Eltern sein heute - Melitta Walter - E-Book

Eltern sein heute E-Book

Melitta Walter

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Beschreibung

„Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr!“ Viele junge Eltern machen sich (zu) viele Sorgen, ob sie den hohen Ansprüchen einer „guten Mutter“ oder eines „guten Vaters“ gerecht werden. Melitta Walter zeigt mit vielen Beispielen, wie sie sich von diesen Erwartungen befreien und sich das Lachen und die Zuversicht erhalten.

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Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Für Bernd, der meine weibliche Sicht aufs Leben durch seine männliche bereichert.

Inhaltsverzeichnis

WidmungMutter oder Vater werden – das Normalste der Welt?!Von jetzt an sind wir ElternIch wünsche mir eine glückliche Familie oder: Familiäre WirklichkeitenDie »gute« Mutter – eine ernüchternde BestandsaufnahmeWie soll er denn sein – der Super-Papa?Familienleben und BerufFamilienpolitik – und wenn ja, für welche Familien?Learning by Doing oder: Jeder Tag ist andersAnhangCopyright

Mutter oder Vater werden – das Normalste der Welt?!

»Was die Menschen zu wollen meinen und was sie wirklichbrauchen, muss nicht unbedingt dasselbe sein.Da kommen dann diese ›absichtlichen Unfälle‹ ins Spiel.Die Kräfte der Natur scheren sich nicht um unsere halbgarenVorstellungen über unser Leben. Leben ist das,was mit uns passiert, während wir etwas ganz anderes planen.«1

Eine Frau kann etwa 35 Jahre ihres Lebens lang schwanger werden – ein Mann ist bis ins hohe Alter fähig, Kinder zu zeugen. Für eine Frau bedeuten diese Jahrzehnte der Fruchtbarkeit vielleicht mehrmals Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft oder wiederholte Enttäuschung, weil es mit dem Schwangerwerden wieder nicht geklappt hat. Für einen Mann bedeutet diese lange Zeitspanne der Zeugungsfähigkeit eher eine beruhigende Bestätigung seiner Potenz.

Das Thema hat viele Facetten: Ist die Schwangerschaft gewollt, ungewollt, geplant, ungeplant? Frauen sind nah dran, heißt es; sind Männer weit weg?

Liegt es nur an der Biologie, dass Frauen sich so stark mit der Möglichkeit, Mutter zu werden, beschäftigen (müssen), während Männer im Normalfall von ihrer möglichen Vaterschaft viel weniger in Anspruch genommen werden? Inwieweit ist dieses Ungleichgewicht naturgegeben und damit unausweichlich oder sozial geprägt und damit veränderbar?

Heute stürzen viele Frauen und Männer in die Planungsfalle: Wann ist der ideale Zeitpunkt, um ein Kind in die Paarbeziehung aufzunehmen? Es ist jedoch ein Irrglaube, zu meinen, dass der Wunsch nach einem Kind auch automatisch zur Schwangerschaft führt.

»Das ist doch ungerecht«, klagt eine 38-Jährige, die seit vier Jahren schwanger werden will: »Die einen kriegen einfach Kinder und wollen sie eigentlich nicht und wir wollen so gern und es klappt einfach nicht!« Wenn der Wunsch nach einem Kind so stark wird, dass Sexualität nichts mehr mit Lust, sondern nur noch mit dem Eisprungdatum zu tun hat, reißt vielleicht der Gesprächsfaden zwischen dem Paar ab und der unerfüllte Kinderwunsch wird als ständige Bedrohung der eigenen Identität erlebt.

Im Film geht das Schwangerwerden manchmal wie von selbst. Dazu fällt mir zum Beispiel der Film Antonias Welt der niederländischen Regisseurin Marleen Gorris aus dem Jahre 1995 ein. Ein Frauenfilm, in dem es an Deutlichkeit nicht fehlt. Darin eröffnet eine Tochter ihrer Mutter, dass sie zwar gern ein Kind, aber keinen Mann an ihrer Seite haben wolle. Mutter und Tochter fahren also in die Stadt, um nach einem geeigneten jungen Mann Ausschau zu halten. Den finden sie auch, die Tochter verbringt einige Stunden mit ihm in einem Hotel, dann verschwinden Tochter und Mutter wieder. Die Tochter ist schwanger und bekommt ein Mädchen. Dieses Kind wird von den Frauen aufgezogen, vom Vater ist nie die Rede. In diesem Film werden uns Großmutter, Tochter, Enkelin als mögliche Vorbilder angeboten. Alle drei wissen, was sie wollen, und setzen ihre Wünsche zeitnah in die Tat um.

Was aber, wenn sich eine Frau wirklich so eindeutig artikuliert? Dann verhält sie sich »nicht ihrer Natur entsprechend … «. Denn vom weiblichen Geschlecht wird immer noch erwartet, dass es die eigenen Bedürfnisse zurücksteckt, sich emotional verhält, geduldig ist, sich anpasst und sich aufopfert.

Aber dem männlichen Geschlecht ergeht es in seiner Gesamtheit nicht besser: Vom Mann wird erwartet, dass er logisch denkt, entscheidungsfreudig ist und keine Schwächen zeigt.

Vielleicht widersprechen Sie jetzt: Aber heute ist das doch gar nicht mehr so, da haben Frauen doch alle Freiheiten der Welt und Männer dürfen doch auch Schwächen zeigen … !

Es stimmt, im Laufe der letzten 50 Jahre widersetzten sich beide Geschlechter zunehmend starrer Rollenzuschreibungen. Die etablierten »Gesetzmäßigkeiten« haben Sprünge bekommen: Junge Frauen wollen heute über ihren Lebensweg und auch über das Ja oder Nein zum eigenen Kind selbst bestimmen; junge Männer bekennen sich zunehmend zu ihren emotionalen Seiten und Bedürfnissen und wollen sich auch als Vater im Alltag erleben. Das heißt, Frauen und Männer haben sich zu sehr wandelbaren Menschen weiterentwickelt. Erst einmal werden Wünsche realisiert, die beeinflussbar sind. Realitätstüchtig sozusagen.

Versicherungsagenturen versprechen die »große Freiheit«, private Krankenkassen stehen für »alle Risiken« gerade, Wirt-schaftsbosse versprechen Wunder … Aber was passiert, wenn die Natur sich einfach über all diese schier endlosen Möglichkeiten der Einflussnahme hinwegsetzt?

Am Anfang war doch alles so wunderbar stimmig …

Eine Frau und ein Mann verlieben sich ineinander. Sie werden ein Paar. Am Anfang nehmen sie sich ganz viel Zeit füreinander, sehen im Gegenüber die perfekte Ergänzung des eigenen Ichs. Irgendwann verwandeln sich Prinzessin und Prinz dann in ganz normale Menschen mit Ecken und Kanten. Es entstehen erste Fremdheitsgefühle. Im Alltag geht dem Paar die Lust, die Neugierde aufeinander, die Begeisterungsfähigkeit füreinander verloren: »Irgendwie ist da gar nichts mehr, was prickelnd ist.«

Beide sind so sehr mit ihren eigenen Alltagsnotwendigkeiten beschäftigt, dass sie die Fähigkeit verlieren, die Gedanken und Gefühle des anderen wahrzunehmen. Eine fatale Entwicklung. Wenn wir bedenken, dass wir unsere Autos regelmäßig zur Wartung geben, damit kleine Mängel sofort behoben werden, dann ist die geringe Aufmerksamkeit, die wir der Paarbeziehung schenken, schon bedenklich.

Wenn sich im Alltag eine solche Eigendynamik entwickelt, ist erst einmal Schluss mit dem Traum vom harmonischen Familienleben. Solange Paare kinderlos miteinander leben, gibt es eine schnell umsetzbare Lösung: »Wenn nichts mehr geht, trennen wir uns halt.« Aber vielleicht denken sie auch: »Ein bisschen geht es doch noch …« Das Zusammenleben wird »sich schon wieder einspielen«, und bei vielen Paaren im Freundeskreis »sieht’s ja noch schlimmer aus«.

Was hat diese Paarbeschreibung ohne Kinder mit Müttern und Vätern zu tun? Sehr häufig bekommen Paare ein ernsthaftes Problem, sobald das erste Kind unterwegs ist: Die Frau ist plötzlich schwanger, oft ungeplant, überraschend. Bisher unausgesprochene Konflikte – die das kinderlose Paar bisher ignoriert hat – drängen in den Vordergrund.

»Wir Frauen kennen das doch: Wir ziehen uns in die Hausarbeit zurück, weil wir keinen Nerv zum Streiten haben. Da wird weggeputzt, was besprochen werden sollte«, bringt es eine schwangere Frau auf den Punkt. »Sollen wir jetzt den ganzen Schmutz wieder vorholen, um zu entscheiden, ob wir gemeinsam ein Kind aufziehen können?«

Gefühle emotionaler Verletzung, Trauer, Enttäuschung und Wut brechen sich Bahn. Das Trennende ist leicht zu benennen, das Verbindende dagegen scheint nicht mehr greifbar.

»In 15 Minuten kann sich die Welt verändern«, so der Slogan eines Nachrichtensenders. Aber schon innerhalb einer Sekunde, nämlich durch die Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle, verändert sich für eine Frau und für einen Mann die Welt. Durch den Akt der Zeugung eines Kindes stellen sich für die potenziellen Eltern viele Fragen: Will ich, wollen wir das Kind oder nicht? Wie werde ich mich als Mutter mit diesem Mann als Vater fühlen? Werden oder können wir den Lebensweg mit der vollen Verantwortung für ein Kind gemeinsamen meistern?

Die Gedanken rasen, das bisherige Selbstverständnis ist infrage gestellt, ist doch nicht voraussehbar, ob sich die heimlichen individuellen Sehnsüchte und Lebensträume in einer verantwortlichen Elternschaft realisieren lassen, ob sich die Konsequenzen einer so tief gehenden Veränderung der Lebenssituation überhaupt bewältigen lassen.

Test positiv! Macht und Ohnmacht liegen nah beieinander

Wenn eine Frau feststellt, dass ihre Periode sich verspätet, ist der Gang in die Apotheke unvermeidbar. Diese Situation, in der die Luft angehalten wird, die Zeit fast stehen zu bleiben scheint, haben wir oftmals schon in Filmen gesehen, in Romanen beschrieben gelesen : die Frau allein im Bad auf dem Toilettendeckel sitzend, auf den Stick des Schwangerschaftstests starrend. Und das Ergebnis »schwanger« schlägt wie ein Blitz ein, der entweder diesen Moment und die Zukunft in warmes Licht taucht oder aber alle Hoffnungen und Lebenspläne zunichtezumachen scheint.

»Hoppla, dachte ich, das wird einen totalen Bruch mit dem mir so lieb gewonnenen Ablauf meines bisherigen Lebens bedeuten«, erinnert sich eine 36-jährige Frau an den ersten Gedanken nach dem positiven Testergebnis.

Seit Jahrzehnten führe ich Gespräche mit Frauen, die ungeplant oder ungewollt schwanger geworden sind. Mal hatten sie sich eigentlich für ein Leben ohne eigene Kinder entschieden, mal hatten sie aktuell andere Lebensschwerpunkte gesetzt. Mal wollten sie sich sowieso schon vom aktuellen Partner trennen, mal entstand die Schwangerschaft durch einem Moment sexueller Lust ohne Gedanken an mögliche Konsequenzen. Und schwupp, sind Frauen schwanger geworden, haben Männer ein Kind gezeugt. »Ich kenne den Mann doch kaum, ich will doch gar keine ernsthafte Beziehung zu ihm …« Oder die männliche Variante: »Also, sie ist eine Zufallsbekanntschaft, hat sich nach dem Klubbesuch halt so ergeben, dass wir im Bett landeten.«

Lassen Sie mich ohne erhobenen Zeigefinger einfach registrieren : Diese Konstellation kommt in den besten Familien vor. Bedeutet diese unerwartete Schwangerschaft nun aber, sich zusammenzuraufen, gar heiraten zu müssen, wie es in der Elterngeneration erwartet wurde?

Die mögliche Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch bedeutet nicht automatisch, dass diese Frau, dieser Mann niemals eigene Kinder aufziehen wollen. Mal haben sie schon ein Kind, mal werden sie einige Jahre später gezielt Eltern, vielleicht auch mit einem anderen Partner, einer anderen Partnerin. Es geht also nicht ausschließlich um ein Entweder-oder, sondern auch um jetzt oder später.

Ich sprach mit Frauen, die an der Grenze ihrer körperlichen und emotionalen Belastbarkeit durch schon vorhandene Kinder angelangt waren: »Noch eins mehr, und ich breche zusammen.« Ihnen mit dem »Wunder des werdenden Lebens« zu kommen, wird dann als blanke Ironie empfunden. Auch Väter, die mit Mitte 40 ihren Arbeitsplatz verlieren, die befürchten, nie mehr ein sicheres und für die schon bestehende Familie ausreichendes Einkommen nach Hause bringen zu können, sehen das Nein zur erneuten Schwangerschaft als Verantwortung den schon vorhandenen Kindern gegenüber: »Wir haben schon zwei Mäuler zu stopfen, mehr ist finanziell nicht drin.«

In Konstellationen, in denen die emotionalen und körperlichen Kräfte verbraucht sind und das Geld nur zum Nötigsten reicht, ist immer Vorsicht geboten mit guten Ratschlägen. Schnell dahin geworfene Sätze wie »Du schaffst das schon!« oder »Andere haben es doch auch geschafft …« helfen den Betroffenen gar nicht. Entscheiden müssen die Frauen und Männer immer selbst.

Wie geht es weiter, wenn sich die Frau nicht sicher ist, wenn sie einfach kein Kind in ihren Alltag, in ihre Zukunftsplanung hineinlassen will oder kann? Dann muss sie, um einen legalen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen zu können, einen Beratungstermin bei einer Schwangerschafts-Konfliktberatungs-stelle in Anspruch nehmen. Sie wird dort gefragt: Sind wirklich alle Möglichkeiten durchdacht? Gibt es Hilfestellungen, von denen die Frau nichts wusste? Oder braucht es einfach nur ein ausführliches Gespräch, um das Für und Wider in Worte zu fassen? Nicht jede Schwangere hat das passende soziale Umfeld für ein so intimes Gespräch. Viele Frauen wollen auch einfach nicht, dass ihr Umfeld überhaupt von dieser Schwangerschaft erfährt, nicht einmal der eigene Partner.

Der schwangere Mann

Auch wenn der Partner während des Beratungsgesprächs nicht anwesend ist, spielt er eine nicht zu unterschätzende Rolle. Frauen sprechen über ihn, sie interpretieren aufgrund ihrer vermeintlichen Kenntnis seine Reaktion auf die Eröffnung der Schwangerschaft : Das wird ihm gar nicht gefallen, er wird eine Krise kriegen, als Vater ist er gänzlich ungeeignet, nie werde ich mich auf ihn verlassen können, er hat doch schon ein Kind …

Fatal ist, dass immer noch viele Frauen wie selbstverständlich davon ausgehen, dass sie die Entscheidung für oder gegen das Kind allein fällen müssen.

Doch halt: All die vielen Paare, die sich über einen positiven Schwangerschaftstest wahnsinnig freuen, sollen an dieser Stelle nicht vergessen werden. Sie nehmen kein Konfliktgespräch in Anspruch, denn sie sind sich einig und willens, die besten Eltern der Welt zu werden! Von ihnen wird in diesem Buch hauptsächlich die Rede sein. Im Moment aber sehen wir uns noch die beschriebene Konfliktsituation genauer an, denn hier werden die Weichen gestellt für oder gegen Mutter- und Vaterschaft.

Entspricht es noch den Tatsachen, dass Frauen annehmen, der Partner empfinde eine Vaterschaft als »Druckfehler in seinem Lebenslauf«? Spielen Männer heute noch die Rolle des Passiven, des Unbeholfenen, der lieber die Frau allein entscheiden lässt? Männer waren lange Zeit nicht an diesen Ja- oder Nein-Entscheidungen – die immer unter immensem Zeitdruck stehen – beteiligt; dies war eben Frauensache.

Wenn eine Frau dem Mann mitteilen will, dass sie schwanger ist: Welchen Augenblick wählt sie? Ein Ratgeber für Väter mit der Zielgruppe Fußballfans beschreibt diesen Moment so:

»Meistens fängt es so an: Sie kommen nach Hause und stellen schon beim Essen fest, Ihre Frau hat irgendetwas auf dem Herzen, schwankt zwischen Euphorie und Depression. Als guter Ehemann lassen Sie sich aber nichts anmerken, greifen wie gewohnt nach der Zeitung, und als Sie gerade mit dem Sportteil begonnen haben, sagt sie: Schatz, ich bin schwanger. Wenn der erste Überschwang der Freude vorbei ist, gehen Sie ins Bad, und tatsächlich, da steht eine Packung mit diesen Stäbchen, die sich verfärben. Kontrolle hat noch nie geschadet. Ein Schwangerschaftstest. Ziemlich sicher. Es ist also wahr. Das, lieber werdender Vater, ist natürlich zunächst ein Schock. Sogar ein schwerer Schock. Vergleichbar etwa mit einer WM-Gruppenauslosung, bei der Deutschland für die Vorrunde Brasilien, Argentinien und Italien zugelost bekäme.«2

Diese Darstellung – von Mann zu Mann sozusagen – amüsiert mich, ist sie doch so ganz anders, als Frauen die gleiche Situation beschreiben.

Aber fernab von Comedy: Wie ergeht es Männern wirklich, wenn sie erfahren, dass sie ein Kind gezeugt haben? Greift ein Mann zum Telefon, um diese Neuigkeit seinem Freund mitzuteilen und darüber zu reden? Wird seine erste, spontane Reaktion auf die Mitteilung »Du, ich bin schwanger von dir …« entscheidend sein für den weiteren Verlauf der Beziehung? Wird aus (möglichem) Erschrecken Akzeptanz und sogar Freude?

Begleiten Sie mich zurück in die 1970er-Jahre. Ich beriet damals Frauen, die ungewollt/ungeplant schwanger waren. Wie selbstverständlich ging auch ich davon aus, dass die Alternative »Kind – ja oder nein« eine Entscheidung der Frau ist.

Männer kamen sehr selten mit zu den Beratungsgesprächen, sie wirkten unsicher, inaktiv. Im Nachhinein kann ich diese Unbeholfenheit der Männer nachvollziehen. Die Ausgestaltung der Beratungsräume signalisierte zum Beispiel durch Plakate: Hier wird »von Frau zu Frau« gesprochen.

Meine Wahrnehmung der Männer in diesen Räumen veränderte sich erst 1982. Da trat ein junger Mann mir fast die Tür zum Beratungszimmer ein. Drinnen saß ich mit seiner Freundin. Er wollte auch angehört werden. Dieser Mann war 32 Jahre alt, arbeitete als Verkäufer in einem Schallplattenladen. Das Paar lebte seit drei Jahren in einer kleinen Wohnung. Die Freundin stand kurz vor dem Examen und wollte kein Kind, »jedenfalls jetzt noch nicht … «, er aber wollte das Kind, »jetzt – denn irgendetwas wird immer sein, das nicht ganz passt«. Er war mit drei Geschwistern aufgewachsen, hatte ein durchweg positives Gefühl einer Vaterschaft gegenüber.

Wozu auch immer dieser Mann bereit war: einen Liebesbrief zu schreiben, einen großen Blumenstrauß auf den Küchentisch zu stellen, in einem notariell beglaubigten Vertrag zuzusichern, dass er sich intensiv um das Kind kümmern wird – nichts half: »Der Test war positiv und von dem Moment an waren wir nicht mehr Frau und Mann, nicht mehr ein Liebespaar. Wir standen uns sprachlos gegenüber, ich ohnmächtig, sie kriegerisch … «, so beschrieb dieser Mann die Situation. Die Frau entschied sich gegen das Kind, dieses Paar trennte sich zeitnah.

Noch einmal zurück zu den Männern als Gesamtgeschlecht: Was denken sie, was fühlen sie? Haben sie Freunde, mit denen sie über den Moment der Erkenntnis »Ich werde (vielleicht) Vater« reden können, zum Beispiel über ihre Hoffnungen und Sorgen in Bezug auf diese auch ihnen neue Lebensaufgabe?

1985 entstand aufgrund vieler Gespräche mit Männern das Buch Schwangerer Mann – was nun? Eine Gratwanderung.3 Auf dem Titelbild zeigten wir einen Mann mit dickem/schwangeren Bauch. Die Ironie der Geschichte: Nach dieser Fotoinszenierung erhielt das bis dahin in England sehr erfolgreiche männliche Fotomodell keine Aufträge mehr! Ich erinnere mich, dass Buchhändler dieses Buch damals nicht ausstellen wollten. Einer sagte mir ins Gesicht: »Wollen Sie uns Männer lächerlich machen, uns da mit reinziehen in Ihre Frauenangelegenheiten?«

25 Jahre später hat sich die Situation doch sehr verändert. Männer, so viel steht fest, sind insgesamt keine verantwortungslosen Egoisten.

Kind – ja oder nein? Eine Rückschau

Zum Ostermarsch 1980 riefen Frauen in Gorleben zum Gebärstreik auf. Aus aktuellem Anlass wurde ich damals zu einer Rundfunksendung des Senders Freies Berlin (SFB) als Gesprächspartnerin eingeladen. Der Titel der Sendung lautete »Kind – ja oder nein?«. Vor Kurzem hörte ich mir den alten Mitschnitt noch einmal an. Hat sich Entscheidendes in den letzten 30 Jahren geändert? Was sprach für oder gegen Kinder? Könnten diese Aussagen heute als tagesaktuell durchgehen? Hier ein paar Zitate von damals, gerechterweise gleich viele von Frauen und Männern:

Mann, 35 Jahre: »Ich bin vor drei Monaten Vater geworden, wir haben uns recht spät dazu entschieden. Mehr oder weniger aus beruflichen Gründen. Wir haben studiert und sind jetzt fertig. Meine Generation verschiebt die Kinderfrage nach hinten. Ich wollte ja immer Kinder, ich finde, das gehört zum Leben, und jetzt war es einfach höchste Zeit.«

Frau, 34 Jahre: »Wir lesen jede Menge Prospekte, bevor wir uns Möbel kaufen. Wenn es gerade finanziell eng ist, zahlen wir in Raten ab. Aber Kinder setzen wir in die Welt, bevor wir uns genügend mit Erziehung, den Kosten und Lasten auseinandergesetzt haben. Und dann können wir diese Entscheidung nicht revidieren. «

Mann, 42 Jahre: »Wir sind seit acht Jahren verheiratet, konnten immer tun und lassen, was wir wollten. Und jetzt, mit einem Baby, merken wir, dass man auf das Kind viel Rücksicht nehmen muss. Ein Kind haben heißt Freiheit ade, das muss man einfach akzeptieren. Aber das tun wir wirklich gern.«

Frau, 37 Jahre: »Ich habe zwei Kinder, die sind jetzt schon zwölf und 14 Jahre alt. An sie will ich all das weitergeben, was ich selbst nicht für mich verwirklichen konnte. Das ist meine wichtigste Aufgabe in diesem Leben und darum gehe ich auch nicht arbeiten.«

Mann, 36 Jahre: »Wir wollten immer viele Kinder. Mittlerweile haben wir vier Kinder und in meinem Kollegenkreis gelten wir als asozial. Asozial, was soll das denn heißen? Unsere Kinder haben genügend zu essen, sie sind ausreichend gekleidet und wir verbringen viel Zeit miteinander. Ist das asozial? Asozial ist, dass wir behandelt werden, als wären wir Karnickel.«

Frau, 29 Jahre: »Es geht mir so auf die Nerven, dass ich ständig gefragt werde, warum ich keine Kinder haben will. Das ist doch anmaßend, ich frage ja auch nicht Eltern, warum sie Kinder haben wollten. Das geht mich doch nichts an.«

Mann, 38 Jahre: »Ich bin Lehrer und habe in den vielen Arbeitsjahren festgestellt, wie nervenaufreibend Kinder sind. Das, was man theoretisch will, kann man praktisch nicht umsetzen. So ist das doch auch mit den Erziehungsvorstellungen: guter Wille am Anfang und dann machen einen die Realitäten fertig.«

Frau, 40 Jahre: »Kinder werden in unserer Gesellschaft doch behandelt, als ob sie ein Hindernis, eine Zumutung wären. Ich habe keine Kinder, bin aber gerne Tante und sehe doch, wie oft sich meine Schwägerin anhören musste, dass sie verantwortungslos ist, in diese Welt ein Kind gesetzt zu haben. Und einen Kindergartenplatz hat sie auch immer noch nicht, das Kind kommt nächstes Jahr in die Schule. Ich glaube einfach keiner Partei mehr, die schöne Familien-Sonntagsreden schwingt.«

Diese Aussagen von Frauen und Männern, die mittlerweile zwischen 59 und 72 Jahre alt sind, also die Elterngeneration der jetzigen Mütter und Väter, wirken auf mich zeitlos und sehr gegenwärtig.

»Schreck, lass nach« oder »Ja, endlich!«?

Von Müttern und Vätern höre ich immer wieder, dass sie noch nie mit jemandem über ihre Irritationen, Ängste und Gewissheiten sprachen, »damals, als ein Kind gedanklich im Raum stand«. Hier deshalb als Identifikationsmöglichkeit einige mir gegenüber ausgesprochene Erinnerungen:

Mann, 32 Jahre: »Ich hatte sofort das Gefühl: Was immer ich jetzt auch sage oder mache, es kann nur falsch sein. Also habe ich nichts gesagt und nichts gemacht.« Die Folge war, dass die Partnerin sich von ihm alleingelassen fühlte. Aber da gab es eine sehr feinfühlige Schwiegermutter, die dem Paar ein Wochenende am Meer schenkte, damit sie sich in Ruhe entscheiden können. Diese Frau ist jetzt begeisterte Großmutter und genießt seit sieben Jahren einmal die Woche den Enkelsohn.

Frau, 43 Jahre: »Komisch, ich freute mich gar nicht richtig. Ich war eher erschrocken, es kam so plötzlich und ich war gerade im Beruf so gut vorangekommen. Aber mein Freund ist schier ausgeflippt vor Freude.« Das Paar hatte nicht mehr damit gerechnet, noch Eltern zu werden. Die Tochter kommt jetzt in den Kindergarten, die Mutter konnte ihren Berufsweg weitergehen, weil der Vater für sein Kind die eigene Karriere erst einmal hintangestellt hat.

Mann, 48 Jahre: »Ich war so verdattert von ihrem Anruf, dass ich erst Stunden später nach Hause gehen konnte. Ziellos lief ich durch die Straßen, wie durch einen Nebel. Als ich dann die Wohnungstür aufschloss, hörte ich sie mit ihrer Freundin telefonieren. Der erste Satz, den ich hörte, war: ›Hoffentlich ist ihm nichts passiert! ‹ Was für eine wunderbare Frau.« Aus dem Kind wurden Zwillinge und die beiden stehen heute kurz vor dem Abitur.

Frau, 29 Jahre: »Mein erster Gedanke war, jetzt geht das nicht. Ich bin doch zu jung für so viel Verantwortung. Und dann habe ich stundenlang nur geheult. Den Mann kannte ich kaum, er war einfach nur ein Ferienflirt in Frankreich.« Name und Wohnort des Erzeugers waren ihr unbekannt. Ihre Herkunftsfamilie begleitete sie in der Entscheidungsfindung. Ihr Sohn geht jetzt in die 2. Klasse. Die Familie ihres großen Bruders springt ein, wenn’s eng wird.

Mann, 42 Jahre: »Die Frau, mit der ich befreundet war, hat mir weinend erzählt, dass der Schwangerschaftstest positiv war. Und da habe ich gesagt: ›Jetzt haben wir den Salat.‹ Der Schreck war mir wirklich in die Glieder gefahren. Die Frau war irgendwie so gar nicht wie eine Mutter oder so, wie ich mir eine Mutter für meine Kinder vorgestellt habe.« Die Partnerin entschied sich für einen Schwangerschaftsabbruch (was ihn sehr erleichterte). Er bekam später mit einer anderen Frau zwei Kinder.

Zum Abschluss dieser sehr persönlichen Erinnerungen kommt noch ein Elternpaar zu Wort, das sich 40 Jahre zurückerinnert:

»Wir wollten immer Kinder, erst ganz viele, später dann lieber nur noch eins. Beim ersten Schwangerwerden waren wir noch gar nicht auf diese Elternrolle vorbereitet. Eigentlich hatten wir beide große Angst, haben aber beide so getan, als hätten wir keine. Jetzt sind es doch noch vier Kinder geworden. Mit jedem Kind lernten wir uns mehr kennen. Wir sind mit den Kindern gewachsen und jetzt – wo alle aus dem Haus sind – finden wir, es war gut, es war richtig. Aber, ob wir das unter den heutigen Bedingungen auch so durchgezogen hätten, das können wir nicht mit Sicherheit sagen.«

Und plötzlich ist alles anders …

Wenn Ihnen heute als Mutter, als Vater, vielleicht auch als Großmutter oder Großvater die Frage gestellt werden würde: Wie war das wirklich, als die Schwangerschaft feststand? Könnten Sie sich noch daran erinnern? Irgendwann fragen die eigenen Kinder (oder Enkelkinder) und wollen wissen, wie es war, als sie entstanden sind.

»Wie war das damals, als Ihr wusstet, dass Mama mich im Bauch hat?« ist eine häufige Frage von kleinen Kindern, wenn sie realisieren, dass Frauen mit einem »dicken« Bauch ein Kind in sich tragen. Zumindest in vielen Aufklärungs-Bilderbüchern beginnt so die Geschichte. Und immer erzählen dann Mama und Papa, wie sehr sie sich gefreut haben und es gar nicht abwarten konnten, bis das Baby auf der Welt war.

Für Eltern im wirklichen Leben sieht die Erkenntnis einer Schwangerschaft jedoch oft ganz anders aus. Dieser Moment ist selten ausschließlich ein Grund zum Jubeln. So viele Gedanken schießen beiden Beteiligten durch den Kopf. Vor allem widersprüchliche.

Sagen wir es deutlich: Es gibt wohl kaum eine angstfreie Schwangerschaft. Dieser Moment der Gewissheit, hier entwickelt sich neues menschliches Leben, gehört zu den eindringlichsten Augenblicken überhaupt. Wie reagieren nun Frauen, wie Männer? Die individuellen Erinnerungen schwanken zwischen Ehrfurcht und Entsetzen, zwischen Überraschung und Genugtuung, zwischen Lachen und Weinen. Das Gefühlsspektrum pendelt von jetzt auf gleich stark hin und her und kann Schwindelanfälle auslösen. Diese Spannweite der Gefühle ist beiden Geschlechtern eigen. Nicht nur Frauen, auch Männer verlieren oft den Boden unter den Füßen.

Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit kommt dann oft auch die Frage nach der Qualität der Partnerschaft: Hat die Beziehung eine Zukunft? Ist es für mich ernst, aber für meinen Partner/meine Partnerin nicht? Plötzlich treten Spannungen auf, die vorher unbewusst vielleicht schon vorhanden waren, die sich aber erst jetzt zur Krise ausweiten. Ganz problematisch wird es, wenn eine Schwangerschaft als Kitt einer sich auflösenden Liebesbeziehung herhalten soll. Kann ein Kind die Liebe retten? Mit welchen Erwartungen wird dieser sich entwickelnde Embryo schon überfrachtet, bevor er eine eigenständige Person ist?

Aber dürfen werdende Eltern dann auch ehrlich sein? Dürfen Frauen aussprechen: »Ich wollte doch gar nicht Mutter werden, ich wollte nie ein Kind. Ich habe einfach große Angst!« Müssen Männer in diesem Moment ganz stark sein und trösten: »Mach dir keine Sorgen, ich bin ja da …« Oder ist es zulässig, einfach nur zu schweigen?

»Als wir erfuhren, dass Marlis schwanger war, das war, als sei die Liebe aus einem langen Exil zurückgekommen«, erzählte mir ein Mann, Mitte 30. So schön gesagt und was für ein Glück für die beiden. Wenn Männer von diesem Moment erzählen, werden sie, falls dieser Moment sie beglückte, geradezu poetisch. Und oftmals sind sie dann so sehr werdender Vater, dass sie ihre Partnerin behandeln, als sei diese krank und gebrechlich. »Ich bin nicht krank, ich bin nur schwanger … «, ist dann eine leicht genervte Reaktion der Frauen. Wie auch immer: Wenn klar ist, wir bekommen das Kind, wir werden Mutter und Vater, wir werden ein Elternpaar, beginnt die Reise ins Ungewisse!

Instinktiv wird Frauen klar, dass die Geburt eines ersten Kindes umfangreiche Veränderungen des eingespielten Alltags nach sich ziehen wird. Gibt es Möglichkeiten, die Umverteilung der Aufgaben im Haushalt zulasten der Frau (dass sie plötzlich viel mehr macht, als vorher geplant war) nicht zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen? Wenn diese Frage zwischen den Partnern auftaucht, geht sie meist von den Frauen aus. Sie fürchten, in eine Sackgasse zu geraten. Der Mann gibt sich überwiegend optimistisch, er meint es auch so: »Das kriegen wir schon hin …«

Hier das ernüchternde Ergebnis einer Befragung von Paaren aus dem Jahr 2000: »Sehr interessant ist schließlich der Befund, dass die Traditionalisierung der Geschlechtsrollen – der Mann ist zuständig für das Familieneinkommen, die Frau für Haushalt und Kinder – nicht nur die tatsächliche Ausübung der beruflichen und familiären Rollen berührt, sondern sogar die Zuschreibung der Verantwortung für den Eintritt der Schwangerschaft steuert.« So schildern Wassilios E. Fthenakis und Bernhard Kalicki ihre Forschungsergebnisse in ihrem Beitrag »Die ›Gleichberechtigungsfalle‹ beim Übergang zur Elternschaft«.4

Dies steht im deutlichen Gegensatz dazu, dass Frauen und Männer heute erst einmal sehr viel individueller in Liebesbeziehungen hineingehen. Sie leben partnerschaftlich, gleichwertig und verbringen beide weiterhin Zeit mit Freundinnen und Freunden. Sie schaffen sich eine Spülmaschine an, und wenn das Geld reicht, auch eine Putzfrau. Das heißt, Arbeit und Freizeit sind wichtig, im Haushalt hält man sich dafür eher zurück, vor allem wenn auch noch am Arbeitsplatz zu Mittag gegessen wird.

1995 wurde dazu in der Zeitschrift Psychologie heute konstatiert: »Eines der auffälligsten Phänomene der heutigen Gesellschaft ist die ›Ent-Traditionalisierung‹. Tradition und traditionelle Institutionen verlieren an Bedeutung. Die heutige Gesellschaft steht im krassen Gegensatz zur Gesellschaft von 1975.«5 1975 hatte noch kaum eine Frau, kaum ein Mann die Möglichkeit, »ent-traditionalisiert« zu leben.

Wir wollten alles anders machen …

Ehrlichkeit ist in vielen Lebenssituationen nicht einfach. Und in der Erinnerung neigen wir gern dazu, eine Situation entweder »weich zu spülen« oder »schwarzzumalen«. Beides entspricht dann zwar nicht ganz der Wahrheit, wird aber so in die eigene Biografie aufgenommen und an die nächste Generation weitergereicht. Welche Mutter wird ihrem fragenden Kind antworten: »Also, weißt du, ich war voller Hass, als du dich so einfach in mein Leben eingeschlichen hast … «? Kann ein Vater seinem Sohn sagen: »Ich hatte so viele Pläne in diesem Leben, dein Erscheinen schien alles zunichtezumachen … «?

Nein, weder die eine noch die andere Aussage wäre vertrauenserhaltend und zukunftsfördernd. Denn: Kein Kind kann etwas dafür, dass Frauen und Männer es gezeugt und empfangen haben. Und Kinder fühlen sich sowieso immer schuldig, wenn zu Hause der Familiensegen schiefhängt.

Die meisten Paare gehen mit den besten Vorsätzen an die neue Aufgabe heran, Eltern zu werden. Doch die Realitäten überholen die Ideale. Gut, wenn in der eigenen Umgebung realistische Vorstellungen herrschen.

Einen Bekannten, der selbst als junger Mann ein vehementer Verfechter der sogenannten antiautoritäten Erziehung war, holte irgendwann die Realität ein: »Ich habe in den vielen Jahren als Vater festgestellt, wie nervenaufreibend Kinder sind. Es gab Zeiten, da wäre ich am liebsten abgehauen.« Dieser Vater von zwei Söhnen liebt Zitate. Als wir über das vorliegende Buch sprachen, gab er mir sein Lieblingszitat mit auf den Heimweg:

Im Augenblick kann sich begeben, was man nie gedacht im Leben. (Deutsches Sprichwort)

Erst wenn die Kinder einigermaßen erwachsen sind, können sich Mütter und Väter noch einmal mit dieser einschneidenden Situation auseinandersetzen und dann auch ihre Erinnerungen – modifiziert – an die Kindergeneration weitergeben.

Die jugendliche Zuversicht, dass es gelingen wird, »alles ganz anders zu machen«, wird vielleicht dann ebenso thematisiert wie die ernüchternde Feststellung, dass das tatsächliche Handeln im wirklichen Leben oftmals wenig kühn verläuft.

Mütter und Väter, die ihre heranwachsenden Kinder am Hin und Her eigener Gefühlserinnerungen teilnehmen lassen, indem sie – ohne Schuldgefühle in den Kindern zu schüren – ehrlich ihre Ambivalenzen darstellen, können reale Vorbilder für die eigene Zeit der Entscheidungsfindung werden, wenn es darum geht: Kind – ja oder nein?

Krankheit Schwangerschaft?

Fällt die Entscheidung schließlich für ein Kind, verwandeln sich Frau und Mann in werdende Eltern. Der werdenden Mutter ist diese Veränderung im Laufe der Monate durch den stetig wachsenden Leibumfang anzusehen. Der Mann bleibt äußerlich unauffällig, wird als werdender Vater nur an ihrer Seite sichtbar.

Einem werdenden Vater begegnete ich in einem Kaufhaus; er wollte erkannt werden. Ein T-Shirt mit eindeutigem Aufdruck schmückte ihn. Auf der Brustseite war zu lesen: »Achtung! Ich werde Vater«, auf der Rückseite: »Haben Sie Kinder?« Dieses Kleidungsstück hatte er von seinem Schwager bekommen, der keine Lust mehr hatte, »ständig Opfer meiner nervösen Fragen zu sein. Er hatte diese Zeit ja hinter sich.«

Aber weshalb die Frage auf der Rückseite? »Ich will angesprochen werden, ich will sehen, wie Leute auf einen werdenden Vater reagieren.« Und gab es Reaktionen? »Klar, die Kassiererin ist jetzt ganz nett zu mir, alte Frauen halten mich nicht mehr für einen Rüpel und einige Väter haben mir freiwillig erzählt, was sich für sie geändert hat, seit sie ein Kind haben.« Ein voller Erfolg also.

Auf schwangere Frauen und ihre Partner kommen nun ganz neue Erfahrungen zu. Bisher waren sie Individuen mit sehr viel mehr persönlichem Freiraum als alle Generationen vor ihnen. Wenn sie sich nicht ganz danebenbenahmen, konnten sie tun und lassen, was sie wollten. Aber nun geht das nicht mehr. Ihr Handeln wird ständig kommentiert.

Der Mann soll sich auf seine verantwortliche Aufgabe vorbereiten, ihm sollen die Flausen ausgetrieben werden. Schluss mit nächtlichen Touren mit den Freunden, ein werdender Vater hat ständig an der Seite seiner Frau zu sein, denn vielleicht braucht sie ihn dringend.

Die Schwangere soll: nicht mehr reisen – oder doch? Sport treiben – oder lieber nicht? Weniger Schwarztee trinken? Für zwei essen? Um Himmels willen, nein! Auf Fastfood verzichten?

Aus Sicht verschiedener Experten und Expertinnen, die je nach beruflicher Sparte für oder gegen dies oder das argumentieren, gibt es viele Empfehlungen, die eine Zeit lang hochaktuell, dann plötzlich nicht mehr gültig sind.

Ein hartnäckiges Vorurteil kursiert schon lange. Demnach sind schwangere Frauen unkonzentriert, stimmungslabil und vergesslich. Im Englischen gibt es für diesen Zustand sogar eigene Begriffe : »Baby brain« und »Placenta brain«. Wenn dem so wäre, müssten berufstätige Schwangere sofort von verantwortungsvollen Aufgaben freigestellt werden, Hausfrauen müssten ein »Herdverbot« erhalten. Der Partner müsste den Einkauf allein übernehmen.

So gesehen könnten Frauen ihre Schwangerschaft bis ins Absurde ausreizen: Ich brauche nicht mehr zu denken, ich kann mir ja sowieso nichts merken, ich bin unzurechnungsfähig. Wie praktisch, wie bequem könnte das Leben für uns sein, wenn wir Frauen immer schwanger wären!

Im British Journal of Psychiatry (Bd. 196, 2010, S. 126) wird mit diesen Vorurteilen aufgeräumt. Die australische Psychologin Helen Christensen hat eine sehr plausible Erklärung dafür. Dieser Mythos ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die ständig in Ratgebern für Schwangere wiederholt wird: »Diese Bücher vermitteln Frauen beharrlich, dass sie in den kommenden neun Monaten wahrscheinlich an Gedächtnis- und Konzentrationsproblemen leiden werden«, erklärt die Wissenschaftlerin. »Sobald der Bauch rund wird, warten die Schwangere und ihr Partner auf erste Anzeichen der Vergesslichkeit.«6

Was sich dagegen wirklich ganz schnell ändert, wenn Frauen schwanger sind, ist ihre Wahrnehmung der Umwelt. Eine Frau sagte zum Beispiel: »Ich habe erst jetzt realisiert, dass unser Wohnhaus steile Stufen hat. Wie kriege ich denn da einen Kinderwagen hoch?« Auch werdenden Vätern ergeht es so: »Plötzlich sah ich überall schwangere Frauen und Mütter mit Kinderwagen, das ist mir früher gar nicht aufgefallen«, erinnerte sich ein Mann und schob noch einen interessanten Aspekt nach: »Wenn mir in dieser Zeit irgendeine Frau sagte, dass sie schwanger sei, habe ich sie sofort behandelt, als sei sie nun nicht mehr ganz verantwortlich für das, was sie tut.« Der Mythos lebt!

Die oben zitierte australische Wissenschaftlerin und ihr Team begleiteten mehr als 1 200 junge Frauen über mehrere Jahre. Sie notierten die kognitiven Leistungen in der Zeit vor, während und nach der ersten Schwangerschaft. Unterschiede in Gedächtnistests und Konzentrationsübungen fanden sie nicht. Vergessliche Frauen blieben vergesslich, die anderen, die sich vorher gut konzentrieren konnten, behielten ihre Konzentrationsfähigkeit auch in der Schwangerschaft bei.

Auffallend ist, wie unterschiedlich auf schwangere Frauen und ihre Partner reagiert wird. Sind junge Frauen schwanger, werden sie bemitleidet, weil sie »so früh schon Verantwortung übernehmen müssen«, weil sie »erst mal etwas Ordentliches lernen sollten«. Sind Frauen ab Mitte 30 schwanger, gehören sie in Deutschland schon zur »Risikogruppe«. Sie werden in ein weltweit einmalig umfangreiches Kontrollsystem gepresst. Da ist es wirklich nicht verwunderlich, dass eine Schwangerschaft oft zum Angstthema für die Frauen wird.

Junge werdende Väter werden bemitleidet, weil »sie ihr Leben versaut haben … «, belächelt, weil »sie sich ein Kind haben anhängen lassen … «. Ältere Väter werden gefragt, ob »sie sicher sind, dass sie noch die Nerven für Babygeschrei haben …« oder ob »sie sich ihre Zeugungskraft beweisen mussten … «.

Plötzlich mutieren bis dahin gesunde Frauen zu Klientinnen, Patientinnen, Antragstellenden im öffentlichen Gesundheits-, Bildungs- und Behördenapparat. Ob sie wollen oder nicht, von nun an werden ständig Menschen um sie herum sein, die sie beurteilen, kontrollieren, bewerten.

Vom »Risiko«, schwanger zu werden

»Kaum habe ich Freundinnen erzählt, dass ich schwanger bin, höre ich jede Menge guter Ratschläge, die alle auf eins hinauslaufen : Tu dies nicht, lass jenes, pass auf«, erzählte mir eine 36-jährige Frau. »Ich war ganz schön erschrocken, als mein Arzt mir die vielen Risiken aufzählte, denen ich jetzt ausgesetzt bin. Da habe ich mich gefragt: Bin ich für das Kind ein Risiko oder ist das Kind für mich eins?« Der Gynäkologe dokumentierte die »Risikoschwangerschaft« durch einen entsprechenden Vermerk im Mutterpass, nachdem er der Frau im Ultraschall den sich entwickelnden Fötus gezeigt hatte: »›Diese Blase soll ein Kind sein?‹, rutschte es mir da raus. ›Das fand er gar nicht passend, aber ich habe auf dem Monitor wirklich nichts erkannt.‹«

Was heißt hier eigentlich »Risikoschwangerschaft«? Im Juli 2008 erschien zu dieser Frage ein Artikel in der Zeitschrift Eltern: »Im Mutterpass gelten bereits 35-Jährige als ›Risikoschwangere‹. Dieser Begriff wird heute jedoch von manchen Ärzten als überholt eingeschätzt. Studien haben immer wieder gezeigt, dass bei guter Betreuung nicht von einer höheren Gefahr für Mutter und Baby die Rede sein kann.« Nachdem einige Risiken aufgelistet worden waren, kam die Entwarnung: »Weil reifere werdende Mütter die