Judith und das liebe Vieh - Judith Reinhard - E-Book

Judith und das liebe Vieh E-Book

Judith Reinhard

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Beschreibung

»Mein Lebensmotto: Respekt vor der Kreatur, Demut vor dem Leben und insgesamt Bescheidenheit.«
(Judith Reinhard)


Die erfolgreiche Modejournalistin Judith Reinhard kehrt der Welt des Jetsets und Glamours den Rücken, um auf dem geerbten elterlichen Hof Rinder zu züchten. Ein guter und ein mutiger Plan, dachte sie - doch der Weg zu artgerechter Haltung, vom guten Tier zu gutem Fleisch ist abenteuerlich und steinig.
Eine ungewöhnliche Geschichte – amüsant und nachdenklich erzählt von Judith Reinhard und Bruni Prasske.
Dieses Buch fordert auf, über die eigenen Gewohnheiten nachzudenken.

  • Galloways statt Glamour – ein Neuanfang
  • Im Trend: »Wissen, was man isst.«
  • Nachhaltige Viehzucht – Fleisch essen mit Freude
  • Endlich im Einklang mit Natur und Tier - eine ungewöhnliche Lebensgeschichte

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Judith Reinhard

Judith und das liebe Vieh

Mein neues Leben auf dem Land

Mit Bruni Prasske

Für meinen Bruder Martin

Um die Persönlichkeitsrechte der in meiner Geschichte vorkommenden Akteure zu wahren, wurden Details wie Name, Beruf und Ort verändert bzw. anonymisiert.

Copyright © 2017 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See

Umschlagmotiv: © Uwe Böhm Fotografie, Hamburg

ISBN 978-3-641-20860-8V002

www.gtvh.de

INHALTSVERZEICHNIS

1 Gras ist zum Fressen da

2 Die Schöne, die Dicke und die mit den Warzen

3 Meine Tiere. Meine Weiden

4 Roter Nebel und indigofarbenes Gift

5 Schulbank drücken und Euter pflegen

6 Achtzig Morgen und ein anderes Leben

7 Mein erstes Fleisch

8 Tiere. Trecker. Tücken.

9 Der Doktor und das kranke Vieh

10 Mein erstes Kalb

11 Die Dicke lahmt

12 Anruf aus einer anderen Welt

13 Hof Wümmetal

14 Marktfrau im Winter

15 Willi und der Tod

16 Anders Schlachten und Bullen kneifen

17 Sanfter Tod auf dem Hof

18 Restaurants und glückliche Kunden

19 Feine Küchen und Fanpost aus Tokio

20 Die Dicke und ihr letztes Kalb

21 Himmelsboten des Glücks

Danke

1 GRAS IST ZUM FRESSEN DA

Als ich die Bürotür schloss und in den Wagen stieg, gab es nur den einen Gedanken: Ich will zu meinen Wiesen. Die Anziehung wurde umso stärker, je weiter ich in Richtung Norden kam. Ein Blick auf die Uhr. Nur für eine halbe Stunde, für einen kleinen Spaziergang, für ein kurzes Durchatmen. Im Mai ist es lange hell. Auf halber Strecke zwischen Bremen und Hamburg lag der Bauernhof an der Wümme. Automatisch setzte ich den Blinker und tauchte hinein in das Grün einer Moorlandschaft, die mir einst so vertraut gewesen, im Laufe meines Lebens aber immer fremder geworden war. Die Landstraße führte schnurgerade zu meinem Ziel, auf beiden Seiten vereinzelte Häuser und Höfe mit eigenen Zufahrten, wie es in Moorlandschaften üblich ist. Entwässerungsgräben zwischen den Wiesen, Birken, kleine Waldstücke und dann die Wümme. Fremden wird der Wasserlauf kaum auffallen, an den Straßenrändern geben nur zwei unscheinbare Geländer einen Hinweis auf ein Gewässer. Und dann endlich der freie Blick auf meinen Hof.

Nach dem Öffnen der Tür hörte ich Vogelgezwitscher und den Wind im frischen Eichenlaub. Mit dem nächsten Atemzug hatte ich den Duft der Wümmewiesen in der Nase und ließ ihn tief in meine Lungen.

Im Kofferraum standen neuerdings ein Paar Gummistiefel, und so schlüpfte ich aus meinen feinen Business-Sneakers. Rasch noch eine Weste über die weiße Bluse, fertig. Hinter der Scheune lagen die Weiden und der Fluss. Ein altes Gatter hing schief in den Angeln und knarrte unter meinem Druck. Vor dem klaren Blau des Himmels schwebten dicke weiße Wolken. Ich fühlte den feuchten Boden unter meinen Füßen, der bei jedem Schritt ein wenig nachgab. Ein Trampelpfad führte zur Wümmebrücke, die aus Holzbohlen gezimmert war. Der Fluss war schmal und flach, manchmal konnte man sogar hindurchwaten. Unter bräunlichem Moorwasser schimmerte der Sand, das Ufer ist gesäumt von Erlen, hohem Schilfgras und vereinzelten Schwertlilien. Ich schaute über die Wiesen. Zwanzig Hektar gehörten zum Hof. Zweihunderttausend Quadratmeter landwirtschaftliche Weideflächen, Äcker zum Getreideanbau und Moor mit viel Wildwuchs. Was wächst dort hinter der Weide eigentlich, überlegte ich. Ist das Hafer oder Weizen? Ob die Sorte in den Pachtverträgen eingetragen ist? Ein Moorbruch mit Birken, deren weiße Stämme weithin leuchten, einige dunkle Kiefern und alte Bickbeerensträucher am Rand der Felder, gaben dem Ort etwas Wildromantisches.

Ich stapfte weiter, hin zur schmalen Straße am Friedhof und genoss die frische Luft und das Draußen sein. Einfach nur draußen sein, kein Dach über dem Kopf, keine Neonröhre an der Decke, keine Schreibtischlampe, kein flimmernder Bildschirm, kein Telefon. Instinktiv tastete ich nach meinem Handy. Nein, es war im Auto geblieben. Wie gut.

Als ich das rückwärtige Gatter erreichte, kam ein alter Mann vom Friedhofsgelände, eine Gießkanne hing am Lenker seines Fahrrades, ein Korb mit einer Hacke und Schaufel auf dem Gepäckträger befestigt. Er wollte gerade aufsteigen, als er mich sah.

»Bist du nicht Judith?«, fragte er und schob sein Rad in meine Richtung. Seine Stimme und seine Gestalt kamen mir bekannt vor. In seinem Gesicht entdeckte ich vertraute Züge von jemandem, den ich als Kind gekannt haben muss.

»Ja, Judith Reinhard und Sie? Sind Sie Otto Lührs? Ich war so lange nicht hier, habe Sie ewig nicht gesehen«, sagte ich ein wenig verunsichert. Ottos Milchvieh-Hof lag nicht weit von meinem Elternhaus entfernt.

»Kannst ruhig Otto sagen. Du bist doch ein Mädchen von hier. Wir siezen uns doch nicht.«

Ich hatte den Lührs-Hof vollkommen vergessen, aber zu meinem eigenen Erstaunen gefiel es mir, auf Anhieb erkannt und sogar als eine von hier bezeichnet zu werden. War ich das wirklich? Alteingesessene Moorbauern waren wir Reinhards jedenfalls nicht. In der Nachkriegszeit hatte es meine Eltern als junges Ehepaar hierher verschlagen. Im Moor wurde man nicht so einfach zu einer Hiesigen, auch nicht, wenn man hier geboren war. Unter den Bauern galten eigene und oftmals raue Regeln. Herzliche Gesten und überflüssige Worte gehörten nicht dazu. Und so wunderte es mich nicht, dass Bauer Lührs wortlos auf dem Gatter lehnte und über die Wiesen schaute.

»Das schöne satte Gras«, sagte er schließlich und ich folgte seinem Blick über mein Land, »gutes Futter für Tiere«, setzte er nach und nickte dabei mit dem Kopf, als wolle er sagen: Judith, schau doch mal, das ist gutes Land, und gutes Land kann ein Moorbauer nie genug haben.

Solche Männer wie Otto kannten hier jeden Winkel, vermutlich sogar jeden Baum. Das Gras stand wadenhoch, es war frisch und ein wenig feucht. Wasserperlen benetzten Blätter und Halme, bei genauerem Hinsehen entdeckte ich Klee, Löwenzahn und bunte Blüten unbekannter Kräuter und Blumen. Manche Halme waren deutlich höher als andere. Es sah appetitlich aus, wie auf den Werbefotos für moderne Salate mit blühender Kresse. Was hatte er gesagt? Gutes Futter für Tiere? Damit mochte er recht haben. Dieses Gras konnte Tiere nähren. Tiere konnten darauf grasen. Es war sicher nicht nur dafür da, mir einen Abendspaziergang nach einem anstrengenden Arbeitstag zu ermöglichen, mich mit Düften zu verwöhnen und ein Gefühl von Freiheit zu schenken, sondern es ließ sich daraus etwas machen. Ich könnte daraus etwas machen, schoss es mir durch den Kopf, etwas Sinnvolles.

Ich musste Bauer Lührs angeschaut haben, als habe er etwas Großartiges von sich gegeben. Er lächelte und nickte ein weiteres Mal.

»Ja«, sagte ich rasch, »hier wächst richtig gutes Gras.« Die Worte kamen wie von selbst, und meine Gedanken überschlugen sich förmlich. Als habe er mir eine Weisheit anvertraut, musste ich plötzlich an den Kreislauf der Natur denken, an das Wachsen, an das Fressen von Gras und das Gefressenwerden. Der Mai war nicht nur gekommen, damit ich meinen Daunenmantel in den Schrank hängen und gegen eine Daunenweste eintauschen konnte. Sondern diese Jahreszeit ließ das Gras wachsen, das Gras auf meinen Wiesen. Tiere könnten es fressen, und wir Menschen könnten uns von diesen Tieren ernähren. Mir gefiel der Gedanke. Zwanzig Hektar Land waren nicht viel, aber auch nicht wenig. Ich wusste so gut wie nichts über Landwirtschaft und Tierhaltung, aber der Wunsch nach einer sinnvollen Tat oder gar Tätigkeit ging mir schon länger durch den Kopf. Über viele Jahre waren der berufliche Erfolg in der Modebranche, die Anerkennung durch meine Auftraggeber und das Streben nach größeren und noch erfolgreicheren Projekten ein Ansporn für mich gewesen. Aber in letzter Zeit hinterfragte ich meine Rolle in diesem Geschäft immer öfter.

Gutes Gras und weidende Tiere erschienen mir plötzlich um ein Vielfaches sinnvoller als kurzlebige Mode und ihre profitorientierte Vermarktung. Ich habe Weiden und diese Weiden sind Futter! Mich beglückte diese Vorstellung geradezu. Über Jahre hatte ich den Großteil des Landes Pächtern überlassen, den Rest dem Lauf der Natur, das Hofgebäude an ein junges Paar vermietet und keine Zukunftspläne für die Wümmewiesen geschmiedet. Dieses Land ist eine ferne Vergangenheit für mich, aber doch keine Zukunft – hatte ich immer gedacht. Mein aufreibender Job ließ mir ohnehin keine Zeit für Träumereien und Veränderungen, und Weidebewirtschaftung passte definitiv nicht in meine Welt. Man hatte mir zwar schon einige Male geraten, meine Weiden gelegentlich mähen zu lassen, weil sie sonst verkrauteten, aber ich hatte wenig Lust mich damit zu befassen und liebte die Wiesen, so wie sie waren.

»Vielen Dank«, sagte ich zu Otto Lührs, der mich nun musternd anschaute. Da konnte ich hundertmal im Moor geboren sein und die Kindheit hier verbracht haben. Jetzt stand ich doch wie eine Fremde in ungewöhnlicher Kleidung auf sattem Grün. Meine kurzen dunklen Haare waren streng nach hinten gekämmt, keine einzige Strähne tanzte aus der Reihe, das Make-up zwar dezent, aber dennoch sichtbar, meine Hände gepflegt, die Bluse mit Stehkragen makellos und die Hose weit entfernt von Freizeit- oder gar Arbeitskleidung. Für einen kurzen Moment sah ich mich mit seinen Augen und spürte, ich gehöre hier schon lange nicht mehr dazu. Ich bin keine von ihnen, ich bin kein Wümme-Mädchen mehr. Es kam mir so vor, als könne ich seine Gedanken lesen: Die Judith hat sich verändert. Die Leute sagen, dass sie viel auf Reisen ist, oft in Amerika.

»Was wird denn nun aus dem Hof?«, wollte Otto wissen und schaute zum Haus und der Scheune.

»Das Haus ist vermietet.«

»Aber die haben keine Tiere.«

»Nein, das Paar handelt mit Kleintierfutter. In der Scheune lagert Hunde- und Katzenfutter.«

Otto stieg mit einem ich sach mal Tschüss und einem Handzeichen als Abschiedsgruß aufs Rad und fuhr davon. Seine Gießkanne konnte ich noch eine Weile am Lenker baumeln sehen. Otto hatte etwas Bedeutendes gesagt. Hier gab es Ressourcen, deren Nutzung sinnvoll war. Vielleicht konnte ich hier sogar etwas Nachhaltiges schaffen, für mich und für andere, eine kleine Oase, meinen eigenen kleinen und ehrlichen Beitrag für etwas Gutes. Zwanzig kleine Hektar in unserer großen Welt.

Selbst jetzt um halb zehn am Abend war es noch hell. Ich stand auf der Brücke und schaute über die Wiesen. In Ufernähe entdeckte ich Rehe, wenig später einen Fasan. Im Westen zeigte der Himmel einen roten Schein, im Süden leuchtete er hell und versprach einen schönen Sommer. So zumindest deutete ich den milden Abend. Mein Blick ging hinüber zum Haus. Es schien sich unter den hohen Eichen zu ducken und wirkte behütet. Es war vor Jahrzehnten modernisiert worden und hatte seinen bäuerlichen Charme verloren. Mein Vater hat es seinen Nachkommen hinterlassen. Gewohnt habe ich in diesem Haus nie, aber das Land kenne ich dennoch. Im Moorbruch haben wir damals gespielt und auf den Inseln zwischen den Moorkuhlen unsere Festungshöhlen gebaut. Dort konnte man sich gruseln und dabei ausmalen, wie Eindringlinge sich im Moor verliefen und darin einsanken. Am Ende eines schönen Sommertages schmeckten uns die frischen Bickbeeren. Manchmal nahmen wir einen Eimer mit und pflückten genug für dick belegte Eierpfannkuchen. Nie wieder habe ich köstlichere Heidelbeeren gegessen.

Gern wäre ich länger geblieben, aber der Schreibtisch zu Hause wartete. In der Nacht musste ich einen Kunden in Asien anrufen. Es wurde Zeit. Ich sollte schleunigst weiterfahren. Bevor ich die Gummistiefel auszog, schaute ich noch einmal zurück. Schade um das schöne Gras. Es wuchs langsam heran und es war gutes Gras, wie Otto sagte. Ich sollte es wirklich nutzen. Wenn es schon so langsam heranreifen musste, bis es gut war, dann sollte dieses Wachsen auch einen Sinn haben. In meinem Beruf ging immer alles schnell. Mode war zu einer Massenware und fast schon zu einem Wegwerfprodukt geworden. Ein T-Shirt für fünf Euro, wie konnte das sein? Entworfen, hergestellt, verschifft, vermarktet, verkauft, getragen und aussortiert innerhalb von wenigen Monaten. Es gab keine Langlebigkeit, nur noch den schnellen Konsum. Das störte mich und ganz allmählich blieb meine Leidenschaft für Mode auf der Strecke. Ich war nicht mehr überzeugt von meinem Tun. Es war kein ehrlicher Schaffensbereich mehr, sondern eine künstliche Welt mit künstlich angeregten Bedürfnissen. So erschien es mir immer mehr. Gras und Tiere waren sicher viel echter und ehrlicher, erträumte ich mir. Alle Welt redete von Klima- und Ressourcenschutz. Wo war meine Rolle? Ich hatte einen Hof und zwanzig Hektar Land.

Wenig später lernte ich bei der Geburtstagsfeier eines Freundes Charlotte kennen. »Ich habe Galloway-Rinder«, sagte sie, nachdem ich ihr von meinem Land erzählte, »das sind tolle Tiere, und sie machen fast keine Arbeit. Die stellst du auf die Weide, im Sommer wie im Winter. Die bleiben immer draußen. Zweimal im Jahr machst du eine Wurmkur, das war’s schon. Die fressen dir dein Gras runter und geben gutes Fleisch. Galloways sind echt super.«

Charlottes Begeisterung für diese Tiere wirkte ansteckend. Sie bot mir an, das Fleisch ihrer Galloways zu probieren. Erst kürzlich sei ein Rind geschlachtet worden und bald abgehangen. Den halben Abend löcherte ich sie mit Fragen.

»Für deine Wiesen solltest du dir ein paar junge Färsen oder besser Absetzer kaufen, weibliche Absetzer, die halten das Gras schön kurz. Die kannst du mit gut zwei Jahren belegen lassen und dir eine Herde aufbauen«, riet Charlotte und nippte an ihrem Rotwein. Nach Rinderzüchterin sah sie wirklich nicht aus. Zu ihrem edlen Sommerkleid trug sie passende Slingpumps, ihr Schmuck war geschmackvoll, die Fingernägel dezent lackiert. Im Kuhstall traf man sie vermutlich selten an, aber hatte sie nicht selber gesagt, die Tiere seien zwölf Monate im Jahr auf der Weide? Sehr interessant. Zu später Stunde plauderte ich mit anderen Partygästen über ganz andere Themen. Hier trafen sich Leute aus der Modebranche und Redakteure von Frauenmagazinen. Einige Gäste kannte ich noch von meiner Zeit bei einem großen Modemagazin. Dort hatte ich nach dem Designstudium meine Laufbahn als junge Moderedakteurin begonnen. Das war der Auftakt für meine internationalen Geschäftsreisen. Die großen Modenschauen in London und Paris gehörten dabei zum festen Programm. Fotoreisen führten mich auf die Kanarischen Inseln und die Bahamas, nach Los Angelas, Miami oder New York.

Am späten Abend hörte ich Charlotte über Rennpferde plaudern, was mir weitaus kurzweiliger für die anderen Gäste erschien als das Thema Viehzucht. Angesichts der ungewohnten landwirtschaftlichen Vokabeln von Charlotte, musste ich schmunzeln und freute mich dabei über mein gutes Gedächtnis. Die Sprache der Viehhändler hatte ich als Kind aufgeschnappt. Färsen sind weibliche Rinder bis zur ersten Kalbung und Absetzer junge Tiere, die noch nicht lange von den Eutern ihrer Mütter abgesetzt waren. Und das Belegen war nichts anderes als ein Schwängern der Kühe durch einen Bullen. Aber woher würde ich einen Bullen bekommen, überlegte ich ernsthaft und schmiedete bereits Pläne für einen Besuch bei Charlotte. Es machte mir jetzt zunehmend Spaß, über Tiere, Rinderhaltung und Viehzucht nachzudenken. Mit sechzehn Jahren hatte ich dieser Welt, dem Moor und den Wümmewiesen den Rücken gekehrt, war in die Stadt gezogen und nie zurückgekommen. Bis jetzt.

Den Nachmittag hatte ich mir frei gehalten und fuhr an die Wümme. Unterwegs suchte ich im Handschuhfach nach etwas Süßem, aber meine Hand tastete während der Fahrt vergeblich über Unterlagen, Cremetuben, Lippenstifte und Ladekabel. Wie so oft hatte ich den ganzen Tag noch nichts gegessen. Meistens vergaß ich es schlichtweg, oder ich hatte keine Zeit und es mangelte an Gelegenheiten. Mit Mühe konnte ich meine Kleidergröße 36 halten, einige Hosen rutschten bereits.

Als ich aus dem Auto stieg, zitterten mir die Hände. Ich war vollkommen unterzuckert. Auf der Wümme-Brücke stehend, musste ich an meine Mutter und ihre Kochkünste denken. Bei den Reinhards gab es häufig Fleischgerichte, und ich war eine gute Esserin. Während andere Kinder gierig nach Nudeln mit Ketchup waren, konnte man mir jederzeit ein Kotelett auf den Teller legen. Eine Spezialität meiner Mutter war ihr Nierenragout. Wo wird so etwas heute noch angeboten? Und auch ihr Gulasch oder ihr saftiger Rinderbraten waren köstlich! Beim Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen. Rinderleber mit gebratenen Zwiebeln! Ich sollte unbedingt mal wieder aufwendig kochen. Schon überlegte ich, wo es gutes Fleisch gab. Der Hamburger Isemarkt bot zwar eine exquisite Auswahl, aber zur Marktzeit war ich entweder in meinem Büro oder bei Kunden. Oft bedauerte ich es, kaum noch zu kochen und nur selten ein Proviantpaket dabeizuhaben. In meiner Branche wurde ohnehin nur wenig gegessen. Die meisten Frauen wollten unbedingt schlank sein. Deftige Fleischgerichte gehörten nicht in diese Welt. Seit ewigen Zeiten hatte ich kein perfekt gebratenes Kotelett mehr auf dem Teller gehabt. Jetzt hätte ich einiges dafür gegeben. Fast genauso glücklich wäre ich über ein hausgemachtes Hacksteak. Der Hunger machte mich noch verrückt. In meiner Jackentasche fand ich einen Kaugummi und hätte heulen können. Ein Himmelreich für ein Salamibrot. Ich lachte laut auf und dachte an die große Mittagsrunde, die sich früher beinah jeden Tag in unserer Küche versammelt hatte.

Tante Friedel, unsere Haushaltshilfe, war eine emsige Person gewesen und hatte stets ein Auge auf jeden und alles. Beim Viehhändler Reinhard waren immer diverse Helfer vor Ort. Es herrschte ein reges Treiben, LKWs mit Rindern kamen, andere luden Pferde auf, Futter wurde geliefert, Traktoren mit Heu und Stroh fuhren zu den Unterständen. Einmal stoppte ein Transporter mit Hunderten von Hühnern vor der Einfahrt. Der Fahrer zeigte meiner überraschten Mutter den Lieferschein. Mein Vater hatte die Tiere offenbar irgendwo günstig ersteigert, ohne dass der Hof über geeignete Ställe für Federvieh verfügte. Meine Mutter hatte nur kurz mit dem Kopf geschüttelt und kein Wort über ihr Missfallen verloren. Bei Reinhards ging es eher nüchtern, vor allem aber betriebsam zu. Jeder schien mit sich selber beschäftigt zu sein und irgendeine Aufgabe erledigen zu müssen. Für Herzlichkeit fehlte oft die Zeit. Und so saßen wir Geschwister nach der Schule mit unserer Mutter, Tante Friedel und vier bis fünf Helfern und Fahrern gemeinsam vor dampfenden Kartoffeln, deftigen Soßen, Erbsengemüse und Fleischplatten. Meiner Mutter war es wichtig, dass alle satt wurden. Der Tisch war der Ort der Gemeinsamkeiten auf unserem Hof. Da sprach man dann auch über das Essen und am liebsten über das Fleisch, während man hastig weiter aß. Vielleicht war es sogar die größte Gemeinsamkeit, überlegte ich. Ich saß immer neben Martin, meinem fünf Jahre älteren Bruder. Unser ältester Bruder Andreas war zehn und Sabine acht Jahre älter als ich. Unser jüngster Bruder Marcus kam als Nachzügler sechs Jahre nach mir auf die Welt. Mein Vater war bei den Mittagsrunden nur selten dabei. Er war stets beschäftigt, ein umtriebiger Mann, der überall seine Geschäfte mit Tieren machte.

Mein Magen knurrte und brachte mich auf eine Idee. Ich griff zum Handy und rief Charlotte an.

»Ich würde gern mal das Fleisch deiner Tiere probieren«, kam ich nach der Begrüßung sofort auf den Punkt.

»Dann komm doch vorbei, es sind nur anderthalb Stunden von Hamburg in Richtung Flensburg, wenn die A7 frei ist.«

»Die ist doch nie frei.«

Charlotte lachte und machte den Vorschlag für ein kurzes Treffen zur Fleischübergabe an einer Autobahnraststätte bei Hamburg in den nächsten Tagen. Dort habe sie ohnehin etwas zu erledigen.

Als ich zwei Tage später das 10 Kilogramm Galloway-Fleischpaket auf dem Küchentisch ausbreitete, kamen mein Mann und ich ins Grübeln. Was sollten wir mit diesen unterschiedlichen Fleischportionen anfangen? Ein Tier bestehe schließlich nicht nur aus Filetstücken, hatte Charlotte mich mit einem gespielt strengen Unterton aufgeklärt und deshalb sei in meiner Fleischlieferung etwas vom ganzen Tier dabei. Gallowayfleisch sei sehr gesund und nicht mit konventionellem Rindfleisch zu vergleichen. Die Tiere ständen schließlich das ganze Jahr auf der Weide und würden langsam wachsen. Ich würde es schon selber merken, es schmecke ausgezeichnet und gebe Kraft. Ich fand Knochen, Hack, einen Braten, Gulasch, Suppenfleisch, Rouladen und Steaks in dem Paket. Wie lange hatte ich keine Rouladen mehr gegessen? Charlottes Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Galloways machen keine Arbeit. Wenn das so ist, dann sollte ich es vielleicht mal ausprobieren und mir doch Tiere zulegen. Sie könnten das Gras fressen, auf den Wiesen würde es nicht nutzlos gedeihen und irgendwann hätte ich sogar mein eigenes Fleisch.

2 DIE SCHÖNE, DIE DICKE UND DIE MIT DEN WARZEN

Mein Suchbegriff lautete Galloways-kaufen und führte mich zur Seite von galloway.de mit dem Tiermarkt. Dort schaute ich nicht danach, was verkauft wurde, sondern wo. Oberste Priorität hatte die Lage von Landwirten in Autobahnnähe. Dort wollte ich schnell mal hin, rasch ein paar Tiere anschauen und vielleicht sogar direkt kaufen. Schnelle Entscheidungen fielen mir ja sonst auch nicht schwer. Bei Nienburg wurde ich fündig.

Es dauerte lange, bis der Anbieter ans Telefon ging, und ich stellte mir vor, wie ein lautes Klingeln über einen Bauernhof schallt, damit es auch in der hintersten Ecke gehört wird. So war es in meinem Elternhaus, beim Viehhändler im Königsmoor.

»Ich interessiere mich für Absetzer und würde mir gern mal Ihre Tiere anschauen«, kam ich sofort zur Sache und fand mich souverän in der Bezeichnung der gesuchten Tiere.

»Joh, da hab ich einige laufen.«

»Am Mittwoch und Freitag dieser Woche bin ich gegen Abend, so zwischen sechs und sieben Uhr in der Nähe. Dann würde ich die Absetzer gern anschauen«, sagte ich.

»Joh, das können wir machen. Am besten Freitag.«

Er gab mir die Adresse und eine Wegbeschreibung. Und im nächsten Moment war ich schon wieder mit der Kollektion eines anspruchsvollen deutschen Labels befasst.

Damals war ich viel auf der Autobahn unterwegs und das zügige Fahren gewohnt. Schon vor der vereinbarten Zeit führte mein Navi mich über eine Landstraße auf einen Feldweg. Eichen säumten die Schotterstraße zum Hof, der einen modernen Eindruck machte. An das gelb geklinkerte Haus war mehrfach angebaut worden, wobei passender Stein offenbar keine Rolle spielte. In den Fenstern hingen halbhohe Gardinen über blühenden Orchideen. Ein gepflasterter Hof, Ställe und Landmaschinen zeugten von reger Geschäftigkeit. Tiere waren keine zu sehen.

Zu meinem Businessoutfit trug ich Ballerinas mit dezentem Paillettenbesatz. Meine Kleidung bestand fast immer aus einer weißen Bluse zur schwarzen Hose, manchmal auch zur Markenjeans. Nie trug ich gewagte Schnitte, laute Muster, Glanz oder gar Rüschen. Meine Kleidung war immer schlicht und hochwertig, mein persönlicher Schutzanzug, eine Art Uniform. Damit sorgte ich für Distanz. Von mir wurde erwartet, dass ich funktionierte. Mein berufliches Umfeld beurteilte ich ebenfalls nach funktionalen Kriterien. Es war wichtig für mich, souverän, unabhängig und selbstbestimmt zu wirken. Dazu passten keine modischen Experimente, die einem in der nächsten Saison womöglich übertrieben oder gar lächerlich erschienen. Ich mochte mein unangreifbares Outfit, mein stets gleiches Aussehen, mein gleiches kontrolliertes Verhalten, ganz so, wie ich es von meinen Coaches gelernt hatte. Seit ich als freiberufliche Marketingberaterin für unterschiedliche Konzerne der Modeindustrie tätig war, achtete ich noch mehr auf einen Stil, der in Hamburg genauso passend war wie in Paris oder New York.

Der Landwirt hatte mich kommen sehen und stand bereits in der Tür. Er schaute mich fragend an, und mein Blick folgte seinem hinunter zu meinen Füßen.

»Moin. Ich ziehe mir schnell mal Stiefel an«, sagte ich rasch und ärgerte mich ein wenig, nicht vorher daran gedacht zu haben.

»Moin, Frau Reinhard.« Er gab mir einen festen Händedruck und stand vor mir wie ein Berg. Herr Wesselmann hatte die geröteten Wangen eines Mannes, der viel Zeit im Freien verbringt. Rosig und frisch, ein wenig fleischig, zerzaustes Haar, nett. Ich kannte solche Gesichter von früher, nun sah ich sie eher selten. Seine Jeans steckten in gewaltigen Gummistiefeln, vermutlich mit Stahlkappen. So etwas tragen Menschen, die mit großen Tieren arbeiten, erinnerte ich mich.

»Die Absetzer stehen weiter hinten auf der Weide, da müssten wir dann mit meinem Wagen hin«, sagte er und deutete auf einen alten Jeep, dessen Farbe unter Schmutz und angetrocknetem Kuhdung kaum zu erkennen war.

»Züchten Sie, oder machen Sie noch etwas anderes?«, fragte ich ihn angesichts der Stallungen, diverser Fahrzeuge und Pfluggeräte von enormen Ausmaßen.

»Mein Bruder hat den Hof übernommen, ich mach das mit den Galloways nur nebenbei. Macht aber Spaß, gute Tiere. Und gutes Fleisch. Wir schlachten selber.«

Er erklärte mir sein Konzept der Direktvermarktung an einen kleinen Kundenstamm. Mit jedem Satz wurde der Mann mir vertrauter. Seine Art zu sprechen, weckte längst verschüttete Erinnerungen, dieses ländliche Norddeutsch, schnörkellos, klar und mit Pausen, in denen man Luft holen und das Gehörte verdauen konnte. Solche Typen waren mir abhandengekommen. Noch am Vormittag hatte ich im Konferenzraum eines Hotels vor einer Handvoll elegant gekleideter Herren gestanden und ihnen ein Vermarktungskonzept für ihre Modelinie präsentiert. Als hätten sie sich abgesprochen, trugen sie schwarze Brillen auf den Nasen und waren in Markenhemden gekleidet, die perfekt zu ihren Anzügen passten. Unter ihren Fingernägeln fand sich kein Makel. Nie ließ ich mir anmerken, wie sehr es mich störte, wenn sie während meines Vortrags auf ihren Blackberrys herumtippten. Ihrer jeweiligen Funktion im Konzern war ein Head of vorangestellt. Herrn Wesselmann nannte ich im Stillen Head of Galloways und freute mich über den Schmutzrand unter seinen Nägeln. Für einen Blackberry waren seine Finger definitiv zu kräftig.

Beim Einsteigen legte er zwei Zettel aufs staubige Armaturenbrett und startete den Motor. Meine Füße fanden Platz auf einem geöffneten Werkzeugkasten. Überall lagen Kabel und Zangen herum. Während wir über Feldwege rumpelten, sprach Wesselmann über den Ackerbau seines Bruders, seine eigene kleine Baufirma und das Nebengeschäft mit den Galloways. Seine Offenheit gefiel mir. Ob er meinen Vater gekannt hat? Oder war er dafür zu jung? Warum dachte ich überhaupt darüber nach? Frau Reinhard! Das sagte er mit einer großen Selbstverständlichkeit.

»Da steht ’ne Kuh allein mit ihrem Kalb. Das Kleine ist erst eine Woche alt. Und hier habe ich noch ein paar Weiße. Und die Mollige da, ist eine Schlachtkuh«, sagte er und deutete auf Weiden und Tiere. Momentan habe er an die achtzig Galloways. Ich staunte über die große Zahl, aber Charlotte hatte ja auch gesagt, die Tiere machten kaum Arbeit. Wenn Herr Wesselmann achtzig Galloways nebenbei halten konnte, dann sollte ich wohl keine Bedenken beim Kauf von zwei Kühen haben.

»Und das ist unsere Färsen- und Absetzerweide.« Er bremste, griff nach seinen Zetteln und stieg aus. Ich ging ihm hinterher.

»Vorsicht, auf dem Zaun ist Strom«, sagte er, hakte etwas aus, um die Elektrizität zu unterbrechen und deutete auf den freien Zugang zur Weide. In einiger Entfernung stand eine Herde tiefschwarzer Rinder mit wuscheligem Fell. Schöne Wesen. Die meisten von ihnen schauten herüber. Ihre Blicke konnte ich nicht deuten. Es waren viele, und sie hatten wenig gemeinsam mit den Abbildungen von Milchkühen auf den Verpackungen im Supermarkt. Sie wirkten ungezähmt und eigenwillig. Für einen Moment zögerte ich, aber Herr Wesselmann nickte kurz. Dann war ich durchgeschlüpft und der Stromdraht wieder eingehakt. Ich blieb dicht beim Bauern, der außer den Papieren auch einen Eimer mitgenommen hatte, dessen Inhalt ein klapperndes Geräusch machte.

»Das sind Rübenschnitzel, Frau Reinhard, die mögen’se gern, schön süß, dann komm’se.«

Im Nu bewegte sich die Herde in unsere Richtung. Erst langsam und zögerlich, dann deutlich schneller. Es waren zwanzig oder dreißig Tiere, die nun sogar ins Laufen kamen. Ich bemühte mich ruhig zu bleiben.

»Alles gut, alles guut, koommt, koommt!«, rief der Bauer unentwegt und raschelte mit seinem Eimer.

»Oh, die laufen ja direkt auf uns zu. Was soll ich machen?«, wollte ich wissen. Längst vergessene Bilder einer Milchkuh, die mich als achtjähriges Mädchen umgeworfen hatte, kamen mir ausgerechnet jetzt in Erinnerung. Als ich damals auf dem Boden lag, hatte die Kuh sogar noch mit dem Kopf nachgestoßen. Wie sich später herausstellte, hatte das Tier ein Problem mit Kindern. So etwas kommt aber eher selten vor. Nun war ich eine erwachsene Frau, trug einen dunklen Mantel und hohe Stiefel, machte mich größer als ich war und versuchte ruhig zu bleiben. Träge wirkten diese jungen Galloways keinesfalls, und so atmete ich tief durch und rückte näher an Herrn Wesselmann heran.

»Können sich was aussuchen, Frau Reinhard.«

»Wie soll ich das denn machen?«

Als er mir nicht antwortete, sondern konzentriert Rübenschnitzel an die Tiere verteilte, die inzwischen kurz vor uns Halt gemacht hatten, war ich verunsichert. In meinen Augen sahen sie alle gleich aus. Schöne schwarze Tiere mit schwarzen Augen und ohne Hörner. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte ich gewisse Unterschiede in Größe und Körperfülle. Eine schlanke Figur ist hier womöglich kein gutes Zeichen. Größe, Gesichtsausdruck, lange Beine, gute Proportionen, Ausstrahlung, aufrechter Gang? Meine vertrauten Kriterien brachten mich nicht weiter. Aber ich wollte sichergehen und zwei Tiere auswählen, die mir gut gefielen und irgendwie sympathisch waren. Es ging hier schließlich nicht um den Kauf einer Sache, sondern um Lebewesen. Zwei junge Rinder waren mittendrin im Getümmel, drängelten sich um die Rübenschnitzel und blickten kauend immer wieder in meine Richtung. Ihre Ohren standen aufrecht, während sie mit ihren Zungen über die feuchten Schnauzen leckten. Das gefiel mir. Die eine war kräftig und hatte ein schönes breites Kreuz. Sie sah gesund, munter und kraftstrotzend aus. Mit ihren dunklen Augen schaute sie immer wieder zu mir herüber. Ihr Blick war wach und ausdrucksstark.

»Die da, Herr Wesselmann, die finde ich gut«, sagte ich und deutete auf die Dicke.

Die andere hatte sehr gute Proportionen und war besonders hübsch anzusehen mit ihren vielen kleinen schwarzen Locken am Kopf. Als trage sie ein Persianerfell. Am besten gefielen mir aber die langen Haarsträhnen unter den Ohren und erinnerten mich an den Hippie-Look. Eine Superkuh, wie ich fand. Die Schöne, nannte ich sie im Stillen.

»Und was ist mit der hier, die nun direkt vor mir steht? Was ist mit den beiden?«, wollte ich wissen und deutete auf beide gleichzeitig, bevor sie sich womöglich wegdrehten.

»Ja, die können Sie beide haben.«

»Wie alt sind die denn?«

»Schauen Sie mal auf die Ohrmarken. Erkennen Sie die Nummer?«, fragte er, setzte sich eine Brille auf die Nase und griff nach seinen Zetteln. Nun kamen also die ominösen Papiere ins Spiel. Darauf war jedes einzelne Tier mit Ohrmarke und Geburtsdatum vermerkt. Die beiden waren elf und vierzehn Monate alt.

»Was sollen die denn kosten?«

»Pro Stück 450 Euro.«

»Das ist dann aber mit Anlieferung.«

»Auch noch? Wo müssen die denn hin?«

»Keine Stunde von hier entfernt.«

»Hm, muss ich mal durchrechnen, na ja, sind Ihre ersten Tiere, sagten Sie. Damit soll es also losgehen. Gut, dann machen wir das. Ich kann Ihnen die beiden Viecher vorbeibringen. Ist ein guter Kauf. Werden Sie nicht bereuen.«

Ich warf einen letzten Blick auf die Galloways mit den Nummern. Sie kauten Rübenschnitzel. Meine ersten Tiere. Als die Wohlproportionierte über ihre Nase leckte, kam eine blau-graue Zunge zum Vorschein. Rasch schaute ich den anderen aufs Maul. Tatsächlich, alle hatten blaue Zungen.

»Und was mache ich, wenn es nicht klappt? Wenn ich mit den Tieren nicht klarkomme, oder die Tiere nicht mit mir?«

»Zwei Tiere sind doch nix. Die werden geschlachtet, das Fleisch geht im Bekanntenkreis doch so weg. Der Rest kommt in die Truhe«, sagte Herr Wesselmann mit einer Selbstverständlichkeit, die alle Bedenken vom Tisch wischte. Auch wenn ich keine Truhe hatte, schlug ich ein. Damit war der Kauf besiegelt. Kurz vor dem Zaun rutschte mein rechter Fuß wie auf Schmierseife ein Stück zur Seite. Als ich den frischen Kuhfladen sah, wollte ich den Dreck unter meinem Stiefel irgendwie loswerden und streifte ihn im sauberen Gras ab. Als Reste am Profil haften blieben, war es mir auch egal, seltsam egal. Kuhfladen gehörten nun mal dazu. Das war mir bewusst, und so fremdelte ich nur ein ganz klein wenig mit der schmierigen Masse. Irgendwo musste bei mir etwas Stallgeruch von damals hängen geblieben sein, merkte ich nicht ohne Stolz. Herr Wesselmann wird sicher einen Außenwasserhahn am Haus haben, vielleicht auch einen Bottich mit Regenwasser und einer Bürste. So war das jedenfalls früher bei den Reinhards.

»Soll ich die Tiere morgen bringen?«, wollte er wissen, während er die Beifahrertür öffnete und den Werkzeugkasten in den Laderaum hievte.

»Was? So schnell? Nein, lieber nächsten Samstag. Morgen bin ich nicht an der Wümme. Nächsten Samstag kann ich es einrichten«, sagte ich und stellte mit einem Blick auf den Bodenraum fest, dass ich nicht der erste Passagier mit eindeutigen Stiefelspuren war.

»Gut, das Geld haben Sie dann auch da?«

»Ja, das kann ich Ihnen dann geben.«

Noch schneller als üblich fuhr ich nach Hause.

»Volker, ich muss dir was sagen! Ich war bei einem Züchter und habe zwei Rinder gekauft, Galloways. Sie werden uns das Gras von den Wümmewiesen fressen.«

Mein Mann stand in seiner Werkstatt an der Säge und war mit maßgearbeiteten Möbeln aus Edelhölzern für einen Hamburger Architekten beschäftigt. Seinem Gesicht nach zu urteilen, war er mit seiner Arbeit zufrieden. Er liebte anspruchsvolles Handwerk. Bei solchen Aufträgen konnte er sein gesamtes Können zeigen und mit schönen Materialien arbeiten. Meine Worte schienen ihn allerdings ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Er schaltete die Maschine aus und schob seine Schutzbrille in die Stirn. Sägespäne hingen in seinen Haaren und an seinem ausgewaschenen Shirt, die er mit seinen Händen abzuklopfen versuchte. Volker unterstützte mich, wo er konnte. Ob das auch für Tierhaltung galt?

»Rinder?«