Jules Welt - Das Glück der handgemachten Dinge - Marina Boos - E-Book

Jules Welt - Das Glück der handgemachten Dinge E-Book

Marina Boos

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Beschreibung

Haben Sie's schon mal getan? Etwas selbst gemacht? Dann wissen Sie ja, wie wunderbar sich das anfühlt. Jule kennt es gut, das Glück der handgemachten Dinge. Deshalb beginnt sie, kleine Anleitungen ins Fenster ihres Dorf Cafés zu hängen: Tipps, Rezepte, Ideen rund um Handarbeiten, Basteln, Kochen und den Garten. In kurzer Zeit entwickelt ihr Café sich zum beliebten Treffpunkt für alle, die ihrer kreativen Seite Raum geben möchten. Für Jule fangen die Probleme damit zwar erst an – für die Leserinnen gibt es dafür viele Momente zum Schmunzeln, ein eigenwilliges Huhn, Jules Tipps und Rezepte und natürlich ein Happy End mit allem Drum und Dran.

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EPUB
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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Marina Boos

Jules Welt – Das Glück der handgemachten Dinge

Ein Kreativ-Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Jule kennt es gut, das Glück der handgemachten Dinge. Trotzdem ist die Weltenbummlerin kurz vor ihrem einundreißigsten Geburtstag auf der Suche nach den drei großen Buchstaben des Lebens: HLL – Heimat, Liebe, Lebensaufgabe. Um das alles zu finden, beschließt sie in den Geburtstort ihrer Großmutter zu ziehen und dort ein altes Café wiederzueröffnen. Ihre Idee: Ihr Lokal soll das erste Kreativ-Café Deutschlands werden, ein Ort, an dem sich alle, die ihrer kreativen Seite Raum geben möchten, treffen können. Deshalb hängt sie regelmäßig kleine Anleitungen ins Fenster: Tipps, Rezepte, Ideen rund um Handarbeiten, Basteln, Kochen und den Garten. In kurzer Zeit entwickelt ihr Café sich zum beliebten Treffpunkt. Für Jule fangen die Probleme damit allerdings erst richtig an, denn nicht alle Einwohner sind von Jules Plänen begeistert.

Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Und so wird’s gemacht

Allgemeine Hinweise

Käsestangen

Jules Grußkarte

Wandschablonen

Pfefferminz-Zitronenmelissen-tee

Zuckerpeeling

Badeschokolade

Badebomben

Schwammklößchensuppe

Urlaub für die Zunge – Rund-um-die-Welt-Marmelade

Hochbeet bauen

Schwarzwälder Kirschtorte

Mosaiktisch

To-do-Vorfreude für die Wand

Teller verzieren

Eistee

Kapitel 1

Wie war das noch gleich? Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne?

Jule schüttelte den Plastikbecher, bis der Quark ins Sieb plumpste.

Nein, anders: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Von wem war das noch mal?

Der Quark tropfte vor sich hin, und Jule wollte einfach nicht einfallen, welcher Dichter diese Weisheit von sich gegeben hatte. Obwohl es eigentlich egal war, denn den entscheidenden Punkt hatte er übersehen: Einen zauberhaften Anfang konnte es nur nach einem Ende geben. Und Enden waren selten zauberhaft.

Ende, Anfang, Ende, die Sachen dazwischen. Gehört schließlich alles zusammen. Also: Wo bleibt der Zauber?

Die Mehltüte war leider ebenfalls am Ende, Jule warf sie in den Papiermüll. Vielleicht kann sie ja als Eierkarton neu anfangen. Hesse! Hermann Hesse hat das gesagt!

Schade. Für eine Diskussion über unschöne Anfänge war der nicht mehr greifbar. Und selbst wenn: Jule half das gerade überhaupt nicht. Fürs Erste musste sie die Augen fest zukneifen und weitermachen. Beziehungsweise neu anfangen. Jule hätte ja mit ihrem bisherigen Leben gerne so weitergemacht. Es war praktisch, bequem und gut.

Gewesen, Jule, gewesen. Vergangenheit.

Begleitet von einem Seufzer, schob sie ein paar ausgebüxte, wellige Strähnen zurück in ihren kurzen Pferdeschwanz. Eine Sekunde später kringelten sie sich wieder vor ihrer Nase und störten beim Backen. So wurden die Käsestangen ja nie fertig! Und vom Grübeln erst recht nicht.

Vorsichtshalber warf sie einen schnellen Blick in ihre Kladde. Sie hatte schon lange keine Käsestangen mehr gebacken und wollte auf Nummer sicher gehen. Diese Kladde war einmal für die Buchhaltung gedacht gewesen, vermutlich in den Fünfzigern. Jule hatte sie als Jugendliche bei der Wohnungsauflösung ihres Großvaters abgestaubt. Seither füllte sie die Seiten mit ihren Erfahrungen in Sachen Basteln, Handwerken und Kochen. Anfangs hatte sie mit Post-its für ein wenig Ordnung gesorgt. Nach einigen Jahren waren diese allerdings zerfleddert gewesen, also hatte Jule Bastelkarton zwischen die Seiten geklebt und ein wenig überstehen lassen. Schließlich hielt nichts länger als ein Provisorium.

Ungehalten pustete Jule nach den Strähnen und öffnete eine neue Tüte Mehl. Locker aus dem Handgelenk verteilte sie die halbe Tüte auf der Arbeitsfläche. Darauf kippte sie den Quark aus dem Abtropfsieb und zwei Packungen Butter, in kleine Würfel gehackt. Heute gab es die doppelte Menge: Je ein Pfund Mehl, Quark und kalte Butter. Aus den Zutaten schichtete sie einen Berg auf, einen winzigen, butterspeienden Vulkan.

Energisch wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn und klebte die Strähnen damit endlich an eine andere Stelle. Sie biss sich auf die Lippe und lenkte ihre Gedanken zu den positiven Dingen des Tages. Musste ja gar nicht alles zauberhaft sein, nur weniger mies als die Ereignisse der letzten Stunden.

Der Sonnenschein beim Aufstehen, kam ihr in den Sinn. Dann das Frühstück mit Cora und Maike, stundenlanges Backen und Plattenrichten für Maikes dreißigsten Geburtstag, die große Reinfeier-Party heute Abend, der leckere Obstwein, der im Kühlschrank wartete.

Und schon kreisten Jules Gedanken wieder um die schlechten Neuigkeiten, die heute wie ein Hagelschauer auf sie niedergegangen waren: Anruf der Zeitung, viel Herumdruckserei. Leider könne man die mündliche Zusage für den Arbeitsvertrag nicht so einhalten wie geplant. Einwände des Controllings, wirtschaftliche Lage auf dem Zeitungsmarkt. Blabla. Bitte haben Sie Verständnis, liegt bestimmt nicht an Ihnen. Glauben Sie weiter an sich. Alles Gute für die Zukunft. Blabla.

Noch bevor Jule diesen Schock verdauen oder sich bei ihren Freundinnen ausweinen konnte, hatte Maike am Mittagstisch die Bombe platzen lassen: In zwei Wochen würde sie für ihren Traumjob umziehen. Statt wie geplant in Frankfurt zu arbeiten, ging es nach Berlin. Die Bank wollte mit neuen Gesichtern frischen Wind in die Firmenkundenbetreuung bringen.

Jules Finger tanzten durch das Mehl auf der Arbeitsplatte.

»ENDE«, schrieb sie und fügte vorn ein »BE« und hinten ein »N« hinzu. Nein, das war ihr zu negativ. Sie verwischte das »BE« wieder. Ihr Blick fiel auf einen der Teller mit Partyknabbereien.

Sie setzte ein »METT« an den Anfang und griff mit beiden Händen nach einem großen Messer. Mettenden war ein gutes Wort. Neutral und sehr lecker. Und irgendwie brachte es Jule zum Schmunzeln.

Alles wird gut. Alles fängt neu an, sagte sie sich in Gedanken. Das Ziel im Leben ist nicht das Ende, sondern das Leben selbst. Alles hat ein Ende, aber die Mettwurst hat zwei.

Dann zerhackte sie mit Schmackes ihren Berg aus Mehl, Butterwürfeln und Quark. Den Quark-Öl-Teig hätte sie natürlich auch einfach in einer Schüssel kneten können, aber Oma Wilhelmines althergebrachtes Gemetzel mit dem Messer war das beste Rezept gegen miese Stimmung. Außerdem wurde selbst der dauerfröstelnden Jule auf diese Weise warm, trotz der eisigen Januarluft, die durch das gekippte Fenster strömte. Die WG-Küche war bis zur Party am Abend eine improvisierte Kühlkammer.

Das Back-Gemetzel beanspruchte Jules Konzentration so sehr, dass sie Maike erst bemerkte, als diese sich über ihre Schulter lehnte und ihr ins Ohr flüsterte: »Backen ohne Gnade! Der neue Trend in deutschen Fernsehküchen!«

Jule quiekte und schnappte nach Luft. »Du Wahnsinnige! Tu so was doch nicht bei jemandem mit einem Messer!«

Maike grinste und pulte ein Loch in eine Frischhaltefolie, um an die Käsewürfel heranzukommen.

Für einen Augenblick ließ Jule von ihrem Teig ab.

»Finger weg!«, rief sie empört.

Der Würfel verschwand in Maikes Kirschmund. »Du wirkst ziemlich unentspannt. Was für einen Frosch hast du verschluckt?«

»Berlin, Maike. Berlihin!«

»Ja und?« Maike zuckte mit den Schultern. »Du warst ein Jahr lang in Japan, und wir haben dich vermisst. Ich gehe nach Berlin. Das ist quasi um die Ecke.«

»Japan ist über ein Jahr her. Es war eine Phase. Nicht so … lebenslänglich.« Jule pfefferte das Messer in die Spüle und walkte den Teig mit den Händen durch.

»Jule, bei dir ist alles fürs Leben und nach ein paar Monaten plötzlich eine Phase.«

In Jules Nacken kribbelte und spannte es. Maike hatte so ein Talent, Dinge auszusprechen, die sie nur allzu gern verdrängte.

»Danke, dass du den Finger in die Wunde legst.«

Sie konnte nicht sehen, was ihre Freundin hinter ihrem Rücken trieb, aber sie hätte zwei Cupcakes auf ein dramatisches Augenrollen verwettet. Ein leises Klimpern verriet, dass Maike an den Reißverschlüssen ihrer Inka-Strickweste nestelte. Ein tiefes Seufzen folgte.

»Jolanda.« Wenn Maike Jules vollen Vornamen hervorkramte, wollte sie ein ernstes Gespräch führen.

Auch das noch.

»Ich kann durch deinen Hinterkopf sehen, was du denkst.«

Ja, wirklich? Mettenden, Mettenden, Mettenden!

»Sechs Stunden noch. Ich bin die Letzte von uns.«

Willkommen im Club der Dreißiger!

Frischhaltefolie raschelte. Jule riss sich zusammen. Sie wollte die Käsewürfel verteidigen, aber dafür hätte sie Maike in die Augen sehen müssen.

»Mir ist heute früh vor dem Spiegel klargeworden, dass dreißig ein Alter ist, in dem bestimmte Dinge enden müssen. Und weißt du, wieso?«

Enden und Anfänge. Entweder konnte Maike tatsächlich Gedanken lesen, oder das Thema hing wie eine düstere Gewitterwolke in der Luft.

»Weil ich im Bad endlich Platz für eine große Palette Antifaltencreme habe, wenn du auch noch ausgezogen bist?«, platzte es aus Jule heraus. Sie biss sich auf die Oberlippe. Es war vollkommen ungerechtfertigt, ihren Frust an Maike auszulassen.

»Seit wann bist du so dramatisch, Jule?«

Jule schniefte und atmete tief durch. Maike hatte recht, sie steigerte sich zu sehr in die Sache hinein. Dann schaute sie über die Schulter. »Es ist einfach so viel auf einmal. Ich habe das Gefühl, mein Leben geht gerade komplett in die Binsen.«

»Oh, Jolanda.« Maike ließ den eben eroberten Käsewürfel im Mund verschwinden, kam auf Jule zu, drehte sie zu sich und umarmte sie fest. Eine Duftwolke aus Rosenshampoo und kaltem Mentholzigarettenqualm umhüllte sie. Jule hielt die Luft an. »Jule, es ist nicht einfach, seinen Platz im Leben zu finden.«

»Rauchst du wieder?« Jule konnte nicht anders, sie musste husten.

Maikes Griff lockerte sich kurz, dann quetschte sie ihrer Freundin erneut die Rippen. »Du, ich, Cora. Wir müssen alle langsam mal erwachsen werden. Ob wir wollen oder nicht: Irgendwann ist halt Schluss mit manchen Sachen: Weltenbummeln, Gelegenheitsjobs und Partys bis in die Nacht. Und soll ich dir was sagen? Ich glaube, ich vermisse das alles nicht. Das war eine tolle Zeit, aber jetzt brechen andere tolle Zeiten an. Und wir, wir halten immer zusammenhalten, egal wie viele Längen- und Breitengrade zwischen uns liegen.«

»Findest du das nicht seltsam, ab sofort ein Leben in Hosenanzug und Kostüm zu führen? Und wegzuziehen? Eine Karriere bei einer Bank kannst du doch viel besser hier machen, in Mainhatten! Außerdem: Wenn wir es bis jetzt nicht geschafft haben, erwachsen zu werden, dann lohnt es sich doch nun auch nicht mehr, oder?«

Sie schob Maike ein Stück weit von sich weg und spreizte ihre mehligen Finger ab, um deren Strickweste nicht zu versauen.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie Maike in Business-Schick aussieht.

Keine glatten, langen, blonden Haare mehr, sondern ein fester Knoten. Grauer Tweed statt Ethnolook. Berlin statt Frankfurt und ein dickes Plus auf dem Konto statt ewig roter Zahlen.

»Ihr lasst mich hier allein zurück. Cora für Ziegenköttel und Globuli-Tomaten und du für einen Drehstuhl und einen Dutt.«

Zwei Monate waren seit Coras Auszug vergangen. Zusammen mit ihrem Freund arbeitete sie jetzt tief in der Eifel in einer spirituellen Gemeinschaft auf einem Biobauernhof.

Maike spreizte die neongrünen Fingernägel von sich. Sie wirkte irritiert. »Aber du sitzt doch ab Februar auch im Büro. Hosenanzug, Hochsteckfrisur, hohes Honorar. Das ganze Programm. Oder nicht?«

»Hm«, machte Jule und schaute sich den Boden mit den Karofliesen ganz genau an.

»Jetzt sag nicht, du kneifst, weil du Angst hast, dich über Jahre auf eine Sache festlegen zu müssen! Bitte nicht! Jolanda! Bei der Zeitung arbeiten ist dein großer Traum.« Vorsorglich schüttelte Maike ihre Freundin gründlich durch.

»Diesmal bin nicht ich weggelaufen, sondern die haben gekniffen.«

»Weshalb hast du nichts gesagt!«

»Ich wollte dir nicht deinen Tag verderben.«

»Aber du hast doch die Zusage.«

»Tja.« Jule wandte sich wieder ihrem Teig zu und klatschte in die Hände, bis das Mehl staubte. »Die haben es sich anders überlegt. Schöne Scheiße, nicht?« Tränen stiegen ihr in die Augen.

Jetzt heul nicht rum! Heulen ändert nichts, gar nichts!

Maike versuchte, sie von der Anrichte wegzudrehen, aber Jule versteifte sich und steckte all ihren Frust in ihr Backwerk.

»Das ist echt das Letzte! So, so unfair!« Maike stapfte in der Küche herum, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. »Das können die nicht machen!«

»Ich wüsste lieber, was ich jetzt machen soll.«

»Na, dich beschweren. Klagen! Hast du die Zusage per Mail bekommen? Irgendwas Schriftliches?«

Jule schüttelte den Kopf. Das Mehlmassaker auf der Arbeitsplatte war unterdessen zu einem geschmeidigen Teig geworden, der sich beim besten Willen nicht mehr prügeln ließ. Sie schwang das Nudelholz, um den Teig auszurollen.

»Ich wollte endlich mal im Leben ankommen! Einen festen Job haben, Sicherheit, eine Heimat, Wurzeln schlagen, mit guten Freunden drumherum … meinetwegen erwachsen werden. Irgendsowas, was man halt will, wenn man über dreißig ist. Und dann pustet das blöde Schicksal mal eben so in mein Kartenhaus von Leben, und alles fliegt fröhlich davon.«

»Ich helfe dir, wo ich kann, ja? Du findest einen anderen Job.«

»Irgendeinen anderen Job findet man immer. Aber eine Festanstellung bei einer Zeitung … so etwas wächst nicht auf Bäumen. Ich kann auch ins Café zurückgehen und mir für den Hungerlohn die Hacken ablaufen, bis ich ins Pflegeheim komme. Ich werde noch auf dem Totenbett von Herrentorte und Frankfurter Kranz träumen.«

Maike kniff ihr unsanft in die Schulter. »Die Jule, die ich kenne, die heult nicht rum und suhlt sich dermaßen in Selbstmitleid. Und die Jule, die ich kenne, die hat eine Leidenschaft für gute Kuchen und liebt es, wenn ihre Gäste glücklich sind!«

Jule schniefte, richtete sich auf, atmete durch und kuschelte sich an die Schulter ihrer Freundin. Wer würde sie in Zukunft in den Arm nehmen und trösten? »Du hast ja recht. Aber ich bin fix und fertig. Ich will nicht schon wieder wegrennen und mich mal hier, mal da verkriechen. Ich will endlich ankommen.«

»Mach doch selber ein Café auf.« Maike drückte sie fester an sich und strich ihr beruhigend über den Rücken. »Für so verrückte Künstlertypen wie dich und mich.«

»Mit welchem Geld? Und außerdem gibt es die Dinger schon an jeder Ecke.«

»Wer nichts wird, wird Wirt«, lästerte Maike und zwinkerte. »Oder in meinem Fall: Betriebswirt.«

Jule löste sich von ihr und fuhr damit fort, den Teig auszurollen.

»Soll mich das ermutigen? Weißt du eigentlich, wie viele Gastronomen in den ersten Jahren pleitegehen? Die Banken leihen einem kein Geld, wenn man sagt, man möchte ein Café eröffnen.«

»Na, das klingt doch, als hättest du schon mal darüber nachgedacht und dich schlau gemacht.«

Jule errötete. Sie besaß tatsächlich ein prallgefülltes, geheimes Notizbuch mit Überlegungen für ein eigenes Café. »Schlau genug, um zu wissen, dass die Idee völliger Murks ist. Wie ich bereits sagte: An jeder Ecke gibt es heutzutage ein trendiges Café.«

»Ach komm! Die meisten von denen sind doch wirklich 08/15 und völlig blutleer. Du würdest so viel Liebe und Lebendigkeit mitbringen, damit eroberst du dir im Sturm Stammgäste!«

»Das kann ich schlecht in den Businessplan schreiben, oder?«

Maike fuhr sich mit dem Finger über die Lippen. »Hör doch mal auf, so negativ zu sein! Ich meine das ernst, Jule. Du sprühst vor Ideen, und du hast das Zeug, etwas ganz Besonderes auf die Beine zu stellen. Schau dir doch mal die Deko für die Party an und das, was du uns da alles an Essen auftischst! Oder den Wohnzimmertisch, den du abgeschliffen und neu lackiert hast! Du entdeckst Möglichkeiten und erschaffst Neues, wo andere nur ein paar Käsewürfel und Sperrmüll sehen.«

Mittlerweile hatte Jule den Teig in schmale Streifen geschnitten und auf dem Backpapier ausgelegt. »Mein Lebenstraum ist es, in einer Redaktion zu arbeiten. Ernsthafter Journalismus. Reportagen machen, etwas Wichtiges zum Weltgeschehen beitragen! Menschen inspirieren.«

»Warum bewirbst du dich nicht bei einem dieser neuen Handarbeitsmagazine? Ein bisschen kreativ, ein bisschen Wohlfühlen, andere inspirieren und bewegen. Das passt gut zu dir. Mal ehrlich: Bei den Tageszeitungen schreibt man heute nur noch die Agenturmeldungen ab, statt die Welt zu retten. Das frustriert doch ohne Ende!«

»Ich kann nicht mal häkeln. Nein, ich werde mich bei einem Partyservice bewerben und auf Nummer sicher gehen. Woher sollte ich denn das Geld für ein Café nehmen? Und weshalb denke ich da überhaupt weiter drüber nach?«

Maikes Mund klappte auf, dann wieder zu. Auf ihrer Stirn tauchte eine einzige lange Falte auf. »Du denkst darüber nach, weil du das wirklich machen möchtest. Und wir wissen beide, woher das Geld dafür kommt.«

»O nein, Maike! Schau mich nicht so an! Geh mal lieber zur Seite, ich muss zum Kühlschrank.«

»Ruf deine Oma an. Mensch, Wilhelmine wartet nur darauf, dir aus der Patsche zu helfen!«

»Meine … nee, nee! Auf keinen Fall!«

Jule holte ein Ei und Käse aus dem Kühlschrank.

Maike redete einfach weiter: »Sei nicht so stur! Deine Oma meldet sich zweimal die Woche. Sie möchte, dass du das Geld nimmst. Und wenn ich ihr einen Tipp gebe, dass du es jetzt brauchst, dann zieht sie hier ein, bis du aufgibst. Wilhelmine lässt nicht locker.«

Wilhelmines Geld … ich kann doch nicht … aber sie braucht es ja wirklich nicht …

Vor Monaten hatte Jules Großmutter mit ihrer Tippgemeinschaft einen Lottogewinn eingeheimst. Kein Riesenjackpot, aber mehr Geld, als die bald Hundertjährige ausgeben konnte. Seither versuchte sie, ihre zwei Enkel zwangszubeschenken. Jules Cousin Ole hatte freudig zugegriffen und in seinen Bauernhof investiert. Jule dagegen fürchtete sich davor, eine solche Summe Geld auf dem Konto zu haben.

Sie schlug das Ei auf und verquirlte das Eigelb. Das Eiweiß stellte sie zur Seite, um Baiser daraus zu machen. Dann rieb sie den Käse und überlegte, wohin sie das Paprikapulver gestellt hatte.

»Sie soll das mal lieber spenden.«

»Sie spendet es dir.«

»Ich kann es ja in zehn oder zwanzig Jahren erben.«

Maike ließ endgültig ihren Ärmel los, stemmte die Fäuste in die Hüften und sagte kühl: »Ich melde dich gleich im Kindergarten an, wenn du so weitermachst! Wilhelmine weiß, was sie tut. Nimm das Geld aus der warmen Hand, dann kann sie sich noch darüber freuen, was du damit anstellst.«

»Und was genau soll ich damit anstellen?« Jule vermengte den geriebenen Käse mit dem Paprikapulver, das sie in der Zwischenzeit hinter der Küchenrolle gefunden hatte. »Ich muss die Käsestangen fertigmachen.«

»Tu das. Und denk bitte endlich daran, mir das Rezept zu geben.« Maike strich ihr sanft, aber bestimmt über die Schulter, bevor sie aus der Küche huschte. Sie raschelte kurz an der Pinnwand im Flur herum. Dann legte sie etwas auf den Tisch.

»Du kannst mir auch einfach helfen, Maike. Backen lernt man am besten beim Backen.«

Maike tippte auf ihre Uhr. Jule verdrehte die Augen. »Wir müssen nur noch den Käse auf die Streifen streuen und sie ein wenig eindrehen. Den Rest macht der Ofen bei 200 Grad.«

»Och, ich glaube, ich bin in einer halben Stunde wieder da. Wie lange brauchen die Dinger?«

»Du lenkst ab!«

Maike grinste, warf ihr eine Kusshand zu und verzog sich.

»Eine Viertelstunde!«, rief Jule ihr nach. Die Haustür fiel ins Schloss. »Ober- und Unterhitze!«

Kopfschüttelnd schaute Jule nach, was Maike ihr hingelegt hatte. Sie erkannte die Zeitungsanzeige, die Oma Wilhelmine ihr an Weihnachten zugesteckt hatte: Ehemalige Schankwirtschaft zu verkaufen. In Müggebach, Wilhelmines Geburtsort. Sie war der Meinung, dass dort eine Bäckerei eröffnet werden sollte. Oder ein Laden für besondere Dinge. Oder ein nettes kleines Café, denn im Dorf gab es keins mehr. Ob Jule nicht mit ihrem Kapital … doch Jule hatte entsetzt den Kopf geschüttelt. Frankfurt war doch ihre Heimat! Sie war ein Stadtkind, und sie gehörte in eine Redaktion, in eine Festanstellung, klare Sache.

Jedenfalls klar bis heute früh, bis Jules Kartenhaus-Traumwelt von einem ungnädigen Riesen in alle Winde verstreut worden war.

Das war ein so klares Ende, dass Jule plötzlich etwas in sich spürte: das Aufkeimen von Hoffnung. Zum ersten Mal seit Stunden hatte sie das Gefühl, dass es nach all den Enden vielleicht wirklich einen neuen Anfang geben konnte. Einen Anfang, dem tatsächlich ein Zauber innewohnte.

Kapitel 2

Von: Jolanda Moller <jule@jules_linde.de>

An: Wilhelmine Arbt <[email protected]>

Betreff: Angekommen!

 

Liebste Oma,

 

der Bahnhof von Müggebach sieht noch fast so aus wie auf dem Foto, das du bei deiner Abreise vor über einem halben Jahrhundert gemacht hast. Er wurde liebevoll renoviert, und in den Räumlichkeiten befindet sich jetzt die Bibliothek. Es ist schön hier und gar nicht so provinziell, wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Ich verstehe immer mehr, wie schwer es dir damals gefallen sein muss, von hier wegzuziehen.

Wenn ich mich eingelebt habe und das Café einmal läuft, musst du mich unbedingt besuchen, ja? Bis dahin habe ich aber noch eine Menge Arbeit vor mir.

Ich habe dir ein paar Bilder angehängt, wie die Schankstube derzeit aussieht. Und nein, es liegt nicht am Foto, der Raum wirkt tatsächlich unheimlich dunkel! Ich glaube, die Familie hat dort über Jahre ihren Sperrmüll und jede Menge Kleinkram, den niemand wegwerfen wollte, gesammelt. Die Linde ist ja jetzt schon ein halbes Jahrzehnt zu, und im Moment wirkt alles vernachlässigt, staubig und trostlos. Oben, in der Wohnung, hat auch schon lange niemand wirklich renoviert. Das Ganze sieht aus wie ein Museum der Einrichtungstrends von den 50ern bis zum Pressspan-Kinderzimmer-Schick aus meiner Kindheit. Gruselig!

Allmählich zweifle ich an meinem Zeitplan. Hatte ich dir schon erzählt, dass ich gerne im Juni öffnen möchte? Da kommen die ersten Radwanderer und es ist noch etwas Zeit, bis alle in die Sommerferien fahren, so dass die Leute dann hoffentlich bei mir auf der Terrasse in der Sonne sitzen und sich Kaffee und Kuchen schmecken lassen.

Bitte sag Mama nichts von meinen Zweifeln! Ich werde das hinbekommen, und im schlimmsten Fall eröffne ich erst zum Ende der Ferien – finanziell reicht das noch locker. Ich möchte mir nicht schon wieder die alte Leier anhören, von wegen ich hätte BWL studieren und mir einen Juristen oder wenigstens einen Medizinstudenten angeln sollen. »Die Sabine aus deiner Klasse, die hat jetzt schon zwei Kinder, und ihr Mann verdient 100000 im Jahr!«

Aber ich bin nicht Sabine. Ich bin ich!

Ich kann dir gar nicht genug danken, dass du an mich glaubst und dass du mir diese Chance gibst. Ich werde hier eine Heimat finden und mit Herz, Verstand und meinen eigenen Händen etwas schaffen.

 

Ich küsse und umarme dich, je t’embrasse

Deine Jolanda

Ein Haus sollte man niemals bei Sonnenschein kaufen.«

Eine der vielen Weisheiten, die Jules Mutter seit Jahren wiederholte wie eine hyperaktive Blaumeise ihr Balzlied. Natürlich hatte sie recht. Jules Mutter war Maklerin – und führte Besichtigungen möglichst nur bei strahlendem Wetter durch.

»Im Frühling und bei Sonne, da verkaufst du jede Bruchbude«, piepste es belehrend in Jules Kopf. »Auch die mit dreißig Jahren Renovierungsstau. Die Leute haben dann nur Augen für die Blumen im Garten, alle Räume wirken hell und freundlich, und es liegt viel positive Energie in der Luft.«

Ja, Mama. Du hast ja recht.

Trotzdem hatte Jule nicht auf ihre Mutter gehört und die Schankstube »Zur alten Linde« an einem strahlend schönen Wintertag im Januar besichtigt – und gekauft. An einem kühlen, regnerischen, grauen Wintertag wäre vielleicht alles ganz anders gekommen und Jule würde jetzt nicht völlig verspannt und zerschlagen mit dem Rücken auf vollkommen unergonomischen, aber dafür altehrwürdigen Eichendielen liegen.

Ich habe mich für so schlau gehalten. Sie pustete eine Staubfluse über den Boden. Da habe ich mich schön von Wilhelmine und Maike beschwatzen lassen. Hätte ich auf Mama gehört, hätte ich mir von dem Geld ein schickes Apartment in der Stadt gekauft und mir ein paar Monate Zeit genommen, um einen vernünftigen Job zu finden. Oder ich hätte es mir so richtig gutgehen lassen können.

Jules Blick folgte träge dem Staub, der durch den düsteren Wintergarten tanzte. Durch die schmutzigen Scheiben fiel gerade genug Licht, um den Staub ein wenig glitzern zu lassen. Mit viel Fantasie war es sicherlich möglich, darin Feenstaub zu sehen, der einen zauberhaften Anfang einleitete. Nur fehlte Jule gerade jede Kraft für Fantasie. Der Staub folgte seiner ganz eigenwilligen Choreographie, wobei er immer wieder um Gerümpelberge herumdriften musste, die Jule in den letzten Tagen zusammengetragen hatte. Die hatten mittlerweile eine stattliche Höhe erreicht, in etwa die der nördlichen Schwarzwaldausläufer, die man von den Feldern hinter dem Haus aus sehen konnte.

Seit fast einer Woche wühlte sie sich nun schon durch die Eingeweide der ehemaligen Schankwirtschaft, säuberte, sortierte und fluchte deftig. Der Vorbesitzer, ein gewisser Herr Raupp, hatte das Gebäude zwar nicht vollkommen vernachlässigt, sich aber ganz offensichtlich nur zu einigen halbherzigen Renovierungsversuchen durchgerungen, die dann im Sand verlaufen waren. Seither diente das Haus als Lagerplatz für … Dinge. Von den meisten wusste Jule nicht, ob sie überhaupt noch zu gebrauchen waren. Dieser Herr Raupp hatte es sich leicht gemacht und die Linde komplett mit allem Krims und Krams verkauft.

Ob er Angst hatte, beim Aufräumen einer alten Erinnerung zu begegnen?, mutmaßte Jule. Oder war es für ihn so am wenigsten schmerzhaft, sich von seinem früheren Leben zu trennen?

Kennengelernt hatte Jule ihn jedenfalls nicht, denn zum Notartermin war nur ein Stellvertreter mit einer Vollmacht erschienen. Komische Sache eigentlich, aber weder Jules Bauchgefühl noch ihr Fluchtinstinkt hatten angeschlagen. Vorsichtshalber war sie vorab mit einem Gutachter durch die Linde gegangen, der die Bausubstanz als sehr gut eingeschätzt hatte. Mit den veranschlagten Kosten für die Renovierung würde Jule vermutlich hinkommen – viel Eigenleistung von Jule vorausgesetzt. Jule hätte so gern ihre Mutter hinzugezogen, aber den fast unvermeidlichen Nervenkrieg gemieden. Mittlerweile wusste ihre Familie vom Kauf, und wie erwartet war ihre Mutter schwer eingeschnappt, inklusive mehrerer impulsiver Anrufe mit der Ankündigung, dass sie Jules Café – so ihre Tochter es überhaupt jemals eröffnen würde – niemals betreten werde.

Meine Entscheidung war richtig, und das werde ich ihr beweisen! Und den Leuten hier im Dorf auch!

Jule seufzte. Ihr Blick wanderte zu einem kleinen Papierstapel neben der Haustür – liebevoll beschwert mit einem Zinnkrug aus Helgoland. Seit ihrem Einzug fand sie jeden Tag einen Zettel in ihrem Briefkasten. Die tägliche Botschaft bestand immer aus dem einen Satz, geschrieben am Computer in Comic Sans: »Kein Abriss der Linde!«

Als Antwort klebte Jule jeden Abend einen Zettel an den Briefkasten: »Ich reiße nicht ab!«

Leider glaubte der Zettelschreiber ihr nicht und bekräftigte seine Meinung Nacht für Nacht mit immer größer werdender Schrift.

Jule zupfte an ihren Haaren, die sich bereits vor Stunden aus dem Pferdeschwanz gelöst hatten und jetzt völlig staubig und verfilzt waren. Was sie jetzt brauchte, war ein ordentlicher Schwung Motivation, um aufzustehen und weiterzumachen. Sie führte sich vor Augen, was sie in dieser kurzen Zeit bereits alles geschafft hatte. Unter anderem war die kleine Wohnung im ersten Stock bereits einigermaßen bewohnbar, sie hatte sich ein gebrauchtes Fahrrad organisiert, und der Container vor der Tür füllte sich zusehends mit Sperrmüll.

Das war für Jule der härteste Teil des Entrümpelns: entscheiden, was noch brauchbar war. Anfangs hatte sie sich noch begeistert auf jedes Stück Braustubengemütlichkeit gestürzt und in Upcycling-Ideen geschwelgt. Nur leider schaufelte sie dadurch die Dinge einfach nur von einem Haufen auf den nächsten, ohne etwas wegzuwerfen. Hartnäckig hielt sich dieses Gefühl, das auch auf Flohmärkten aufkam: Hinter der nächsten Ecke lauerte bestimmt das Schätzchen, das nur ein wenig Geduld und eine liebevolle Hand brauchte, um den Raum in gemütlichem Vintage erstrahlen zu lassen. Und dieses Schätzchen durfte auf keinen Fall übersehen werden!

Mittlerweile war der Wintergarten allerdings mit möglichen Rohdiamanten so zugestellt, dass Jule befürchten musste, bald von Milchkännchen, Stühlen und Leuchtern erschlagen zu werden.

»Dummdummdidumm«, summte Jule vor sich hin und klopfte mit den Fingern auf ein Milchkännchen. »Hallo? Motivation? Du wirst mich doch für heute nicht schon verlassen haben?« Ihre Gelenke knackten, als sie sich auf die Ellbogen stützte. Unruhig schielte sie zum Gerümpelberg hinüber. Bewegte sich dort etwas? Rutschte das Zeug und begrub sie gleich unter einer Lawine aus Kitsch?

Ein Scharren auf der Terrasse. Jule drehte den Kopf. Die Wintergartentür stand offen, dahinter lockte der Garten mit den ersten Blumen, staubfreier Luft und der milden Wärme des beginnenden Frühlings. Auf den Paneelen der Terrasse stand ein gewöhnliches braunes Huhn und schaute herein. Es legte den Kopf schief, gackerte und trapste mit selbstbewussten Schritten in den Wintergarten. Offenbar suchte es nach Futter, denn es pickte mal hier, mal da. Vorsichtig umkreiste es Jule.

»Ich bin noch nicht tot«, sagte sie.

Das Federvieh gackerte erschrocken und floh in den Garten. Es wirkte dabei so verdutzt, dass Jule lachen musste.

Was liege ich auch hier herum? Auf! Hoch jetzt und ein bisschen in die Sonne! Wenn schon ausruhen, dann wenigstens an der frischen Luft.

Stöhnend wälzte sie sich auf die Knie, stand auf und klopfte eine Wolke Staub aus ihren Klamotten. Mit steifen Gliedmaßen tapste Jule nach draußen. Das Huhn saß jetzt auf dem Komposthaufen.

Wo kommst du eigentlich her?

Von der Brauerei zur Rechten eher nicht. Es sei denn, es war aus der Küche ausgebüxt. Links neben Jules Garten gab es nur adrette Neubau-Reihenhäuser mit winzigen Gärten. Wer in so einem Handtuchgarten Geflügel halten wollte, hatte bestimmt einen Handtuchgarten-Nachbarn mit Rechtsschutzversicherung und einer Abneigung gegen Gegacker. Hinter Jules Grundstück begannen die Felder.

Na, irgendjemand wird dich schon vermissen und nach dir suchen.

»Gönn dir einen Happen Wurm vom Kompost«, rief sie dem Tier zu. »Und wenn dir langweilig ist, komm rein und erzähl mir was.«

Die Wärme der Sonne lockerte allmählich Jules Muskeln und entspannte sie. Sie atmete tief ein, atmete an gegen den Geruch von Staub und kaltem Rauch, der wie ein uralter, unglückseliger Geist in den Holzbalken hing. Nach dem Regen der Nacht war die Luft wie frisch gewaschen, mit einer Note Malz und den zarten Aromen erster Frühlingsblumen.

März. Frühlingsanfang. Ein schöner Monat für einen Neubeginn. Möglicherweise war doch etwas dran an der Sache mit dem Zauber des Anfangs.

Der nächste Atemzug füllte ihre Lungen mit einem Schwung Kuhstallduft. Überrascht hustete sie.

Na, willkommen im Landleben! Getreide und Blumen wachsen wohl nicht nur mit Luft und Liebe.

Sie schnupperte noch einmal vorsichtig.

Hm. Okay. Verglichen mit dem Geruch einer U-Bahn-Haltestelle geht’s eigentlich.

Jule streckte die müden Gliedmaßen und stolperte sich durch ein paar Lockerungsübungen, an die sie sich sehr dunkel erinnerte. Ihr Rücken knackte vernehmlich, schmerzte aber deutlich weniger.

Also weiter im Programm.

Schwungvoll schrieb sie mit dem Finger in den Schmutz der Glastür: »Ent-Sorgen«. Ein gutes Wort für ihre Sammlung. Jule zog ihr kleines, flaches Notizbuch aus der Hosentasche. Es war wesentlich kleiner als ihre Kladde. Sie trug es immer bei sich. Darin klemmte ein schmaler Bleistift, mit dem sie Gedanken und Wörter notierte, die ihr einfach nicht aus dem Kopf gingen, die etwas Besonderes waren, über die man nachdachte, sie im Kopf herumwälzte.

Ob man Sorgen so leicht entrümpeln konnte wie ein altes Haus? Einfach alles, was einen bedrückte, in einen großen Müllbeutel werfen und vor die Tür stellen, bis die Müllabfuhr ihn mitnahm?

Von einem Sorgen-entsorgten Leben trennten Jule allerdings noch einige Wochen und Monate voller Arbeit. Vielleicht auch Jahre. Man wusste ja nie genau, wohin einen das Leben führte.

Sie schaute auf die Uhr: halb zwölf. Jule nahm sich vor, in der nächsten Stunde wirklich unbrauchbaren Sperrmüll in den Container zu werfen. Anschließend durfte das hippe Öko-Superboost-Wundershampoo, das Maike ihr aus Berlin geschickt hatte, beweisen, was in ihm steckte. Für das Mittagessen wollte sie sich die Gaststätte der Brauerei ansehen. Mit etwas Glück war der Eigentümer im Haus und zu sprechen. Dann konnte Jule sich gleich vorstellen und auf gute Nachbarschaft anstoßen. Schließlich eröffnete sie keine Konkurrenz, und da galt es, so früh wie möglich Missverständnisse auszuräumen, bevor zu den Comic-Sans-Zetteln am Ende noch Anwaltsschreiben kamen.

Deutlich motivierter nahm Jule sich einen Sperrmüllhaufen vor und schleifte löchrige Rigipsplatten vor die Tür.

Weshalb hebt jemand so etwas auf?

Nach der zehnten Platte musste sie eine kurze Pause einlegen und genoss noch einmal den Sonnenschein auf der Terrasse. Sie setzte die Sprudelflasche an die Lippen, um sich den mehligen Staub aus der Kehle zu spülen.

Plötzlich gab es neben dem Tresen einen Rums, als würde die gesamte Decke einstürzen. Jule prustete Wasser, knallte die Flasche auf den Boden und hetzte in die Schankstube.

In einer Staubwolke hustete jemand.

»Alles in Ordnung?« Der Mann in der Staubwolke schüttelte sich, hustete noch einmal und nahm seine Brille ab. Er hatte wohl die Platten umgestoßen, die Jule neben der Tür abgestellt hatte.

»Entschuldigung. Ich wollte nicht so reinplatzen.«

Jule atmete auf und sah sich den Eindringling genauer an. Dort, wo die Brille gesessen hatte, strahlten zwei blaue Augen. Was sie vom Rest des Mannes unter dem Staub erkennen konnte, sah sehr angenehm aus: helles Haar, glattrasiertes Gesicht, dunkle Jeans, kurzes Hemd. Mit der Schuhspitze schob er Rigipsbrösel zusammen.

»Hallo«, war alles, was Jule herausbrachte. Woher kannte sie diese Augen und diese Stimme? Er hatte etwas von Terence Hill, und beinahe erwartete sie, dass er sich mit Nobody vorstellte. Sie wischte sich die Hände an der Hose ab. Eine sinnlose Geste, denn dabei wurden weder ihre Hände sauber, noch änderte das etwas an ihren wirren, schmutzigen Haaren oder den Sprudelflecken auf ihrem T-Shirt.

Seine Kornblumenaugen fixierten sie. Sonnenlicht flutete durch die Tür, er stand leicht breitbeinig da.

»Ich bin …« Nobody? »… ein wenig spät dran, nicht?«

»Spät dran, wofür?« Für mein jüngeres Ich? Sehe ich so alt aus?

Er streckte ihr die Hand entgegen, bemerkte, dass sie noch immer staubig war, und sah sich nach einem sauberen Handtuch um. »Keine Sorge, ich mache das schon weg. Gib mir doch einfach ein Kehrblech.«

Noch immer starrte sie ihn an, als wäre er geradewegs vom Mars eingeschwebt. Irgendwo in ihrem Kopf hüpfte eine Erinnerung herum, die sich einfach nicht packen ließ.

»Na, eine Kehrschaufel. Das Ding, das unter den Handfeger kommt, um das Gehuddel … um den Dreck draufzufegen.«

Wie in Zeitlupe griff Jule mit ihrer staubigen Hand zu und schüttelte seine. Noch dreckiger konnten sie beide kaum werden. Ihre Reaktion schien ihn zu verblüffen. Vielleicht weil er ein Kehrblech statt einer Hand erwartet hatte?

»Kann ich irgendwas für Sie tun? Wollen Sie sich das Gesicht waschen?«

Oder ist er am Ende ein Versicherungsvertreter? Dann … Jule überlegte, wo der große Besen stand.

»Alles in Ordnung mit dir, Jolanda?«

»Woher …?« Vor Verblüffung stand ihr der Mund offen. Doch das verflixte letzte Puzzleteil wollte ihr nicht in den Sinn kommen.

Er schnappte sich ungefragt einen alten Handfeger, der neben der Tür stand, und begann damit, die Trümmer seiner Ankunft zusammenzukehren. Plötzlich hielt er inne, schaute vom Boden zu ihr herauf und runzelte die Stirn. »Sag mal, kann es sein, dass du mich nicht mehr erkennst?«

Betreten schüttelte sie den Kopf. Weshalb nur konnte sie sich an einen Mann mit solchen Augen nicht erinnern?

»Wir haben doch erst telefoniert.«

»Ah … wirklich?« Langsam wurde ihr die Situation unangenehm. Nobody sollte doch bitte aufhören, sie weiter auf die Folter zu spannen.

»Na, vielleicht wasche ich mich doch besser schnell. Dann kommst du sicherlich darauf.«

»Am Waschbecken hinter der Theke hängt ein Handtuch.« Jule deutete hinter sich. Allmählich wurde sie sauer.

»Sie können mir aber auch einfach sagen, wer Sie sind.«

Er grinste und wusch sich zügig Gesicht und Haar.

»Ich hätte ja nicht gedacht, dass du dich tatsächlich traust, der Alten Linde neues Leben einzuhauchen. Du hattest immer so viel Mumm in den Knochen, aber wenn du das Gefühl hattest, es kommt nicht darauf an oder es ist dir nicht wichtig genug, bist du immer fortgerannt.«

Erwartungsvoll schaute er sie an, während er sich Wassertropfen aus dem Haar tupfte, das jetzt in alle Richtungen gleichzeitig abstand.

Mit einem Schlag kam die Erinnerung zurück: an einen Sommertag im Garten ihrer Eltern. An einen etwas pummeligen Jungen mit wild abstehendem Blondhaar und mit einem dicken Aufkleber über dem linken Auge. Er musste etwa drei Jahre alt gewesen sein und Jule fünf. Seine Eltern hatten ihn für ein paar Tage vorbeigebracht, weil sie selbst verreisen wollten. Dieser Junge war splitterfasernackt aus dem Planschbecken geklettert, sein nicht abgeklebtes, strahlend blaues Auge hatte mit der Sonne um die Wette gefunkelt.

»Ole!«, schrie Jule. »Mensch, du …« Sie machte einen Schritt auf ihren Cousin zu, unschlüssig, ob sie ihn fest drücken oder ihm einen ordentlichen Klaps dafür geben sollte, dass er sie so veräppelt hatte.

Er nahm ihr die Entscheidung ab und schloss sie in die Arme. Sie lachten und klopften sich gegenseitig auf die Schultern.

»Mensch, Jolanda! Schön, dich endlich wieder zu sehen! Und ganz ehrlich: Auf der Straße hätte ich dich auch nicht erkannt. Ist doch schon fast ein Leben her, dass wir uns gesehen haben. Aber ich wusste ja, dass du hier herumwuselst.«

»Sag bitte Jule wie alle anderen auch. Wir haben es ja immer gut geschafft, uns auf den Familienfesten zu verpassen.«

»Einer war immer nicht da, stimmt.«

»Du siehst so viel bes… schlanker aus als früher.«

»Und du hast zum Glück ein wenig zugelegt.«

»Hey!« In gespieltem Zorn verschränkte Jule die Arme vor der Brust. »Ja, ich erinnere mich: Du warst auch schon ein sehr ehrliches und direktes Kind. Unverblümt, könnte man fast sagen.«

Er knickste und zog eine unsichtbare Schürze zu den Seiten. »Also ich erinnere mich vor allem daran, dass wir dich häufiger wegen deiner mageren Rippen aufgezogen haben.«

»Und jetzt gehe ich stramm auf die vierzig zu!«

»Kleidergröße oder Alter? Wann hast du Geburtstag?«

Dafür knuffte sie ihn doch mit der Faust gegen den Arm und musste wieder kichern.

»Ich bin im November dreißig geworden! Ich habe noch etwas Zeit bis zum nächsten Runden. Übrigens«, versuchte sie, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. »Maike und Oma haben mir ja ein schönes Ei gelegt!«

»Wieso denn das?«

»Na, von wegen: der Linde neues Leben einhauchen und so. Da habe ich in den nächsten Monaten aber noch so einiges vor.«

Jetzt wirkte sogar Ole ein klein wenig verlegen. Er putzte seine Brillengläser mit einem Hemdzipfel. Als er sie wieder auf die Nase setzte, musste er feststellen, dass sie schmutziger als vorher war. Das tat seinem strahlenden Lächeln aber keinen Abbruch.

»Ich weiß, dass du das schaffst! Wenn ich mit dem Bauernhof nicht so viel Arbeit am Hals hätte, … aber irgendwas finde ich schon, bei dem ich dich unterstützen kann.«

»Und heute wolltest du einfach mal reinschnuppern, ob ich schon fleißig bin oder ob ich unter einem Berg aus Ramsch liege und verhungere?«

»Da ich gerade meine Mutter am Bahnhof abgesetzt habe und hier die Tür so schön offen stand: Ja, ich wollte mal schauen, was du so treibst.«

»Aufräumen, entrümpeln, überlegen, ob ich mit den Möbeln noch etwas Schönes machen kann oder ob alle wegmüssen. Was man halt so macht, wenn man ein altes Haus voller alter Sachen gekauft hat.«

»Wenn du magst, kannst du auch jederzeit bei mir vorbeikommen. Ich habe in der Scheune einen gut ausgestatteten Arbeitsplatz. Falls du mal was Größeres aus Holz hast, das repariert werden muss, kannst du jederzeit gerne zum Werkeln vorbeikommen. Und natürlich auch zum Quatschen oder wenn du etwas brauchst. Hast du alles an Werkzeug?«

»Ich denke schon. Und ansonsten ist der Baumarkt ja nicht weit.«

Ole nickte und zog einen kleinen Zettel und einen Bleistiftstummel aus seiner Hosentasche.

Scheint ja in der Familie zu liegen, immer etwas zum Schreiben dabeizuhaben.

»Für den Fall, dass sie dir beim Umzug verloren gegangen ist, schreibe ich dir meine Telefonnummer auf und meine Adresse. Und wenn du Möbel entsorgen musst, ruf mich an. Dann stehe ich hier in null Komma nichts mit fleißigen Helferlein. Ich kenne ein paar Leute, die alte Möbel aufbereiten, und ein Cousin väterlicherseits recycelt in den Ferien Möbel mit Teenagern, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben.«

Ole drückte ihr den Zettel in die Hand.

»Alla, dann mach’s mal gut und bis bald.«

Er lächelte, nickte und verschwand durch die Tür.

»Alla gut«, sagte Jule. Obwohl er längst weg war, lächelte sie noch immer. Auch wenn Ole gesagt hatte, dass er wenig Zeit hatte, fühlte sie sich schon nicht mehr ganz so allein in der neuen Heimat.

 

Das Zaubershampoo funktionierte so gut, wie Maike es versprochen hatte. Ob das an rechtsdrehenden Tachyonen lag oder am ursprünglichen Distelöl aus der heilen Natur, war Jule ziemlich schnuppe. Hauptsache, es hielt die Versprechungen auf der Packung ein. Und das tat es: Jules Haar war nicht nur makellos sauber, es fühlte sich außerdem weich an, glänzte und roch nach Kokos. Normalerweise waren ihre Locken pures Stroh, wenn Jule zu heiß duschte – und sie duschte selten nicht zu heiß.

Sie drehte und wendete sich vor dem kleinen Spiegel.

Kann sich sehen lassen.

Die nussbraunen, fast schulterlangen Strähnen lockten sich ganz leicht, was sie normalerweise überhaupt nicht ausstehen konnte, aber heute lagen die Haare irgendwie anders. Nicht so durcheinander, sondern genau dort, wo Jule sie haben wollte. Das Shampoo hatte es tatsächlich geschafft, ihrer Schnell-einmal-mit-der-Bürste-durch-Frisur geschmeidige Eleganz und einen rötlichen Schimmer zu verleihen. Für die perfekte Werbeanzeige fehlte nur noch ein ansehnliches Badezimmer. Jules Blick fiel auf die blutroten Fliesen mit der altrosafarbenen Spachtelmasse. Das war nicht Vintage, das war nur zu ertragen, wenn sie sich das braune Achtziger-Jahre-Bad ihres Elternhauses in Erinnerung rief.

Seufzend kniff sie die Augen zu, um nicht sofort einen Schlachtplan für die Badrenovierung zu entwerfen. Auf die Schnelle taten es auch ein paar hübsche Malereien mit Window Color auf der Schiebetür der Dusche. Morgen. Oder übermorgen.

 

Trotz allem, was im und um das Haus herum noch zu tun war, liebte Jule die Linde bereits aus vollem Herzen. Die Gaststätte besaß zwar keinen Vorgarten, aber wie bei jedem älteren Haus im Dorf gab es auch neben der Linde ein Tor, hinter dem ein breiter Weg in den Garten führte. Hier war früher der Traktor zu einer Scheune gefahren, die es längst nicht mehr gab. Momentan stand dort der Container für den Sperrmüll.

Direkt vor dem Gehsteig befuhren morgens und abends die Pendler die schmale Hauptstraße, um aus den abgelegenen Schwarzwalddörfern zum Bahnhof oder zur Autobahn zu kommen. Außerhalb dieser Stoßzeiten war es in Sachen Verkehr ziemlich ruhig. Auf der anderen Straßenseite bot der Rathausplatz Parkmöglichkeiten. Die meisten Anwohner parkten jedoch weder dort noch in ihren Hinterhöfen, sondern am Straßenrand. Mit dieser Sturheit – oder Bequemlichkeit – sorgten sie für eine ganze Menge Verkehrshindernisse. Wenn der Bus vorbeifuhr, wurde der Verkehr dermaßen lahmgelegt, dass man auch ohne den Zebrastreifen vor der Brauerei problemlos über die Straße kam. Das Rathaus war ein eckiger, in die Jahre gekommener und architektonisch vollkommen uninspirierter Nachkriegsbau und die Fläche davor ebenfalls eher zweckmäßig als eine Zierde und Visitenkarte für den Ort. Nur eine winzige Ecke mit Rasen und Bäumen und einem alten Brunnen sorgte für ein wenig Grün.

Jule riss sich von der Betrachtung des grünen Fleckchens los und schlenderte zur Einhorn-Brauerei hinüber. Für einen Wochentag war die Wirtschaft gut besucht, wenn auch nicht brechend voll. In einer Ecke schauten einige Menschen Fußball, die übrigen Gäste verteilten sich über den ganzen Raum. Jule ergatterte einen kleinen Tisch ganz am Südende des großen Saals, direkt an der unverputzten alten Ziegelmauer. Von hier aus konnte sie durch die großzügig verglaste Ostseite des Gebäudes zur Linde hinübersehen und vor allem einen Blick auf ihren verwilderten Garten werfen – zumindest auf den Teil, der einmal für ihre Gäste offen stehen sollte. Das warme Abendlicht täuschte nicht darüber hinweg, dass noch eine Menge Arbeit auf Jule wartete.

Laut der Erklärung in der Speisekarte befand sich das Einhorn in einem Gründerzeitgebäude, das früher Produktion, Büros und Ausschank Raum geboten hatte. Heute war das Gebäude entkernt, saniert und eine einzige, großzügige Speisehalle. Das Bier wurde im Anbau gebraut. Ein kundiger Architekt hatte den alten Industriebau geschmackvoll modernisiert, ohne den robusten Charme zu zerstören. Im Großen und Ganzen entsprach das Ambiente deshalb dem, was man erwartete, wenn in einer Brauerei eine Gaststätte eröffnete. Im Einhorn hatte man glücklicherweise auf das Zuviel an Rustikalität und Kitsch verzichtet, das diese Erlebnisgastronomien oftmals auszeichnete. Statt Hirschgeweihen, eingestaubtem Plastikefeu oder alten Blechwerbetafeln an den Wänden sprachen Mauerwerk und Sonnenlicht für sich.

Die West- und die Ostseite der Halle waren fast vollständig verglast, eine Empore bot auf halber Höhe Sitzgelegenheiten an. Von den Braukesseln dienten nur zwei besonders imposante Exemplare mit deckenhohen Rohren der Dekoration. Drei geschickt plazierte Fenster in der rückwärtigen Mauer ermöglichten einen Ausblick in den Anbau und auf die eigentliche Bierproduktion. Es roch einladend nach Malz und gutbürgerlicher Küche.

Während Jule auf ihr Bier und ihre Schweinelendchen wartete, bastelte sie Postkarten für Maike, Cora und ihre Oma. Sorgfältig breitete sie den Inhalt ihrer Tasche auf dem Tischchen aus. Darunter waren liebgewonnene Bastelsachen und kleine Eindrücke ihrer neuen Heimat, die sie in den letzten Tagen gesammelt hatte: alte, vergilbte Speisekarten, die sie in der Linde gefunden hatte, mehrere Bögen weißer Karton, verschiedene Stempelkissen und Schwämmchen, eine Sprühflasche mit Wasser und das fleckige Schlampermäppchen, von dem sie sich seit Schultagen nicht trennen konnte. Den Holztisch schützte sie mit einer alten Tüte vor Farbe.

Aus dem weißen Karton faltete sie drei Klappkarten, auf deren Ränder sie mit einem Schwämmchen zart ockerfarbene Distress Ink auftrug. Auf die Vorderseiten stempelte sie Blüten auf. Dieselben Blüten stempelte sie noch einmal auf die alten Speisekarten, schnitt sie aus und klebte sie über die Blüten auf der Karte. Dann betupfte sie mit dem Stempelkissen die Briefumschläge.

Die Bedienung staunte nicht schlecht, als sie das Bier vor Jule abstellte. »Das sieht ja toll aus!«

»Ich mache auch keine Sauerei.« Jule sprühte vorsichtig ein wenig Wasser über die aufgestempelte Farbe.

»Und wenn, dann bringe ich Ihnen halt einen Lappen. Mit welcher Farbe kann man denn solche Effekte machen?« Neugierig schaute sie Jule über die Schulter.

»Distress Ink.«

Sie reichte Jule einen Pappdeckel und ihren Kugelschreiber. »Können Sie mir das aufschreiben? Und auch, wo ich das am besten herbekomme?«

»Zugegeben, ich bestelle meine Stempel im Netz. Gibt es hier oder in Karlsruhe eigentlich einen guten Bastelladen?«

»Hier in der Gegend leider nicht. In der Stadt haben Sie sicher mehr Glück. Ich könnte Ihnen den ganzen Abend zuschauen. So schön! Aber ich muss dann wieder.«

»Danke. Ähm … ist der Chef eigentlich da?«

Die Bedienung hielt kurz inne. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

Beschwichtigend hob Jule die Hände. »Alles bestens. Ich wollte nur auf gute Nachbarschaft anstoßen.«

»Er ist verreist«, antwortete die Bedienung. »Für längere Zeit.« Sie wandte sich zum Gehen, zögerte kurz, als wollte sie noch etwas hinzufügen, entschied sich dann aber wohl anders.

Nachdenklich griff Jule zum Bier. Es war frisch gezapft und schmeckte sehr malzig und charaktervoll. So, wie sie sich ein gutes Bier aus einer kleinen Brauerei vorstellte. Da musste sie später doch glatt einmal fragen, ob hier auch abgefüllt wurde.