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Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Der Mann war tot. Er lag unterhalb des Steilhanges auf dem Rücken zwischen mehreren größeren Felsbrocken. Seine Jacke war aufgerissen worden, selbst sein Hemd hatte man aus der Hose gezerrt. Und sein Gesicht war ein einziger Blutfleck. »Hinterkopf«, sagte Bolton im Tonfall eines Mannes, der einmal Sanitäter gewesen war und sich seitdem einbildete, von Medizin mehr als ein Doc zu verstehen. »Genau in den Hinterkopf, wette ich. Das arme Schwein!« Kelley wurde schlecht. Er hatte einen Logenplatz. Jedenfalls bezeichnete Bolton den Platz auf dem Sitz der Stagecoach als Logenplatz, weil man von oben alles besonders prächtig sah. Und darum sah Kelley auch den Mann so gut, wenn auch nicht vollständig. Endlich sah Kelley zur Seite. Sein nächster Blick fiel auf das Maultier und den Packsattel. Der schwere Leinentuchpacken war aufgerissen worden. Am Boden lagen ein paar Hemden, Wollsocken, ein Paar Schaftstiefel und eine Zeitung. Das Handwerkszeug war verrutscht. Die Spitzhacke, der Fäustel, der Steinmeißel und die Schaufel hingen schief vom Packsattel herunter. »Ein Schuß nur«, sagte Bolton, der immer alles besser wußte.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Der Mann war tot. Er lag unterhalb des Steilhanges auf dem Rücken zwischen mehreren größeren Felsbrocken. Seine Jacke war aufgerissen worden, selbst sein Hemd hatte man aus der Hose gezerrt. Und sein Gesicht war ein einziger Blutfleck.
»Hinterkopf«, sagte Bolton im Tonfall eines Mannes, der einmal Sanitäter gewesen war und sich seitdem einbildete, von Medizin mehr als ein Doc zu verstehen. »Genau in den Hinterkopf, wette ich. Das arme Schwein!«
Kelley wurde schlecht. Er hatte einen Logenplatz. Jedenfalls bezeichnete Bolton den Platz auf dem Sitz der Stagecoach als Logenplatz, weil man von oben alles besonders prächtig sah. Und darum sah Kelley auch den Mann so gut, wenn auch nicht vollständig.
Endlich sah Kelley zur Seite. Sein nächster Blick fiel auf das Maultier und den Packsattel. Der schwere Leinentuchpacken war aufgerissen worden. Am Boden lagen ein paar Hemden, Wollsocken, ein Paar Schaftstiefel und eine Zeitung. Das Handwerkszeug war verrutscht. Die Spitzhacke, der Fäustel, der Steinmeißel und die Schaufel hingen schief vom Packsattel herunter.
»Ein Schuß nur«, sagte Bolton, der immer alles besser wußte. »Ein Gewehrschuß. Der Kerl hat alles durchwühlt und das arme Schwein ausgeraubt, bis auf das Hemd, Sauerei.«
Der Mann lag da, die Fliegen summten, Kelley war schlecht – und auf den Bauch des Toten schien die Sonne.
»Halt an«, knurrte Gibbons in diesem Moment aus der Kutsche. Bolton war langsam gefahren, weniger als Schrittempo, und die drei Mann in der Transportkutsche hatten sofort ihre Gewehre hochgenommen. »Halt mal an, Bolton!«
»In Ordnung«, erwiderte Bolton. »Aber wozu? Der arme Sack ist tot, dem kannst du doch nicht mehr helfen, Gibbons.«
»Das sehe ich selbst«, murrte Gibbons. Er sprach nie wie ein normaler Mensch, er knurrte nur Befehle, und er litt auch an Einbildung wie Bolton, denn er hatte sieben Mann unter sich. »Diggans, steig aus und sichere nach rechts.«
Diggans, ein hagerer Mann mit einem hervortretenden Adamsapfel, schwieg manchmal zwei Tage. Er war klapperdürr, fraß jedoch für sieben Mann, wenn man ihn ließ, nahm aber nicht zu. Es war, als versackten seine gewaltigen Freßportionen in einen klaftertiefen Brunnen.
»Da ist nichts«, sagte Diggans mürrisch. Er hatte Hunger und seit ei-
ner Stunde nichts mehr gegessen. »Sieht doch ein Blinder, daß da nichts ist.«
»Du sollst sichern«, fauchte Gibbons. »Raus mit dir, halte die Felsen im Auge.«
»Da kann gar nichts sein, Floyd«, meldete sich Van Delft mit seiner mickrigen Stimme. »Ist doch klar, was passiert ist, oder? Der arme Hund ist von Westen gekommen und an den Felsen dort vorn vorbeigeritten. Hinter den Felsen hat jemand gehalten und ihn angerufen. Und als der arme Hund da unten nicht hielt, hat der Kerl geschossen und ihn in den Hinterkopf getroffen. Der arme Hund fiel aus dem Sattel seines Gaules den Hang herunter.«
»Und wo ist der Gaul?« fragte Gibbons auf seine rauhe Weise. »Wie, sieht jemand den Gaul? Bolton, mach die Augen auf, du siehst und weißt doch sonst alles!«
Boltan hatte die Leinen festgebunden und das Gewehr in der Faust. Er stand auf und sah sich um. Sein Blick fiel auf das Stück Sandfläche neben den Felstrümmern da unten, und er sah zwei Pferdespuren.
»Der Kerl hat den Gaul mitgenommen, verdammt«, stellte er fest. »Ich seh die Hufeindrücke. Er ist nach Süden abgetrailt, der Strolch.«
»Aha«, antwortete Gibbons, als wäre er jetzt klüger. »Das habe ich mir gleich gedacht. Diggans, was machst du?«
Diggans sicherte, starrte Löcher in die Luft und verzog die Lippen seiner gewaltigen Futterluke verächtlich.
»Nichts.«
»Geh zu den Felsen und sieh hinter ihnen nach, Diggans.«
»Warum?« fragte Diggans noch mürrischer als vorher.
»Du verdammter Freßsack«, fluchte Gibbons, »weil dort jemand sein könnte.«
»Ist niemand«, sagte Diggans, zu faul, um ein Wort mehr zu sagen.
»Gehst du jetzt?«
Diggans gab ihm keine Antwort. Er ging los, legte die dreißig Schritt bis zu den Felsen zurück, verschwand hinter ihnen und tauchte wieder auf.
»Nichts!«
Über sein hageres Gesicht huschte ein spöttisches Lächeln. Gibbons sah es und biß sich auf die Lippen. Neben Gibbons grinste Van Delft unverschämt.
»Du bist auch dreimalklug, was?« fauchte Gibbons giftig. »Ich habe die Verantwortung, oder?«
»Die hast du«, bestätigte Van Delft. Er war klein, mager, säbelbeinig und hatte abstehende Ohren, mit denen er sogar wackeln konnte. Manche Leute nannten ihn einen Gift-zwerg, aber nie so, daß er es hören konnte. Van Delft hatte für seine Kleinheit mächtig lange Arme. Vielleicht war er darum so schnell mit dem Colt. Er pügelte sich niemals, er ließ sich auf keine Schlägerei ein und erledigte seinen Ärger immer mit dem Colt.
Diggans war in Wirklichkeit weder schläfrig noch faul. Wenn er sich auch mit der Langsamkeit eines Mannes bewegte, dessen verhungert wirkendes Knochengestell Ähnlichkeit mit einem Gerippe besaß, das bei einer zu heftigen Bewegung auseinanderfallen könnte – Diggans war mit dem Gewehr nicht zu schlagen. Er konnte im Bruchteil einer Sekunde seine Schläfrigkeit abwerfen, um dann zu dem zu werden, was er wirklich war: ein eiskalter Revolvermann.
Nicht anders war es mit Floyd Gibbons. Der Mann wirkte auf die ersten drei Blicke gemütlich, dick, zufrieden und satt. Man konnte ihn für einen Handelsvertreter halten, der gern ein Mädchen in sie rückwärtigen Rundungen kniff, gutes Essen liebte und gern in eine Flasche oder ein Bierglas sah.
In Wirklichkeit hatte Gibbons elf Männer getötet, und sein treuherziger Blick aus blauen Augen konnte in Sekundenschnelle kalt wie Gletscher-eis werden.
»Ja, die habe ich«, sagte Gibbons finster. »Das ist eine Scheißhitze – das ist ein Scheißtag!«
Er hatte manchmal derartige Stim- mungen, wenn er schwitzte. Und er schwitzte jetzt.
»Ich wette, der da unten war mal Prospektor«, sagte Bolton nasal. »Er muß was in seinen Sachen gehabt haben, das der gemeine Hundesohn, der ihm eine Kugel in den Hinterkopf blies, haben wollte. He, hast du was, Kelley?«
Kelley würgte laut, schüttelte aber den Kopf. Er hatte gar nicht fahren sollen, aber Boltons Partner Nat Fleisher war krank geworden, und so hatten sie ihn bestimmt, obgleich er sonst nur Fracht fuhr.
»Was du nicht alles weißt?« wunderte sich Gibbons. Er mußte seine Wut an jemand auslassen, weil er zu genau wußte, daß Diggans und Van Delft ihn für übertrieben vorsichtig hielten und sich über ihn lustig machten. »Du hörst noch mal die Flöhe husten, du Idiot! Ich sehe mal nach, verstanden?«
Diggans legte seinen Totenschädel schief und blinzelte. Ein Zeichen, daß er nicht dafür war, mit einem Toten die Zeit zu vergeuden. Van Delft räusperte sich, um dann mit seiner Fistelstimme zu krächzen:
»Das ist gegen die Vorschrift, Floyd!«
Floyd Gibbons holte tief Luft, starrte Van Delft finster an und knurrte:
»Scheißvorschrift, Scheißkerl!«
»Wer?« fragte Van Delft und schwenkte sein Gewehr wie absichtslos, bis die Mündung auf Gibbons’ Bauch zeigte.
»Du«, sagte Gibbons. »Wer sonst?«
»Das dachte ich schon«, antwortete Van Delft. »Frag mich nicht, was du bist.«
»Dein Boß.«
»Ehrlich?« höhnte Van Delft.
»Du größenwahnsinniger Schweißfußindianer.«
»Du mickriger Gartenzwerg.«
Gibbons kümmerte sich nicht um das Gewehr Van Delfts und stieg aus. Es gab Tage, an denen Gibbons und Van Delft sich gegenseitig unausgesetzt beschimpften. Von keinem anderen Mann hätte sich Van Delft einen Gartenzwerg nennen lassen, Gibbons erlaubte er das, weil sie sich meist ohne viel Worte verstanden und jeder die Härte und Schnelligkeit des anderen respektierte. Sie wußten, daß sie sich brauchten, aber sie hatten ihren Spaß daran, so zu tun, als wären sie sich spinnefeind.
Gibbons verließ die Stagecoach. Es gab die Vorschrift, die Kutsche niemals zu verlassen und sich um nichts zu kümmern, was jenseits oder diesseits der Route geschah, die sie zu fahren hatten.
Der Mann unten war jedoch so tot, daß er harmloser als ein Kiesel war, über den Gibbons hätte stolpern können. Gibbons lockerte seinen Colt, ehe er den Hang herabstieg, sah sich noch einmal nach Bolton um und erkannte, wie schlecht es Kelley geworden war.
»Wenn dir schlecht ist, dann kotz dich aus«, sagte er zu dem jungen Verlegenheitsfahrer. »Dir ist doch schlecht?«
Kelley war den rauhen Frachtfahrerton gewohnt, so rauh aber hatte er sich diese Männer nicht vorgestellt. Er zuckte zusammen und biß die Zähne aufeinander.
Gibbons hatte den Toten erreicht. Er blieb stehen, sah auf ihn hinunter und fühlte sich irgendwie unbehaglich.
»Was ist?« fragte Bolton von oben.
»Nichts, er ist mausetot«, knurrte. Gibbons. »Er muß was im Rockfutter eingenäht haben, der Hundesohn hat ihm das Futter herausgerissen und…«
Als er abrupt schwieg, beugte sich Bolton vor und reckte den Hals.
»Ist was, Floyd?«
»Eine silberne Taschenzwiebel«, erwiderte Gibbons. Die Uhr lag zerschmettert an dem einen Stein, die Feder sah spiralförmig aus dem Gehäuse, Glassplitter lagen herum, und Gibbons bückte sich, um zu sehen, um welche Zeit die Uhr stehengeblieben war, denn das Zifferblatt schien nichts abbekommen zu haben. »Das muß ein Strolch gewesen sein. Er hat die Uhr am Stein zerschmissen, der Satansbraten. Man sollte diese Kerle…«
Er hatte sich gebückt, nahm die Uhr auf und sagte dann kein Wort mehr.
Als er sich bückte, verdeckte er Bolton die Sicht auf den Toten.
Und was dann passierte, hätte einen herzkranken Mann todsicher mit einem Herzschlag umkippen lassen.
Der von Gibbons für ablolut tot gehaltene Mann schnellte blitzartig mit dem Oberkörper in die Höhe. Seine verkrampfte, starre Hand, die in der Nähe seines Hutes in den Steinsand gekrallt gewesen war, warf mit einer zuckenden Bewegung die Hutkrempe hoch, schnappte zu und hielt jäh einen Bullcolt schußbereit.
Und dann saß der kurze, dicke Lauf der Waffe Floyd Gibbons mitten auf der Weste, die preßte sich in Gibbons’ Kugelbauchansatz.
*
Gibbons erstarrte zur Salzsäule. Er war sicher gewesen, daß der Mann tot war.
Der Schock, daß ein Toter lebendig werden konnte, traf Gibbons wie ein Fausthieb in die Magengrube. In der steckte nun auch die Mündung des Bullcolts, und Gibbons starrte aus weit aufgerissenen Augen in das blutverschmierte Gesicht des Mannes.
Die Hand des ausgeplünderten Burschen schnellte vorwärts. Sie packte den von Gibbons eine halbe Minute vorher gelockerten schweren Vierundvierziger und riß ihn mit einem Ruck aus dem Halfter.
Bis zu diesem Augenblick waren keine vier Sekunden vergangen. In den vier kümmerlichen Sekunden begriff Gibbons, daß er nicht nur einen, sondern einen ganzen Haufen Fehler begangen hatte.
Die Stagecoach hatte so gehalten, daß Gibbons nun mit seinem breiten Kreuz den angeblichen Toten verdeckte und Bolton nur auf den Kerl feuern konnte, wenn er zuvor Gibbons mittendurchschoß. Die einzige Chance besaß vielleicht noch der verfressene Diggans. Der mickrige Van Delft mußte erst aus der Kutsche springen, wenn er den Kerl vor sein Gewehr bekommen wollte.
In vier schäbigen Sekunden erkannte Floyd Gibbons die Aussichtslosigkeit seiner Lage. In der fünften stieß ihm der Kerl seinen eigenen Colt gegen den Unterkiefer. Er tat es, ehe Gibbons das Maul aufmachen und Diggans warnen konnte. In der sechsten Sekunde schnellte der angeblich Tote in die Höhe, in der siebenten kauerte er in der Hocke vor Gibbons. Und dann schob er Gibbons’ Kopf nach hinten.
Erst jetzt stieß Bolton einen heiseren Fluch aus.
»Diggans, da unten – die Hölle, der Kerl ist gar nicht…«
Diggans bewegte sich, nachdem es unten so still geworden war und Stille für Diggans immer eine schlimme Bedeutung hatte, mit der Geschwindigkeit einer Kanonenkugel. Der Mann, den man auf den ersten Blick für faul und träge hielt, sauste blitzschnell um die Stagecoach, duckte sich und riß sein Gewehr hoch.
Im gleichen Moment schnellte der blutbeschmierte Bursche unten herum. Gibbons taumelte zurück, die Schußlinie zu Diggans war jetzt durch Gibbons verdeckt, und der Mann sagte scharf und giftig:
»Diggans, stehenbleiben! Stehenbleiben, du Narr, oder Gibbons hat keinen Kopf mehr!«
Gibbons brach der kalte Angstschweiß aus. Er hörte, wie Diggans oben Steine beim Laufen in Bewegung brachte. Diggans lud durch, und das scharfe Klicken ließ Gibbons heftig die Luft einziehen.
»Diggans!«
Der hagere Vielfresser sah nichts als die Schulter des angeblich Toten, aber er sah deutlich, daß Gibbons den Kopf in den Nacken genommen hatte und der Colt unter der Kinnlade Gibbons’ aufsaß.
»Verfluchte Sauerei!«
Das war alles, was Diggans sagte, ehe er stehenblieb und sein Gewehr senkte.
Van Delft hatte sich in der Kutsche geduckt. Er kroch in diesem Moment zwischen den Sitzen durch und öffnete leise die Kastentür an der dem Hang abgewandten Seite. Dann wollte Van Delft sich aus der Kutsche stehlen.
»Van Delft, komm nur heraus, aber mit erhobenen Händen!« fauchte der Mann unten in derselben Sekunde. »Verdammt, komm heraus und streck die Hände über den Kopf, sieh dir erst Gibbons an, ehe du verrückt spielst, Mister.«
Der mickrige Giftzwerg blieb einen Moment mit einem Bein auf dem Trittbrett stehen. Sein Blick traf Diggans, und der zischte:
»Mach es, er schießt Gibbons sonst den Schädel herunter.«
Van Delft kannte den hageren Diggans zu gut. Wenn Diggans etwas sagte, dann übertrieb er niemals.
»Gibbons, sage es ihm«, knurrte der Mann jetzt unten. »Los, sage es ihm!«
Der Colt wurde etwas weniger
hart gegen Gibbons’ Unterkiefer gedrückt.
»Tim!« keuchte Gibbons und versuchte nach oben zu schielen, um zu erkennen, was Van Delft nun machte. »Tim, er hat mich, der Hundesohn, ich kann nichts tun, er drückt ab.«
»Sage nicht noch einmal Hundesohn«, zischte der Mann. »Van Delft, wird es bald?«
»Scheißspiel«, sagte Van Delft. Er fluchte wild, stieg aus und kam mit erhobenen Armen um die Kutsche. »Floyd, sagte ich nicht was über unsere Vorschrift? Jetzt haben wir es, was?«
Er wechselte einen Blick mit Diggans, während er weiter ging und sich Diggans näherte. Der hielt den Kopf gesenkt, blinzelte einmal nach dem großen Felsbrocken am Rand des Fahrweges und Van Delft begriff, was Diggans ihm mit dem Blinzeln sagen wollte. Der hagere Mann konnte, wenn Van Delft es schaffte, den Kerl unten einen Moment abzulenken, hinter den Felsblock hechten. Dann war Diggans in der Flanke des Burschen und konnte ihn vielleicht erwischen.
In der nächsten Sekunde erstarrten sie beide.
»Du langbeiniger Hurensohn könntest springen«, sagte der Mann eiskalt, und Diggans kroch eine Gänsehaut über den Nacken. »Du würdest nur nicht an den Block kommen. Van Delft – Gurt auf und samt Colt herunterwerfen. Keinen Trick, Leute.«
Diggans fluchte lästerlich. Van Delft verzog das Gesicht, als hätte man ihm eine abgeschälte Zitrone zu fressen gegeben. Dann siegte Van Delfts Kaltschnäuzigkeit, und der kleine Mann fragte lauernd:
»Wen willst du alles erschießen, Halunke? Zuerst Gibbons, und wen dann? Du glaubst doch nicht, daß du nach Gibbons noch einen von uns treffen könntest?«
»Dann versuch es doch«, erwiderte der Mann eisig. »Diggans kann springen, du kannst dich hinwerfen und versuchen zu schießen. Fang es an, ich warte nur darauf.«
Er stieß den Colt hart nach oben. Gibbons stöhnte vor Schmerz und keuchte dann entsetzt:
»Der blufft nicht, er bringt mich um, Tim. Keinen Versuch, etwas zu ändern, Mann.«
»Ist das ein Befehl?« fragte Van Delft. »Du gibst sie, und wir gehorchen wie immer. Floyd, überlege genau. Er wagt es nicht…«
»Eins«, unterbrach ihn der blutverschmierte Bursche. »Zwei. Bei drei drücke ich ab, du kleiner Giftpilz. Fliegt dein Gurt bald herunter? Zweieinhalb…«
»Tu es«, schrie Gibbons durchdringend. »Tim, tu es. Wenn er dich hätte, würde ich…«
»Mich würdest du killen lassen«, antwortete Van Delft voller Grimm. »Aber nun bist du es, und du hast die Hosen gestrichen voll. In Ordnung, du kannst es haben, aber ich halte beim Boß nicht den Kopf für dich hin. Wir hätten eine Chance, ihn zu erledigen.«
In derselben Sekunde ruckte der Bullcolt des Mannes herum, verließ Gibbons’ Magengrube und richtete sich auf Van Delft. Der kleine Mann erstarrte einen Moment, bis er breit grinste.
»Elf Schritt, und du willst was treffen mit dem Ding?« erkundigte er sich höhnisch. »Da müßtest du aber lange zielen und mächtig Glück ha…«
Weiter kam er nicht. Er war ganz sicher, daß der Mann nicht zu ihm hingeblickt hatte, als der Bullcolt eine Feuerlanze ausstieß und die Kugel Van Delfts Kugelgießer packte. Im Brüllen des Schusses glaubte Van Delft den Luftzug der Kugel zu spüren. Dann flog ihm der Hut vom Schädel.
»Bist du jetzt noch überzeugt, daß ich nur Gibbons erwischen würde?« fragte der Kerl bissig. »Wenn du jetzt nicht deinen Gurt abschnallst, hast du die nächste Kugel im Bauch und verreckst verdammt langsam, Garten-zwerg.«
Van Delft war kreidebleich geworden. Diggans starrte schmaläugig auf den Mann hinunter. Er hatte ihn beobachtet und wußte nun, daß der Bursche weit gefährlicher war, als sie gedacht hatten. Der Mann hatte ohne anzuschlagen gefeuert, er war ein sogenannter Blindschütze mit dem sechsten Sinn für die genaue Richtung seines Schusses.
Auch Van Delft begriff es jetzt. Er hatte nur einmal einen Blindschützen gesehen und zuerst nicht glauben wollen, daß man ohne zu zielen etwas treffen konnte. Van Delft schnallte den Gurt mit der Linken auf, warf ihn herunter und wechselte einen Blick mit Diggans. Der war damals dabei gewesen, als jener Blindschütze auf dem Jahrmarkt aufgetreten war.
»Wie in Albuguerque«, stieß Diggans durch die Zähne. »Tim, erinnerst du dich an den Kerl? Langsam, Mister, mein Gewehr kommt schon.«
Er warf die Waffe auf den Hang und seinen Gurt samt Colt hinterher.
Bolton stieß sein Gewehr vom Bock herunter. Kelley saß wie erfroren neben ihm und starrte auf Gibbons.
»Runter!« befahl der Mann scharf. »Auf diese Seite, Leute!«
Bolton gehorchte wortlos. Kelley sah ihm nach, und sie blieben neben der Kutsche stehen.
»Vierzig Schritt zurückgehen, alle!«
Van Delft kniff die Lippen zusammen. Er hatte nur noch wenig Haare auf dem Schädel und sah zu seinem Hut, denn die Sonne brannte, und er war es gewohnt, einen Hut zu tra-gen. Aber er wagte nicht, sich zu bükken.
»Irgendwann sehen wir uns wieder, Mister«, knirschte Van Delft. »So hat mich noch niemand hereingelegt.«
»Geht!«
Das blieb alles, was der Mann sagte. Er behielt sie im Auge, während sie am Straßenrand entlanggingen und in einiger Entfernung stehenblieben. Dann trat er zurück, Gibbons war frei und starrte ihn finster an. Wut und Scham machten Gibbons rasend. Er war kein Mann, der eine Niederlage schlucken konnte und Fehler zugab. Eine Minute war er feige gewesen, und er wußte nun, daß er in den Augen von Diggans und Van Delft ein ganzes Stück kleiner geworden war. Er hatte versagt, weil er Angst gehabt hatte.
»Geh!« sagte der Mann kalt. »Du änderst es nicht mehr, Gibbons!«
