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44 Fangeschichten von Fußball-Leidenschaft, Lieblingsspielern und magischen Stadion-Momenten Wer sind die RB Leipzig Fans? Was fasziniert so viele Menschen an diesem jungen Fußball-Verein? Tim Thoelke, Stadionsprecher von RB Leipzig, blickt in die Reihen des neuen Fanblocks und interviewt 44 Fans des Bundesligisten. Lokomotivführer und Lehrerinnen, Postboten und Professoren, Boxerinnen und Barkeeper erzählen von ihren schönsten Fan-Momenten, ihrem Lieblings-Sektor im Stadion, ihren Spieltags-Ritualen, den größten Überraschungen und bittersten Enttäuschungen der Vereinsgeschichte. Fotograf Enrico Meyer porträtiert die Fans in großformatigen Bildern. So entsteht ein prachtvoller Bildband mit sehr persönlichen Texten, die zeigen: Fußball ist ein Sport, der ohne seine Fans nur halb so großartig wäre! - RB-Fans im Porträt: 44 Interviews begleitet von tollen Fotos - Die Vereinsgeschichte von RB Leipzig: von den Anfängen in der 5. Liga bis zur Champions League - Spielweise, Fankultur, Mannschaft: Was ist das Besondere an RB Leipzig? - Das ultimative RB-Leipzig-Fanbuch: Must-Have Geschenk für Fußball-Fans! Fußball-Liebe in Rot-Weiß: Warum das Leben durch RB Leipzig schöner geworden ist Über die junge Fankultur bei RB Leipzig wurde in den zwölf Jahren ihres Bestehens viel gesagt. Sie wurde geboren, verteufelt, ignoriert und gefeiert – vor allem aber wurde sie gelebt. In diesem Fußballbuch erzählen Menschen, die im Fanblock stehen, die im VIP-Bereich sitzen oder die gar keinen festen Platz im Stadion haben, warum sie RB Leipzig Fans sind. Sie alle verbindet Herzblut und Enthusiasmus für einen Verein, der sich durch Familienfreundlichkeit, Fan-Nähe und eine einzigartige Vereinsphilosophie auszeichnet. Tim Thoelke und Enrico Meyer ist eine unvergleichliche Hommage an RB Leipzig und den Fußball im Allgemeinen gelungen!
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2021
TIM THOELKE / ENRICO MEYER
FANS VON RB LEIPZIG
Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältigerBearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeberund des Verlages ist ausgeschlossen.
1. Auflage
© 2021 Pantauro bei Benevento Publishing Salzburg – München,eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags,der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie der Übersetzung,auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftlicheGenehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendungelektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Dominik Uhl, WienKorrektorat: Annegret Schenkel, Leipzig / Regina Louis, HamburgPrinted by Neografia, Slovakia
ISBN 978-3-7105-0065-7
eISBN 978-3-7105-5012-6
Jan Seyffarth
Matthias Tanzmann
Sven Körbs
Freddy Holzapfel
Sebastian Krumbiegel
Belinda Kurzweil
Karl Wagner
Matthias Kießling
Titus Schade
Ulrike Schmidt
Katja & Axel Ackermann
Marko Reichelt
Max Wege
Anika Remberg
Carlos Eiler Rodriguez Coca
Bulli
Patrick Thomas & Sebastian Geffroy-Thomas
Chiara Hanke
Danny Kurzeja
Julius Fischer
Heike Hinniger & Peter Schiele
Steffen Gräfe
Linn Haack
Guido Schäfer
Emily Röger
Jens Ziegert
André Herrmann
Kamilla Senjo
Frank Dreibrodt
Matthias Mauersberger
Monique & Oliver Pötzsch
Dietrich Enk
Mocke
Doreen Schneider
Familie Depenau
Roger Berger
Rund um Unsere Mannschaft
Rund um Unser Stadion
Rund um Unseren Verein
Rund um Unsere Fans
Yussuf Poulsen
Fabio Coltorti
Tim Thoelke
Enrico Meyer
Vielen Dank an
Über unsere junge Fankultur bei RB Leipzig wurde viel gesagt in den letzten zwölf Jahren. Sie wurde geboren, verteufelt, ignoriert und gefeiert – vor allem aber wurde sie gelebt.
Aber was fasziniert eigentlich so viele Leute an diesem Verein? Wer sind diese RB-Fans?
Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich mit Lokomotivführern und Lehrerinnen getroffen, mit Postboten und Professoren, mit Boxerinnen und Barkeepern. Mit Menschen, die im Fanblock stehen, die im VIP-Bereich sitzen oder die gar keinen festen Platz im Stadion haben, Menschen im Alter zwischen 7 und 78 Jahren. All diese Leute verbindet nur eine einzige Sache: Sie finden, dass ihr Leben durch RB Leipzig schöner geworden ist.
Dieses Buch ist ein Blick in die Reihen eines neuen Fanblocks, hinter rot-weiße Fahnen und zwischen die Zeilen der RBL-Fangesänge. Es ist meine Hommage an alle RB-Fans, die Diversität im Leipziger Stadion und an eine junge Liebe.
Tim Thoelke im März 2021
Die Berufswünsche von Grundschülern haben sich in den letzten Jahrzehnten erstaunlicherweise kaum verändert. An der Spitze der Wunschliste finden sich weder YouTube-Star noch Profi-Gamer, stattdessen nach wie vor Polizist, Pilot und Feuerwehrmann. Auch Fußballprofi auf Platz 4 oder Astronaut auf Platz 5 wollten 2018 noch sehr viele Jungs werden (geschlechterübergreifend liegt Astronaut/in einen Rang vor Fußballprofi), ein anderer klassischer Berufswunsch ist allerdings seit ein paar Jahren aus der Top Ten gerutscht: Rennfahrer. Vielleicht liegen die letzten großen Titel von Vettel und Rosberg einfach außerhalb der Sozialisation von Sechs- bis Zehnjährigen; meine Generation allerdings, die mit Niki Lauda aufgewachsen ist, assoziiert diese Erwerbstätigkeit noch mit Abenteuer, Lebensgefahr und Heldenmut – oder einfach nur Irrsinn.
Den Rennfahrer Jan Seyffarth habe ich zum ersten Mal in Berlin getroffen, beim Pokalfinale 2019. Damals ließen wir uns in einer Rikscha vom Teamhotel zum Fanfest am Breitscheidplatz fahren, währenddessen plauderten wir für ein Kamerateam über RB Leipzig, die Rennfahrerei und das bevorstehende Finale im Olympiastadion. Jetzt haben wir uns wieder verabredet, diesmal allerdings bei Jan zu Hause. Passend zu seiner Leidenschaft für Motoren mit viel PS wohnt er mit seiner kleinen Familie in einer ausgebauten Panzergarage. Durch das Häuschen im Leipziger Norden kam er auch das erste Mal in Kontakt zu RB Leipzig, denn in seiner direkten Nachbarschaft wohnten im Laufe der Jahre mehrere Spieler und Trainer unseres Lieblingsvereins. Heute bezeichnet Jan sich selbst als echten Fan, steht, wann immer es geht, in Sektor B und besucht außerdem die Spiele der RB-Frauen und des Nachwuchses. »Mit Stimme rein, ohne Stimme raus!«, sei da sein Motto, sagt er und führt mich in den kleinen Garten hinter dem Haus. Er berichtet, dass er sich bei aller Verehrung der Spieler und des Vereins trotzdem eine kritische Seite bewahrt hat: »Was Taktik und Training angeht, erlaube ich mir kein Urteil. Als Profi weiß ich selbst, wie wenig Einblick man da von außen hat. Aber wenn die Einstellung nicht stimmt, nervt mich das total – ich weiß ja, dass sie es besser können.«
Familienhund Pepper hat unterdes offensichtlich kein Problem damit, dass ich in sein Territorium eingedrungen bin, und wälzt sich glücklich auf dem Rasen. Jan macht auf der Terrasse eine einladende Geste in Richtung einer gepolsterten Sitzecke. »Aber du musst als Fan auch Verständnis für den Menschen haben, der in dem Trikot steckt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass du als Sportler nicht immer nur gute Laune hast. Wenn du dann bei eiskaltem Nieselwetter durchgeschwitzt nach einem schlechten Spiel in die Kurve kommen sollst … na ja, ich kann verstehen, dass man da auch mal keinen Bock drauf hat.«
Jan weiß, wovon er redet, verdient er doch seit 15 Jahren sein Geld im professionellen Sport. Mit zwölf fuhr er seine erste Saison im Kart, es folgte die Formel 3, dann die Nominierung als Junior-Fahrer im Porsche-Team und eine Karriere als Profifahrer beim Porsche Carrera Cup. Später startete er beim ADAC GT Masters, heute fährt er vor allem Langstreckenrennen und ist als Testfahrer im Einsatz.
Als ich ihn auf den oben genannten Spagat zwischen Abenteuer und Irrsinn anspreche, sagt er: »Angst darfst du nicht haben, aber Respekt schon. Wenn du Angst hast, fehlt dir nicht nur der Mut zur Lücke, du machst dann auch das Falsche, wenn dir mit Tempo 200 zum Beispiel die Bremse ausfällt.« Das sei ihm schon einmal passiert, erklärt er. »Aber klar, es gibt auch Rennfahrer, die weder Angst noch Respekt haben.«
Jan weiß aus eigener Erfahrung, dass man Unfälle im Motorsport nicht grundsätzlich vermeiden kann. 2009 rammte ihn auf Platz 2 fahrend ein Fahrzeug von hinten, woraufhin sein Porsche nach einem Dreher quer auf der Fahrbahn zum Stehen kam. »Von den 28 Autos hinter mir sind 27 vorbeigekommen.« Und dann hat es doch gekracht.
»Hüfte, Schambein, Steißbein, alles gebrochen. Als der Arzt vor Ort mich gefragt hat, wo ich meine Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen würde, habe ich geantwortet: ›Bei 12!‹«
Fünf Monate konnte er danach nicht laufen. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hat er sich nicht zuerst nach Hause, sondern zu seinem zerstörten Boliden fahren lassen. Er hat sich in das gesetzt, was von seinem Auto noch übrig war, und sich gesagt: »Das alles hier um mich herum, das ist jetzt kaputt, weil es mich geschützt hat.« Das war der Beginn und das Ende seiner Psychotherapie – einen Monat später war er wieder auf der Rennstrecke.
»Als Rennfahrer hast du kein Privatleben, kein Wochenende, kein früh und kein abends«, meint er. Doch Jan hat sich mittlerweile ein zweites Standbein aufgebaut, arbeitet als Experte bei der Formel 1, DTM und Rallye-WM. Damit bleibt ein wenig mehr Zeit für die Familie und natürlich für RB Leipzig. Die Mitgliedschaft seiner zweijährigen Tochter in Bullis Bande verbindet beides.
»Früher gab es Fußball für mich mehr oder weniger nur bei der EM und WM«, sagt er. »Bevor ich das erste Mal live dabei war, hatte ich mich viel mit den Negativstimmen zu RB beschäftigt. Doch als ich dann im Stadion stand, hab ich schnell gemerkt: Das ist doch alles Blödsinn! Das ist ja voll geil hier!«
ALTER: 33
BERUF: Rennfahrer
GEBURTSORT: Querfurt
WOHNORT: Leipzig (Gohlis)
NUR DER RBL:»Ich bin in Leipzig zu Hause, das ist meine Stadt – allein deswegen kommt für mich schon mal kein Verein von außerhalb infrage. Und dann ist RB für mich wie eine große Familie, da kannst du mitten im Fanblock mit einem kleinen Kind stehen, kein Problem!«
SCHÖNSTER FAN-MOMENT:»Für mich war der bei meinem allerersten Mal im Stadion, 2016, bei dem Spiel gegen Dortmund. Mein Nachbar, der damals Trainer der U19 war, hatte mir die Karte besorgt. Das war echt krass, ich konnte mich kaum auf das Spiel konzentrieren, so viel gab es da zu sehen.«
EWIGER LIEBLINGSSPIELER:Dominik Kaiser
Er bringt seit zwanzig Jahren Menschen dazu, sich rhythmisch zur Musik zu bewegen, und musste sich nie Gedanken über einen Künstlernamen machen – Matthias Tanzmann ist ein weltweit gefragter DJ und Produzent – und begeisterter RB-Leipzig-Fan. Als ich sein Studio in Gohlis betrete, macht mein Sammlerherz direkt einen kleinen Sprung und zieht mich in einen Nebenraum, in dem sich hinter einem Tischkicker eine nicht unerhebliche Plattensammlung befindet. In drei nebeneinanderstehenden Regalen fällt mein Blick vor allem auf Maxi-Singles in unbedruckten weißen Hüllen – die gängige Konfektion für elektronische Musik auf Vinyl. Wie viele das wohl seien, frage ich ihn, nicht ohne eine eigene Zahl im Kopf zu haben. »Keine Ahnung. 6.000?«, sagt er. Ich korrigiere auf 4.000, und Matthias räumt ein, nicht mehr besonders oft in der Sammlung zu stöbern. »Das sind alles alte Sachen, ich lege ja schon seit Jahren nur noch digital auf.« Dann zeigt er auf seine beiden Technics 1210er, die legendären DJ-Plattenspieler, die zwanzig Jahre lang in jeder Disco auf diesem Planeten standen: »Um mir die zu kaufen, habe ich mit siebzehn in den Schulferien wochenlang auf dem Bau geschuftet, das muss 1994 gewesen sein – und die laufen immer noch einwandfrei!« Mir kommen ganz ähnliche Erinnerungen, auch ich habe Mitte der 90er sehr viele sehr miese Jobs machen müssen, um mir meine beiden jeweils knapp 1.000 Mark teuren 1210er kaufen zu können.
Während wir noch etwas über die klassische Schönheit dieser unverwüstlichen Geräte schwärmen, gehen wir in den Hauptraum des Studios. Ich setze mich auf ein cremefarbenes Sofa, Matthias nimmt auf einem Drehstuhl in der Mitte des Raums Platz, umrahmt von Mischpulten, Computerbildschirmen, Lautsprechern und Synthesizern. Wir sprechen darüber, wie sehr sich die Club-Welt durch die Digitalisierung verändert hat. »Heute musst du keine handwerklichen Fähigkeiten mehr haben, um DJ zu sein – die Technik übernimmt das einfach. Jeder kann sich zu Hause ein Programm runterladen und sofort mit dem Mixen anfangen.«
Als ich ihm erkläre, dass ich am digitalen Auflegen keine Freude hätte, sagt er: »Du bist ja auch Plattensammler, das ist was anderes! Und du spielst Musik aus einer Zeit, als die Schallplatte noch der Standard, also das originäre Kunstwerk war. Das ist bei aktueller elektronischer Musik heute nicht mehr so.«
Einer der ganz wenigen DJs, die in diesem Genre noch mit einem Schallplattenkoffer zum Auftritt kämen, sei Sven Väth, berichtet er. Der hätte Vinyl zu seinem Markenzeichen gemacht. Für Matthias kommt das aber schon lange nicht mehr infrage. Zu sehr hat er mittlerweile die vielen technischen Features schätzen gelernt, die ihm beim digitalen Mischen der Songs fast unbegrenzte Sound-Möglichkeiten verschaffen. Der Musiker in ihm scheint es allerdings ein wenig schade zu finden, dass nur noch so wenige Stücke den Weg ins Presswerk schaffen. Es sei immer ein ganz besonderer Moment gewesen, die eigene Produktion schließlich in den Händen zu halten. »Gerade bei ganzen Alben ist das dann ja die abgeschlossene Dokumentation einer monate- oder sogar jahrelangen Produktionsphase.«
Die Produktionen von Matthias Tanzmann beinhalten meistens mehr House als Techno und werden deshalb unter Tech House eingeordnet.
»Ich tausche mich fast täglich international mit anderen DJs aus, das ist ja heute ganz einfach. Wir schicken uns ständig neues Material zu.« Es sei für ihn schon faszinierend, am Freitagnachmittag im Flieger an einem Song zu arbeiten, der am Wochenende schon in x Clubs rund um den Globus gespielt werden könnte, erzählt er. »Dann hast du am Montag schon ein Feedback, ob und wo das Stück auf der Tanzfläche funktioniert hat.«
Zehn bis zwanzig Prozent der Musik, die Matthias an einem Abend im Club spielt, stammen aus seiner eigenen Feder. Er räumt ehrlich ein, dass er nicht ausschließlich von den Eigenproduktionen leben könnte. »Das kann man sich schönrechnen, wie man will: Die Kosten für das Studio, die Geräte, die Zeit, die man dafür aufwenden muss, das ist einfach nicht profitabel. Trotzdem sind die eigenen Songs sehr wichtig, sie sind als DJ quasi deine Visitenkarte. Aber noch viel wichtiger ist, dass ich das Schrauben an den Tracks einfach liebe!«
Um sich bei seinen etwa 120 Auftritten im Jahr so oft wie möglich seiner Liebe zu RB Leipzig hingeben zu können, muss er gut organisiert und mitunter schon mal etwas erfinderisch sein. Da er in Australien genauso regelmäßig spielt wie in Peru, Japan, Russland oder Spanien, ist es schon mit einem gewissen Aufwand verbunden, Gigs und Flugzeiten an die Leipziger Spielpläne anzupassen. Besonders im Ausland ist die wichtigste Grundvoraussetzung dabei immer, dass man sauberen Internetempfang hat. Um auch ja keine Minute Arbeitszeit von Poulsen & Co. zu verpassen, hat Matthias deswegen schon viel Geld in Daten-Flatrates auf Langstreckenflügen investiert. Denn noch mehr als über ein verlorenes Spiel ärgert sich der Vielflieger über einen nicht funktionierenden Stream. »Und wenn mal gar nichts läuft«, meint er, »der Bullenfunk geht immer.«
Es gibt vielleicht keinen anderen RB-Fan, der die Partien der Leipziger in so vielen Ländern verfolgt hat wie Matthias Tanzmann. Er zeigt mir ein Handyvideo, auf dem er an der US-amerikanischen Grenze kurz vor El Paso im Stau steht und zur Verwunderung der Grenzbeamten RB Leipzig auf seinem Tablet anfeuert.
»Ich versuche natürlich, zu so vielen Heimspielen wie möglich zu kommen«, sagt er. Da er jedes Wochenende unterwegs sei, wäre dies aber nur unter der Woche möglich. »Deswegen ist es mir auch besonders wichtig, dass wir weiter international spielen. Es ist für mich einfacher, auswärts in Europa dabei zu sein, als zu Hause in der Bundesliga.«
ALTER: 43
BERUF: DJ
GEBURTSORT: Leipzig
WOHNORT: Leipzig (Plagwitz)
NUR DER RBL:»Ich bin nicht nur Fan der Leipziger Spielweise, sondern ganz besonders auch der Philosophie des Vereins, vor allem auf junge Talente zu setzen und diese konsequent zu fördern. Obwohl der Club die finanziellen Möglichkeiten gehabt hätte, teure Superstars aus der Bundesliga zu kaufen, hat man das Geld lieber in ein modernes Nachwuchszentrum investiert.«
SCHÖNSTER FAN-MOMENT:»Das entscheidende Tor zum ersten Einzug in die K.-o.-Phase der Champions League am 27.11.2019 zu Hause gegen Lissabon. Nach einem 0:2-Rückstand verwandelt Emil Forsberg in der 90. Minute erst den Elfmeter zum Anschlusstreffer und dann sechs Minuten später das unglaubliche 2:2 per Kopfball. Unfassbar!«
EWIGER LIEBLINGSSPIELER:Stefan Ilsanker
Ich treffe Sven auf Mallorca, wo er sich auf ein sportliches Großevent vorbereitet, das etwa ein halbes Jahr später auf der anderen Seite der Erdkugel stattfinden soll: den Ironman auf Hawaii. Wir haben uns an einem seiner sogenannten Entlastungstage verabredet, also an einem trainingsfreien Tag, der glücklicherweise auf das Spiel unseres Lieblingsclubs beim VfL Wolfsburg fällt. Dünn sieht er aus, als er mich am Strand von Alcúdia begrüßt, die Arme schon fast mager. Für Langstrecken-Triathleten aber die perfekte Figur, versichert er mir gut gelaunt.
Da in der Nebensaison der Ort wie im Halbschlaf liegt und in den umliegenden Bars scheinbar noch niemand Lust hat, die Bundesliga zu übertragen, spazieren wir am Strand in Richtung von Svens Trainingslager. Dort gäbe es eine Radsportler-Kneipe, sagt er, und der Wirt hätte ihm versprochen, das Spiel zu zeigen. Also machen wir uns auf den etwa fünf Kilometer langen Weg nach Platja de Muro. Nach 2,5 Kilometern brauche ich eine Pause und steuere eine Strandbar an. Sven bestellt alkoholfreies Weizen, ich nehme ein Radler. Svens Bier kommt versehentlich mit Alkohol, er winkt ab und gießt es sich trotzdem ein. Ob er denn in der Vorbereitung überhaupt Alkohol trinken darf, frage ich ihn. »Ach, das macht nichts«, sagt er und nimmt einen großen Schluck. Er sieht sein Weizenglas an und sagt: »Wir trainieren so hart, da muss man jede Kalorie zu sich nehmen, die man kriegen kann. Wenn du nach dem Training hier abends ins Hotel kommst, dann willst du nur noch essen – große Mengen essen.«
»Und wie sieht euer Ernährungsplan aus, was genau esst ihr dann so?«, frage ich.
»Einfach alles, was da ist!«, sagt er und nimmt noch einen tiefen Zug.
Triathlon macht Sven schon seit Jahrzehnten, einen Ironman hat er aber noch nie absolviert – nicht mal einen Marathon. Trotzdem macht er sich keine Sorgen, die Qualifikation für Hawaii nicht zu schaffen. 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, 42 km Laufen. Ich würde schon bei der ersten Disziplin sterben – und das meine ich nicht sinnbildlich, ich würde wirklich ertrinken.
»Beim normalen Triathlon schwimme ich ja nur die halbe Ironman-Distanz, ich bin mir aber sicher, dass ich die lange Strecke trotzdem mit der gleichen Durchschnittsgeschwindigkeit schwimmen kann«, meint Sven, als wir uns wieder auf den Weg machen. Wenn es danach aufs Fahrrad geht, würde er gar nicht mehr merken, wie viel er vorher geschwommen sei. »Weil Triathleten ganz bewusst nur aus den Schultern schwimmen und nicht mit den Beinen. Und das Laufen zum Schluss, das werde ich dann einfach nur noch genießen«, sagt er mit einem Lächeln, und mir wird klar, dass wir sehr, sehr unterschiedliche Definitionen von Genuss haben.
Als wir schließlich in Svens Fahrrad-Pub ankommen, fummelt der Wirt tatsächlich sofort an der Fernbedienung herum und sucht nach dem richtigen Sender. An den Wänden hängen Unmengen von Trikots, Fotos und sonstigen Radsport-Memorabilia. »Das ist ein Original!«, sagt Sven und deutet auf einen senffarbenen Plüschlöwen, der auf einem Kuchenkühlschrank sitzt. Da ich ein wenig Enthusiasmus vermissen lasse, ergänzt er: »Den bekommt man, wenn man bei der Tour de France eine Etappe gewinnt!« Jetzt bin ich doch ein wenig beeindruckt von dem angeschmuddelten Stoffding.
Während auf dem Bildschirm die Mannschaften den Rasen betreten, erzählt Sven vom Bullenfunk, der sich zu Regionalliga-Zeiten noch Fanradio nannte.
Das Fanradio gibt es – kaum zu glauben, aber wahr – seit dem allerersten Spiel von RB Leipzig. Sven komplettierte im Sommer 2010, also nach dem Aufstieg in die Regionalliga, das Moderatorenteam um Ronny Muhm und Felix Keyserlingk und berichtet seitdem per Internet-Hörfunk von den RB-Leipzig-Spielen. Legendär ist neben seiner sonoren Stimme und spielbezogenen Leidenschaft auch sein Hang zu einer gewissen Häufung bzw. Überbetonung der Wortgruppe »unsere Roten Bullen«.
»Die Anfangstage waren wild«, schildert er, als die Partie in Wolfsburg angepfiffen wird. Zuerst übertrug man noch direkt aus dem Fanblock – für den man sich vorher eine ganz normale Karte gekauft hatte. Mit Aussetzern in der Übertragung musste man leben, damit, dass es manchmal erst ein paar Minuten nach Anpfiff losging, auch. Eine stabile Internetverbindung war eher die Ausnahme als die Regel, oft hantierte man gleich mit mehreren Internet-Sticks, weil man nie wusste, welches Netz in den fremden Stadien am stärksten war. Man war schon froh, wenn man überhaupt Strom hatte. Auch wenn die Hörerzahlen in der Regionalliga schon sehr beachtlich waren, die heute 30.000 bis 50.000 Zuhörer waren in den Anfangstagen noch nicht denkbar.
»Früher gab es noch eine sehr enge Bindung zu den Spielern. Verletzte oder gelbgesperrte Spieler waren standardmäßig bei uns im Bullenfunk und mischten bei den Sendungen mit. In der Bundesliga ist das so leider nicht mehr möglich«, konstatiert er, den Blick auf den Fernseher gerichtet.
Wenn auch damals noch nicht als Radiomoderator: Sven ist vom ersten RBL-Tag an dabei. Er sah sich das erste Training der Mannschaft genauso an wie am 31. Juli 2009 das erste Pflichtspiel gegen den VfK Blau-Weiß Leipzig. Er ist nicht nur zu allen Auswärtsspielen der ersten Jahre gefahren, sondern hat die Mannschaft als Fan auch in sämtliche Trainingslager begleitet. Als sein Hochzeitstag einmal auf einen Heimspieltermin fiel, schenkte er seiner Frau VIP-Tickets für die Red Bull Arena und verband so das Festliche mit dem Sportlichen. »Erst nach fünf Jahren, in der dritten Liga, hab ich das erste Spiel von RB verpasst«, sagt er und flucht über einen halbgaren Pass von Lukas Klostermann im fernen Niedersachsen.
Irgendwann endet der zähe Kick zwischen RB und dem VfL schließlich mit 0:0. So richtig Freude hat mir das Spiel nicht gemacht, ganz im Gegensatz zu diesem Nachmittag mit Sven Körbs.
ALTER: 39
BERUF: Vertriebsaußendienstleiter
GEBURTSORT: Apolda
WOHNORT: Leipzig (Knauthain)
NUR DER RBL:»Es gibt einfach keinen anderen Verein, in dem du die Möglichkeit hast, von Anfang an ein aktiver Teil des Geschehens zu sein. Außerdem gebe ich offen zu, dass es mir einen besonderen Kick gibt, dass unser Club so stark polarisiert und sich die Neider und Hater immer wieder erfolglos an uns abarbeiten.«
SCHÖNSTER FAN-MOMENT:»Das 1:0 von Naby Keïta im ersten Bundesliga-Heimspiel von RB Leipzig gegen Borussia Dortmund in der 89. Minute. Ich stand in Sektor B und bin völlig ausgerastet. So eine Ekstase habe ich fast noch nie verspürt.«
EWIGER LIEBLINGSSPIELER:Diego Demme
Mit dieser Stimme wirst du niemals auf Sendung gehen!«, sagte der Radiochef von Energy Sachsen Ende der 90er zu seiner Praktikantin Freddy Holzapfel. Seit zwanzig Jahren arbeitet Freddy mittlerweile als Rundfunkmoderatorin, und sie hat nie daran gezweifelt, dass sie ihren Weg trotz diverser Hindernisse und Vorurteile gehen würde. Dass sie allerdings mal einen Hörfunkpreis für eine Fußballreportage gewinnen sollte, war auch für sie nicht vorhersehbar. Um herauszubekommen, wie es dazu kam, habe ich mich mit ihr in ihrem Homeoffice in der Leipziger Ostvorstadt verabredet.
Die zweifache Mutter arbeitet viel von zu Hause, produziert von hier ganze Berichte in Eigenregie. Ein tägliches Pendeln nach Magdeburg zu ihrem Haussender SAW ist damit unnötig. Wie ein hoch technisiertes Tonstudio sieht ihr Arbeitsbereich aber nicht aus: In einer kleinen Ecke des Wohnzimmers steht ein Schreibtisch, daneben ein Mikrofon in einem seltsamen, halbrunden und mit Schaumstoff ausgekleideten Metallelement. Dieser sogenannte Reflexions-Filter, der aussieht wie eine in der Mitte durchgesägte Wäschetrommel, sorgt für gute und von Störgeräuschen freie Aufnahmen, erklärt Freddy mir und serviert selbst gemachte Limonade. Viel mehr Hardware braucht sie nicht – die digitale Technik macht’s möglich.
Die 41-jährige Leipzigerin hat ihr Handwerk von der Pike auf gelernt: Von einem zweijährigen unbezahlten Praktikum bis zur jahrelangen Moderation der wichtigsten Sendung eines jeden Radiosenders: der Morning-Show. Bei ihrer Arbeit für PSR kam sie dann beruflich zum ersten Mal mit unserem Lieblingssport in Kontakt. »Ich bin als Fußball-Mieze aufgewachsen, das wurde mir schon in die Wiege gelegt. Mein Papa war großer Werder-Bremen-Fan, und wir haben samstags oft zusammen die Sportschau geguckt. Als Teenie bin ich dann mit meinem damaligen Freund zu verschiedenen sächsischen Vereinen gegangen. Als RB Leipzig 2010 ins Zentralstadion gekommen ist, bin ich da gleich hin, und es war von Anfang an diese Euphorie zu spüren – mir war sofort klar: Das wird hier was ganz Großes.«
Kleine Familienausflüge seien das damals gewesen, und sie sei regelmäßig mit einem Säugling in der Babytrage ins Stadion gegangen, erzählt sie. Heute ist der einstige Säugling genauso alt wie der Verein, ist selbst aktiver Fußballer und hat wie seine Mutter seit zwei Jahren eine Dauerkarte in Sektor C.
Bis dahin war Freddys Platz noch auf der gegenüberliegenden Pressetribüne, von wo aus sie als Fußball-Berichterstatterin für Radio PSR im Einsatz war. In den ersten beiden Bundesliga-Saisons von RB Leipzig wurde sie bei allen Heimspielen mehrfach in die Live-Sendung geschaltet. »Ich bin ohne großes Fachwissen an die Sache rangegangen. Ich hatte wenig Ahnung von Taktik, dafür habe ich umso mehr Feuer und Fan-Begeisterung in meine Beiträge geworfen – und das hat den Hörern gut gefallen«, sagt sie. So hat sie die Mannschaft manchmal jenseits von journalistischer Nüchternheit gefeiert (»1:0 für uns«), andererseits aber auch nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn ihr die Jungs mal nicht gefallen haben. Das hat sogar den damaligen RB-Trainer Ralf Rangnick vor einem wichtigen Spiel einmal so beeindruckt, dass er ihre Worte in der Kabine zitiert hat (siehe gegenüberliegende Seite: SCHÖNSTER FAN-MOMENT).
Nicht wenige männliche Berufsgenossen waren damals dagegen, dass eine Frau über Fußball berichtet. »Das sollte nun wirklich ein Mann machen!«, empörte man sich damals im Sender. So wurde ihr auch schon mal der Tipp gegeben, doch besser nur über die Frisuren der Spieler zu sprechen oder vielleicht darüber, wie die Trikots sitzen.
Schon wegen solcher Sprüche bedeutete es Freddy sehr viel, dass sie für ihre direkte und persönliche Fußball-Live-Reportage aus dem RB Leipzig Stadion mit dem Mitteldeutschen Hörfunkpreis geehrt wurde. Ihre Arbeit wurde 2017 von der Jury als »herzlich-sympathisch und hochprofessionell, faktensicher und emotional« definiert. Kommentare über Mode oder Haare spielten dabei zum Erstaunen ihrer Kritiker keine Rolle.
Aber auch abseits des Sports gab es immer mal wieder seltsame Situationen in Freddys Berufsleben, mit denen sich ein männlicher Kollege an der gleichen Stelle vielleicht nicht hätte befassen müssen. So wurde ihr bei einer Veranstaltung mal gesagt: »Das ist ja ganz geil, was du da machst, aber wann kommt denn endlich dieser Freddy, der hier angekündigt ist?«
Es ist erstaunlich, wie wenig sich Freddy von Situationen oder Aussagen dieser Art aus der Ruhe bringen oder bremsen lässt. Eine Sache hat sie ganz offensichtlich mit unseren Spielern gemeinsam – in ihrer Brust schlägt ein ausgeprägtes Kämpferherz.
ALTER: 41
BERUF: Radiomoderatorin
GEBURTSORT: Lutherstadt Wittenberg
WOHNORT: Leipzig (Graphisches Viertel)
NUR DER RBL:»Meine Stadt, mein Verein! Der Club hatte von Anfang an große Ziele und hat alle Erwartungen erfüllt. Wenn ich ins Stadion gehe, fühle ich mich pudelwohl und kein bisschen unsicher – auch nicht als Mutter mit einem kleinen Kind.«
SCHÖNSTER FAN-MOMENT:»Als Ralf Rangnick mein Statement zu einem schwachen RB-Spiel in der Kabine der Mannschaft vorgetragen hat – und mich danach als Dankeschön für meine klaren Worte zur Aufstiegsfeier einlud, bei der ich sogar kurz mit ihm auf den Balkon vom Alten Rathaus durfte!«
EWIGER LIEBLINGSSPIELER:Dominik Kaiser
Wenn man das Musikzimmer von Sebastian Krumbiegel betritt, ist man schon ein wenig beeindruckt. Allerdings nicht so sehr von dem eher an einen Hobby- oder Abstellkeller erinnernden Raum, in dem sich neben diversen Musikinstrumenten eine Sofaecke, ein Hometrainer und unzählige Erinnerungsstücke an vergangene Auftritte befinden. Es ist vielmehr der Flur davor, der einem Respekt einflößt, zumindest wenn man die zweistellige Anzahl Goldene Schallplatten und CDs betrachtet, die dort die Wände zieren.
»Wir arbeiten gerade daran, dass da demnächst noch so ein Ding hängt«, erzählt er mit einem Lächeln, als wir auf den schwarzen Ledersesseln Platz nehmen. Ich bin nicht das erste Mal zu Gast in dem geräumigen Souterrainzimmer, vor einigen Jahren haben wir hier ein paar Abende lang Songs für die Jubiläums-CD der Leipziger Straßenzeitung Kippe geprobt. Bei Tageslicht habe ich es allerdings noch nie gesehen – Sebastian ist, wie ich, ein ausgesprochener Nachtmensch. Als eine weitere Premiere wird sich herausstellen, dass ich es heute nüchtern verlassen werde (manche Dinge, die man Musikern nachsagt, stimmen eben einfach).
Sebastian schreibt gerade Songs für die neue Platte seiner Band Die Prinzen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Gruppe komponiert und textet er zusammen mit einigen handverlesenen Co-Autoren. »Nach fast dreißig Jahren musst du auch mal aus der eigenen Suppe herausgucken, da tut uns so ein Input von außen mal ganz gut«, sagt er. Mit Tobias Künzel tritt er schon seit 1976 auf, als Kinder im Thomanerchor und seit 1991 mit den Prinzen. Seitdem haben sie immer wieder versucht, sich neu zu erfinden: mal mit klassischem Orchester, dann in voller Rockbesetzung und schließlich unplugged in Kirchen. Jetzt haben sie ein neues Management, einen frischen Plattenvertrag in der Tasche und ein neues Produzententeam. »Das sind die gleichen Leute, die Udo Lindenberg in den Nullerjahren wieder fit gemacht haben«, sagt Sebastian. Und weil er weiß, dass ich Lindenberg schon als Elfjähriger verehrt habe: »Die haben es geschafft, ihn endlich wieder so klingen zu lassen, wie wir Fans ihn lieben!« Ich gebe ihm recht.
