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Bei dieser Geschichte geht es um einen Menschen der eine panische Angst vor Hunden hatte und den eine Begegnung mit Schlittenhunden völlig veränderte. Dabei wird erzählt wie sich das Leben veränderte und die Haltung zu Tieren generell. Die Reisen und Abenteuer die der Autor dann erlebte sind spannend und bisweilen humorvoll beschrieben. Schlittenhunde sind etwas Besonderes und um die Eigenheiten dieser Tiere und das Leben mit ihnen geht es in diesem Buch.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Dieses Buch ist all meinen Hunden gewidmet, die mich durch den zurückliegenden Teil meines Lebens begleitet haben und noch begleiten.
Jokka, Kasuuta, Bandit, Yupik, Niro, Kayla, Sara, Ayuk und Joker.
Prolog
1 Welpenzeit
2 Schlittenzeit
3 Finnmarksvidda
4 Malamute Mountaineering
5 Wintertour in den Vogesen
6 Im Jura – Winter in Frankreich
7 Lappland – wieder zu Fuß
8 Kasuuta
9 Thüringer Tour
10 Fäbodraget – ein Rennen in Schweden
11 Alpen Trail – unterwegs in den Westalpen
12 Ikerasak, Straße der Schlittenhunde. Ein Abenteuer in Grönland.
13 Eis und Schnee und heiße Pfoten
14 Mountain High – in den Hohen Tauern
15 Bandit und Yupik
16 Polardistans
Epilog
Stocksteif, unfähig zu irgendeiner Bewegung, mit einer so grenzenlosen Furcht im Blick saß ich auf dem Küchenstuhl im Haus meines Onkels Anton, im Kreise meiner Eltern und Geschwister.
Wir waren dort zu Besuch.
Rinty, die Schäferhündin meines Onkels war auf dem Weg von der Scheune über die steile Treppe nach oben zu uns in die Küche. Der Onkel hatte sie gerufen. Für mich war das die Hölle. Ein Hund in unmittelbarer Nähe, ohne Leine. Allein die Vorstellung trieb mir den Angstschweiß in Gesicht.
Dann kam Rinty in die Küche. Natürlich kam sie zuerst zu mir, sie wusste, dass ich mich entsetzlich vor ihr fürchtete.
„Die tut nix, brauchst keine Angst haben.“ Diesen Spruch habe ich so oft von meinem Onkel gehört. Der konnte sich gar nicht vorstellen, dass ein Mensch, dazu noch im zarten Alter von 10 Jahren, vor Angst fast vergehen konnte.
Rinty schnüffelte an meinem Hosenbein und der Ekel vor ihrer feuchten Schnauze und die Vorstellung sie könnte mich damit berühren, brachte mich fast um den Verstand.
Eigentlich mochte ich meinen Onkel, aber der Hund im Haus war für mich stets ein Grund, den Besuch bei ihm so lange wie möglich hinaus zu zögern.
Diese Furcht vor Hunden quälte mich seit ich denken konnte. Ein freilaufender Hund der mir irgendwo begegnete, war der blanke Horror für mich.
Als ich dann älter war, während einer langen Wanderung in Island, wir kamen wir an einem einsamen Hof vorüber, da rannte uns plötzlich ein großer Hund aus dem Eingang uns entgegen. Dieser Hund bellte sehr laut und nach meiner Wahrnehmung, sehr aggressiv. Unsere Wege kreuzten sich direkt vor uns. Der Hund blieb einige Meter vor uns stehen und bellte unentwegt.
Da war diese unsägliche Angst, wie so oft, wieder. Was sollte ich tun?
Warten bis irgendwer aus dem Hof kam und den Hund bändigte?
Es kam niemand!
Aber wir mussten den Platz des Hundes kreuzen. Unser Weg führte an dem Hof vorbei.
Lange blieben wir unschlüssig stehen, denn auch meine damalige Frau hatte nicht den Mut dem Hund entgegen zu treten.
Irgendwann, nach gefühlten Stunden, fasste ich all meinen Mut zusammen. Ich schrie den Hund an und ging mehr oder weniger entschlossen auf ihn zu.
Zu meinem Erstaunen wich der Hund zurück und wir konnten unseren Weg fortsetzen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einem Hund in dieser Weisen entgegen getreten war.
Gleichwohl änderte sich dadurch mein Verhältnis zu Hunden keineswegs. Es war nach wir vor von Angst, Ekel und Widerwillen geprägt. Ich habe auch keinen blassen Schimmer woher das kam. Meine Mutter sagte mir einmal, dass ich wohl als ganz kleiner Bub von vielleicht drei oder vier Jahren, von einem großen Hund erschreckt worden sei. Allerdings kann ich mich nicht an einen derartigen Vorfall erinnern. Möglicherweise habe ich das einfach verdrängt und allein die Angst ist geblieben.
Über viele Jahre habe ich diese Furcht nicht ablegen können. Immer waren Begegnungen mit Hunden ein einziges Gräuel für mich. Näher als fünf Meter habe ich mich nie an einen Hund herangetraut.
Geschweige denn einen Hund anzufassen, unmöglich.
Einzig die Schlittenhunde, über die ich dann irgendwann einiges las, nötigten mir einen gewissen Respekt ab. Da ich in jener Zeit selbst intensiv Leistungssport betrieb, hat mich die unglaubliche Leistungsfähigkeit dieser Hunde doch sehr beeindruckt. Trotzdem konnte das meine Abneigung Hunden gegenüber nicht beseitigen.
Und da spielte es auch keine Rolle wie groß der Hund war. Hunde waren für mich ein absolut vermintes Terrain, das es zu meiden galt.
Erst als meine sportliche Karriere zu Ende war und ich begonnen hatte den hohen Norden für mich zu entdecken, entstanden dann auch die ersten Kontakte zu Schlittenhunden. Zunächst nur in der Literatur, denn ich habe in jener Zeit alles verschlungen was es an Lesbarem über arktische Expeditionen gab. Und hier entwickelte dann auch ganz langsam ein immer größerer Respekt vor diesen Hunden.
Und irgendwann drehte sich mein Verhältnis zu Hunden vollständig. Wie es nun dazu kam und was daraus entstand, davon handelt dieses Buch.
Als die Klingel an der Haustür verstummte, war für einen kurzen Moment Stille. Dann hörten wir ein zuerst ein leises, danach ein immer lauter werdendes Poltern das sich offenbar die Treppe im Hausflur hinab bewegte. Wir sahen uns schweigend an und harrten der Dinge die da kommen sollten.
Kurz darauf wurde die Türe geöffnet, Maria Faranda hielt die Türklinke in der Hand und zu ihren Füßen entdeckten wir den Grund des Polterns. Zwei schwarz-weiße Wollknäuel drängten sich zwischen Türrahmen und Marias Füßen.
„Wir haben vor ein paar Tagen wegen der Malamute-Welpen angerufen und möchten sie uns nun anschauen “ sagte ich.
Heidi hatte sich derweil zu den Wollknäueln hinabgebeugt und betrachtete neugierig deren Treiben.
„Kommt einfach mit nach oben“ lud uns Maria ein.
Wir stiegen die steilen Stufen nach oben während die Wollknäuel ständig um unsere Füße wirbelten. In der Küche setzten wir uns und waren völlig hingerissen von den beiden kleinen Malamuten.
Zwölf Wochen alt waren die beiden. Schwarzes Fell mit weißem Bauch, weiße Schwanzspitze und weiße Pfoten. Das Gesicht war gekennzeichnet von einer weißen Schnauze mit einem kleinen schwarzen Streifen auf der Oberseite, die Augen eingebettet in weiße Ringe und zwischen den Augen auf der Stirn ein kleiner weißer Fleck. Ein Rüde und eine Hündin. Beide waren ständig damit beschäftigt sich anzuspringen, zu balgen und sich spielerisch in den Nacken zu beißen.
„ Was hat euch denn bewogen Schlittenhunde anzuschaffen und dazu noch Malamuten?“ die Frage klang so als ob Maria nicht ganz sicher war, ob wir auch genau wüssten was uns da bevorstand. Ich erzählte ihr dann wie wir den ersten Kontakt zu Schlittenhunden hatten.
Es war ein Winterbiwak im Allgäu.
Helmut, den ich in Grönland bei einer Trekkingtour kennenlernte, hatte uns zu einer Wintertour ins Kleinwalsertal eingeladen.
„ Ein Schlittenhundegespann ist auch dabei“ erzählte er schwärmerisch „ Und ein paar Touristen. Wir zelten oberhalb der Schwarzwasserhüte und machen dann einige Schneeschuhtouren.“
Wir hatten auf dem Parkplatz gerade unsere Rucksäcke gepackt, da traf Rüdiger Senges ein. Der Hundeschlitten auf dem Anhänger wies daraufhin das er der Musher (Schlittenhundeführer) sein musste.
Zunächst begrüßten wir uns und Rüdiger erklärte ganz kurz wie er mit dem Hundegespann in Richtung Schwarzwasserhütte fahren wollte.
„Am Ende des Tales ist ein steiler Anstieg da sollten alle ein wenig schieben, denn der Schlitten wiegt weit mehr als einhundert kg und das schaffen die Hunde allein nicht. „ erklärte Rüdiger.
Als der Schlitten dann beladen war, holte er seine Hunde aus den Boxen und machte sie an 4 Stahlseilen fest, die um den Anhänger herum angebracht waren.
Es waren vier kräftige Malamuten, die ein infernalisches Gebrüll veranstalteten, als Rüdiger die Zuggeschirre in die Hände nahm. Die vier zerrten derart an den Stahlseilen, dass Anhänger und VW Bus bedenklich ins Wanken gerieten.
Fasziniert von dem Schauspiel standen wir in sicherem Abstand um Schlitten und Hunde. Rüdiger zog jedem seiner Hunde ganz bedächtig das Zuggeschirr über, streichelte ihn sanft über den Kopf, beugte sich über jeden und flüsterte ihnen ein paar zärtliche Worte ins Ohr.
Als die Geschirre angezogen waren, gab es fast kein Halten mehr.
Schlagartig setzte ein ohrenbetäubendes Geheul ein, dass über den weiten Parkplatz zu hören war. Der Schlitten wurde am Fahrzeug festgemacht und danach ein Hund nach dem anderen an der Zugleine befestigt.
Zuerst die Leithündin ganz vorn, sie hatte die Leine straff zu halten, danach die übrigen Hunde.
Dies alles musste nun sehr schnell gehen. Die Hunde waren kaum mehr zu bändigen. Als der letzte Hund an der Zugleine befestigt war, steigerte sich das Gebrüll der Hunde zu einem infernalischen Stakkato. Ein Zerren und Reißen an der Zugleine.
Der Schlitten erbebte unter der gewaltigen Kraft der Hunde. Alle Leinen waren zum Zerreißen gespannt. Rüdiger stand auf dem hinteren Ende der Kufen und hielt den Handbügel fest umschlossen.
Er zögerte noch einen Augenblick und löste dann die Halteleine. Wie von einem Katapult geschleudert schnellte der Schlitten nach vorn.
Schlagartig waren die Hunde verstummt und jagten mit gewaltigen Sätzen davon.
Völlig entgeistert starrten wir dem Gespann hinterher. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Das Winterbiwak an sich war eine völlig neue Erfahrung für uns und das Erlebnis mit den Schlittenhunden hatte einen Keim in uns gepflanzt der nach einiger Zeit aufgehen sollte.
Nun saßen wir also in der Küche von Maria Faranda und waren im Begriff uns eines dieser Monster mit nach Hause zu nehmen.
„Der Rüde hat bereits jetzt recht große Pfoten, wie es scheint wird das ein großer Bursche“
Maria hatte den Satz nur so dahin gesagt, wir aber schauten uns nur an. Ein wenig zweifelnd ob wir uns das wohl zutrauen würden, auch noch mit einem besonders großen Exemplar der Gattung Malamute umzugehen.
Was wir nämlich in den letzten Wochen an Fachliteratur gewälzt hatten, hatte uns Hunde-Neulingen nicht gerade sehr viel Zuversicht vermittelt. Denn stets wurde, sobald die Rede auf Malamuten kam, eindringlich darauf hingewiesen das diese Rasse als besonders schwierig gilt.
Für Neulinge somit völlig ungeeignet, weil diese Hunde wohl über einen sehr ausgeprägten eigenen Willen verfügten und der Hundebesitzer umfassende Kenntnis bei der Erziehung haben müsse.
Das Dominanzverhalten sei bei Malamuten extrem ausgeprägt und habe in manchen Fällen schon dazu geführt, dass diese Hunde die ganze Familie drangsaliert hatten, so dass alle häuslichen Verrichtungen auf den Hund abgestimmt werden mussten. Es gab Fälle, da bean spruchte der Hund das Sofa und zwar ausschließlich Er. Jeder der es wagte sich in die Nähe dieses Refugiums zu bewegen, wurde mit eindeutigen Willensbekundungen, wie Zähne fletschen und Knurren, daran gehindert.
Diese und ähnliche Überlegungen schwirrten mir durch den Kopf als ich die kleinen, knuddeligen Wollknäuel betrachtete.
Heidi hingegen schien sich bereits entschieden und alle Bedenken beiseitegeschoben zu haben.
„Der Rüde“ sagte sie „das ist unser Hund.“
Dieser „unser“ Hund wurde soeben von seiner Schwester aufs Übelste traktiert und vom Futternapf verdrängt, was er sich auch anstandslos gefallen ließ. Ein wenig verdattert stand er neben dem Napf und sah seiner Schwester beim Fressen zu.
Unschlüssig stieg er von einer Pfote auf die andere, wiegte den Kopf hin und her, aber als seine Schwester keinerlei Anstalten machte ihr Gelage zu beenden, drehte er sich um und trottete von dannen.
Es war wohl dieses tollpatschige, ein wenig trottelige Verhalten Jokkas, das ihn in unser Herz schloss.
„ Was habt ihr denn vor mit dem Hund, wie wollt ihr ihn denn halten?“ „ Nun, wir gehen sehr viel wandern, joggen und Rad fahren und denken auf diese Weise den Hund auszulasten.“
Wir erzählten ihr von unseren Touren in Skandinavien und das ein Hund vom Schlage eines Malamute wohl ein guter Begleiter sein könnte. Wir hatten uns darüber informiert, dass die Hunde ohne weiteres Packtaschen tragen und somit ihr Futter und Teile der Ausrüstung transportieren können.
Nach all diesen Ausführungen schien Maria geneigt uns einen ihrer Welpen anzuvertrauen und da Heidi sich bereits entschieden hatte welchen der beiden wir wohl nehmen sollten, waren eventuelle Einwände meinerseits ohnehin zum Scheitern verurteilt.
„ Ich werde dann die Papiere besorgen und sie euch zusenden“ sagte Maria.
Nun war die Entscheidung gefallen. Maria konnte sich wohl zunächst mit dem Gedanken nur schwer anfreunden, einen der beiden abzugeben und das Herz schien ihr recht schwer zu werden.
Zärtlich strich sie dem kleinen Malamute über den Kopf und sah ihn lange schweigend an.
Auch der Kleine schien zu spüren, dass sich nun etwas verändern sollte, saß ganz still und schaute Maria ebenfalls an. Ihre Augen begannen feucht zu schimmern.
„Mach dir keine Sorgen“ sagte ich leise zu ihr „ er wird es gut haben – versprochen!“
„Wie soll er denn eigentlich heißen?“ fragte sie leise nach einer kurzen Pause.
„ Jokka“ antwortete Heidi.
„ Was ist das für ein Name?“ Maria kannte die Bedeutung nicht.
“ Es ist ein Name aus der Sprache der Samen.“ sagte Heidi „ Und bedeutet Bach.“
´Und so wie ein Bach denjenigen labt der von seinem frischen Wasser kostet, so wird Jokka unser Leben erfrischen und mit Leben erfüllen, ´ dachte ich bei mir.
Wir saßen noch eine Weile beisammen, tranken Kaffee, redeten und sahen den beiden Welpen beim Spielen zu.
Und irgendwann brachen wir dann auf. „Meldet euch wenn Ihr zu Hause seid und sagt mir doch wie Jokka die Fahrt überstanden hat“ bat Maria uns leise zum Abschied. Als wir das Grundstück verließen, drehte ich mich noch einmal um und sah wie Maria weinte.
Die Fahrt nach Hause war wider Erwarten ohne Schwierigkeiten verlaufen. Jokka lag friedlich auf der Rücksitzbank und schlief. Einmal hielten wir um ihn pinkeln zu lassen, ansonsten schlief der kleine Malamute fast die ganze Zeit.
Unser Leben sollte sich von da an vollständig verändern, nichts würde so bleiben wie es bisher war.
Das wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, als ich mit Jokka an der Leine die ersten „Gehversuche“ unternahm.
Ich lief den Feldweg hinter unserem Haus hinauf, an den Weizenfeldern entlang und ich spürte das leichte Zerren an der Leine, das unstete Umherlaufen, das neugierige Schnuppern an jedem Stein, an jedem Strauch.
Es war eigenartig, ich, der ich Hunde früher eigentlich verabscheut hatte, ja einen regelrechten Hass gegenüber allem Hundeartigen entwickelt hatte, war nun mit einem zappelnden Etwas am anderen Ende einer Leine unterwegs und fragte mich wie es dazu kam.
Ein wenig unbehaglich war mir schon. Ungewiss was da auf mich zukommen würde.
Und als Jokka plötzlich mit aller Macht eine Kehrtwendung vollführte und mit Nichts mehr zu bewegen war auch nur einen Schritt weiter vom Haus weg zu machen, wurde mir mit einem Mal klar, dass ab jetzt weitere Bedürfnisse bestanden, deren Befriedigung nun Heidi und mir oblag.
Die Spaziergänge wurden immer ein wenig länger und ganz langsam konnten wir dann auch kleine Wanderungen unternehmen, ohne das Jokka immer gleich wieder nach Hause wollte. Ich begann dann auch vorsichtig und nur kurze Strecken zu joggen, dabei trottete Jokka dann eher gemächlich neben mir her und machte keinerlei Anstalten voraus zu laufen. Ich hatte nämlich gelesen, das Schlittenhunde immer das Bedürfnis haben voraus zu laufen. Aber irgendwie schien das an Jokka vorbeigegangen zu sein.
Die Nächte hingegen waren abwechslungsreich und von steten Unterbrechungen begleitet. Jokka schlief im Hausflur und nicht immer schien ihm dieser Platz zu behagen. Denn bisweilen begann er ein Heulkonzert, dass dann nur mit gutem Zureden und einem mehr oder weniger langem Aufenthalt, meinerseits, im Hausflur zu beenden war.
So war der Erholungseffekt des nächtlichen Schlafes mitunter eher gering. Auch erlebten wir des Öfteren, dass sich im Hausflur ein Haufen in einem kleinen, gelben See befand der nicht dazu beitrug den Geruch im Hause zu verbessern. Ausdruck eines, in dem Fall, stummen Protests unseres kleinen Malamutes.
Jokka hatte, wie gesagt, als Welpe bereits sehr große Pfoten, die ihm zwar ein tollpatschiges Aussehen verliehen, aber andererseits ließ das darauf schließen, dass er wohl einer der größeren Vertreter seiner Rasse werden würde.
Und so hörten wir dann auf diversen Spaziergängen oder Wanderungen immer wieder von Passanten“ Oh was für ein schöner Hund, aber der hat ja Riesenpfoten, der wird wohl mal sehr groß werden, oder?“ Heidi und ich schauten uns dann immer wieder an, nickten und meinten“ Ja ja das denken wir auch!“ Allerdings fragten wir uns dann hinterher schon, was heißt denn „groß“ bei unserem Hund??
Was wächst denn da heran??
Und manchmal wurde uns schon ein wenig mulmig dabei.
Jokka war nun 7 Monate alt und wir hatten vor eine erste größere Wanderung im Fichtelgebirge zu unternehmen. Geplant war eine Wanderung um den Fichtel See, die nicht mehr als 10 km betragen sollte. Als wir den Wanderparkplatz erreichten war es noch früher Vormittag, der Himmel blau, die Temperaturen noch im unteren zweistelligen Bereich, also beste Bedingungen.
Jokka trug ein Brustgeschirr um bei allzu heftigem Zerren an der Leine, ein Strangulieren des Hundes zu verhindern.
Das war eine gute Idee, denn kaum war der (noch) kleine Malamute aus dem Auto gehüpft, begann er auch schon wie wild in alle Richtungen zu ziehen. Wobei der Ausdruck „ziehen“ eine völlige Untertreibung darstellte. Vielmehr stürzte sich Jokka mit einer bis dahin nicht gekannten Brutalität in die Leine und riss mich dadurch fast von den Beinen. Mit schwankendem Oberkörper und dem Versuch das Gleichgewicht nicht zu verlieren, stolperte ich hinter Jokka her und erst nach etlichen vergeblichen Versuchen den Hund zu disziplinieren, gelang es mir, eine einigermaßen stabile Lage zu erreichen.
Aber nun konnte unsere Wanderung beginnen.
Aber was heißt da „Wanderung“, dieser erst 7 Monate alte Hund verfügte über Kräfte die wir ihm beide nie zugetraut hätten. Mit straff gespannter Leine marschierten wir also Richtung Fichtel See.
Zu dieser noch recht frühen Stunde waren noch nicht allzu viele Menschen unterwegs, so dass meine ruckartige Gangart nicht sehr viel Aufmerksamkeit erregte.
Irgendwann wurde Jokka ruhiger und die Wanderung wurde dann ein wunderschönes Erlebnis an jenem Sonntagmorgen. Ich bekam eine kleine Vorstellung davon, wie es sein würde wenn ich mit Jokka irgendwann durch die Tundra Lapplands streifen würde. Das Unterwegssein mit einem Hund war so völlig anders als ich das bislang gewohnt war.
Jokka würde ein vollwertiges Mitglied des Teams werden, das sich in den nächsten Jahren durch die Wildnis des Nordens schlagen würde. Und bei der Planung zu einer solchen Tour würde ich zukünftig zu unserer eigenen Ausrüstung, auch stets auf Jokkas Equipment und sein Futter achten müssen.
Geplant war, dass wir mit Jokka überwiegend Wanderungen im Norden Schwedens, Norwegens und den Alpen unternehmen würden. Aber irgendwie dachte ich mir, ist das ja ein Schlittenhund und insofern war es naheliegend das Jokka auch die Arbeit vor dem Schlitten lernen sollte.
Nun hatte ich in diversen Magazinen und Büchern gelesen, dass man einem Schlittenhund, wenn er denn mindestens 10 Monate alt sei, einfach ein Zuggeschirr anziehen sollte und der Hund (er ist ja ein Schlittenhund) weiß was es damit auf sich hat.
Also wurde ein Zuggeschirr beschafft und an einem kühlen Abend im Herbst hatte ich beschlossen Jokka die Arbeit mit dem Zuggeschirr nahezubringen.
Etwas umständlich zog ich dem Hund das Zuggeschirr über, befestigte die Leine an meinen Hüft Gurt, setzte mich aufs Fahrrad und forderte Jokka auf voran zu gehen und zu ziehen.
Der Malamute saß penetrant auf seinem Hintern, die Leine lag schlaff auf dem Boden und Jokka sah mich einigermaßen verständnislos an.
Der Blick den er mir zuwarf, sollte wohl heißen „Und was nun??“
„Na laufen, Jokka, geh voraus, hopp.“
Meine Aufforderung wurde schlicht und einfach ignoriert. Wenn ansonsten beim Wandern oder Spazierengehen gnadenlos an der Leine gezerrt wurde, so war jetzt beharrliches Sitzen der Fall. Als ich mehrfach versucht hatte Jokka zum Laufen zu bewegen, fuhr ich einfach mal los.
Nun ließ der Hund sich herab, sich in Bewegung zu setzen. Allerdings war das kein Ziehen sondern eher ein neben dem Rad einher trotten. Er ist ja noch jung, sagte ich mir, er wird es schon noch lernen.
Das war dann auch so. Nach etwa einem halben Jahr war Jokka soweit, dass er zumindest hin und wieder zog.
Einmal waren wir wieder in den Wäldern unserer Oberfränkischen Heimat unterwegs. Es war später Sonntagnachmittag, ich ließ das Mountainbike rollen und Jokka arbeitete einigermaßen gleichmäßig. Wir waren in einem Waldstück, auf einem leicht ansteigenden Forstweg unterwegs, als ganz weit am oberen Ende des Weges, zwei Rehe den Weg überquerten. Zunächst dachte ich, Jokka hätte das Wild nicht registriert, aber offenbar stand der Wind günstig, denn er hielt die Nase in den Wind und nahm höchst aufmerksam die Witterung auf.
Die Ohren ganz nach vorn gerichtet, er hatte wohl auch etwas gehört. Für zwei Sekunden stand Jokka stocksteif da.
Und dann explodierte der Malamute.
Etwas Derartiges hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.
Jokka stürzte sich mit aller Macht in die Leine, riss mich beinahe vom Rad und raste mit mir im Schlepptau den Weg hinauf, als ob da nichts hintendran hinge. Jokka stürmte, langestreckt, wie ein Berserker in vollem Tempo den Hang hinauf und ich erlebte zum allerersten Mal wozu ein Schlittenhund vom Kaliber Jokkas imstande war. Der Weg war etwa dreihundert Meter lang und einigermaßen steil. Der Malamute rannte mit unvermindertem Tempo bis zu der Stelle an der die Rehe gestanden hatten.
Der Hund wog zu der Zeit ungefähr 40 kg und ich war tief beeindruckt mit welcher Leichtigkeit sich Jokka im Lauf bewegte.
Nach diesem Erlebnis war mir klar, dass Jokka große Lasten ohne weiteres wird ziehen können und es nun an mir liegt, ihm genau das zu vermitteln.
Unser Leben hatte sich in der Zwischenzeit erheblich verändert.
Da Jokka bei uns im Haus lebte, war klar, dass er immer wieder raus musste um seine „Geschäfte“ zu erledigen.
Dass er regelmäßig trainiert werden musste, um in Form gebracht zu werden (und mich im Übrigen auch).
Das eine gewisse Erziehung notwendig war, um bei Begegnungen mit anderen Hunden nicht ständig sämtliche Kräfte aufbieten zu müssen, um Raufereien zu vermeiden.
Und das Jokka in all unsere Aktivitäten einbezogen wurde.
Aber das war es ja, was wir wollten.
Jokka sollte ein fester Bestandteil unseres Lebens werden. Das war für mich, den ehemaligen Hundehasser, eine Situation mit der ich erstmal klarkommen musste.
Oft wenn ich abends in der Küche saß und Jokka neben mir lag, vor sich hin döste und hin und wieder leise brummte, fragte ich mich, ob dies alles Wirklichkeit war, dass ich, gerade ich, mit einem Hund zusammenlebte.
Und als ob der Malamute meine Gedanken erraten hätte, öffnete er die Augen, richtete sich auf und sah mich mit seinen braunen Augen lange an. Jokka hatte ein wunderschönes Gesicht mit einer weißen Maske, schwarz umrahmt, mit zwei weißen Spitzohren die aufmerksam auf mich gerichtet waren. So saß er oft vor mir und dann spürte ich plötzlich ein ganz warmes Gefühl der Zuneigung für diesen Hund.
Was war damals geschehen, als wir im Allgäu aus dem Winterbiwak mit den Hunden abgestiegen waren und ich zum ersten Mal näheren Kontakt zu Schlittenhunden hatte?
Jokka hat eine Saite in mir zum Schwingen gebracht, von der ich bis dahin überhaupt nichts wusste. Er ist für mich zu einer Brücke in die Natur geworden, die den meisten Menschen immer mehr fremder wird. Er hat mich gelehrt Tiere, mit völlig anderen Augen zu sehen, als ich bislang dazu in der Lage gewesen bin.
Da hatte sich etwas in mir gravierend verändert.
In meiner Jugend waren Hundebegegnungen stets der blanke Horror für mich gewesen. Sobald mir ein Hund frei laufend über den Weg lief, machte sich jedes Mal eine fürchterliche Angst breit, die mich fast erstarren ließ. Immerzu das Problem, wie gehe ich diesem Hund aus dem Weg, wie ein Aufeinandertreffen vermeiden? Selbst kleinste Hunde versetzten mich in Angst und Schrecken.
Bisweilen besuchte ich mit meinen Eltern einige unserer Verwandten. Auch hier war ein Hund im Spiel. Mein Onkel liebte Hunde über alles und ein großer Schäferhund lebte in seinem Haus, beziehungsweise in der Scheune.
Wenn wir nun eben diesen Onkel besuchten, war ein Zusammentreffen mit Rinty, so hieß der Schäferhund, unvermeidlich. Wir saßen dann häufig in der Küche und der Onkel rief in die Scheune nach Rinty.
Allein der Ruf nach dem Hund ließ mir fast das Blut in den Adern gefrieren. Unfähig zu irgendeiner Bewegung saß ich auf meinem Stuhl, als Rinty in die Küche stürmte. Unfähig mich zu bewegen, betrachtete ich den Hund aus den Augenwinkeln, hoffend dass er nicht an mir herumschnüffeln möge. Denn der Gipfel meiner Angst bestand darin, dass der Hund mit seiner feuchten Schnauze irgendetwas an mir berühren könnte.
Der Ekel davor war derart groß, dass sich mir beim Gedanken daran, alle Haare aufrichteten.
Kurzum, Hunde waren für mich eine lange Zeit Quelle einer steten Angst, begleitet von der andauernden Furcht einem Hund ohne Leine zu begegnen.
Es ist mir bis heute unerklärlich wie diese Wandlung bei mir zustande kam. Es ist eine Kehrtwendung gewissermaßen, exakt in die entgegengesetzte Richtung. Was ist damals im Allgäu in jenem Winterbiwak geschehen? Etwas das mein Leben vollständig verändern sollte und das mir Erlebnisse bescheren sollte von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
In der Zwischenzeit hatten wir Kontakt zur Schlittenhundeszene bekommen und mit Moni und Wolfgang, zwei langjährige Schlittenhundesportler kennengelernt. Damit sollte eine Zeit für mich beginnen, die ein Leben mit Schlittenhunden zum Inhalt hatte, das ich mir so niemals hätte vorstellen können.
Es begann eigentlich damit, dass wir zu einem Treffen des DCNH(Deutscher Club Nordischer Hunde) in Mailes bei Schweinfurt, eingeladen waren und ich dort einen Vortrag über meine erste Grönlandreise halten sollte.
An diesem sehr verregneten Wochenende machten wir die Bekanntschaft weiterer Musher(Hundeschlittenlenker) und danach war uns klar, dass wenn Jokka artgerecht mit uns leben sollte, er vor dem Schlitten oder Trainingswagen arbeiten sollte.
Einige Wochen nach diesem Treffen hatten wir uns mit Moni und Wolfgang an einem Wochenende verabredet, um Jokka und eine Hündin von Moni zusammen vor den Trainingswagen zu spannen, um zu sehen wie sich unser Hund dabei so anstellt.
Ich war einigermaßen angespannt, denn ich hatte keine Ahnung wie Jokka auf seine Begleiterin reagieren würde. Meine Befürchtungen gingen dahin, dass sich mein Rüde voller Rauflust auf die Hündin stürzen würde um ihr, ganz nach Macho Art, zu zeigen wer der Chef sei.
Mit feuchten Händen machte ich Jokka an der Zugleine fest. Dann brachte Moni die Hündin. Citty, hieß die Dame und war die Liebenswürdigkeit in Person. Sollte Jokka je im Sinn gehabt zu haben, einen wie auch immer gearteten Ärger vom Zaun zu brechen…Citty nahm ihm diese Absicht, quasi mit einem sehr charmanten „Lächeln“ und einem eleganten Schwung ihres Hinterteils, sofort ab. Das Eis war gebrochen und Jokka ganz hingerissen von der zierlichen Malamutin. Nun also konnten wir starten. Moni und Wolfgang hatten bereits eingespannt. Wolfgang hatte seine vier schnellen Huskys und Moni sechs Malamuten vor dem Trainingswagen.
Ich fuhr ein leichtes Dreirad, Moni einen sehr schweren vierrädrigen und Wolfgang einen leichteren Vierradwagen.
