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Das Bild ging um die Welt: eine kahle Maus, auf deren Rücken ein menschliches Ohr wuchs. Was die Forschung als Durchbruch feierte, ließ die meisten Betrachter erschaudern. Doch weder die Sorgen angesichts der genetischen Veränderung des Lebens, weder die Angst vor den unbekannten Kosten des Fortschritts noch Großkatastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima können die Wissenschaft in ihrem Glauben an das eigene Tun erschüttern. Dabei lassen sich dessen Folgen immer weniger abschätzen, geschweige denn beherrschen. Konrad Adam fragt in seiner Streitschrift, wie mächtig eine Wissenschaft sein darf, die sich der Utopie der unbegrenzten Planbarkeit hingibt, für Fragen der Moral aber blind ist. In einer großartigen Synthese aus Zeitdiagnose und Kulturkritik zeigt er anhand von Beispielen aus der Atomphysik und der Biotechnologie, der Verhaltensforschung und der Weltraumfahrt, in welche Widersprüche sich die Wissenschaft verstrickt hat – und fordert eine Rückbesinnung auf die Natur als Maßstab für den Fortschritt. Ein ebenso eindringliches wie provokantes Buch, das unsere Sicht auf die «Wissensgesellschaft» radikal verändert.
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Seitenzahl: 333
Veröffentlichungsjahr: 2012
Konrad Adam
Der gefährliche Irrweg der Wissenschaft
Das Bild ging um die Welt: eine kahle Maus, auf deren Rücken ein menschliches Ohr wuchs. Was die Forschung als Durchbruch feierte, ließ die meisten Betrachter erschaudern. Doch weder die Sorgen angesichts der genetischen Veränderung des Lebens, weder die Angst vor den unbekannten Kosten des Fortschritts noch Großkatastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima können die Wissenschaft in ihrem Glauben an das eigene Tun erschüttern. Dabei lassen sich dessen Folgen immer weniger abschätzen, geschweige denn beherrschen. Konrad Adam fragt in seiner Streitschrift, wie mächtig eine Wissenschaft sein darf, die sich der Utopie der unbegrenzten Planbarkeit hingibt, für Fragen der Moral aber blind ist. In einer großartigen Synthese aus Zeitdiagnose und Kulturkritik zeigt er anhand von Beispielen aus der Atomphysik und der Biotechnologie, der Verhaltensforschung und der Weltraumfahrt, in welche Widersprüche sich die Wissenschaft verstrickt hat – und fordert eine Rückbesinnung auf die Natur als Maßstab für den Fortschritt. Ein ebenso eindringliches wie provokantes Buch, das unsere Sicht auf die «Wissensgesellschaft» radikal verändert.
Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, September 2012
Copyright © 2012 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Lektorat Bert Hoppe
Umschlaggestaltung: Frank Ortmann
Umschlagabbildungen: akg-images: Getty Images
ISBN Buchausgabe 978-3-87134-730-6 (1. Auflage 2012)
ISBN Digitalbuch 978-3-644-11201-8
www.rowohlt-digitalbuch.de
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Vorwort
1 Das Fest auf dem Hohen Meißner
2 Der Glaube an die Wissenschaft
3 Experimente und ihre Opfer
4 «Wir wollten nicht können»
5 «Wir wollten und konnten»
6 Feindschaft gegen die Natur
7 Raumfahrt ist not!
8 Der hörige Fachmann
9 Orientierung durch Wissenschaft?
10 Die Schöpfer des neuen Menschen
11 Die Macht der Wissenschaft
12 Zurück zur Natur?
13 Die Mythen der Physiker
14 Altes Wissen, neues Denken
15 Erlöste und unerlöste Natur
Schlusswort
Anmerkungen
Literatur
Die Zukunft ist ungewiss; das ist sicher. Man kann sie allenfalls aus dem, was war, erschließen. Wer das versucht, stößt in den Naturwissenschaften, dem harten Kern der Neuzeit, auf ein ergiebiges Terrain. Denn ihre Wortführer haben über ihre Motive und ihre Absichten immer wieder gern und erschöpfend Auskunft gegeben. Vom Glauben an den Fortschritt getragen, haben sie und ihre Verwandten, die Techniker und Ingenieure, die Lebensumstände der Menschen gründlicher verändert als jeder andere Beruf. Und alles spricht dafür, dass das so bleiben wird.
Wer sich nach ihren Beweggründen erkundigt, erhält ganz unterschiedliche Antworten; angesichts der eigenwilligen Charaktere, denen er da begegnet, ist das kein Wunder. «Den» Forscher als einheitlichen Typ gibt es genauso wenig wie «die» Forschung als geschlossenes Unternehmen. Einige typische Züge schälen sich aber doch heraus: zunächst die Überzeugung, dass das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, sich die Natur also durch Zählen, Wiegen und Messen vollständig entziffern lässt. Sodann der Glaube, der Wirklichkeit auf dem Wege des Experiments, bei dem der Wissenschaftler Fragen stellt, die von der Natur beantwortet werden müssen, auf die Spur zu kommen. Und schließlich der Wille, theoria cum praxi zu verbinden, wie es bei Leibniz heißt, das Erkannte also praktisch wirksam werden zu lassen und die Natur zu verändern.
Das Programm war überaus erfolgreich. Die Geschichte von den Siegen, die Wissenschaft und Technik über die Natur errungen haben, ist oft genug erzählt worden; sie soll hier nicht noch einmal erzählt werden. Vor allem deshalb nicht, weil die Gegenrechnung, die es ja auch noch gibt, täglich länger wird. Es geht um Schäden, die kleingeredet, um Verluste, die nicht mehr wahrgenommen, und um Kosten, die auf fremde Länder und ferne Zeiten abgeschoben werden. Schon heute ist der Aufwand, der getrieben wird, um mit der Hinterlassenschaft des Fortschritts fertigzuwerden, gewaltig; und zunehmend übersteigt er die Erträge.
Das hat die Marschkolonne der progressiven Wissenschaften auseinandergerissen. Neue, alternative, aufsässige Formationen sind entstanden, die nicht nur das Tempo, sondern auch die Richtung des Fortschritts ändern wollen. Der Bekenntnischarakter der Wissenschaften ist immer deutlicher hervorgetreten; wie in den Großkirchen gibt es Liberale und Altgläubige, Fortschrittsapostel und Endzeitprediger, Skeptiker, Leugner und Fundamentalisten, die sich wie alle Sekten hart bekämpfen. Man kann das als Zeichen dafür nehmen, dass die Naturwissenschaft, ähnlich wie die Kirche, in einer Krise steckt.
Die Leute merken das und reagieren empfindlich, je nach Temperament mit Vorbehalten, Ratlosigkeit oder offener Empörung: eine Entwicklung, auf die sich Politiker, Unternehmer und Wissenschaftler einstellen sollten, um von den Protesten nicht immer wieder überrollt zu werden. Die Zeit, in der technisch anspruchsvolle Projekte lauthals begrüßt, zumindest aber doch geduldet wurden, ist offenbar vorbei. Wer jetzt im alten Stil weitermachen will, muss die Bilanz frisieren oder den Leuten nach Art der Weltraumfahrer, Experimentalphysiker oder Reproduktionsmediziner das Blaue vom Himmel versprechen. Alle diese Disziplinen leben vom Prinzip Hoffnung und werden nicht etwa deshalb so hoch subventioniert, weil sie so viel leisten, sondern weil sie viel mehr versprechen.
Natürlich bietet sich die Naturwissenschaft auch hier als Helferin aus allen Nöten an; wo täte sie das nicht? Aber braucht man tatsächlich immer mehr von ihr, um die Wunden, die sie geschlagen hat, zu heilen? Steht sie der Rückkehr in eine Natur, der sich der Mensch als Mitbewohner zugehörig fühlt, nicht oft genug im Wege? Ist Fortschritt das richtige Rezept, um die Rückschläge zu vermeiden, mit denen sich die belebte und die unbelebte Natur gegen die Zumutungen dieses Fortschritts zur Wehr setzt? Ist es nicht Zeit für eine Ruhe nach dem Sturm? Und ist die Natur nicht zu wichtig, um sie dem Spieltrieb von Wissenschaftlern zu überlassen?
Die folgende Darstellung versucht, einzelne Aspekte der neuzeitlichen Forschung herauszustellen: ihre Glaubensbereitschaft, ihren Machtanspruch, ihre Selbstbezogenheit, ihre Freude am Experiment, ihre Einäugigkeit, ihren Mangel an Orientierung, ihre Ruhmredigkeit und ihre Aufschneiderei. Großprojekte aus den Bereichen der Kernphysik, der Raumfahrt, der Biotechnologie, des Ingenieurwesens und der Informatik dienen als Musterfälle. Das Ganze ist eingebettet in zwei kurze Stücke, die daran erinnern sollen, dass alles, was frühere Zeiten in der Natur gefunden haben, immer noch da ist. Man muss es nur entdecken.
Im Herbst des Jahres 1913 schwankten die Völker Europas zwischen der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft und der Angst, von dieser Zukunft nicht viel zu erleben. Die führenden Mächte hatten, jede auf ihre Art, eine Periode beispiellosen Wachstums hinter sich gebracht, eine Erfahrung, die sie zunächst hungrig und dann gierig gemacht hatte und die sie schließlich, als es auf den bekannten Wegen nicht mehr weiterging, in einen Zustand kollektiver Depression versetzte, aus dem nur die Gewalt einen Ausweg zu versprechen schien. Im Handel, in der Finanz-, der Rüstungs- und der Außenpolitik war alles auf Zuwachs eingestellt; als der an seine Grenzen stieß und weitere Gewinne nur noch zulasten der Nachbarn möglich schienen, kamen sich die Großmächte immer häufiger ins Gehege. Das verdüsterte den Ausblick in die ersehnte Zukunft, machte ungeduldig und begünstigte das Gefühl, dass die Zeit reif sei zur Entscheidung, die schließlich Krieg hieß.
In Deutschland, der europäischen Mittelmacht, die überall an irgendwelche Grenzen stieß, saßen die Zweifel besonders tief. Das Bewusstsein, in einer Krisenzeit zu leben, war unter den Stimmführern des Reichs weit verbreitet; obwohl das Land gut verwaltet wurde, obgleich die Wirtschaft florierte, das Bildungswesen höchste Anerkennung genoss und sein stolzestes Erzeugnis, die deutsche Wissenschaft, herrliche Zeiten verhieß, war man mit dem Erreichten unzufrieden. Die Deutschen fühlten sich beengt, sie suchten einen Platz an der Sonne, wussten aber nicht, wo er zu finden und wie er zu erobern war.[1] Europa, meinte Hermann Hesse im Rückblick auf diese Jahre, sei müde geworden, wolle heimkehren, sich ausruhen, «umgeschaffen und umgeboren werden». Es sehne sich nach Verjüngung, nach einer Rückkehr zu den Quellen, zu den faustischen Müttern: ein Untergang, den allerdings «nur wir, wir Zeitgenossen» als Abschied empfänden, «so wie beim Verlassen einer alten geliebten Heimat nur die Alten das Gefühl von Trauer und unwiederbringlichem Verlust haben, während die Jungen nur das Neue, die Zukunft sehen». Wie meistens lagen Furcht und Hoffnung eng beieinander, aber die Furcht überwog.[2]
Die vage Angst, zu spät zu kommen, um die Dinge zu ändern und das Land vor dem Absturz zu bewahren, lag wie ein Schatten über dem Fest, zu dem die Freideutsche Jugend am 12. Oktober 1913 auf den Hohen Meißner, einen Höhenzug im Norden Hessens, eingeladen hatte. Der Feind, dem man entgegentreten wollte, stand allerdings nicht jenseits, sondern diesseits der Landesgrenzen: Es war der Materialismus in seinen vielfältigen, mehr oder weniger bürgerlichen Erscheinungsformen. Man rebellierte gegen die billigen Freuden und die banalen Errungenschaften der Moderne, gegen ihre leere Betriebsamkeit und ihre Liebedienerei vor der profanen Trinität aus Wirtschaft, Wachstum und Wissenschaft. Aus grauer Städte Mauern, wie es in einem bekannten Lied des Wandervogels hieß, waren die Studenten aus allen Teilen des Landes, viele von ihnen über weite Strecken zu Fuß, auf die Hochfläche des Meißners gekommen, um dort, umgeben von Wiesen und Wäldern, mit der Zivilisation abzurechnen. Sie waren Deutsche, wie Nietzsche sie beschrieben hat, «von vorgestern und von übermorgen»: fremd in der Gegenwart, heimisch im Niemandsland zwischen einer verklärten Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. Was sie vereinte, war die Sehnsucht nach dem «Erlebnis». Sie suchten es überall, auf großer Fahrt, im großen Krieg oder beim großen Fest, nur nicht in den Pflanzstätten des akademischen Betriebs, in Hörsälen, Bibliotheken und Laboratorien; das hätte ihr «Erkenntnisekel», ein Schlüsselwort der Zeit, nicht zugelassen. Ausgerechnet über die Wissenschaft den Weg zurück in die Natur zu finden, wäre ihnen absurd und aussichtslos, ja geradezu blasphemisch vorgekommen. Sie wollten erlöst werden vom Intellektualismus der Wissenschaft, um so «zur eigenen Natur und damit zur Natur überhaupt zurückzukommen».[3]
Die Wahl ihres wichtigsten Redners, Ludwig Klages, entsprach dieser Stimmung. Klages hatte sich als Psychologe und Graphologe einen Namen gemacht und war eine Zeitlang Mitglied der Münchner Kosmiker-Runde gewesen, eines esoterischen Zirkels, der sich wie viele ähnliche Gruppierungen dieser Zeit der Lebensreform verschrieben hatte. Die hohen Erwartungen, die sich mit seinem Auftritt verbanden, erfüllte er glänzend. Nachdem er der Technik und der Wissenschaft eher beiläufig seinen Respekt bezeugt hatte – «Die Höhe der Wissenschaft sei zugegeben, wie wenig sie auch vor jeder Anfechtung sicher ist; die der Technik steht außer Zweifel» –, stellte er sie im weiteren Verlauf seiner Rede immer deutlicher als seine eigentlichen Gegner heraus. Den «wetterfesten Redensarten» vom Fortschritt, von der Nützlichkeit und vom Vorrang der Ökonomie bestritt er das Recht, sich zu obersten Grundsätzen des Handelns aufzuwerfen, die Entwicklung zu lenken und die Zukunft zu bestimmen. Dann kam er auf die Schattenseiten dieser Entwicklung zu sprechen, verwies auf die Opfer aus der Welt der Tiere und Pflanzen, erinnerte an die Verschandelung der Landschaft, beklagte den Verlust an gewachsener Vielfalt und ließ kaum eines der vielen Stichwörter aus, die heute, wo es der Umweltschutz zum grundgesetzlich garantierten Staatsziel gebracht hat, landauf, landab zu hören sind. Liest man die Rede heute, wirkt sie in vielem wie ein Vorgriff auf die lapidare Feststellung, mit der gut dreißig Jahre später Horkheimer und Adorno ihre «Dialektik der Aufklärung» eröffnen sollten: dass die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils strahlt.
Was Klages von den beiden Dialektikern unterscheidet, ist seine Anschaulichkeit und sein Verzicht auf die Wonnen der Theorie. Das verführt ihn zum hohen Ton und zu einem aggressiven Pathos, bewahrt ihn aber vor dem kühlen Fatalismus, der die «Dialektik der Aufklärung» zu einer so deprimierenden Lektüre macht. Selbst tief verletzt durch die technisch entstellte Natur, ruft Klages seine Zuhörer zur Empörung auf, indem er schildert, was er sieht: «Dieselben Schienenstränge, Telegraphendrähte, Starkstromleitungen durchschneiden mit roher Geradlinigkeit Wald und Bergprofile, sei es hier, sei es in Indien, Ägypten, Australien, Amerika; die gleichen grauen vielstöckigen Mietskasernen reihen sich einförmig aneinander, wo immer der Bildungsmensch seine segenbringende Tätigkeit entfaltet; bei uns wie anderswo werden die Gefilde verkoppelt, das heißt, in rechteckige und quadratische Stücke zerschnitten, Gräben zugeschüttet, blühende Hecken rasiert, schilfumstandene Weiher ausgetrocknet; die blühende Wildnis der Forste von ehedem hat ungemischten Beständen zu weichen, soldatisch in Reihen gestellt und ohne das Dickicht des schädlichen Unterholzes; aus den Flussläufen, welche einst in labyrinthischen Krümmungen zwischen üppigen Hügeln glitten, macht man schnurgerade Kanäle; die Stromschnellen und Wasserfälle … haben elektrische Sammelstellen zu speisen, Wälder von Schloten steigen an ihren Ufern empor … kurz, das Antlitz der Festländer verwandelt sich allgemach in ein mit Landwirtschaft durchsetztes Chicago.» Und nur mit Hohn erwähnt er die Touristen, die mangels anderer Maßstäbe und ohne Sinn für die Schönheiten einer noch unberührten Landschaft beim Anblick eines Kartoffelfeldes Natur zu sehen glauben «und höhere Ansprüche befriedigt sehen, wenn in den mageren Chausseebäumen einige Stare oder Spatzen zwitschern».
Klages besteht auf dem Recht der Sinne, aus dem bei ihm sehr schnell, gelegentlich wohl auch zu schnell, ein Vorrecht wird. Wie für Goethe, seinen überall präsenten Gewährsmann, ist auch für ihn das Denken wichtiger als das Wissen, «aber nicht als das Anschauen». Was er den Naturwissenschaften in ihrer theoretischen und angewandten Form zum Vorwurf macht, ist ihr Verzicht auf Sinnlichkeit und Ästhetik; wo er von den Schönheiten der Natur schwärmt, erwähnt er nicht nur das harmonische Erscheinungsbild, sondern auch das «Klingen und Duften der deutschen Landschaft». Er selbst hat dafür später die Formel vom Geist als Widersacher der Seele gefunden; sie wurde zum Gemeingut seiner Zeit und findet sich in ähnlichen Formen auch bei Georg Simmel (wo sie als Gegensatz von Verstand und Gefühl auftaucht) und bei Ernst Jünger (der im Jargon des Staatsrechtslehrers den Geist des Hochverrats gegen das Leben bezichtigt). Gemeinsam ist allen diesen Antinomien die Erbitterung, mit der sie sich gegen die von der Aufklärung betriebene Entzauberung der Welt wenden. Sie verrechnen ihre unbestrittenen Gewinne mit den Verlusten an Ruhe und Geborgenheit und kommen zu dem Schluss, dass der Fortschritt seinen Preis nicht wert war. Klages war einer der Ersten, der das tat, und wurde so zum Ahnherrn der Grünen, die von dieser Abkunft heute aber nichts mehr wissen, wahrscheinlich auch nichts wissen wollen, da Klages als ein Rechter gilt. Er kannte sich aus im Haushalt der Gefühle, erinnerte an den unbewussten Zusammenhang, der den Menschen mit der belebten und der unbelebten Natur, mit Pflanzen und Tieren, Wasser und Wolken, Steinen und Sternen verbindet, und verteidigte die unverstellte Wahrnehmung gegen die Herrschaft des wissenschaftlichen Kalküls. Seine Rede auf dem Hohen Meißner schloss er mit dem Wunsch, den Menschen die Augen zu öffnen für die Schönheiten der Natur: Das, meinte er, sei «das Einzige, was wir vermögen».[4] Heute, ein ganzes Jahrhundert später, sieht es so aus, als hätte er sich überschätzt.
Der Meißner liegt, umgeben von geschichtsträchtigen Orten wie Göttingen und Eisenach, dem Kyffhäuser und Frankenhausen, im Herzen Deutschlands, hat aber dank seiner Unzugänglichkeit den Einbruch der Moderne ziemlich gut überstanden. Zusammen mit dem Kaufunger Wald wurde er in den Rang eines Naturparks erhoben, was zwar nicht viel bewirkt, aber doch manches verhindert hat. Der Basaltsteinbruch, der den Berg von Norden her angefressen hatte, wurde eingestellt, vom Braunkohletagebau, der mittlerweile gleichfalls aufgegeben wurde, zeugen nur noch ein paar seichte Tümpel am Osthang des Berges. Die großen Verkehrsadern, die Autobahn im Westen und die Bahntrasse im Osten, umgehen das Massiv in gehörigem Abstand; die einzige Straße, die den Gipfel erreicht und überquert, ist wenig befahren, auch wenn sie aus Reklamegründen als Deutsche Märchenstraße angepriesen wird. Wer von Eschwege, der nächstgelegenen Bahnstation, zu Fuß hinaufwill, geht stundenlang durch grüne Buchenwälder, im Frühling übersät mit Buschwindröschen, bis er, knapp unterhalb des Gipfels, die Hochfläche erreicht, von der aus sich der Blick nach Westen öffnet, in Richtung Kassel und weiter bis ins Sauerland. Wenn man die rot-weiß angemalten Sendemasten weiter oben und, weiter unten, den Skilift vergisst, kann man sich einreden, inmitten unberührter Natur zu sein. Gleich neben dem Parkplatz am Ende der kurzen Stichstraße, die zum Meißnerhaus führt, erinnert ein Gedenkstein an das Fest, das den Berg zu einem Symbol für den Naturschutz in Deutschland gemacht hat.
Hier, weit entfernt vom Alltag, darf die Erinnerung wachgehalten werden. Ansonsten weiß das unternehmerische Bewusstsein mit dem Gedanken, dass es sich lohnen könnte, die Natur um ihrer selbst zu erhalten, nicht viel anzufangen. Naturschutz rechnet sich nun einmal nicht, zumindest nicht in den Bilanzen der Energieproduzenten; da taucht er nur als Kostenfaktor auf, der museal gepflegt werden kann, vielleicht auch soll, solange er den ehernen Gesetzen der Marktwirtschaft nicht in die Quere kommt, aber beiseitegeräumt werden muss, wenn es der gebieterische Ruf nach Arbeit, Wachstum und dergleichen verlangt. Neben dem Rothaargebirge und dem Thüringer Wald haben die Wachstumsfreunde auch den Meißner dazu ausersehen, von einer der neuen Energieschneisen durchschnitten zu werden, über die der Strom vom windreichen Norden in den sonnenreichen Süden Deutschlands geführt werden soll. Endlose Freileitungen mit ihren riesigen Gittermasten, ausladenden Querträgern, meterlangen Isolatoren und armdicken Trossen müssen nun einmal her, um die Gebietsmonopole zu verteidigen, auf die sich die vier großen deutschen Energieproduzenten stillschweigend verständigt haben.
Natürlich regt sich gegen solche Ausbaupläne Widerstand; wo nicht? Aber die Politik weiß, wie sie mit solchen Hindernissen fertigwird: mit einem Energiestraßenausbaubeschleunigungsgesetz, dem zeitgemäßen Nachfolger des Verkehrswegeausbaubeschleunigungsgesetzes, das seinerzeit, kurz nach der Wende, die neuen Bundesländer verkehrstechnisch auf die Höhe der neuen Zeit gebracht hatte. Nach dem ersten Ersatzgott der Moderne, dem Verkehr, verlangt auch der zweite, die Energie, seinen Tribut, und die Deutschen beeilen sich, aller Welt zu beweisen, zu was für Opfern sie bereit sind, wenn es darum geht, nach der politischen Wende und der Wende im Straßenverkehr nun auch die Energiewende zu bewältigen.
Um eine ältere Wegmarke des Fortschritts zu entdecken, muss man hinabsteigen ins Tal der Werra. Nach ein paar Wegstunden durch Wald und Wiesen erreicht man dann die Gegend, in der die Befestigungsanlagen, mit denen die DDR ihren Bewohnern die Flucht in den Westen verlegen wollte, am weitesten ins feindliche Ausland vorgestoßen waren. Nördlich von Bad Sooden-Allendorf verlief die Demarkationslinie mitten in der Werra, die damit, ähnlich wie die Elbe weiter nördlich, auf einige Kilometer zum Grenzfluss zwischen Ost und West wurde. Die Machthaber nahmen das zum Anlass, das ohnehin schon einschüchternde Befestigungssystem noch einmal zu verstärken. Von den Zäunen, den Minenfeldern, den Sichtblenden, den Scheinwerfern und den Selbstschussanlagen, die damals zum Schutz der Grenze angelegt und gepflegt worden waren, ist heute nichts mehr zu sehen; was nicht verschrottet oder der Natur zurückgegeben wurde, wanderte ins Museum, wo die automatischen Waffen, die Kettenfahrzeuge und die Kampfhubschrauber der Nationalen Volksarmee zusammen mit den übrigen martialischen Errungenschaften der DDR besichtigt werden können.
Für die Natur war diese schlimme Zeit das reine Glück. Als Sperrgebiet, das nur mit einer Sondererlaubnis betreten werden durfte, wurde der kilometertiefe Grenzstreifen zum Refugium für allerlei Tier- und Pflanzenarten, die anderswo ums Überleben kämpfen müssen, falls sie den Kampf nicht schon längst verloren haben. Man findet dort den Frauenschuh und das Schwarzkehlchen, mit sehr viel Glück sogar den Luchs; wo sich der Mensch zurückzieht, atmet die Natur auf, und nicht nur hier im Werratal. Die Thüringer Landesregierung hat daraus die einzig richtige Konsequenz gezogen und den ehemaligen Grenzkorridor unter dem Namen «Grünes Band» zum ökologischen Schutzgebiet erklärt; das allerdings durch Straßenbauten und die Leitungstrassen immer wieder angefressen wird.
Um die nächste Station auf dem Kreuzweg der Moderne zu erreichen, muss man noch etwas tiefer hinab, diesmal bis unter die Erde. Im nordöstlichen Winkel des Eichsfelds, keine zwei Tagesmärsche vom Werratal entfernt, liegt der Kohnstein, ein Bergrücken von wenig mehr als dreihundert Metern Höhe, äußerlich unansehnlich, im Inneren dagegen voll von Erinnerungen an Spitzenerzeugnisse der deutschen Militärtechnik aus der Zeit des Dritten Reichs. Als die Waffenproduktion im Zweiten Weltkrieg unter den Schlägen der alliierten Luftwaffen ins Wanken geriet, wurden die Fertigungsanlagen unter die Erde verlegt; diejenigen für die Wunderwaffen V1 und V2, mit denen sich die phantastischsten Hoffnungen auf eine späte Wende des längst verlorenen Krieges verbanden, kamen unter den Kohnstein, nachdem ein Luftangriff den ursprünglichen Standort in Peenemünde am nordwestlichen Ende der Insel Usedom vollständig zerstört hatte. Um die Produktion wieder in Gang zu bringen, mussten Tausende von Häftlingen aus dem nahegelegenen Konzentrationslager Buchenwald zwei hohe, parallellaufende Stollen durch den Berg treiben. Untereinander durch zahlreiche Quertunnel verbunden, bildeten sie eine riesige unterirdische Waffenschmiede. In den finsteren und feuchten, vom Kunstlicht nur spärlich erhellten Katakomben wurden von 1943 bis zum Ende des Krieges die Flugbomben und ballistischen Raketen zusammengebaut, die dann auf London und Antwerpen niedergingen. «Verschrotten durch Arbeit» hieß das barbarische Verfahren, mit dem die SS-Mannschaften dafür sorgten, dass ausgeführt wurde, was Techniker entworfen und Generäle angefordert hatten. Einer der wenigen Besucher, die das Mittelwerk noch unter Kriegsbedingungen besuchen durften, erklärte später, er habe Dantes Inferno zu Gesicht bekommen – ohne den Trost natürlich, den die poetische Gestaltung auch noch den größten Scheußlichkeiten abgewinnen kann.
Bei der Rückkehr ans Tageslicht trifft man auf das, was überall dort entsteht, wo das Gedächtnis an Zustände wachgehalten werden soll, die der laufende Fortschritt ausgemustert hat, die ihn behindern oder irritieren, auf ein Museum also. Der Kohnstein selbst gehört dazu; ein Teil der Stollen wurde unter erheblichem Aufwand wiederhergerichtet, mit Treppen, Galerien und Lampen versehen und für das Publikum geöffnet. Wenn man den Rundgang hinter sich und genug hat von den Erinnerungen an die SS-beherrschte Unterwelt, kann man sich im Museumscafé bei Erdnüssen und Coca-Cola von den Strapazen der Trauerarbeit erholen. Um die Besucher nicht zu überfordern und Rückschlüsse auf die Gegenwart zu vermeiden, muss die Geschichte offenbar so hergerichtet werden, dass sie als abgeschlossenes Kapitel einer glücklich überwundenen Vergangenheit erscheint.
In dieser Weise reagiert der Zeitgeist auf alles, was quer zu ihm liegt; und quer liegt eben nicht nur die Zwangsarbeit unter den Nazis oder das Grenzregime der DDR, sondern die große, weite, einsame und stille, die mittlerweile so genannte natürliche Natur. Deshalb kommt immer mehr von ihr unter Glas. Es gibt inzwischen Museen für alles Mögliche, für Ackerbau und Viehzucht, für Bauernhäuser, Gartenkunst und vieles mehr von dieser Art. Dörfer werden zu Freilichtmuseen, Berggipfel zu Naturdenkmälern, ganze Landstriche als Biosphärenreservate oder Nationalparks unter Schutz gestellt und damit aus der Lebenswelt herausgeschnitten. Bei aller Anerkennung, die solche Maßnahmen verdienen: Dass dabei manches eben auch verlorengeht, der Alltagscharakter nämlich, der gegen eine immerwährende Sonntagsstimmung eingetauscht wird, liegt auf der Hand. Um seinen Auftrag zu erfüllen, zahlt das Natur-Museum einen Preis. Die präparierte Landschaft ist steril, die ausgestopfte Lerche singt nicht mehr, der Duft des konservierten Veilchens ist verschwunden. Museal hergerichtet büßt die Natur das ein, was sie einzig und unentbehrlich macht: die stille Botschaft vom Zusammenhang alles Lebendigen und, damit eng verbunden, die Bereitschaft, ruhig zu werden, zu betrachten und zu staunen. Wir alle, hieß es noch bei Nietzsche, «wir alle erkennen … in der Natur das große Mittel der Beschwichtigung für die moderne Seele, wir hören den Pendelschlag der größten Uhr mit einer Sehnsucht nach Ruhe, nach Heimisch- und Stillewerden an, als ob wir dieses Gleichmaß in uns hineintrinken und danach zum Genuss unserer selbst erst kommen könnten».[5] Wer will, wer kann das heute noch von sich behaupten?
Der Blick zurück in eine Vergangenheit, die mit der Anschauung zufrieden war, ist allerdings nicht Sache des zünftigen Naturforschers. Der glaubt erst dann am Ziel zu sein, wenn er den Schmetterling gefangen, präpariert und aufgespießt hat; dann kann er ihm die Flügel ausreißen, sie unters Mikroskop legen und sich darüber Gedanken machen, was Zeichnung, Form und Farbe zum Überleben seiner Art im Kampf ums Dasein beigetragen haben könnten. Dass es Naturwissenschaftler gab und gibt, die sich den Sinn für die Schönheit der Natur bewahrt haben, steht dazu nicht im Widerspruch; Ernst Haeckel, der Verfasser der «Welträtsel», eines biologischen Bestsellers, der auch heute noch seine Liebhaber findet, war einer von ihnen. Sein Abgott war Goethe, die «Welträtsel» wimmeln von Zitaten dieses größten Deutschen, wie er bei Haeckel ehrerbietig heißt. Genau wie Goethe will auch er die Wahrheit im Tempel der Natur aufsuchen, «im grünen Walde, auf dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen». Der Weg dorthin eröffnet sich für Haeckel aber nicht über die «sinnlose Andachtsübung» des reinen Betrachtens, sondern durch analysierende, technisch unterstützte Forschung, durch «die Beobachtung der unendlich großen Sternenwelt mittelst des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt mittelst des Mikroskops».[6]
Das hat mit Goethe nichts zu tun. Sein Faust will von den Instrumenten «mit Rad und Kämmen, Walz und Bügel» ja gerade nichts mehr wissen, fühlt sich von ihnen regelrecht verspottet: «Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein; zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.» Sein Weg in die Natur sieht anders aus: Er will den Schleier, der sie umgibt, nicht zerreißen und verzichtet auf den Versuch, ihr die Geheimnisse «mit Hebeln und mit Schrauben» abzupressen. Goethe hielt nichts von den technischen Hilfsmitteln, die sich zwischen Beobachter und Gegenstand schieben und den Abstand zur Natur, den sie doch eigentlich verringern sollten, nur vergrößern. Newton und die Spektralanalytiker hasste er geradezu, weil sie dem Licht, anstatt ihm freie Bahn zu lassen, den Kreuzweg durch die Prismen vorgeschrieben hatten. Er habe sich immer nur solchen Gegenständen zugewandt, die durch die Sinne wahrgenommen werden konnten, bekannte er im Gespräch mit Eckermann. Mit Astronomie habe er sich auch deshalb nicht beschäftigt, weil hier die Sinne nicht mehr ausreichten und man zu Instrumenten, Berechnungen und Mechaniken seine Zuflucht nehmen müsse. Das aber erfordere ein eigenes Leben und sei seine Sache nicht, setzte er hinzu.[7]
Goethes Askese ist nichts für die Vertreter der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Ohne die riesigen, vor allem auch: riesig teuren Maschinen, die ständig durch noch größere und noch teurere ersetzt werden müssen, wäre ihnen kaum eine ihrer spektakulären Entdeckungen gelungen. Was in diesen Maschinen vor sich geht, was sie verarbeiten und nach gehöriger Zeit in Gestalt von Datenmassen wieder ausspeien, kann man nicht sehen, und auch zu hören gibt es dabei nicht viel mehr als das Klicken im Detektor; den Rest erledigt der Rechner, der Tatsachen produziert, deren Verständnis, wie Erwin Schrödinger schon vor Jahren klagte, in dem Maße schwindet, wie diese sich mehren. [8] Die wissenschaftlich zugerichtete Natur ist unanschaulich; sie wirkt fremd und kalt, gelegentlich auch feindlich. Lieben wird man sie nicht, bewahren auch nicht, denn bewahren wird man nur das, was man liebt, und lieben kann man nur das, was man kennt. Der bewusste Verzicht auf sinnfällige Wahrnehmung hat aus der Naturforschung eine Erfahrungswissenschaft gemacht, die von Erfahrungen berichtet, die sie nie gemacht hat und auch nicht machen kann, weil sie für Menschen nicht erfahrbar sind.[9]
Zwar hat das restlose Verduften jeder halbwegs fasslichen Vorstellung von Raum und Zeit, das nachhaltigste Ergebnis der von Planck und Einstein angestoßenen Weltbild-Revolution, allerlei Versuche ausgelöst, das gewöhnliche Vorstellungsvermögen auf die Höhe der physikalischen Theorie zu heben. Das Büchlein des englischen Philosophen Alfred North Whitehead, das 1920 unter dem unscheinbaren Titel «The Concept of Nature» erschienen ist, enthält einen der originellsten Beiträge dieser Art. Erfolg hat Whitehead damit aber nicht gehabt, denn am Ende landet auch er bei ebenjenem Dualismus, den er doch gerade überwinden wollte, dem Gegensatz zwischen einer Außenwelt, deren Erkenntnis auf Vermutungen und Schlüsse angewiesen ist, und einer subjektiven Innenwelt, die letztlich nur auf Einbildung beruht. Er bedauert das Auseinanderfallen von physikalischem und philosophischem Weltbild und bekämpft es, so gut er kann. Die Bilder wieder zusammenzufügen, gelingt ihm aber nicht; es bleibt die Kluft zwischen einem Rationalismus, der irreal, und einem Realismus, der irrational aussieht. Unter Whiteheads wissenschaftlich geschultem Blick zerfällt der kleine Obelisk am Themseufer, der jedem Londoner als «Cleopatra’s Needle» bekannt ist, zu einem Mosaik aus unendlich vielen, unendlich kleinen «Event-Partikeln», die von der vertrauten Naturvorstellung nichts übrig lassen. Es gibt weder Raum noch Zeit, keine Materie und keine Substanz, nur das ewige Spiel der Elementarteilchen, das man berechnen, aber nicht begreifen kann.[10] Der theoretische Zugriff hat das Bild einer erfahrbaren und verständlichen Natur bis auf den letzten Rest beseitigt, und keine Wissenschaft wird es je wieder zurückbringen.
In seiner Skizze über die Entstehung des modernen, naturwissenschaftlich fundierten Weltbildes hat der österreichische Physiker Arthur March auch die Frage nach Sinn und Zweck des Ganzen aufgeworfen. Ziel sei, so seine Antwort, das Aufstellen von Gesetzen, die vom gegenwärtigen auf den zukünftigen Zustand der Natur schließen lassen. Da solche Gesetze den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhöben, müssten sie eindeutig formuliert werden: ein Gebot, das die Physik von Anfang an dazu gezwungen habe, aus der lauten und bunten Lebenswelt all diejenigen Elemente auszuscheiden, «die nur privat erlebbar, aber nicht mitteilbar sind».[11] Als Beispiele erwähnt er Farben, Gerüche sowie alles, was Geschmack und Empfindungen anspricht, die ganze Welt der Sinne also. In der von ihm skizzierten Gegenwelt der exakten Wissenschaften findet der Mensch nur dort einen Platz, wo er dazu bereit ist, von allem abzusehen, was sich nicht zählen und messen lässt. Das Ergebnis ist ein dünnes und sprödes Weltbild, das den Naturliebhaber fragen lässt, ob das denn alles sei, was diese Wissenschaft zu bieten habe: «Wo bleibt das Leben draußen vor der Tür, der Wind im Haar, die Anstrengung und die Erfrischung des Lebens mit den Elementen?»[12] Das interessiere ihn nicht, wird er vom Naturforscher zu hören bekommen, weil es diesseits des Horizonts liege, über den er doch gerade hinauswolle.
Er wäre mit seinem Angriff auf die Natur nicht so weit vorangekommen, wenn er sich nicht mit der zweiten Vormacht der Moderne verbündet hätte, der Wirtschaft. Beide wollen die Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen berechenbar machen: die Wissenschaft, um sie zu erklären, die Wirtschaft, um sie auszubeuten und sich die Erde, wie es im Schöpfungsbericht heißt, untertan zu machen. Sie sieht in der Natur den Vorrat, der angezapft, das Lagerhaus, das aufgebrochen, den Speicher, der erschlossen werden muss; am Ende dann, wenn die Ressourcen erschöpft sind und von den Rohstoffen nichts mehr übrig ist, den Rummelplatz, der als Erlebnispark hergerichtet werden soll. «Erwerbe sich das menschliche Geschlecht die Herrschaft über die Natur, wozu es von Gott bestimmt ist; bewältige es nur erst die Masse; für die rechte Anwendung werden Vernunft und Religion schon sorgen», meinte der englische Lordkanzler Francis Bacon.[13] Das gilt, natürlich ohne religiösen Überbau, bis heute. Es gilt so ausnahmslos, dass es auch dort die Richtung vorgibt, wo Anweisungen zum Erhalt der unverstellten, noch nicht «in Wert gesetzten» Natur erlassen werden. Sie genießt Schutz «als Lebensgrundlage des Menschen und als Voraussetzung für seine Erholung», was heißt: Natur soll dienen. Und danach sieht sie mittlerweile aus. Eine Wachstumspolitik, die stolz ist auf immer neue Produktionsrekorde, hat die Unterschiede zwischen Natur-, Kultur- und Industrielandschaften eingeebnet und die Spuren jener abgelegenen und einsamen Natur, von der Madame de Staël bei ihren Reisen durch das romantische Deutschland so begeistert war, bis auf ein paar kümmerliche Reste beseitigt. Wo sie erschlossen wird, geht die Natur unter, versinkt in den Fluten der Stauseen, verschwindet unter dem Asphalt der Straßen, verbirgt sich hinter Mauern, Sichtblenden und Lärmschutzwänden.
In dieser Hinsicht waren sich die beiden bis 1989 konkurrierenden Systeme einig. Beide wollten die Natur in Dienst nehmen und haben das ja auch getan, im Osten allerdings brutaler und deshalb weniger erfolgreich als im Westen. Den Umbau des «Sterns Erde», eine der vielen Stilblüten aus dem revolutionären Zettelkasten von Ernst Bloch, besorgten die Planwirtschaftler dadurch, dass sie das Ackerland leerräumten, von Hecken und Gebüsch befreiten, um es verfügbar zu machen für die Bearbeitung durchs Kollektiv. So entstanden die öden und einförmigen Flächen, die das Gesicht der neuen Bundesländer bis heute überall dort bestimmen, wo die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften das Sagen hatten. Mechanisierung stand für Fortschritt, Fortschritt war gut, und deshalb musste mechanisiert werden. Von Churchill auf die horrenden Opferzahlen angesprochen, die das Kollektivierungsprogramm in der Sowjetunion gefordert hatte, erklärte Stalin, die Maßnahmen seien grausam, aber notwendig gewesen, um die sowjetische Landwirtschaft auf die Höhe der Zeit zu bringen.[14] Das war ein Argument, das auch im Westen gut verstanden wurde; nur dass die Bauern dort, statt sie ins Kollektiv zu pressen, zu Agrartechnikern ausgebildet wurden, die konstruieren, herstellen und verkaufen. Die Bauern haben gelernt, ihr Saatgut von Cropdesignern zu beziehen, ihre Ernten bei anonymen Nahrungsmittelkonzernen abzuliefern und ihre Ställe als Fabrikhallen einzurichten, in denen die Tiere so lange gelagert werden, bis sie schlachtreif sind und zum nächsten Fleischproduzenten transportiert werden können.
Fortschritt sei die Verwirklichung von Utopien, hat Oscar Wilde einmal gesagt. Das klingt nach hundert Jahren anders, als es seinerzeit gemeint war, nicht mehr ironisch, sondern drohend. Nur große Kinder werden heute noch so reden wie Ernst Haeckel, der glaubte, die Mängel seiner Zeit durch eine Beschleunigung des Fortschritts, eine Mobilmachung auf ganzer Front beseitigen zu können. Auf dem Wege einer intellektuellen Nachrüstung sollte das Zurückbleiben der geistigen Fähigkeiten hinter dem Stand von Wissenschaft und Technik wettgemacht und ein für alle Mal beendet werden. Voller Empörung rechnete er vor, dass im Vergleich zu den bewundernswerten Errungenschaften der Naturwissenschaften alles andere – Regierung, Justiz, Verwaltung, Erziehung und unsere ganze soziale und moralische Organisation – im Zustand der Barbarei verharre.[15] Dem abzuhelfen und den Fortschritt endlich ans Ziel zu bringen, war die Absicht des von ihm gegründeten Monistenbundes, einer Art Wissenschaftsreligion mit betont kirchenfeindlichen Zügen. Doch wie die Kirche, die er beerben wollte, hat sich auch Haeckels Gegenkirche an ihren Früchten messen lassen müssen. Wie sahen die aus?
Einer der vielen, die versucht haben, die Früchte der Wissenschaft zu sammeln, zu sichten und zu bewerten, war der aus Wien stammende, später in Cambridge lehrende Molekularbiologe Max Perutz. In einem Vortrag, der auch in Deutschland unter dem saloppen Titel «Ging’s ohne Forschung besser?» Verbreitung fand, zog er aus seiner und seiner Fachkollegen Tätigkeit eine rundum glänzende Bilanz. Nachdem er gleich zu Beginn die Wissenschaft – gemeint war hier wie meistens «Science», Naturwissenschaft also – als das edelste Erzeugnis des menschlichen Geistes vorgestellt hatte, pries er den «niemals versiegenden Strom hilfreicher Entdeckungen», der das menschliche Leben fortwährend erleichtert und bereichert habe, um schließlich seinen heutigen, historisch singulären Stand zu erreichen. Im Unterschied zu den Kirchenmännern, die dem Volk Entsagung und Ergebenheit gepredigt hätten, und den Politikern, gegen die es schließlich auf die Barrikaden stieg, sei es den Wissenschaftlern stets nur darum gegangen, der gequälten Menschheit zu helfen. Nicht bloß messbare Fortschritte, wie die Aussicht auf ein längeres und gesünderes Leben, sondern auch immaterielle Gewinne wie die Abschaffung der Sklaverei, der Kampf gegen den Hexenwahn und das Verbot der Todesstrafe seien den Naturwissenschaftlern, den Fackelträgern der Aufklärung, zu verdanken. Ganz ähnlich wie Ernst Haeckel am Anfang beklagte Max Perutz gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts die rückständige Moral der Kirchen und die mangelhafte Bildung der Regierenden: Beide hätten es versäumt, sich mit den Methoden und den Erfolgen der Naturwissenschaften vertraut zu machen und von ihnen zu lernen.[1] Das sollten sie nachholen, denn die Naturforscher hätten die Zukunft in den Knochen.
Die Liste der Erfolge, die Perutz anzubieten hat, ist lang und eindrucksvoll. Als Biologe konzentriert er sich auf die gestiegenen Erträge aus der wissenschaftlich betriebenen Landwirtschaft, der wichtigsten Voraussetzung, um eine schnell wachsende Weltbevölkerung mit Nahrung und Energie zu versorgen. Tabellen und Diagramme berichten vom Kampf gegen Bakterien und Viren, Schädlinge und Ungeziefer aller Art und vom Beitrag, den die Medizin zur Verbesserung des menschlichen Daseins leistet. Missgriffe und Enttäuschungen werden nicht verschwiegen, können die erfreuliche Bilanz aber nicht trüben, weil sie durch die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen und Rückschläge wiedergutzumachen, mehr als nur aufgewogen werden. Der «humanisierende Einfluss der Naturwissenschaft», resümiert Perutz, sei offensichtlich, und er zitiert den indischen Staatsmann Nehru mit der rhetorischen Frage, wer es sich heute denn noch leisten könne, auf Naturwissenschaftler zu verzichten: «Die Zukunft gehört ihnen und denen, die sich mit ihnen anfreunden können.»
Mit seinem Loblied auf den wohltätigen Einfluss der Wissenschaft folgt Perutz seinem Ahnherrn, dem englischen Lordkanzler Bacon. Anders als der fühlt Perutz sich jedoch gedrängt, eine Frage zu beantworten, die auch nur zu stellen Bacon und seinen Zeitgenossen nicht in den Sinn gekommen wäre. Keine von Bacons Schriften lässt etwas von den Vorbehalten, den lauten Einwänden und den stillen Zweifeln spüren, gegen die Perutz sich zur Wehr setzt; im Gegensatz zu Bacon ist Perutz’ Haltung defensiv. Er verzichtet auf die kühnen Entwürfe, die großartigen Versprechen und die erhabenen Visionen, mit denen die Vorkämpfer der Wissenschaft ihrem Publikum Hoffnung auf eine Zukunft ohne Arbeit, Kummer und Langeweile gemacht hatten. Die historisch einflussreichste dieser Proklamationen aus dem Geist eines praktisch gewordenen Fortschritts dürfte das Kommunistische Manifest gewesen sein. Im Revolutionsjahr 1848 erschienen, stützte es seine Vorhersage vom Anbruch einer neuen Zeit auf die gewaltigen Produktivkräfte, die im Schoße der gesellschaftlich organisierten Arbeit schlummerten und nur darauf warteten, mit Hilfe von Wissenschaft und Technik entbunden zu werden. «Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen» hießen die Stichwörter, die das gewaltige Programm umrissen. Das waren Ankündigungen, hinter denen keine politische Kraft zurückbleiben dufte, die darauf aus war, die Massen für sich zu gewinnen. Das Lied vom grenzenlosen Fortschritt durch Wissenschaft und Technik wurde von allen Parteien gesungen, von den gemäßigten kaum weniger überzeugt als von den radikalen; auch die «revisionistische» SPD liebte es, ihren Wählern das Blaue vom Himmel zu versprechen. Im eigenen Wagen würden sie um die Welt fahren oder, besser noch, «mit dem Luftgespann im Wettflug mit Wolken, Winden und Stürmen über die Erde dahinsausen», hieß es in einem Aufruf der Partei. Das wahre Evangelium des Menschenglücks auf Erden sei eben nicht in den Lehrsätzen der Kirche verborgen, sondern in den Entdeckungen der Wissenschaft und den Erfindungen der Technik. «Und fragt ihr, wer euch solches bringen wird? Nun, einzig und allein der sozialdemokratische Zukunftsstaat.»[2]
Was die Politik verkündete, war von der Wissenschaft entworfen worden. Einer ihrer Lautsprecher war der Physiologe Emil Du Bois-Reymond: ein Prophet, der etwas galt in seinem Lande. Er zog als Wanderprediger von Stadt zu Stadt, um unter Bacons Devise «Wissen ist Macht» die Naturwissenschaften zu Erben der Kirchen auszurufen. Unter seinem begeisterten Blick verwandelte sich die Vergangenheit in eine profane Heilsgeschichte, in der dem Naturforscher die Rolle des Erlösers zukam: «Schon ward aus dem werkzeugmachenden Tier, als welches wir ihn anfangs trafen, der Mensch zum vernünftigen Tiere, welches mit dem Dampfe reist, mit dem Blitze schreibt und mit dem Sonnenstrahle malt.» Neben den Wunderwerken der Gegenwart nahmen sich die sieben Weltwunder, auf die das Altertum so stolz gewesen war, wie die Erfindungen von Stümpern aus. Längst sei «dem heutigen Geschlechte» der Umfang des Planeten zu eng geworden, «kaum dass dessen Höhen und Tiefen ihm noch ein Geheimnis bergen. Wohin körperlich zu gelangen dem Menschen versagt bleibt, dahin dringt mittels des Zauberschlüssels der Rechnung sein Geist. In schwärzester Nacht, im wildesten Meere steuert sein Schiff den kürzesten Kurs; klug entweicht es aus dem verderblichen Ringe des Taifuns. Was die Wünschelrute vorspiegelte, hält die Geologie; freigebig erbohrt sie Wasser, Salz, Kohle, Steinöl. Noch mehrt sich die Zahl der Metalle, und noch fand die Chemie den Stein des Weisen nicht; morgen vielleicht besitzt sie ihn schon.» Und so geht es, im Tonfall nüchterner Verzückung, endlos weiter.[3] Am Schluss von Du Bois’ froher Botschaft steht die Vision eines Daseins ohne Irrtum und ohne Schmerz, ohne Sünde und ohne deren Preis, die Arbeit. Den Weg dorthin weise die Naturwissenschaft, das «absolute Organ der Cultur», an das man glauben und dem man opfern müsse, um irgendwann ins Paradies zurückzukehren.
