Justus - Beatrice Lamshöft - E-Book

Justus E-Book

Beatrice Lamshöft

0,0

Beschreibung

Und er, Justus Zimmermann? Was ist er? Im Moment nichts weiter als ein Beobachter, der durch die Welt getragen wird, Schritt für Schritt, Sekunde für Sekunde. Seine Gefühle sind eingefangen und weggesperrt, sein Köper marschiert einen Marsch, der einfach stattfindet, ohne Befehl, ohne Widerstand. Das Bewusstsein hat den Autopiloten eingeschaltet. Wohin die Reise geht? Es ist die Suche nach Gewissheit. Irgendwo in seinem Inneren liegt sie verborgen, hinter einer Biegung seiner Gedanken, unter der Brücke zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte. Er kann nicht daran glauben, das Richtige zu tun, solange er das Ziel nicht klar vor Augen hat. Warum hat er sich auf dieses Abenteuer eingelassen? Es wird noch tausend Schritte brauchen, bis er es verstanden hat. Oder zweitausend.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 578

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Beatrice Lamshöft

Justus

Am Ende der Anfang

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

30. April 2012

30. April 1982

30. April 2012

1. Mai 1982

30. April 2012

1. Mai 1982

30. April 2012

Fünf Jahre später, 16. November 1987

30. April 2012

16. November 1987

1. Mai 2012

Drei Jahre später, 18. Mai 1990

2. Mai 2012

18. Mai 1990

2. Mai 2012

Vier Jahre später, 15. August 1994

2. Mai 2012

15. August 1994

5. Mai 2012

Einige Monate später, 30. April 1995

26. Juni 2012

30. April 1995

26.Juni 2012

1.Mai 1995

26.Juni 2012

1.Mai 1995

26.Juni 2012

26.Juni 2012

Drei Jahre später, 5. November 1998

26.Juni 2012

15. November 1998

27. Juni 2012

15. Dezember 1998

27. Juni 2012

Ein knappes Jahr später, 13. Oktober 1999

27.Juni 2012

23. Oktober 1999

27.Juni 2012

30. Oktober 1999

27.Juni 2012

Drei Jahre später, 6. November 2002

28. Juni 2012

9. November 2002

29.Juni 2012

Zwei Monate später, 30. Januar 2003

29.Juni 2012

10. Februar 2003

29. Juni 2012

14. Mai 2003

29. Juni 2012

Vier Jahre später, 25.Dezember 2007

30. Juni 2012

Drei Jahre später, 20. April 2010

27. Juli 2012

30. August 2010

30. Oktober 2012

Ein halbes Jahr später, 1. März 2011

1. November 2012

2. November 2011

3. November 2012

15. Februar 2012

3. November 2012

30. April 2012

3. November 2012

Impressum neobooks

30. April 2012

Die Schnürsenkel seiner Schuhe sind offen. Sie zu binden ist lebensgefährlich. Langsam geht Justus in die Knie. Seine Hände zittern, er kann sie kaum noch kontrollieren. Vor dreißig Jahren, an seinem fünften Geburtstag, da hatte ihm die Tante gezeigt, wie man Schnürsenkel bindet. Er hatte auf einer Schaukel gestanden, und sie hatte es ihm vorgemacht: so und so und dann so. Immer wieder. So und so und dann so. Dann war die Tante einen Schritt zur Seite gegangen, und er hatte das Gleichgewicht verloren.

Nicht das Gleichgewicht verlieren. Ganz langsam. So und so und dann so. Sein Herz hämmert, er hört das Blut in den Ohren rauschen, das Atmen fällt ihm schwer. Sein Brustkorb ist ein Panzer aus Angst.

Wenn man fiel, dauerte es vielleicht vier Sekunden. Oder fünf. Nicht länger. Den Aufprall spürte man nicht. Die Zeit, etwas zu spüren, gab es nicht. Fallen und weg. Er wäre nicht der Erste, er wäre auch nicht der Letzte. Wie viele Menschen sprangen im Jahr von Hochhäusern? Zwanzig vielleicht? Weniger? Er weiß es nicht.

Langsam richtet er sich wieder auf, den Blick auf den Abgrund gerichtet. Die Angst wird flüssig und gleitet an seinem Körper hinunter. An den Knien hält sie sich fest, umschlingt sie und lässt sie heftig zittern. Er hätte fallen können, dann wäre er jetzt tot.

Und es wäre kein Suizid gewesen. Oder doch? Nein, denn er wäre ja unbeabsichtigt gefallen, mehr oder weniger. Das Schicksal hätte sein Leben beendet, nicht er. Ist er hier hochgekommen, damit das Schicksal über sein Leben entscheidet? Warum? Kann er nicht für sich selbst entscheiden? 

Die Sonne ist ein glühend roter Ball am wolkenlosen Himmel. Auf dem Land werden nun die Maifeuer angezündet und die Maibäume aufgestellt. Irgendwann in den nächsten Stunden wählt irgendwo ein Komitee eine Maikönigin, um Mitternacht wird jemand mit ihr tanzen. Aber all das hat nichts mehr mit ihm zu tun. Seine Geschichte geht nun zu Ende. Sobald es dunkel genug ist, denn er wird diese Welt im Dunkeln verlassen, das hat er gerade beschlossen. 

Er starrt in die Sonne, die so weit gesunken ist, dass sie seine Augen nicht mehr blendet. Er erinnert sich, gelesen zu haben, Sonnenuntergänge seien bemerkenswert emotionalisierend. Wenn das kurzwellige rote Licht auf die Netzhaut traf, erzeugte das biochemische Reaktionen, in deren Folge euphorisierende Neurotransmitter freigesetzt wurden. Geschah dies nun auch in seinem Gehirn? Offenbar war es so, denn tatsächlich fühlt er so etwas wie Melancholie, ein trauriges Glück.

Er verzieht seinen Mund zu einem zynischen Lächeln, ein anderes gelingt ihm nicht mehr. Und in einem Augenblick fällt alle Angst von ihm ab, hinunter in den gähnenden Abgrund. Er atmet tief ein. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnet ein alter Mann ein Fenster. Er könnte ihn sehen, wenn er nur den Kopf heben und zum Dach heraufschauen würde. Aber der Mann schaut nach unten, dahin, wo Justus‘ Angst gerade unsichtbar und lautlos aufgeschlagen ist.

30. April 1982

In den Schatten der ausgelassen tanzenden Frauen und Männer, die sich um das große Maifeuer schoben und dabei laut englische Lieder grölten, sah er ganz deutlich die Gestalten von Dinosauriern, von denen er glaubte, es seien bösartige, fleischfressende Monster, die zwar der Legende nach ausgestorben waren, aber in Wirklichkeit noch in geheimen Höhlen lebten und sich dort vermehrten, bis sie eines Tages über die Menschen herfallen und sie vollkommen ausrotten würden.

Es war der Tag vor seinem fünften Geburtstag. Eine Horde Erwachsener hatte sich versammelt, um in den Mai zu tanzen. Seine Mutter war bereits seit dem Nachmittag nicht mehr ansprechbar gewesen, denn sie hatte sich auf den Abend vorbereiten müssen, hatte ein Bad genommen, sich dann allerhand Zeug ins Gesicht und in die Haare geschmiert, um schließlich erst mal mit schlimmem Kopfweh ins Bett zu sinken.

Er wusste, dass er schleichen musste, wenn Mama Kopfweh hatte. Auf keinen Fall durfte er ihr zu nahe kommen, denn seine Anwesenheit löste Stress bei ihr aus. Stress war etwas Furchtbares, eine geheimnisvolle Krankheit, viel schlimmer als Schnupfen, und Mama hatte sie ständig. Deshalb gingen ihr alle aus dem Weg − der Großvater, der Vater, das Personal, ganz besonders Inge, die alte Köchin, die rannte immer sofort in die Küche, wenn Mama irgendwo auftauchte.

So war er an diesem Tag wieder einmal auf den eigens für ihn ausgebauten Dachboden gestiegen und hatte bis zum Abend mit seinen Dinosauriern gespielt. Er besaß die gesamte Kollektion der Spielzeugfabrik seiner Familie, er besaß sie sogar zehn Mal, zweihundertvierzig Figuren, und er hatte keinen einzigen Freund, der ihn nicht darum beneidete.

Sein Spielen mit den Dinosauriern bestand im Aufstellen von Gruppen, die er nach immer wieder neuen Kriterien ordnete. Mal waren es farbig gemischte, aber ungefähr gleich große Tiere, dann teilte er sie nach Land-, Himmels- und Meeresbewohnern ein, oder er sortierte die unterschiedlichen Arten und stellte sie nebeneinander auf, in exaktem Abstand und so, dass die Füße eine gedachte Linie bildeten. Nach etlichen Gruppierungen und Umgruppierungen entdeckte er ein neues spannendes Spiel. Er verband die gegenüberliegenden Seiten des großen, trapezförmig geschnittenen Raumes durch lange Dinosaurierreihen, wobei die Herausforderung darin bestand, von vornherein eine Lücke zwischen den Figuren zu wählen, die gerade so groß war, dass am Ende alle Tiere in die Kette passten und der Abstand zwischen den Köpfen und Schwänzen gleich lang war. Das war ein sehr anstrengendes Unterfangen. Es erforderte seine ganze Konzentration und nahm viel Zeit in Anspruch.

Wenn er es endlich zu seiner Zufriedenheit zustande gebracht hatte, zählte er seine Sammlung. Natürlich wusste er, dass es zweihundertvierzig Figuren waren, aber das Zählen war ein Ritual, mit dem er seinen Erfolg feierte, und es erinnerte ihn zudem daran, dass der Großvater gesagt hatte, er sei ein verdammt schlauer Junge, weil er schon so gut zählen könne, obwohl er noch lange nicht in die Schule komme.

Ab und zu organisierte seine Mutter, dass Freunde auf die alte Gutshofanlage kamen, zum Spielen, damit er nicht so allein war. Er mochte diese Freunde nicht besonders, sie wollten meistens nicht das tun, was er ihnen vorschlug, und fanden seine Art zu Spielen langweilig oder einfach doof. Natürlich konnte keiner von ihnen so gut zählen wie er. Und manche hatten sowieso nur Freude am Kaputtmachen. Sollten sie doch so viel Spielzeug kaputt machen wie sie wollten, es war ihm egal, er bekam davon so viel er wollte, na ja, so lange es Zimmermann-Spielzeug war, natürlich.

Die einzigen Jungen, mit denen er etwas anfangen konnte, waren der kugelrunde Fredo, der immer noch Windeln trug, worüber zu reden seine Mutter streng verboten hatte, und Tilman. Fredo tat alles, was man ihm sagte, weil er sonst gar nichts tat, außer in der Ecke zu stehen und zu gucken. Tilman hingegen war anders: flachsblond, mit kleinen scharfen Schlangenaugen, die stets die Lage sondierten. Tilman musste bestochen werden, damit er kooperierte. Der Preis wurde nie verhandelt, sondern einfach von Tilman festgelegt. Meistens wollte er kleine Dinge haben, die sich gut in Hosentaschen oder unter dem Pullover verstecken und so aus dem Haus schmuggeln ließen. Er gewährte ihm jede Forderung, denn es gab nichts, an dem sein Herz hing, was nicht ersetzt werden konnte.

Nun saß er im Schneidersitz auf einer umgedrehten Regentonne am Rande der kleinen Wiese, die sich direkt hinter dem Gemüsegarten befand, und schaute den Erwachsenen zu, die immer genau wussten, was sie taten und alles richtig machten, sogar wenn sie merkwürdigum ein Feuer tanzten und dabei schrecklich sangen. Er war sehr müde, ohne Frage hätte er eigentlich längst im Bett sein müssen. Aber daran dachte an diesem Abend wohl niemand, und es schien, dass auch das Personal keine Instruktionen erhalten hatte, sich um ihn zu kümmern. Das Zimmermann‘sche Regiment, das sonst so zuverlässig auf die Einhaltung von Regeln achtete, war außer Kraft gesetzt.

Wahrscheinlich lag es daran, dass der Großvater und der Vater nicht im Haus waren. Sie bestanden darauf, Regeln einzuhalten, damit nichts aus den Fugen geriet, wie sie sagten, und weil es sich eben so gehörte. Am Morgen war der Großvater mit strahlendem Gesicht und in wetterfester Kleidung zum Angeln aufgebrochen, seinen Vater im Schlepptau. Der hatte verbissen gelächelt, als Mama ihm zum Abschied fürsorglich eine Thermoskanne mit Kräutertee unter den Arm geschoben und ihm gesagt hatte, er solle sich bloß nicht erkälten. Papa war ein Büromensch, ein Büchermuffel, der sich schnell mal einen Schnupfen zuzog. Mama war ganz anders. Sie machte sich nicht so viel aus Büchern und Regeln, jedenfalls behauptete sie das.

Nun waren die Männer also irgendwo an einem See, den er nicht kannte, und er hatte die einmalige Chance zu erfahren, was Erwachsene taten, wenn er längst im Bett war. Er beobachtete seine Mutter, die eine klein geblümte lilafarbene Bluse und einen bodenlangen dunklen Rock trug, der sie noch schmaler aussehen ließ, als sie ohnehin schon war. Er hatte sie noch nie so gesehen. Üblicherweise bevorzugte sie kurze Röcke und einfarbige Blusen unter „figurbetonten“ Blazern, wie sie ihre Jacken nannte. Und immer lief sie in diesen hochhackigen Schuhen herum, die auf dem Steinfußboden des Hausflures klack, klack machten und alle Anwesenden vor ihrem Herannahen warnten. Die Haare pflegte Mama kunstvoll zu unterschiedlichen Frisuren hochzustecken, doch an diesem Abend fielen ihre dunkelbraunen Locken offen bis auf die Schultern, sie hielt sie nur durch ein rotes Stirnband zurück. Mamas Augen glänzten, irgendwie sahen sie anders aus als sonst, glasig und starr. Sie lachte nicht, und sie sang auch nicht so wie die anderen.

Er fand, dass seine Mutter schön war. Sie hatte auch einen sehr hübschen Namen, Juliana, aber er mochte ganz und gar nicht, wie sie an diesem Abend aussah. Etwas an ihr war ihm unheimlich, befremdend. Ihr Gesichtsausdruck ähnelte auf erschreckende Weise dem von Großmutters teurer Porzellanpuppe, die für ihn unerreichbar in einer Vitrine neben dem Ölgemälde der Verstorbenen aufbewahrt wurde. Mamas Bewegungen waren so komisch langsam, so wie die Zeitlupe in der Sportschau. Sie hob die Hände über den Kopf und neigte ihren Oberkörper von der einen auf die andere Seite, wobei der schwere, spiralförmige Anhänger ihrer langen Halskette wie das Pendel der alten Standuhr im Esszimmer hin- und herschwang. Er überlegte, ob ihr eigenartiges Gebaren vielleicht so etwas wie ein Spiel war. Ihre Freunde waren da viel dynamischer. Sie hopsten und sangen, und einige schüttelten ihren Kopf so heftig, als müssten sie dringend etwas loswerden, Läuse oder dumme Gedanken.

Die Einzige, die sich außer ihm selbst nicht an dem ausgelassenen Treiben beteiligte, war seine Tante Cordula. Vielleicht durfte sie nicht mitmachen, weil sie noch zu jung war und es sowieso auch nicht ihre Freunde waren, sondern die ihrer großen Schwester. Tante Cordula trug ein braunes Wollkleid, das wie ein Sack an ihr hing, dazu pantoffelartige Schuhe, und sie lächelte ganz schüchtern. Ihre großen dunklen Augen waren auf einen jungen Mann in weißen Hosen und Jeansjacke geheftet. Sie wippte leicht mit den Knien, allerdings nicht im Takt zu der Musik, die aus einem Kassettenrekorder dudelte.

Justus schaute wieder auf seine Mutter. Seine Augenlider fühlten sich immer schwerer an, er musste sich anstrengen, damit sie nicht zufielen. Es war ein sehr verlockender Gedanke, einfach nachzugeben und einzuschlafen. Andererseits wollte er natürlich nichts verpassen.

Mamas langsame Bewegungen wurden immer schwerfälliger. Sie waren kaum noch mit anzusehen, brannten in seinen Augen. Oder war es der Qualm des Feuers? Er verfolgte ihren Schatten, der dem eines schönen trägen Dinosauriers glich.

Ein Schrei durchschnitt die Nacht. Eigentlich war es kein Schrei, es war nur der Kassettenrekorder, den irgendein Verrückter bis zum Anschlag aufgedreht hatte. Mit einem Schlag war er hellwach. Die Tänzer gerieten aus dem Schritt, stolperten übereinander, schwankten, als wären sie in einem überfüllten Boot, auf dem jeder mit den Armen ruderte, um nicht über Bord zu gehen. Der fransige bordeauxrote Schal einer Frau fing Feuer. Rasend schnell ging er in Flammen auf, begleitet von lautem hysterischem Kreischen, das aus mehreren Kehlen gleichzeitig drang und nur von John Lennon übertönt wurde, der aus dem scheppernden Rekorder Imagine all the people brüllte.

Tante Cordula stand am Ufer des Geschehens und schrie „Wasser, Wasser!“.

Die so unglücklich Angesengte schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich den Schal vom Hals zu reißen. Er verpuffte im Gras und setzte dabei einen widerlichen Geruch frei, eine Mischung aus billiger Toilettenseife und verbranntem Kunststoff.

Er war vollkommen erstarrt. Er versuchte zu begreifen, was geschah, doch sein Verstand wurde von den einströmenden Sinneseindrücken immer wieder überholt. Endlich drehte eine rettende Hand den Kassettenrekorder wieder leise. Vom Lärm erlöst standen alle Akteure einen Moment lang wie Schaufensterpuppen vollkommen reglos da. Dann aber brach unvermittelt ein Lachen aus einer kleinen runden Frau hervor. Sie hatte ungemein große Brüste und einen krausen Lockenkopf. Die Frau lachte gackernd wie ein Huhn, und er fand, dass es irgendwie falsch klang, auch wenn er nicht wusste, wie es sein konnte, dass sich ein Lachen falsch anhörte. Vielleicht war sie eine Hexe. Vielleicht hatte sie den Schal angezündet, mit einem bösen Zauberspruch. Vielleicht würde sie nun alle in ihren Bann ziehen.

Der junge Mann mit der weißen Hose und der Jeansjacke, den Tante Cordula die ganze Zeit angestarrt hatte, verpasste ihr einen so derben Knuff in den Bauch, dass sie rücklings auf dem Po landete. Für einen kurzen Augenblick guckte die Hexe verdutzt, dann riss sie sich die Bluse auf und holte ihre großen Brüste heraus. Sie nahm sie in die Hände und pries sie an wie zwei reife Melonen.

„Ich bin die Maikönigin, ich bin die Maikönigin“, schrie sie.

Er riss die Augen auf. Noch nie hatte er nackte Brüste gesehen, erst recht nicht solche. Mama hatte natürlich auch welche, doch Mamas waren viel kleiner, und außerdem war sie immer angezogen. Er schaute flüchtig zu seiner Mutter hinüber, die ein wenig abseits stand. Sie hatte ihren Anhänger in beide Hände genommen und betrachtete ihn mit hochgezogenen Augenbrauen, als könnte sie in ihm lesen wie in einem Buch. Offenbar hielt sie den Busen ihrer Freundin für nicht besonders aufregend.

Der Mann in der weißen Hose und der blauen Jeansjacke hingegen schien Gefallen daran zu finden. Er kniete sich hin und begann, die Brüste zu streicheln. Einige Frauen kicherten. Plötzlich schob sich Tante Cordulas braunes Schlabberkleid zwischen ihn und den Ort der Handlung. Er schaute sie verwundert an. Wollte sie denn nicht wissen, was als Nächstes geschah?

„Justus, Bettchenzeit!“, schnauzte Tante Cordula ihren Neffen an und riss ihn von der Regentonne.

Warum war sie auf einmal so böse?

Sie nahm ihn auf den Arm und verließ mit großen Schritten die Wiese. Er widersetzte sich nicht. Der Tonfall seiner Tante ließ keinen Zweifel daran, dass es sich nicht lohnte, um Aufschub zu betteln. Wie ein kleiner Affe klammerte er sich an ihren Oberkörper und blickte zurück, um vielleicht doch noch mitzubekommen, was der Mann nun mit der Hexe machte. Aber er sah nur noch seine Mutter. Sie stand da, vom Licht des großen Feuers angestrahlt, und hob ihren Kopf. Ein eiskalter Schauer durchlief ihn. Seine Mutter schaute ihn an und lächelte. Ihr Gesichtsausdruck war immer noch seltsam abwesend, aber sie sah ihm direkt in die Augen, hob ihre Hand und winkte. Justus winkte zurück. Er wollte rufen „Auf Wiedersehn, Mama, auf Wiedersehen“, doch die Worte blieben in seinem Hals stecken. Mama war da, und doch war sie weg, so unendlich weit weg.

30. April 2012

Ein Flugzeug durchbricht die Schallmauer. Der laute Knall trifft ihn völlig unerwartet. Er schwankt, fängt sich im letzten Moment. Sein Herz hämmert, stolpert drei vier Schläge aus dem Takt, dann schlägt es schnell, so schnell, dass es wehtut. Er atmet ein und aus, hastig, unregelmäßig, endlich langsamer. Der Rhythmus kehrt zurück. Seine Knie werden weich und drohen nachzugeben, er muss sich setzen.

Der Tod hat angeklopft. Es dauert zu begreifen, dass der Film nicht gerissen ist. Die untergehende Sonne, die Hochhäuser, die Geräusche der Straße, seine Erinnerungen, alles kehrt zurück. Abgetaucht und wieder aufgetaucht. Wie leicht es ist, die Realität zu erschüttern, die Leinwand in seinem Kopf, auf der sein Leben spielt.

Das Dach ist mit Dachpappe eingedeckt. Sie ist grau und spröde und an einigen Stellen geflickt. Es riecht nach Teer. Unten auf der Straße behindert ein Lastwagen den Verkehr. Eine der Baumkronen hat ein riesiges Loch. Die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser harmonieren nicht, weder in der Farbe noch im Stil. Der alte Mann am offenen Fenster schaut immer noch auf die Straße hinunter.

Justus starrt auf einen krummen, verrosteten Nagel, der ein Stück von ihm entfernt liegt. Langsam rutscht er zu ihm hinüber, seine Glieder fühlen sich schwach und taub an, als wäre er gerade aus einer Narkose erwacht. Dieses Ding, dieser Nagel, er hat eine Geschichte, die er nie erfahren wird. Irgendwann einmal, als er erschaffen wurde, war er rot glühend wie die untergehende Sonne. Dann wurde er vermutlich mit einem Haufen anderer Nägel verpackt, verschickt und verkauft. Schließlich hat ihn ein Handwerker aus der Schachtel genommen, ihn verbogen und weggeworfen. So oder so ähnlich musste es gewesen sein. Die genaueren Umstände lassen sich nicht mehr rekonstruieren.

Er fragt sich, wie lange der Nagel schon auf dem Dach liegt und ob er vielleicht von irgendjemand anderem schon vorher bemerkt wurde und wo diese Person, wenn es sie tatsächlich gab, wo sie wohl lebte und was sie gerade machte. Wenn es sie gab, dann hätten sie nun etwas, das sie verband: die Erinnerung an den Anblick eines krummen, verrosteten Nagels auf einem Hochhausdach. Aber aus welchem Grund sollte sich jemand an einen verbogenen Nagel erinnern?

Er zwingt sich, seinen Blick von dem Nagel zu lösen und steht auf. Die Sonne ist ein Stück tiefer gesunken, der Himmel ist nun ganz in rotes Licht getaucht, und der Alte am Fenster auf der gegenüberliegenden Seite ist es immer noch nicht müde, auf die Straße hinunterzuschauen.

Justus tritt zwei Schritte vom Rand zurück. Er ist es leid, sich immer wieder zu ängstigen. Einen Moment überlegt er, ob man erst springen kann, wenn die Angst gewichen ist. Vielleicht ist er nun so weit. Vorsichtig tritt er vor und schaut hinunter. Autos, Bäume, Menschen, lauter Dinge. Alles einzeln, alles zusammen. Kann er nun springen? Er weiß es nicht oder will es nicht wissen, weicht wiederum zurück und schaut sich um. Das Dach ist ein schäbiger Ort, nicht gemacht, um Gäste zu empfangen. Er hebt den verbogenen Nagel auf und betrachtet ihn. Ohne sich zu fragen, warum, steckt er ihn in seine Hosentasche. Dann schaut er an sich hinunter. Die schmal geschnittene graue Hose aus teurem Wollstoff schlackert um seine dünnen Beine, das schwarze Hemd mit dem feinen türkisfarbenen Streifen hängt halb aus dem Hosenbund heraus. Die Schuhe allerdings, die Schuhe sind sauber und ordentlich gebunden, so wie es ihn die Tante gelehrt hat.

Er versucht ein Lächeln. Es gelingt, im Ansatz wenigstens. Dann steckt er das Hemd in die Hose, ohne dabei den schwarzen Ledergürtel zu öffnen. Es ist nicht notwendig, ihn zu öffnen, sein ausgemergelter Körper ist so schmal, dass er bequem eine Hand zwischen Taille und Hosenbund bringt. Nun, da er sich geordnet hat, streicht er über seine eingefallenen Wangenknochen. Er ist kein besonders hübscher Mann, aber auch nicht unansehnlich. Sein labiler Zustand hat ihn gezeichnet, das ist ihm wohl bewusst. Aber seine grünbraunen Augen sind die eines intelligenten Mannes, und sie können einen Menschen allein durch ihren scharfen Blick würdigen oder vernichten. Er ist seit drei Tagen unrasiert und überlegt, ob es verwegen oder verwahrlost aussieht. Ließe er sich einen Bart stehen, wäre dieser wohl schon grau durchsetzt, anders als sein kurzes dunkelblondes Haar, in dem sich nur an den Schläfen ein paar vereinzelte silberne Härchen entdecken lassen.

Die Sonne steht jetzt so tief, dass nur noch ein Drittel über den Dächern der gegenüberliegenden Häuser herausragt. Das warme, intensive Licht vermag selbst dem trostlosen Dach einen Hauch von Idylle zu verleihen. Er schaut auf den mit roten Backsteinen gemauerten Treppenhausausstieg, sieht die schwere graue Stahltür. Er hat sie aufgeschlossen, dann ist er herausgetreten, er weiß es, kann sich aber nicht mehr daran erinnern. Ihm ist, als wäre er auf diesem Dach geboren worden, als hätte er sein ganzes Leben hier verbracht. Allein. Fast allein.

Der alte Mann am Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ist er noch da? Justus geht zum Rand zurück und schaut hinüber. Ja, dort steht er, immer noch.

1. Mai 1982

Da war so ein merkwürdiges Gefühl in seiner Magengegend, und er spürte den Druck seiner vollen Blase. Er war sehr früh aufgewacht an diesem Morgen, hatte einige Minuten wach im Bett gelegen und versucht, wieder einzuschlafen. Schließlich aber überwand er sich, aus seinem warmen Nest herauszukrabbeln, um die Toilette aufzusuchen. Im Flur erinnerte er sich plötzlich daran, dass er Geburtstag hatte, und in seinem Po kribbelte es wie tausend Ameisen. Heute würden alle nett zu ihm sein. Mama würde lachen und ihn auf den Arm nehmen und ganz sicher keinen Stress haben. Es würden viele Kinder kommen, Mama hatte seine ganze Kindergartengruppe eingeladen. Sie würden alle machen, was er ihnen sagte, denn heute war er der Chef, und keiner durfte meckern. Es würde Kuchen geben und heißen Kakao. Justus liebte den Geruch von heißem Kakao.

Mit einem Lächeln im Gesicht tapste er den dunklen Korridor entlang und öffnete sehr vorsichtig die Badezimmertür. Man hatte ihm eingebläut, früh morgens, wenn alle anderen noch schliefen, um Himmels willen leise zu sein. Also huschte er auf Zehenspitzen ins Bad und schloss behutsam ab, indem er den Schlüssel ganz langsam drehte, bis es Klack machte. Als er die Toilette sah, wurde der Harndrang plötzlich sehr stark, aber er konnte sich trotzdem nicht sofort entscheiden, ob er sich setzen sollte, wie man es ihm beigebracht hatte, oder ob er wie ein richtiger Mann im Stehen pinkeln wollte. Er entschied, dass Sitzen besser war, weil es so viel einfacher war, nichts Verbotenes zu tun, wenn man kaum noch einhalten konnte.

Seine Füße baumelten in der Luft, während er sich langsam entspannte und die ersten Tropfen ins Wasser der Kloschüssel plätscherten. Er schaute auf die braunen Fußbodenfliesen, die zu zählen er an diesem Morgen keine Lust hatte. Dann wanderte sein Blick zur Badewanne hinüber.

Schlagartig erstarrte er. In der Badewanne lag seine Mutter. Nackt. Der Kopf war merkwürdig zur Seite geneigt, das Kinn lag auf der Brust, die Augen waren geschlossen. Ihre langen braunen Haare schwammen im Wasser oder klebten auf ihrer weißen Brust. Und die Lippen … Sie waren so weiß.

Sein Herz hämmerte, Blut schoss in seinen Kopf. Einen ganz kurzen Moment nur sah er sie an, dann senkte er den Blick zurück auf den Boden, wo er wie festgenagelt verharrte. Seine Hände krallten sich am Toilettensitz fest, er presste die Beine zusammen und spannte die Beckenmuskeln an, um den Urin einzuhalten. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Wahrscheinlich schlief sie … Oder nicht?

Er lauschte, wartete, ob etwas geschehen würde. Stille. Nichts rührte sich. Es war verboten, Mama nackt in der Badewanne zu sehen. Das hatte ihm zwar niemand gesagt, aber irgendwie wusste er es ganz sicher. Er würde nicht mehr hinsehen. Wenn er sie nicht ansah, dann würde sie ihn vielleicht auch nicht sehen. Vorsichtig versuchte er, seine Muskeln wieder zu entspannen. Es gelang ihm, aber das plätschernde Geräusch des Urins war so unangenehm laut, dass er sofort wieder einhielt.

Justus rutschte von der Toilette und zog seine Hose hoch. Er schloss den Deckel, ohne abzuspülen, schlich zur Tür und drehte den Schlüssel um, bis es erneut Klack machte. Es war ein lautes Klack, das sich nicht vermeiden ließ und ihn trotzdem erschreckte. Behutsam öffnete er die Tür und huschte aus dem Badezimmer.

Er dachte nicht darüber nach, was er als Nächstes tun wollte, sondern rannte wie einem Kommando folgend die Treppe hinunter, die in einem langen Bogen in die Eingangshalle führte. Dort standen seine feuerroten Gummistiefel auf der Fußmatte, als hätte sie jemand für diesen Augenblick bereitgestellt. Er zog sie an, öffnete die schwere Eingangstür und trat ins Freie. Die kühle Morgenluft empfing ihn, und er atmete tief ein. Dann setze er seinen Weg fort, lief über den englischen Rasen, vorbei an den Rosen, die noch nicht blühten, weiter zur großen Speckkirsche, vor der er stehen blieb. Schnell zog er seine Schlafanzughose ein Stück herunter und pinkelte wie ein Mann, so wie Tilman es ihm gezeigt hatte. Vom Druck erleichtert schloss er die Augen und sah seine Mutter, sah ihren regungslosen Körper in der Wanne liegen. Sie hatte geschlafen. Oder nicht? Ein kaltes Kribbeln kroch seinen Rücken hinunter, über den Po, bis zu seinen Kniekehlen, als würde ihm jemand Wasser über die Schulter gießen.

Unschlüssig, wohin er nun gehen sollte, trottete er zum Gemüsegarten hinüber, betrat die Wiese dahinter, wo seine Mutter am Vorabend mit ihren Freunden gefeiert hatte. Es roch nach verbranntem Holz und Bier. Überall lagen leere Flaschen herum. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute in den hellrosa gefärbten Himmel. Das Bild seiner Mutter kam ihm wieder vor Augen, und er erinnerte sich daran, dass das Wasser in der Badewanne auch rosa ausgesehen hatte, als hätte jemand rote Farbe hineingeschüttet.

Deine Mama ist im Himmel, flüsterte eine leise Stimme in ihm. Schnell schüttelte er seinen Kopf, um den dummen Gedanken sofort wieder loszuwerden.

Er nahm sich einen Stock und stocherte in der immer noch warmen Asche des Lagerfeuers herum. Plötzlich entdeckte er einen glänzenden Gegenstand, der zwischen all dem Schmutz in der Sonne blinkte. Es war der silberne Anhänger seiner Mutter. Gestern haben sie gefeiert, und heute ist der 1. Mai, dachte er. Ja, heute ist mein Geburtstag, mein Ehrentag, da kann ich mich ganz doll freuen! Doch er schaffte es nicht, das wunderbare magische Gefühl wieder heraufzubeschwören, das ihn beim Aufstehen so angenehm überrascht hatte, das eigentlich zu diesem besonderen Ereignis dazugehörte wie Sahne auf einem Geburtstagskuchen.

Eine ängstliche Ungewissheit hatte sich in ihm eingenistet und wollte einfach nicht weichen, denn er glaubte, etwas sehr Verbotenes getan zu haben, von dem er inständig hoffte, es bliebe unbemerkt. Aber es war ja viel mehr als nur das. Etwas Unheimliches lag in der Luft, so wie der Schatten eines furchterregenden Dinosauriers. Reglos lauerte er im Hinterhalt und beobachtete sein Opfer. Und bald schon, ganz bald würde er zuschlagen.

Justus angelte den spiralförmigen Anhänger aus der Asche. Seine Mutter nannte ihn Amulett. Was Amulett genau bedeutete wusste er nicht, vielleicht war es so etwas wie ein Talisman, ein Glücksbringer. Sein Großvater hatte einen, eine ausgestopfte Hasenpfote. Mama mochte sie nicht, obwohl sie sich so schön weich anfühlte.

Nachdenklich betrachtete er das Schmuckstück in seinen Händen und fragte sich, ob seine Mutter es versehentlich fallen gelassen oder absichtlich ins Feuer geworfen hatte. Sorgfältig wischte er es an seinem Frotteeschlafanzug ab, um es zu säubern. Mama würde sicher sehr froh sein, wenn er ihr das Amulett zurückgab. Sollte sie ihn an diesem Morgen doch bemerkt haben und deshalb verärgert sein, dann würde er ihr den Anhänger geben, und sie würde sagen: Oh, Justus, mein Schatz, du hast ihn gefunden, das ist aber lieb von dir. Vielen Dank!

Ganz bestimmt wäre dann alles wieder gut.

Oder nicht?

30. April 2012

Die schwere Stahltür des Treppenhauses ächzt. Eine schmale, unscheinbare Gestalt schiebt sich durch den offenen Spalt. Er starrt sie an. Es ist eine Frau, schmächtig, in einem langen, viel zu großen weißen Mantel, keine zehn Meter von ihm entfernt. Dunkelbraune schulterlange Haare verdecken ihr Gesicht. Ihre Bewegungen sind langsam. Wie ein ferngesteuerter Roboter schreitet sie in Richtung Abgrund, ihre Seele scheint nicht zu Hause zu sein.

Er weiß, dass sie springen wird, so wie er plötzlich weiß, dass er selbst nie gesprungen wäre. Sein Herz hämmert, das Blut schießt ihm in den Kopf. Er muss handeln, es ist keine Zeit nachzudenken. Mit drei Schritten ist er bei der Fremden, reißt sie von der Kante weg, einfach nur weg. Sie fallen auf das Dach, auf die graue, spröde Dachpappe. Sie schreit nicht, wehrt sich nicht, liegt nur da, zusammengekrümmt wie ein Embryo, ihm den Rücken zugewandt. Er hält sie umschlungen, spürt, wie heftig sie zittert, so wie er selbst auch. Und dann hört er ein Wimmern, das klingt wie das Wehklagen eines jungen Hundes, den man gerade noch vor dem Ertrinken gerettet hat. Vorsichtig streichelt er ihren Kopf, fühlt ihre weichen Haare.

Er weint. Ob aus Erleichterung, Verwirrung oder aus Angst, er weiß es nicht. Minutenlang umklammert er ganz fest den schmächtigen Körper der Frau, deren Gesicht er nicht kennt. Sie wehrt sich nicht.

Die Erde dreht sich weiter, lässt die Sonne endgültig hinter den Häusern verschwinden, und die Dunkelheit der Nacht fällt wie ein schwarzes Tuch auf die Stadt herab. Die Augen schweigen ohne Licht. Irgendwann ist auch sein Zittern verstummt, und er kann loslassen.

Er atmet ruhig und gleichmäßig. Die Fremde löst sich zaghaft aus seiner Umarmung und dreht sich zu ihm, sie ist ihm so nah, dass er ihren Atem auf seiner Haut spürt. Er betrachtet sie, sieht in ein fein gezeichnetes blasses Gesicht mit großen dunklen Augen. Ihr sanft geschwungener schmaler Mund steht ein wenig offen, als wollte sie etwas sagen, aber sie weiß wohl nicht, was.

Vorsichtig streicht er mit den Fingerspitzen über ihre Wangen und ihren schmalen Nasenrücken. Es ist ihr nicht unangenehm, sie lächelt sogar. Ihre Haut ist glatt und zart. Wie alt sie wohl ist, überlegt er. Kaum älter als Anfang zwanzig. Er möchte etwas Tröstendes sagen, doch er fürchtet, dass in diesem Moment jedes noch so gut gemeinte Wort unsensibel erscheint. Es ist eine zerbrechliche Nähe, die sie teilen. Er darf sie nicht zerstören, egal wie fremd sie sich sind.

Eine gefühlte Ewigkeit liegen sie so da, blicken einander an, ohne sich zu erklären. Dann küsst er ihre Stirn, und sie nickt, als wollte sie ihre Zustimmung signalisieren. Sie legt ihre Hand auf seine Wange, und die Wärme ihrer Berührung läuft wie ein warmer Regen durch seinen Körper. Es ist ein so unerwartetes Glücksgefühl, dass er plötzlich lachen muss.

Die junge Frau lächelt, sie scheint seine Reaktion zu verstehen. Er küsst ihren Mund und sie lässt es geschehen, erklärt sich einverstanden, indem sie sanft den Druck seiner Lippen erwidert. Hätte er sie nicht rechtzeitig erreicht, ihr Körper würde nun zerschlagen auf dem Asphalt liegen. Aber sie lebt, sie ist nicht tot, und sie ist ihm auf wundersame Weise ganz nah.

Ihr gemeinsames Schweigen dauert an, umschließt sie wie eine feste Mauer. Es ist eine stille Übereinkunft, dass sie einander nicht infrage stellen wollen. Erklärungen sind nicht wichtig. Es gibt immer einen Grund. Alles was in diesem Augenblick zählt, ist ihre Gemeinsamkeit, ihr Nicht-Allein-sein.

Sie streichelt seinen Kopf, küsst seine Augen, sein Gesicht auf der Suche nach seinen Lippen. Und während er es geschehen lässt, aber noch zögert, ihre immer intimeren Zärtlichkeiten zu erwidern, wird ihm plötzlich bewusst, wo sie sich gerade befinden. Er denkt an die Menschen, die weit unter ihnen in der Stadt unterwegs sind, um nach einem langen, arbeitsreichen Tag nach Hause zu gelangen. Sie haben ein geregeltes Leben, fahren mit dem größten Selbstverständnis durch den geordneten Verkehr und glauben vermutlich, genau zu wissen, was Gut und Böse, was richtig und falsch ist. Doch auf diesem Dach, auf dem er und die junge Frau liegen, hoch über den Straßen Frankfurts, auf diesem Dach, das so wenig einladend wirkt und ganz sicher nicht gemacht ist, um Liebende zu empfangen, scheinen ihm alle Gesetze und Regeln, alle Annahmen darüber, was für Menschen richtig und falsch ist, nur noch so bedeutsam wie das entfernte Echo einer Welt, die längst vergessen hat, wie sich Wahrheit anfühlt.

Wenn sie es will, denkt er, dann will ich es auch, dann soll es so sein, und er beugt sich über sie, um ihren offenen Mund mit einem Kuss zu schließen. Sie streifen ihre Kleider ab, begierig, einander zu berühren. Er liebt sie, ganz sanft. Sie ist so jung, wirkt so zerbrechlich und unerfahren. Er will ihr nicht wehtun, bewegt sich vorsichtig, wartet ab, bis sie sich sicherer fühlt. Ihre Haut, ihr sanfter Mund, ihre Augen, die sich halb schließen und wieder öffnen, die weichen dunklen Haare, die Wärme ihres Körpers, er taucht ein und wieder auf, so oft und so tief, bis er vollkommen eins ist mit der Bewegung, dem Moment, in dem sich das Selbst dem fühlenden Körper hingibt. Sie spürt es, umklammert ihn mit ihren Armen und Beinen.

Er bleibt in ihr, bis sich sein schneller Atem beruhigt hat. Dann legt er sich neben sie und schaut ihr in die Augen. Es ist das erste Mal für sie, er weiß es. Und es ist gut, und es ist richtig, egal was war, egal was kommt. Wie heißt es doch? Gott fühlt mit den Liebenden, oder so ähnlich.

„Hey, alles in Ordnung?“ Seine Stimme klingt wie der Ruf aus einer Realität, von der er einen Augenblick zuvor noch geglaubt hatte, sie weit hinter sich gelassen zu haben. Sie lächelt verlegen, und er zieht sie näher zu sich heran, um sie zu wärmen. „Wie heißt du?“, flüstert er ihr ins Ohr.

„Marie“, sagt sie leise. „Und du?“

„Justus.“

Sie schaut ihn an und lächelt, streichelt mit den Fingerspitzen sein Gesicht.

„Justus, der Gerechte! Richtig?“

Er nickt und würde gern etwas Geistreiches erwidern, aber ihm fällt nichts ein. „Marie, wie wäre es, wenn wir umziehen würden?“

Sie hebt die Augenbrauen. „Umziehen? Wohin denn?“

„Ich weiß nicht, an einen behaglicheren Ort. Hier möchte ich jedenfalls nicht mehr bleiben. Und du?“

Marie schüttelt den Kopf.

Sie stehen auf und suchen ihre Kleider zusammen. Ein Gegenstand fällt aus seiner Hosentasche, und Marie hebt ihn auf.

„Das war in deiner Tasche!“, sagt sie und hält den verrosteten Nagel hoch.

Er nimmt ihr den offensichtlich nutzlosen Gegenstand aus der Hand und schaut ihn nachdenklich an, als hätte er einen lange verlorenen Schlüssel wiedergefunden.

„Ja, der gehört mir“, sagt er und steckt den Nagel wieder ein.

Marie schüttelt den Kopf und lächelt, offenbar unsicher, ob dies nun nur ein kleiner Scherz ist, oder ob der alte verbogene Nagel tatsächlich irgendeinen Wert besitzt, sodass es Sinn machte, ihn aufzubewahren. Sie wendet sich ab und schlüpft in ihre Kleidung, Unterwäsche, ein braunes Wollkleid, schwarze Strümpfe und Schuhe. Zum Schluss wickelt sie sich in den weißen, viel zu großen Mantel. Ihr Atem geht schnell. Sie fröstelt. Einen Moment hat es den Anschein, als wollte sie sich auf den Boden setzen, doch dann geht sie die paar Schritte zum Treppenhausausstieg und stützt sich an der Mauer ab.

„Geht es dir gut? Alles in Ordnung?“, fragt er.

Sie nickt. „Es ist … nichts. Ich bin okay. Mir ist nur kalt.“

Er knöpft sein Hemd zu und geht zum Rand des Daches hinüber, um hinunter auf die Straße zu blicken, die mittlerweile durch Straßenlaternen erhellt wird. Auf der gegenüberliegenden Seite scheint immer noch der alte Mann im Fenster zu stehen, unbeweglich und kaum sichtbar im Halbdunkel der nächtlichen Beleuchtung. Er fixiert das Fenster, versucht, in den dunklen Schatten die Konturen der Person auszumachen, und auf einmal ist ihm, als hätte sich der Alte bewegt und schaute ihm nun geradewegs in die Augen.

„Justus? Kommst du?“

Maries Stimme klingt ängstlich. Er dreht sich um und nickt ihr aufmunternd zu. Nein, er will nicht sterben, er will leben.

1. Mai 1982

Die jungen Birkenbäumchen rechts und links des Sarges waren mit weißen Bändern geschmückt, schlicht, aber dennoch dekorativ, und sie ließen seine Mutter mit ihren langen dunklen Haaren, der blassen weißen Haut und ihrem zierlichen Körper, den man mit einer cremefarbenen Spitzenbluse bekleidet und bis zur Hüfte mit einem weißen Laken zugedeckt hatte, sie ließen seine Mutter aussehen wie Schneewittchen, die im Wald in einem Sarg gelegen hatte. Schneewittchen über den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, Schneewittchen, die sterben musste, weil ihre böse Stiefmutter, eine Hexe, eifersüchtig gewesen war und sie mit einem Apfel vergiftet hatte. Aber sie war ja gar nicht tot gewesen. Sie hatte ja nur geschlafen, bis der Prinz gekommen war, um sie wach zu küssen. Seine Mutter hatte ihm die Geschichte vorgelesen.

Er spürte die Hand seines Großvaters auf seiner Schulter, die zitterte und nicht aufhören wollte zu zittern, und ihm war so übel, so unglaublich übel, dass er keine Traurigkeit empfinden konnte. Alle hatten geweint, nur er nicht. Ihm kam der Gedanke, dass er nun auch endlich weinen sollte, aber er konnte nicht. Ihm war einfach nur wahnsinnig übel. Und sein rechtes Knie brannte. Er fühlte, wie der Stoff seiner Hose an seiner Haut festgeklebte. Eigentlich wollte er in diesem Moment nur eins, sich endlich übergeben, aber das konnte er nicht, denn es gab ja kein Klo im Esszimmer, wo man seine Mutter am Morgen aufgebahrt hatte. Also unterdrückte er den Brechreiz, so gut es ging, was ihm jedoch zunehmend schwerfiel. Immer wieder tief ein- und ausatmen, das half ein bisschen.

Der Raum war abgedunkelt, wahrscheinlich, damit man die Kerzen besser sehen konnte, die zu beiden Seiten des Sarges brannten. Sechs stolze Soldaten, die die Stille bewachten. Sie standen auf schwarzen bodentiefen Ständern, waren schneeweiß und ein bisschen dicker als die schmalen Stämmchen der jungen Birken dahinter. Justus starrte in die Flammen. Sie bewegten sich, wenn die Tür geöffnet wurde und jemand eintrat oder den Raum wieder verließ.

Niemand hatte die Kerzen auf seiner Geburtstagstorte angezündet. Alle Geschenke waren noch eingepackt. Sie lagen im Wohnzimmer auf dem Tisch mit den goldenen Löwenbeinen. Zwei große standen daneben. Der Raum war mit Luftballons und Girlanden geschmückt, in Blau und Rot, seinen Lieblingsfarben. Mama hatte sie aufhängen lassen und geschimpft, weil sie fand, dass es nicht genug waren. Dann war sie in die Badewanne gegangen. Dann hatte sie Kopfweh bekommen. Dann hatte sie sich schön gemacht. Dann hatte sie sich hingelegt. Dann waren die Gäste gekommen. Dann hatte sie getanzt. Dann war sie wieder in die Badewanne gegangen. Dann war sie gestorben.

An der Lampe im Esszimmer hatten auch Ballons gehangen, mehr rote als blaue. Jemand hatte sie weggenommen. Jetzt lag Mama da, in einem Sarg. Und sah aus wie Schneewittchen. Genau so, wie sich jeder Schneewittchen vorstellen würde. Aber Papa war kein Prinz, er konnte Mama wohl nicht wachküssen. Und kein richtiger Prinz würde kommen und es tun, denn kein richtiger Prinz hätte Schneewittchen geküsst, wenn sie schon verheiratet gewesen wäre.

Der Großvater räusperte sich. Es klang viel zu laut. Er hatte ihm zu seinem Ehrentag eine Überraschung für den Nachmittag versprochen. Im vergangenen Jahr war es ein Kettenkarussell gewesen, das er für ihn und seine Gäste im Garten hatte aufbauen lassen. Es war sehr lustig gewesen. Karussellfahren machte schwindelig. Zwei Kinder hatten es nicht vertragen und sich übergeben. Dieses Jahr war die Überraschung ein Zauberer, der nun aber gar nicht zaubern konnte. Er saß bei der Köchin Inge in der Küche und aß und trank und jammerte.

Justus holte tief Luft. Immer wieder tief ein- und ausatmen, das machte es leichter. Ein bisschen. Die Tür ging auf, die Kerzen flackerten, und Tante Cordula kam herein.

„Ach, Papa“, sagte sie kaum hörbar.

Justus drehte sich nicht um, denn er glaubte zu wissen, dass er sich jetzt nicht umdrehen durfte. Genauso war es in der Kirche, wenn er vorn saß. Man durfte sich nicht umdrehen. Das war unanständig.

Tante Cordula schluchzte. Der Großvater zog seine Hand von Justus‘ Schulter und nahm seine weinende Tochter in den Arm. Er sah nicht, wie der Großvater es tat, aber er spürte es, ganz deutlich. Das Gewicht der Hand hatte schwer auf ihm gelastet. Nun, da sie weg war, fühlte er eine deutliche Erleichterung, die die Übelkeit ein wenig verringerte.

Der Zauberer hatte ihm von seinem Geburtstagskuchen zu essen gegeben. Es war ein Schokoladenkuchen mit einer Marzipandecke und Aprikosenmarmelade in der Mitte. Auf der Torte hatte sein Name gestanden − Justus in Rot und eine blaue Fünf darunter. Über dem Namen war eine gelbe Sonne gewesen mit blauen Augen und einem roten lachenden Mund und Strahlen, die über den ganzen Kuchen liefen. Am Rand hatten fünf Kerzen gesteckt. Die hätte jemand anzünden sollen, damit er sich etwas hätte wünschen können. Er hätte sich gewünscht, dass Mama wieder aufwacht. Wie Schneewittchen. Vielleicht hätte es nicht geklappt, aber er hätte es ausprobieren können. Doch niemand hatte die Kerzen angezündet, auch der Zauberer nicht.

Mit einem langen Messer hatte er Justus, die Fünf und die Sonne zerschnitten, den Kuchen in große Stücke eingeteilt, von denen er eins für „das arme Geburtstagskind“, wie er sagte, auf einen Teller gelegt und zu ihm herübergeschoben hatte, ohne Sahne draufzugeben, denn es gab keine Sahne an diesem Tag und auch keinen Kakao. Dann hatte er sich selbst ein großes Stück genommen. Und kurz danach noch eins. Justus hatte seinen Kuchen gegessen, ohne den Zauberer auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Er war ein großer blasser Mann mit langen schwarzen Haaren und fiesen Pickeln im Gesicht, sieben genau, zwei auf der Stirn, drei auf der rechten und einem auf der linken Wange und einem am Kinn, direkt neben dem tiefen Grübchen. Der Zauberer hatte die Kuchenstücke in sich hineingestopft, als hätte er ganz lange nichts zu essen bekommen. Sein Gesicht sah so käsig weiß aus, alles an ihm war farblos, bis auf die Pickel und den dunkelblauen Samtanzug, den er trug.

Der Gedanke, dass der Zauberer womöglich seinen ganzen Geburtstagskuchen allein aufessen würde, war ihm unerträglich gewesen. Er hätte etwas zaubern sollen, dann hätte er sich den Kuchen verdient. Aber so? Justus hatte ihm so viel Kuchen weggegessen, wie er schaffte, drei große Stücke, dann konnte er nicht mehr, weil ihm schlecht geworden war. Inge, die vor Mama immer Reißaus genommen hatte, hatte nichts von dem Kuchen haben wollen. Sie hatte nur geweint, die ganze Zeit, und ihre Augen waren ganz rot und geschwollen gewesen. Außerdem hatte sie ganz stark geschwitzt. Vielleicht weil sie schon alt war, oder es kam vom Weinen. Ihr Schweiß stank ganz widerlich. Sie war immer wieder zu ihm gekommen und hatte ihn fest an sich gedrückt. Das war unglaublich ekelhaft gewesen. Wenn er nur daran dachte, wurde der Brechreiz unerträglich.

Tante Cordula schluchzte wieder auf. „Papa“, sagte sie, „jetzt sind sie wieder da!“

„Ja“, antwortete der Großvater mit heiserer Stimme, „es muss wohl sein.“

Am Morgen waren Männer gekommen. Einer mit einem blauen Wagen und zwei Polizisten in einem Polizeiauto. Die Männer hatten sich mit dem Großvater gestritten. Er hatte nicht verstehen können, worum es ging, die Leute hatten am Hauseingang gestanden, und er war zu weit weg gewesen. Er hatte auf der Schaukel im Garten gestanden, weil er so ein bisschen besser sehen konnte, was vor dem Haus vor sich ging. Tante Cordula hatte ihn an diesem Morgen angezogen. Sie hatte ihn im Garten gefunden, ihn auf den Arm genommen, ins Haus getragen und ihm in die Kleider geholfen. Er hatte sich nicht selbst anziehen dürfen. Mama wollte immer, dass er es selbst tat, aber Tante Cordula erlaubte es nicht. Sie hatte ihn angezogen bis auf die Schuhe. „Da!“, hatte sie gesagt, „zieh die an, und dann geh zurück in den Garten, ich komm gleich nach.“

Ausgerechnet die schwarzen Schuhe hatte sie ihm gegeben. Wo sie doch Schnürsenkel hatten und er keine Schleife binden konnte. Dann waren die Männer gekommen, gerade als er rausgelaufen war, mit offenen Schuhen. Er war nicht stehen geblieben, sondern rüber zur Schaukel gerannt und hatte sich daraufgestellt. Dort durfte er sein, das wusste er, das war sein Ort im Garten, die Schaukel, sie gehörte ihm wie das Kinderzimmer, ganz sicher.

Der Großvater war herausgekommen. Die Männer hatten etwas gesagt, und der Großvater hatte gebrüllt, wie Justus es noch nie gehört hatte. Aber dann, ganz plötzlich, mitten im Satz, hatte er sich umgedreht und war ins Haus zurückgegangen. Der Mann und die beiden Polizisten waren ihm einfach gefolgt. Einen Augenblick später war Tante Cordula zu ihm in den Garten gekommen. Und dann hatte sie ihm gezeigt, wie man Schuhe band: so und so und dann so, immer wieder, so und so und dann so. Sie war zur Seite gegangen, und er hatte das Gleichgewicht verloren, war von der Schaukel gefallen und hatte sich sein rechtes Knie aufgeschlagen. Genau in diesem Moment war der große schwarze Wagen mit dem Sarg für Mama gekommen. Er war nicht aus Glas gewesen wie bei Schneewittchen.

Justus spürte die Hand des Großvaters, die erneut sanft seine Schulter drückte. „Komm, Justus“, sagte er. „Wir müssen die Mama jetzt gehen lassen.“

Tante Cordula weinte schrecklich laut. Der Großvater zog sie und Justus aus dem Raum. Vor der Tür standen Papa und zwei Männer in schwarzen Anzügen. Papa sah nicht zu ihm hinunter, um ihn zu begrüßen, sondern starrte nur auf die Tür des Esszimmers, die einen Spaltbreit offen stand. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass Justus ihn sah. Papa wirkte nicht, als hätte er geweint. Aber sein Gesicht war so, als wäre es eingefroren, ganz unbeweglich und grau. Er ging zu Mama hinein, und Justus wusste, dass er sie nicht wachküssen konnte. Seine Knie begannen zu zittern, und nun war die Übelkeit plötzlich so schlimm, dass er ganz dringend wo hinlaufen musste, um sich zu übergeben. Er ließ alle anderen stehen und rannte hinaus in den Garten. Seine Beine fühlten sich so merkwürdig an, als wollten sie einschlafen und nicht laufen.

Am Kirschbaum blieb er stehen. Dort hatte er am Morgen gepinkelt. Er glaubte, den Urin zu riechen, aber er roch nicht wie Pipi, sondern wie der Schweiß von Inge. Justus übergab sich. Er würgte den süßen braunen Geburtstagskuchen aus sich heraus, bis sein Magen leer war und er sich besser fühlte. Als er sich aufrichtete und wieder zum Haus zurücktrottete, bemerkte er den schwarzen großen Wagen, den er schon am Vormittag gesehen hatte. Die beiden schwarz gekleideten Männer kamen aus dem Haus. Sie trugen den Sarg, in dem Mama lag. Nun war ein Deckel drauf. Vielleicht war Mama aber auch gar nicht mehr in dem Sarg. Vielleicht wollten die Männer nur den Sarg zurückhaben und Mama war immer noch im Haus.

Papa kam heraus. Er schaute zu ihm herüber und nickte.

Justus' Herz brannte. Es tat ganz furchtbar weh. Und seine Beine wollten nicht mehr stehen. Sie knickten ein, und er fiel auf den Boden. Er weinte, weil er glaubte, nun nie mehr laufen zu können, und weil er es wusste.

Sie nahmen Mama mit. Und er würde sie nie mehr wiedersehen.

30. April 2012

„Wo sind wir?“, fragt Marie.

Sie hat sich bei ihm untergehakt und spaziert mit ihm durch die Straßen Frankfurts, wohl darauf vertrauend, dass er den Weg kennt.

„Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht so genau. Aber ich glaube, wir sind genau richtig!“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und küsst sie auf den Kopf.

Sie hatten das Dach verlassen und die Stahltür hinter sich abgeschlossen. Dann waren sie die Treppe hinuntergestiegen, hatten den Aufzug genommen und im dritten Stock angehalten. Dort hatte Justus Marie kurz allein gelassen, um seinen Mantel aus dem Büro zu holen. Auf dem Weg ins Foyer im Erdgeschoss, wo er den Schlüssel für das Dach wieder in die Schublade unter den Überwachungsmonitoren zurücklegte, dachte er daran, dass er Marie nicht hätte retten können, wenn er nicht selbst mit dem Gedanken gespielt hätte, sein Leben zu beenden. Und sie hatte ausgerechnet dieses Hochhaus ausgewählt, vielleicht das einzige weit und breit, dessen Tür zum Dach an diesem Abend nicht verschlossen gewesen war.

Unsere Begegnung, es ist, als wäre es Vorsehung, geht es ihm immer wieder durch den Kopf, während er versucht, in der Dunkelheit etwas Vertrautes zu entdecken, das ihm verraten würde, wo genau sie sich befanden.

War ihr Zusammentreffen tatsächlich vorherbestimmt oder war es doch nur ein glücklicher Zufall? Je bedeutungsvoller ein Ereignis für uns ist, überlegt er, desto eher sind wir geneigt zu glauben, dass es so kommen musste, weil es geplant war, von Gott, einer universellen Macht, oder einer höheren Bewusstseinsebene, von wem oder was auch immer. Ein schwerer Schicksalsschlag, eine unvorhersehbare glückliche Fügung, die das ganze Leben veränderte … Wie konnte man einfach hinnehmen, dass solche Dinge nur zufällig geschahen? An den Zufall zu glauben, das ist wie ein Eingeständnis der eigenen Bedeutungslosigkeit. Oder nicht? Die Gleichgültigkeit des Lebens gegenüber der ewigen Sinnsuche des Egos.

Aber Vorsehung? Ein vorherbestimmtes Schicksal, womöglich schon vor der Geburt festgelegt? Nein, an so etwas konnte er noch viel weniger glauben. Er ist weder religiös noch ist er Atheist. Was aber ist er dann, wo soll er sich einordnen? Eigentlich, denkt er und drückt Marie so fest an sich, dass sie fragend zu ihm aufschaut, eigentlich war ich im Grunde meines Herzens immer nur ein bekennender Zweifler, resistent gegen jede Form von Überzeugung.

Sie zeigt auf eine Bushaltestelle. „Da ist eine Bank. Können wir uns einen Moment setzen?“

„Ja, natürlich“, entgegnet er. Sie steuern auf den kleinen Glaspavillon zu, und sie sinkt erschöpft auf den Sitz aus blankem Edelstahl, gerade so, als hätten sie einen strammen Tagesmarsch hinter sich. Dabei hatte ihr Weg durch die Nacht vielleicht gerade mal zwanzig Minuten gedauert. „Was ist? Geht’s dir nicht gut, Marie? Soll ich ein Taxi rufen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Nein … Es ist nur … Ich hatte eine schwere Grippe. Ich bin wohl noch nicht drüber weg. Muss nur mal ein bisschen verschnaufen. Vielleicht können wir etwas langsamer gehen?“

„Können wir. Aber wenn es nicht mehr geht, ich kann auch ein Taxi rufen!“

Er betrachtet ihr Gesicht, die bläulichen Schatten unter ihren Augen und die blutleeren Lippen. Sie sieht wirklich nicht gesund aus, denkt er, viel zu blass. Doch vielleicht ist es auch nur das fahle Licht der Straßenlaternen, das alles ein wenig geisterhaft erscheinen lässt. Er überlegt, wo sie sein könnten. Diesen Stadtteil kannte er nur aus dem Auto. Oft fuhr er nicht einmal selbst, sondern ließ sich von einem Mitarbeiter irgendwohin bringen, um während der Fahrzeit noch schnell seine E-Mails beantworten zu können. Wahrscheinlich hatte er diesen Ort schon tausendmal passiert, ihn dabei jedoch nie bewusst wahrgenommen, ganz besonders nicht im Dunkeln.

Er schaut auf Marie, die ihren Rücken an die Glasscheibe lehnt und ihre Augen geschlossen hat. Warum ist sie auf das Hochhaus gestiegen, welcher Schmerz ist so groß, dass sie ihr Leben beenden wollte? Oder ist sie psychisch krank? Eine schwere Depression vielleicht. Medikamente und Therapien halfen nicht immer, er weiß es nur zu gut. Was würde er selbst sagen, wenn Marie ihn nach seinem Grund fragen würde? Was hatte ihn auf das Dach getrieben? Die Leere, diese vollkommene innere Leere, die jeden erdenklichen Lebenssinn sofort absorbierte und in sich auflöste. All diese vergeudeten Therapiestunden, in denen er über die Leere philosophiert und versucht hatte, ihr Wesen in Worte zu fassen, um sie endlich zu begreifen, um sich endlich von ihr befreien zu können.

Doch sosehr er sich auch bemüht hatte, es hatte ihm einfach nicht zu seiner Zufriedenheit gelingen wollen, und als er schließlich resigniert aufgegeben hatte, hatte Dr. Sein, sein Therapeut, all seine vergeblichen Versuche mit den lakonischen Worten resümiert: Nichts ist nichts und bleibt nichts. Das war so offensichtlich, beinahe hätte er darüber lachen können.

Nein, er wäre niemals gesprungen, wahrscheinlich weil ihm die tiefe Verzweiflung fehlte, die Menschen freiwillig in den Tod trieb. Zu so einer starken Empfindung war er nicht fähig. Seine Gefühle, Liebe, Mitleid, Freude, aber auch Traurigkeit oder Wut, sie waren ihm irgendwie abhandengekommen. Als gäbe es für ihn keinen Grund mehr zu fühlen, weil es doch zu nichts führte. Nichts. Leere. Tod. Bis Marie die Tür öffnete.

Er überlegt, ob er sich neben sie setzen soll, damit sie reden können. Wie in amerikanischen Filmen. Listen, we’ve got to talk! Ach nein, dies ist ja kein Film. Es ist die Realität, es gibt kein Drehbuch, keine Regieanweisung. Er beschließt, es sein zu lassen und damit zu warten, bis sie einander besser kennen. Irgendwann wird der richtige Zeitpunkt kommen.

Marie öffnet ihre Augen und atmet tief ein. Er ergreift ihre Hände und zieht sie zu sich hoch, nimmt sie in die Arme, um sie zu wärmen und ihr Halt zu geben. Eine Weile schauen sie sich ernst in die Augen, ohne ein Wort zu sprechen.

„Ich glaube, du hast mir das Leben gerettet!“, sagt er.

„Ich glaube, wir haben uns gegenseitig gerettet!“, sagt Marie.

Es klingt wie eine nüchterne Feststellung, eine Aussage, die auf einem Polizeirevier zu Protokoll gegeben wird. Wahrscheinlich ist ihr Zusammentreffen nichts weiter als die logische Folge der Verkettung von Ereignissen und Umständen, die sie beide nicht übersehen können. Doch ganz gleich, welche Logik zu ihrer Begegnung führte, es fühlt sich an wie ein Wunder.

Die schnurgerade Straße, auf der sie laufen, ist lang und einsam, keine Geschäfte, nur mehrstöckige weiß verputzte Wohnhäuser, die der Architektur nach zu schließen Anfang der Achtziger errichtet wurden. Die Parkplätze sind mit ordentlich angelegten Blumenrabatten voneinander abgetrennt. Am Straßenrand stehen im Wechsel junge Platanen und neonostalgische Straßenlaternen. Sie vermitteln das Bild heimeliger Wohnidylle, Markenzeichen für Lebensqualität und gehobenen Wohlstand.

Justus und Marie gehen weiter, ohne zurückzublicken. Arm in Arm wandern sie ziellos durch die saubere Straße, umtanzt von ihren eigenen Schatten, die ihnen im Licht der Laternenkette gleichermaßen folgen wie vorauseilen, bis ihnen plötzlich vollkommen unvermittelt ein kleines Mädchen aus dem Dunkel einer Seitengasse direkt vor die Füße läuft. Zunächst ist die Kleine erschrocken, dann aber fängt sie sich, tritt zwei Schritte zurück und lacht laut glucksend, sichtlich amüsiert über ihre eigene Tollpatschigkeit. Ihre Zähne zeigen eine starke Verfärbung, die zweifellos von der roten Zuckerlasur des Paradiesapfels herrührt, den sie in ihrer rechten Hand hält. Die Zähne, denkt er, wie in dieser Zahnpastawerbung aus den Achtzigern. Oder waren es die Neunziger? Das Mädchen hat dunkelbraune Locken, die ihm bis zu den Schultern reichen, und es trägt einen rosafarbenen langen Mantel mit aufwendiger Blumenstickerei. Eine kleine Prinzessin.

„Paulina, wo bist du? Komm schon, wir wollen fahren!“, ruft eine Frau.

„Hier, Mama“, antwortet das Mädchen, „hier bin ich doch!“

Ohne sich zu verabschieden läuft es zu einer schwarzen Limousine und steigt ein.

„Süße Kleine, nicht?“, sagt Marie, während sie langsam eine Haarsträhne um ihren rechten Zeigefinger wickelt. „Ich hatte früher auch solche Locken. Jetzt nicht mehr, jetzt sind meine Haare ganz glatt. Schade, eigentlich.“

„Kannst du dich an diese alte Zahnpastawerbung erinnern?“ fragt er, auf einmal ganz munter. „Der, in der die Frau sich die Zähne putzt und dann diese Pille zerkauen muss und in den Spiegel schaut und sagt: 'Ohhh! Alles rot!'“

Marie schüttelt den Kopf. „Nein, die kenn ich nicht.“

Er sieht auf ihren Finger, der sich ungeschickt zappelnd aus der verdrehten Haarsträhne befreit.

„Ist nicht so wichtig“, flüstert er.

Sie haben als Kinder wohl kaum die gleiche Werbung gesehen, dazu ist ihr Altersunterschied viel zu groß. Für einen Moment hatte er es vergessen.

„Da drüben scheint was los zu sein. Ein Jahrmarkt oder so was.“ Marie zeigt auf ein Fenster, in dem sich bunte Lichter spiegeln.

Sie fassen sich an den Händen und verlassen die helle Straße.

Fünf Jahre später, 16. November 1987

Er konnte nicht mehr schlucken, nicht mal seinen eigenen Speichel, und sein Hals brannte, als hätte er von Angelinas Tomatensoße speciale, gegessen, die sie nur ein einziges Mal zubereitet hatte, weil sie damit, wie der Großvater gesagt hatte, weil sie damit um ein Haar die ganze Familie umgebracht hätte, so scharf war sie gewesen.

Angelina hatte ihm eine kleine Metallschüssel gebracht, in die er nun alle paar Minuten hineinspuckte. Der Speichel zog lange Fäden, er war klebrig wie Tapetenkleister, und er hatte Mühe, seinen Kopf so weit hochzuhalten, dass er beim Spucken nicht ständig sein Kinn besabberte.

Es war acht Uhr morgens. Die Nacht war die Hölle gewesen, er hatte kaum ein Auge zugemacht. Angelina und Tante Cordula hatten abwechselnd bei ihm Wache gehalten und das Fieber kontrolliert, das gegen Mitternacht vierzig Grad erreicht hatte. Daraufhin wurde entschieden, ihm ein dickes Zäpfchen in den Po zu schieben, was er unter anderen Umständen wohl strikt verweigert hätte. Wegen der schrecklichen Schmerzen ließ er die unangenehme Prozedur jedoch kommentarlos über sich ergehen, als wäre er Gustav, der Rauhaardackel seines Großvaters. Der hasste nichts so sehr, wie gebadet zu werden. Sobald irgendwo das Rauschen von Wasser zu hören war, nahm er Reißaus. Hatte man ihn jedoch rechtzeitig geschnappt und in die Wanne gesetzt, erduldete er das Einseifen und Abbrausen widerstandslos wie ein braves Opferlamm, wobei er einen mit gesenktem Kopf und großen traurigen Augen ansah, als wollte er sagen: Da, schau mich an, du hast meinen Stolz gebrochen und mein Herz sowieso, aber wen interessiert das schon, ich bin ja nur ein kleiner Hund!

War es Tante Cordula gewesen, die ihm das Ding verpasst hatte, oder Angelina? Er konnte sich einfach nicht erinnern, aber er hoffte inständig, dass es seine Tante war.

Angelina … Sie hatte ungefähr ein Jahr zuvor ihre Stellung als Köchin angetreten, nachdem Inge in den wohlverdienten Ruhestand gegangen und zu ihrer Schwester nach Augsburg gezogen war. Nun wohnte sie in der kleinen Einliegerwohnung im Ostflügel des Gutshofes. Sie war so vollkommen anders als Inge, jung, schlank und sehr gut aussehend, eine rassige Italienerin. So hatte der Großvater sie genannt. Sie war Sizilianerin, hatte Temperament, und wenn sie lachte, zog sie ihre Nase kraus, was Justus besonders an ihr mochte. Auch die Gerichte, die sie zubereitete, schmeckten ganz anders als die von Inge, der grundsoliden Inge, die immer gesunde und deftige Hausmannskost zubereitet hatte, was sonst. Angelina koche italienisch und mit Pep, sagte der Großvater stets, wenn mal wieder ein Gericht serviert wurde, das er noch nicht kannte.

Warum hatte er sie eingestellt? Er liebte das Alte und Bewährte, hielt viel auf Traditionen, auf Anstand und Ordnung, alte deutsche Tugenden. Und dann diese Italienerin.

Je oller, je doller, hatte Tante Cordula bemerkt, nachdem ihr Angelina vorgestellt worden war. Was meinte sie nur damit? Etwa, dass der Großvater in Angelina verliebt war? Das war doch lächerlich! Angelina war vierundzwanzig und der Großvater schon irgendwas mit sechzig. Auch würde er nie wieder eine Frau so lieben, wie er Großmutter geliebt hatte, das sagte er immer wieder, wenn er ihr Ölgemälde betrachtete.

Justus drehte den Kopf, um aus dem Fenster zu sehen. Es war ein übler Novembertag, nass und neblig, wie man es von diesem Monat kaum anders erwarten konnte. In der Schule, er war in der ersten Klasse des Gymnasiums, in der Schule schrieben sie jetzt eine Mathearbeit. Er würde sie verpassen, würde nicht nach der Stunde seine Ergebnisse mit denen der anderen Schüler vergleichen, die darauf brannten, zu erfahren, was er rausbekommen hatte, weil er der Mathecrack war. Das war schon was, der Mathecrack zu sein. Er lächelte, und für einen kurzen Moment vergaß er das Brennen in seinem Hals.

Klack, klack, klack machte es im Treppenhaus. Das war Angelina, die stets Schuhe mit Absätzen trug, obwohl Tante Cordula sie schon oft genug ermahnt hatte, es sein zu lassen, weil es ungesund sei und laut zudem. Aber in diesem Haus zählte das Wort der Männer, und die weigerten sich, Angelina das Absatzklackern zu verbieten. Klack, klack, klack, die Schritte kamen näher, dazu die murmelnden Stimmen vom Großvater und von Dr. Severin, dem Hausarzt der Familie.