Gespenster-Krimi 177 - Henry Cardell - E-Book

Gespenster-Krimi 177 E-Book

Henry Cardell

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Beschreibung

Auf einer schroffen Felseninsel nahe der schottischen Küste erheben sich die Ruinen von Cnàimh Castle, einst die Burg eines berüchtigten Wikingers, der dort lebendig eingemauert wurde - mit all seinen Schätzen aus unzähligen Raubzügen. Auf die hat es der verschrobene Grabräuber Leonard Forrester abgesehen. Doch um an das Gold und die Edelsteine zu gelangen, braucht er die Hilfe der Okkultismus-Expertin Lady Mildred Enderby, denn ein Fluch liegt über Cnàimh Castle. Und so muss sich auch Lady Mildreds Butler Isaac Finley nach Mallachd Island begeben - und gerät in ein haarsträubendes Abenteuer in der düsteren Burgruine und ihren geheimnisvollen Verliesen, wo er auf eine ganze Horde wieder zum Leben erwachter Wikingerkrieger stößt!

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Seitenzahl: 140

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

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Der Schatz des toten Wikingers

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Der Schatz des toten Wikingers

von Henry Cardell

Im zwölften Jahrhundert standen die Orkney-Inseln vor der Nordküste Schottlands unter der Herrschaft eines normannischen Fürsten. Von dort aus überfiel er das Festland und unterjochte es Zug um Zug.

Einer seiner Heermeister erwies sich bei den Massakern als unbarmherziger und bösartiger als alle anderen. Im Blutrausch pflügte er durch die Reihen seiner Opfer und häufte auf seinen Raubzügen eine beachtliche Menge an Schätzen an. Aufgrund seiner beeindruckenden Gestalt und der Wucht, mit der er seine Angriffe führte, war er bald unter dem Namen Reynhardt der Brecher bekannt.

Als die Grausamkeiten, die er verübte, immer brutalere Ausmaße annahmen, verbreitete sich in Schottland das Gerücht, er stehe mit finsteren Mächten im Bunde, und schließlich fürchtete sich sogar sein ei‍gener Herr vor dem immer größer werdenden Einfluss seines Vasallen.

Mithilfe des Bischofs von Kirkwall gelang es ihm, Reynhardt auf seiner Burg, die der Legende nach auf den Gebeinen seiner erschlagenen Feinde erbaut worden war, festzusetzen. Zusammen mit seinen Reichtümern wurde er lebendig in den Gewölben eingemauert. Dort soll er noch heute auf einem Thron sitzen, umgeben von all seinen Schätzen, und darauf warten, dass er irgendwann befreit wird, um Rache zu üben ...

Alles war dunkel, und die Dunkelheit war alles.

Tief in den verborgenen Gewölben von Cnàimh Castle herrschte ewige Finsternis. Seit über neun Jahrhunderten hatte sich kein einziger Sonnenstrahl, der ein wenig Trost und Hoffnung in diese traurige und undurchdringliche Schwärze hätte bringen können, hierher verirrt. Die unterirdischen Kammern und Grüfte waren in Kälte gefangen, und selbst die Schatten hatten vergessen, dass sie einst existierten.

Ebenso wenig wie Licht gab es hier Leben.

Nichts und niemand wagte sich hinunter in die Einsamkeit der Burgruine. Selbst Spinnen, Asseln und Insekten mieden die Mauern aus kühlem Stein.

Doch in dieser Nacht regte sich etwas in der unendlichen Stille von Cnàimh Castle. Eine kleine Maus hatte sich in die labyrinthartigen Gänge und Winkel der Katakomben verirrt!

Nervös huschte sie von einer Wand zur anderen, schnupperte am Boden entlang und hielt ab und zu inne, um sich neu zu orientieren. Ob sie weit oben an der Oberfläche durch einen puren Zufall in die eigentlich unerreichbaren Tiefen gelangt war oder auf der Suche nach Nahrung einen geheimen Zugang entdeckt hatte, war ohne Bedeutung.

Nach endlosen Stunden des ziellosen Wanderns durch die Dunkelheit erreichte sie durch ein winziges Schlupfloch einen Raum, der größer zu sein schien als alle anderen, die sie zuvor durchquert hatte. Die groben, aber ebenen Platten, über die die Maus bisher in einem stetigen Rhythmus getrappelt war, waren auf einmal verschwunden. Stattdessen bewegte sich das Tier entlang metallischer Gegenstände in den verschiedensten Formen und Größen. Sie klirrten und klapperten unter ihren winzigen Pfoten, und das Geräusch zerriss die jahrhunderteandauernde Stille.

Auf ihrer verzweifelten Suche nach einem Ausgang aus der Kammer erreichte die Maus unerwartet einen hohen Gegenstand, der beinahe senkrecht vor ihr aufragte. Sie wusste nicht, dass es ein Thron war, gefertigt aus einem einzigen Stück Stein. Für das Tier war es nur ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt.

Geschickt kletterte die Maus an den eingemeißelten Reliefs und Runen nach oben. Als sie die breite Armlehne erreichte, gönnte sie sich eine kurze Pause und putzte sich mit den Vorderpfoten die Nase.

Plötzlich sauste eine riesige, behandschuhte Faust von oben herab und zermalmte den kleinen pelzigen Körper. Der Schlag kam so schnell und wuchtig, dass die Maus nicht einmal ein letztes Fiepen ausstoßen konnte. Das Knirschen brechender Knochen, das saftige Geräusch, als die Eingeweide des Nagers zerplatzten, dann war es vorbei.

Was nach einem kurzen Moment der Stille folgte, war das Knarzen von uraltem Leder, als sich der Handschuh mit einem feuchten Schmatzen wieder langsam zurückzog. Dann das Knacken steifer Gelenke, vermischt mit dem Geräusch herabrieselnden Staubs.

Reynhardt der Brecher, Heermeister des Jarls Röfnvald Kolsson von Orkney, verbannt, verflucht und lebendig begraben, bewegte sich nach beinahe einem Jahrtausend völliger Starre zum ersten Mal.

All die Jahre war er wach gewesen. Hatte bewegungslos auf seinem Thron ausgeharrt, in die Finsternis gelauscht ... und gewartet. Niemals hatte er es in der ganzen Zeit für nötig gehalten, sich zu regen oder sich gar von seinem Sitz zu erheben. Doch heute war etwas Besonderes geschehen. Eine Veränderung, die er in jeder Faser seines untoten Körpers zu spüren schien. Eine Veränderung, die in der Lage war, den Lauf der Dinge neu zu ordnen.

Reynhardt beugte sich in der Dunkelheit nach vorne und hob ruckartig die rechte Hand, mit der er vor wenigen Minuten die wehrlose Maus getötet hatte. Ein lautes Fauchen, wie von einem wilden Tier, hallte bei der Bewegung durch das Gewölbe und prallte als Echo von den steinernen Mauern zurück.

Gleichzeitig materialisierte sich ein bleiches Licht um die geschlossene Faust des ehemaligen Heermeisters und hüllte die Umgebung in einen fahlen Schein.

Reynhardt öffnete die Hand und bewegte sie abrupt von sich weg. Das Licht nestelte kurz über die ausgestreckten Finger und schoss dann als zischender Blitz an die gegenüberliegende Wand. Dort steckte in einer rostigen Halterung eine verrottete Pechfackel, die sofort in einem blauen Feuer aufflammte, als sie der Lichtstrahl traf. Wie durch Zauberei sprang der Blitz auf vier weitere Fackeln über, die rund um die Kammer verteilt waren.

Jetzt erfüllte das kalte Licht den gesamten Thronsaal und holte ihn aus der schwarzen Finsternis, in der er seit Jahrhunderten geschlafen hatte.

Zufrieden lehnte sich Reynhardt zurück in seinen Steinthron und ließ langsam den Blick seiner weiß glühenden Augen durch die Gruft wandern.

Um den leicht erhöhten Sitz herum lagen unzählige Schätze!

Der gesamte Boden schien von ihnen bedeckt zu sein, und ein größerer Teil stapelte sich kniehoch an den Wänden des Raums, wie groteske Wellen, die vor langer Zeit gegen die Mauern gebrandet und dort für immer in der Bewegung erstarrt waren. Verzierte Truhen und Kisten in unterschiedlichsten Größen, mit funkelnden Beschlägen, standen überall zwischen Münzen, Kelchen, Schmuck und Geschmeide. Glänzende Rubine, Juwelen, Statuen aus Silber und Gold glitzerten im unnatürlichen Licht der kalten Fackeln in all ihrer Pracht. Ganz so, als wollten sie die ewige Finsternis, die hier unten so lange geherrscht hatte, für immer vergessen machen.

Reynhardt der Brecher – oder das, was im Laufe der Jahre von ihm übrig geblieben war – erhob sich von seinem Thron. Ungelenk, als hätte er die Bewegungsabläufe verlernt und müsse sich erst wieder daran erinnern, schritt er in die Mitte des Raums. Dort hielt er inne und reckte den unförmigen, halb verwesten Schädel nach oben. Seine Gedanken kehrten zurück zu dem plötzlichen Auslöser, der ihn aus seiner langen Ruhe geschreckt hatte.

Etwas Bedeutsames war geschehen. Etwas war gefunden worden.

Er spürte die Veränderung so deutlich, wie er seit undenkbarer Zeit nichts mehr gefühlt hatte. Irgendjemand hatte irgendwo auf der Welt den Schlüssel zu seinem Grab entdeckt und an sich genommen. Den einen Schlüssel, der für die Ewigkeit verschollen geglaubt war.

Ein raues Ächzen drang aus der verkrüppelten Kehle des untoten Heermeisters. Er setzte sich wieder in Bewegung und bahnte sich den Weg durch die Unmengen an Münzen und Schätzen bis hin zu einer grob gemauerten Wand. Als er sie erreichte, schien er kurz zu zögern, dann hob er langsam beide Arme. Verwundert wanderte sein Blick von der rechten lederüberzogenen Faust auf die linke – doch die gab es nicht mehr, da war nur ein abgetrennter hässlicher Stumpf.

Reynhardt konnte sich zunächst nicht daran entsinnen, warum seine linke Hand fehlte. Dann huschten auf einmal Erinnerungsfetzen wie verwelktes Laub in einem wirbelnden Sturm an ihm vorbei. Er sah Ereignisse, die längst vergangen waren. Vergessen im Staub der Geschichte.

Vor seinem geistigen Auge sah er seine geliebte Ehefrau. Sie lächelte ihn zusammen mit den gemeinsamen Söhnen glücklich an, dann verschwand Reynhardts Familie so schnell, wie sie in seiner Erinnerung aufgetaucht war. Die Vision veränderte sich, wurde weggewischt, und plötzlich sah er stattdessen seinen Fürsten Röfnvald. Der hatte ihn nach all den Treuediensten, die Reynhardt ihm stets ohne Zögern erfüllt hatte, verraten und verbannt.

Das Antlitz des Jarls wechselte zu einem verfluchten Mann der Kirche, der in einer langen Robe vor Reynhardt stand und ihn mit einer unbändigen Macht in Schach hielt. Soldaten tauchten auf. Ein Dutzend starker Männer, die den Heermeister festhielten, während ihm der Kirchenmann mit einem scharfen Schwert die linke Hand abschlug.

Enttäuschung und Trauer, Gefühle, die er seit Jahrhunderten nicht mehr verspürt hatte und von denen er geglaubt hatte, sie nie wieder zu empfinden, breiteten sich in Reynhardt aus. Sie verschwanden jedoch recht schnell und machten einem lodernden Hass Platz, der sich in seinem toten Herzen ausbreitete. Ein unmenschlicher Hass, vermischt mit dem grausamen Verlangen nach Rache.

Reynhardt senkte für einen Moment den Kopf und zwang sich, die Bilder aus seinem Verstand zu verbannen. Dann legte er die rechte Handfläche beinahe zärtlich auf den kalten Stein der Mauer vor ihm.

Rote Blitze schossen unvermittelt aus der Wand und züngelten knisternd um seinen verfaulten Leib. Ein Schmerz, den er niemals für möglich gehalten hätte, erfasste sein Inneres und trieb Reynhardt einige Schritte von der Mauer weg. Sofort verschwand das prasselnde Geräusch, und auch die Blitze zogen sich wieder in die Wand zurück.

Also war das Siegel noch intakt und der Zugang zu seinem Gefängnis nach wie vor fest versperrt. Genau wie in den Jahrhunderten zuvor. Aber das würde nicht mehr lange so bleiben. Das spürte der Heermeister mit einer Intensität, die ihn zu überwältigen drohte. Derjenige, der den Schlüssel gefunden hatte, war längst auf dem Weg hierher. Und das war gut.

Reynhardt der Brecher wandte sich von der Steinmauer mit der unsichtbaren Tür darin ab und schritt zurück zu seinem Thron. Langsam ließ er sich darauf nieder und wischte mit einer beiläufigen Bewegung die Überreste der zermalmten Maus von der Armlehne.

Ein kaum merkliches Zucken des rechten Zeigefingers, und das kalte Feuer der fünf Fackeln erlosch. Erneut breitete sich eine undurchdringliche Dunkelheit in der Totenkammer von Cnàimh Castle aus.

Doch dieses Mal würde sie nicht annähernd so lange andauern ...

Als Leonard Forrester die Tür seines Apartments in Glasgow öffnete, erwartete er eigentlich einen jungen Pizzaboten, der mit einer Schachtel in der Hand vor ihm stehen würde, um ihm grinsend sein Abendessen zu überreichen.

Stattdessen blickte er in die schwarze Mündung einer Pistole, die ihm ein grobschlächtiger Mann mit einem gewaltigen Schnauzer im Gesicht vor die Nase hielt.

Bevor Leonard angemessen auf die unerwartete Situation reagieren konnte, indem er einfach die Tür zuschlug, drückte ihm der Besitzer der Waffe den Lauf gegen die Brust und schob ihn in die Wohnung. Instinktiv hob Leonard die Hände, so wie er es schon tausendmal in irgendwelchen Filmen gesehen hatte. Etwas im Blick des Eindringlings verriet ihm, dass der keine Sekunde zögern würde, den Abzug zu drücken, falls Leonard eine falsche Bewegung machte oder seinem stummen Befehl nicht umgehend Folge leistete.

»Setzen!«, knurrte der Pistolenmann und nickte in die Richtung des Stuhls, der vor einem schmalen Schreibtisch in einer Ecke des engen Zimmers stand.

Leonard wankte rückwärtsgehend dorthin. Als er dessen Sitzfläche in den Kniekehlen spürte, ließ er sich darauf nieder und bemerkte zum ersten Mal das leichte Zittern, das seinen gesamten Körper erfasst hatte.

Unbewusst warf er einen verzweifelten Blick auf den eingeschalteten Laptop, der auf dem Tisch stand. Er war mitten in einer äußerst erfolgversprechenden Partie Online-Poker gewesen, als es an der Tür geklingelt hatte. Mit einer seltsamen Mischung aus Bestürzung und Wut sah er jetzt auf das Blatt, das er sich in den letzten Minuten mühevoll erspielt hatte und das ihn höhnisch anzugrinsen schien: Es war ein Full House aus Buben und Königen. Im Pot lagen dreitausend Pfund!

Es fehlte nur ein kleiner Mausklick, dann hätte Leonard das Geld mit hoher Wahrscheinlichkeit eingestrichen. Stattdessen musste er hilflos mit ansehen, wie am unteren Ende des Bildschirms ein winziger Timer quälend langsam herunterlief. Sollte er ohne eine Reaktion Leonards bei null angelangen, hatte er ganz automatisch verloren. Das wäre für Leonard eine mittlere Katastrophe, doch mit einem kurzen Blick auf den Schnauzbartträger fragte er sich, ob es tatsächlich klug wäre, sein Leben für dreitausend Pfund zu riskieren.

Die Stimme des Pistolenmanns riss ihn aus seinen verzweifelten Gedanken. »Sieh mich an, Freundchen!«, bellte er mit einem osteuropäischen Akzent und wedelte dabei beunruhigend mit der Waffe. Der Walrossschnauzer unter seiner Nase schien zu flattern.

In diesem Moment betrat hinter dem Mann eine weitere Person das Apartment, leise und geschmeidig wie eine Raubkatze.

Bei ihrem Anblick hatte Leonard das Gefühl, dass die Temperatur im Raum um einige Grad fiel. Es war eine große hagerer Frau unbestimmten Alters. Ihr platinblondes Haar hatte sie am Hinterkopf zu einem festen Dutt gebunden, und sie trug einen langen beigefarbenen Mantel aus – soweit Leonard es beurteilen konnte – echtem Kaschmir.

Die Haut auf ihrem Gesicht war auffällig glatt. Bis auf die tiefen Falten in den Winkeln ihres rot geschminkten Munds, die sich fast angewidert nach unten zogen, als sie den Blick aus ihren stechend blauen Augen durch das schmuddelige Zimmer schweifen ließ.

Leonard kannte die Frau bedauernswerterweise nur allzu gut. Es handelte sich um eine gewisse Daria Romanova. Wobei er sicher war, dass das nicht ihr echter Name war. Wenn sich diese Frau, die in der Unterwelt Großbritanniens ihresgleichen suchte, die Mühe machte, jemanden persönlich aufzusuchen, war das in den allermeisten Fällen kein gutes Zeichen.

Leonards Zittern wurde stärker, und er versuchte krampfhaft, den Klumpen, der sich in seiner Kehle zu verfestigen drohte, herunterzuschlucken.

Ein trauriger Fanfaren-Sound aus dem Laptop wies darauf hin, dass der Poker-Countdown abgelaufen war. Leonard hatte die sicher geglaubten dreitausend Pfund verloren.

»Hallo, Lenny«, sagte die Frau mit einer heiseren Stimme, die im Gegensatz zu der ihres Handlangers nicht den Hauch eines Akzents aufwies.

Er konnte es nicht ausstehen, wenn man ihn Lenny nannte. Immerhin erinnerte ihn sein richtiger Name an das große Florenzer Genie aus der Renaissance, Leonardo DaVinci. Und Leonard war auf seinem Spezialgebiet ebenfalls ein wahres Genie. Eine Tatsache, die Daria Romanova nur noch nicht begriffen zu haben schien, seit die beiden sich kannten.

Gänzlich unbeeindruckt fuhr sie damit fort, angewidert sein Apartment zu inspizieren, während Mr Schnauzbart mit der Waffe in der Hand nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Offensichtlich konnte er es kaum erwarten, Leonard über den Haufen zu schießen.

Sie warf einen angewiderten Blick in das Spülbecken der winzigen Küchenzeile, wo sich das dreckige Geschirr von scheinbaren Jahrzehnten auftürmte. »Ich hätte eigentlich gedacht, ein Schatzjäger von deinem Ruf und mit deinen Erfolgen hätte etwas mehr Stil.« Sie sah ihn an, und ihre kalten, auf eine eigentümliche Weise leblos wirkenden Augen flackerten bedrohlich. »Müsstest du nicht im Laufe deines Lebens genügend wertvolle Artefakte und seltene Reliquien gefunden haben, um wenigstens ein bisschen angenehmer zu wohnen?«

Wie um ihre Worte zu betonen, strich sie mit ihrem langen, eleganten Zeigefinger über ein staubiges Regalbrett an der Wand, das sich unter der Last dicker Bücher beunruhigend bog.

»Was treibst du eigentlich mit all dem Geld, das dir so vertrauensselige Geschäftsleute wie ich leichtsinnig in den Rachen werfen, damit du ihnen angeblich wertvolle Schätze besorgst?«

Daria trat an ihren schnauzbärtigen Handlanger heran und warf einen Blick auf Leonards Laptop, auf dem immer noch die Pokerpartie (leider ohne sein Mitwirken) weiterlief.

»Ah, ich verstehe«, sagte sie und präsentierte mit einem breiten Grinsen eine Reihe unnatürlich weißer Zähne. »Nun, wir haben ja alle unsere Laster und Fehler. Meiner ist zum Beispiel, windigen Grabräubern zu vertrauen, die mich doch immer wieder nur enttäuschen.«

Während sie dies sagte, hob der Schnauzer die Knarre ein Stück weiter an. Jetzt zeigte sie nicht mehr auf Leonards Brust, sondern direkt auf die Stelle zwischen seinen Augen.

»Ich weiß, dass ich meine Deadline ein wenig überzogen habe, Daria«, sagte Leonard und zog unbewusst den Kopf ein. »Aber ich habe Reynhardts Burg endlich ausfindig gemacht. Cnàimh Castle!«

Daria hob misstrauisch eine Augenbraue. »Ist das so, Lenny?«

Er nickte heftig. »Ja«, bestätigte er und registrierte, wie über Darias Gesicht ein Hauch von Erleichterung huschte. »Und nach meinen Informationen ist dort seine bis zur Decke gefüllte Schatzkammer verborgen. Tief in den Gewölben.«

Die Erleichterung im Blick der Romanova wich blanker Gier.

»Allerdings ist der Zugang noch verschlossen und versiegelt. Ich musste erst nach dem passenden Schlüssel suchen, was eine kleine Herausforderung war, das kann ich dir sagen. Darum hat sich alles ein klein wenig verzögert.«

Als hätte der Schnauzbärtige Darias Gedanken gelesen, trat er einen Schritt zur Seite, um seiner Chefin Platz zu machen. Bedauerlicherweise hielt er dabei weiterhin die Waffe auf Leonards Stirn gerichtet.

Daria beugte sich zu Leonard herab, sodass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Es war ihm mehr als unangenehm, aber er zwang sich, nicht zurückzuweichen.

»Wie alt bist du eigentlich, Lenny?«, fragte sie, und der plötzliche Themenwechsel verwirrte ihn. Abschätzig musterte sie ihn von oben bis unten. »Fünfundvierzig?«