Kanadisches Scherzo - Curt Mehrhardt-Ilow - E-Book

Kanadisches Scherzo E-Book

Curt Mehrhardt-Ilow

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Beschreibung

Im Norden Kanadas, fernab der Zivilisation, führte Curt Mehrhardt-Ilow Anfang des letzten Jahrhunderts ein Leben als Jäger und Trapper. Über seine Erlebnisse und Begegnungen schrieb er vor Humor sprühende Geschichten. Diese Jagderzählungen zusammengefasst, sind ein Klassiker, der in jede Jagdbibliothek bereichert.

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EPUB

Seitenzahl: 697

Veröffentlichungsjahr: 2018

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CURT MEHRHARDT-ILOW

Kanadisches—Scherzo

EIN PIONIER DER JAGD ERZÄHLT

Mit 56 Zeichnungen von Karl Wagner

Zu dieser Ausgabe

Was dieses Buch inzwischen zu einem Klassiker macht, sagt nichts besser, als das Vorwort zur 7. Auflage des Paul Parey Verlages, welches Sie hier auch vorfinden.

Nichtsdestotrotz ist dieses Buch aus dem Jahre 1929, das wir in voller Absicht in der ihm eigenen Sprache belassen haben, ein Zeitzeugnis von unschätzbarem Wert. Der Autor, eine Mischung aus Old Shatterhand und den Helden Jack Londons, versteht es auf eine autentisch sympatische Art die kanadische Pionierszeit vorzustellen.

Heute noch einmal fast 25 Jahre später freuen wir uns dieses besondere Werk erneut einer großen Leserschaft zukommen zu lassen.

Franckh-KOSMOS Verlag

Ausgerechnet Kanada

Heute sind es sehr viele Jäger, die sich ihre jagdlichen Träume im Ausland erfüllen, um ihrer Passion nachgehen zu können.

In den letzten Jahren erschienen wohl kaum Jagderlebnisbücher ohne Kapitel über das Waidwerk außerhalb Europas, wohingegen vor einem halben Jahrhundert eher besinnliche Jagderlebnisse und Naturschilderungen heimischer Wildbahnen gefragt waren. So zumindest die landläufige Meinung Angehöriger der Grünen Zunft. Wirklich eine Zeiterscheinung der letzten Jahre?

Vor rund sechs Jahrzehnten kam ein bis dahin in der jagdlichen Szene fast unbekannter Mann in den Verlag Paul Parey, ein umfangreiches Buchmanuskript unter dem Arm, in der Hoffnung, dieses mit Hilfe des Verlages zu veröffentlichen. Das Manuskript mit dem Untertitel »Mit lachenden Augen durch Prairie und Busch« beschrieb die Erlebnisse eines deutschen Jägers in Kanada. Als der skeptische Verleger dies hörte, schlug er verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen und rief entsetzt aus: »Ausgerechnet Kanada!«

Mit diesem Ausruf war trotz anfänglicher verlegerischer Bedenken der Titel für das erste Buch von Curt Mehrhardt-Ilow geboren. Der Verfasser veröffentlichte schon ein Jahr später, 1931, ein weiteres Buch unter dem Titel »Auf Bummel und Birsch in Canada«, dem wiederum zwei Jahre später schließlich das Werk »Canadisches Nocturno« folgte. Der bekannte Jagdmaler Karl Wagner illustrierte die Trilogie mit zahlreichen amüsant-unterhaltsamen Zeichnungen.

Alle drei Bücher des bis dahin kaum beachteten Autors, Curt Mehrhardt-Ilow, geboren 1880, verstorben 1933, wurden später unter dem Titel »Kanadisches Scherzo« zusammengefaßt und sind mit einer Auflage von bisher fast 100 000 Exemplaren nicht nur das erfolgreichste jagdliche Erlebnisbuch des Verlages Paul Parey, sondern wohl auch das meistverbreitete Werk dieses Genres.

Die Nachfrage ist noch immer ungebrochen. Aus diesem Grunde hat sich der Verlag entschlossen, diese wohl einmalige Kanada-Literatur, die geradezu vor Humor sprüht, in der nunmehr 7. Auflage nach dem 2. Weltkrieg neu herauszugeben.

Verlag Paul Parey

ERSTES KAPITELAusgerechnet Kanada

»… und in einem Waldgebirge, das bequem von meiner Farm zu Pferde zu erreichen ist, findest Du alle diese Tiere, Hirsche, Bären, Elche und Wölfe, alles, was Du willst, und einige Seen, ganz in der Nähe, sind voll von Fischen, deren Hauptsächlichster der Hecht ist.

Meine liebe Frau und ich freuen uns furchtbar, nach so langer Einsamkeit in der Fremde Besuch aus der alten Heimat zu erhalten. Komme darum möglichst bald, alter Freund, das Gastzimmer ist bereit, Dich zu empfangen!«

So schrieb mir mein Freund und Studiengenosse Fred, mit dem ich einst gemeinsam Humpen und Schläger geschwungen hatte und der nach »ausgiebigstem« Studium mit den Resten seines Vermögens nach Kanada ausgewandert und Farmer geworden war. »Hill Farm«, so nannte er stolz seine Klitsche. Da gab es kein Überlegen mehr! Das schien ja das Paradies für mich als leidenschaftlichen Naturfreund und Jäger.

Alle für einen mehrjährigen Auslandsurlaub nötigen Schritte wurden sofort eingeleitet, die Ausrüstung bestellt, die Berliner Junggesellenwohnung aufgelöst, und schon nach kurzer Zeit dampfte ich nach der heimatlichen Oberförsterei ab, um dort die endgültige Regelung und den Tag der Abreise zu erwarten.

Mit den Worten »Mutter, Mutter, ich fahre nach Kanada!« sprang ich in die Arme meiner mich am Bahnhof mit dem Wagen erwartenden Eltern, stolz wie ein Fasanenhahn und selig vor Freude.

Mütterchen erblaßte, denn sie war schon allerhand gewöhnt. »Allmächtiger!« sagte sie und sah mich entgeistert an.

»Wo willst Du hin?« fragte der alte Herr. »Bist Du verrückt?« »Ach«, sagte Mutter, und ein Hoffnungsschimmer verklärte ihr liebes Gesicht, »er ulkt ja bloß mal wieder!«

Lange Erklärungen folgten, Mutter machte sich langsam mit dem Gedanken vertraut, und der alte Herr war bald Feuer und Flamme. »Du«, meinte er, »in Kanada, da gibt᾿s Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken!« Dann ging er auf seine geliebten Kaliberfragen über und legte mir dringend ans Herz, ja nicht auf das »urige« kanadische Wild die modernen, kleinen Kaliber zu benutzen.

»Ranpirschen mußte, hinhalten mußte, na, das haste ja bei mir gelernt, das kannste ja, und dann mit Kaliber elf Millimeter, das haut hin, das gibt Schweiß, das reißt zusammen!«

Während wir beide, zu Hause angelangt, weiter in Jagd fachsimpelten, war Mutter geschäftig, die große Neuigkeit brieflich den lieben Tanten und Verwandten mitzuteilen.

Die Wirkung trat prompt ein. Tante Rosa, früher »Röschen« genannt, und Tante Berta rückten an, um sofort handelnd in das vermeintliche Drama einzugreifen.

Tante Rosa, Vorstandsdame im Frauenverein des nahen Landstädtchens, galt als die gewiegteste Kennerin des lasterhaften Treibens der Großstadt, seit sie mich einst in Berlin besucht und unter meinem Schutze auf ihren dringenden Wunsch in einem Tanzkabarett gewesen war, von wo sie dem entsetzten Frauenverein die schamlosen Worte »keß« und »Edelnutte« als Befähigungsnachweis mitgebracht hatte!

Sie fühlte sich seitdem als durchaus »kompetent«, witterte überall Unsittlichkeit und stand das Laster vor, so daß ihr auf jeder Preissuche eine höchst lobende Erwähnung sicher gewesen wäre.

Ein Engel an Güte war dagegen Tante Berta, dafür glich sie aber körperlich einem »Pfannkuchen mit Beene«, eine Bemerkung, die mir als Bengel einst fürchterliche Prügel einbrachte, ohne daß man auch nur den Versuch gemacht hätte, sie zu bestreiten oder gar zu widerlegen!

Tante Rosa sah mich ernst, aber sichtlich milde an. »Armer Junge«, eröffnete sie das Verhör, »so ist es denn also auch Dir passiert! Sprich Dich ruhig aus, das erleichtert! Sieh mal, jetzt darfst Du den Kopf nicht hängen lassen, so etwas bringt doch auch heilige Pflichten. In der Großstadt kommt das ja so häufig vor, ich ahnte es ja schon lange, die Lokale, in denen Du, wie ich mit Schrecken sehen mußte, verkehrst, ließen es mich ja täglich erwarten!«

Ich verstand noch nicht, fragte daher erstaunt: »Sag mal, liebe Tante, was willst Du denn eigentlich?«

»Ach Junge«, fuhr sie fort, »mir machst Du doch nichts vor, ich kenne das doch vom Sittlichkeitsverein her. Wenn die jungen Männer plötzlich fort, weit fort wollen, so ist immer mit einem Mädchen etwas passiert, ein Kindchen …«

Weiter kam sie nicht, mein erst empörtes Erstaunen wich einem schallenden Gelächter, und – Tante Berta eilte herbei!

Sie war im Bilde. »Siehst Du, Rosa, ich wußte es ja gleich, dazu ist er viel zu schlau, nein, ich werde wohl recht haben, es sind Schulden, leichtsinnig war er ja immer, und«, zu mir sich wendend, »um Schulden, lieber Junge, bloß des Geldes wegen, brauchst Du nicht fort. Sei unbesorgt, wir helfen Dir, wir, Deine Tanten. Wieviel ist es, sage es uns, wir haben ein heiliges Recht, alles zu wissen!«

Donnerwetter, durchfuhr es mich, sollte man nicht diese Gelegenheit – aber nein, die Tanten meinten es ja gut!

»Nein, nein«, sagte ich deshalb, »weder Kinder noch Schulden noch sonstwas! Jagen und fischen will ich, Farmen sehen, auf einer Ranch leben, wilde Pferde reiten, Cowboy spielen, kurz, raus aus der Kultur, rin in die Wildnis!«

Mit den Worten: »Wir werden ja sehen, wohin das führt«, schritten sie untergefaßt zur Tür, machten dort nochmals halt, sahen mich traurig an, sagten: »Es ist schrecklich« und »Rauche wenigstens nicht so fürchterlich viel« und zogen schließlich seufzend ab.

Die Zeit verging, alles war in Ordnung, der Abschied kam.

Am nächsten Morgen stand ich frisch und in bester Stimmung am Pier in Cuxhaven, starrte auf den Riesendampfer, der weit draußen lag, und wartete auf den Tender, der uns hinüberfahren sollte.

Da es meine erste Seereise war, beobachtete ich alles mit der gespannten Aufmerksamkeit eines jungen Hundes.

Es gelang mir, mit dem ersten Tender zum Schiff zu kommen, und ich begab mich sofort zum Headsteward, wie der Herr Schiffsober nun mal überall heißt, um mir vor allem einen guten Tischplatz anweisen zu lassen.

Dann suchte ich nach meiner Kabine, um mein Handgepäck loszuwerden und mich zu überzeugen, ob auch alles stimmte.

Der Dampfer führte nur zweite Klasse, und ich hatte einen Platz in einer der früheren Luxuskabinen, die etwas teurer waren und mittschiffs lagen, ausgewählt.

Nach längeren Irrfahrten kam ich auch an die richtige Tür, trat ein und fand, mitten in der Kabine auf einer üblen Kiste sitzend, ein ziemlich verboten aussehendes Individuum, das eine kurze Pfeife mit fürchterlichem Kraut qualmte und mich, kräftig auf den Boden spuckend, mit den erfreulichen Worten begrüßte: »Ich hab’ zweite Klass᾿!«

Meine Begeisterung für die Reise und die gewählte zweite Klasse ließ merklich nach bei der Vorstellung, mit diesem Untier die Kabine teilen zu müssen. Schnell verstaute ich meine Sachen und eilte hinaus, um die Einschiffung der Reisenden vom Promenadendeck aus zu beobachten.

Eine ältere Dame, die es nicht erwarten konnte und schon auf dem Tender seekrank geworden war, wurde gerade von zwei Stewards auf das Schiff mehr geschleift als geführt, da ihr Zustand eine weit nach vorn geneigte Körperlage dringend benötigte! Das waren ja liebliche Aussichten!

Ein eleganter Jüngling, kurz geschorenes Haar, mit der Haltung eines Leutnants aus den Fliegenden Blättern, der eben mit einer Helmschachtel und einem gelben Degenfutteral auf Deck eilte, bekam eine Ladung, die sich aus der Dame süßem Mund über Helmschachtel, Degenfutteral, Beinkleid und Lackstiefel ergoß.

Da ertönten hinter mir die Worte: »Gugge mal, Bauline, da goddzd schon eene!«

»Ach Garl, ich wolld, ich wär widder derheeme!«

Inzwischen war die Einschiffung beendet, und mit dem Liede: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus« setzte sich der Dampfer in Bewegung.

Langsam, denn es gab so viel zu sehen, schlenderte ich durch das Schiff. Am Saloneingang, vor einem Spiegel, stand »Bauline« und sagte: »Garl, an meiner Libbe gommd enn gleener Biggel, ich gloobe, ich wärd seegrang!« »Heere«, antwortete Karl, »da mußte een Gognag nähm!« »Gognag brennd mer auf der Libbe.« »Nu, dän mußde äben kleich rundr gibben!«

Lachend suchte ich meine Kabine auf und fand dort, auf seiner üblen Kiste sitzend, die Stinkpfeife im Munde, das Individuum von vorhin, das fortgesetzt erklärte: »Ich hab᾿ zweite Klass᾿!« Vor ihm stand, rot vor Wut, mit Helmschachtel und Degenfutteral, der Leutnant aus den »Fliegenden«.

Es roch nach Waldmeistertabak, versengtem Filzschuh, den Resten der seekranken Dame und nach Apfelsine, die der dritte Gast, ein Amerikaner, auf seiner Koje sitzend, seelenruhig verzehrte.

Der Jüngling mit dem Degenfutteral hatte die gleiche Kabinen- und Bettnummer wie das Individuum, nur mit dem Unterschied, daß letzteres in die Kabinen auf dem Hinterdeck gehörte, dies aber nicht einsehen wollte. Dem Kerl gefiel es anscheinend großartig auf dem Schiff. »Ich hab᾿ zweite Klass᾿!«, dabei blieb er, das erledigte jede weitere Erörterung.

Das Degenfutteral tobte und drohte, das Individuum blieb bei seiner »zweite Klass᾿«, der Amerikaner kaute und bemerkte nur ab und zu in größter Ruhe: »That᾿s allright!«

»Aber meine Herren«, sagte ich, »so kann es doch die ganze Reise nicht bleiben, fragen Sie doch im Büro an, außerdem stinkt es hier scheußlich«, wobei ich mühsam das Bullauge öffnete.

In diesem Augenblick erschien unser Steward mit drei höchst verdächtig aussehenden, flachen Emaillegefäßen, die er zu meinem steigenden Befremden seitlich an drei Betten festmachte.

»Was soll das denn?« fragte ich. »Spucknäpfe«, war die Antwort. Das konnte ja nett werden, arme »Bauline«.

Sein Gutes hatte der Besuch aber doch, denn der Steward nahm wenigstens das Individuum mit, trotz seiner »zweite Klass᾿«, und mit der Miene des Siegers begann das Degenfutteral, auf seinem endlich eroberten Bette sitzend, mit der Reinigung seiner Sachen.

»Schweinerei, so was«, erleichterte sich der schwer geprüfte junge Mann, doch der Vertreter Uncle Sam᾿s, der Deutsch verstand und glaubte, besagte Schweinerei stamme von dem Jüngling selber, bemerkte trocken:

»Well, that᾿s nothing! Wenn im ›Chännel‹ (Kanal) schlecht Wetter ist und alle splitten (spucken), that᾿s allright! Sie sollten einen Gin nehmen.« Und als vorsichtiger Mann fügte er hinzu: »Well, ich glaube, ich nehme einen.« Und damit verließ er uns.

Der Jüngling hatte inzwischen sein Großreinemachen vollendet. Er sah mich prüfend an, warf »hochachtungsvolle« Blicke auf meine Schmisse, klemmte ein Einglas in das linke Auge, wölbte die Brust, schlug knallend die Absätze zusammen und näselte: »Gestatten, Karlheinz S., dolles Volk hier! Fahren auch nach New York? Äh!«

Ich nannte meinen Namen und erklärte, daß ich leider unterwegs aussteigen würde.

»Ha, ha«, lachte er, »sehr gut, Kamel gewesen. Dampfer fährt ja durch!«

Dann fing er an mir seine ganzen Absichten zu erzählen, seine Stellung in New York, seine Anstellungspapiere, alles brachte er vor, als ob er sagen wollte: »Siehst du, solch ein wichtiger Mann bin ich!«

»Warum«, fragte ich ihn schließlich, »haben Sie denn eigentlich das Degenfutteral und die Helmschachtel mit?«

»Na«, antwortete er wichtig, »ohne das und ohne Überrock fährt man doch überhaupt nicht!«

Ich war überrascht! »Und was wollen Sie damit in Amerika?«

»Erlauben Sie«, gab er überlegen zurück, »man kann nie wissen!«

»Rindvieh!« dachte ich und ging an Deck.

Die Freiheitsstatue in Sicht! Alles starrt, ein Witzbold ruft: »Sehen Sie sich die Statue der Freiheit ja gut an, meine Herrschaften, denn wenn Sie die hinter sich haben, ist es auch mit der Freiheit in Amerika vorbei!«

Der Hudson, Hoboken, New York, alles zieht wie im Traum vorüber. Endlich stehe ich, mit anderen armen Opfern, in meiner Fremdheit aber doch mutterseelenallein, auf den Kaianlagen der Hapag, in der Zollhalle, am Buchstaben M, so wie sich das gehört.

Mein einer Koffer ist da, aber der andere kommt nicht. Ich warte und warte, mein zweiter Koffer glänzt durch Abwesenheit!

Es vergeht eine Stunde, ich bekomme Hunger und Durst, Leute kommen und gehen, nur mein elender Koffer ist und bleibt verschwunden. Ich stehe schon fast allein, nur wenig Gepäck ist noch da, endlich erscheint er, der Heißersehnte!

Die typische Frage meiner Mutter, wenn ich von Jagd kam, »Wo warst du denn so lange?« fiel mir ein, und ich sehnte mich in diesem Augenblick, die drohende Zollrevision vor Augen, mit aller Macht nach Haus, denn mir graute davor, hungrig und durstig, wie ich war, ohne Kenntnis der Sprache, meine Koffer auszupacken, wie es andere hatten tun müssen.

Dabei hatte ich kaum etwas Zollpflichtiges, fuhr ja auch laut Fahrschein nach Kanada durch, doch wie, um alles in der Welt, sollte ich dort auf dem Kai alles wieder in die beiden Ungetüme hineinkriegen?

Im Geiste bildete ich die fürchterlichsten englischen Sätze, um den Beamten energisch zu erklären, daß ich mit meinem Gepäck nach Kanada durchfahren würde, als plötzlich die Gefürchteten erschienen.

Ich öffnete meine Koffer, der eine der Zöllner griff, heftig kauend, mit einem Arm tief hinein und fing an, auf dem Boden des Koffers herumzusuchen, er schien einen sechsten Sinn, den Tastsinn, besonders ausgebildet zu haben, er fühlte gewissermaßen, was zollpflichtig war und was nicht.

Bis jetzt ging alles gut. Da, seine Augen begannen zu leuchten, sein Arm verschwand bis zur Schulter in des Koffers Tiefe, er krabbelte mit Macht und zog schließlich mit dem Ausdruck höchster Spannung, sogar das Kauen stellte er dabei ein, den – grünen Porzellankopf nebst Ausguß meiner kurzen Jagdpfeife heraus!

Mißtrauisch besah er sich den verdächtigen Gegenstand von allen Seiten.

»Well, what to hell do you have here?« fragte er mehr erstaunt und wißbegierig als böse.

Um einen so ungewöhnlichen Vorfall des täglichen Lebens aufzuklären, war mein Schulenglisch leider durchaus unzureichend! Ich konnte wohl, wie ich das in der Schule gelernt, einfache Sätze bilden, z. B.: »Did aunt Mary come to see you, dear friend?« (Hat Euch Tante Marie besucht, lieber Freund?), fürchtete aber, mit einer derartigen Antwort berechtigtes Aufsehen zu erregen.

Ich begnügte mich daher, mit dem Finger auf den Pfeifenkopf deutend, schüchtern zu fragen: »That duty? That duty?«, wobei ich mich bemühte, meiner Stimme einen möglichst verbindlichen Klang zu geben.

Der Zöllner sah mich, die vorspringenden Kiefer in mächtiger Kaubewegung, forschend an, spuckte mit unfehlbarer Sicherheit in einen mindestens vier Meter entfernten Spucknapf und rief: »Damned monkeybusiness, hallo John!«

John kam, und auch er drehte das geheimnisvolle grüne Ding nach allen Seiten. Es war für die hochwohllöblichen U. S. custom officers ein schwerer, ein sehr schwerer Fall!

Da erschien, als Retter in der Not, ein zwar kleiner, aber höchst würdevoll blickender Mann, der laut rief: »Mister Mehrhardt, Mister Mehrhardt!« »Hier!«, antwortete ich, freudig überrascht, daß mich hier in diesem Affentheater jemand kannte.

Das Männchen, das im Hutband einen Zettel trug mit der Aufschrift »Hapag«, trat heran.

»Wie geht es Ihnen, Mister Mehrhardt?«

»Danke, ich habe Zollschwierigkeiten.«

Das Männchen sah voll Verachtung auf die Zollbeamten, steigerte seine würdevolle Haltung noch um ein Beträchtliches und sprach: »Well, gents, das gehört zu einer deutschen Tabakpfeife!«

Die Beamten rissen vor Erstaunen den Mund auf, wobei dem einen ein Stückchen weißes Zeugs entfiel, das auf meinem Kofferdeckel landete und dort sofort kleben blieb.

Was war das nun wieder? Ich staunte!

Doch schnell packte der Besitzer das anscheinend kostbare Stückchen und schob es wieder in den Mund, der sofort zu kauen begann.

»Ah, I see«, sagte er, sichtlich befriedigt, »ich denke, es ist alles in Ordnung!«

Er beugte sich blitzschnell vor, klebte mir einen kleinen Zollzettel an mein umgehängtes Doppelglas, sagte »allright«, und ich stand allein mit dem Männchen. Die Zollrevision war überstanden!

Das Männchen hatte die Aufgabe, mich in New York zu empfangen und nach Winnipeg, Kanada, so weit ging mein Fahrschein, weiterzuleiten. Er erledigte das sehr einfach!

Ein Wink mit der Hand, und ein dicker Kerl eilte herbei, mit dem das Männchen, noch so schnell im Fortgehen, einige Worte wechselte.

Der Dicke kam auf mich zu und sagte: »Du leben wohl! Das Koffer fixt das Mister. Du mir geben ein Dollar ›and a half‹ und ich bringen dir at station.«

Ich verstand, zahlte einen Dollar »and a half«, und der Dicke brachte mich richtig zum Bahnhof, von wo ich nach Winnipeg weiterfuhr.

Halb betäubt von meiner Unselbständigkeit saß ich im Schnellzug nach Chicago, es ging hier alles so »selbstverständlich«!

Die Einrichtung der Wagen war großartig! Die Sitze, einzelne Polsterstühle, erinnerten mich lebhaft an die unangenehme Menschenklasse der Zahnärzte, man konnte mit dem Sitz machen, was man wollte, jeder Teil war beweglich, man saß mehr als bequem.

In Chicago stieg ich um, ebenso in St. Paul, alles ging glatt, und am nächsten Morgen fuhren wir bei Emerson über die kanadische Grenze.

Kurz danach kam ein Beamter auf mich zu, sah meinen Fahrschein und Paß nach, stellte sich dann mit gezücktem Blei und Notizblock vor mich hin und fragte:

»Have you ever been in ›Cänädä‹ before?«

»Aha, das erste Interview«, dachte ich. Auf derartiges war ich vorbereitet, die Antwort auf derartige Fragen an der Grenze hatte ich schon seit Deutschland bereit, und ich sagte mit Nachdruck: »I shall see my friend Fred S., Hill Farm!«

»O, I see«, sagte der Beamte – es war der Auswanderungsbeamte –, »but have you ever been in Canada before?«

Ich verstand natürlich nicht, wollte ihm das sagen, verwechselte in der Erregung die Worte und antwortete: »I do not remember!«

Er sah mich erstaunt an, schüttelte sein langes, schmales Wilsonhaupt und zog ab mit den Worten: »Crazy German!«

Sein Glück, daß ich damals nicht wußte, was das heißt. So war ich froh, daß er ging, doch da kam er schon wieder an, ich gefiel ihm anscheinend!

Es entspann sich ungefähr folgendes interessante Zwiegespräch:

»German? Eh?«

»Yes!« antwortete ich mit Nachdruck.

»Berlin?«

»Yes!«

»Köln?«

»No!«

»O, I know it!«

Strahlend vor Freude über seine Kenntnisse Deutschlands fuhr er fort: »Well, too bad, it is a beautiful town! How do you like Canada?«

Wir waren gerade zehn Minuten über die Grenze, ich antwortete aber doch mit dem Wort, das immer paßt: »Allright!«

»They are raising healthy kids here, hallo!«, und damit ging er lachend weiter. Ich grübelte gerade darüber nach, was das wohl sei, »raising healthy kids«, da kam er schon wieder an, winkte und rief: »Hallo, Winnipeg!«

Ich war vorläufig am Ziel!

Der freundliche Beamte schien seine Vorliebe für Köln auf mich zu übertragen, er brachte mich zur Zollstation und verhandelte mit den Zöllnern, die mit lachenden Gesichtern meine beiden Koffer anbrachten und sofort abfertigten!

Vor allem studierte ich jetzt die Fahrpläne. Ich kalkulierte, daß ein Telegramm zur Hill Farm drei Tage brauchen würde, nahm zur Sicherheit das Doppelte und gab außerdem noch Freund Fred drei Tage zu, sandte also ein Telegramm, das meine Ankunft auf der Station K. in acht Tagen ankündigte.

Einige Tage bummelte ich notgedrungen in Winnipeg herum. Es war eine neue, saubere Stadt, großzügig gebaut, an Platz war ja kein Mangel! Aber ich langweilte mich fürchterlich, Stadt hatte ich in Berlin gerade genug gehabt, Wildnis, das wollte ich jetzt, und bald, schneller als erwartet, sollte ich sie mit allen ihren Reizen zur Genüge kennenlernen!

Nach glücklicher Abfahrt von Winnipeg war es mit der »Stadt« vorbei! Es gab nur noch Stationen, endlos, zehn, zwanzig, hundert, es nahm kein Ende! Und immer dasselbe Bild!

Stationsgebäude aus Holz, Häuser und Bürgersteige aus Holz, letztere hoch gebaut, damit man bei Regen nicht im Schlamm ertrank! Riesige Getreideelevatoren, ein Hotel aus Holz, ein Leihstall aus Holz und – einige Bengels, die das sicher sehr schöne, mir aber stets unklar gebliebene Nationalspiel, Baseball, spielten.

Ein Kerl mit einem keulenartigen Knüppel und einer mit einem wahren Monstrum von Handschuh waren immer dabei und schienen besonders wichtige Personen zu sein.

Wir fuhren durch endlose Wälder, meist Pappel, oft auch durch Sumpf mit Tannen und Lärchen. Schließlich wurde der Wald spärlicher, es kamen immer mehr offene Grasflächen dazwischen, bis endlich die Prärie erreicht war.

Rechts ein Drahtzaun, links ein Drahtzaun, dahinter Acker oder Steppe, je nach der Besiedelung. Ab und zu eine Holzbude, oft nur drei mal vier Meter groß – das »Farmhaus«!

Ab und zu prächtiges Vieh und herrliche Pferde, aber meist nichts!

Das war also die vielgerühmte Prärie!

Wo war das Wild, wo waren die Büffel?

So traurig und öde es auch draußen war, so interessant war es im Zuge selbst.

Die Wagen waren meist gut besetzt. Durch den ganzen Zug lief ein breiter Mittelweg, in dem ein fortwährendes Kommen und Gehen herrschte.

Ein Teil der Reisenden, das hatte ich bald heraus, wallfahrte fortgesetzt zu einem Apparat am Kopfende des Wagens, wo man sich Eiswasser holen konnte. Das tat gut bei der trockenen Hitze, die Blut und Gaumen ausdörrte!

Ein anderer Teil blieb meist längere Zeit fort, um dann, mehr oder weniger nach Alkohol duftend, etwas unsicher zurückzukehren. Ich schlängelte mich auch in dieser Richtung weiter und fand einen großartigen Restaurationswagen mit bequemen, drehbaren Ledersesseln.

»Hier bleibst du«, sagte ich mir und ließ mich sanft in einen Sessel fallen.

Sofort erschien ein schwarzes Untier, grinste erschrecklich und quäkte: »Whisky, Mister? Black and White, King George, Irish, Scotch?«

Ich nahm mich zusammen und bestellte ernst, aber voll heimlicher Sorge das, was auf einem Plakat an der Wand empfohlen wurde – »Gin Flip, please«.

»Gin Flip, allright«, quäkte der Neger und sauste ab.

Auf dem Plakat stand noch »good for the kidneys« (gut für die Nieren), well, was das auch war, ich war entschlossen, es zu trinken, ich war auf alles gefaßt!

Lange Zeit zur Sammlung blieb mir indes nicht, der Flip kam schneller, als erwartet, und – schmeckte wie Mottenpulver, es war ganz gemeiner Genever, ein mir höchst unangenehmes Getränk!

Da kam ein Kerl oder »gentleman«, wie man hier sagt, und trank Bier! Sofort ließ ich auch Bier kommen, Calgarybier, es war vorzüglich!

Der Zug fuhr und fuhr, und schon merkte man an der Umgebung wie auch an den neu hinzukommenden Fahrgästen die nahende Wildnis. »Zurück zur Natur« wurde immer mehr Devise!

So saß da ein Mensch, dessen behaarte Brust das fehlende Hemd nur mangelhaft ersetzen konnte, während sämtliche Frauen, soweit sie mit Säuglingen gesegnet waren – und das schien die Regel zu sein –, das Kind während der ganzen Fahrt an der Brust liegen hatten.

Anscheinend kannte man dort schon den späteren Karnevalsschlager aus Köln am Rhein: »Dä Klein, dä muß ene Nüggel han!«

Wenn dann Mutter und Kind einschliefen und die Mutter im Schlaf die Arme sinken ließ, so schadete das nichts, die Hauptsache blieb, daß der »Nüggel« beim Erwachen gleich wieder mundgerecht da war.

Und wieder mußte ich denken: »Merkwürdige Sitten und Gebräuche fremder Völkerstämme!«

Was die guten Leute wohl von mir dachten? Ich hatte einen hellgrauen, langen Gehrock, auf Taille natürlich, mit grauvioletten Aufschlägen als besonders geeignete Reisebekleidung ausgewählt.

Heute weiß ich, daß ich damit auf die dortige Bevölkerung urkomisch gewirkt haben muß, aber keiner verzog eine Miene, nur einige Kinder brüllten fürchterlich, wenn der große graue Mann näher kam, und die Mütter glotzten mich dann vorwurfsvoll an.

Endlich nahm auch diese Fahrt ein Ende! Mein Ziel, die »western town« K., vierundsechzig Einwohner, nahte, und meine Spannung erreichte den Gipfelpunkt! Hier sollte mein Freund mich mit dem Wagen erwarten, zur Dreißig-Meilen-Fahrt nach seiner Farm!

Der Zug hielt, ich stieg aus, – allein!

Ich sah, wie meine Koffer ausgeladen wurden, der Zug fuhr ab, kein Fred war zu sehen!

Ich stellte mich vor die Holzbude, die sich stolz »Station« nannte, rechts ein Koffer, links ein Koffer, dazwischen mein Handgepäck, im grauen Gehrock mit grauvioletten Aufschlägen, rauchte und wartete.

Irgend etwas mußte doch jetzt geschehen!

Aber niemand kam, weder Fred, noch Beamte, noch sonst wer! Man kümmerte sich von seiten der Bahn weder um mich noch um mein Gepäck. Ich war »angelangt«, das war aber auch alles.

So stand ich eine halbe Stunde, wartete, rauchte, überlegte und stellte dabei fest, daß ich rings von Stacheldrahtzäunen umgeben war.

Ich dachte an Karl May und war gerade dabei, meine Pistole aus der Tasche zu nehmen, um durch Abgabe einiger »Signalschüsse« irgendeinen Menschen heranzulocken, denn die Sache wurde mir denn doch zu dumm, da schimmerte es knallrot durch die Zäune, ein Vertreter der berühmtesten Polizei der Welt, der »Royal Northwest Mounted Police« (der kgl. nordwestlichen berittenen Polizei), in der kleidsamen, leuchtend roten Uniform, erschien – Sergeant Lee!

Er lachte mich an, mit blitzenden Zähnen im gebräunten Sportgesicht, und fragte: »Hallo, Sir, lost?« Ich betete sofort meinen Vers: »I shall see my friend Fred S., Hill Farm!«

Da strahlte sein Gesicht vor Freude, und er schüttelte mir die Hand. »I᾿m so glad, to see you, Mr. Mehrhardt.«

Sergeant Lee, dem der dortige Bezirk unterstand, kannte nicht nur meinen Freund sehr gut, sondern er wußte sogar, daß mein Besuch bevorstand. Die Freude war also groß.

Lee sprach ein reines Englisch, so daß ich ihn einigermaßen verstand, und sein herzliches Wesen erleichterte mir das Englischsprechen erheblich.

Ich erfuhr, daß ich im Hotel übernachten könnte, daß aber jeder hier im Lande sein Gepäck selber transportieren müßte. Ich könnte alles ruhig stehen und liegen lassen, nichts käme hier fort!

So zogen wir denn gemeinsam los, borgten uns eine Handkarre und brachten mein Gepäck mit vereinten Kräften zum Hotel.

Dort gab es zwei Zimmer und sechs Betten! Erst nach langem Verhandeln gelang es, dem Wirt klar zu machen, daß ich weder zu zweit in einem Bett schlafen, noch ein Zimmer mit einem Fremden teilen, sondern ein Zimmer allein haben wollte.

Der Wirt war starr! So etwas war noch nicht dagewesen!

»Well«, fragte er, »old countryman, German?« Ich nickte und erhielt schließlich das Gewünschte!

Aber wo blieb Fred? Ich erfuhr von Lee, daß das Telegramm nur bis zu der Poststation ging, wo Fred seine Post selber abholte. Dort mußte es schon lange liegen! Lee wollte daher sofort hinausreiten, um Fred zu benachrichtigen.

Einen Tag später konnte mein Freund erst hier sein, mich zu holen, ich hatte also Zeit genug, mich in der western town umzusehen.

Mit Interesse stellte ich fest, daß es schon beinahe nach Indianern roch, und ich rekapitulierte im Geiste Karl May, um mich gegebenenfalls auch richtig zu verhalten. Ich ging den Brettersteig entlang, durch den Ort, zweihundertachtzehn Schritt hin und zweihundertachtzehn zurück.

Dabei entdeckte ich ein chinesisches Restaurant und beschloß, da zu essen. Es war ein kleiner, durch einen Vorhang abgeteilter Raum. Hinter diesem Vorhang kroch der Sohn des Himmlischen Reiches hervor, grinste mich an und sagte: »Wuinnies?«

Ich glaubte, es sei ein chinesischer Gruß und rief daher fröhlich »Hallo!« Woher konnte ich wissen, daß es »Wiener Würstchen« heißen sollte! Hatte er mich doch sofort als Deutschen erkannt!

»Wuinnies, Wuinnies?« wiederholte er fragend.

Ich glotzte und griente nun meinerseits auch und suchte nach der Speisekarte.

Der Chinamann hatte aber keine und rief fragend: »Porterhousesteak?« Ich nickte energisch, das kannte ich, das war gut.

»Porterhousesteak, allright«, antwortete er, sichtlich befriedigt, und verschwand hinter dem geheimnisvollen Vorhang.

Das Steak kam und schmeckte ausgezeichnet. Gesättigt und bester Laune bummelte ich nun mal die Hinterseite der Häuser ab oder wollte dies wenigstens tun, da sah ich – Winnetou, den roten gentleman – wahrhaftig, da war ein Indianer!

Armer Karl May! Wie sah dieser kanadische Winnetou aus!

Ein Lump in einem Bündel Lumpen, der mit einem Sack und gebogenem Draht die Abfalleimer hinter den Häusern nach eßbaren Dingen durchsuchte.

Ich glaube, der Kerl hatte so eine Art »second hand grocery-store« (Alt-Kolonialwarenladen), denn der Sack war fast voll von allerhand Abfällen.

Und die nackten Füße! Ich hatte mal was von einem Stamm der Schwarzfußindianer gehört. Augenscheinlich hatte ich einen Krieger dieses Stammes vor mir!

Da, das war denn doch die Höhe! Er bückte sich tiefer über den Abfalleimer, aus dem er sich und seinen Stamm gerade verproviantierte, und ich sah – Old Shatterhand möge mir verzeihen – 4, in Worten vier, Hosen, aber keinen – Boden!

Der äußerste, erste Hosenboden war weg, fort, verschwunden, abgesessen, was weiß ich, der zweite dreiviertel, der dritte halb, und der vierte ließ gerade noch durch zwei handtellergroße Löcher die rotbraunen »Hinterbacken« seines Stammes sehen! Meine Enttäuschung war gewaltig!

Statt des blanken Tomahawks den blanken – nein, die Feder sträubt sich!

Eins war mir jedenfalls klar, nie und nimmer hätte ich mit dieser Rothaut die Friedenspfeife geraucht! Mir grauste davor, daß der rote Krieger in dieser gebückten Stellung das Kriegsgeheul seines Stammes ausstoßen könnte, und ich ergriff die Flucht!

Als vorsichtiger Mann zog ich mich gleich bis in die Halle des Hotels zurück, die dem roten Krieger verboten war, einen sehr großen Raum, rings von Sesseln und Spucknäpfen, in lieblicher Abwechslung, eingefaßt.

Diese Spucknäpfe ähnelten, vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist ja bekanntlich nur ein Schritt, verzweifelt einem modernen Sektkühler, bis auf den Inhalt natürlich.

In den Stühlen saßen vier »gentlemen«, die mich lebhaft an regelrechte Strolche erinnerten, nur daß sie absolut selbstbewußt dort saßen. Keiner sprach ein Wort.

Durch die offene Flügeltür konnte man in die Bar sehen, hinter deren Schanktisch Jack, der Bartender, hantierte, der mir sofort fröhlich zuwinkte.

»Hallo, Jack«, rief ich, als mir ein Bild an der Wand des Barraums ins Auge fiel, das anscheinend einen Indianerkopf vorstellte. Das mußte ich sehen, stand daher auf und ging hinüber, um es genauer zu betrachten.

Da hörte ich ein Scharren von schweren Stiefeln, die Strolche erhoben sich wie ein Mann, folgten mir gemächlich nach und stellten sich vor dem Schanktisch auf.

Ich achtete absichtlich nicht darauf, außerdem interessierte mich auch das Bild, »Küster᾿s last fight«, wohl der berühmteste Indianerkampf der Geschichte!

Ja, es war unbedingt Küsters letzter Kampf, denn er lebte nur noch allein von allen Weißen und war von einigen hundert brüllenden Wilden umgeben! Seine Gefährten lagen überall herum, teils bereits frisiert, wollte sagen skalpiert, teils wurde ihnen gerade von einem wütenden Krieger der Skalp geraubt! Man konnte deutlich sehen, daß nicht etwa die ganze Kopfhaut, sondern nur ein etwa eigroßer Lappen mit der begehrten Skalplocke abgeledert wurde. Ein feines Bild, ein sehr feines Bild!

Ich dachte gerade darüber nach, was wohl solch geübter Krieger getan hätte, wenn ihm eine echte, moderne Glatze unter die Finger gekommen wäre, als ein allgemeines, unwilliges Scharren der Stiefel mich in die Wirklichkeit zurückversetzte.

Da standen meine Hobos noch vor dem Schanktisch und sahen sich mißbilligend nach mir um.

Was wollten die bloß? Angst hatte ich ja vor dem Gesindel nicht, eher Abscheu!

So ging ich denn wieder in die Halle, und siehe, gemessenen Schrittes folgte mir meine »Leibwache« nach, um seufzend, mit enttäuschten Mienen, wieder Platz zu nehmen.

Das war ja beinahe unheimlich! Ich wollte gerade verduften, als ein Mann, anscheinend ein Farmer, eintrat und zur Bar durchging.

Sofort dasselbe Bild! Die Kerle folgten und bauten sich vor dem Schanktisch auf.

Und siehe, da kam des Rätsels Lösung! Der Farmer rief: »Hallo boys!«, und jeder der Strolche erhielt sein Glas Whisky, seinen »drink«.

So ist es im wilden Westen: Wer Geld hat, gibt aus. Wer keins hat, wartet, bis jemand mit Geld kommt, denn Durst hat man immer! Mit rührender Ausdauer sitzen die Leute und warten auf den »drink«, niemand stört sie, und wenn sie tagelang herumsitzen.

Wer aber betrunken, »drunk« ist, wird sofort hinausgeworfen. Und das ist bei den meisten dieser Gents das Ende.

Und wieder mußte ich denken: »Merkwürdige Sitten und Gebräuche fremder Völkerschaften!«

Der Abend kam, und ich ging auf mein Zimmer.

Das Bett war nicht frisch bezogen.

Nachdem ich mir meine Ruhestätte einige Zeit mißtrauisch betrachtet hatte, beschloß ich, in meine Reisedecke gewickelt, auf der bloßen Matratze zu schlafen.

Ich entfernte das Oberbett, eine mit einem Laken belegte Wolldecke, und zog das andere Laken mit einem Ruck herab.

Da bemerkte ich schaudernd, daß ich doch nicht allein im Zimmer war!

Meine »Bettgenossen«, wohl durch den plötzlichen Ruck erschreckt, eilten, über die Störung mit Recht empört, kribbelnd und wibbelnd über die Matratze! Es war mir, als ob jedes einzelne Insekt blutgierig rief: »Wo ist der Kerl, wo ist der Kerl!«

Sprachlos stand ich und starrte voll Entsetzen auf dieses Massenaufgebot!

Vor langen Jahren mietete ich in Berlin in der Invalidenstraße ein möbliertes Zimmer als garantiert insektenfrei. Schon am zweiten Tage mußte ich meiner Wirtin mitteilen, daß ich das Zimmer sofort verlassen würde, da Wanzen da wären.

Die gute Frau war empört! »Wat, dat nennen Sie Wanzen, ab und zu mal eene? Det sag ick Ihnen, wenn ick nich so hinterher jewesen wäre, denn hätten se Ihnen schonst in de erste Nacht wechjedragen!«

Ich hielt das damals für Übertreibung, ja sogar für unmöglich. Hier wurde dies Unmögliche Erlebnis!

Um nicht »wechjedragen« zu werden, setzte ich mich auf einen Stuhl ans offene Fenster, fortgesetzt summte es in meinen Ohren kritze kratze, kritze kratze, es knisterte und raschelte, kurz, Küsters berühmter letzter Kampf war ein harmloses Schäferspiel gegen diese meine erste Nacht im wilden Westen!

Erst gegen Morgen, als die aufgehende Sonne die Gefahr vermindert hatte, schlief ich ein. Wilde Träume umgaukelten mich!

Ich war an »Küsters letztem Kampf« beteiligt und wurde trotz meines Protestes zweimal skalpiert, dann war ich wieder Student und hatte mit dem Schläger meine Farben gegen ganze Rotten von Angreifern zu verteidigen!

Die Klinge surrte und schwirrte, schon drohte ich zu unterliegen, da ertönte hell und scharf unser Pfiff, der mir das Nahen der Freunde ankündigte. Da pfiff es wieder, und ich erwachte.

Vor dem Fenster stand Fred und pfiff den alten, lieben Bundespfiff! Er war sofort aufgebrochen und die Nacht durchgefahren! Lieber Kerl!

Freund Fred, immer noch der alte, sorglose Optimist von früher, war in seiner Freude, ohne zu überlegen, am Abend, sobald er mit der Arbeit fertig war, losgefahren, und zwar mit dem Buggy und seinen beiden schnellsten Broncos.

Broncos, auch Brankos genannt, sind wild aufgewachsene, erst später eingefangene Pferde. Ein Buggy ist ein Wagen mit vier großen, ganz schmalen Rädern, wie man sie nur auf der steinharten Grasnarbe der Prärie gebrauchen kann, und einem Sitz, in dem gerade zwei Personen Platz haben, wenn sie jeder das äußere Bein heraushängen lassen. Ein Buggy ist der leichteste und schnellste, aber auch der kleinste Wagen der Welt.

An sich interessierte mich ja dieses »Buggy« gewaltig, ich fragte aber doch besorgt, wie wir denn mein Gepäck transportieren wollten.

Fred hatte in seiner Freude gar nicht daran gedacht, daß ich Gepäck hatte! Strahlend antwortete er: »That᾿s allright!«

Damit schien in diesem gesegneten Lande alles erledigt und geregelt zu sein!

Er borgte sich einfach aus dem Leihstall, in dem die Ansiedler ihre Pferde einstellten, einen »Demokrat« und ließ das niedliche Buggy als Pfand dort.

Solch »Demokrat« ist eine Art Wagen, ähnlich wie das Buggy, aber länger, mit einem Wagenkasten dran, in dem man Gepäck unterbringen kann. Aber auch dieser Wagen ist sehr leicht und für schwere Sachen, wie ich zu meinem Leidwesen erfahren sollte, nicht geeignet. Immerhin war es vorläufig mal wieder »allright«!

Nachdem wir ausgiebig gefrühstückt und uns ausgeruht hatten, ging die Reise, dreißig Meilen durch die meist noch wilde Prärie, mit dem Demokrat los, vorne wir beiden, hinten das Gepäck!

Zuerst war noch eine Art Weg und alles ging gut, aber nach zweistündiger Fahrt begann die durch Karl May sattsam bekannte »rolling prärie« mit allen ihren Tücken!

Es ging rauf und runter, mal war das rechte Rad oben, mal das linke. Der Demokrat seufzte, er schwankte auch hier, wie im politischen Leben, hin und her.

Die Prärie rollte, der Demokrat rollte mit, die Koffer konnten das nicht länger mit ansehen, auch sie wollten rollen, so daß wir absteigen und sie, rechts und links nebenher gehend, bei jeder Neigung stützen mußten!

Natürlich waren die großen, vollgepackten Koffer für den leichten Wagen zu schwer, aber der Optimist Fred meinte »That᾿s allright!«, und damit war alles in Ordnung!

So marschierten wir denn Meile auf Meile, einer rechts, einer links, und hielten die Koffer mit den Armen fest, wenn der Wagen kippen wollte! Die Sonne brannte, bald war ich in Schweiß gebadet, meine Knie zitterten, ich fing an zu taumeln, da, der Demokrat neigte sich, genau wie in der Politik, mal wieder stark nach links, ich konnte nicht schnell genug zufassen, und krach, der Wagen stürzte um!

Das war ja eine heitere Gegend!

»Macht nichts«, meinte Fred, kam herum, stemmte die Schulter unter und hob den Wagen samt Gepäck wieder auf, wobei er keinerlei Miene verzog.

Ich staunte! Er schien die Anstrengung absolut nicht zu empfinden, sondern sang in fröhlicher Laune Studentenlieder, was auch nicht gerade ein Genuß zu nennen war, da er zu den rein quantitativen Sängern gehörte.

Und so ging es weiter, Meile für Meile, rauf und runter, mal das rechte Rad oben, mal das linke, über die steinharte Grasnarbe, glatt wie Parkett, in der trockenen kanadischen Sommerhitze, kein Baum, kein Strauch, immer weiter, Schritt für Schritt, bis wir endlich an einige Wasserlöcher kamen, wo wir haltmachten, die Pferde tränkten und ausruhten.

Von da ab wurde es besser, es gab ab und zu etwas Gebüsch, das Rollen hörte auf, und es kam sogar wieder eine Art Weg, da eine Siedlung in der Nähe lag.

Endlich, es war schon dunkel, erreichten wir die Farm, Fred in seligster Laune, ich mehr tot als lebendig!

Fred hatte gut lachen! Er trug derbe Schuhe, bequeme, weite Breeches, und – seinen ehemaligen Smoking, den er für derartige »feierliche« Einholungen für besonders geeignet hielt, dazu ein Hemd mit offenem Kragen!

Ich dagegen, well – – – sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls mache ich Anspruch darauf, bis heute der einzige Mensch dieser Erde zu sein, der an einem glühend heißen Augusttage dreißig Meilen durch die »rolling prärie« gewandert ist, in Stehkragen, grauem Gehrock mit grauvioletten Aufschlägen nebst eleganten Lackschuhen, und dabei mit erhobenem Arm zwei Riesenkoffer gestützt hat, damit der unselige Demokrat nicht umkippte!

Im Farmhaus empfingen mich die Frau meines Freundes und einige Kinder, deren Zahl ich bei der Beleuchtung durch eine kleine Petroleumlampe ohne Glocke nicht genau feststellen konnte.

Dann setzte ich mich langsam, ganz langsam auf das Sofa, um glücklicherweise noch im letzten Augenblick von der aufschreienden Hausfrau wieder hochgerissen zu werden: Um ein Haar hätte ich mich auf das Baby gesetzt, das in der Sofaecke, in eine Decke gewickelt, schlief.

Endlich saß ich aber doch und streckte langsam, ganz langsam die Beine, mein Bedürfnis nach »Wildnis« war schon am ersten Tage reichlich gedeckt!

ZWEITES KAPITELHill Farm

Freds Haus lag auf einem Hügel mit weiter Fernsicht. In der Nähe waren einige sloughs, kleinere, mit Gebüsch umgebene Seen und Teiche, die nach dem Waldgebirge zu zahlreicher wurden.

Das Haus, aus doppelten Brettern, bestand aus einem großen unteren Raum und zwei Zimmern im ersten Stock. Nur in dem großen Raum unten war ein Heizofen, außerdem stand dort der große Küchenherd.

An der einen Seite war ein Anbau, der als eine Art Vorratsraum diente, wo sich auch die typische kanadische Waschgelegenheit befand, bestehend aus einer alten Kiste, einer blechernen Waschschüssel, einem Handtuch, einem Stück Seife in einer an die Wand genagelten alten Konservendose, einem Bleikamm, der an einer Kette hing, und einem Spiegel!

Im Zimmer stand außer dem Tisch, mehreren Stühlen, einer riesigen Kommode und einigen Koffern das Prachtstück, ein Sofa!

In dem großen Raum oben schlief Fred mit seiner Familie, Frau und vier kleinen Mädchen. Das kleine Zimmer daneben erhielt ich, möbliert mit einem riesigen, zweischläfrigen Bett, fast so groß wie der ganze Raum.

Die Fenster waren, wie überall in Kanada, Schiebefenster, deren untere Hälfte nach oben hochgeschoben wurde, wenn man das Fenster öffnen wollte.

An einer Seite war das Renommierfenster, ein Riesending mit bunten Scheiben, das von der Schneidemühle, die derartige Farmhäuser fix und fertig herstellte, als Gratisbeilage mitgeliefert und von den Farmern hoch geschätzt wird!

Dieses Renommierfenster sollte sich gelegentlich eines Schneesturmes höchst unangenehm bemerkbar machen und soll deshalb hiermit erwähnt werden.

Wollte man ein Fenster nun zum Teil öffnen, so mußte die untere Hälfte hochgeschoben und ein Gegenstand daruntergestellt werden. Gewöhnlich benutzte man auf der Farm dazu die Kleiderbürste, da sie doch kaum anderweitig Verwendung fand!

Alle Familienmitglieder, wie auch gelegentlich Gäste, wuschen sich im Vorraum in der Blechschüssel und trockneten sich an dem einen Handtuch ab!

Wasser wurde in einer auf einem primitiven Schlittengestell stehenden Tonne aus dem ungefähr zweihundert Meter entfernten Ziehbrunnen herangefahren. Aus dieser Tonne, in der eine Kelle lag, schöpfte jeder nach Bedarf das köstliche Naß! Wer die Tonne leerte, musste sich Hilfe suchen, um sie wieder zu füllen.

Um das Haus herum zog sich ein gepflügter Streifen Land als Schutz gegen Präriefeuer, in dem aber bei dem sorglosen Fred Gerste wuchs, da er, als er gerade seine Sämaschine, in der noch Gerste war, für Weizen brauchte, über diesen Feuerschutzstreifen fuhr, damit nichts umkomme!

Die landwirtschaftlichen Maschinen, zum Teil wertvolle Geräte, standen oder lagen überall im Freien herum, rostig und verdreckt, ebenso die Wagen und Schlitten.

Ungefähr sechzig Schritte entfernt lag der Stall, an einem Abhang zu drei Vierteln in die Erde eingegraben, die Wände halb zerfallen. Darin standen die Acker-, Reit- und Wagenpferde, darunter meine spätere Freundin, das Sattelpony Dora, einer der größten Gauner von ganz Kanada! Ferner hausten dort die Hühner und Puten, wie es ihnen gerade paßte!

Freds erstes Wohnhaus, eine Bretterhütte mit schmaler Tür und zwei Fenstern, diente als Futterraum. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, die Tür, ein neues Patent, wurde jedesmal mit einem Stein, der zu diesem Zweck dort lag, und einem Riesennagel lose angenagelt, da Fred die ehemaligen Angeln anderweitig gebraucht hatte!

Die Scheune war ein Ding für sich! Fred hatte sie vor Jahren erbaut. Als er die Dachsparren aufgesetzt hatte, überraschte ihn der Winter, er kam nicht mehr dazu, das Dach zu vollenden, und so diente die Scheune denn seit dieser Zeit als »dachloser« Getreidespeicher!

Der Brunnen war weiter nichts als ein fünf Meter tiefes, quadratisches Loch, innen mit Brettern verkleidet. Am Rande lag ein Eimer, der an einem Strick mit kühnem Schwunge, der gelernt sein wollte, hinabgeworfen und gefüllt wieder heraufgezogen wurde!

Ein großer, mit Draht eingezäunter Platz diente den Kühen als Nachtquartier, die »pasture«.

Kühe, Pferde und Schweine, darunter das urkomische Tier Munko und das Shealdsschwein, von denen ich mehr zu erzählen habe, trieben sich nach Belieben frei herum.

Die Kühe kamen jeden Abend entweder von selbst zurück, um gemolken zu werden, wohl auch der Kälber wegen, die um das Haus herum angepflockt waren, solange sie noch tranken, oder sie mußten geholt werden.

Das Sattelpony war ganz wild darauf, die Kühe nach Hause zu treiben! Es machte das ganz allein, man brauchte es nur laufen zu lassen. Die letzten und langsamsten biß es sogar ins Hinterteil!

Ferner gab es noch einige Katzen und Bob, einen großartigen Köter!

Fred und seine Frau hatten es schwer, sehr schwer! Abgesehen von der Arbeitszeit im Sommer, wo Erntearbeiter und ein Hausmädchen angenommen wurden, machten sie alles allein!

Man denke: Morgens zwölf Kühe melken, Vieh und Pferde besorgen und Frühstück zurechtmachen. Dann fuhr Fred aufs Feld, die Frau versorgte das Kleinvieh, kochte Mittag und kümmerte sich um die vier Kinder von einhalb bis fünf Jahren! Mittags wieder Pferde füttern, am Abend nochmals, dazu das Vieh, Abendbrot machen, die Kühe holen, und, zum Schluß, wieder die zwölf Kühe melken!

Dazu die Milch entrahmen, buttern, backen, schlachten, Holz besorgen und klein hacken, das Haus reinigen, nähen, ausbessern, kurz, es war harte, schwere Arbeit, und es konnte eben nur das Allernotwendigste gemacht werden. Diese für unsere Begriffe haarsträubenden Zustände sind auf den meisten Farmen, soweit es sich um Ansiedler handelt, die Regel!

Der Leutemangel und der dadurch bedingte sehr hohe Lohn zwingt den Farmer, allein fertig zu werden.

Geheizt wird mit Holz, das aus dem Walde im Winter in ganzen Stämmen mit dem Schlitten geholt und mit der Axt zerkleinert wird.

Alle sonstigen Bedürfnisse mußten in der nächsten »town« W., einer deutschen Siedlung, die an einer anderen Bahnlinie, zwanzig Meilen entfernt, lag, gekauft werden.

Post gab es bei dem zwölf Meilen entfernt wohnenden Mister Whiteside, der zugleich Friedensrichter war.

Die nächsten Nachbarn, je drei Meilen entfernt, waren eine deutsche Familie namens Roloff und ein Engländer, John Little, der als Junggeselle in einer drei mal vier Meter großen Bretterbude hauste.

Der jungfräuliche Prärieboden war schwer und fruchtbar. Flachs, Weizen, Gerste, Hafer und Kartoffeln gediehen glänzend, aber Frost, Dürre und Hagelschlag vernichteten jedes Jahr wenn nicht alles, so doch einen Teil der Ernte.

Siebenundzwanzig Pferde und sechsundachtzig Kühe nebst Kälbern und Schweine hatte Fred selbst, aber ganze Herden von Vieh und Pferden trieben sich frei auf den endlosen Grasflächen der Prärie herum, verschiedenen Besitzern gehörend.

Das Ackerland war entweder durch Drahtzäune geschützt, oder das Vieh wurde bei seinem Erscheinen mit dem Sattelpony und den Hunden verjagt. Die Tiere wußten ganz genau, daß bestelltes Land »tabu« war, und nur selten versuchten sie, die verbotenen Fruchtfelder zu betreten.

Die ganz vorzügliche Milch wurde täglich zweimal entrahmt, d.h. durch die Zentrifuge gedreht, die Sahne in großen Blechkannen gesammelt und wöchentlich zur Post gebracht, von wo sie zur Molkerei versandt wurde. Es war dies die einzige regelmäßige Einnahme des Farmers!

Das Getreide mußte im Winter mit Schlitten zur Station gefahren werden, wo es von den Speichergesellschaften aufgekauft wurde. Vieh und Pferde konnten an gelegentlich vorsprechende Aufkäufer verhandelt werden.

Sämtliche landwirtschaftlichen Arbeiten wurden mit Maschinen ausgeführt, die fertig geschnittenen Ernten von Kolonnen, die mit Dreschmaschinen herumreisten, gedroschen, wobei sich die Nachbarn gegenseitig halfen, das fertig gedroschene Getreide einzufahren.

Futter, z. B. Hafer, wurde gleich in Garben, in großen Haufen aufgeschichtet, dicht beim Stall aufbewahrt und so verfüttert. Das Heu blieb da, wo es geschnitten worden war, in riesigen Mieten liegen, zum Schutz gegen das herumlaufende Viehzeug mit Stacheldraht eingezäunt.

Abgesehen von den mit niedrigem Buschwerk und vereinzelten Birkenstämmchen umgebenen Wasserlöchern war die Prärie öde und leer, trostlos in ihrer unendlichen Weite!

Vögel in allen Farben bevölkerten die Büsche, und Schmetterlinge wiegten sich über den Blumen. Alle paar Schritte traf man die Erdbaue der Gopher, einer Art Ziesel, vom Dachs und, hol᾿s der und jener, vom Stinktier!

Abends erhob sich das kläffende Heulen der Präriewölfe, die überall und nirgends ihr Unwesen trieben, eine fröhliche, unverschämte Gesellschaft!

In den Wasserlöchern und Teichen wohnten die Moschusratten und eine Art Molch, bis vierzig Zentimeter lang, aber keine Fische, da das Wasser alkalisch war, dazu riesige Mengen von Enten, seltener Gänse.

Auf den Feldern trieben sich die Kraniche umher, überall lockten die Präriehühner, während Hasen und Kaninchen seltener waren. Riesige Raubvögel zogen am Himmel ihre Kreise, und fast auf jedem Holzpflock oder Stein, der aus dem Boden hervorragte, saß ein amselgroßer Vogel mit gelb und braun gesprenkelter Brust und sang sein wehmütig ergreifendes Liedchen: die Prärielerche!

Unmassen von Fliegen und Moskitos, darunter einer mit drei Zentimeter langen Beinen, schwirrten überall umher. Eine Art von schwarzen Fliegen machte sich besonders unangenehm bemerkbar, da sie die niederträchtige Fähigkeit hatte, sich anzukleben, eine ekelhafte Art der Belästigung!

Dies sei in groben Zügen ein Überblick über die Lage des Präriefarmers. Schwere, harte Arbeit füllt sein primitives Leben, aber auch grenzenlos ist dafür seine Freiheit!

Wie bereits erwähnt, bestand die Ausstattung meines Zimmers aus einem Bett, in dem, wie überall auf der Farm, bequem zwei Leute schlafen konnten. Ich fand gerade noch soviel Platz, um meine beiden Koffer übereinander aufzustellen.

Wenn auch hierdurch die Möblierung etwas reichlicher wurde, so konnte mich das doch nicht zufriedenstellen. Ich vermißte als Kulturmensch noch verschiedenes, konnte aber vorläufig mich um nichts mehr kümmern, da mein zerschundener Organismus unbedingt nach Schlaf verlangte.

Am nächsten Morgen öffnete ich neugestärkt mein Gepäck, nahm die für die Farm meiner Ansicht nach geeignete Kleidung, vor allem auch die Jagdausrüstung, heraus, zog mich sportsmäßig an und ging hinab, um eine Waschgelegenheit ausfindig zu machen.

Fred war noch im Stall, und in dem Vorraum wusch sich ausgerechnet die Hausfrau, »bis an den Gürtel«! Sobald Fred kam, erfuhr ich auf meine Frage, daß die bereits geschilderte kanadische »Badeeinrichtung« auch für mich bestimmt sei. Ich benutzte sie nur dies eine Mal und schwur mir zu: Nie wieder!

Beim Frühstück erklärte ich, nebenbei ein unglaublicher Leichtsinn, ich wolle mit dem Demokrat zur Station fahren, ihn gegen das Buggy wieder auswechseln und einige Besorgungen machen.

Fred war einverstanden. Wir spannten an, und ich fuhr los, natürlich als Jäger mit Drilling, Jagdglas, Rucksack und Jägerhut. Im scharfen Trabe sauste ich ab, das ging anders als mit dem Gepäck! Die rassigen Tiere, die geübte Zügelhand fühlend, gingen wie die Puppen!

Bald waren die Wasserlöcher erreicht, an denen ich im Schritt vorbeifuhr. Es wimmelte von Enten, ich stellte sieben verschiedene Arten fest.

Da, was war das? Ein einsamer, wohl verflogener Pelikan! Runter vom Wagen, die Stränge gelöst, die Zügel an einem Busch befestigt, dann vorsichtshalber hundert Meter weggepürscht, den Drilling hoch, bäng! und flügelschlagend quittierte das erste kanadische Wild die Kugel.

Ein Krachen und Rattern folgte, Böses ahnend sprang ich eilends zurück – Pferde und Wagen waren fort!

Was nun?

Ich hatte zwar den Pelikan, aber der Demokrat wär mir lieber gewesen!

Sollte ich meine erste kanadische Jagdbeute verludern lassen? Nimmermehr! Ich dachte an den alten Herrn und holte zuerst, bis weit über die Knie im Wasser watend, den stolzen weißen Vogel. Mit dem Pelikan in der Hand nahm ich dann die Verfolgung der durchgegangenen Pferde auf.

Ein Sprichwort sagt: »Mit dem Hute in der Hand, kommt man durch das ganze Land«, und ich bin überzeugt, daß dem so ist. Weit schwieriger gestaltet sich dies aber mit einem Pelikan! Schon dachte ich daran, ihn irgendwo zu verstecken, da fiel mir mein Rucksack ein. Aus alter Gewohnheit hatte ich ihn umgehängt, als ich den Unglückswagen verließ. Der Pelikan wurde vorsichtig hineingestopft, nur der Kopf mit dem riesigen Schnabel baumelte heraus.

So zog ich denn erleichtert weiter. Bald fand ich Anzeichen der Katastrophe: Die zerbrochene Deichsel! Da sie direkt am Wagen abgebrochen, also eigentlich noch fast ganz war, nahm ich sie mit.

Plötzlich kam mir ein Farmer mit einem schweren Kastenwagen entgegen. Als Gepäck saß hinten drin ein weibliches Wesen, sein Eheweib. Hinterher kam noch ein Jüngling zu Pferde, der Sohn.

Alle drei hielten an und starrten! Noch nie in meinem Leben bin ich so angeglotzt worden! Kann man es den einfachen, prächtigen Menschen verdenken? Schließlich begegnet man auch nicht alle Tage in dortiger Gegend einem Fremden mit für kanadische Begriffe so sonderbaren Dingen wie einem Jägerhut mit Federn dran, einem Rucksack, einem Pelikan, einem Gewehr mit drei Läufen und einer Wagendeichsel.

Und wieder möchte ich einfügen, daß ich Anspruch darauf erhebe, bis heute der einzige Mensch dieser Erde zu sein, der mit einem Pelikan und einer Wagendeichsel seine durchgegangenen Pferde auf der Prärie verfolgt hat.

Die guten Farmersleute fanden allmählich die Sprache wieder und der »old man«, wie der Familienvater auf kanadisch heißt, rief fragend:

»Halloh?« Froh, Menschen und damit Aussicht auf Hilfe gefunden zu haben, betete ich sofort mein Verschen: »I shall see my friend Fred S., Hill Farm!«

»O, I see«, riefen die beiden Alten erstaunt, während der Junge in ein lautes Gelächter ausbrach bei der Vorstellung, daß ich mit meiner Deichsel und dem Pelikan jemanden besuchen wollte.

Natürlich kannten diese Leute Fred und wußten, daß er mich erwartete. So kam mir denn der Alte zu Hilfe. Ich stieg zu ihm in den Wagen, wir folgten der Galoppspur weiter und fanden schließlich die Pferde, friedlich grasend, neben den Resten des unglücklichen Demokrats, der mir das Leben schwer genug gemacht hatte!

Wir luden alles auf den Wagen, banden meine Pferde hinten an und fuhren zur Station. Der Farmer erbat und erhielt für seine Hilfe fünf Dollar.

Schnell besorgte ich mir noch Waschgerät, Lampe und allerlei Kleinkram, belud das Buggy, fuhr noch am Spätnachmittag ab und war wirklich in der Nacht wieder zu Haus, denn jeder Bronco findet den Weg zum Stall mit unfehlbarer Sicherheit!

Fred und Frau kamen mir lachend entgegen, Fred jauchzte geradezu vor Vergnügen, denn die Geschichte von dem sonderbaren Fremden, der einen grünen Hut mit Federn dran aufhabe und mit einer Wagendeichsel und einem toten Pelikan auf der Prärie herumlief, war ihnen bereits durch den berittenen Jüngling brühwarm überbracht worden.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, daß dieser erste selbständige Ausflug mir eine Rechnung von siebenundzwanzig Dollar Reparaturkosten einbrachte!

Aller Anfang ist schwer!

Die ersten Tage auf der Farm vergingen mir wie im Fluge. Es herrschte gerade Indianersommer, die schönste Zeit des Jahres. Die Ernte war gut bis auf ein ausgehageltes Haferfeld von hundertsechzig Morgen.

Fred, mit dem Schneiden seiner Felder fertig, war meist unterwegs, um den Nachbarn beim Dreschen zu helfen, bis er eines Tages mit dem ganzen Dreschbetrieb auf seine eigene Farm kam.

Es war eine wüste Kolonne, die sechs Tage in ihrem Wohnwagen bei uns hauste, alle arbeiteten aber wie die Wilden! Ich selbst spielte als »greenhorn« nur den stummen Zuschauer.

Zu meiner Schande muß ich überhaupt gestehen, daß meine Versuche in der ehrenwerten Tätigkeit des Farmers kläglich verliefen! Einmal setzte ich mich auf Freds Brechpflug, einschartig mit fünf schweren Pferden, womit der Prärieboden zum ersten Male aufgebrochen wurde, fuhr trotz größter Anstrengung statt einer geraden Linie ein undefinierbares, sich schlängelndes Gebilde und erklärte nach zehn Minuten: »Nie wieder!« Das andere Mal half ich beim Garbenaufsetzen, bei dem dortigen Arbeitstempo gelinde gesagt eine Schinderei. Beinahe zwei Stunden hielt ich das aus, um dann endgültig auf weitere Farmarbeit, soweit sie mit Ackerbau zusammenhing, zu verzichten. Dagegen beschäftigte ich mich gern und viel mit dem Vieh, den Pferden und den dringend nötigen Ausbesserungen der primitiven und meist zerfallenen landwirtschaftlichen Anlagen wie Gebäude, Ställe, Zäune usw.

Täglich schweifte ich weit umher, zuerst zu Fuß, dann zu Pferde, um die Gegend, die Nachbarn und vor allem die Tierwelt kennenzulernen.

Zu meiner Überraschung fand ich überall noch Büffelschädel, leider alle ohne Horn, nur die gebleichten Knochenansätze waren noch vorhanden. Es gab ganze kleine Berge davon, wohl gelegentlich von Indianern zusammengetragen. In jedem Wasserloch lagen sie, im Sonnenlicht deutlich sichtbar, stumme Zeugen vergangener Zeiten!

Unglaublich war auch die Masse der Vögel, die die Gebüsche rings um die Wasserlöcher bevölkerten! Dort war ein fortwährendes Jubilieren, Kreischen und Pfeifen, ein Schwirren und Flattern, wie ich es noch nie erlebt! Meistens waren es Singvögel in der Art unserer Stare.

Die wunderbarsten und schillerndsten Farben kamen vor! Es gab ganz schwarze, dann blauschwarze, mit einem Schimmer wie Stahl, schwarze mit grauem Kopf, dieselben mit weißen, andere mit gelben Flügeldecken, einer, den ich den kleinen Burschenschafter taufte, trug sogar auf beiden Schultern ein deutliches schwarz-rot-gold-gelbes Band!

Raubvögel, zum Teil sehr große, starke Burschen, waren häufig. Ihren Lieblingssport, auf Freds Haus zu sitzen und sich von da aus bei passender Gelegenheit ein Huhn zu holen, gewöhnte ich ihnen allerdings schnell ab. Ich schoß jeden, den ich in der Nähe der Gebäude erwischen konnte, erbarmungslos herunter und hing den Räuber am nächsten Pfahl auf. Diese Galgen verstimmten sie schließlich, bald ließ sich keiner mehr blicken, und die armen Hühner hatten wenigstens von oben Ruhe.

Vor den Wölfen konnte ich sie leider nicht schützen, alle Versuche, diese Schlauesten der Schlauen zu überlisten, scheiterten kläglich.

Schließlich zog ich in einer Mondscheinnacht mit einem weißen Puter unter dem Arm nach einem Hügel, setzte mich dort in ein vorher zurechtgemachtes Loch. Eine Schnur führte zum Puter, der zu seiner größten Verwunderung an einem Pfahl, fünfundvierzig Schritte entfernt, angebunden war. Sobald ich an der Schnur zog, wurde der Puter wütend und tanzte kollernd, soweit die Schnur reichte, um den Pfahl herum.

Dieses schöne, interessante Spiel trieben wir eine ganze Weile, als der Puter plötzlich aufhörte, sich zu ärgern. Er wurde merklich stiller, machte sich kleiner und kleiner, bis er ganz platt am Boden lag, regungslos, wie ein Stück Papier. Da bemerkte ich drei Wölfe, die in sicherer Entfernung auf den Keulen saßen und, lange Geschmacksfäden ziehend, die man im Mondlicht deutlich schimmern sah, nach mir und dem Puter äugten. So beobachteten wir uns stundenlang, mit der Zeit waren es fünf Wölfe, aber keiner kam bis auf Schußnähe heran.

Als um Mitternacht der Mond besonders hell strahlte, glaubten die Wölfe, mir ein Ständchen bringen zu müssen, denn sie fingen mit solcher Hingabe zu singen an, daß ich es nicht mit anhören konnte und es daher vorzog, samt Puter nach Haus zu wandern und die Wölfe bis zum ersten Schneefall zufrieden zu lassen.

Bis ins Haus verfolgte mich das entrüstete Geheul der sich bitter enttäuscht fühlenden Räuber!

Mit dem Nahen des Winters vermehrten sich Enten, Kraniche und Gänse zu großen Scharen, die sich am Tage auf den Seen und Feldern herumtrieben und gegen Abend in mächtigen Schwärmen, oft viele Hunderte, auf dem ausgehagelten Haferfeld, keine dreihundert Meter vom Haus, einfielen.

Dort hatte ich ein mit Hafergarben umstelltes Loch gebuddelt, von wo aus ich abends so reiche Beute machte, daß ich auf den echt amerikanischen Gedanken kam, damit zu handeln, eine Sache, zu der ich mich nie besonders geeignet habe.

Ich schoß in zwei Tagen einhundertsechsundachtzig Enten, fast lauter »Mallards«, Stockenten, lud sie auf den Wagen, fuhr zur Stadt und verkaufte den ganzen Bestand an das Hotel, das Paar für fünfundzwanzig Cents!

Als die Felder kahl und das Getreide gedroschen war, saß ich häufig oben auf einer der Strohmieten, die am Dreschplatz stehen blieben, bis unter die Arme eingebuddelt, beobachtete so das Leben und Treiben der Tierwelt und kam von dort aus auch öfter auf selteneres Wild zu Schuß. Auf diese Art schoß ich auch meinen ersten Präriewolf, einen selten starken Rüden, der fünfundachtzig Pfund wog, aber mindestens für drei Zentner stank!

Besonders lauerte ich auf eine Art Riesenkranich, fast zwei Meter groß, der zu scheu war, um ihn anzupürschen. Eines Tages war ich gerade von meinem Strohhaufen herabgerutscht und lag, den geladenen, aber gesicherten Drilling in der rechten Hand hochhaltend, in Hockstellung in dem losen Stroh am Rande, als ein Zug von fünf dieser Riesenvögel über mich in Schußhöhe hinwegflog. Ich konnte gerade noch entsichern und, halb auf dem Rücken liegend, auf den letzten abkommen! Er fiel wie ein Stein gerade auf mich los, ich warf mich nach vorn, um auszuweichen, da traf er mich auch schon mit solcher Wucht ins Genick, daß ich erst mal regungslos liegen blieb! Erst nach einer ganzen Weile konnte ich mühsam aufstehen und mit einer unhandlichen Beute – die Beine waren fast anderthalb Meter lang – heimwanken. Wie sagt Schiller? »Doch der Segen kommt von oben!«

Von meiner Unglücksfahrt nach der Station hatte ich den sehr wichtigen Gegenstand, einen Lasso, mitgebracht, und mit Ingrimm und Geschick übte ich mich täglich in der in Kanada hochgeschätzten Kunst des »ropens«, d.h. Lassowerfens!