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Das Glück ist überall. Man muss es nur entdecken. Als Elmar Schnitzer seinem Kalle zum ersten Mal begegnete, würdigte ihn dieser keines Blickes – um ihn bis heute nicht mehr aus den Augen zu lassen. Aus Distanz wurde Nähe, aus Fremden wurden Freunde. Eine wunderbare Verbindung zwischen Hund und Herrchen entstand, die sich durch Herzlichkeit, Humor und Lebensfreude auszeichnet.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2014
© Christoph Schwabe
www.langen-mueller-verlag.de
© für die Originalausgabe und das eBook: 2014 LangenMüller in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagsgestaltung: Wolfgang Heinzel
Umschlagfoto: Christoph Schwabe/»Doppelpack. Mein Hund und ich«
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN 978-3-7844-8195-1
Für Paul
Man kann einen Menschen nichts lehren,
man kann ihm aber helfen,
es in sich selbst zu entdecken.
Galileo Galilei
Inhalt
Vorwort
1 Das Glück nähert sich in mancherlei Gewand
2 Ein Abschied ist immer auch ein Anfang
3 Wo Licht ist, sind auch Schatten
4 Mein Hund, ein trojanisches Pferd
5 Keine Wahrheit ohne Wahrheit
6 Wau. Nicht Miau!
7 Fremde Freunde
8 Zwei Rotti-Rüden und ein Baby-Mann
9 Macht die Glotze gaga?
10 Überhol doch, Angeber
11 Das bellende Klassenzimmer
12 Ein Migrant aus Schlemmerland
13 Hilfe, Kalle denkt!
14 Zarte Haut sucht Zähne mit Gefühl
15 Busch beißt Bein
16 Trau jedem auf vier Pfoten!
17 Kater in der Katze
18 Auf ein Wort, Kalle
19 Vorlaute Leisetreter
20 Schlosshunde heulen nicht, sie ruhen
21 Fliehender Vogel Jugend
22 Alles im Fluss
23 Ein Sandmännchen macht noch keinen Supermann
24 Wia da Herr, so’s Gscherr
25 Was kann das Herz dafür, dass es die Liebe gibt?
26 Ihr Name ist Nein
27 Wer bist du, Kalle? Und wie viele?
Zehn Goldene Regeln für jeden Hund
Nachwort
Vorwort
Glück hängt vom Empfänger ab. Wenn es ihn denn erreicht. Denn Glück ist nicht käuflich. Glück ist Glückssache. Wir können es erhoffen, wir können es ersehnen, wir können es auch suchen. In Wahrheit jedoch sucht es uns. Und wenn es ihm gefällt, lässt es sich bei uns nieder, in so mancherlei Gestalt.
Mein Glück hat die Farbe des Pechs und geht bevorzugt links von mir. Aber links schlägt auch sein Herz, und zwar links zu meinen Füßen. Es gehört Kalle und ich weiß, es schlägt auch für mich.
Kalle ist ein Hund. Ein Hund ist er bisweilen auch, ein ganz besonders durchtriebener sogar. Eines aber ist er nicht, ein Hund von vielen. Kalle ist von vielen Hunden einer. Ein Wort nur, von der letzten an die erste Stelle des Satzes gerückt, und aus beliebig wird besonders, aus einem Hund eine verwandte Seele. Trotzdem bleibt er, was er gerne ist: Hund.
Eine der vielen unbedacht verschleuderten Stunden meiner Zeit nach dem Tod von Kalles Vorgänger Paul hat uns auf verschlungenen Wegen zueinander geführt. Und diese verschenkte Stunde so in eine Stunde fortwährenden Glücks verwandelt.
Nahezu vier Jahre begleitet mich Kalle nun durchs Leben. Seine Augen sind zum Wörterbuch für mich geworden, seine Loyalität zum Vorbild, seine Freundlichkeit und seine Ungezwungenheit zur steten Mahnerin. Seine Menschenkenntnis zum Beispiel. Und sein Spaß am Spaß zu meiner größten Freude.
Weil es jedoch nur einen Kalle gibt, aber viele Menschen, die ihn und mit ihm die Freude am Leben mehr lieben als dessen Last, habe ich dieses Buch über ihn geschrieben. Nun ist er Kalle für alle. Lachen Sie mit Kalle, erleben Sie mit und durch ihn Einzigartiges und Einmaliges, Schönes und Skurriles, Verrücktes und Ungewöhnliches. Und teilen Sie mit Kalle so ein Stück von dem Glück, das sonst nur mir geschenkt ist.
1
Das Glück nähert sich in mancherlei Gewand
© privat
6 monate alter Rotweiler Preis: 300 Eur VB
Dreiviertelhose
Seit ich Kalle kenne, glaube ich nicht mehr an den Zufall. Was wir Zufall nennen, ist in Wahrheit ein Zusammenspiel von Gedanken in verschiedenen Köpfen und zu verschiedenen Zeiten, aber mit einem gemeinsamen Ziel. Um sie alle zu erfassen, müssten wir hellsehen können. Können wir aber nicht. Also haben wir den Zufall geboren. So einfach ist das. Und doch so kompliziert.
Übrigens: Kalle ist mein Hund. Und das ist die Geschichte, wie der Zufall seine Unschuld und ich mein Herz verlor. An Kalle.
Mein Rottweiler Paul war gestorben. Nach neun Jahren hatte ihn der Tod meiner Familie und mir mit kalter Hand entrissen. Selbst unser Haus fühlte sich verlassen ohne Paul. Aus Trauer und Einsamkeit erwuchs die Sehnsucht nach neuem Leben auf vier Pfoten.
Zur selben Zeit in einem anderen Haus, über hundert Kilometer entfernt: Eine junge Frau und ihr Bruder gerieten heftig in Streit, beide Migranten mit italienischen Wurzeln. Und wie Italiener, so stritten sie auch, laut und lustvoll. Der Streit ging um einen Hund. Die junge Frau war gerade zum zweiten Mal Mutter geworden, der Hund war der Hund ihres Bruders. Sie hatte ihn zeitweise betreut und nun keine Zeit mehr für ihn. Und auch keinen Platz mehr in dem Häuschen, das schon voll war, wenn auch nur ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel.
Der Bruder, kaum zwanzig Jahre jung, wusste Rat, zumal ihm der Hund ohnehin lästig geworden war. Er hatte endlich einen Job gefunden. Und die Zeit, die ihm die Arbeit ließ, verbrachte er mit seiner neuen Freundin.
Wozu also der Hund? Zumal er auch Geld kostete, Futter, Steuer, Tierarzt. Und so puppenhaft niedlich wie als Welpe war er auch nicht mehr. Nicht eine und nicht einer, die ihn nicht um den drolligen kleinen Kerl beneidet hatten. Also – weg mit ihm. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Aber wohin mit dem Mohren?
Tage später. Ich scrollte mich durch die Kaufangebote in eBay. Das hatte ich noch nie getan. Und das hätte ich auf der Suche nach einem Hund bestimmt erst recht niemals getan, landete aber genau dort. Auch so ein Zufall, der kein Zufall war.
Wollte ich denn tatsächlich wieder einen Hund, nur Monate nach Pauls Tod? Oder wollte ich mich nur ablenken, in dem ich mir Hoffnung machte auf einen neuen Gefährten? Irgendwann? Ja, so war es wohl. Wunden schließen sich nicht, indem man sie offen hält. Irgendwann würde ich wieder einen Hund haben, wenn auch keinen wie Paul. Es gibt keinen zweiten Paul. Er war ein wundervolles Wesen, ein einzigartiger Charakter und ein unersetzlicher Freund und Weggefährte.
Und ein Stück weit war er auch ich. Er kannte meine Ängste ebenso wie meine stillen Freuden und meine verborgenen Hoffnungen. Hat mein Denken und mein Handeln entschiedener und nachhaltiger verändert und bestimmt als alles davor und danach. Durch ihn wurde ich in weiten Teilen der, der ich geworden bin. Ein glücklicherer, tief dankbarer Mensch.
So viel Besonderes, vereinigt in einem Lebewesen, erlaubt keinen Vergleich, mit keinem Hund, und sei er noch so besonders.
Eine Anzeige unter den vielen bei eBay erregte meine Aufmerksamkeit, weil sie so einmalig war. Da stand:
6 monate alter Rotweiler
Preis: 300 Eur VB
Beschreibung
Hallo liebe Hunde freunde ich verkaufe hier meinen 7 monate alten rotweiler aus zeitmangel habe vor kurzem einen arbeitssitz erworben und deshalb habe ich leider keine zeit mehr für ihn, es ist ein toller hund der auf kommando hört, der mit kleinen kindern gut zurecht kommt er ist entwurmt und geimpft und er ist einfach ein toller hund mit dem man auch schmusen kann. Ich freue mich über jeden anruf …
Eine Farbaufnahme unter dem Text zeigte einen kniehohen schwarzen Hund mit brauner Zeichnung, der, den Kopf nach rechts gewandt, offensichtlich den Fotoapparat anmaulte. Vielleicht hatte er keine Lust auf Fotos. Die Rute stand schräg nach oben, eine dicke, geflochtene Leine, stark genug, um ein Pony zu halten, führte vom Halsband in eine schmale Hand. Hinter dem Hund ragten pfeilerartig zwei Männerbeine in dreiviertellangen, wild gemusterten Hosen in die Höhe. Sie endeten unter dem Bauch. Die Füße dazu steckten in Turnschuhen.
Neugierde ließ mich zum Telefon greifen. In einer Stunde sind Sie von Hamburg aus hier, spätestens, versprach mir die Stimme zu der Dreiviertelhose. Nach über zwei Stunden war ich endlich dort. Dann stand er vor mir, Kalle. Aber er hatte keinen Blick für mich übrig. Seine Augen waren auf ein Stück Rasen im Garten hinter einem windschiefen grauen Häuschen fixiert, letzte Straße, letztes Haus in einem Dorf in Niedersachsen, für mich das Ende der Welt. Er ließ den Fleck nicht aus den Augen. Schon bald sollte ich mich daran erinnern. Im Augenblick war die Enttäuschung größer als die Verwunderung. Mochte mich der Hund nicht?
Die Dreiviertelhose, ihr Schwager und dessen Frau lachten über Kalle und entzogen mich meiner Fantasie, die sich gerade zu heftigen Hirngespinsten ausweiten wollte. Die tiefstdekolletierte Brust der schwarzhaarigen jungen Frau im für meinen Geschmack zu engen weißen Top über dem nackten Bauchnabel hob und senkte sich beim Lachen. Ein Tattoo rankte aus ihrer Jeans neben der Wirbelsäule empor. »Der Hund jagt Schatten«, krächzte ihr Ehemann, arm an Haaren, aber ebenfalls reich an Tattoos. Auch ich war amüsiert, seiner Stimme wegen. Er krächzte und kiekste wie Kookie in der legendären amerikanischen Fernseh-Serie 77 Sunset Strip.
Kalle war spindeldürr, so dürr, dass selbst sein selten hübsches Gesicht nicht davon ablenken konnte. Und auch seine Schlappohren nicht, die mich an große schwarze Topflappen erinnerten, wie sie meine Frau in der Küche verwendet. Nur die Schlaufen fehlten.
Ein »Rotweiler« war Kalle nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten könnte er aufgrund seiner langen Beine und seines schmalen Körperbaus auch das Kind eines Dobermanns und einer Labrador-Hündin sein. Oder umgekehrt. Oder ganz was anderes. War ja keiner dabei von uns, als er Gestalt annahm. Aber es war auch ohne Bedeutung, damals. Von Bedeutung war, dass ich ihn vom ersten Augenblick an mochte, meine Frau auch. Und er uns seinerseits ebenfalls, auch wenn es zunächst nicht danach aussah.
Ob wir ihn noch zehn Tagen hierlassen könnten, fragten wir die Dreiviertelhose. Wir seien mit Freunden zum Segeln verabredet und ein schwankendes Schiff nicht wirklich der ideale Aufenthaltsort für eine Landratte auf vier Beinen.
Natürlich hätten wir ihn für die Zeit auch im Hunde-Hotel unterbringen können. Das aber hätte für ihn eine Zeit im Niemandsland bedeutet, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das konnten und wollten wir ihm nicht antun. Den Segeltörn abblasen konnten wir auch nicht, der Freunde wegen.
Die Dreiviertelhose erlöste uns aus unserem Dilemma. Überhaupt kein Problem, versicherte sie. Das heißt – ein kleines Problem wäre da denn doch. Das Geld, ähm, ähähäh, die 300 Euro, die bräuchte er sofort, cash. Keine Rede mehr von »VB«. Der Hund sei ohnehin so kostspielig gewesen. 800 Euro habe der Züchter verlangt, ohne Papiere. Mit Papieren hätte er das Doppelte genommen. Er kenne den Hundevater, einen Zuchtrüden, sehr schön anzusehen, schwärmte er euphorisch. Seine kaffeebraune, noch jüngere Freundin schaute verlegen.
Die Dreiviertelhose registrierte es und setzte sofort nach: Außerdem gebe es noch eine Interessentin von einem Reiterhof, die seinen Hund gerne hätte. Sie wolle ihm aber Ohren und Schweif kupieren, das aber wolle er nicht. Deshalb … Zu wenig und zu viel ist aller Narren Ziel. Nun war ich es, der grinste.
Gemeinsam fuhren wir fünf Minuten zum nächsten Geldautomaten. Am Ende der Welt sind die Wege kurz. Zurück im Garten, brachte helle Aufregung die Brust der Schwester erneut in Wallung, begleitet vom mahnenden rechten Zeigefinger, der die Dreiviertelhose aufzuspießen drohte.
Wie das denn mit dem Futter wäre? Sie sei knapp mit Geld und … na ja, es wäre ganz hilfreich?
Mit einem Kugelschreiber, den sie mir reichte, kritzelte ich an Fakten auf einen Bogen weißes Papier, was für einen Kaufvertrag notwendig ist – und drückte ihr 30 Euro für einen Sack Welpen-Futter in die Hand, mehr als genug für zehn Tage.
Auf der Segeljacht gab es, natürlich, nur ein Thema: Kalle. Diesen Namen hat ihm mein Sohn Benjamin gegeben. Neele, seine Frau, hängte Spaghetti dran, weil er sich wie eine Nudel kringelt, wenn er sich freut. Und er freut sich eigentlich ständig, auch dann, wenn kein Grund zur Freude ersichtlich ist. Kalle Spaghetti. Dabei blieb es.
Bis dahin hieß er Schuwak. Das ist ein russischer Vorname. »Kookie« arbeitet als Zöllner an der polnischen Grenze, die täglich viele Lastwagen von und nach Russland passieren. Vielleicht ist er ein Illegaler, der in einem der Brummer gesessen hatte, fahrendes Gut aus einer Hinterhof-Zucht im Osten für den Welpen-Schwarzmarkt in Westen?
Wir sollten es nie erfahren. Aber so einiges andere.
2
Ein Abschied ist immer auch ein Anfang
© privat
Kein Hund heuchelt, nur der Mensch.
Volksmund
Als wir am Ende unseres Segeltörns auf den Hafen von Maasholm an der Ostsee zuliefen, waren die Wolken über uns schwarz wie die Seele eines Sünders. Ein Sturm kündigte sich an, am Himmel und per SMS auf meinem Handy. Absender: die temperamentvolle Schwester der Dreiviertelhose. Was sie schrieb, ließ mich trotz ruhiger See schwanken, als sei das Unwetter schon losgebrochen, die See bei Windstärke zehn zu einem kochenden Ungetüm angeschwollen.
»Wir haben uns inzwischen so an den Hund gewöhnt, wir würden ihn gern behalten«, stand da in winzigen schwarzen Buchstaben auf gelbem Grund. Und, als Hinweis mit dem Zaunpfahl: »Sie bekommen auch Ihr Geld zurück. Ich überweise es Ihnen.«
Konferenz in der Kajüte. Ich war hin und her gerissen. Konnte ich, durfte ich dieser Frau ihre Bitte abschlagen, nur weil ich einen Vertrag mit ihr hatte? Pacta sunt servanda! Verträge sind einzuhalten. Aber: Ist auch moralisch richtig, was juristisch korrekt ist?
Gewissensbisse fraßen die zwei Seelen nicht auf, die in meiner Brust stritten, knabberten aber schmerzhaft an ihnen. Wäre da nicht dieses Gefühl gewesen, das mir sagte: Hol den Hund. Hol ihn sofort! Ich hätte Kalle gelassen, wo er war.
Aber so. Runter vom Schiff, rein ins Auto. Und dieses Mal dauerte es tatsächlich keine zwei Stunden, bis ich bei Kalle vor der Tür stand. Er wartete neben der Dreiviertelhose an der Pforte zum Hof. Die Dreiviertelhose bat mich herein: »Kommen Sie, die andern erwarten Sie im Garten …«
Oh nein, nur das nicht. Was sollte ich seiner Schwester sagen? Wie sollte ich ihr erklären, dass eine innere Stimme stärker sein kann als mein Gerechtigkeitsgefühl?
Die Antwort hat Kalle dann gegeben, auf eine Weise, die keinen Widerspruch zuließ. Als die Dreiviertelhose die Gartenpforte einen Spalt öffnete, wischte er blitzschnell hinaus und sprang hops mit einem Satz in meinen Kombi, dessen Heckklappe offen gestanden hatte. Alles klar! Abfahrt!
Mir war, als grinse er durch die Scheibe, als ich der Dreiviertelhose zum Abschied verlegen die Hand drückte. Aber wahrscheinlich war mir wirklich nur so. Hunde grinsen doch nicht. Oder doch?
Während der Heimfahrt nach Hamburg, durch Wald und Wiesen, über die Autobahn, unter der Elbe hindurch und am großen Strom entlang, der in der Sommersonne träge dahinkroch, döste Kalle oder äugte verwundert auf das, was draußen an ihm vorbeiflog. Ich hatte erwartet, dass er fiepen oder jaulen oder auf eine andere Art Abschiedsschmerz äußern würde. Kräcker zur Seelen-Massage lagen griffbereit auf dem Beifahrersitz.
