Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft - Stephan Anpalagan - E-Book

Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft E-Book

Stephan Anpalagan

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Beschreibung

Ein Buch über Heimat. Und Liebe. Und Liebeskummer. Ein Buch über uns alle. In »Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft« schreibt der Theologe und Autor Stephan Anpalagan über Heimat. Unsere Heimat. Es ist ein Buch über Menschen, die sagen »Ich liebe dieses Land so sehr. Aber dieses Land liebt mich nicht zurück.« Es ist eine Geschichte über den Liebeskummer, den Menschen verspüren, die seit Jahren, Jahrzehnten und Generationen in unserem Land leben und dennoch keine Heimat finden. Es ist ein Buch über das »Wir« in »Wir sind das Volk« und das »Du« in »Du bist Deutschland«. Es ist ein Buch über Deutschland. Ein Deutschlandbuch. Eine Erzählung über die italienischen Gastarbeiter, den deutschen Fußball, die deutsche Leitkultur und die deutsche Bahn. Es ist ein Ausblick darauf, wie der Rassismus in unserem Land den Fachkräftemangel verschärft und was wir dagegen tun können. Vor allem aber, wie wir dieses Land zu einer besseren Heimat machen. Für uns alle. »Mit Witz und Schärfe und nicht ganz ohne Sympathie denkt Stephan Anpalagan in diesem Buch über die Deutschen nach, die sich so nach der Mitte sehnen, und er fragt, was diese Sehnsucht für die bundesrepublikanische Demokratie bedeuten kann.« Hedwig Richter »Von diesem Buch geht eine ganz eigene Faszination aus. Stil, Erzählweise, all das hat mich wirklich gepackt, in meine Jugend zurückgeworfen, an meine Eltern erinnert. Stephan Anpalagan schafft es, den Bogen von den 1950ern bis zur jüngsten Vergangenheit zu schlagen, ohne dabei unterkomplex zu werden. Analytisch immer auf das Wesentliche fokussiert. Man möchte schreien – und dennoch ist es ein Lesevergnügen!« Carlo Masala »An der Familientafel Deutschland ist Stephan Anpalagan der Lieblingscousin, der so humorvoll erzählen kann – und dich danach mit ein, zwei kritischen Fragen zum Stocken bringt.  Differenziert und schonungslos seziert er unsere affektgeladene Neurosenrepublik und begibt sich an einen Ort, den kaum einer zu beschreiben vermag: die Mitte.« Micky Beisenherz

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Stephan Anpalagan

Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft

 

 

Über dieses Buch

 

 

Die Mitte der Gesellschaft ist ein exklusiver Ort: Sie ist das »Wir« in »Wir sind das Volk« und das »Du« in »Du bist Deutschland«. Während sie den Normalsterblichen Heimat bietet, bleibt sie für Menschen mit Armutszeugnis und Zuwanderungsgeschichte unzugänglich. Häufig über Generationen hinweg. Wer das Glück hat, zur Mitte zu zählen, darf nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Ränder bestimmen: links und rechts, oben und unten, aber auch drinnen und draußen.

 

Der Journalist und Theologe Stephan Anpalagan schaut genauer hin und erklärt, was »die Mitte« auszeichnet und warum sie so sehnsuchtsvoll umkämpft ist. Er zeigt, wie die Mitte nicht nur zum Dreh- und Angelpunkt in einer polarisierten Gesellschaft wird, sondern auch zum Austragungsort einer aus dem Gleichgewicht geratenen Welt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Stephan Anpalagan, geboren 1984 in Sri Lanka und aufgewachsen in Wuppertal, ist Diplom-Theologe, Journalist sowie Geschäftsführer der gemeinnützigen Strategieberatung »Demokratie in Arbeit«. In seinen Texten verhandelt er die Themen Heimat und Identität. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in NRW. In dem SWR-Podcast »Gegen jede Überzeugung« diskutiert er mit Nicole Diekmann über kontroverse gesellschaftliche Themen. Zudem ist er Jurymitglied des Grimme Online Awards.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2023 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Marion Blomeyer, lowlypaper

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491711-5

 

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Inhalt

Widmung

Inhalt

Ich liebe dieses Land

Almanya

Arbeitskräfte

Menschen

Rotationsprinzip

Feindbild

Bitternis

Sündenbock

Bewährung

Wohlwollen

Liebe

Wer wir sind

Bilder

Beigerot

Wohnzimmer

Normalverbraucher

Geschichte

Identität

Leitkultur

Verletzungsvorgang

Lächerlichkeit

Widerspruch

Ordnung

Kutte

Angstfigur

Migrantisemitismus

Abgrund

Das Ende der Sehnsucht

Eimermenschen

Standort

Sehnsucht

Anhang

Für Jasper

Inhalt

Ich liebe dieses Land9

Almanya

13

Arbeitskräfte

20

Menschen

27

Rotationsprinzip

33

Feindbild

39

Bitternis

45

Sündenbock

55

Bewährung

70

Wohlwollen

79

Liebe

90

Wer wir sind107

Bilder

111

Beigerot

122

Wohnzimmer

133

Normalverbraucher

138

Geschichte

142

Identität

148

Leitkultur

159

Verletzungsvorgang

164

Lächerlichkeit

176

Widerspruch

190

Ordnung

199

Kutte

208

Angstfigur

216

Migrantisemitismus

234

Abgrund

249

Das Ende der Sehnsucht267

Eimermenschen

271

Standort

284

Sehnsucht

299

Anmerkungen

304

Ich liebe dieses Land

»And I thank you

For bringing me here

For showing me home

For singing these tears

Finally I’ve found

That I belong here«

Depeche Mode – »Home«

Almanya

»Deutschland sagt Danke!«

So heißt die Veranstaltung, zu der Hüseyin Yılmaz eingeladen ist. Er, der 1000001ste Gastarbeiter, soll eine Rede halten. Über sich, sein Leben, seine Heimat. Über Deutschland. Und über die Türkei. Es gibt nur ein kleines Problem: Yılmaz ist leider während eines Türkeiurlaubs, im Beisein seiner Familie, verstorben. Er hatte sich seine Worte sorgfältig zurechtgelegt, es gab viel zu erzählen. Wie er seine Heimat in Anatolien verlassen hat und nach Deutschland gekommen ist. Wie seine Frau mit den drei kleinen Kindern alleine zurückblieb. Wie er nach der Arbeit auf deutschen Baustellen nachts in seinem Bett lag, die Briefe las und die Bilder anschaute, die ihn aus der Ferne erreichten. Wie die Sehnsucht überhandnahm, die Verantwortung aber alle Zweifel an seiner Entscheidung einhegte. Wie die Familie eines Tages endlich wieder vereint war. In Deutschland. Wie seine Frau verzweifelt versuchte, in diesem fremden Land mit seiner fremden Sprache Brot und Milch zu kaufen. Wie ihm die Kinder entglitten, weil sie Deutsche wurden. Viel schneller als er. Er hatte viel zu erzählen. Über seine Identität und seine Zugehörigkeit. Über sein Kommen und Bleiben. Über die seltsamen Deutschen, die ihn schlussendlich zu einem der Ihren gemacht haben. Der rote Reisepass der Bundesrepublik Deutschland war der Beweis. Er war nun Deutscher. Deutschtürke. Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund. Ein türkischer Alman.

Die Veranstaltung »Deutschland sagt Danke!« findet in Schloss Bellevue statt, dem Sitz des Bundespräsidenten. Im Beisein der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hüseyin Yılmaz wird seine Rede nicht halten. Das macht nun Cenk Yılmaz, der sechsjährige Enkel. Cenk ist sichtlich nervös. Als er an das Rednerpult tritt, schwebt das Mikrofon einen halben Meter über seinem Kopf. Während er redet, sieht man eine Zahnlücke dort, wo einmal sein Milchzahn war.

»Ich bin Cenk. Hüseyin Yılmaz ist mein Opa. Er ist vor kurzem gestorben. Aber ich weiß, was er sagen wollte. Wir haben zusammen geübt: Sehr geehrte Bundeskanzlerin und liebe Mitbürger. Ich danke Ihnen sehr, dass ich als 1000001ster Ausländer, der nach Deutschland kam, um zu arbeiten, heute zu Ihnen sprechen darf. Ich lebe seit 45 Jahren hier. Manchmal war es gut und manchmal schlecht. Aber jetzt bin ich glücklich. Früher hätte ich das nie für möglich gehalten …«

Cenks Stimme wird leiser. Die Kamera richtet sich nun auf das Publikum, man sieht Cenks Eltern, die gerührt sind und stolz. Seine Großmutter Fatma Yılmaz ist zu sehen, die Witwe von Hüseyin Yılmaz, der die Tränen über das Gesicht laufen.

Es ist eine der letzten Szenen eines Films, der so heißt, wie viele Menschen in diesem Land ihre Heimat bezeichnen würden: Almanya.

In der allerletzten Szene sieht man die gesamte Familie Yılmaz in der untergehenden Abendsonne sitzen. Sie essen und trinken. Gemeinsam mit Freunden. Man sieht alle Figuren des Films, die Erwachsenen und ihre jüngeren Pendants. Der alte Hüseyin Yılmaz führt sein jüngeres Ich auf eine Sitzbank, klopft ihm liebevoll auf den Rücken und flüstert ihm etwas ins Ohr. Beide lachen.

Der Film endet mit den unsterblichen Worten von Max Frisch:

»Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen.«

Während der Abspann läuft, bleibe ich noch eine Weile nachdenklich sitzen. Dieser Film macht etwas mit mir. Dieser Satz macht etwas mit mir.

Ich habe anderthalb Stunden lang mit Hüseyin Yılmaz mitgefiebert, der sich Hals über Kopf in eine Frau verliebt, die er mit viel Liebe und List gewinnen muss, weil er ihrem Vater nicht gut genug ist. Ich habe mit einem verzweifelten Hüseyin Yılmaz mitgefühlt, der sich in einem fremden Land kaputt malocht, damit seine Kinder es eines Tages besser haben als er selbst. Ich habe schmunzelnd den Kopf geschüttelt, als sein daheimgebliebener Sohn Veli in der Türkei die Schule schwänzt, weil er seine Zeit lieber mit seinen Kumpels am Meer verbringt. Und ich habe dessen Bruder Muhamed bedauert, der schmerzhaft erfahren muss, dass die Freundschaft zu seinem vermeintlich besten Freund keinen Pfifferling wert ist, weil der ihn nur ausnutzt. Ich hatte Mitleid mit der Enkelin Canan Yılmaz, die ungewollt schwanger wird und nicht weiß, wie sie es ihrer Mutter beichten soll. Und dem kleinen, zuckersüßen Cenk, der in der Schule ausgegrenzt wird, weil er in keine Gruppe so richtig hineinpasst. Ich war ratlos angesichts der erwachsenen Brüder Veli und Muhamad, die derart zerstritten sind, dass nicht einmal mehr Verachtung füreinander übrig bleibt. Und ich konnte nur erahnen, was für eine Überwindung es gekostet haben muss, als Veli den ersten Schritt auf Muhamad zugeht, um sich mit ihm zu versöhnen. Ich habe förmlich gespürt, wie Fatma Yılmaz’ Herz zerreißt, als sie mitansehen muss, wie ihr Mann stirbt. Nach 50 Jahren Ehe, in denen sie alles gemeinsam durchlitten und durchgestanden haben. Nachdem sie vier Kinder großgezogen, eine neue Heimat gefunden, Häuser gekauft und zuletzt über grüne und schwarze Oliven gestritten haben. Wie sich die Trauer auf sie legt und sie ahnt, dass die Einsamkeit und die Schwere nie wieder weggehen werden.

Während ich diesen Film schaue, macht sich ein diffuses Gefühl breit, und erst ganz zum Schluss, als die Worte von Max Frisch auftauchen, lässt es sich präzise bestimmen. Es geht in diesem Film nicht um die Geschichte der türkischen Einwanderer in Deutschland. Es geht nicht um Gastarbeiter und Integration. Es geht um Beziehung und Vertrauen, um Träume und Wünsche, um Verzweiflung und Hoffnung. Die Protagonisten dieses Films sind nicht in erster Linie Türken, sondern Ehemann, Großmutter, Vater, Bruder, Schwester, Enkel und Cousine.

Sie erscheinen beinahe wie echte Menschen. Obwohl sie Ausländer sind.

In diesem Land, in dem es Schulen, Friseure, Wellnesshotels und Krankenversicherungen für Hunde gibt, in dem Hunde Menschennamen[1] tragen und sich Hundehalter als »Hunde-Eltern«[2] bezeichnen, ist es noch immer ungewöhnlich, wenn Ausländer wie Menschen dargestellt werden.

Almanya hat zahlreiche Preise gewonnen. Das Fachpublikum war begeistert. Das Publikum der Berlinale war begeistert. Doch trotz der Qualität des Films, des Drehbuchs, der Schauspielerinnen, trotz der Verleihung des Deutschen Filmpreises in Silber in der Kategorie »Bester Film«, trotz einer Auszeichnung durch die Deutsche Film- und Medienbewertung mit dem Prädikat »besonders wertvoll«, trotz alledem kommen selbst die freundlichsten Besprechungen in liberalen Zeitungen nicht umhin, festzustellen, dass in dem gesamten Film »Integrationsdefizite« und »Ehrenmorde« ausgespart bleiben. Oder dass die beiden Schwestern, die diesen Film geschrieben und gedreht haben, keine Kopftücher tragen. Na sapperlot!

In der Süddeutschen Zeitung heißt es großzügig:

»Es ist schon ganz in Ordnung, wenn inmitten all der notwendigen Debatten über den Stand der Migration und Integration in diesem Land gelegentlich jemand daran erinnert, dass es auch Einwanderer gibt, denen die Integrationsproblematik wesentlich fremder ist als Sauerkraut.«[3]

Der Tagesspiegel schreibt:

»Es ist eben, auch wenn sich daraus starke filmische Dramen wie ›Gegen die Wand‹ oder ›Die Fremde‹ filtern lassen, nicht alles immer gleich ›Ehrenmord‹ oder pure Verzweiflung der nachgeborenen Einwanderergenerationen. Sondern es gibt auch das Vorandrängen der Jüngeren, die neue Lebensentwürfe suchen und durchsetzen, es gibt sie, die Integration im Alltag, und darauf vor allem richtet ›Almanya‹ seinen Blick.«[4]

Auch das macht mich nachdenklich.

»Es ist eben nicht alles immer gleich ›Ehrenmord‹.«

Ist es das, was die Deutschen über die Ausländer denken? Die liberalen Deutschen aus der Mitte der Gesellschaft, die den Tagesspiegel lesen, die für den Tagesspiegel schreiben, über einen Film, der damit endet, dass der kleine Cenk Yılmaz in Anwesenheit der Bundeskanzlerin eine liebevolle Rede über seinen Großvater hält – auf einer Veranstaltung, die »Deutschland sagt Danke!« heißt?

»Es ist eben nicht alles immer gleich ›Ehrenmord‹.«?

Der Film zeigt Ehepaare, Eltern und Kinder, die ihr Leben, trotz aller Widrigkeiten, in Freiheit, Würde und Liebe bestreiten.

Als Fatma Yılmaz nach ihrer Ankunft in Deutschland ihren Kindern eine Freude bereiten will, kauft sie einen ca. 30 Zentimeter großen Weihnachtsbaum und läuft anschließend mit den unverpackten Weihnachtsgeschenken an den argwöhnischen Kindern vorbei. Die sind entsetzt. Die verpackten (!) Weihnachtsgeschenke gehören unter (!) den Weihnachtsbaum! Dann klingelt das Glöckchen! Und die Kinder dürfen die Geschenke vorher nicht sehen! Wegen Christkind und so! Fatma ist völlig entnervt. Die Szene lässt sich in Sachen Schrägheit mittig zwischen der »Muppets Weihnachtsgeschichte« und dem »Früher war mehr Lametta«-Sketch von Loriot einsortieren. Eine muslimische Frau aus einem kleinen Dorf in Anatolien, die in einem deutschen Wohnzimmer einen windschiefen Miniaturtannenbaum aufstellt und ein Glöckchen läutet, um ihren Kindern eine Freude zu machen. Weil die unbedingt das christliche Weihnachtsfest feiern wollen.

Wie kann man diesen Film sehen und anschließend »Es ist eben nicht alles immer gleich ›Ehrenmord‹« schreiben? Selbst die menschlichste Regung eines Ausländers scheint nicht Mitgefühl, sondern Argwohn hervorzurufen.

Diese Ausländer sind in diesem Film ausnahmsweise einmal keine Projektionsfläche für Inländer. Sie müssen nicht als Boxsack herhalten, damit sich die Mehrheitsgesellschaft nach einem harten Tag an ihnen abreagieren und anschließend gut fühlen kann.

Im Gegenteil.

Der gesamte Film, das Ringen seiner Protagonisten mit ihrer Identität und ihrer Zugehörigkeit, das Hin-und-her-gerissen-Sein zwischen Stolz und Angst, Vaterland und Muttersprache, Anerkennung und Ausgrenzung, alles das erreicht seinen Höhepunkt in den sechs Worten von Max Frisch, die ganz zum Schluss auf der Leinwand erscheinen.

»Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen.«

Arbeitskräfte

Es ist ein Satz, der über den Film und seine Protagonisten hinausragt.

Und wie das so ist mit unsterblichen Sätzen, hat sich auch dieser von seinem Schöpfer losgelöst und verselbständigt. Der Satz stammt aus dem Vorwort zu einem Buch über Gastarbeiter. Der Filmregisseur Alexander Seiler sprach dafür im Jahr 1965 mit zahlreichen Protagonisten über ihre Heimat, ihre Arbeit in der Fremde und ihre prekären Lebensbedingungen. Das Buch ist der Nachtrag zu einem Film, der ein Jahr vorher erschienen ist. Auch dort kommen die Gastarbeiter zu Wort, aber auch die Einheimischen, die sich über die Ausländer beschweren.

Das Vorwort von Max Frisch lautet, leicht gekürzt:

»Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich. Aber sie sind da. Gastarbeiter oder Fremdarbeiter? Ich bin fürs letztere: sie sind keine Gäste, die man bedient, um an ihnen zu verdienen; sie arbeiten, und zwar in der Fremde, weil sie in ihrem eignen Land zur Zeit auf keinen grünen Zweig kommen. Das kann man ihnen nicht übelnehmen (…). Aber das erschwert vieles. Sie beschweren sich über menschenunwürdige Unterkünfte, verbunden mit Wucher, und sind überhaupt nicht begeistert. Das ist ungewohnt. Aber man braucht sie. Wäre das kleine Herrenvolk nicht bei sich selbst berühmt für seine Humanität und Toleranz und so weiter, der Umgang mit den fremden Arbeitskräften wäre leichter; man könnte sie in ordentlichen Lagern unterbringen, wo sie auch singen dürften, und sie würden nicht das Strassenbild überfremden. Aber das geht nicht; sie sind keine Gefangenen, nicht einmal Flüchtlinge. So stehen sie denn in den Läden und kaufen, und wenn sie einen Arbeitsunfall haben oder krank werden, liegen sie auch noch in den Krankenhäusern. Man fühlt sich überfremdet. Langsam nimmt man es ihnen doch übel. Ausbeutung ist ein verbrauchtes Wort, es sei denn, dass die Arbeitgeber sich ausgebeutet fühlen. (…) Aber sie sind einfach da, eine Überfremdung durch Menschen, wo man doch, wie gesagt, nur Arbeitskräfte wollte. (…) Es geht nicht ohne strenge Massnahmen, die keinen Betroffenen entzücken, nicht einmal den betroffenen Arbeitgeber. Es herrscht Konjunktur, aber kein Entzücken im Lande. Die Fremden singen. Zu viert in einem Schlafraum. Der Bundesrat verbittet sich die Einmischung (…); schliesslich ist man unabhängig, wenn auch angewiesen auf fremde Tellerwäscher und Maurer und Handlanger und Kellner und so weiter. (…) Sie arbeiten brav, scheint es, sogar tüchtig; sonst würde es sich nicht lohnen, und sie müssten abfahren, und die Gefahr der Überfremdung wäre gebannt. Sie müssen sich schon tadellos verhalten, besser als Touristen, sonst verzichtet das Gastland auf seine Konjunktur. Diese Drohung wird freilich nicht ausgesprochen, ausgenommen von einzelnen Hitzköpfen, die nichts von Wirtschaft verstehen. Im allgemeinen bleibt es bei einer toleranten Nervosität. Es sind einfach zu viele, nicht auf der Baustelle und nicht in der Fabrik und nicht im Stall und nicht in der Küche, aber am Feierabend, vor allem am Sonntag sind es plötzlich zu viele. Sie fallen auf. Sie sind anders. Sie haben ein Auge auf Mädchen und Frauen, solange sie die ihren nicht in die Fremde nehmen dürfen. Man ist kein Rassist; es ist schließlich eine Tradition, dass man nicht rassistisch ist (…). Trotzdem sind sie einfach anders. Sie gefährden die Eigenart des kleinen Herrenvolks, die ungern umschrieben wird, es sei denn im Sinn des Eigenlobs, das die andern nicht interessiert; nun umschreiben uns aber die andern. Wollen wir das lesen?«

Man muss unwillkürlich stutzen.

Unser Satz, der im Laufe der Zeit zu einer eigenen Kapitelüberschrift der deutschen Geschichte geworden ist, steht eingequetscht in einem Text, der mit den brachialen Worten »Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr« beginnt. Und er lautet gänzlich anders, als ihn mancher in Erinnerung hat, und auch anders, als er in dem Film Almanya zitiert wird. Man ist noch mit dem »Herrenvolk« beschäftigt, weshalb man ihn beinahe überliest.

»Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.«

Wenn man ihn so sieht, macht es den Eindruck, als hätte Max Frisch irgendwann genervt aus dem Fenster geschaut und anschließend voller Verärgerung über das, was er sah, eine technische Beschreibung des gesellschaftlichen Zustands in die Schreibmaschine gehackt. Das gesamte Vorwort klingt weniger nach staatstragendem Pathos als nach Zigarettenqualm und Migräne. Generationen von Sozialkundelehrern haben sich diesen Satz möglicherweise größer vorgestellt, als er tatsächlich ist. Eigentlich ist er klein, fast schon ein Nebensatz. Vor allem führt er auf ein Nebengleis. Die Hauptpersonen in diesem Vorwort sind nicht die Arbeitskräfte, sondern »das kleine Herrenvolk«, das sich »in Gefahr sieht«. Wegen der Arbeitskräfte, die die schlechte Angewohnheit haben, nebenberuflich Menschen zu sein.

Es gibt kaum eine Geschichte über die türkischen Gastarbeiter in Deutschland, die ohne dieses verfälschte Max-Frisch-Zitat auskommt. Auch Almanya nicht. Und beinahe so, als wollte der preisgekrönte Film aus dem Jahr 2011 die Wirklichkeit überholen, findet sich das Max-Frisch-Zitat sogar auf einer Einladung der Bayerischen Staatsregierung wieder, die im Jahr 2021, zehn Jahre nach Veröffentlichung des Films, einen »Festakt anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens« ausrichtet und dafür den bayerischen Innenminister und den Vorsitzenden der türkischen Gemeinde in Bayern reden lässt.

»Vor 60 Jahren haben sich viele tausend Menschen aus der Türkei auf den Weg nach Deutschland gemacht, um hier zu arbeiten und zu leben. Geebnet hat ihnen diesen Weg das am 30. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichnete Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei. Damit wurde nicht nur die enorme Arbeitsnachfrage des ›Wirtschaftswunders‹ befriedigt, sondern Begegnungen und Gemeinschaft geschaffen, wie Bayerns Innen- und Integrationsminister Joachim Herrmann den Schriftsteller Max Frisch zitiert: ›Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen.‹«[1]

Der bayerische Innenminister der CSU zitiert also aus einem Vorwort, das mit den Worten »Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr« beginnt und das von den unerschöpflichen Ressentiments der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Gastarbeitern handelt. Und er zitiert auch noch falsch.

Es passt aber auch einfach zu gut. Dieses Zitat. Eigentlich das gesamte Vorwort. Es passt gut zu Deutschland und seinem Umgang mit den türkischen Gastarbeitern. Es passt so gut, dass man eigentlich stutzig werden muss. Und noch einmal nachschauen sollte, wo genau dieses Vorwort erschienen ist. Wie das Buch heißt. Und um welche Gastarbeiter es sich handelt. Und siehe da: Das Buch ist 1965 erschienen. Im EVZ-Verlag. Es hat 244 Seiten und heißt: Siamo italiani. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz.

Italienische Arbeiter. In der Schweiz.

Es ist eine Information, die in jenem Teil des Gehirns explodiert, der für die kognitive Dissonanz zuständig ist. Italienische Arbeiter? In der Schweiz?

Man könnte wissen, dass es in dem Vorwort um die Schweiz geht, wenn man weiß, dass Max Frisch Schweizer war. Der lange in der Schweiz gelebt hat. Der über die Schweiz geschrieben hat. Der sich zeit seines Lebens hadernd und kritisch mit der Schweiz auseinandergesetzt hat. Der seine Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 1958 unter den Titel »Emigration« und seine Dankesrede zur Verleihung des Schillerpreises im Jahr 1974 unter den Titel »Die Schweiz als Heimat?« gestellt hat.

Sein Vorwort zu den Gastarbeitern ist ebenfalls als eigenständiger Text erschienen und heißt »Überfremdung I«. Wenig später erscheint »Überfremdung II«, nicht weniger unversöhnlich, nicht weniger scharf, dafür ausführlicher in seiner Begründung, damit es auch der Chef der kantonalen »Fremdenpolizei« versteht, der ihn zu einem Vortrag eingeladen hat.

Für Max Frisch ist die Schweiz keineswegs ein Sehnsuchtsort. »Wir sind Emigranten geworden, ohne unsere Vaterländer zu verlassen«, lautet ein nachdenkliches Zwischenfazit seiner Dankesrede zum Georg-Büchner-Preis.

Über die Jahre des Nationalsozialismus schreibt Frisch:

»Schon wieder kommen die klassischen Flüchtlinge, die einem Todesurteil entfliehen. Dachau oder Schweiz! Ich schweige von den Namenlosen, aber ich schweige nicht von der Tatsache, der vielleicht verständlichen oder mindestens begründbaren, aber durch kein Eigenlob verdeckbaren Tatsache, wie viele Namenlose damals zurückgewiesen wurden in den sicheren Tod.«[2]

Nicht alle Flüchtlinge, die von den Nationalsozialisten verfolgt werden, dürfen einreisen. Viele werden an der Grenze abgewiesen. Diejenigen, die es in das Landesinnere schaffen, müssen in Emigrantenlagern zurechtkommen.

Es ist eine Zeit allergrößter Not, aber auch der künstlerischen und gesellschaftlichen Blüte. Die zahlreichen Flüchtlinge schreiben, spielen und fordern die schweizerische Gesellschaft heraus. Die österreichisch-deutschen Juden Leopold Lindtberg und Therese Giehse prägen die »Neue Schauspiel AG«, aus der später das Zürcher Schauspiel-haus hervorgeht.[3] Hermann Hesse, der im heutigen Baden-Württemberg geboren wurde, erhält 1946 den Literaturnobelpreis. Die renommierteste und höchste Auszeichnung für einen Schriftsteller wird der Schweiz zugerechnet, weil sie Hesse 22 Jahre zuvor ihre Staatsbürgerschaft verliehen hat.

Emigration lohnt sich. Kulturell, aber auch industriell. Doch die Schweiz beginnt sich zunehmend abzuschotten. Im Innern macht sich Unmut breit über die Fremden, die man auf der Baustelle, in der Fabrik, im Stall und in der Küche dringend braucht, aber eben nicht in den Läden, in den Krankenhäusern und in den Innenstädten.

Menschen

Womit wir bei den Italienern wären.

Der Filmregisseur Alexander Seiler gilt als Pionier und Mitbegründer des »Neuen Schweizerischen Films«. Er wird, ähnlich wie Max Frisch, mit zahlreichen Preisen geehrt. Er erhält die »Goldene Palme« von Cannes, den Zürcher Filmpreis und den Schweizer Filmpreis. Sein Nachlass wird vom Schweizer Filmarchiv verwaltet. Wer sich mit der Schweiz, dem Schweizer Film oder den ausländischen Arbeitskräften in der Schweiz beschäftigt, kommt an dem promovierten Journalisten nicht vorbei.

Seilers Mutter wird in Mailand geboren, er selbst macht Bildungsreisen nach Florenz, Rom und Neapel. Durch diese Verbindung zu Italien und zur italienischen Kultur ist Seiler besonders berührt von den Lebensumständen der italienischen Arbeiter in der Schweiz. Er möchte sensibilisieren, Bilder zeigen und die zuweilen offen rassistische und fremdenfeindliche Diskussion in eine andere Bahn lenken.

Die Weiterentwicklung der Filmtechnik kommt ihm dabei zugute:

»Die Realität, die es wieder zu entdecken galt, waren (…) die Menschen, und für diese Entdeckungsreise hatte sich mit der Technik des ›Cinéma direct‹ (geräuscharme Handkamera, lippensynchroner Direktton, hochempfindliche Emulsionen) eben erst ein neues Instrumentarium herausgebildet. Statt über Menschen zu sprechen, konnte man sie nun selber sprechen lassen.«[1]

Man muss hören, was diese Menschen sagen, wenn man wissen will, wie sie sich fühlen. Diese Menschen, die für sich selbst sprechen, reden wenig und fordern noch weniger. Nur das Nötigste. Eine ordentliche Wohnung zum Beispiel. Mit Küche und Bad, in der man wie ein Mensch leben kann. Sie hausen in Fünfbettzimmern und Zwölf-Mann-Baracken. Die wohlhabenden Schweizer haben ihren italienischen Arbeitern umgebaute Stallungen zurechtgemacht. Das stößt bitter auf.

»Wo sie sonst Kühe haben, dort müssen wir jetzt wohnen. Warum das? Wir sind Menschen wie sie.«

»Viele von uns wohnen in Häusern, die recht wären für Tiere, nicht für Menschen.«

Dass es menschenwürdige Wohnungen gibt, wissen sie aus erster Hand. Sie sind es schließlich, die diese Häuser bauen. In denen allerdings gibt es keinen Platz für sie.

»Ist die Wohnung noch zu haben?«

»Sind Sie Italiener?«

»Ja.«

»Dann ist die Wohnung leider schon vergeben.«

Egal wen sie fragen, egal was sie fragen: Immer ist alles aus, immer hören sie dieses eine Wort. Und dann wechselt der Mann für einen kurzen Moment vom Italienischen ins Deutsche: »Nein, nein, nein.«

Das »Ja« erfolgt auf Italienisch. In der ersten Szene sieht man einen Haufen nackter Männer, die wie auf dem Viehmarkt aufgerufen und durchgewunken werden. Sie werden auf Tuberkulose und Syphilis getestet. Anschließend dürfen sie einreisen und arbeiten. Die Filmagentur Swiss Films beschreibt ihre Funktion in der schweizerischen Gesellschaft mit wenig zurückhaltenden Worten:

»Der Mensch wird zur Ware – Menschenware als Massenware –, deren einziger Sinn darin besteht, im Arbeitsprozess reibungslos zu funktionieren und sich möglichst einfach verwalten zu lassen.«[2]

Es würde kein bisschen auffallen, wenn man diesen Satz in eine Filmbesprechung zu Fritz Langs Metropolis oder zu Charlie Chaplins Moderne Zeiten hineinschmuggeln würde. Der Mensch als Ware. Menschenware als Massenware.

Dabei wirken die Menschen nicht wie Maschinen. Sie sind erschöpft und schwermütig. Sie kehren nach getaner Arbeit in ihre Behausung zurück. Sie leben eingeengt und eingepfercht, versorgen sich nur mit dem Nötigsten. Sie sind keine seelenlosen Maschinen. Sie wirken vielmehr wie Nutzvieh. Vielleicht haben die klugen Schweizer genau das im Sinn gehabt, als sie den kräftigen jungen Burschen ihren Kuhstall umgebaut haben.

Dass ausgerechnet diese Fremden nun genauso Menschen sein sollen wie die ehrenwerten Eidgenossen in der ehrwürdigen Schweiz, provoziert. In dem Film kommen nicht nur die Italiener zu Wort. Auch die Schweizer sind zu hören.

»Das Laute, das ertragen wir Schweizer einfach nicht.« »Sie haben einen anderen Charakter als wir, nicht diese Schulbildung. Sie sind einfach nicht wie wir Schweizer.« »Wer weiß, wie lange sie zur Schule gehen. Drei, vier Jahre Schule, die sind dumm wie Bohnenstroh.« »Das ist die Gefahr. Vor allem hat es zu viele, es wimmelt.« »Sie wollen billige Wohnungen. Ganz gleich, ob sie zu sechst in einem Zimmer sind. Aber billig, billig, billig. Es ist nun einmal ein Herdenvieh.« »Wir müssen raus, und die Italiener bekommen die Altwohnungen.« »Man kommt sich selber als Ausländer vor.«

Während der Mann den letzten Satz auf Schweizerdeutsch sagt, ergänzt mein Kopf auf Hochdeutsch die NPD-Parole, die ich in den 1990er Jahren so häufig gehört habe: »Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eigenen Land.«

Man muss sich konzentrieren, um mitzukommen. Nicht nur wegen der Sprache. Italienisch. Schweizerdeutsch. Untertitel. Sondern auch, weil Seiler in trauriger Genialität die sich selbst widersprechenden Schweizer in direkte Nachbarschaft zueinander gestellt hat.

»Sie sind eine Gefahr für die Schweiz, sie konsumieren zu viel. Sie haben hohe Löhne, sie wollen alles haben.«

Einmal habe ein Italiener 27 Tafeln Schokolade gekauft! Ein anderer hätte die gesamte Reisetasche voll gehabt. Obendrauf die Schokolade, was sich unten verbarg, das habe man nicht sehen können. Ihr Nachbar ergänzt: Sie stünden die ganze Zeit vor dem Warenhaus herum, seien neugierig, würden gucken. Nur kaufen würden sie nichts.

Sie kaufen zu viel, sie kaufen zu wenig. Es ist, als würde man Mister Bean und Hape Kerkeling zu einer Zeugenaussage vorladen, um einen komplizierten Banküberfall aufzuklären.

In einem sind sich aber alle einig: Die Italiener gehen auf die Schweizer Frauen los. Selbst wenn sie 60 Jahre alt sind – wie ein Augenzeuge mit erkennbarer Verwunderung betont. Ein anderer führt aus, dass die 16-jährigen Schweizer Töchter besonders gefährdet seien. Kurze Zeit später hört man Musik und sieht eine Oben-ohne-Bar, wo eine tanzende Frau in leichter Bekleidung die Männer in Wallung bringt. Die Ansagen und Aufrufe sind auf Deutsch und Italienisch, Schweizer wie Italiener sitzen in dem Etablissement einträchtig nebeneinander.

In der Einleitung zu seinem Buch schreibt Seiler:

»Wir kamen nicht als Soziologen oder Fürsorger, sondern als Fragende ohne Einschränkung, und ohne Ausnahme scheinen wir für unsere Gesprächspartner die ersten Schweizer zu sein, die sich nicht bloss für bestimmte Aspekte ihres Lebens, sondern für sie selber und alles interessierten, was sie zu sagen hatten.«[3]

Die Gesprächspartner, sie sitzen drinnen, sie sitzen draußen, rauchen Zigarillos, essen Spaghetti, schreiben Briefe, fahren sich mit der Hand durch die Haare und schauen nachdenklich in die Ferne.

Die einzige Konstante ist die Linie 14. Ein Zug, der die Arbeiter durch die pechschwarze Dunkelheit befördert und an ihrer Arbeitsstätte ausspuckt, wo der graue Nebel sie in Empfang nimmt.

»Das erste Jahr in der Fremde, man hat etwas im Herzen … Ich weiß nicht … Das erste Jahr war schwer. Auch jetzt möchte ich immer nach Italien zurück.«

40 Jahre nach Siamo italiani begibt sich Seiler mit den Gastarbeitern von damals auf biographische Spurensuche. Globalisierung, Entwurzelung, Integrationsschwierigkeiten und Identitätsverlust durchziehen das gesamte Leben der Menschen, die ihre alte Heimat verlassen haben und in der neuen Heimat nie angekommen sind. Der Film heißt Il vento di settembre. Septemberwind.[4]

Rotationsprinzip

Das Zauberwort lautet »Rotationsprinzip«.

Im Jahr 1955 unterschreiben der deutsche Bundesarbeitsminister Anton Storch und der italienische Außenminister Gaetano Martino die »Vereinbarung über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften nach der Bundesrepublik Deutschland«. Es ist nicht das erste Anwerbeabkommen mit Italien. Bereits 1937 beschließen das nationalsozialistische Berlin und das faschistische Rom eine Vereinbarung, mit der italienische »Arbeitskameraden« die deutsche Landwirtschaft stützen sollen. Als 1943 Italien aus dem Dreimächtepakt austritt und sich den Alliierten anschließt, werden aus 650000 italienischen Soldaten und Offizieren über Nacht Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter des »Dritten Reiches«. 50000 von ihnen sterben oder werden ermordet.[1] 1955 soll es anders werden. 1956 kommen die ersten italienischen Gastarbeiter nach Deutschland. Freiwillig.

Das Anwerbeabkommen ist für beide Länder eine Erfolgsgeschichte. Italien hat besonders im Süden mit der enormen Arbeitslosigkeit junger Leute zu kämpfen. Eine gesamte Region leidet unter struktureller Armut, Perspektivlosigkeit und schlichtweg Hunger. Die Kriminalität ist hoch, zuweilen bietet die Mafia mehr Aufstiegschancen als Staat und Wirtschaft. Zeitgleich entsteht das deutsche Wirtschaftswunder. In Landwirtschaft, Baugewerbe, Metallverarbeitung und Automobilsektor werden händeringend Arbeitskräfte gesucht. Im Wortsinn. Kräftige Arbeiter, die die schweißtreibenden Knochenjobs erledigen.

In München erfolgt der Transit.

Einige bleiben hier, die meisten fahren weiter nach Ludwigshafen, Mannheim, Stuttgart, Solingen, Essen und vor allem Wolfsburg. Die Stadt, die mit dem Automobilkonzern Volkswagen quasi identisch ist, deckt ihren Bedarf an Arbeitern unter anderem mit Flüchtlingen aus der DDR. Als diese nach dem Bau der Mauer ausbleiben, richtet man sich auf die italienischen Gastarbeiter ein.

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Heinrich Nordhoff, kümmert sich persönlich um die Anwerbung seiner Arbeitergäste. In der italienischen Zeitschrift Quattrosoldi wirbt der Konzern, man könne bei ihm »jedes Jahr eine halbe Millionen auf die Seite legen«.[2] Den italienischen Neuankömmlingen baut man Häuser und Siedlungen. Die Wolfsburger Nachrichten begleiten die Bauarbeiten und berichten beinahe in Echtzeit über die »Einsaat von Grassamen« und die Pflanzung von Bäumen.[3]

Eine kostenfreie Unterkunft, ein fester Job in einem DAX-Konzern und die Möglichkeit, jedes Jahr eine halbe Million Taler auf die Seite zu legen. Würde man die jungen Menschen heute fragen, was sie von diesem Angebot hielten, würden die meisten wohl zurückfragen, wo man unterschreiben darf.

Den Italienern ging es damals nicht anders.

Die Wolfsburger Nachrichten berichten auch über die Anlage einer Bocciabahn, den Bau eines Sportplatzes, die Errichtung eines kleinen Pförtnerhauses und den Lagerarzt Dr. Cervelti, der sein Krankenrevier im Gemeinschaftshaus beziehen wird.

Moment mal, Lagerarzt?

Die »Siedlung« entpuppt sich den Italienern bei ihrer Ankunft als Lager, das umzäunt und mit einem Schlagbaum versehen ist, überwacht von einem »Lagerführer«. Die »Häuser« sind ungedämmte Holzbaracken, in denen jeweils vier von ihnen einen Schlafsaal teilen müssen. Nun muss nicht alles, was das Wort »Lager« oder »Führer« trägt, irgendwas mit den Nazis zu tun haben, im Falle des »Lagerführers« Ludwig Vollmann lohnt sich aber der kleine Hinweis, dass er bereits unter den Nationalsozialisten das Gemeinschaftslager in der »Stadt des KdF-Wagens« geführt hat. Ein echter Fachmann also, der sich möglicherweise daran erinnert, wie bereits 1938 italienische »Fremdarbeiter« beim Bau des VW-Werks halfen.[4]

Ähnlich wie auch in der Schweiz sollen die Italiener arbeiten und nicht in der Innenstadt herumflanieren, wo sie doch nur die Zeche prellen und die Frauen belästigen würden. Wolfsburg ist in dieser Hinsicht keineswegs ein Einzelfall. In ganz Deutschland schlagen den italienischen Kollegen massive Vorurteile, Ressentiments und knallharte Ausgrenzung entgegen. In mancher Gastwirtschaft heißt es bereits am Eingang: »Kein Zutritt für Italiener« oder »Für Hunde und Italiener verboten«.[5]

Wobei, so ehrlich muss man sein, viel Freude hätten die Italiener in den deutschen Lokalitäten ohnehin nicht gehabt. Draußen war das Wetter usselig, drinnen der Kaffee ungenießbar, und dann dieses Essen. Keine Pasta, keine Pizza, kein Knoblauch, kein Olivenöl, kein gar nichts. Das musste man den Deutschen alles erst noch mühsam beibringen. Im Gegenzug beschimpften die Deutschen ihre italienischen Arbeitskollegen als »Makkaronifresser«. Spaghetti kannte man damals noch nicht. Das Wort hat Eingang in den Duden gefunden und die deutsche Schriftstellerin Gudrun Pausewang zu einer gleichnamigen Geschichte inspiriert:

»›Jetzt arbeitet so ein Makkaronifresser bei mir an der Maschine‹, sagte Erwins Vater, als er aus der Fabrik nach Hause kam, zur Mutter. ›Stell dir das vor!‹

›Was ist ein Makkaronifresser?‹, fragte Erwin.

Der Vater antwortete nicht, er war zu ärgerlich.

›Ein Italiener.‹, sagte die Mutter.

›Was ist denn daran so schlimm?‹, fragte Erwin.

›Die Italiener sind faul, dumm, schmutzig, sie können nicht deutsch reden und essen nur Makkaroni. Mit einem solchen Kerl müssen wir zusammenarbeiten!‹ rief der Vater.«[6]

Der Text endet damit, dass Giovanni, so heißt der Makkaronifresser, der beste Freund der Familie wird und die namenlose Mutter fortan gerne Makkaroni kocht. Man lernt in dieser Geschichte, dass auch Ausländer Gefühle haben und traurig sein dürfen und wie unbarmherzig die Deutschen mit ihren direkten Arbeitskollegen umgehen. Es ist eine Geschichte, in der man mehr über Vorurteile, Zivilcourage und Integration erfährt als in den allermeisten Sonntagsreden.

Die Italiener bleiben also zwangsläufig unter sich. Sie sparen die Hälfte ihres Lohns und senden das Geld in die Heimat zu ihren Familien. Nach und nach holen sie ihre Frauen und Kinder nach Deutschland.

In München erfolgt der Transit.

In der Durchgangshalle am Nordausgang des Bahnhofs gibt es ein ständiges Kommen und Gehen. Ein riesiges Gedränge. Die Menschen stehen, sitzen, essen, trinken, singen und spielen Karten.[7] Im Jahr 1974 verhängt die Stadt München eine »Zuzugsperre«, um die Ankunft weiterer Ausländer zu verhindern.

Dabei war die Idee einfach wie bestechend. Man holt jedes Jahr junge, unverbrauchte Menschen aus dem Ausland, die für wenig Geld schwere Arbeit erledigen. Nach zwei, drei Jahren kehren sie in ihre Heimat zurück, und neue, junge, unverbrauchte Menschen treten an ihre Stelle. Einerseits bleiben so die Lohnkosten durchgehend niedrig, weil niemand beruflich aufsteigt und anschließend Forderungen erhebt, andererseits besteht keine Gefahr, dass sich die Ausländer heimisch fühlen oder gar Wurzeln schlagen. Die Bildung von Parallelgesellschaften war ausdrücklich erwünscht und wurde zuweilen forciert. Wer heute im Nachhinein bedauernd feststellt, dass sich Staat und Gesellschaft nicht hinreichend um die Integration der ausländischen Arbeitskräfte gekümmert haben, ist mindestens naiv. Der Kerngedanke des Rotationsprinzips beinhaltete, dass sich die Arbeiter wie Gäste benehmen und verschwinden, wenn der Gastgeber den Abend beendet.

Vielen Dank. Auf Wiedersehen.

Es kam, wenig überraschend, anders. Nachdem die ausländische Bevölkerung durch Familiennachzug und Fortpflanzung unaufhaltsam wuchs, waren es die Arbeitgeber, die dem Rotationsprinzip den Todesstoß verpassten. Sie mussten feststellen, wie wichtig Aufbau und Erhalt von Expertise und Erfahrung selbst für vermeintlich einfache Tätigkeiten waren. Außerdem wurden sie müde, immer wieder immer neue Menschen einzuarbeiten, und gewöhnten sich an die tüchtigen Ausländer, die sie nicht wieder hergeben mochten.

So wurden aus Gastarbeitern Mitarbeiter. Sie machten Karriere, kauften Häuser und gründeten Familien. Sie zogen aus ihren Lagern aus und mäanderten langsam und unaufhörlich in die Mitte der deutschen Gesellschaft.

Feindbild

In die Mitte der Gesellschaft. In die Mitte unserer Gesellschaft. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass die Italiener nicht schon immer dort waren.