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Joe, ein professioneller VIP Fahrer, wird in einer regnerischen Aprilnacht während seiner Pause auf einer Tankstelle mitten im "Nirgendwo" von einer jungen Frau panisch angefleht sie mitfahren zu lassen. Eine "Bitte" die nicht nur ihr Leben, sondern auch Joes Leben, von einer Minute auf die Nächste Verändern soll.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2021
Lars Green
Justynas Tränen
Roman
© 2021 Lars Green
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-32222-6
Hardcover:
978-3-347-32223-3
e-Book:
978-3-347-32224-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dieses Buch ist nur ein Roman, eine Fiktion, eine Idee des Autors. Alle Personen, Geschehnisse sind reine Fantasien des Autors. Ähnliche Ereignisse mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig. Und werden hoffentlich niemals so auf der Welt passieren.
Kapitel 1
Es goss wie aus Kannen in dieser Nacht. Joe war froh seinen Fahrgast vor der Privatbank in Frankfurt abgesetzt zu haben. Er hatte diesen Kunden schon lange und langsam entwickelte sich aus der Geschäftsbeziehung eine Freundschaft.
Nun stand Joe mit seinem schwarzen glänzenden Audi RS6 an der Tankstelle nahe der Frankfurter Messe, Richtung Köln und versuchte seinen viel zu teuren Kaffee von besagter zu genießen. Er schmeckte zwar nicht, aber es war eine kurze Auszeit nach der Tour von München nach Frankfurt am Main gewesen. Währenddessen beobachtete er die vielen Regentropfen, die auf seine Motorhaube und Windschutzscheibe prasselten. Es war noch kein Sommer, jedoch waren die Temperaturen angenehmer als in den Wintermonaten, sie hatten sich tagsüber schon deutlich erholt, nur nachts war es zeitweise immer noch sehr kalt. Beim Beobachten der Regentropfen, die seinen Wagen zum Glitzern brachten, sah er auf seiner Tachoanzeige, dass er in kurzer Zeit schon tausend zweihundert fünfundachtzig Kilometer gefahren war. Joe schaute sich um, es schien als wäre er allein. Es fühlte sich so gruselig wie in einem, dieser Zombie Filme an. Der Regen war nun so stark, dass man ihn selbst in der Nacht sehen konnte, insbesondere da wo sich das Licht der Werbesäule des Mineralölkonzerns auf dem Asphalt spiegelte. Joe wurde aus seinen Gedanken gerissen, als plötzlich eine junge Frau, etwa Anfang zwanzig hektisch an seine Beifahrertür klopfte. Joe erschrak, er blickte in zwei Augen, die von Angst und Sorgen erfüllt waren. „Bitte, lassen sie mich einsteigen, bitte“, hörte er ihre verzweifelte Stimme flehen. Hat sich das mit den Zombies bewahrheitet, schoss es ihm durch den Kopf. Die junge Frau hatte gepflegte Kleidung an, die allerdings bis auf die Haut durchgeweicht war. Ihre schwarzen Haare klebten ihr, nass wie aus der Dusche kommend, im Gesicht. Joe hob die Hand und kontrollierte das Umfeld der Tankstelle, es war immer noch weit und breit niemand zu sehen. Er wollte nicht in eine Falle gelockt werden und seinen nagelneuen Audi verlieren. „Was möchtest du?“ fragte Joe mit dem Kaffeebecher in der Hand. „Ich bin kein Taxi.“ „Bitte, wenn sie fahren, nehmen sie mich mit“, hielt sie ihre Hände wie zu Gott bettend vor ihre Brust. Mit ihren kleinen Händen umklammerte sie ihre sehr teure Handtasche und einen noch teureren Rucksack. Panik und Angst, er könnte sie abweisen, standen ihr buchstäblich ins Gesicht geschrieben. „Gut, ich öffne den Kofferraum und du wirst, Tasche, Rucksack und deine nasse Jacke hinten hineinlegen. Sehe ich, dass du die Jacke noch anhast, fahre ich mit deinen Sachen los! Ohne dich, hast du mich verstanden?“, sagte Joe durch den Fensterschlitz der Beifahrertür zu ihr. Die junge Frau rannte an das Ende des Wagens, wo sich zeitgleich der Kofferraum des Sportkombis öffnete. Sie tat, was er verlangt hatte und legte ihre Sachen in den Kofferraum. Die Klappe schloss sich wieder. Durch den Seitenspiegel des Audis konnte Joe sehen, dass sie eine Jeans, ein sehr hochwertiges Oberteil und High Heels, die man wohl jetzt als Becher verwenden konnte, anhatte. In Windeseile stand sie wieder vor der Beifahrertür. „Bitte, ich habe alles getan, was sie wollten.“ Joe nickte und betätigte die Entriegelung der Türen. „Danke!“ Danke!“, flüsterte sie kaum hörbar und setzte sich zitternd auf den Beifahrersitz. Beinahe flehend schaute sie ihn an und bat darum, schnell loszufahren. Joe schaute die völlig aufgelöste Frau fragend an: „Wieso soll ich meinen super Kaffee jetzt wegwerfen?“ „Ich erkläre es ihnen, aber bitte…“ Joe sah, dass es in ihrem Gesicht nicht nur die Regentropfen waren, sondern auch Tränen, die ihr über die Wangen liefen. „Gut!“ Joe nickte und stellte seinen Becher in die Halterung: „Schnallen sie sich an!“
Er drückte den Startknopf und der Audi wurde beatmet. Alle Anzeigen standen auf go, Joe legte die Stufe D ein und prüfte abermals die Spiegel. Als der Audi die Tankstelle verließ, sah sich die junge Frau immer wieder nach hinten um. Sie wollte sich wohl vergewissern, dass sie keinen Verfolger hatten. Beide schwiegen die ersten fünf Kilometer, als sie plötzlich anfing zu weinen. Joe konnte bei dem Regen und der Geschwindigkeit nicht zu ihr rüber sehen, aber er konnte versuchen mit ihr zu reden, dachte er sich. „Es ist alles ok, nun sitzt du im Trockenen und die Sitzheizung wird dich schön aufwärmen.“ Joe machte etwas leichte Musik an, um die Atmosphäre im Auto zu lockern. „Darf ich fragen, wo sie hinfahren?“, erklang plötzlich eine sehr dünne Stimme an Joes Ohren. „Ich fahre bis Düsseldorf. Wohin musst du denn?“, fragte er neugierig. „Egal, nur schnell weg von hier.“ Joe nickte und beschleunigte seinen Wagen aufs Neue. Das Regenfeld hatte er durchfahren und die Fahrbahn war wieder trocken. Nach weiteren sechzig gefahrenen Kilometern schaute Joe das erste Mal richtig zu der Frau auf den Beifahrersitz, sie war eingeschlafen. Was habe ich mir da nur eingeladen, fragte er sich selbst. In seiner Laufbahn als Profifahrer hatte er schon viel erlebt und war gespannt, was ihn nun erwartete. Nicht immer war alles rechtens gewesen, aber nie vorschnell urteilen, das war sein Motto. Plötzlich schrie die junge Frau neben ihm auf: „Nein, nein, bitte nicht!“ Joe dachte er wäre zu schnell gefahren oder sonst etwas hätte sie erschreckt. Als er jedoch zu ihr hinübersah, war ihm klar, dass sie schlecht träumte. Joe legte seine rechte Hand auf ihre linke Schulter und versuchte sie durch seine zaghafte Berührung zu beruhigen. „Es ist alles ok, du bist in Sicherheit.“ „Nein!“, antwortete sie, „das bin ich nicht!“, und schaute Joe durch ihre verweinten und traurigen Augen an.
„Pass auf, ich bin Joe und wie heißt du?“ „Justyna“, antwortete sie. „Und das ist dein richtiger Name?“ „Ja, ich heiße Justyna Popow.“ „Gut, möchtest du mir sagen, wo ich dich, rauslassen soll und was passiert ist? Weißt du, ich habe ehrlich gesagt, heute keine Lust mehr nach Moskau zu fahren.“ Justyna fing an zu lachen: „Wie kommst du darauf, dass ich Russin bin?“, fragte sie neugierig. Joe gefiel das Lachen von ihr, denn es stand ihr besser als das Weinen und die Angst in ihrer Stimme. „Na ja, dein Name ist typisch Russisch und man hört es auch an deiner Aussprache.“ „Ist das ein Problem für dich?“, fragte sie ein wenig besorgt. „Nein wieso, sollte es ein Problem für mich sein?“ „Schon gut“, antwortete Justyna ihrem Fahrer.
Der Audi fuhr präzise wie eine Lenkwaffe über die Autobahn und hörte sich dazu auch fast so an, wobei Joe das Gaspedal noch nicht ein einziges Mal richtig durchgetreten hatte.
„OK. Kann dir die Polizei nicht besser helfen als ich? Oder brauchst du einen Arzt?“ Als Antwort erhielt Joe jedes Mal nur ein zaghaftes Kopfschütteln.
Die Aprilsonne übte ihren Aufgang, es schien ein schöner Tag zu werden. Wobei Joe erst mal nichts von ihm haben würde, denn er musste schlafen. „Soll ich dich zum Düsseldorfer Bahnhof fahren?“ Justyna schwieg zu seiner Frage und auch sonst erfolgte keine Reaktion von ihr. Auf der Königsallee parkte Joe seinen Audi gegenüber einer amerikanischen Kaffeehauskette. „Möchtest du einen Kaffee oder etwas zum Frühstück?“, schaute er sie fragend an. „Wo sind wir?“, fragte sie nach wie vor sehr nervös. „Das ist Düsseldorf, ich bin fast zu Hause.“ Justynas Blicke prüften die Umgebung. „Ja, bringe mir bitte einen Kaffee mit und etwas zu Essen, entscheide du was.“ „Gut, ich lasse dich einen Moment allein, fasse bitte nichts an.“ Joe stieg aus, ließ jedoch der jungen Frau die Musik laufen. „Du hast schöne Musik, so etwas habe ich noch nie gehört“, stellte sie bewundernd fest als Joe mit zwei Tüten in den Händen zurückkam und sich wieder neben ihr ins Auto setzte.
„Bitte, schau ob das nach deinem Geschmack ist.“, er hielt ihr einen Becher Kaffee und ein Sandwich hin. Joe sah sich die kleine Frau neben sich nun genauer an und stellte fest, dass er sie so nicht draußen rumlaufen lassen konnte. Ihre Haare waren wild durcheinander und hingen in teils noch feuchten Strähnen an ihrem Gesicht herunter. Die Schminke war durch den Regen und durch ihre Tränen verlaufen und verwischt. Alles in allem ergab ihr Gesamtbild eine Katastrophe. Auch rechnete Joe damit, dass ihre Jacke im Kofferraum noch nicht vollständig getrocknet war. Diese Gedanken kreisten in seinem Kopf, während sie, dass Sandwich in einer atemberaubenden Geschwindigkeit ass. „Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“ Wortlos zog sie ihre Schultern hoch. „Du weißt nicht, wann du das letzte Mal gegessen hast?“ „Nein, vielleicht vor zwei Tagen“, beantwortete sie knapp seine Frage. Joe reichte ihr von seinem Sandwich die andere Hälfte, stieg aus dem Wagen und begnügte sich mit einer Zigarette und seinem Kaffee. Er musste versuchen, die Ereignisse von letzter Nacht für sich zu ordnen und seinen Kopf wieder frei bekommen. Nach einigen Minuten ließ er sich die leeren Sandwichtüten und ihren Kaffeebecher geben. Warf alles in eine Mülltonne, stieg wieder zu ihr ins Auto und startete den Audi. „Wo bringst du mich jetzt hin?“, fragte sie ihn und schaute dabei sehr beunruhigt. „Erstmal nehme ich dich mit zu mir nach Hause. Dort wirst du mir dann in Ruhe meine Fragen beantworten. OK?“ Justyna nickte zustimmend. „Hier wohnst du?“ „Ja, ich wohne hier und ich möchte auch, dass es so bleibt.“ Das Tor zur Tiefgarage öffnete sich und Joe parkte seinen Wagen auf seinem Stellplatz. Er bediente den Knopf, mit dem sich der Kofferraum automatisch öffnete und deutete Justyna an, sich ihre Sachen aus dem Kofferraum zu nehmen.
In der Wohnung angekommen schlenderte Justyna durch die Räume als hätte sie sowas noch nie gesehen. „Hier ist es sehr schön!“, staunte sie mit großen Augen. „Danke! Du kannst deine Jacke im Bad aufhängen, damit sie dort trocknen kann, ohne alles voll zu tropfen.“ Joe zeigte ihr das Bad und begab sich in sein Schlafzimmer wo er in der hinteren Ecke des Schrankes nach ein paar Kleidungsstücken, die ihr passen könnten, suchte. Es war die Garderobe seiner Ex-Freundin, die dort in Vergessenheit geraten war. „Was hast du für eine Schuhgröße?“, rief Joe ins Wohnzimmer. „Sechs und dreißig“, rief sie zurück. „Hier ein T –Shirt, ein Paar Socken und eine alte Jogginghose, von, na ja einer Freundin.“ „Darf ich vielleicht eine heiße Dusche nehmen?“ Joe hob den Arm und zeigte in Richtung Badezimmer. Barfuß und wortlos stand sie auf und ging. Joe betrachtete sich ihre High Heels und musste feststellen, dass das Paar knappe tausend Euro kostete, diese Schuhe waren immer der Traum seiner Ex-Freundin gewesen.
In Joes Bademantel eingekuschelt setzte sie sich in die andere Ecke der Couch. Er hatte inzwischen etwas zu trinken auf den Glastisch gestellt. „Der steht dir gut“, lachte er, „aber du musst noch reinwachsen. So jetzt sehe ich auch mal dein Gesicht.“ Sie war eine echte Schönheit, dachte er sich, schwarze Haare, tief, blaue Augen, diesen typischen russischen Touch und dazu volle Lippen. Aber vielmehr als an ihrem Aussehen war er an ihrer Geschichte interessiert. „Geht‘s dir wieder gut?“, tastete sich Joe vorsichtig vor. „Justyna wie alt bist du?“ Ohne ihn anzuschauen nippte sie an ihrem Getränk und antwortete kaum hörbar, „zwanzig.“ Joe blickte vom Glastisch auf, zündete sich eine Zigarette an und entgegnete: „Das glaube ich dir nicht. Lass uns jetzt keine Spielchen spielen, ok!“ Dabei schaute Joe sie ernst an. „Ich bin fünfzehn“, antwortete sie noch leiser und errötete dabei leicht. Das Joe ihr die zwanzig Jahre nicht abkaufte war ihr unangenehm. Fuck, ich wusste es, dachte sich Joe, das sind die Dinge, die einen Staatsanwalt interessieren. Gut, beruhige dich, zwang er sich selbst.
„Verrate mir, wieso stehst du in der tiefsten Nacht bei strömendem Regen im nirgendwo an einer Tankstelle mit tausend Euro High Heels an den Füßen? Vom Preis deiner Tasche möchte ich erst gar nicht sprechen, und du bittest mich, einen wildfremden Mann, dich in sein Auto zu lassen. Bist du deinen Eltern weggelaufen?“ Justyna schüttelte ihren Kopf und ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. „Hat man dir wehgetan? Du kannst mit mir offen sprechen.“ Daraufhin stand sie von der Couch auf, schaute Joe in seine Augen und ließ seinen Bademantel auf den Teppich fallen. Was er in diesem Moment von Justyna geboten bekam schnürte ihm die Kehle zu und er hatte Mühe zu atmen. Nackt wie Gott sie schuf, drehte sie sich vor ihm langsam einmal herum. Joe sprang auf und zog ihr seinen Bademantel schnell wieder über. Justyna war am ganzen Körper grün und blau, sie hatte Narben von brennenden Zigaretten und ihr gesamter Rücken war von ausgeheilten Peitschenhieben gekennzeichnet. Auch waren ihre kleinen Brüste durch Narben von Gewalt gezeichnet. Ihr junger Schambereich bot Joe ein ähnliches Bild. Sich Joe, so zu zeigen, ließen Justyna, die Tränen in die Augen schießen. „So pass auf“, begann Joe seinen Satz als er halbwegs wieder die Fassung gefunden hatte, „das ist eine Sache für die Kriminalpolizei, Mädchen. Ich habe schon viel Scheiße gesehen und gehört, aber das ist zu viel.“ Das war, oh Mann… Joe suchte nach Worten für das, was er eben gesehen hatte. Auf einmal kam sie auf Joe zu und nahm ihn wortlos in ihre Arme. Joe bemerkte, dass sie leise weinte, eigentlich geräuschlos. Er wusste das Kinder die Gewalt in ihrer Kindheit erfahren haben, sich so verhalten damit sie nicht noch mehr auffallen, was ihm einen Schauer über seinen Rücken jagte. Jedoch es bleibt mir nur eine Möglichkeit, die Polizei, um diesen Schweinen, die ihr das angetan haben und womöglich noch anderen antun das Handwerk zu legen, überlegte Joe. „Pass auf, ich muss mit dir zur Polizei!“ Sie blickte zu Joe auf, immer noch umschlang sie ihn mit ihren zierlichen Armen, als würde sie sich an Joe festhalten wollen. „Justyna wo sind deine Sachen?“ Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sie sich von ihm und rannte in seinen Flur und kam mit Ihrer Handtasche und dem Rucksack zurück ins Wohnzimmer. „Hör zu, setz dich bitte hin, ich möchte deine Taschen jetzt durchsuchen.“ Wortlos setzte sich Justyna auf die Couch und beobachtete Joe, wie er anfing ihre Handtasche zu öffnen. Er schüttete sie aus, stand auf, ging zu seiner Bar und genehmigte sich einen doppelten Whisky bevor er anfing ihre Sachen genauer unter die Lupe zu nehmen. Parfum, Kaugummis, Zigaretten, Make-Up, Schminke und eine Menge Bargeld. Joe fing an zu zählen, bei eintausendachthundertfünfzig Euro war er fertig. Jedoch kein Ausweis oder andere Dokumente, welche ihm Informationen, über das Mädchen, dass ihm gegenüber saß hätten geben können. Verdammt dachte er sich, keine Spur. Er füllte sein Glas nach und öffnete ihren Rucksack. Justyna schaute ihm wortlos dabei zu. Ein Damenslip, ein BH, eine Zahnbürste und was war das? Joes Gedanken überschlugen sich. Er drehte den Rucksack auf den Kopf und eins, zwei, drei Päckchen fielen heraus, alle circa ein Kilogramm schwer. Es war wie im Krimi, das glaubt mir auch keiner, dachte er sich. „Weißt du was das ist?“, schaute Joe sie fragend an. „Ja, Kokain“, antwortete sie mit völlig ruhiger Stimme. Eine fünfzehnjährige weiß, dass sie drei Kilogramm Kokain in ihrem Rucksack hat. Was für eine traurige Welt, kam es Joe in den Sinn. „Justyna, woher ist das? Wer hat dich so misshandelt? Wer kauft dir solche teuren Klamotten?“, fragte er scharf nach. Joes Gedanken überschlugen sich. Mit jeder Frage, die er ihr stellte, fiel ihm eine neue ein. „Du bist denen entkommen, oder?“, Justyna nickte unmerklich mit ihrem Kopf. „Ok, pass auf, ich muss jetzt erst einmal schlafen, damit mein Kopf wieder funktioniert.“ Joe packte alle ihre Sachen bis auf die Wäsche und das Geld in seinen Tresor im Schlafzimmer. „Ich gehe jetzt ins Bad, musst du vorher auch noch mal dort rein?“ „Ja, nur noch mal kurz“, antwortete sie ihm. Als Joe wieder ins Wohnzimmer kam, suchte er seine neue Mitbewohnerin. „Justyna wo bist Du?“ „Ich bin hier antwortete sie.“ Joe hatte einen bösen Verdacht, der sich bewahrheitete. Justyna lag in seinem Bett, gut es war ein Doppelbett, aber seiner Vorstellung entsprach dies nicht. Andererseits konnte er sich nicht vorstellen, dass sie allein auf der Couch schlafen würde. Aber musste sie jetzt ausgerechnet in seinem Bett liegen? Er hörte noch leise Geräusche, während er darüber nachdachte. Es hörte sich an, als würde sie sich in die Decke kuscheln.
Joe wurde erst nachmittags wieder wach, er hatte das Gefühl den letzten Morgen geträumt zu haben. Als er seine Augen öffnete, blickten ihn zwei blaue Augen an, die sogar lächelten. „Konntest du schlafen?“, fragte Joe sie noch nicht wirklich wach. „Ja, konnte ich. Ich habe sogar sehr gut geschlafen. Ich habe den Kirchturm von weitem gehört und seit langer Zeit keine Angst gehabt.“, strahlte Justyna ihn an. Joe streichelte ihr über den Kopf, „Du musst nie wieder Angst haben, das verspreche ich dir.“ Er konnte förmlich spüren, wie sehr sie seine Nähe und das Gefühl von Geborgenheit brauchte. Joe war klar, dass Justyna diese Sicherheit bisher nie kennen gelernt hatte. Der Gedanke stimmte ihn traurig. Er strich ihr noch einmal über den Kopf und stand auf. Jetzt brauchte er erstmal einen Kaffee.
Joe kam mit zwei Tassen Kaffee ins Schlafzimmer zurück. „Wo hast du so gut Deutsch sprechen gelernt?“, versuchte er, sich so sachte wie möglich vor, zu tasten, um mehr über sie zu erfahren. „Meine Mutter sprach Deutsch und Russisch. Ihr war es wichtig, dass ich diese Sprache auch sprechen lerne. Ich glaube ich war etwa elf Jahre alt als ich nach Deutschland kam. Hier sprechen doch alle, Deutsch oder Englisch. Aber Englisch verstehe ich nicht.“ „Wo habt ihr denn als erstes gewohnt, nachdem ihr in Deutschland angekommen seid?“, legte Joe die nächste Frage nach. „Es war eine große Stadt am Wasser“, sagte sie sehr leise und unsicher. „Könnte es Hamburg gewesen sein?“, unterbrach er Justyna. „Ja, ich glaube es war Hamburg. Ich habe den Namen ein paar Mal gehört“, antwortete sie. „Und dort warst Du mit Deiner Mutter? Hast Du lange dort gelebt?“ „Nein, meine Mama war nur die ersten Tage bei mir, und wo war sie dann?“, fragte Joe wieder neugierig nach, denn mit jeder Antwort von ihr, kamen immer mehr neue Fragen bei ihm auf. „Sie war weg. Einfach weg, sie ist wieder zurück nach Moskau gefahren. Ich habe mit fünf anderen Mädchen zusammengelebt. Tagsüber waren wir allein, nur nachts waren wir immer mit den Männern unterwegs.“ Joes Stirn legte sich in Falten, nachdem er das gehört hatte. Er spürte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. „Die Männer fuhren euch immer zu den Freiern?“, fragte er nochmals nach, um sicher zu gehen, ob er sie auch richtig verstanden hatte.“ Nachdenklich blickte Justyna in ihre Tasse und nickte. „Justyna, noch eine Frage für heute dann lasse ich dich in Ruhe. Kannst du mir sagen, wer dir die ganzen Verletzungen, welche über deinen gesamten Körper verteilt sind, zugefügt hat?“ Um sie nicht noch weiter unnötig aufzuregen, sprach Joe sehr leise und schaute sie dabei mit einem sanften Blick an. „Die Männer, die uns gefahren haben und jene zu denen wir jeden Abend gebracht wurden, haben uns das angetan.“ Joe musste seine Augen schließen, um bei dem Gesagten nicht seine Beherrschung zu verlieren. Der Gedanke daran was man diesen jungen Mädchen alles angetan hatte, ließen in ihm einen unendlichen Hass aufsteigen. Ein Gefühl, das er bei sich selbst bisher nie kannte. Ihn überkam das Bedürfnis sich zu übergeben. „Joe ist alles ok bei dir?“, fragte Justyna ihn irritiert. „Ja Justyna, ja so weit ist alles bestens.“ Justyna legte sich vorsichtig zu Joe in den Arm, sie brauchte seine Nähe. Das war deutlich zu merken, aber er war weder ihre Mutter noch ihr Vater, die ihr das hätten geben können und müssen als sie die Chance dazu hatten. Verdammt ich bin ein Fremder für sie, der Fahrer aus der Nacht. Joe kämpfte mit sich selbst und seinen Emotionen. Währenddessen schmiegte sich Justyna noch tiefer in seine Arme, als wäre er ihr Rettungsanker. Diese Geste beruhigte ihn, da sie zeigte, dass sie noch fähig war, Vertrauen zu einem anderen Menschen aufzubauen.
Seine Gedanken überschlugen sich, er hatte ein minderjähriges misshandeltes Mädchen, fast zweitausend Euro und drei Kilogramm Kokain in seiner Wohnung. Das kann nur Ärger geben. Joe dachte wieder an die Polizei und fragte sich, ob es nicht ein Fehler gewesen war, diese nicht direkt einzuschalten. Das seine Entscheidung es nicht zu tun, Probleme nach sich ziehen würde war ihm mehr als bewusst. Jedoch war es ihm erstmal wichtig, dieses junge Mädchen mental aufzufangen und ihr das zu geben, was sie gerade so dringend brauchte und das ist Sicherheit und jemanden dem sie vertrauen kann. Sie in ihrer jetzigen Situation von Polizei, Behörde zu Behörde und Heim zu schleifen, hätte sie wahrscheinlich nach all dem Erlebten zusammenbrechen lassen. Die Vorstellung, dass ihre eigene Mutter sie mit elf Jahren an deutsche Männer verkaufte, schnürte ihm immer noch die Kehle zu. Justyna war eingeschlafen und Joe beobachtete nun dieses schlafende Bündel in seinen Armen. Sie war, wirklich bildschön und ihre Seele schien trotz all dem Erlebten immer noch so rein wie die eines kleinen Kindes. Joe spürte, wie er immer wütender und wütender wurde. In diesem Moment wusste er sehr deutlich, dass ihr sowohl die Polizei als auch das Jugendamt, nicht das hätten geben können, was sie jetzt so dringend benötigte. Aber das war nur die Ansicht eines Menschen und nicht die eines Ermittlers oder des Jugendamtes. Ich muss meinen Anwalt anrufen, das ist sicher, schoss es Joe durch den Kopf. Das Justyna tief und fest schlief, nutze Joe, um aus dem Schlafzimmer zu schleichen. Er musste sich dringend um seine Angelegenheiten im Büro kümmern. Es muss einige Zeit vergangen gewesen sein da es bereits dunkel war, als sie völlig verschlafen aus dem Schlafzimmer kam. „Hey, hast du ausgeschlafen?“ Justyna stand im Bademantel vor ihm und rieb sich ihre Augen, „Ja habe ich und ich habe sehr gut geschlafen.“ „Das freut mich, hast du Hunger?“, schaute Joe sie lächelnd an. „Ja, richtig großen Hunger sogar“, strahlte sie über das ganze Gesicht. „Möchtest du eine Pizza bestellen oder soll ich dir etwas kochen?“, fragte er, da ihm auch der Magen knurrte. „Du würdest für mich kochen?“, fragte Justyna und schaute ihn dabei ungläubig an. Joe musste lachen: „Ja natürlich würde ich das.“ „Auch mit richtig am Tisch sitzen und mit Kerzen und einem weißen Tisch?“ Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde immer breiter. „Du meinst eine Tischdecke?“, nickte Joe amüsiert. „Ja, ich weiß nicht, wie das auf Deutsch heißt. Ihr nennt das Weiße Tischdecke?“ „Ja, wir nennen das Weiße, Tischdecke. Pass auf Justyna, ich habe eine Idee. Du machst dich jetzt im Bad frisch und ich lasse deinen kleinen Traum wahr werden.“ Joe konnte sehen, wie ihr wieder ein Lächeln ins Gesicht gestiegen war. Aus irgend, einem ihm unbekannten Grund, war es ihm nach sehr kurzer Zeit sehr wichtig, ihr zu zeigen, dass es noch Menschen gab, die ihr nichts Böses wollten, sondern einfach nur nett waren wegen ihrer selbst willen. Sie war nicht nur ein Objekt. Sie war eine junge Frau, die es verdient hatte, dass man sie mit Respekt behandelte und dass man sein Wort hielt.
Kapitel 2
Justynas Augen glänzten, allein dafür hatte sich das Kochen schon gelohnt. „Ich habe für deinen schön gedeckten Tisch gar nicht die richtigen Sachen an“, flüsterte sie andächtig als sie bewundernd den gedeckten Tisch musterte. „Bitte, setze Dich“, bat er sie mit einer einladenden Geste. „Deine Anwesenheit und Freude darüber ist viel mehr wert als die perfekte Garderobe. Hast du schon einmal Wein getrunken?“, hielt er ein leeres Glas bereit. „Vielleicht, ich weiß es nicht“, antwortete sie nachdenklich. „Also vom Gesetz her darfst du es nicht, aber das lassen wir jetzt mal außen vor. Ein halbes Glas wird wohl zum Essen erlaubt sein.“, stellte Joe ihr ein halbvolles Glas Rotwein an ihren Platz. „Was ist das?“, zeigte sie neugierig auf eine Avocado. „Das ist eine Avocado, sie soll sehr gesund sein“, grinste Joe und stellte die Teller mit dem angerichteten Essen auf den Tisch. „Setz dich bitte“, bat er sie zum wiederholten Mal. Etwas unsicher nahm Justyna auf dem ihr zugewiesenen Stuhl Platz und schaute beeindruckt über den Tisch. Das Kerzenlicht brachte ihre wunderschönen blauen Augen zum Leuchten. „Ich möchte einen Toast auf dich aussprechen“, hob Joe sein Glas und suggerierte ihr, es ihm gleich zu tun. Etwas unbeholfen hielt sie ihm ihr Glas hin. Das Anstoßen erzeugte einen schönen Klang. Justyna probierte den Wein und stellte das Glas wieder vorsichtig auf den Tisch. „Ich kenne so etwas nur aus dem Fernsehen, für die Könige. Hast du das alles für mich gemacht?“, fragte sie leise. „Ja habe ich. Lass es dir bitte schmecken, Justyna.“ Nachdem sie den ersten Bissen von ihrer Gabel probiert hatte, zauberte ihr das Essen ein Lächeln ins Gesicht. „Das ist jetzt mein Lieblingsessen“, warf sie ein als sie die zweite Gabel in ihrem Mund verschwinden ließ. Joe lachte: „Danke, dann hoffe ich, dir werden meine anderen gekochten Gerichte auch schmecken.“ Mit vollem Mund nickte sie und grinste ihn an. „Justyna wir beide müssen heute noch etwas besprechen, ist das ok für dich?“ Fast unmerklich nickte sie Joe zu. Er legte seine Stirn in Falten und schaute sie ernst an: „Ich möchte, dass du keine Angst mehr hast. Es wird dir niemand mehr zu nahekommen.“ „Wirklich?“, fragte sie mit etwas belegter Stimme ungläubig nach. „Ja, das verspreche ich dir.“ Joe streckte ihr seine Hand entgegen, sie nahm sie und drückte sie fest. „Was arbeitest du eigentlich?“, fragte sie und blickte durch die Fensterscheibe über die Dächer von Düsseldorf. „Ich fahre meine Klienten, Auftraggeber dahin, wo sie hingefahren werden wollen. Das kann alles sein, von Termin zu Termin, zum Flughafen, manchmal sogar in den Urlaub. Je nach Auftrag fahre ich über viele hundert Kilometer und manchmal sogar noch mehr. Verstehst du das?“, fragte Joe. Sie nickte und man konnte sehen, dass ihre Körperspannung etwas nachließ und sie langsam immer mehr Vertrauen aufbaute. „Von wo kamst du, als wir uns an der Tankstelle begegnet sind? „Ich hatte den Auftrag, einen Geschäftsmann von München nach Frankfurt zu fahren. Als wir uns trafen, habe ich nur eine kurze Pause gemacht, um dann schnell nach Hause zu fahren. Wie lange hast du an der Tankstelle schon auf eine Gelegenheit gewartet?“, fragte Joe. „Ich glaube drei Stunden, ich hatte Angst mich zu zeigen, viele sahen alle so böse aus oder waren nicht allein.“ „Wie bist du zur Tankstelle gekommen, sie liegt ja nicht einfach in der Stadt.“ „Die haben dort gehalten. „Die?“, unterbrach Joe ihre Antwort. „Richtig, meine Handschellen waren nicht richtig am Boden fest und ich war allein, dann bin ich durch die Tür hinten raus.“ „Du hattest Handschellen an?“, fragte er ungläubig. Justyna zog den Bademantelärmel vom rechten Arm hoch und hielt ihn in das Licht. Joe nahm ihre Hand und fuhr mit seinen Fingern über die Narben. Sein Mund wurde trocken, er konnte es nicht glauben, dass man so etwas wirklich tun kann. Sein Hass diesen Menschen gegenüber steigerte sich von Mal zu mal. „Wie lange wart ihr denn im Wagen gefangen?“, fragte Joe nach, um sich eine bessere Übersicht über die genauen Geschehnisse zu verschaffen. „Vielleicht dreißig Minuten, aber genau weiß ich das nicht. Ich habe keine Uhr wie du sehen kannst.“, gab sie zur Antwort. Plötzlich stand sie auf und fing an den Tisch abzuräumen. Joe saß mit offenem Mund am Tisch und wusste nicht was er sagen sollte. „Darf ich noch?“, zeigte sie auf die Flasche Wein. „Nein, ich habe im Kühlschrank alkoholfreie Getränke. Schau mal dort nach.“, antwortete Joe. Nach einem kurzen Augenblick kam sie lächelnd mit einem Glas Orangensaft in der Hand aus der Küche zurück. Sie gibt ohne das ich nachfrage noch nichts von sich preis. Ich werde noch warten müssen, dachte er sich, während er sich eine Zigarette anzündete. „Komm lass uns mal sehen, was der Fernseher hergibt.“ Justyna setzte sich still neben ihn auf die Couch und fokussierte die vielen bunten Bilder, die ihr der Fernseher lieferte. „Was für Filme magst du denn?“, fragte Joe nach und öffnete eine Riesenbandbreite von Filmen auf dem Fernsehbildschirm. „Möchtest du etwas zum Lachen, oder etwas anderes?“ „Ich weiß nicht, ich kenne keine Filme.“, schaute sie Joe ein wenig traurig an. „Magst du Piraten?“, fragte Joe mit einem Lächeln nach. „Piraten?“, schaute Justyna fragend. „Was ist das?“ „Gut, ich zeige dir Piraten.“ Justynas Augen leuchteten während des gesamten Hollywood Abenteuers. Sie hatte so etwas noch nie gesehen, stellte Joe fest. Als der Film zu Ende war, hielt sie sich ihre Hände vor ihr Gesicht und lächelte mit offenem Mund: „Das war so schön.“ „Dann hatte ich wohl das richtige Gefühl dafür, möchtest du noch einen Film sehen?“ Ihre Augen wurden riesig und ein Lächeln breitete sich auf ihrem jungen Gesicht aus. „Ja, darf ich?“, fragte sie erwartungsvoll. Joe startete wortlos den zweiten Film. Wieder schaute sie wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Plötzlich rückte sie näher an Joe heran und legte ihren Kopf an seine Schulter. Nach weiteren fünf Sekunden schaute sie ihn mit ihren Augen ein wenig verunsichert fragend von der Seite an. Joe nickte, ohne ihren Blick zu erwidern und vernahm einen tiefen Atemzug als wäre eine riesige Last durch seine Zustimmung von ihr abgefallen. Nach einiger Zeit bemerkte Joe, dass sie tief und ruhig atmete und ihr kleiner Körper in sich zusammengesunken war. Der Blick zur Seite bestätigte Joes Vermutung, Justyna war eingeschlafen.
