich war sie über diese zweite Begegnung am heutigen Abend auch nicht. Selbst wenn sie zugeben musste, dass der Anblick von Harold Dudgeon, dessen Umrisse sie direkt vor sich identifizierte, sie ein wenig entspannte. Es war ein erleichtertes Gefühl, zu wissen, dass sie bei der Dunkelheit nicht allein im Ort unterwegs war.
Allerdings war Dudgeon ein verhutzeltes, ständig dämlich vor sich hin grinsendes kleines Männchen, das ihr gehörig auf den Geist ging. Sie konnte rein gar nichts an ihm ausstehen. Wie er lebte, wie er redete, wie er aussah ...
Wäre er nicht so verdammt untalentiert gewesen, hätte er ohne Maske oder viel Make-up die Hauptrolle des Ebenezer Scrooge in ihrem Theaterstück spielen können. Aber da ihm eine schauspielerische oder jegliche andere Begabung völlig fehlte, war mit ihm nichts weiter anzufangen. Es war kein Wunder, dass er sein Lebtag Junggeselle geblieben war, dachte Gloria verächtlich und rümpfte erneut die Nase.
»Guten Abend, Harold«, grüßte sie ihn widerwillig und bemerkte schadenfroh, wie er bei ihren Worten vor Schreck ein wenig zusammenzuckte.
Dudgeon war offenbar damit beschäftigt, sein heruntergekommenes Haus mitsamt dem winzigen Grundstück weihnachtlich zu schmücken. Es sah ihm verdammt ähnlich, dass er mit dieser wichtigen Arbeit, die der Rest des Dorfes längst erledigt hatte, erst kurz vor dem Weihnachtsfest anfing.
Dudgeon stand gebückt auf dem Gehweg und wickelte eine geschmacklose Lichterkette um einen Pfosten seines Holzzauns, der dringend eine neue Farbschicht nötig gehabt hätte. Entsetzt stellte Gloria fest, dass der Hosenbund des alten Mannes weit über seinen verlängerten Rücken hinabgerutscht war und ihr einen haarigen Anblick bot, auf den sie nur zu gern verzichtet hätte.
»Gloria«, erwiderte er ihren Gruß knapp, drückte sich mit lautem Ächzen und knackenden Knien in die Höhe und klopfte sich einen Rest Schnee von seiner schmutzigen Hose. »Was treibt dich denn zu so später Stunde hinaus in die Kälte?«
Gloria verzog das Gesicht. Es wäre ihr lieber gewesen, wenn er sie mit Mrs Danvers angesprochen hätte, aber was wollte man von einem Hinterwäldler wie ihm schon erwarten.
»Ich bin auf dem Weg zum Theater«, sagte sie frostig. »Dort muss ich ein paar sehr dringende und wichtige Dinge erledigen.«
Weitere Details ersparte sie ihm wohlweislich. Harold Dudgeon war im Ort zu unwichtig, um zu begreifen, um wie viele Tätigkeiten sich eine hochrangige Frau wie sie zu kümmern hatte.
»Ich verstehe«, murmelte er, obwohl sie sich sicher war, dass er gar nichts verstand.
Sie wollte sich abwenden und wortlos an ihm vorbeigehen, als ihr in seinem Garten etwas auffiel, das ihr Blut in Wallung brachte.
»Was, zur Hölle, soll das bitte schön darstellen, Harold?«
Sie deutete mit der rechten Hand entsetzt auf eine beleuchtete, hässlich grüne Plastikfigur, die mitten in seinem Vorgarten stand. Das Ding sah aus wie ein scheußlicher Troll mit gelben Augen und schien sie fies anzugrinsen.
»Das da?«, wiederholte Dudgeon gewollt überrascht und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Das ist der Grinch. Eine Figur aus einem amerikanischen Kinderbuch. Er hasst Weihnachten und will es daher allen verderben. Die Kinder stehen da total drauf, weißt du?«
»Um Himmels willen«, hauchte Gloria und musste sich zusammenreißen, nicht die Hände vor ihr Gesicht zu schlagen. »Was stimmt nur mit unserem Nachwuchs nicht? Was spricht denn in dieser besinnlichen Zeit gegen ein paar Engel, Schneemänner oder meinetwegen Father Frost? Aber das da ...!« Fassungslos fuchtelte sie mit ihrer Hand in die Richtung des grässlichen Dings. »Kannst du ihn nicht irgendwo verstecken, wo man ihn nicht sofort von der Straße aus sieht?«
Ein schmutziges Grinsen breitete sich auf Harold Dudgeons Gesicht aus, während er langsam die Arme verschränkte.
»Nun«, sagte er mit einem süffisanten Unterton in der Stimme, der Gloria gar nicht gefiel, »mir würde da spontan eine Stelle einfallen, an der ihn garantiert niemand so schnell entdecken würde.«
Er gab ein schmutziges Kichern von sich, drehte ihr provozierend den Rücken zu und machte sich wieder an seiner Weihnachtsbeleuchtung zu schaffen.
Empört schnappte Gloria zweimal nach Luft und stapfte dann ohne ein weiteres Wort an dem alten Mann vorbei. Ihre Wangen glühten vor Zorn. Was bildete sich dieser ungehobelte Flegel eigentlich ein? Wenn Raymond, ihr Ehemann, nicht so ein verdammter Schlappschwanz wäre, würde er diesem Trottel bei nächster Gelegenheit die Leviten lesen. Doch so, wie sie ihren Gatten kannte, war die Wahrscheinlichkeit größer, dass er sich auf Dudgeons Seite schlagen und gemeinsam mit ihm herumgackern würde.
Mit zitternden Lippen und geballten Fäusten lief sie weiter die Village Road entlang, an deren Ende sie nach einem endlos erscheinenden Marsch und ebenso endlosen Schimpftiraden aus ihrem Mund endlich das Theatergebäude erreichte.
Während ihre Gedanken zwischen den zahllosen Problemen, die sie beschäftigten, und dem Ärger über Dudgeons unflätige Bemerkung hin- und herschwankten, hatte sie den anderen Mann mit der dunklen Kleidung und der Schaufel in der Hand völlig vergessen ...
Das kleine Theater mit dem unspektakulären Namen The Coleshill Players Stage war ein schmales, weiß gestrichenes Gebäude, das sich genau zwischen Majories antiquarischem Buchladen und dem örtlichen Postamt befand, die beide um diese Uhrzeit längst geschlossen waren.
Die Schaufenster des Buchladens lagen in absoluter Dunkelheit, aber die Fassade des Postamts war mit einer einfarbigen Lichterkette geschmückt, die weitaus dezenter und geschmackvoller wirkte als Harold Dudgeons billige Kitschansammlung in seinem Vorgarten.
Für das Theatergebäude selbst hatte Gloria für dieses Jahr höchstpersönlich angeordnet, dass es verboten war, irgendeine Art von Weihnachtsschmuck dort anzubringen. Auf diese Weise wollte sie vermeiden, dass die Leute von dem großen Plakat abgelenkt wurden, das hell angestrahlt neben dem Eingang hing und bei dessen Entwurf sie wie beim Rest des Stücks federführend beteiligt gewesen war.
Das bunte handgemalte Bild zeigte die Hauptperson der Geschichte, den alten Scrooge, wie er mit einer Laterne in der Hand durch das nächtliche verschneite London schlich, verfolgt von den drei Geistern, die ihm in dieser Nacht erschienen waren.
Das Plakat stammte von einer bekannten Künstlerin aus Maidenhead, die Gloria höchstpersönlich mit diesem Meisterwerk beauftragt hatte. Die Anfertigung jenes Prachtstücks hatte zwar einen beachtlichen Teil des Budgets für die Aufführung verschlungen, aber nach Glorias Meinung war es jeden einzelnen Penny wert. Die Menschen aus der Stadt hatten eben ein viel besseres Gespür dafür, was Kunst und Qualität ausmachte. Im Gegensatz zu den einfältigen Bewohnern von Coleshill.
Sie blieb vor dem Schaukasten, in dem das Bild aufgehängt war, stehen und rubbelte mit dem Finger ärgerlich einen winzigen Schmutzfleck vom Glas. Dann trat sie einen Schritt zurück und betrachtete nicht ohne gewissen Stolz das Plakat. Vor allem die verschlungenen Buchstaben, die darauf prangten, hatten es ihr angetan. Elegant verkündeten sie in gelber Farbe: GLORIA DANVERS & DIE COLESHILL PLAYERS PRÄSENTIEREN CHARLES DICKENS – EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE. Glücklicherweise mit der richtigen Schreibweise des berühmten Autorennamens.
Gloria seufzte, als sie missmutig an die fehlerhaften Eintrittskarten dachte. Verzweifelt überlegte sie, was sie in der kurzen Zeit bis zur Aufführung gegen diese Peinlichkeit unternehmen konnte. Und vor allem dachte sie darüber nach, wen sie für diesen zum Himmel schreienden Schlamassel zur Rechenschaft ziehen sollte.
Sie würde schon herauskriegen, wer dafür verantwortlich war. Und dann würden Köpfe rollen, so viel war sicher.
