Jungen sind anders, Mädchen auch - Melitta Walter - E-Book

Jungen sind anders, Mädchen auch E-Book

Melitta Walter

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Beschreibung

Chancengleichheit von klein auf

Mädchen und Jungen verdienen gleiche Entfaltungschancen. Die meisten Eltern teilen diese Auffassung heutzutage – ebenso wie Erzieherinnen im Kindergarten und Lehrkräfte in der Schule. Und sie sind überzeugt, dass sie beide Geschlechter gleichberechtigt behandeln. Doch schauen wir genauer hin, ergibt sich oft ein anderes Bild. Denn viele Rollenklischees von Männlichkeit und Weiblichkeit sind uns so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen. Wir Erwachsenen leben ja selbst innerhalb dieser Klischees.

Gut, wenn wir den Blick schärfen. Melitta Walter zeigt anhand so unterschiedlicher Themen wie Spielzeug, Geldverdienen, Stadtplanung oder Sport, wie eng unsere Geschlechterrollen oft sind – und wie wir schon früh im Leben von Kindern die Weichen für mehr Chancengleichheit stellen können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Für Jannis, Nessim und Sarah

Inhaltsverzeichnis

WidmungVORWORT - Den Blick schärfen: Sensibel werden für die spannende Welt der GeschlechterrollenWas wäre, wenn wir tauschen würden?
Erziehungshintergründe – ErziehungstraditionenWenn ich könnte, wie ich wollte – RollenwechselspieleMit Fantasie ausgedachter Geschlechtertausch
Copyright

VORWORT

Den Blick schärfen: Sensibel werden für die spannende Welt der Geschlechterrollen

Wer immer dieses Buch aufschlägt, ist eine Frau oder ein Mann. Sonnenklar.

Weit weniger klar ist uns oft, wie sehr diese Tatsache uns dabei beeinflusst, wie wir dieses Buch lesen, was wir darin interessant finden, was uns ärgert, was uns amüsiert, welche Bücher wir überhaupt in die Hand nehmen. Wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir uns in ihr bewegen, hängt (neben anderen wichtigen Faktoren) ganz unmittelbar mit unserer eigenen Lebensgeschichte als Frau oder als Mann zusammen.

Das Verhältnis der Geschlechter hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ständig gewandelt. Konfliktstoff gibt es genügend, seit Jahrzehnten wird darüber berichtet. Es gibt radikale und eher traditionsbewusste Ansichten darüber, was sich verändern sollte oder auch nicht, Diskussionen über den Einfluss von Genen und Erziehung, Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Rolle Elternhaus, Kindergarten, Schule und Politik spielen sollten. Vernachlässigt wird in diesen Auseinandersetzungen, dass die Veränderung traditioneller Geschlechterrollen ein biographischer Entwicklungsprozess ist, der sich durch unser ganzes Leben zieht.

In der Politik ist die Rede von »Gender Mainstreaming«, in der Erziehung von »geschlechtergerechter Pädagogik« – Begriffe, die sehr abstrakt sind. Letztlich verweisen sie auf die praktische Umsetzung des simplen Grundgesetzauftrages: Unabhängig von ihrem Geschlecht sollen Menschen gleiche Entfaltungschancen bekommen. Ein Grund dafür, dass trotz vielfältiger Anstrengungen sich in den meisten Lebensbereichen die Chancengleichheit relativ wenig entwickelt hat, dass eher ein großer blinder Fleck blieb, lag sicher auch an mangelndem gesellschaftlichen Interesse. Erst langsam wächst das Verständnis: Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit. Frauen und Männer, Mädchen und Jungen befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen, und nur wer für diese einen geschärften Blick entwickelt, wird vermeiden, dass scheinbar neutrale Maßnahmen faktisch zu Benachteiligungen führen. (Einen knappen Überblick zum Thema Gender Mainstreaming – woher kommt der Begriff, was ist seine Geschichte? – finden Sie übrigens im Abschnitt "Der lange Weg vom Grundgesetzrecht zur Umsetzung ins wirkliche Leben".)

In den Jahrzehnten, die ich als Referentin, Autorin und Beraterin diesem Auftrag der Chancengleichheit verpflichtet bin, habe ich gelernt: Nur wenn wir verstehen, dass wir für uns als einzelne Frau, als einzelner Mann einen Vorteil aus Veränderungen ziehen, werden wir auch aktiv. Dieses Buch will verdeutlichen, dass die weitere Annäherung der Geschlechter bei jeder Frau und jedem Mann selbst beginnt, dass die Generationen der heutigen Großeltern, Eltern, Erziehenden und momentanen jungen Erwachsenen immer und überall entscheidende Vorbildfunktion für die derzeit nachwachsende Generation hat. Egal, ob mit oder ohne eigene Kinder, jede und jeder von uns kann mitwirken beim Prozess der Annäherung der Geschlechter.

Das eigene Erleben als Mann, als Frau ist der beste Ausgangspunkt, um den Blick für Geschlechterrealitäten zu schärfen. Denn nicht der theoretische Anspruch, sondern die vielen kleinen individuellen Geschichten aus dem wirklichen Leben öffnen uns die Augen für das, was unser Aufwachsen als Frau und Mann prägt. Sie werden beim Lesen die Erfahrung machen, dass eigene Kindheitserlebnisse wieder aufsteigen, und feststellen, dass bestimmte Erfahrungen nur von Ihrem eigenen Geschlecht geteilt werden. Die Lebenswelten von Mädchen und Jungen unterscheiden sich – früher wie heute – ebenso wie die von Männern und Frauen. Es gibt sozusagen geschlechts»typische« Gesetzmäßigkeiten. Wenn wir uns einzelne Aspekte des Alltags herausgreifen, wird es interessant und überschaubar. Wie weit gelingt es, uns in die Lebenswelten des anderen, aber auch des eigenen Geschlechtes hineinzufühlen? Können wir mit unseren vielfältigen Voreingenommenheiten dem anderen Geschlecht gegenüber einen Weg finden, der eine gemeinsame Weiterentwicklung ermöglicht? Sie können Ihrer Fantasie freien Lauf lassen, finden Anregungen, werden hören, was andere Frauen und Männer erinnern.

Kinder sind ein hervorragendes gesellschaftliches Stimmungsbarometer. Zu allen Lebensbereichen haben auch sie eine eigene Meinung, die widerspiegelt, wie sie uns erwachsene Frauen und Männer erleben. Deshalb enthält dieses Buch so viele Beispiele aus meinen Gesprächen mit Kindern und viele Anregungen, mit ihnen in ein Gespräch zu kommen. Da wir alle immer auch Vorbilder für die nachwachsende Generation sind, lasse ich Sie teilnehmen an den überraschenden Einsichten der derzeitigen Kindergeneration zur Geschlechterfrage. Und Sie werden viele Ideen finden für Alltagsprojekte, die für Geschlechtergerechtigkeit sensibilisieren. Dabei heißt geschlechtergerecht übrigens nicht geschlechtsneutral. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet, die Bedürfnisse, die Vorteile und die Benachteiligungen von Jungen wie von Mädchen, von Männern wie von Frauen in vollem Bewusstsein der geschlechtlichen Identität zu berücksichtigen.

Erinnern Sie sich und Sie werden Ihre heutige Umwelt und die Frauen- und Männergestalten, in deren Umgebung Sie aufgewachsen sind, mit geschärftem Blick sehen können. Vielleicht bekommen Sie Lust, sich mit anderen Frauen oder Männern, mit anderen Frauen und Männern, mit Mädchen und Jungen auszutauschen. Wenn Sie der Inhalt dieses Buches überzeugt, werden Sie sich die Frage stellen: Was bin ich selbst bereit dazu beizutragen, dass sich beide Geschlechter  – egal wie jung oder alt sie derzeit sind – gleich frei entfalten können? Und wie trägt mein alltägliches Verhalten in seiner Vorbildfunktion dazu bei?

Viele Menschen waren bereit, sich auf Diskussionen mit mir einzulassen. Ich danke allen, die mich in den letzten dreißig Jahren an ihren Lebenserfahrungen als Frau oder Mann haben teilnehmen lassen. Besonderer Dank gilt den Erzieherinnen und Erziehern, den Müttern und Vätern der städtischen Kindertageseinrichtungen Münchens. Hier wurden in den letzten sechs Jahren vielfältigste kreative Geschlechterprojekte ausprobiert und weiterentwickelt. Profitiert haben davon nicht nur die Kinder, sondern auch wir Erwachsenen.

Meiner Lektorin, Heike Mayer, danke ich für ihr beharrliches kluges Nachfragen und ihre herzliche Anteilnahme am Gedeihen dieses Buches.

Alle Kinder, die mir Rede und Antwort standen, grüße ich. Vielleicht erinnern sie sich irgendwann als Frauen und Männer an die Wettspiele, die wir durchführten, an die Fragen, die sie stellten, selbst beantworteten, und an das Lachen, das uns manchmal völlig aus dem Konzept brachte.

Was wäre, wenn wir tauschen würden?

Immer interessant, mal vergnüglich, mal bedrückend ist es, Frauen und Männern zuzuhören, wenn sie erzählen, wie sie aufgewachsen sind, erzogen wurden. Das Alter der Erzählenden, mal sind sie jung, mal alt, spielt dabei zwar eine Rolle, doch entscheidender ist, welche persönlichen Vorstellungen die Eltern ihren »Zöglingen« als gültige Normen vermittelten.

Wir alle bleiben immer die Kinder unserer Eltern, selbst wenn wir mittlerweile die Lebensmitte überschritten, selbst als Mutter, Vater, Tante, Onkel, Großeltern, Medienmenschen oder Gesetzesvertretende Zuständigkeiten für die nachfolgende Generation übernommen haben.

Erst im Laufe unseres Lebens erkennen wir, dass wir oftmals Prinzipien der eigenen Eltern weitergeben oder uns bemühen, »alles ganz anders zu machen ...«.

Erziehungshintergründe – Erziehungstraditionen

Wuchsen unsere Eltern auf dem Lande, in einer Klein-oder Großstadt auf? Konnten sie eine weiterführende Schule besuchen? Gehörten Mutter und Vater zur Kriegs- oder Nachkriegsgeneration? Der kulturelle Hintergrund, Geld, Zeit, Unabhängigkeit oder Abhängigkeit sind richtungsweisend, wenn Botschaften an Töchter und Söhne weitergegeben werden. Auch wenn wir als erwachsene Frauen und Männer für unser Handeln selbst verantwortlich sind, bleiben individuell erlebte Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten im emotionalen Gedächtnis gespeichert.

Keinem Kind bleibt es erspart: Von Geburt an wird das »reibungslose« Zusammenleben zwischen den Geschlechtern durch gesellschaftliche Vorgaben gesteuert. Viele fragwürdige »So war das schon immer ...«-Sätze sollen das Überleben in den sozialen Rollen als Tochter/Sohn, später als Frau/Mann, Mutter/Vater sichern.

Trotz aller Unterschiedlichkeiten, die Kindheitserinnerungen uns aufzeigen, in den Lebensbiographien sehen wir immer den rosa oder himmelblauen Faden, der sich durch die Erzählungen zieht. Dieser Faden heißt »Als ich ein kleiner Junge war ...« oder eben »Als ich ein kleines Mädchen war ...«.

In diesen Momenten steigen geschlechtskollektive Erfahrungen auf. Frauen nicken sich verständnisvoll zu, Männer klopfen sich gerührt gegenseitig auf die Schulter. Frauen erinnern sich vielleicht an die erste Puppe, Männer an erstes technisches Spielzeug. Frauen erinnern sich aber auch an all die Einschränkungen, die ihnen mit dem Satz »Das tut ein Mädchen nicht« abverlangt wurden. Männer können sich an ihre Beschämung erinnern, wenn sie ausgelacht wurden, weil sie sich »wie ein Mädchen« verhielten.

Unsere Eltern stellten sich die Frage: Über welche Fähigkeiten muss meine Tochter, mein Sohn verfügen, um im erwachsenen Leben nicht anzuecken, um erfolgreich zu sein? Und sie entschieden vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen: Dies ist für eine Frau von Vorteil, dies für einen Mann.

Am Lebensanfang steckt in Kindern das Potential beider Geschlechter, sie entwickeln sich hin zu einer eigenen Persönlichkeit. Solange sie klein sind, lassen Erwachsene sie gewähren, halten aber mit ihren Kommentaren nicht hinter dem Berg. Und dann, manchmal von einem Moment auf den anderen, greifen sie ein. Sie beschneiden die Kreativität des Kindes, sie beginnen sich Sorgen zu machen und definieren Grenzen, die das Kind nicht verstehen kann. War es gestern noch ein Vergnügen, dem Jungen dabei zuzusehen, wie er sich schminken und als »Mädchen verkleiden« lässt, war es gestern noch erstaunlich, wie schnell das Mädchen auf Bäume hinaufklettern kann, plötzlich ist Schluss mit dem Spaß.

Es ist, als würden die Erwachsenen zum Kind sagen: »Jetzt entscheide ich für dich und sage dir: Ab sofort verhältst du dich, wie dein biologisches Geschlecht es dir vorgibt!«

Die Erziehung der Geschlechter folgt einem uralten Drehbuch: In der Weltliteratur häufiger als Drama mit Todesfolge denn als Komödie mit Zukunftsaussichten inszeniert. Frauen und Männer, die sich dem Standard entzogen, wurden entweder Helden und Heldinnen oder landeten auf dem Scheiterhaufen.

Logisch, dass die Erziehung der Geschlechter immer voller Emotionen diskutiert und durchgeführt wurde.

Der Diskussionsbedarf ging in den letzten hundert Jahren meist vom weiblichen Geschlecht aus, denn im Vergleich mit ihren Brüdern kamen Mädchen schlechter weg: Jungen wurden ermutigt, die Spielräume des Lebens auszukosten, Mädchen wurden dazu angehalten, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen.

Glauben Sie, dass sich an dieser Rollenzuschreibung Wesentliches geändert hat?

Erst zwanzig Jahre ist es her, dass die Soziologin Carol Hagemann-White in ihrem Buch Sozialisation: Weiblich – männlich feststellte, dass von einer gesellschaftlich akzeptierten Aufhebung der Gegensätze in den gesellschaftlichen Chancen der Geschlechter nicht gesprochen werden kann.1 Jetzt sind wir wieder eine Generation weiter, ständig kommen neue Bücher zur Geschlechterdebatte heraus, werden die Missverständnisse, die Unvereinbarkeiten geradezu genüsslich vor uns ausgebreitet. Viele sehen sich bestätigt: Sag ich’s doch! Männer und Frauen sind eben von Grund auf verschieden!

Ist es im 21. Jahrhundert überhaupt noch notwendig, sich mit Anregungen zu Wort zu melden? Und – weshalb macht es Sinn, dass sich neben all denen, die mit Kindern leben und arbeiten, auch Kinderlose mit den derzeitigen Erziehungsbildern für Mädchen und Jungen beschäftigen?

Schlicht und ergreifend deshalb, weil wir alle durch Geschlechterklischees daran gehindert werden, wir selbst zu sein.

Wenn Sie nun denken, jüngere Eltern hätten die traditionellen Rollenzuschreibungen über Bord geworfen, dann trifft dies nur teilweise zu.

Im Rahmen einer 1997 erstellten Diplomarbeit wurden die »Einstellungen und das Verhalten von Eltern 6-jähriger Kinder« untersucht. Mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens wurden 95 Eltern unter anderem zu ihren Vorstellungen der geschlechtsspezifischen Entwicklung befragt. Dabei stellte sich heraus, dass »nur eine kleine Minderheit der Eltern angibt, ihre Kinder geschlechtsflexibel zu erziehen. Die meisten streben das gar nicht an. Sie glauben nämlich nicht, dass es sich im späteren Leben als hilfreich erweist, wenn zum Beispiel Jungen zu mehr Gefühlsbezogenheit und Mädchen zu mehr Durchsetzungsfähigkeit erzogen werden.«2

Diese Eltern gingen demnach davon aus, dass Gefühle den Frauen, Durchsetzungsfähigkeit den Männern zuzuordnen sind. Und ihre Sorge ist vielleicht, dass ein gefühlvoller Sohn später als »Weichei«, eine durchsetzungsstarke Tochter als »Mannweib« mit Schwierigkeiten im Alltag zu rechnen hat.

Diese Sorge ist nicht unbegründet, denn Schwierigkeiten gibt es für alle Frauen und Männer, die nicht mehr willens sind, klassischen Rollenvorgaben zu entsprechen.

Im Privatleben leiden beide Geschlechter unter der Unvereinbarkeit von individuellen Sehnsüchten und kollektiven Erwartungen. Junge Männer sollen zwar zärtliche, liebevolle Partner sein, aber bitte mit Karriereaussichten. Junge Frauen sollen ihr eigenes Geld verdienen, aber bitte den Freund anhimmeln. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden immer noch juristisch benachteiligt. Ältere Frauen sollen sich bescheiden und unauffällig im Hintergrund halten und selbst Männer im besten Mannesalter werden aus dem Erwerbsleben herausgedrängt. Arbeitgeber wollen Mitarbeiter, die rund um die Uhr verfügbar sind, Frauen sollen zwar Kinder bekommen, aber keine Forderungen an arbeitsplatznahe Kinderbetreuungsplätze stellen. Wir Erwachsenen haben zur Genüge erlernt, wie eine Frau und/oder ein Mann zu sein hat.

Dies ist Grund genug, der im Vorwort schon angesprochenen Frage nachzugehen: Was bin ich selbst bereit dazu beizutragen, dass sich beide Geschlechter – egal wie jung oder alt sie derzeit sind – gleich frei entfalten können?

Wenn ich könnte, wie ich wollte – Rollenwechselspiele

Wie häufig gestatten Sie sich, Ihr derzeitiges Rollenverhalten infrage zu stellen? Gibt es Situationen, in denen Sie gern einmal eine andere, ein anderer wären? Finden Sie, dass das andere Geschlecht mehr Vorteile im Leben hat als Ihr eigenes?

»Wenn ich könnte, würde ich tauschen ...«, fantasieren Frauen und Männer in Gesprächen mit mir. Einmal all das tun und lassen können, was dem anderen Geschlecht sonst vorbehalten bleibt. Wenigstens in der Fantasie ist dies ja auch möglich.

Stellen Sie sich vor, dass Sie sich – wenn morgen früh der Wecker klingelt – für die kommenden sieben Tage in das biologisch andere Geschlecht gleichen Alters verwandeln werden: Mit dem Aufschlagen der Augen wird aus Ihnen als Frau ein Mann, aus Ihnen als Mann wird eine Frau. Dieser Zustand wird für die Dauer einer Woche anhalten.

Beginnen wir mit dem Weckerklingeln: Würde sich Ihre Aufstehzeit verändern? Wie viel Zeit würden Sie im Bad verbringen? Was wären Ihre morgendlichen Rituale? Wie würden Sie sich kleiden? Gäbe es Veränderungen in den Aufgaben des Tages?

Wenn Sie berufstätig sind: Wie begegnen Ihnen Ihre Vorgesetzten, Ihre Kollegen und Kolleginnen? Bekommen Sie monatlich für die gleichen Aufgaben mehr oder weniger Gehalt als das andere Geschlecht? Hätten Sie Zeit für eine Mittagspause oder müssten Sie schnell noch Besorgungen machen? Was wäre Ihr Ziel nach Dienstschluss?

Wie würden Sie Ihre Abende verbringen? Welchen Vergnügungen würden Sie sich widmen? Was nähmen Sie sich für das kommende Wochenende vor? Welche beruflichen und privaten Ziele im Leben würden Sie anstreben?

Wenn Sie als Frau oder als Mann allein leben, dann sehen Sie vielleicht auf den ersten Blick nicht sehr viele Unterschiede.

Doch schon ganz banale Dinge wie die Nutzung von öffentlichen Toiletten oder ein Haarschnitt würden Ihren Geldbeutel unterschiedlich belasten.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das Frauenleben vereinfacht: In Österreich haben mehrere Städte einen »Toilettenstadtplan für Blasenschwache« herausgegeben.3 Viele Frauen kennen dieses Problem: Männer verschwinden hinter Bäumen, Frauen geraten in Panik, weil weit und breit keine Toilette zu finden ist.

Für welches Geschlecht ist es vorteilhafter, die Rolle zu wechseln? Wie sähen Ihrer Meinung nach die Vor- oder Nachteile des Wechsels aus?

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Jetzt geht es nicht mehr nur um Sie als Person. Stellen Sie sich vor, dass Sie für die nächsten sieben Tage für Kinder zuständig sind.

Für welche Bereiche der Kindererziehung und Betreuung wären Sie im anderen Geschlecht zuständig? Was wären morgendliche Notwendigkeiten? Worauf müssten Sie achten? Wären Sie für den Lebensmitteleinkauf, die Zubereitung von Speisen zuständig? Wie viel Zeit verbrächten Sie mit diesem Kind oder gar mehreren Kindern und was würden Sie in dieser Zeit tun? Wären Sie zuständig für Kinderkrankheiten, Elternabendbesuche in Kindergarten oder Schule? Welchen gesellschaftlichen Erwartungen würden Sie entsprechen sollen – als Mutter, als Vater? Und wie viel Zeit hätten Sie für sich ganz allein – als Mensch? Wie sähen Ihrer Meinung nach die Vor- oder Nachteile des Elternrollenwechsels aus?

Wenn Sie kinderlos leben, dann können Sie sich die Rollenverteilung Ihrer eigenen Eltern früher vorstellen: War die Mutter in Ihrer Kindheit berufstätig, haben Sie gegengeschlechtliche Geschwister? Wie haben Ihre Eltern sich die anfallenden Arbeiten aufgeteilt? Mal so, mal so – oder nach immer gleichen Spielregeln? Bei welchen Aufgaben mussten Sie als Mädchen oder Junge helfen? Haben Sie sich als Kind manchmal gewünscht, dem anderen Geschlecht anzugehören?

Fällt es Ihnen leicht oder schwer, konkretere Vorstellungen darüber zu entwickeln, was das andere Geschlecht den ganzen Tag über tut? Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie erstaunlich wenig darüber wissen. Damit stünden Sie nicht allein da.

Mit Fantasie ausgedachter Geschlechtertausch

Eine humorvolle Version des Geschlechtertausches erfand die skandinavische Autorin Gerd Brantenberg in ihrem Roman Die Töchter Egalias. In dieser Geschichte sind die Frauen berufstätig, die Männer bleiben zu Hause und ziehen die Kinder auf. Gleich zu Beginn werden Klarheiten geschaffen:

Geschildert wird eine Familiensituation, die so generationsunabhängig ist, dass sie irgendwann früher, heute oder

© 2005 by Kösel-Verlag GmbH & Co., München

Umschlag: Elisabeth Petersen, München

Umschlagmotiv: Fotosearch/Artville

eISBN 978-3-641-09820-9

www.randomhouse.de

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