Jude sein nach Gaza - Esther Benbassa - E-Book

Jude sein nach Gaza E-Book

Esther Benbassa

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Beschreibung

Das Buch Jude sein nach Gaza ist ein ethischer Aufschrei der renommierten jüdischen Professorin Esther Benbassa anlässlich der Leiden der Zivilbevölkerung Gazas während des letzten Feldzuges Israels. Für sie führt das Angedenken an die durch den Holocaust vernichteten Juden zu der Verpflichtung Israels sich human und ethisch zu verhalten. Sie zeigt, wie die Shoah das israelische sowie das jüdische Selbstverständnis prägt und leitet aus dem Gedenken an den Holocaust das Gebot ab, auch die Leiden der Palästinenser anzuerkennen. Zugleich vergibt sie palästinensischen Politikern weder verpasste Friedensmöglichkeiten noch den Terrorismus. Sie verteidigt Israels Existenz, tritt für einen palästinensischen Staat ein und analysiert die Gründe ungenutzter Friedenschancen. Dieses Buch löst in Frankreich intensive Diskussionen aus und ist dort ein Bestseller.

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Seitenzahl: 76

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort der Autorin zur deutschen Ausgabe

Einleitung

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Vorwort der Autorin zur deutschen Ausgabe

IN DIESEM WERK spricht eine jüdische Stimme. Eine unter vielen anderen. Die Stimme einer Intellektuellen, der an der Existenz Israels liegt, die sich aber auch für die Sache der Palästinenser einsetzt. Juden tragen die schmerzliche Erfahrung der Verfolgung und die noch entsetzlichere des Holocaust in sich. Ihnen müsste es ein besonderes Anliegen sein, unermüdlich dafür zu kämpfen, dass den Palästinensern nicht das angetan wird, was Juden nicht wollen würden, dass man es ihnen antut. Dies ist der Grundstein einer Ethik, der jeder verpflichtet ist, der die Bezeichnung „Jude“ verdient. Die Gewissenslast, die Deutschlands Geschichte seinen Nachkriegsgenerationen auferlegte, erklärt wohl, warum Stimmen wie die von Esther Benbassa hier so selten sind. Diese Stimme sollte jedoch gehört und verbreitet werden, damit der Teil des Nahen Ostens, um den es hier geht, eine lebenswerte Region mit zwei souveränen Staaten wird. Andernfalls würde sich eine der wenigen humanistischen Hoffnungen des 21. Jahrhunderts als Illusion erweisen.

Esther BENBASSA, Paris im September 2010

Einleitung

WIE KANN MAN nach der israelischen Gaza-Offensive Jude sein? In bester talmudischer Tradition könnte man diese Frage mit ein oder zwei Gegenfragen beantworten. Kann man denn überhaupt aufhören, Jude zu sein? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Und ist man eigentlich noch Jude, wenn man seine Religion nicht mehr praktiziert? Jude bleibt man wohl – ob man es nun will oder nicht – unter allen Umständen, wenn Jüdisch-Sein sich aus einer bestimmten Grundhaltung ergibt, nämlich derjenigen einer beständigen Aufmerksamkeit für sich und für andere, deren Ziel es ist, ein anhaltendes Gleichgewicht zwischen sich selbst und der Welt herzustellen. Für ein solches Jüdisch-Sein stellt die Gaza-Offensive selbstverständlich in mehr als einer Hinsicht eine Herausforderung dar.

I

WENN ES SCHON nicht einfach ist, praktizierender Jude zu sein, so ist es doch noch viel schwieriger, ein nicht praktizierender Jude zu sein. Worauf sollte ein Jude, der seine religiösen Orientierungspunkte verloren hat – wie dies viele von jenen taten, die sich ständig auf die jüdische Religion berufen – seine Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft gründen, wenn er diese Zugehörigkeit mit Leben erfüllen möchte, statt sich in Identitätslosigkeit aufzulösen? Auf eine gemeinsame Geschichte, antworten die meisten. Doch das ist nicht so einfach. Diese „gemeinsame“ Geschichte nämlich ist zunächst eine angeeignete Geschichte, die meist in jener des Holocaust zusammengefasst wird. Diese Geschichte hat wiederum eine eigene Geschichte, die man kennen muss, wenn man die Haltung vieler Juden gegenüber Israelis und Palästinensern zu begreifen versuchen möchte.

Bis zu ihrem Exil, das in den 1950er-Jahren begann, spielte für die nordafrikanischen Juden und für die Juden aus dem Nahen Osten der Genozid keine allzu große Rolle. Erst als sie, ihrer eigenen Geschichte beraubt, nach Europa oder Israel kamen, eigneten sie sich jene prestigereichere Geschichte an, die aus Pogromen und Massakern besteht, die Geschichte der jüdischen „Aristokratie“, die Geschichte der Aschkenasim, also die der ost- und mitteleuropäischen Juden, zu denen in Frankreich die sehr spezifische Minderheit der „Israeliten“ hinzu kommt: bereits seit langem integrierte Aschkenasim, die sich vollkommen mit der Französischen Republik identifizieren und hervorragende Repräsentanten dessen sind, was als „francojudaïsme“ („französisches Judentum“) bezeichnet wurde. Nur das Anteilnehmen an dieser Geschichte der Leiden vermochte den Juden aus dem Maghreb und aus dem Nahen Osten einen Platz an der Seite der Aschkenasim zu verschaffen – wie wenig achtbar dieser Platz auch immer sein mochte.

In Frankreich wurden die Neuankömmlinge – im Wesentlichen Juden aus Nordafrika – von den alteingesessenen Juden als „Schwarze“ (jiddisch: „schwartse“) bezeichnet, worin all das mitschwang, was dieses Wort an Negativem zu transportieren vermag. War das Leben dieser Zuwanderer in ihren islamischen Herkunftsländern nicht immer von Gleichheit und ungetrübter Koexistenz geprägt gewesen, so war es, langfristig verglichen mit dem der Juden in christlichen Ländern, doch auch keine Hölle gewesen. Ihr Exil aber machte sie von nun an zu „Arabern“. Sie verwandelten sich von Juden in „Araber“. So kam es, dass sie sich, um diese Schande auszulöschen, im Westen selbst lieber als „Sephardim“ bezeichneten. Dieser neutrale und prestigereichere Begriff brachte sie auf mythischer Ebene in Verbindung zu den aus Spanien stammenden Juden – den „Sephardim“ im strengen Sinn des Wortes –, während doch die meisten von ihnen historisch gesehen keinen Anspruch auf eine derartige verwandtschaftliche Verbindung erheben konnten.

In Israel wurden die aus dem östlichen Mittelmeerraum oder aus Nordafrika stammenden Juden zu „Orientalen“ („Misrachim“). Als unterlegen gebrandmarkt, wurden sie allein dafür gerühmt, dass viele von ihnen der religiösen Tradition nahe standen – ganz im Gegensatz zu den vor allem aus Osteuropa stammenden Baumeistern des neuen Staates. Im Jahr 1948 hatten 77% der Bevölkerung Israels osteuropäische Wurzeln. Die aus dem östlichen Mittelmeerraum oder aus Nordafrika eingewanderten Juden wurden vom ganzen System – und ganz besonders in der Arbeitspartei – als Bürger zweiter Klasse behandelt. Als im eigentlichen Sinne kolonisierte Juden, die, wie es für kolonisierte Bevölkerungsgruppen die Regel ist, über keinerlei eigene Geschichte verfügen.

Als Israeli durften sie von nun an keinesfalls mehr in den Ländern verwurzelt sein, die sie verlassen hatten und wo ihre Vorfahren seit tausend Jahren gelebt hatten. Sie durften auch kein Heimweh nach diesen Gebieten empfinden, die ja bevölkert waren von „Arabern“, den Feinden dieses jungen Staats, der ihnen die Möglichkeit eines neuen – besseren – Lebens eröffnete. Man verlangte von ihnen, sich als Neugeborene zu betrachten, empfangen in einer aus Prinzip „Leben zeugenden“ Gebärmutter – Israel –, aber ohne Erzeuger. Gerade, dass man von ihnen nicht verlangte, sich unsichtbar zu machen.

Und doch stammten zwischen 1954 und 1957 – der Periode der Suez-Kampagne und der afrikanischen Unabhängigkeitserklärungen – 63% der nach Israel einwandernden Juden aus Nordafrika, vor allem aus Marokko. Im Jahr 1958 wanderten beinah alle im Jemen, in Libyen und im Irak lebenden Juden nach Israel aus. Doch in Israel dienten sie nur dazu, diesen neuen Staat der Juden zu bevölkern, diesen Staat, der die Frucht einer mehr als 50-jährigen zionistischen Arbeit war und dessen Gründung als Erlösungsakt nach dem Genozid dargestellt wurde.

In Israel, dem Land der Trauernden, hatten diese Einwanderer nicht die Möglichkeit, von sich zu erzählen, von ihrer Geschichte und von dem, was sie in diesen islamischen Ländern erlebt hatten, in denen sie doch als Juden mit Muslimen und Christen zusammen gelebt hatten. Und wo sie auch abgeschnitten gewesen waren von den erbaulichen Berichten des Zionismus. Lange warf man ihnen vor, sich nicht in bedeutsamer Weise am Werk der nationalen Restauration beteiligt zu haben, das von europäischen Juden begonnen und durchgeführt wurde, von eben jenen, die in den Orkan des Nationalsozialismus geraten waren.

Die Juden aus dem Maghreb und aus dem Nahen Osten, von deren Exil und Geschichte man im Westen ebenso wenig hören wollte wie in Israel, und die mit Arabern und Arabertum in Verbindung gebracht wurden – während doch viele von ihnen aus nichtarabischen muslimischen Staaten gekommen waren, etwa aus der Türkei oder aus dem Iran – nahmen die Geschichte des Holocaust schrittweise, aber mit Eifer in ihre Identität auf, unabhängig von ihrer individuellen Generationszugehörigkeit. An die Stelle der Entwurzelung trat der Holocaust als „gemeinsame“ Geschichte und „gemeinsame“ Identität.

Der Preis dafür, dass ein aus dem östlichen Mittelmeerraum, und im Besonderen aus einem arabischen Land stammender Jude unter Umständen doch akzeptiert wurde, bestand in einer Frustrationserfahrung am Beginn seines neuen Lebens: er musste den Araber – und den Palästinenser –, den inneren ebenso wie den äußeren, in einer Art wechselseitiger Widerspiegelung von sich weisen. Um nicht mehr „arabisch“ zu sein, musste er den Araber, der er doch gewesen war und der sich in Gebräuchen, Gestik, Sprechweise, Aussehen zeigte, aus sich herausreißen. Eine neuartige und umgekehrte Form des „Selbsthasses“. Der Araber erinnerte an das, was man nicht mehr sein wollte, was man nicht mehr sein durfte und was man ja doch gewesen war. Hinzu kommt noch die belastende Situation des Exils, eine noch unentschiedene und schlecht verarbeitete Geschichte, die immer wieder und trotz aller Bemühungen, sie zu verbergen, zum Vorschein zu kommen droht.

Im Grunde hatten diese Juden nirgends Gelegenheit, das Heimweh nach ihrer Geschichte zu pflegen, außer in der Romanliteratur, die allein ihm aber wohl nicht zum Durchbruch verhelfen kann. Diese aus muslimischen Ländern gekommene jüdische Identität, der man das Heimweh verwehrt hat, ein Gefühl, das das Erlebte schöner und positiver erscheinen lässt, konnte nur Abneigung gegen das Muslimische – und vor allem gegen das Arabische – nähren.

Das Problem besitzt in Israel besondere Brisanz, denn dort ist das Arabische ja tatsächlich präsent und wenn es dies einmal nicht ist, so wird es wie durch einen immer wieder zurückkehrenden Bumerang durch den Konflikt wieder präsent gemacht. Und doch könnte die Identifikation mit den Palästinensern für einen in Israel lebenden, aus dem östlichen Mittelmeerraum stammenden Juden eine Möglichkeit darstellen, sich selbst zu akzeptieren. Sich in dieser Form zu akzeptieren würde jedoch bedeuten, dass man jene bekämpfen müsste, die den Palästinensern wie auch den aus dem Nahen Osten stammenden Juden diese untergeordnete Stellung zugewiesen haben.