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Als ich die Anstellung als Butler bei Lady Mildred Enderby begann, nahm ich mir fest vor, über alle unsere unheimlichen Fälle zu berichten. Schnell habe ich jedoch festgestellt, dass viele davon (so furchtbare Hintergründe sie auch manchmal haben) eher von belangloser Art sind. Hier ein relativ harmloser Geist, der gebannt werden muss, dort eine mühelos besiegte unnatürliche Kreatur, die ein Dorf terrorisiert hat ... Viele dieser Vorfälle haben schlichtweg nicht genug Potenzial, um ausführlicher darüber zu erzählen. Gemein ist ihnen jedoch allen, dass sie ausnahmslos zu einem glücklichen Ende führten. Etwas, das mich auf Dauer vielleicht allzu sehr in Sicherheit wog. Denn wäre ich nach den ersten erfolgreichen Abenteuern nicht so euphorisch und verblendet gewesen, hätte ich womöglich begriffen, dass das Glück nicht ewig auf unserer Seite bleiben konnte. Zwangsläufig erlebten wir eines Tages den hier beschilderten Fall, der mir gnadenlos vor Augen führte, dass man im Kampf gegen das Übersinnliche durchaus bereit sein musste, auch schwere Opfer zu bringen ...
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Ein Grab ohne Namen
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Henry Cardell
Als ich die Anstellung als Butler bei Lady Mildred Enderby begann, nahm ich mir fest vor, über alle unsere unheimlichen Fälle zu berichten. Schnell habe ich jedoch festgestellt, dass viele davon (so furchtbare Hintergründe sie auch manchmal haben) eher von belangloser Art sind. Hier ein relativ harmloser Geist, der gebannt werden muss, dort eine mühelos besiegte unnatürliche Kreatur, die ein Dorf terrorisiert hat ...
Viele dieser Vorfälle haben schlichtweg nicht genug Potenzial, um ausführlicher darüber zu erzählen. Gemein ist ihnen jedoch allen, dass sie ausnahmslos zu einem glücklichen Ende führten. Etwas, das mich auf Dauer vielleicht allzu sehr in Sicherheit wog. Denn wäre ich nach den ersten erfolgreichen Abenteuern nicht so euphorisch und verblendet gewesen, hätte ich womöglich begriffen, dass das Glück nicht ewig auf unserer Seite bleiben konnte.
Zwangsläufig erlebten wir eines Tages den hier geschilderten Fall, der mir gnadenlos vor Augen führte, dass man im Kampf gegen das Übersinnliche auch bereit sein muss,schwere Opfer zu bringen ...
Bericht aus der Zeitung NORWICH EVENING NEWS
vom 21. August 2025:
EIN TOTER BEI EXPLOSION EINES BLINDGÄNGERS
Ein Bauarbeiter tot und mehrere verletzt. Das ist die tragische Bilanz einer verheerenden Explosion in der Telegraph Lane East, Norwich. Bei Bauarbeiten stieß am Dienstagnachmittag ein Baggerfahrer mit seinem Fahrzeug auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Laut einem Polizeisprecher war die Tausend-Pfund-Bombe in einem Betonblock versteckt, weshalb der Fahrzeugführer keine Chance hatte, auf die tödliche Gefahr zu reagieren. Nach dem Krieg war es eine übliche Vorgehensweise, aufgefundene Blindgänger mit Beton zu übergießen, um sie einfacher abtransportieren zu können. Offenbar wurde dieser Abtransport niemals durchgeführt, und die Bombe lag jahrelang in dem kleinen Waldstück neben einem Wohngebiet versteckt. Dieser provisorische Umgang mit dem Sprengkörper wurde den Bauarbeitern nun zum Verhängnis.
Eine gewaltige Druckwelle hatte in einem Umkreis von mehreren hundert Yards Schäden angerichtet, die bislang nicht beziffert werden konnten. Unzählige Fensterscheiben, Fassaden und parkende Autos wurden zerstört. Keines der beschädigten Gebäude sei jedoch einsturzgefährdet. Bei der Detonation wurde ebenfalls ein nicht unerheblicher Teil der Gräber auf dem nahe liegenden Rosary Cemetery, der bereits seit 1819 existiert, in Mitleidenschaft gezogen. Der gesamte östliche Abschnitt des Friedhofs wurde von den Behörden auf unbestimmte Zeit für Besucher gesperrt.
Nach dem unerwarteten Tod seiner Ehefrau Katherine, die sich im letzten Sommer im Alter von achtundfünfzig Jahren bei einem Sturz vom Rücken ihres geliebten Pferdes Longacre den Hals gebrochen hatte, bestand die einzige Freude im Leben von Mr Edward Scaffold im täglichen Ritual des Afternoon-Teas.
Seit jenem furchtbaren Tag, an dem ihm das Schicksal nach vierzig Ehejahren das Liebste genommen hatte, was er trotz seines restlichen Reichtums je besessen hatte, war er in ständigem Kummer und bittersüßer Melancholie gefangen, was kaum zu ertragen war. Doch wie schon sein britischer Landsmann, der Dramatiker Arthur Wing Pinero (für dessen Komödien Edward, im Gegensatz zu seiner Gattin, nie viel übrig hatte), treffend bemerkte, gab es immer dort Hoffnung, wo es auch Tee gab. Und das stimmte durchaus, wie Edward Scaffold während seiner langen Trauer in den letzten zwölf Monaten festgestellt hatte.
Jeden Nachmittag, pünktlich um vier Uhr, betrat er, gekleidet in einen grünen Anzug aus Harris-Tweed, den großen Salon im Erdgeschoss seines Landhauses und bereitete sich für die Zeremonie vor. Es war eine lang gehegte britische Tradition, den Tee in diesem Raum zu sich zu nehmen, auch wenn er wusste, dass die heutzutage übliche Unart, dies lieber im Esszimmer zu erledigen, weit verbreitet war. Doch über so viel Ignoranz konnte er nur die Nase rümpfen. Der Afternoon-Tea war eine ernstzunehmende Angelegenheit, der man sich mit größter Sorgfalt widmen musste.
Edward genoss ausschließlich einen kräftigen schwarzen Darjeeling-Tee aus einer Plantage im indischen Golden Valley, nahe der Grenze zu Nepal. Das Tal war in einen ständigen Nebel gehüllt, weswegen die Teeblätter dort äußerst langsam wuchsen. Außerdem profitierten sie von den kalten Winden, die von den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas herabwehten.
Das spezielle Klima des Tals, das durchgehend aus warmen Tagen und kühlen Abenden bestand, war ein weiterer wichtiger Faktor für das intensive Aroma des Tees. Und die Besonderheit, dass die Ernte ausschließlich von Frauen durchgeführt wurde, die niemals mehr als zwei Blätter und genau eine Knospe pro Pflanzentrieb pflückten, war ein weiterer Beweis für die Liebe und Sorgfalt, die man dem Tee bei seiner Fertigung entgegenbrachte. Edward Scaffold war der festen Überzeugung, dass man nahezu verpflichtet war, dieser Mühe äußersten Respekt zu zollen.
Er hatte wenig (wenn nicht zu sagen absolut gar nichts) für jene Banausen übrig, die ihren Tee zwischen Tür und Angel aus einem Thermobecher tranken oder ihn – Gott bewahre – mit billigen Teebeuteln aufkochten. So viel Dummheit und Pietätlosigkeit war ihm zuwider, und er war froh, dass er zu der immer kleiner werdenden Gruppe echter englischer Gentlemen gehörte, die gewisse Traditionen noch zu schätzen wussten.
Edward trat an den niedrigen Teetisch heran, der direkt unter dem großen Erkerfenster mit den weißen Zierleisten stand. Von hier aus hatte er bei schönem Wetter einen herrlichen Ausblick auf seinen weitläufigen und üppigen Garten. Und selbst am heutigen Tag, an dem das typisch britische Regenwetter vorherrschte, bot die Aussicht eine nicht zu verleugnende Pracht.
Überall wuchsen farbenfrohe Blumen verschiedenster Arten, dominiert von Lupinen und den Rosen, die Katherine so geliebt hatte. Der dicht bewachsene Rasen aus Weidelgras war kurz geschoren und saftig grün, und über allem lag, selbst bei diesem nassen Wetter, der zarte Duft von Lavendel.
In der Mitte des Gartens befand sich ein großer Teich, in dem es früher einmal vor Goldfischen und Bitterlingen gewimmelt hatte. Seit Katherines Tod lebte darin allerdings nichts mehr.
Mit einem Seufzer nahm Edward das Milchkännchen vom Tisch und gab einen Schuss der weißen Flüssigkeit in die filigrane Teetasse mit dem Goldrand. Sie war wie der Rest des Services aus feinstem Royal Albert Porzellan gefertigt und verziert mit einem Blumenbouquet, das ebenfalls aus Rosen bestand.
Ebenso wie bei der restlichen Durchführung des Afternoon-Teas war die eingehaltene Reihenfolge bei der Zugabe von Milch und Tee von äußerster Wichtigkeit. Da der heiße Darjeeling mit der perfekten Temperatur von 89 Grad Celsius zubereitet wurde, konnte es durchaus passieren, dass er beim Eingießen das hauchzarte Porzellan der Tasse beschädigte. Daher ließ sich gar nicht erst darüber streiten, ob es richtig war, zuerst die kühle Milch einzufüllen.
Über die Proleten, die es andersherum praktizierten oder denen diese Kleinigkeit nicht einmal wichtig genug erschien, konnte Edward nur den Kopf schütteln. An die Primitivlinge, die überhaupt keine Milch zum Tee nahmen oder stattdessen Zucker, wollte er gar nicht denken.
Als Tee und Milch im perfekten Verhältnis gemischt waren und die Tasse dampfend vor ihm stand, ließ er den Blick über die krustenlosen Sandwiches gleiten, die daneben auf dem Tischchen lagen. Sie waren mit Räucherlachs und Frischkäse belegt, während seine geliebte Katherine immer Gurken und Kresse bevorzugt hatte. Das heißt, bevor sie der Reitunfall bei dieser verfluchten Fuchsjagd aus ihrem und seinem Leben gerissen hatte.
Edward spürte, wie die mittlerweile fast schon zur Vertrauten gewordene melancholische Stimmung über ihn hinwegströmte. Dieses eigenartige Gefühl von Sehnsucht, Trauer und den Erinnerungen an vergangene Tage verabscheute er zutiefst. Vierzig Jahre lang war er mit Katherine zwar nicht immer glücklich, aber auf eine stets fürsorgliche Art verheiratet gewesen. Bedauerlicherweise war ihre Ehe kinderlos geblieben, was das pragmatische Problem mit sich brachte, wem Edward all seinen Besitz einmal nach seinem eigenen Ableben hinterlassen sollte. Weder seine verstorbene Ehefrau noch er selbst besaßen nähere Verwandte, die für ein Erbe dieser Größenordnung infrage kämen. Vor vielen Jahren hatte er einmal von einem entfernten Cousin gehört, von dem er allerdings nicht wusste, ob er überhaupt noch lebte.
Die Anzahl der Mitglieder der Scaffold-Familie war wahrlich überschaubar, dachte er trübe.
War Edward einsam? Vermutlich ja, wahrscheinlich sogar ziemlich sicher, aber auch das ertrug er mit der stoischen Gelassenheit eines englischen Gentlemans. Jegliches festangestellte Personal in Form eines Butlers oder Dienstmädchens hatte er sich nie gegönnt. Er wusste natürlich, dass es genügend wohlhabende Familien im Land gab, die bevorzugt dem Adel angehörten und sich diesen beinahe schon nostalgischen Luxus zugestanden. Katherine und er hatten auf solche Annehmlichkeiten jedoch ihren Lebtag lang verzichtet und sie nie wirklich vermisst.
Selbstverständlich gab es da einen Gärtner, der in regelmäßigen Abständen im Landhaus vorbeischaute und sich um die arbeitsintensive Gartenanlage kümmerte. Und zweimal die Woche, jeden Dienstag und Freitag, bekam Edward Besuch von seiner resoluten Haushälterin, Mrs Petula, die Wäsche wusch, bügelte, sowie Staub wischte und putzte.
Jemanden einzustellen, der ihn bekochte, hatte er in den letzten Monaten nie für nötig gehalten. Seit Katherines Tod ernährte er sich ausschließlich von selbstbelegten Sandwiches, was seine Gattin mit Sicherheit nicht gutgeheißen hätte.
Eine ebenfalls eherne Tradition (zumindest, seit er sie vor einem Jahr aus der Taufe gehoben hatte) bestand darin, die Tasse mit dem heißen Tee zu erheben, dabei aus dem Fenster in Katherines geliebten Garten zu blicken und ihr zuzunicken. Ganz so, als würde sie immer noch mit ihrem albernen Sonnenhut auf einem Gartenstuhl sitzen und ihren geschätzten William Makepeace Thackeray lesen.
Als Edward Scaffold diese rührende Prozedur an jenem Nachmittag wie immer durchführen wollte, hielt er kurz inne. Irgendetwas dort draußen war anders, als er es üblicherweise gewohnt war.
Sein Blick wanderte unstet über die regnerische und diesige Umgebung, aber abgesehen vom bleifarbenen, wolkenverhangenen Himmel und dem Dunst, der zwischen den Erlen am anderen Ende des Gartens aufstieg, entdeckte er keine auffälligen Besonderheiten zum gewohnten Anblick.
Beinahe hätte er den kurzen Eindruck für ein Hirngespinst seines trauernden Verstandes gehalten und sich gelangweilt vom Fenster abgewandt, als er plötzlich doch bemerkte, an welcher Stelle im Garten die winzige Veränderung stattgefunden hatte: Es war im Teich.
Edward beugte sich vorsichtig über das Teetischchen und näherte sich mit der Nasenspitze der kühlen Scheibe des Erkerfensters. Gespannt starrte er hinaus auf das dunkelgrüne Wasser des Teichs und wartete darauf, dass sich das subtile Schauspiel wiederholte.
Und das tat es!
Zunächst war da nur eine kaum wahrnehmbare Schwingung auf der Oberfläche, die immer unruhiger wurde, je länger Edward sie beobachtete. Die erste Vermutung, die ihm durch den Kopf schoss, war die, dass es sich um die konzentrischen, kreisförmigen Wellen handelte, die die vom Himmel herabfallenden Regentropfen erzeugten. Da sich die Bewegung jedoch ausschließlich an einer einzigen Stelle im Zentrum des Gartenteichs abspielte, war das sicher auszuschließen.
Nach einer Minute formten sich allmählich kleine Strudel, die immer schneller hin- und herschwappten und schließlich sogar Blasen warfen. Wäre der Vergleich nicht so absurd gewesen, hätte Edward Scaffold steif und fest behauptet, dass das Wasser in der Mitte seines Gartenteiches dabei war, aufzukochen. Ein unterirdisches Gasleck kam ihm als Nächstes in den Sinn, aber diese Theorie war fast noch absurder.
Gerade, als er seine Teetasse zurückstellen wollte, um in den Garten zu laufen, passierte etwas viel Unglaublicheres, das ihm den Atem stocken ließ: Aus der Mitte des Teichs tauchten die Umrisse einer menschlichen Gestalt auf!
Edward blinzelte, weil er nicht glauben konnte, welches Schauspiel sich ihm da bot. Wie von einer unsichtbaren Plattform angehoben, schob sich aus dem sprudelnden Wasser eine aufrecht stehende Person in die Höhe. Sie war so schrecklich und grauenvoll anzusehen, dass dem sonst so beherrschten Gentleman im grünen Tweed-Anzug ein Eisschauer über den Rücken rieselte.
Die erste Assoziation, die sein Unterbewusstsein mit einem ihm bekannten Bild verband, war die einer uralten Hexe. Die Frau trug ein schwarzes, zerfleddertes und auf eine merkwürdige Art altmodisch aussehendes Kleid. Daraus ragten dürre, weiße Arme, die in krallenartigen langen Fingern endeten.
Das allein war bereits so schlimm, dass es Edward an den Rand des Wahnsinns brachte. Doch das, was dafür sorgte, dass sich sein Verstand tatsächlich fast verabschiedete, war der Anblick des scheußlichen Gesichts der Frau.
Sie war nicht nur alt, sie sah aus, als wäre sie seit Jahrzehnten tot und soeben frisch aus ihrem feuchten Grab entstiegen. Auf dem bleichen Schädel mit der hohen Stirn, die fast bis zum Hinterkopf reichte, lagen lange strähnige Haare, dünn und grau wie Spinnweben. Der Mund war ein weit offen stehender, schwarzer Schlund, und ihr gesamtes Antlitz war wie von eingemeißelten Furchen und Falten durchzogen, die die Gesichtszüge auf bizarre Weise verzerrten.
Doch am furchtbarsten waren die Augen. Diese pupillenlosen Augen, die wie milchige Glaskugeln wirkten und dennoch gierig in Edwards Seele zu starren schienen.
Der Mann war zu gefangen von diesem unfassbaren Anblick, um das leise Klirren wahrzunehmen, das die Teetasse auf ihrem Teller wegen seiner zitternden Hand verursachte. Ihn erfasste die schreckliche Eingebung, dass es sich bei der grässlichen Gestalt im Teich um seine geliebte Katherine handelte, die aus ihrem kühlen Grab auferstanden war, um ihn zu sich zu holen.
Aber dieses Wesen, das dort draußen im Regen knapp über der Wasseroberfläche schwebte und ihn mit toten Augen fixierte, hatte rein gar nichts mit der zarten und lieblichen Gestalt seiner Ehefrau gemein.
Plötzlich durchzuckte eine abgehackte Bewegung den Körper der Hexe. Sie streckte ihren dünnen, rechten Arm nach vorn und deutete mit einem langen, knochigen Zeigefinger auf Edward. Einige Sekunden später drehte sie die Hand herum und krümmte den Finger mehrmals, als wolle sie ihn zu sich locken. Ihr Mund verzog sich zu einem boshaft verzerrten Lächeln, das direkt aus der Hölle zu kommen schien.
Jetzt endlich ließ Edward Scaffold die Teetasse fallen, die mit einem lauten Klirren auf dem Parkettboden aufschlug und in Dutzende Scherben zerbrach.
Nachdem die kostbare Porzellantasse am Boden zerschellt war, bewegte sich Edward erschrocken und instinktiv zur Seite und drückte sich mit dem Rücken gegen die dicken bordeauxfarbenen Samtvorhänge, welche die hohen Erkerfenster einrahmten. Dann hielt er den Atem an und wagte nicht mehr, sich zu bewegen.
Erst als ihn der Klang der antiken George-III.-Standuhr aufschreckte, die Viertel nach vier schlug, fand er die Courage, wieder Luft zu holen.
Vorsichtig beugte er sich zur Seite, um einen Blick (vor dem er sich so sehr fürchtete) aus dem Fenster zu werfen. Jeden Moment rechnete er damit, dass die schaurige alte Frau ihren bleichen Arm durch die Fensterscheibe schlug und ihn am Hals packte.
Doch nichts dergleichen geschah, der Garten war wieder menschenleer.
Edward fragte sich, ob ihn das eher beruhigen oder verängstigen sollte. Nur weil die seltsame Hexe dort draußen nicht mehr zu entdecken war, bedeutete das nicht, dass sie fort war. Vielleicht hatte sie sogar einen Weg in das Gebäude gefunden und lauerte nun hinter irgendeiner dunklen Ecke auf ihn.
Er nahm all seinen Mut zusammen, durchquerte den Salon, schnappte sich an der Garderobe in der Eingangshalle den schweren Gehstock aus Mahagoniholz und verließ entschlossen das Haus.
Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen, und nur die breiten Pfützen auf der gepflasterten Einfahrt und die nassglänzenden Blätter der Bäume und anderen Pflanzen zeugten davon, dass es vor wenigen Minuten überhaupt geregnet hatte.
Den Stock hoch erhoben, umrundete Edward das Landhaus und gelangte in den Garten mit dem Teich. Alles war still und unauffällig.
Vorsichtig näherte er sich dem Gewässer und zwang sich dazu, einen Blick hineinzuwerfen.
Die Oberfläche war jedoch nur eine undurchdringliche dunkelgrüne Masse, die sich nicht bewegte. Er runzelte die Stirn und betrachtete aufmerksam jeden Winkel des Geländes, aber nirgendwo entdeckte er etwas, das von der üblichen Norm abwich.
Mit einer seltsamen Mischung aus Frustration und Erleichterung eilte er zurück ins Haus und steckte den Gehstock zurück in den Schirmständer. War er denn komplett verrückt geworden?
Zur Sicherheit machte er einen Rundgang durch das gesamte Gebäude, spähte in jeden Raum und jeden Winkel und erwischte sich sogar dabei, wie er im Schlafzimmer das Innere des Kleiderschranks kontrollierte und wie ein kleines Kind unters Bett sah. Doch nirgends war etwas zu finden.
Besorgt kehrte er zurück in den Salon, warf sich in den Ohrensessel am Kamin und schüttete einen großzügigen Schluck Whisky aus einer Karaffe, die neben ihm auf einem schmalen Tisch stand, in ein Glas.
Das sanfte Gluckern, mit dem der bernsteinfarbene, achtzehn Jahre gereifte Glenmorangie Scotch in das Kristallglas floss, und der zarte Duft von Feigen und einem Hauch Honig sorgten üblicherweise dafür, dass sich Edward Scaffold entspannt in seinem Sessel zurücklehnte, um sich dann völlig dem Genuss hinzugeben.
Nach der schrecklichen und unglaublich realistischen Erscheinung der alten Hexe im Gartenteich diente der Whisky allerdings nur einem einzigen, profaneren Zweck: dem zügigen Vergessen des unfassbaren Erlebnisses.
Während die Stunden vergingen, verharrte Edward bewegungslos im Sessel und starrte ohne Unterlass aus dem Erkerfenster in den Garten.
Als sich bis sieben Uhr abends das verrückte Schauspiel im Teich nicht wiederholte, machte er sich allmählich mit dem Gedanken vertraut, dass er sich alles nur eingebildet hatte. Das trostlose Regenwetter in Verbindung mit seiner Trauer und den bittersüßen Erinnerungen an Katherine hatten wohl dafür gesorgt, dass ihm sein Verstand einen Streich gespielt hatte.
