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1968 wurden die DDR-Rodlerinnen bei Olympia in Grenoble wegen angeblich zu heißer Kufen nachträglich disqualifiziert - auf Betreiben ihrer "Kollegen" aus der BRD, die hinter den Kulissen die Fäden zogen. Dass dies keine Ausnahme war, sondern dass der DDR-Sport mit seinen Erfolgen den westdeutschen Politikern ein Dorn im Auge war und von Beginn an mit allen Mitteln von den Verantwortlichen bekämpft wurde, beschreibt der bekannte Sportjournalist Klaus Huhn authentisch und oftmals als Insider. So entstand eine Chronologie, die eindringlich zeigt, wie der Sport vor 1989 (und mitunter darüber hinaus) für westdeutsche Funktionäre und Politiker im deutsch-deutschen Verhältnis keineswegs als völkerverbindend, sondern als eine Arena des Kalten Krieges begriffen wurde. Faktenreich und auch heute noch sehr lesenswert!
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Seitenzahl: 198
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Zum Autor
Klaus Huhn ist fast sieben Jahrzehnte als Sportjournalist tätig, war von Kollegen aus 27 Ländern zum Generalsekretär der Europäischen Sportjournalistenunion (UEPS) gewählt worden, schrieb über einhundert Bücher, fungierte 38 Jahre als Direktor der Friedensfahrt, wurde oft ausgezeichnet, u. a. vom österreichischen Präsidenten und dem französischen Radsportverband, und wurde vom Verein »Sport und Gesellschaft« mit der Werner-Seelenbinder-Medaille geehrt.
Klaus Huhn
Kalter Krieg und heiße Kufen
Wie Bonn gegen den DDR-Sport zu Felde zog
ORIGINALAUSGABE
edition berolina
Als 1945 das Millionen Opfer fordernde Morden beendet worden war, kam auch wieder Muße, Sport zu treiben. Nur wenige hatten in früheren Jahrzehnten wahrnehmen wollen, dass schon Pierre de Frèdy, Baron de Coubertin, der der Welt nach hartem Widerstand 1896 – auch aus eigener Tasche finanziert – die Olympischen Spiele geschenkt hatte, die Politik als unnachgiebigen Gegner seines dem Frieden gewidmeten Festes erkannt hatte. Der Baron hatte keine Illusionen, was die Politik betraf, wie man seiner der Arbeiter-Bildung gewidmeten Broschüre aus dem Jahr 1923 entnehmen konnte: »Man darf natürlich nicht damit rechnen, dass die Bourgeoisie diesen Ansichten zustimmt. Denn um sich diesen Erkenntnissen anzuschließen, müsste sie offen bekennen, dass sie sich getäuscht hat, und müsste das zugeben. Dazu müsste sie wiederum auf jahrhundertealte Gewohnheiten des Denkens verzichten und die materiellen Interessen ihrer Professoren und ihrer Verleger verraten.«
Das ward nur zitiert um zu bekunden, dass Olympia oft mit Politik konfrontiert worden war und dass schon sein »Erfinder« das erkannt hatte. An den Millionen Gräbern des Zweiten Weltkriegs die Überlebenden zu sportlichem Treiben zu ermuntern, forderte mehr Bekenntnis zum Frieden, als die fünf Ringe symbolisieren konnten.
Weltweit ging es nach dem Schweigen der Waffen darum, Trümmer zu räumen und nicht Rekorde aufzustellen. Das galt auch für Berlin, der Stadt, in der die Pläne des Millionenmords entstanden waren und in der die Mörder ihre Niederlage besiegeln mussten. Auch dort begannen vor rund siebzig Jahren viele, die den Sport auch als Indiz des Friedens verstanden, erste Schritte aus dem Schutt auf Sportplätze zu wagen.
Allerdings waren da auch von der ersten Stunde an Probleme vorhanden, die sich daraus ergaben, dass die Stadt und das Land von vier Mächten regiert wurde und – um an Coubertin zu erinnern – drei der vier von der Bourgeoisie beherrscht wurden. Es gab von der ersten Stunde an auch Probleme, weil die westlichen Alliierten zwar Vereine und Verbände, die den Nazisport gefördert hatten, generell verboten, aber diese Verbote selten oder nie kontrollierten, während sie im Osten strikt befolgt worden waren. So entstand erster Zwist, der zunahm, als die Besatzungsmächte den Weg zu Regierungen in ihren Zonen einschlugen. Regierungen, die um den Sport keinen Bogen schlugen. So versank die frühe Freude über Rekorde schon bald in eine »Wer-Wen-Zwietracht«, die nicht so sehr Gold oder Silber zählte, sondern Ost oder West zum Maßstab nahm. Im Handumdrehen waren auch die politischen Namen der Begriffe bei der Hand: Hallsteindoktrin, Alleinvertretungsrecht und, und, und.
So hart die Duelle in Stadien, Hallen und Becken ausgetragen wurden, so erbarmungslos und verlogen ging es auf Kongressen und in den politisch strukturierten Clans, Cliquen und Verbänden zu. Selten beschimpften sich die Funktionäre oder prügelten gar aufeinander ein, aber Stunden, Tage und sogar Wochen gingen drauf, ehe man sich über Kommata geeinigt hatte, und dann, ob A für Ost oder C für West um den Weltmeistertitel kämpfen durfte. Solange West oft dank alter Freunde die Alleinvertretung auf der Aschenbahn oder im Schwimmbecken belegen konnte, hielt man sich generell an die Regeln. Als die West-Majorität zu schwinden begann, schwand auch die Fairness. Diplomaten wurden anstatt Sprinter ins Rennen geschickt, dazu hemmungslos gefälscht, betrogen, gelogen.
Dieses bittere und dunkle Kapitel des deutschen Sports wurde von Medien und sogar Historikern meist unterschlagen oder verfälscht. Ein Chronist, der diese Zeit und auch die Geschehnisse oft vor Ort miterlebte und viele »Vier-Augen-Gespräche« mit Kronzeugen führte, hat die Fakten des Jahrzehnte währenden West-Ost-Duells zusammengetragen und präsentiert sie hier. Nicht um des »Herr-Lehrer-ich-weiß-was« willens, sondern um der Nachwelt die Sachverhalte zu hinterlassen.
Versuch einer Ouvertüre
Wie ließe sich eine solche »Enzyklopädie« beginnen? Wie überzeugend die Zitate und unendlich viele Aussagen glaubhafter Zeugen listen?
Durchaus überzeugt, wie riskant dieser Schritt ist, entschloss ich mich, selbst als Erster in den Zeugenstand zu treten und beeide hiermit ein Ereignis, das sechs Jahrzehnte zurückliegt, die deutsch-deutschen Probleme im Sport überzeugend bloßlegt und – auch das soll nicht unterschlagen werden – deren Hauptperson eine bildhübsche Frau war!
Ich habe ihr Bild trotz der inzwischen vergangenen Jahrzehnte so glasklar vor Augen, als wären wir uns gestern das letzte Mal begegnet, und erinnere mich auf Anhieb: Sie war verführerisch (allerdings fast immer im Badeanzug, der die attraktive Figur unterstrich), charmant, verlockend, anmutig – kurzum: unvergesslich. Je länger ich mich an sie erinnerte, desto intensiver wuchs meine Absicht, ihr mit diesen Zeilen auch ein kleines Denkmal zu setzen. Ihr Name: Jutta Langenau. Die Tragik: Sie starb schon 1982 mit 49 Jahren.
1954 hatte sie in Erfurt ihre Koffer gepackt, um nach Turin zu reisen, wo Schwimm-Europameisterschaften ausgetragen wurden. Sie konnte allerdings, ebenso wie ich damals, nicht mit dem DDR-Pass nach Italien reisen, weil die Westalliierten schon Jahre vorher einen Befehl erlassen hatten, wonach Ostdeutsche bei Reisen in West-Staaten zuvor in einem Alliierten-Kommandanturbüro in der Berliner Potsdamer Straße einen sogenannten Travel Port (Reise-Pass) beantragen mussten. Erst wenn der genehmigt und ausgestellt worden war – oft jedoch wurde er abgelehnt –, durften die Antragsteller in der Botschaft des Landes, in das sie reisen wollten, ein Visum beantragen. Da die Travel-Port-Antragsfrist sechs Wochen betrug, hätten Athleten, die in dieser Frist noch nicht in Hochform waren, keine Chance gehabt, sich für die National-Mannschaft zu qualifizieren. Also musste die DDR oft einen Stapel von Travel-Ports beantragen, um keinen Favoriten am Ende zu Hause lassen zu müssen.
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