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Im Kindergarten und später in der Schule sind Alina und der um ein Jahr jüngere Ronny unzertrennlich. Beide sind untröstlich, als seine Eltern mit ihm - er ist gerade 9 Jahre alt geworden – in eine andere Stadt ziehen. Zehn Jahre später begegnen sie sich zufällig bei einem Zwischenstopp Ronnys in Genua wieder und erneuern ihre Freundschaft. Um die Kosten für das Pflegeheim ihrer Mutter aufzubringen, hat Alina kurz vor dem Abitur die Schule verlassen und in einer Tabledance-Bar gearbeitet. Inzwischen ist sie mit einem sehr viel älteren vermögenden Stadtrat verheiratet, dessen Familie in Neapel Verbindung zur Camorra unterhält. Ronny dagegen hat die letzten zwei Jahre auf einem der Ausflugsboote in Marseille gejobbt und ist per Autostopp auf dem Weg nach Wien. Nach seiner Abreise vergehen erneut 20 Jahre, bis sie sich in Salzburg wieder begegnen.
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Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jürgen W. Roos
Kaffee mit Zimt und Holunderbeersuppe
Roman
© 2025 Jürgen W. Roos
Druck und Distribution im Auftrag des Autors/der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
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Cover
Titelblatt
Urheberrechte
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel - 20 Jahre später
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29, Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
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Urheberrechte
1. Kapitel
41. Kapitel
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1. Kapitel
Mit bedrückter Miene schaute Ronny durch das schmutzige Fenster des Lieferwagens auf das herrlich leuchtende Blau der Côte d’Azur. Das war also das vorläufige Ende seines Frankreichabenteuers. Es kam ihm so vor, als würde die Septembersonne das Meer zum Abschied besonders erstrahlen lassen. Vermutlich würde er das alles hier so bald nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er würde Marseille und die Menschen hier vermissen.
Alain, den er am frühen Morgen auf dem Fischmarkt am Vieux-Port, dem alten Marseiller Hafen angesprochen hatte, würde ihn bis nach Toulon mitnehmen. Lediglich in Cadière-d’Azur würden sie einen Zwischenstopp einlegen, um einen Teil seiner Kisten mit frischem Fisch auszuladen.
Da Ronny nur selten zur Unterhaltung beitrug, konnte sich sein Fahrer ohne Unterlass über die dauernden Nörgeleien seiner Schwiegermutter, den Ärger mit seinem Chef und sonstige Ärgernisse auslassen. Es reichte ihm aus, wenn sein Beifahrer gelegentlich sein Erstaunen beziehungsweise Mitgefühl mit einem kurzen „Oh je“ oder „das ist ja Wahnsinn“ zum Ausdruck brachte.
Das kleine Hafenstädtchen Cassis lag inzwischen hinter ihnen. In der Jugendherberge La Fontasse inmitten des Nationalparks Calanques mit seinem atemberaubenden Blick auf das Meer hatte er in der Vergangenheit oft übernachtet. Wohl ewig würden ihm die vielen lauen Sommerabende in Erinnerung bleiben. Lagerfeuerromantik bei Kerzenschein unter einem klaren Sternenhimmel und dazu oftmals die einschmeichelnde Gitarrenmusik von Gästen aus den verschiedensten Teilen der Welt.
Nie würde er vergessen, wie er vor gut zwei Jahren als fast 17-jähriger die Côte d’Azur, überhaupt das Mittelmeer zum ersten Mal gesehen hatte. Von Lyon aus, wo er für ein paar Tage in einem Fischzuchtbetrieb gearbeitet hatte, war er per Anhalter weiter in den Süden Frankreichs gefahren.
An dem Tag hatte er Glück und musste nicht lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten. Das erste Fahrzeug, das anhielt, war ein bejahrter Mercedes mit einem freundlichen älteren Pärchen, das nach Marseille fuhr.
Auf einem Hügel kurz vor der Stadt hatten sie angehalten. Dort hatte er zum ersten Mal das unglaubliche Blau der Côte d’Azur gesehen und war von der unglaublich schönen Landschaft begeistert. Seine enthusiastische Reaktion gefiel dem Paar.
Marseille schien auf ihn, den fast 17-jährigen Jungen aus dem Ruhrgebiet, gewartet zu haben. So zumindest kam es ihm vom ersten Tag an vor.
Die lebendige Atmosphäre der Stadt berauschte ihn geradezu. Besonders das geschäftige Treiben von Einheimischen und Touristen am „Vieux-Port“, dem alten Hafen, dazu die Meeresbrise, vermischt mit dem Geruch von gebratenen Fisch aus den Restaurants hatte es ihm angetan.
Ebenso begeisterte ihn die einzigartige Abendstimmung, die er gleich am ersten Abend erleben durfte. Sobald die Sonne über dem Meer unterging, tauchte sie den Hafen und die Silhouetten der Boote in ein warmes orangefarbenes Licht.
Ein paar Tage nach seiner Ankunft, ehe sein in Lyon verdientes Geld gänzlich zur Neige ging, gab ihm einer der Fischer den Tipp, den Kapitän der „Maxime“, eines der kleineren Ausflugsboote, wegen eines Jobs zu fragen. Im Hafen war allgemein bekannt, so erfuhr er später, dass er seinen Leuten so gut wie nichts bezahlte und schon deshalb oft jemanden für alle möglichen Hilfsarbeiten an Bord suchte.
Mit Etienne, dem „Capitaine“ und seiner Tochter Lina, die ihrem Vater gelegentlich zur Hand ging, war er recht gut ausgekommen. Vielleicht auch, weil er sich nie über die schlechte Bezahlung beschwerte. Die darauffolgenden Jahre hat er nicht dauernd, jedoch oft auf der „Maxime“ gearbeitet. Dann durfte er auch auf dem Schiff schlafen.
Seine Arbeit bestand hauptsächlich aus Reinigungsarbeiten, dem Ansprechen deutscher Touristen, um sie von den angebotenen Ausflügen zu überzeugen, sowie dem Verkauf von Eis und Kaltgetränken während der Touren.
Seine Landsleute waren oft überrascht, im Hafen von Marseille auf einen Jugendlichen aus ihrer Heimat zu treffen, der hier jobbte. Das Trinkgeld, das sie ihm zusteckten, war meist recht großzügig.
Die Stadt gefiel ihm auch dann noch, nachdem er die raue Seite des Lebens im Hafen kennengelernt hatte. Daran, dass man ihn, den Deutschen, oftmals mit dem abwertenden und beleidigenden Begriff „Boche“ bezeichnete, hatte er sich gewöhnt und stets so getan, als wüsste er nicht, was die Franzosen damit meinten.
Seine Thai-Box-Fähigkeiten hatten ihn schon ein paar Mal vor üblen, betrunkenen Typen bewahrt, die ihn einfach so zum Spaß und weil er Deutscher war, verprügeln wollten.
Äußerst brutal waren auch die Zuhälter, dort meist „Proxénètes“ genannt, die nicht zurückschreckten, mögliche Konkurrenten aus dem Weg zu schaffen und die für sie „anschaffenden“ Frauen in aller Öffentlichkeit zu „züchtigen“. Er hatte schnell begriffen, dass es für die eigene Gesundheit besser war, sich da nicht einzumischen.
Sein letzter Arbeitstag war für seinen Chef ein guter Tag mit vielen zahlenden Touristen gewesen. Alle drei Fahrten waren ausgebucht.
Wie an den meisten Tagen hatten sie zweimal die Tour, am wunderschönen Cap Croisette vorbei bis hin zum Nationalpark Calanque de Marseilleveyre mit seinen beeindrucken Felsbuchten aus Kalkstein gemacht. Wobei im Hintergrund meist die aufregende Skyline von Marseille zu sehen war.
Am Abend hatten sie dann zusätzlich für eine deutsche Bussreisegruppe einen Trip zur Insel Frioul und der kleinen Felseninsel Chateau d’if mit seinem berühmten Gefängnis gemacht und dabei den herrlichen Sonnenuntergang bewundert.
Auf seinen bisherigen Fahrten hatte Ronny die Führung durch den ehemaligen Kerker, in dem auch José Custodio Faria, bekannt aus dem Werk „Der Graf von Monte-Christo“ von Alexandre Dumas, inhaftiert gewesen sein soll, aus Neugier einmal mitgemacht. In seiner Zelle war noch heute das Loch zu sehen, welches er angeblich eigenhändig gegraben hatte, um von dort auszubrechen. In Wirklichkeit stammte es von einem anderen Gefangenen namens Abbé Faria.
Obwohl Ronny, abgesehen von kurzen Unterbrechungen, seit gut zwei Jahren Etienne auf seinen Ausflugsfahrten begleitete, konnte er sich immer erneut für das azurblaue Meer begeistern. Für ihn war es unvorstellbar, dass es irgendwo schöner wie an der Côte d’Azur sein konnte.
An diesem Abend war er dabei, das Schiff für den Ansturm der Touristen am kommenden Tag herzurichten, als Etienne nochmals an Bord zurückkehrte. Dazu ziemlich nüchtern. Für ihn zu dieser Uhrzeit ein eher seltener Zustand.
Er verschwand unter Deck und kehrte wenig später mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.
„Ich will, dass du von hier für immer verschwindest und nicht zurückkommst. Zumindest nicht in den nächsten Jahren. Ich habe dich und Lina heute Mittag gesehen.“
Ronny wusste gleich, worauf der Skipper hinauswollte. Wie schon öfter hatten seine Tochter und er beim Aufräumen des Schiffes mal wieder herumgealbert. Er mochte das stets lustige, etwas mollige Mädchen. Sie waren gleichaltrig und hatten sich vom ersten Tag an gut verstanden.
In den letzten Tagen hatte ihn Lina ein paar Mal eher scheu geküsst und sich absichtlich so gedreht, dass er unwillkürlich ihren Busen zu fassen bekam. Wenn er dann fester zupackte, hatte sie, aufgeregt gequietscht und sich dabei näher an ihn gedrückt. Über ein bisschen herumfummeln war es nie hinausgegangen. Ronny konnte sich in ungefähr ausmalen, was ihr Vater mit ihm anstellen würde, wenn er zu weit ging. Ihre Mutter war vor 5 Jahren gestorben und seitdem achtete er genau darauf, dass ihr kein Mann zu nahekam. Für ihn war das nie ein Problem gewesen.
An den Ausflugsfahrten nahmen immer wieder Touristinnen teil, mit den er sich für den Abend verabredete. Oft verbrachte er dann die Nacht bei ihnen im Hotel.
Seine sportliche, von der Sonne gebräunte Erscheinung, in Kombination mit den langen, hellblonden Haaren und seinen blauen Augen gefiel vielen der weiblichen Urlauber.
„Du musst ein für alle Mal von hier verschwinden“, begann Etienne erneut, nachdem er von Ronny keine Antwort bekommen hatte. „Meine kleine Lina ist dabei, sich in dich zu verlieben. Doch irgendwann in der Zukunft wirst du von hier fortgehen und dann bleibt sie mit gebrochenen Herzen zurück. Das will ich nicht. Wenn es so weit ist, soll sie sich einen netten Jungen hier aus der Stadt suchen. Vielleicht jemanden, der eines Tages, mit ihr zusammen, die „Maxime“ übernimmt.“
Wenig überrascht von der Ansage des Skippers hatte er zustimmend genickt. Auch wenn ihm sein augenblickliches Leben ausnehmend gut gefiel, war ein Job als Hilfsarbeiter in Marseille nicht das, was er sich für die Zukunft vorstellte.
Jetzt wurde er bald 20 und ihm war schon lange klar, dass es nicht auf Dauer so weitergehen konnte. Momentan lebte er sein persönliches Abenteuer. Worüber er vorher nur in Büchern gelesen und für sich erträumt hatte, konnte er selbst erleben. Auch wenn seine damit verbundenen früheren romantischen Vorstellungen sich längst der rauen, oft brutalen Wirklichkeit im Hafen von Marseille angepasst hatten.
In den vergangenen Wochen und Monaten hatte er gelegentlich über seine Zukunft nachgedacht und wie sie für ihn aussehen würde. Eine endgültige Entscheidung hatte er immer wieder hinausgeschoben. Am gestrigen Abend hatte Etienne sie ihm abgenommen.
Nach einer Pause hatte der Skipper erneut das Wort ergriffen: „Zudem suchen zwei Italiener einen blonden, jungen Mann. Dabei werden sie von einigen korsischen Zuhältern aus der Nordstadt unterstützt. Vermutlich hat ihnen jemand verraten, dass sie bei dem Überfall beobachtet wurden. Die wollen keinen Zeugen. Auch wenn du glücklicherweise auf mich gehört hast und der Polizei nichts von dem gesagt hast, was du gesehen hast.“
Erneut hatte Ronny lediglich genickt. Er hatte auf der „Maxime“ geschlafen und durch lautes Hilferufen wachgeworden. Es war nach drei Uhr nachts. In unmittelbarer Nähe zu den Ausflugsschiffen hielt sich um diese Zeit gewöhnlich niemand auf.
Obwohl es besser gewesen wäre, sich die Ohren zuzuhalten und weiterzuschlafen, war er vorsichtig von Bord geklettert und in Richtung der Schreie gelaufen.
Aus der Deckung eines dort abgestellten Fahrzeuges hatte er gesehen, wie zwei Typen, der Sprache nach Italiener, auf einen am Boden liegenden Mann brutal einschlugen.
Tags darauf wollte die Polizei wissen, ob ihm etwas aufgefallen war. Auf Anraten Etiennes hatte er es verneint. Von ihm erfuhr er später, dass das Opfer schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert wurde.
Bereits an seinen ersten Tagen in Marseille hatte er gelernt, dass es der eigenen Gesundheit zuträglicher war, wenn man sich aus jeglichen Gewalttaten heraushielt und der Polizei niemals etwas verriet. Mochte es einen selber auch noch so gegen den Strich gehen.
Dabei hätte er die Schläger recht gut beschreiben können. Beide hatten gelocktes schwarzes Haar, wulstige Lippen, Knollennase und waren kräftig gebaut. Der Kleinere hatte zudem ein schiefes Grinsen, fast so als wäre sein Kiefer mal gebrochen worden und nicht richtig verheilt. Das ihn passend zum vorherigen Geschehen besonders gemein und brutal erscheinen ließ. Damals hätte er nie gedacht, dass sie sich viele Jahre später in einem anderen Leben nochmals über den Weg laufen würden.
„Es ist schade, aber du hast wohl recht“, hatte er dem Skipper schließlich zugestimmt. „Früher oder später hat alles ein Ende. Deine Tochter ist ein tolles Mädchen. Du kannst stolz auf sie sein und ich will ihr nicht wehtun. Wenn du morgen kommst, werde ich nicht mehr hier sein.“
Nachdem Etienne verschwunden war, hatte er intensiv nachgedacht. Wohin sollte seine Reise jetzt gehen? Klar war ihm lediglich, dass es keinesfalls Deutschland sein würde.
Ihm fiel Wien ein. Vor einiger Zeit hatte er für paar Tage einem Werbefotografen bei der Arbeit geholfen. Mit einem Modedesigner und drei Models war der nach Marseille gekommen, um auf der „Maxime“ und in den Calanques Modeaufnahmen zu machen. In dieser Zeit hatte er alle möglichen Requisiten hinter ihnen hergeschleppt. Offenbar hatte er sich als Helfer recht geschickt angestellt.
„Ronny, wenn du mal nach Wien kommen solltest, ruf mich an. So einen wie dich kann ich immer gebrauchen“, hatte er gemeint und ihm seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Der Name Thomas Keller sagte ihm nichts. Erst später fand er heraus, dass es sich bei ihm um einen gefragten und in seiner Branche bekannten Modefotografen handelte. Vielleicht sollte er in Österreich sein Glück versuchen.
Zwar wusste er nicht, ob es der Fotograf mit seinem Angebot ernst gemeint hatte und er sich überhaupt an ihn erinnern würde. Doch nachdem er sonst kein bestimmtes Ziel hatte und noch nie in Wien war, konnte er der Stadt zumindest einen Besuch abstatten. Er würde sehen, was sich da ergab.
2. Kapitel
Am ersten Tag seiner Abreise aus Marseille war er nur bis Nizza gekommen und hatte dort in einer Jugendherberge übernachtet. Am zweiten Tag musste er dann ziemlich lange warten, bis sich ein Autofahrer erbarmte und ihn die rund 200 km bis Genua, der Hauptstadt Liguriens, mitnahm.
In Albaro, dem äußeren Anschein nach einem der vornehmeren Stadtteile, war die Fahrt am frühen Nachmittag für ihn erst einmal zu Ende. Jetzt stellte sich ihm die Frage, ob er weiterfahren oder hier in der Stadt übernachten sollte. Der Mann, mit dem er bis Genua gekommen war, hatte ihm das Manena-Hostel im Zentrum empfohlen.
Anderseits, so überlegte er, würde es in der Nacht nicht allzu kalt werden. Vielleicht fand er am Strand, unterhalb der befestigten Promenade, eine Schlafmöglichkeit. So würde er sich die Übernachtungskosten sparen.
Doch zuerst einmal knurrte ihn der Magen. Eindeutig ein Zeichen für Hunger.
Beim Nachdenken darüber, wo er in dieser noblen Gegend etwas Essbares auftreiben konnte, sah er drei Burschen und ein Mädchen, allesamt jünger wie er, direkt auf sich zukommen. Der teuren Kleidung nach zu urteilen, gehörten sie zu keiner der üblichen Jugendgangs, wie er sie von Marseille her kannte. Eher waren es eingebildete Schnösel reicher Eltern, die sich langweilten.
Schon aus einiger Entfernung riefen sie ihm irgendwas zu, dass er, mangels seiner italienischen Sprachkenntnisse, nicht verstand. Doch ihre Gesten waren eindeutig.
Mit seinen langen blonden Haaren und dem neben ihm liegenden Rucksack hielten sie ihn vermutlich für einen Obdachlosen, den sie vor den Augen ihrer Begleiterin ein bisschen aufmischen und letztlich davonjagen konnten.
Die wenigen Spaziergänger, die um diese Uhrzeit unterwegs waren, ahnten wohl, was sich da in Kürze vor ihren Augen abspielen würde. Bis auf eine junge blonde Frau, die im Schatten auf einem Mauervorsprung sitzend an ihrem Eis schleckte und dabei abwechselnd von ihm zu den drei Burschen und dem Mädchen schaute, gingen alle ein wenig rascher an ihnen vorbei.
Die vier kamen direkt auf ihn zu, blieben vor ihm stehen und riefen erneut etwas auf Italienisch. Ronnys spöttischer Blick schien besonders dem größten der drei Kerle nicht zu gefallen. Grob griff er nach dem Rucksack des vermeintlich harmlosen Mannes, um ihn an sich zu reißen. Es blieb bei dem Versuch.
Eher belustigt hielt Ronny ihn mit einem Fußtritt aus der Drehung heraus, im Thaiboxen auch Cross genannt, sowie einem darauffolgenden halbkreisförmigen Schlag, einem sogenannten Hook, vom Leib.
Ronny wusste, wie solche Abwehrbewegungen auf Zuschauende wirkte. Das und der laute Schmerzensschrei hielten die anderen davon ab, ihren Freund zu unterstützen. Vorsichtshalber tragen sie gleich einige Schritte zurück.
Was möglicherweise auch dem Polizeiwagen zu verdanken war, der wie aus dem Nichts auftauchte und mit eingeschaltetem Blaulicht unmittelbar neben ihnen am Straßenrand anhielt.
Ronny hörte, ohne es zu verstehen, wie die vier auf die Carabinieri einredeten und dabei immer wieder auf ihn deuteten.
„Pass“, sprach ihn einer der Uniformierten schließlich in herablassenden, strengen Ton an.
„Ronny Bergfeld aus Dresden“, las er aus dem Reisepass vor und stellte gleich darauf einige Fragen, die bei diesem nur Kopfschütteln hervorriefen.
„Do you speak English?“, wollte Ronny stattdessen von ihm wissen.
Beide Carabinieri schüttelten den Kopf und beratschlagten, wie sie weiter vorgehen sollten.
Die Frau auf dem Mauervorsprung hatte mitbekommen, dass es offenbar Probleme mit der Verständigung gab.
„Signore?“
Ungehalten über die Störung schauten sie zu ihr, um sich unmittelbar darauf in Habachtstellung voller Respekt vor ihr aufzubauen.
Ronny konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es kam ihm so vor, als würden die Carabinieri vor ihrem Chef Männchen machen. Vielleicht die Tochter eines reichen und einflussreichen Geschäftsmannes, dachte er bei sich.
Ohne die Polizisten vorerst weiter zu beachten, stellte sich die Frau vor ihn hin und musterte ihn intensiv und neugierig. „Bist du Ronny Bergfeld und hast bis zu deinem zehnten Lebensjahr in Lockwitz bei Dresden gelebt?“, wollte sie ein bisschen verwundert von ihm wissen.
Verblüfft schaute er sie genauer an. Er sah in ein Gesicht mit funkelnden, blauen Augen sowie feinen Gesichtszügen, die ihr eine natürliche, mädchenhafte Eleganz verliehen. Schätzungsweise war sie etwa 20 Jahre, also ungefähr so alt wie er selber. Die blonden Haare, die in sanften Wellen über ihre Schulter fielen, schimmerten im Licht der Sonne. Die langen, sonnengebräunten Beine wurden nur wenig von einem kurzen Sommerkleid bedeckt, betonte jedoch gleichzeitig ihre umwerfende Figur. Ronny war sich sicher, ihr nie zuvor begegnet zu sein. An eine hübsche Frau mit dieser Ausstrahlung hätte er sich erinnert.
Doch wieso konnte diese ihm völlig fremde Frau wissen, wo er die ersten 10 Jahre seines Lebens aufgewachsen war?
„Wie kommen sie auf Lockwitz? Das steht nicht in meinem Pass“, wollte er von ihr wissen.
Ihr darauffolgendes, fröhliches Grinsen erinnerte in an eine langzurückliegende Zeit. Der Gesichtsausdruck kam ihm bekannt vor. Ganz langsam dämmerte ihn, wer die vor ihm stehende Frau womöglich sein konnte.
„Alina?“ Ungläubig schaute er sie an, um sie schließlich zu umarmen und herzhaft auf den Mund zu küssen.
„Na endlich. Brauchst du immer so lange, bis bei dir der Groschen fällt?“, fragte sie ihn mit deutlich sächsischem Dialekt.
Gleich darauf wandte sie sich in fließendem Italienisch an die Carabinieri, ihnen ausführlich etwas erklärte und zwischendurch immer wieder auf ihn zeigte.
Verwundert sah er, wie die Uniformierten zu lächeln begannen und einer der beiden ihm sogar freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
Unmittelbar darauf deutete sie heftig schimpfend mehrmals auf die drei Burschen und das Mädchen, die daraufhin sichtlich zusammenschrumpften.
Mit einer entschuldigenden Verbeugung und einer Frage gaben sie ihm seinen Pass zurück.
„Der Carabiniere will wissen, ob du gegen den Kerl, der dich angegriffen hat, Anzeige erstatten möchtest. In dem Fall müssten wir mit ihm zur Questura kommen. Sie und ich hoffen sehr, dass du darauf nicht bestehst?“
Zufrieden hörten sich die Polizisten sein dreimaliges „No, No, No“ an.
Wenig später stand er Alina allein gegenüber. Mit einem verwunderten Kopfschütteln schaute Ronny sie an: „Wer hätte damals gedacht, das aus meiner Freundin aus Kindertagen einmal eine so wunderschöne Frau wird. Erst dein Grinsen ist mir bekannt vorgekommen. Ohne das wäre ich nie auf dich gekommen. Was hast du den Polizisten erklärt und weshalb zeigten sie so viel Respekt vor dir?“
„Letzteres galt eher der Position meines Mannes. Er gehört zum Stadtrat von Genua. Mindestens einmal in der Woche sind unsere Fotos in den örtlichen Zeitungen. Hier kennt mich praktisch jeder. Was nicht immer sehr angenehm ist. Außerdem habe ich ihnen erklärt, dass du der Sohn meiner Tante, also ein Cousin bist, wir uns seit über 10 Jahren nicht gesehen haben und ausgerechnet hier zufällig wiedergetroffen haben.“
Sie konnte noch genauso provozierend blinzeln wie schon als Kind: „Schließlich musste ich vermeiden, das alsbald überall in Genua herumerzählt wird, dass mich ein fremder, junger Mann geküsst hat und ich es zugelassen habe. Bei einem Cousin, den man lange nicht gesehen hat, ist es was Anderes. Die Familie steht über allem. Doch weshalb bist du hier?“
„Du erinnerst dich nicht? Damals, als meine Eltern von Dresden wegzogen, hast du mir eine russische Münze gegeben. Ich musste versprechen, sie dir bei unserem ersten Wiedersehen zurückzugeben. Ich dachte mir, dass das jetzt der richtige Augenblick ist.“
„Lügner, deshalb bis du bestimmt nicht hier?“
Mit einem aufgesetzt enttäuschten Blick schaute er sie an: „Du glaubst mir nicht?“
Er zog einen Brustbeutel, der mit einer Schnur um seinen Hals hing, unter dem T-Shirt hervor. Nach einigen Suchen fand er tatsächlich die Münze und gab sie ihr.
„Versprochen ist versprochen …“
„…und wird nicht gebrochen,“ ergänzte sie das angefangene Zitat aus ihrer Kindheit, worauf beide lachen mussten.
„Hast du Zeit? Ich möchte wissen, wie es dir in den vergangenen Jahren ergangen ist. Und natürlich interessiert es mich, weshalb du wirklich nach Genua gekommen bist.“
3. Kapitel
Zufall oder Vorbestimmung? Wie so oft, wenn sich ihr Mann auf Geschäftsreise befand, hatte sie sich mit einer Freundin und deren zwei Kindern am Strand in Albaro, einem Vorort von Genua getroffen. Bis dahin waren es mit dem Auto von ihrer Wohnung aus nur wenige Minuten.
Nicht einmal im Traum wäre ihr der Gedanke gekommen, ausgerechnet an diesem Tag auf Ronny, ihren einzigen Freund aus Kindheitstagen zu treffen.
Bereits wieder auf dem Rückweg zu ihrem Auto hatte sie sich wie meist ein Eis gekauft und dabei drei junge Burschen in Begleitung eines Mädchens gesehen, die augenscheinlich Streit mit einem etwa gleichaltrigen, langhaarigen, blonden Mann suchten. Seine von der Sonne gebleichten, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen hellblonden, langen Haare und der dunklen Haut nach schien er sich die meiste Zeit im Freien aufzuhalten. Womöglich einer der zahlreichen jungen Leute, die den Sommer ohne viel Geld am Mittelmeer verbrachten.
Amüsiert hatte sie zugesehen, wie er einen von ihnen mit einem kurzen Tritt sowie einen Schlag in die Seite zu Boden schickte. Dem lauten Schmerzensschrei nach zu urteilen, musste er dem Angreifer ziemlich weh getan haben.
Die zwei Carabinieri, die in ihrem weiß-blauen Polizeifahrzeug unmittelbar darauf auftauchten, schienen sich von Anfang an nur auf den Mann mit dem Rucksack zu konzentrieren. Vermutlich weil er, im Gegensatz zu seinen drei Kontrahenten, schon von der Kleidung her, nicht in diese Gegend passte.
Neugierig war sie näher herangegangen und hörte, wie einer der Polizisten ihn nach dem Grund für seinen Aufenthalt hier fragte. Nachdem er daraufhin nur ein verständnisloses Schulterzucken erntete, verlangte er energisch dessen Pass, den er an seinen Kollegen weiterreichte.
Sie hörte, wie der langsam den Namen Ronny Bergfeld, geboren in Dresden laut vorlas und den langhaarigen Kerl missmutig anschaute.
Insgeheim musste sie grinsen, wie respektvoll und zuvorkommend die Polizisten ihr gegenüber waren, nachdem sie sie erkannt hatten. In Genua kannte sie fast jeder. Nicht nur, weil sie die Ehefrau eines Stadtrates war. Zusätzlich hatte der große Altersunterschied zwischen ihr und Domenico bei der Heirat für einigen Gesprächsstoff gesorgt. Darüber, dass der langhaarige junge Kerl sie in aller Öffentlichkeit in den Arm genommen und auf den Mund geküsst hatte, würde bald viele Leute reden.
Die Nennung des Namens, dazu der Geburtsort Dresden, hatte sie wie ein Blitzstrahl getroffen. Wie war es möglich, dass es sich bei dem braungebrannten, gutaussehenden Typen mit blauen Augen und den langen, blonden Haaren um ihren Freund aus Kindertagen handelte? Der vor 10 Jahren als schmächtiger Junge mit seinen Eltern von Dresden ins Ruhrgebiet gezogen war und von dem sie seitdem nie mehr etwas gehört hatte. Sie war ein Jahr älter, also musste er jetzt 19 sein. Damals um einiges kleiner als sie überragte er sie inzwischen um Haupteslänge.
Welch ein Zufall, ihn hier in ihrer neuen Heimat wiederzutreffen. So richtig glauben konnte sie es immer noch nicht.
Sie erzählte den Carabinieri, was sie beobachtet hatte. Nachdem Ronny auf eine Anzeige verzichtete, wurden die jungen Leute lediglich mündlich verwarnt und durften gehen. Mit einer respektvollen Verbeugung hatten sie sich die Polizisten abschließend von ihr und ihrem angeblichen „Cousin“ verabschiedet.
Sie merkte, wie Ronny sie von der Seite ansah. „Ich bin total geplättet“, meinte er schließlich, als sie zusammen die Promenade entlangspazierten. „Es ist wie ein Wunder.“
Sie lachte: „Mir geht’s da genauso. Dich ausgerechnet in Genua wiedersehen, hätte ich nie gedacht.“
Sie hielt die Münze hoch, die er all die Jahre aufbewahrt und jetzt zurückgegeben hatte: „Und das du daran noch gedacht hast.“
Ronny und Alina. Vom Aussehen her hätten sie Geschwister sein können. Beide waren blond und hatten die gleichen, leuchtenden blauen Augen. Er war 10 Jahre alt, als seine Eltern mit ihm von Dresden ins Ruhrgebiet zogen.
Bis zu seinem 10. und ihrem 11. Lebensjahr waren sie unzertrennlich. Sie wohnten nur wenige Häuser auseinander und Ronny hatte sich, wenn seine Eltern arbeiten mussten, bei Alina und ihrer Mutter wie zuhause gefühlt.
Nachdem die anderen Kinder, bereits im Kindergarten und später in der Schule, ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg gingen, hatten sie eisern zusammengehalten.
Besonders ihre Mutter hatten mehrfach versucht, ihnen den Grund dafür zu erklären. Verstanden hatten sie es damals trotzdem nicht.
Alina war die Tochter eines russischen Offiziers, indem ihre Mutter einmal sehr verliebt gewesen war. Solche Verhältnisse zwischen Militärangehörigen der Sowjetarmee und Deutschen waren eigentlich verboten, wurde aber von den Vorgesetzten meist toleriert. Als sie erfuhren, dass seine Geliebte von ihm ein Kind erwartete, wurde er innerhalb weniger Tage in die Heimat zurückversetzt.
Seitdem hatte er sich nie mehr bei ihnen gemeldet. Geblieben war Alina der Begriff „Tochter einer Russenschlampe“.
Ronnys Vater dagegen hatte zu DDR-Zeiten als politischer Häftling etliche Jahre in Bautzen im Gefängnis gesessen. Das „weshalb“ interessierte später niemand mehr. Für die anderen Kinder und vermutlich deren Eltern blieb er der Sohn eines „Knastis“.
Obwohl Alina ein Jahr älter war wie er, wurden sie im gleichen Jahr eingeschult, kamen zu ihrem Leidwesen jedoch in verschiedene Schulklassen.
Wenn es ihr Stundenplan erlaubte, gingen sie den Schulweg gemeinsam und trafen sich in den Pausen auf dem Schulhof. So, als wollten sie allen sagen: „Seht, wir brauchen euch nicht.“
Die silberne Münze, die sie einst Ronny gegeben hatte, war das Einzige, was sie je von ihrem Vater besessen hatte.
Er blieb abrupt stehen, als sie ihm vorwurfsvoll fragte: „Warum hast du mir nie geschrieben. Ich und Mutter hätten uns über eine Nachricht von euch gefreut. Jeden Tag nach eurer Abreise bin ich zum Briefkasten gelaufen. Immer in der Hoffnung, dass in der Post ein Brief von dir dabei ist. Du hattest es versprochen.“
„Ich habe dir viele Briefe geschrieben und oft an dich denken müssen. Erst etliche Monate später, nachdem von dir keine Antwort kam, habe ich damit aufgehört.“
Abwägend schüttelte sie den Kopf: „Das ist eigenartig. Bei uns ist nie etwas angekommen. Ein Brief hätte ja mal verloren gehen können, aber gleich mehrere? Ich selber hatte ja keine Postadresse von dir.“
Nachdenklich kratze Ronny mit den Füßen im Sand vor der Bank.
„Nachdem du mir nicht geantwortet hast, hatte ich einige Male den Verdacht, dass Mutter meine Briefe gar nicht in den Briefkasten geworfen, sondern einfach verschwinden lassen hat. Womöglich hat sie sie verbrannt.“
„Wieso sollte sie das tun?“
„Weil sie in Dresden ebenso im Abseits stand, wie wir. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass uns, außer deiner Mutter, noch jemand besucht hat. Einmal, da war ich schon 13 oder 14 Jahre alt, sagte sie zu meinem Vater, dass sie der Zeit in Dresden keinen Moment nachtrauere. Vielleicht wollte sie deshalb nicht, dass wir beide uns weiterhin schreiben.“
„Und dein Vater?“
„Vermutlich war er der gleichen Meinung. Ihm ging es ja auch nicht besser.“
Wie früher schubste sie ihn leicht von der Seite an. „Und dann hast du die Erinnerung an mich in eine Schublade gesteckt und schnell vergessen?“
„Sicherlich nicht. Besonders die ersten Monate waren schlimm. Im Ruhrgebiet fühlte ich mich wie jemand aus einer anderen Welt. In der Schule haben sich viele über meinen sächsischen Dialekt lustig gemacht. Und danach gab es niemanden, mit dem ich einfach nur sprechen konnte. In den folgenden Jahren habe ich immer wieder an dich denken müssen und mir die Frage gestellt, wie es dir geht. Zu der Zeit ist mir wohl klargeworden, dass dieser schöne Teil meiner Kindheit nie mehr zurückkommen wird.“
Alina nickte. Sie war froh über seine ehrliche Antwort. Jetzt wusste sie, dass er sie genauso vermisst hatte wie sie ihn, als plötzlich die eine Hälfte von ihnen nicht mehr da war.
„Lass uns irgendwo hingehen, wo wir gemütlicher sitzen können und etwas zu trinken bekommen. Wie lange hast du Zeit und weißt du schon, wo du übernachten wirst? Wie bist du überhaupt nach Genua gekommen?“
Er lachte und legte ihr kurz den Arm um die Schulter: „Genaugenommen bin ich momentan ein wohnsitzloser Herumtreiber und per Autostopp auf dem Weg in Richtung Wien. Der freundliche ältere Herr, mit dem ich nach Genua gekommen bin, hat mir zum Übernachten das Manena-Hostel empfohlen. Es soll sich irgendwo im Zentrum befinden. Allerdings habe vorhin, bevor die drei Burschen und das Mädchen auftauchten, darüber nachgedacht, mir alternativ einen ruhigen Schlafplatz am Strand zu suchen.“
Entgeistert sah sie ihn an: „Das stimmt jetzt aber nicht wirklich?“
„Doch, dein alter Freund ist momentan ein Vagabund. Nach der Schule und einer abgebrochenen Lehre hat mich nichts mehr bei meinen Eltern gehalten. Ich wollte dort nur noch weg und endlich einmal das Mittelmeer sehen. Davon hatte ich seit Ewigkeiten geträumt. Doch das ist eine längere Geschichte. Jetzt lass uns einen Ort suchen, wo wir etwas zu trinken und essen bekommen. Außer einem kargen Frühstück am frühen Morgen hat mein Magen heute noch nichts Essbares gesehen.“
„Du Ärmster. Ich habe da gerade eine ausgezeichnete Idee. Wir fahren zu mir. Ich mache dir etwas zum Essen und wenn du möchtest, kannst du bei uns übernachten. Platz ist genügend vorhanden. Komm, mein Auto steht nicht weit von hier auf einem Parkplatz.“
4. Kapitel
Anfangs war Ronny von dem Vorschlag, bei Alina zu übernachten, nicht sehr angetan. Wie würde ihr Mann reagieren?
Auf seine diesbezügliche Frage hatte sie lediglich gelacht: „Ganz bestimmt hat er nichts dagegen. Erstens ist Domenico momentan auf Geschäftsreise. Zudem werde ich dich nicht in unserer Wohnung, sondern in einem separaten Apartment unmittelbar daneben einquartieren. Dort übernachtet ansonsten gelegentlich sein Chauffeur. Und warum sollte mein Mann etwas gegen einen Freund aus Kindheitstagen haben. Familie und Freundschaften kommen in Italien immer an erster Stelle.“
Ihr Auto war ein sportlicher, roter Alfa. Zumindest schien es ihr finanziell nicht schlecht zu gehen. Als sie in die Tiefgarage fuhren, fiel Ronny ein schwarzer Mercedes auf, der direkt neben der Einfahrt stand. Der Kopfhaltung nach zu urteilen schien der Fahrer zu schlafen. Vielleicht der Chauffeur einer der Bewohner des Hauses, mutmaßte er.
Sichtlich stolz führte Alina ihn kurz darauf durch ihre modern eingerichtete Wohnung mit zahlreichen Zimmern. Von der großen Dachterrasse aus war, in etwa einhundert Meter Entfernung, das Meer sehen.
In der Küche richtete Alina ihm sodann flink einige Baguette mit Schinken und Käse her, bevor sie verschwand. Bei ihrer Rückkehr trug sie statt des Sommerkleides ein ebenfalls leichtes, jedoch eher konventionelleres helles Kostüm.
„Leider muss ich jetzt nochmal schnell weg. Komm mit, zuvor zeige ich dir das Appartement, indem du später schlafen kannst. Wenn ich zurück bin, können wir gemeinsam überlegen, was ich am Abend kochen soll. Angeblich ist aus mir inzwischen eine recht annehmbare Köchin geworden. Zumindest sagt das mein Mann“, lachte sie.
In dem kleinen Appartement, das man durch eine Verbindungstür von ihrer Wohnung aus erreichte, gab es neben einem Gasherd sowie einem Kühlschrank zusätzlich eine Waschmaschine. Eine weitere Tür führte ins Treppenhaus.
„Der Chauffeur meines Vaters kommt manchmal tagelang nicht nachhause. Da ist so ein Appartement für ihn recht praktisch. Hier kann er sich zurückziehen und auch mal ausgehen, ohne uns zu stören“, erklärte Alina ihm beiläufig. „Du kannst zwischenzeitlich Duschen beziehungsweise Baden und wenn du möchtest, deine Klamotten waschen. Sollte ich bis dahin nicht zurück sein, mach es dir auf der Terrasse gemütlich. Dort steht auch ein Kühlschrank mit Getränken. Fühl dich wie zuhause.“
„Nachdem ich vor meiner überraschenden Abreise aus Marseille zum Wäschewaschen keine Gelegenheit mehr hatte, nehme ich dein Angebot gern an.“
Wie schon zuvor legte er ihr einen Arm um die Schulter: „Mit dem Baden kann ich warten, bis zu zurück bist. Deine Mutter hat uns damals oft gemeinsam in die Badewanne gesteckt. Das würde mir jetzt ebenfalls gefallen,“ grinste er.
„Solche Ideen schlage dir mal ganz schnell aus dem Kopf“, gab sie ihm, trotz seines betont bewundernden Blickes, ebenso lachend zurück. „Da waren wir Kinder, höchstens vier oder fünf Jahre alt. Inzwischen bin ich um etliche Jahre älter und eine brave, verheiratete Frau“.
Unter der Dusche konnte er nicht anders, als über die wundersame Begegnung mit Alina nachzudenken. Vor zehn Jahren waren seine Eltern mit ihm von Dresden aus ins Ruhrgebiet gezogen. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört.
Das kleine, pummelige Mädchen mit dunkelblonden kurzen Haaren, an das er sich erinnerte, hatte sich in eine schöne, attraktive, selbstsichere Frau verwandelt. Von sich aus hätte er sie sicher nicht wiedererkannt. Kein Wunder, das sich ein offenbar ziemlich vermögender, einflussreicher Mann in sie verliebt hatte.
Seine Kleidung befand sich in der Waschmaschine und splitternackt war er auf der Suche nach einem Bademantel oder einem anderen, für den Moment nützlichen Kleidungsstück, als Alina unerwartet in dem Appartement stand. So schnell hatte er nicht mit ihrer Rückkehr gerechnet.
Perplex blickte sie ihn an: „Oh, entschuldige, ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass ich zurück bin und dich fragen, ob du alles gefunden hast.“
Weiterhin nackt und ohne sich zu bedecken, lachte er: „Was schaust du so überrascht. Du hast mich früher doch auch so gesehen. Bei mir hat sich nichts geändert.“
Von ihrer Überraschung erholt grinste sie nun ebenfalls: „Einiges an dir ist jetzt doch anders als früher. Ich suche dir schnell etwas Passendes zum Anziehen. Mein Mann ist zwar kleiner als du, aber eine seiner kurzen Sporthosen sowie ein T-Shirt sollten dir trotzdem passen.“
„Dein Angetrauter scheint nicht schlecht zu verdienen?“, fragte er sie später bei einem Glas Wein auf der Terrasse. Was macht er beruflich? Von dem Gehalt als Stadtrat wird er sich so eine Bleibe kaum leisten können. Dazu der schicke Alfa. Bist du sicher, keinen Mafiosi geheiratet zu haben, oder werden die Politiker hier so fürstlich bezahlt?“
Sie lachte: „Anfangs habe ich ähnlich gedacht. Ein vermögender, wenn nicht sogar reicher Mann aus Italien, der dazu in Neapel geboren wurde, muss etwas mit der Mafia zu tun haben. Die DIA, die italienische Antimafiabehörde und Europol scheinen das ebenfalls zu glauben. Zumindest stehen wir zeitweise unter ihrer Beobachtung. Daran habe ich mich zwischenzeitlich gewöhnt.“
Sie wurde ernst, als sie fortfuhr: „Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Domenicos Brüder angeblich für eine der kalabrischen Mafiafamilien arbeiten oder gearbeitet haben. In der dortigen Hierarchie spielen sie meines Wissens jedoch keine große Rolle. Zumindest hat mir das mal jemand von der Antimafiabehörde angedeutet.
„Du hast ihn gefragt?“
„Ja, am Anfang, nach unserer Hochzeit, wir waren kaum in Genua angekommen, ist mir ständig jemand gefolgt. Ob zum Einkaufen, auf dem Weg zu einer Bekannten oder wenn ich zum Friseur gegangen bin. Es war einfach lästig. Domenico hatte mir zwar erzählt, dass er wegen seiner Familie in Neapel gelegentlich von Europol beziehungsweise der DIA beobachtet wird, doch was wollten sie von mir? Der Typ, der mich an diesem Tag observierte, war ziemlich perplex, als ich ihn angesprochen habe.
Vielleicht hat er mir deswegen den Grund verraten.“
„Was ist die DIA?“
„Das ist die Abkürzung für „Direzione Investigativa Antimafia“. Ins Deutsche übersetzt bedeutet es „Direktion für Anti-Mafia-Ermittlungen“.“
„Und was macht dein Mann tatsächlich?“
„Über seine Geschäfte weiß ich nicht sehr viel. Doch die Behörden dürften das alles tausendmal überprüft haben. Neben dem Job als Stadtrat besitzt er zahlreiche Immobilien und ist an weiteren beteiligt. Das ganze Haus hier und noch etliche andere in der Stadt gehören ihm. Domenico hat als zweitältester Sohn das Immobiliengeschäft des kinderlosen Bruders seines Vaters, übernommen. Der hatte früh mit Grundstücksspekulationen begonnen und sich von seiner Familie in Neapel, zumindest geschäftlich, losgesagt. Über das „weshalb er so gehandelt hat,“ wollte mir bisher niemand etwas sagen. Nach dem Tod des Onkels hatte seine Mutter eigentlich verfügt, dass Domenico das Unternehmen an seinen älteren Bruder Matteo weitergibt. Er war schon immer ihr Lieblingssohn. Mein Mann hat sich schlicht geweigert und dabei auf das Testament seines Onkels hingewiesen. Darin wurde ihm das ausdrücklich untersagt.“
