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Strategien, die beiden Partnern helfen, den Seitensprung zu verarbeiten
Kaum etwas ist traumatischer als die Erkenntnis, dass der Partner eine Affäre hat. Nicht nur Schmerz und Wut, sondern auch das Gefühl, dass der Partner zu einem Fremden wurde, müssen bewältigt werden. Wie kann man jemals wieder vertrauen? Der bekannte Paartherapeut Andrew G. Marshall erklärt die sieben Phasen, die Paare von der Aufdeckung der Affäre bis zum Neuanfang durchlaufen, und warum manche Paare aus dem Heilungsprozess gestärkt hervorgehen, andere dagegen daran scheitern.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2011
Kann ich dir jemals wieder vertrauen?
So bewältigen Sie den Seitensprung Ihres Partners
Aus dem Englischen von Tatjana Kruse
Es gibt kaum etwas Traumatischeres im Leben als die Erkenntnis, dass der Partner eine Affäre hat. Man muss nicht nur Schmerz und Wut bewältigen, sondern auch mit dem Gefühl zurechtkommen, dass der Partner zu einem Fremden wurde. Wie kann jemand, den man liebt, den man zu kennen glaubt, einen so behandeln? Wie kann man jemals wieder Vertrauen finden? Der bekannte Paartherapeut Andrew G. Marshall zeigt, warum manche Menschen für Liebschaften besonders anfällig sind, definiert die verschiedenen Spielarten von Affären und erklärt die sieben Phasen, die Paare von der Aufdeckung der Affäre bis zum Neuanfang durchlaufen. Dafür stellt er einige helfende Verhaltensregeln zur Verfügung, denn wenn ein Paar den Neuanfang nach einem Seitensprung wagt, kann es aus diesem Heilungsprozess gestärkt hervorgehen. Andrew G. Marshall dazu: »Auch wenn es seltsam klingen mag, aber Sie können diese Krise vom Schlimmsten, was Ihnen beiden je passiert ist, zum Besten verwandeln.«
Autor
Andrew G. Marshall verfügt über 35 Jahre Berufserfahrung als Paartherapeut und ist Autor von 20 Büchern, die in 20 Sprachen übersetzt wurden. Er arbeitete für RELATE (Großbritanniens größter gemeinnützige Organisation für Paarberatung), zog aber 2018 nach Berlin, wo er eine Privatpraxis hat und Paaren sowie Einzelpersonen mit Beziehungsproblemen auf Englisch hilft. Außerdem moderiert er den beliebten Podcast The Meaningful Life with Andrew G Marshall.
Eins von fünf Paaren, die meine Beratungspraxis aufsuchen, hat mit den negativen Folgen einer Affäre zu kämpfen. Es ist der vierthäufigste Grund, warum Paare meine Hilfe in Anspruch nehmen. Laut dem British Sexual Fantasy Research Project waren 55 Prozent aller Briten irgendwann im Leben untreu. Die bahnbrechenden Studien von Kinsey aus den 1940er- und 1950er-Jahren in Amerika ergaben, dass 26 Prozent aller verheirateten Frauen und 50 Prozent aller verheirateten Männer ihre Partner betrogen hatten. Nachfolgende Studien zeigten ähnliche Resultate. Wenn man alle Paare zusammenfasst, auch die unverheirateten, ist die Zahl sogar noch höher. Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine wahre Flutwelle an Elend, Betrug und Verletzungen in mein Büro schwappt.
Das ist jedoch nicht nur eine schlechte Neuigkeit. Untreue mag eine furchtbare Krise heraufbeschwören, aber das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Teilen: Gefahr und Chance. Wenn Sie dieses Buch gekauft haben, weil Sie feststellen mussten, dass Ihr Partner eine Liebschaft hat, oder weil Ihre eigene Affäre entdeckt wurde und Ihre Beziehung nun auf der Kippe steht, dann sind Sie sich der Gefahr nur allzu deutlich bewusst. Mein Ziel besteht darin, Ihren Blick auch für die Chance zu öffnen. Untreue stellt das ganze Leben auf den Kopf und bringt Sie dazu, alles zu hinterfragen. Die Angst, dass es wieder geschehen könnte, wirft ein grelles Licht auf alle dunklen Ecken Ihrer Beziehung und bietet im besten Fall den Anstoß für Veränderung. Manchmal klagen meine Klienten: »Ich will einfach nur mein altes Leben zurück.« Das ist unmöglich, aber wenn man sich auf den Aspekt der Chance konzentriert, die eine Krise bietet, findet man womöglich zu einer tieferen, dauerhafteren und letzten Endes besseren Beziehung.
Ich habe versucht, in diesem Buch einen verständnisvollen Ton anzuschlagen. (Es gibt natürlich Ausnahmen, aber nur sehr wenige Menschen nehmen sich vor, untreu zu werden.) Mein Buch zielt vor allem auf die Personen ab, die einen Ehebruch entdecken mussten– denn sie trifft es im Allgemeinen härter, und sie suchen dringend nach Antworten. Aber in jedem Kapitel gibt es auch einen Abschnitt, der speziell den Personen gilt, die beim Ehebruch entdeckt wurden. Ich hoffe, dass Paare dieses Buch gemeinsam lesen und durch meine Übungen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis finden. Wenn Sie die dritte Person in einem Ehebruch sind, werden Sie keinen so großen Nutzen aus diesem Buch ziehen können, aber ich hoffe dennoch, dass dieses Buch Ihnen Einblicke in die Dynamik eines Ehebruchs verschafft und Ihnen, falls die Affäre endete, in Ihrem Heilungsprozess weiterhilft.
Bei meiner Arbeit an Kann ich dir jemals wieder vertrauen? konnte ich mich auf Erfahrungen mit Klienten aus über 25 Jahren Paarberatung beziehen, darüber hinaus auf Interviews mit Menschen, die keine Beratung in Anspruch nahmen, und auf Fragebogen, die Besucher meiner Website ausgefüllt haben. (Die Ergebnisse der Fragebogenaktion wurden in mehreren Artikeln über Untreue in führenden britischen Zeitungen und in der Internetzeitschrift The Huffington Post veröffentlicht. Insgesamt gingen 1500 ausgefüllte Fragebogen aus aller Welt ein. 68 Prozent davon wurden von Menschen ausgefüllt, die der Untreue ihres Partners auf die Spur gekommen war, 32 Prozent von Menschen, die untreu gewesen waren– und von Letzteren beichteten nur 32 Prozent ihrem Partner die Affäre.) Zum Schutz der Privatsphäre habe ich bisweilen zwei oder drei Fälle zu einem zusammengefügt. Wie immer danke ich allen, die mir ihre Erlebnisse mitgeteilt haben. Ich hoffe, ich konnte im Gegenzug zu ihrem Verständnis der Situation beitragen und die Bausteine für eine bessere Zukunft bereitstellen.
Wie man dieses Buch lesen sollte:
Alle Kapitel wurden in erster Linie für die Menschen geschrieben, die von der Untreue ihres Partners erfahren haben.
Am Ende jedes Kapitels gibt es jedoch einen Abschnitt für die Personen, die selbst untreu gewesen sind. Dem folgt ein Abschnitt über die Lektion, die man in der jeweiligen Phase lernen kann, sowie eine Zusammenfassung des Kapitels.
Im Idealfall sollten sowohl Sie als auch Ihr Partner das ganze Buch lesen. Ich habe jedoch die Übungsprogramme so gestaltet, dass es auch funktioniert, wenn Ihr Partner nur die Abschnitte liest, die auf ihn (oder sie) zutreffen.
Keine Sorge, wenn Ihr Partner Selbsthilfebüchern misstraut oder sich bezüglich der Zukunft noch unsicher ist. Dieses Buch will Ihnen helfen, mit der Situation besser zurechtzukommen, nachzudenken, bevor Sie handeln, und wieder zu einem Gleichgewicht zu finden. Das wiederum wird sich positiv auf das Verhalten Ihres Partners auswirken, und Sie beide werden in Zukunft besser kooperieren.
Lesen Sie das ganze Buch, damit Sie ein Gespür für den anstehenden Weg bekommen, und konzentrieren Sie sich anschließend jeweils auf die Phase, in der Sie sich gerade befinden.
Wenn Sie in eine Krise geraten, deprimiert oder gestresst sind, dann kehren Sie zum vorigen Kapitel zurück. Es könnte sein, dass Sie einen wichtigen Bestandteil der Heilung übersehen haben und die vorige Phase noch einmal durchlaufen müssen, um den nächsten Schritt tun zu können.
Holen Sie tief Luft. Bleiben Sie ruhig. Die Dinge werden sich bessern!
Eine gute Beziehung gründet auf drei Bausteinen: Vertrauen, Ehrlichkeit und Mitgefühl. Wir brauchen keine minutengenaue Auflistung, wo unser Partner war oder was er getan hat, denn wir vertrauen ihm. Wenn es ein Problem gibt, gehen wir davon aus, dass unser Partner ehrlich ist und es eingesteht. Wir hoffen, dass der Mensch, den wir lieben, nur unser Bestes will, und dass er sich, wenn wir ins Stolpern geraten, als mitfühlend erweisen wird. Und das Wunderbare an der Liebe ist, dass wir bereit sind, es im Gegenzug ebenso zu halten. Unter dem Schutz einer guten Beziehung– mit Vertrauen, Ehrlichkeit und Mitgefühl– kann ein Paar nicht nur wachsen und gedeihen, es fühlt sich auch in der Lage, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Aber weil diese Bausteine so grundlegend sind, halten wir sie leider oft für selbstverständlich. Nur selten sprechen wir im Alltag über Vertrauen, Ehrlichkeit und Mitgefühl. Sie sind einfach da, wie Essen, Wasser und ein Dach über dem Kopf. Erst wenn unser Partner untreu war, wenn er unsere emotionale Intimität verletzt und unser Gefühl der Sicherheit zerstört hat, wird uns klar, wie kostbar Vertrauen, Ehrlichkeit und Mitgefühl sein können.
Wenn Ihr Partner Ihnen untreu war oder Sie das vermuten– oder falls Sie selbst vom Weg abgekommen sind–, dann ist Ihnen zweifelsohne überdeutlich bewusst, wie schwer es ist, eine angeknackste Beziehung neu aufzubauen. Vermutlich fürchten Sie sogar, dass der Schaden irreparabel ist. Womöglich hegen Sie auch gar nicht den Wunsch, die Beziehung wieder aufzubauen. Das Vertrauen ist auf einem absoluten Tiefpunkt angekommen, und wahrscheinlich gibt es sehr viel mehr Wut als Mitgefühl. Schlimmer noch, Sie zweifeln daran, ob Sie Ihrem Partner jemals wieder vertrauen können (beziehungsweise ob er Ihnen je wieder vertrauen kann). Doch meine Botschaft an Sie lautet, dass es nicht nur möglich ist, eine Beziehung trotz Untreue zu retten, sondern dass sie danach sogar noch stärker sein kann. Wahrscheinlich sind Sie skeptisch, aber Sie müssen mir diesbezüglich einfach vertrauen. Da ist es wieder, dieses Wort.
Dieses Buch ähnelt einer Reise– von dem Augenblick, in dem die Untreue nur eine vage Vermutung ist, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, über den Moment, in dem man Gewissheit erlangt, und weiter zu dem Punkt, an dem man Mitgefühl mit dem Partner entwickelt (oder, wenn Sie untreu waren, auch mit sich selbst), bis hin zur gegenseitigen Ehrlichkeit (egal, ob Sie Ihren Partner der Untreue überführten oder umgekehrt) und am Schluss zu dem letzten und wichtigsten Baustein: der Erneuerung des Vertrauens. Unterwegs werden Ihnen sicher Zweifel kommen, Sie werden quälende Verzweiflung durchleben, aber auch Momente der Hoffnung. Sie werden mehr über Ihren Partner und über sich selbst herausfinden, als Sie je für möglich hielten. Was immer auch geschieht, am Ende der Reise werden Sie tapferer, weiser und stärker sein.
Dem Namenlosen einen Namen geben
Bevor man den Partner der Untreue überführt, gibt es immer Verdachtsmomente: eine Ahnung, dass etwas nicht stimmt, ein wachsendes Unbehagen. Ihr Partner kommt wiederholt spät von der Arbeit, ist geistesabwesend, reizbar oder euphorisch– alles scheinbar grundlos. Er scheint über Gebühr an seinem Aussehen interessiert oder spricht besonders oft über eine bestimmte Person aus dem Kollegenkreis. Es kann eine Million Gründe für dieses Verhalten geben, viele davon absolut harmlos. Die Vorstellung, dass Ihr Partner untreu sein könnte, ist anfangs völlig unvorstellbar, so unglaublich, dass Sie diesen Gedanken energisch beiseiteschieben. Sie finden Entschuldigungen. Sie geben der Arbeit die Schuld, finanziellen Problemen oder dem Stress durch die Kinder– seien diese nun klein, Teenager oder kurz davor, das Haus zu verlassen. Sie sagen sich, dass es in jeder Beziehung auch einmal schlechte Zeiten gibt oder dass es schon besser wird, sobald erst der Druck an der Arbeitsstelle nachlässt. Sie stecken den Kopf in den Sand und machen einfach weiter wie bisher. Leider können Beziehungen auf diese Weise ganz allmählich auf den Hund kommen, und man übersieht leicht, wie schlimm es in Wirklichkeit schon ist. Aus diesem Grund wird einem meist auch erst in der Rückschau klar, welche Hinweise es gab.
»Mein Mann ging immer mit dem Handy ins Bad«, erzählte Melanie (42). »Ich hielt das für merkwürdig– und selbst die Kinder zogen ihn damit auf. Erst später, als ich seine Affäre entdeckte, wurde mir klar, dass er im Bad in aller Ruhe simsen konnte. Wie konnte ich dem gegenüber nur so blind sein?« Als Gregory (35) herausfand, dass seine Frau das gemeinsame Kind zum falschen Eingang in der Schule brachte, fand er das seltsam. »Ich hatte einen Bericht zu Hause vergessen und musste zurückfahren, um ihn zu holen. Da sah ich, wie sie das Schulgelände auf der Rückseite verließ– das sind von unserem Haus zehn Extraminuten Weg. Sie jammerte immer, wie viel sie zu tun hat, warum sollte sie also den längeren Weg wählen?« Als er seine Frau darauf ansprach, ging sie in die Defensive und warf ihm vor, er würde sie bespitzeln. Er ließ die Sache auf sich beruhen, aber später wurde ihm klar, dass er den Beginn einer Affäre mitbekommen hatte. »Sie hatte den hinteren Ausgang benützt, weil sie hoffte, dem anderen zu begegnen.«
Manchmal muss uns eine dritte Person die Augen für das Offensichtliche öffnen. Obwohl Karens Ehemann schon einmal untreu gewesen war und ihr die Anzeichen hätten bekannt sein sollen– »er verhielt sich kühl, war abends unnatürlich müde, ruhelos und redete im Schlaf«–, war ihr doch nicht gleich klar, dass er ihr gegenüber etwas verbarg. »Es fing damit an, dass er mindestens zwei Tage die Woche außer Haus verbrachte, manchmal auch das Wochenende. Er erzählte mir, er habe einen großen Computerauftrag im Ministerium bekommen und dass er der Einfachheit halber in einer Wohnung in Whitehall übernachtete. Sein Handy habe dort keinen Empfang und ich solle einfach eine Nachricht hinterlassen, dann würde er mich am nächsten Morgen anrufen. Mein jüngster Bruder musste mir erst klarmachen, wie leichtgläubig ich war.« In der Rückschau scheint offensichtlich, dass ihre Sorgen »nicht nur eingebildet« waren.
Aber es gibt tatsächlich Menschen, die Computer in Whitehall betreuen, und manche von ihnen müssen auch am Wochenende arbeiten. Menschen entscheiden sich manchmal urplötzlich, einen anderen Weg zur Schule zu nehmen oder veraltete Adressen in ihrem Handy zu löschen, während sie in der Wanne liegen. Um es in der Sprache eines Krimis auszudrücken: Es handelt sich womöglich nur um falsche Fährten und nicht um rauchende Colts. Woran können Sie also den Unterschied zwischen berechtigter Sorge und paranoider Angst erkennen?
1. Messen Sie die Temperatur Ihrer Beziehung.
Wie gut kommen Sie im Alltag miteinander aus? Wie schwer ist es, Ihre Sorgen zur Sprache zu bringen? Stehen Sie oft so sehr unter Druck, dass Ihnen keine Zeit bleibt, Ihrem Partner zuzuhören? Wenn Sie die Atmosphäre im Haus mit der von vor zwölf Monaten vergleichen, gibt es dann einen signifikanten Unterschied? Auch wenn Ihnen die Antworten auf diese Fragen Sorgen bereiten, sollten Sie dennoch keine voreiligen Schlüsse ziehen und Ihren Partner nicht übereilt der Untreue bezichtigen. Vielleicht hat Ihr Frühwarnsystem einfach nur ein Problem am Horizont ausgemacht. Eventuell entwickelt Ihr Partner nur gerade eine »besondere Freundschaft«, die sich in einer »harmlosen« Phase befindet, und es ist noch Zeit, die Weichen richtig zu stellen. Wenn Sie jetzt aus allen Kanonen feuern, könnten Sie eine Barriere zwischen Ihnen beiden errichten, wo Sie doch vielmehr einen Weg finden müssen, effektiver zu kommunizieren.
Tipp: Nehmen Sie sich mehr Zeit füreinander, damit sich auf ganz natürliche Weise die Gelegenheit ergibt, über Ihre Beziehung zu sprechen oder Ihren Partner zu fragen, ob er glücklich ist. Das ist besser, als »Wir müssen reden« zu sagen, was manche Leute sofort in Panik versetzt beziehungsweise ihre Abwehrmechanismen auslöst. Fragen Sie Ihren Partner, ob er Stress hat, und wenn ja, wie er damit umgeht und wie Sie ihn am besten unterstützen können. Wenn Sie wirklich zuhören– ohne sich ständig zu verteidigen oder Ihrem Partner Vorwürfe zu machen–, dann wird er sich nicht nur öffnen, sondern im Gegenzug auch Ihren Sorgen Gehör schenken.
2. Werfen Sie einen prüfenden Blick auf Ihre Vergangenheit.
Gibt es Gründe, warum Ihnen Vertrauen schwerer fällt als dem Durchschnittsmenschen? Sind Sie ganz allgemein immer auf der Hut? Ließen sich Ihre Eltern scheiden, nachdem einer von beiden Ehebruch begangen hatte? Hat Sie ein ehemaliger Partner schwer enttäuscht? Manche Menschen übersehen selbst das verdächtigste Verhalten, andere dagegen halten schon ein absolut harmloses Gespräch mit einem Fremden für Hochverrat. Sie müssen wissen, wo Sie sich auf dieser Skala einzuordnen haben. Fragen Sie sich also: Blähe ich meine Sorgen eher auf oder neige ich dazu, sie zu ignorieren? Wenn Sie kein von Natur aus misstrauischer Mensch sind, Ihre innere Alarmglocke aber dennoch läutet, dann würde ich dem Beachtung schenken. Wenn Sie jedoch ein Wachhund sind, der schon anschlägt, wenn der Postbote drei Häuser weiter ein Paket zustellt, dann gehen Sie noch einmal in sich. (Am Ende des Kapitels finden Sie einige Übungen, wie Sie übertriebenes Misstrauen umprogrammieren können.)
Tipp: Häufig haben die Betroffenen allen Grund, sich Sorgen zu machen. Etwas stimmt nicht. Doch es muss sich keineswegs immer um Ehebruch handeln. Möglicherweise sind Sie beide ausgelaugt und fühlen sich vernachlässigt. Vielleicht haben Sie in letzter Zeit nicht viel Zeit zusammen verbracht. Bitten Sie direkt um das, was Sie brauchen– beispielsweise »Kriege ich eine Umarmung?«–, anstatt in den Angriffsmodus überzugehen und zu hoffen, dass Sie dadurch einen Moment der Zärtlichkeit oder des Trostes von Ihrem Partner erzwingen können.
3. Unterziehen Sie Ihre Gedankengänge einer Überprüfung.
Neigen Sie zu Mutmaßungen und übermäßigem Analysieren? Spielen Sie stundenlang die Geschehnisse gedanklich durch und versuchen Sie, zwischen den Zeilen zu lesen? Fällt es Ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen, weil Sie sämtliche Optionen so oft durchgehen, bis Sie völlig gelähmt sind? Wenn Sie diese Fragen jetzt mit Ja beantworten, früher jedoch nicht alles zu Tode analysiert haben, dann stimmt vermutlich etwas nicht. Wenn jemand lügt, ist das äußerst destabilisierend. Fehlt eine entscheidende Information, sind Sie nicht in der Lage, das vollständige Bild zu sehen, und Ihr Kopf scheint förmlich explodieren zu wollen. Wenn Sie jedoch häufig zu viel grübeln und zufällige und eigentlich nicht zusammengehörende Fakten in einen Topf werfen, um Ihren Fall zu untermauern, dann ist das letzte Urteil noch lange nicht gefällt.
Tipp: Anstatt unablässig über mögliche Anschuldigungen zu grübeln– was Sie zunehmend ängstlich, aber auch zunehmend wütend macht–, versuchen Sie einfach, alles aufzuschreiben. Listen Sie auf einem Notizblock alle »Beweise« auf. Egal wie klein, schreiben Sie sie auf. Gehen Sie als Nächstes die Liste durch und überlegen Sie, ob einer der Punkte bei nochmaligem Durchlesen unwichtig oder übertrieben wirkt. Nehmen Sie sich daraufhin die verbliebenen Punkte vor und spielen Sie den Anwalt der Gegenseite: Gibt es aus diesem Blickwinkel noch mehr Punkte, die sich von der Liste streichen lassen? Wenn ich diese Übung mit Klienten durchführe, bleiben in der Regel nur ein oder zwei kleine, durchaus lösbare Problem übrig, die sie anschließend mit ihrem Partner durchsprechen. (In Phase fünf, Versuch der Normalität, geht es ausführlicher um das Grübeln.)
4. Versuchen Sie, mit Ihrem Partner über Ihre Sorgen bezüglich Ihrer Beziehung zu sprechen.
Wie reagiert Ihr Partner, wenn Sie über konkrete Befürchtungen sprechen? Räumt er bereitwillig ein, dass Ihre Sorgen berechtigt sind? Ist er wirklich daran interessiert, an der Beziehung zu arbeiten? Ich habe einmal ein Paar beraten, bei dem der Ehemann des Ehebruchs überführt worden war. Nach sechs Monaten zunehmender Frustration und sogar Verzweiflung musste die Frau feststellen, dass er seine Affäre heimlich fortgesetzt hatte. Sobald der Staub sich gelegt und er die Liaison tatsächlich beendet hatte, fingen wir von vorn an. Die Atmosphäre in meinem Beratungszimmer hatte sich daraufhin in zweierlei Hinsicht verändert: Zuvor war die Stimmung verächtlich und aggressiv gewesen, jetzt war der Mann bereit, zuzuhören und sich zu ändern. Wenn Ihr Partner allzu herablassend oder untypisch aggressiv reagiert, würde ich mir sehr große Sorgen machen. Wenn Ihr Partner sich einfach nur verteidigt, kann es aber auch daran liegen, dass er sich angegriffen fühlt.
Tipp: Nehmen Sie sich Ihre Kommunikation vor und achten Sie darauf, dass Sie die ohnehin bedenkliche Situation nicht noch verschlimmern. Es gibt Wörter, die unweigerlich hitzige Reaktionen hervorrufen, beispielsweise absolute Begriffe wie »immer« und »nie«. (Wenn Sie etwa sagen: »Du räumst nie auf!«, wird Ihr Partner sofort die wenigen Male aufführen, in denen er mit dem Staubsauger zugange war.) Meiden Sie auch andere kontroverse Formulierungen wie »du musst« oder »ich bestehe darauf«. Verwenden Sie stattdessen sanftere Ausdrücke wie »häufig«, »manchmal« oder »ich wünsche mir«, »es wäre mir lieber«. Auf diese Weise regen Sie eine Diskussion an und brechen keinen Streit vom Zaun. (Im Abschnitt mit den Übungen finden Sie weitere Vorschläge zur Verbesserung Ihrer Kommunikation.)
5. Halten Sie die Augen offen.
Wenn Ihnen keine dieser Strategien Seelenfrieden bringt oder wenn Sie unwiderlegbare Beweise finden, dann achten Sie besonders auf das Verhalten Ihres Partners. Im nächsten Abschnitt wird erklärt, warum er möglicherweise unbewusst Hinweise liefert.
Tipp: Halten Sie Ausschau nach Verhaltensweisen, die untypisch für Ihren Partner sind und die für Sie die Frage aufwerfen, ob Sie diesen Menschen wirklich kennen. Interessiert er sich plötzlich für etwas Ungewöhnliches? Schaut er sich beispielsweise zum ersten Mal einen Grand-Prix-Wettbewerb im Fernsehen an? Äußert er Ansichten, die Sie noch nie zuvor von ihm gehört haben? Könnten das die Ansichten einer anderen Person sein?
Wenn alles darauf hindeutet, dass Ihr Partner Sie betrügt…
Die meisten Affären sind von unglaublich kurzer Dauer. In meiner Umfrage zum Thema »Ehebruch in Großbritannien« dauerten zehn Prozent aller Seitensprünge nur wenige Wochen und ungefähr 40 Prozent weniger als sechs Monate. In den meisten Fällen lag es an der Sorglosigkeit des untreuen Partners, dass die Affäre so rasch aufgedeckt wurde. »Ich habe dumme Sachen gemacht, ließ Restaurantquittungen in meinen Hosentaschen stecken und eine Geburtstagskarte im Handschuhfach des Wagens liegen«, erzählte Julian (43). »Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich überführt wurde. Rückblickend ist mir klar, dass ich meine Affäre sabotiert habe.«
Immer wieder stelle ich fest, dass der untreue Partner zwar Angst vor der Entdeckung hat, aber dennoch alles in seiner Macht Stehende tut, um sie unvermeidlich zu machen. Jennifer (39) war sieben Jahre verheiratet, als sie von der Bettgeschichte ihres Mannes erfuhr: »Eines Nachts während eines Familienurlaubs, als sich mein Mann wahrscheinlich besonders einsam fühlte, erzählte er meiner Schwester von seiner Affäre. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, und erzählte es meiner Mutter, die mich– so subtil es ihr möglich war– ermutigte, ihn zur Rede zu stellen. Schließlich tat ich das. Er leugnete es kategorisch, und ich glaubte ihm, doch er nahm mich unter Beschuss, machte unsere Beziehung schlecht, sowohl was die Gegenwart als auch die Vergangenheit betraf. Er sagte, dass er mich und die Kinder nicht mehr liebte. Mein Mann und ich hatten ursprünglich geplant, einen Tag zusammen wegzufahren, ohne die Kinder, um uns richtig auszusprechen, aber meine Mutter hatte das Gefühl, dass ich vorher die ganze Geschichte kennen sollte.« Es scheint kaum glaubhaft, dass ihr Ehemann wirklich dachte, seine Schwägerin würde Stillschweigen wahren. In Wahrheit erwartete er das wohl auch nicht. Unterbewusst wollte er, dass seine Frau es erfuhr– auch wenn sein bewusster Verstand alles tat, damit sie es nicht herausfand.
Wenn Sie also vermuten, dass Ihr Partner untreu ist, dann ist er es vermutlich auch, weil er– auf gewisse Weise– überführt werden will. Ich rate jedoch nicht, das Haus auf den Kopf zu stellen und nach »Beweisen« zu suchen. Sprechen Sie lieber mit Ihrem Partner über Ihre Ängste. Dieser direkte Ansatz legt den Grundstein für eine ehrliche und offene Kommunikation– und die ist entscheidend, wenn sich Ihre Beziehung wieder erholen soll. Außerdem erhält Ihr Partner dadurch die Gelegenheit, sich ehrenhaft zu verhalten und eine umfassende Beichte abzulegen. Das wiederum erhöht nicht nur die Chance, dass Ihre Beziehung überlebt, sondern dass sie auch gestärkt aus der Krise hervorgeht. Das Travis Research Institut in Pasadena begleitete 139 Paare mit einer Vielzahl von Problemen durch die Paarberatung. Anfangs klagten die Paare, bei denen es um Untreue ging, am stärksten über tiefe Verzweiflung. Doch während der Therapie machten die Paare, bei denen der untreue Partner von sich aus gebeichtet hatte und nicht überführt worden war, die größten Fortschritte. Außerdem berichteten sie am Ende der Therapie, wie zufrieden sie jetzt mit ihrer Beziehung waren– sogar noch zufriedener als die Paare, bei denen es nicht um Untreue ging.
Wie Sie Ihren Partner konfrontieren können
Ihr Ziel muss darin bestehen, all die derzeit unaussprechlichen Dinge ans Licht zu bringen und sich ihnen zu stellen.
1. Planen Sie voraus
Sorgen Sie für ein Zeitfenster, in dem Sie sich ungestört unterhalten können.Wenn Sie nicht zu Hause reden wollen, dann wählen Sie einen neutralen Ort, an den Sie höchstwahrscheinlich nicht wieder zurückkehren werden.Wenn Sie dazu neigen, Dinge aufzuschieben, dann setzen Sie sich einen Termin, bis zu dem Sie mit Ihrem Partner gesprochen haben wollen.Platzen Sie mit Ihren Verdächtigungen nicht mitten in einem Streit heraus und auch nicht im selben Moment, in dem Sie belastendes Material gefunden haben.2. Überlegen Sie, wie Sie das Thema angehen wollen
Ihre erste Strategie sollte darin bestehen, mit einem allgemeinen Gespräch über die Beziehung anzufangen– wie es so läuft, welche Probleme es in jüngster Zeit gibt–, erst dann sollten Sie Ihre Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen Untreue vorbringen.Ihre zweite Strategie besteht darin, rundheraus zu fragen. Achten Sie darauf, dass die Frage ehrlich ist (»Gibt es jemand anderen in deinem Leben?« oder »Hast du eine Affäre?«), und werfen Sie Ihrem Partner keine Anschuldigung an den Kopf (»Du betrügst mich« oder »Ich weiß, dass du lügst«). Fragen führen zu einem Gespräch, Anschuldigungen zu einem Streit.3. Bereiten Sie zusätzliche Fragen vor
In Interviews mit Politikern und anderen aalglatten Charakteren sind es immer die Folgefragen, die ihnen die meisten Informationen entlocken. Hier einige Beispiele: »Hast du in letzter Zeit mit jemand Bestimmtem über deine Probleme geredet?«, »Telefonierst du viel mit jemandem oder schickst E-Mails?«, »Ist jemand mehr als nur ein Freund für dich?« oder »Hast du jemand anderen geküsst?«Um die Meinung Ihres Partners bezüglich Ihrer Beziehung in Erfahrung zu bringen, könnten Sie ihn auch fragen: »Warum fällt es dir schwer, mit mir über deine Probleme zu reden?«, »Wie können wir unsere Kommunikation verbessern?« oder »Warum haben wir uns auseinanderentwickelt?«4. Stellen Sie Ihre Fragen ruhig und gefasst
Dieser Punkt ist von entscheidender Bedeutung, um das Gespräch mit Ihrem Partner erfolgreich zu gestalten.Wenn Sie angreifen oder flüchten wollen, dann können Sie weder vernünftig denken noch angemessene Folgefragen stellen.Wenn Sie ruhig bleiben, werden Sie sich auch nicht angriffslustig verhalten, und Ihr Partner wird seine Verteidigungsmechanismen nicht aktivieren. Außerdem bewahren Sie sich dann die nötige Distanz für den nächsten Punkt.5. Achten Sie darauf, was der Reaktion zugrunde liegt
Scheint Ihr Partner Ihre Vermutungen allzu heftig entkräften zu wollen? Beispielsweise: »Ich würde niemals, niemals etwas so Gemeines und Hinterhältiges tun!« Vor allem, wenn ein einfaches Nein oder echte Verblüffung vollkommen ausgereicht hätten. Ihr Partner versucht, sich hinter der Fassade eines moralischen Menschen zu verstecken und auf diese Weise den Verdacht von sich abzulenken.Vergleicht Ihr Partner sich mit Freunden oder Bekannten, die sich noch schlimmer verhalten? Wenn dem so ist, fühlt er sich aus irgendeinem Grund unwohl und benützt das Versagen anderer, um sich selbst in einem besseren Licht zu präsentieren.Beteuert Ihr Partner Dinge, nach denen Sie ihn gar nicht gefragt haben? Wenn Sie beispielsweise wissen wollten: »Warum bist du in letzter Zeit so geistesabwesend?«, antwortet er: »Du weißt doch, welche Einstellung ich zu Lügen habe.«Kommt die Antwort Ihres Partners wie aus der Pistole geschossen, als ob er sie bereits Hunderte Male geprobt hätte?Achten Sie auf Formulierungen wie »um ganz offen zu sein«, »um ehrlich zu sein«, »würde ich dich jemals anlügen?« und »um die Wahrheit zu sagen«. Wenn Ihr Partner diese Floskeln nicht auch sonst oft verwendet, ist das ein Zeichen, dass er Ihre Aufmerksamkeit von dem, was wirklich vor sich geht, ablenken will.6. Achten Sie auf seine Körpersprache
Fällt es Ihrem Partner schwer, Augenkontakt zu halten? Wenn er ständig den Blick abwendet, weist das darauf hin, dass er lügt. Jemand, den man fälschlicherweise beschuldigt, sucht den Augenkontakt, während er versucht, Sie von seiner Unschuld zu überzeugen.Fasst sich Ihr Partner häufig ans Gesicht? Das ist ein weiteres unbewusstes Zeichen für eine Lüge. Es ist fast so, als ob die Hände versuchen, die Lügen zu verdecken, die ihm über die Lippen kommen.Versteift sich der Körper Ihres Partners, bewegt er sich zögerlich? Ähnelt er einem unqualifizierten Politiker oder talentlosen Schauspieler im Fernsehen? Das liegt daran, dass unser Körper locker ist und unsere Bewegungen fließend erfolgen, solange wir entspannt sind. Versuchen wir dagegen, etwas zu verbergen, erstarren wir.7. Bringen Sie die Gründe für Ihren Verdacht vor
Denken Sie immer daran, ruhig zu bleiben, wenn Sie die jüngsten Ereignisse ansprechen, die Ihnen merkwürdig vorkamen.Bauschen Sie Ihre Beweise nicht auf, und verknüpfen Sie nicht beliebige Sachverhalte, um zu einer Schlussfolgerung zu gelangen.Fragen Sie Ihren Partner, zu welchen Schlussfolgerungen er im Umkehrfall gelangt wäre.Wenn Sie konkrete Beweise haben– beispielsweise eine Kreditkartenquittung oder eine Telefonrechnung–, legen Sie diese auf den Tisch und bitten Sie um einen Kommentar: »Warum hast du diese Nummer letzten Monat 99 Mal angerufen?«8. Bieten Sie Ihrem Partner eine »Karotte« an, damit er gesteht
Wenn Sie bis jetzt ruhig und logisch waren, wird Ihr Partner höchstwahrscheinlich schon gebeichtet haben.Sollte Ihr Partner nicht mitteilsam sein, braucht er womöglich einen Anreiz, um die letzte Hürde zu nehmen.Bieten Sie ihm also eine »Karotte« an, indem Sie ihm sagen, dass Sie seine Position verstehen: »Ich weiß, es ist hart«, »Du willst mir nicht wehtun« oder »Du willst es nicht noch schlimmer machen«.Bieten Sie ihm noch einen weiteren Anreiz an, es einzugestehen: »Du wirst dich besser fühlen, wenn du es dir von der Seele redest«, »Für mich ist es am schlimmsten, nicht Bescheid zu wissen« oder »Solange wir uns nicht der Wahrheit stellen, wird sich nichts verändern«.Appellieren Sie an sein Urteilsvermögen: »Es wird nur schlimmer, wenn ich irgendwann herausfinden sollte, dass du mich heute belogen hast.«9. Lassen Sie sich nicht in einen Streit verwickeln
Für manche Menschen ist Angriff die beste Verteidigung, darum könnte Ihr Partner Ihnen Paranoia, Wahnsinn, Hinterhältigkeit oder Eingriffe in seine Privatsphäre vorwerfen oder Sie sogar beschuldigen, selbst eine Affäre zu haben.Allzu leicht lässt man sich ablenken und verteidigt sich selbst. Doch in der Hitze eines Streits findet man höchst selten zur Wahrheit.Schlimmer noch, Sie können dadurch an moralischem Boden verlieren, werfen mit Beleidigungen um sich oder zielen auf Verletzungen ab. Bisweilen führen untreue Partner einen solchen Streit sogar absichtlich herbei, damit sie ihre Untreue vor sich selbst »rechtfertigen« können.Sollten Sie merken, dass sich Ihr inneres Thermometer dem Siedepunkt nähert, oder wenn es den Anschein hat, dass Ihr Partner gleich die Fassung verliert, dann legen Sie eine Pause von zehn Minuten ein. Sobald Sie beide sich beruhigt haben, können Sie das Gespräch fortsetzen.10. Kehren Sie zur Ursprungsfrage zurück
Manchmal reichen 24 Stunden und die Chance, über alles nachzudenken, damit Ihr Partner zu einer Beichte bereit ist.Kehren Sie dann zum Ausgangspunkt zurück und fragen Sie: »Ich möchte die Wahrheit wissen: Warst oder bist du mir untreu?«Andere Möglichkeiten, die Wahrheit aufzudecken
Bei den meisten Menschen funktioniert es, den Partner in aller Ruhe zu konfrontieren, aber es gibt immer wieder Ausnahmen. Hier einige alternative Strategien und Beispielfälle aus meiner Praxis:
Werden Sie zum Detektiv
Ellie (26) wurde misstrauisch, als ihr Partner mit einem Knutschfleck nach Hause kam. »Er erzählte mir, es sei nur ein blauer Fleck, den er sich bei der Arbeit an seinem Auto zugezogen hätte. Aus irgendeinem Grund habe ich ihm das abgekauft, obwohl mir tief im Innern bewusst war, wie lächerlich das klang.« Wie viele Partner, die man in eine Ecke drängt, wurde Ellies Ehemann wütend und warf ihr vor, paranoid zu sein. »Ich war damals schwanger, darum gab er meinen Hormonen die Schuld.« Als Nächstes fand Ellie Fotos der Frau auf seinem Laptop. »Ich fand auch Haare in meiner Dusche, die mit der Haarfarbe der Frau auf einem seiner Videos übereinstimmten. Doch die Telefonrechnung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er rief sie rund hundert Mal im Monat an und schickte ihr Videos und Fotos. Wir hatten einen gewaltigen Streit, und er meinte, ich sei verrückt.«
Der Nachteil, wenn Sie aktiv nach Beweisen suchen, ist der, dass Sie nie wissen, was Sie finden werden oder wie es Ihnen emotional danach geht. Obwohl man denken könnte, dass es eine Erleichterung ist, wenn man die Wahrheit erfährt, kann es sich vollkommen anders anfühlen, wenn Sie einen Liebesbrief in der Hand halten oder ein Foto der beiden finden. Viele Betroffene berichten von Übelkeit, Schwindelgefühlen und dass ihre Gedanken nur so rasten. Wenn man daraufhin seinen Partner zur Rede stellt, ist es viel wahrscheinlicher, dass man wütend und kampflustig ist, als dass es zu einem produktiven Gespräch kommt. Das liegt daran, dass der untreue Partner versuchen wird, den Entdecker zu beruhigen und die Bedeutung der Affäre herunterzuspielen.
Es kann einem jedoch Kraft geben, wenn man sich als Detektiv betätigt. »Ich habe den Verlauf seiner Internetrecherchen auf seinem Computer verfolgt, um herauszufinden, welche Seiten er besucht hat. Das hat meinen Ehemann zutiefst schockiert, weil er immer dachte, ich würde mit Computern auf dem Kriegsfuß stehen«, erzählt Carol (53).
Wenn man es von anderen hört
Obwohl Menschen, die untreu sind, gern denken, niemand wüsste von ihrem Verhältnis, wissen im Allgemeinen ihre Arbeitskollegen Bescheid. Die beiden Liebenden mögen für ihre geheimen Treffen abgelegene Orte wählen, aber die Chance, dass sie von irgendjemandem gesehen werden, ist groß. Es ist oft nur eine Frage der Zeit, bevor jemand einen deutlichen Hinweis fallen lässt oder die Wahrheit offenbart. Hannah (38) erfuhr von einem Fremden an der Haustür, dass ihr Ehemann, mit dem sie fast 20 Jahre verheiratet war, sie betrog: »Es war ein großer Mann Anfang 40, und er wollte ins Haus kommen. Er war hochgradig erregt. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart unwohl und wollte schon die Tür zuschlagen, als er sagte: ›Es geht um Ihren Mann und meine Frau.‹ Instinktiv ahnte ich den Rest. Wie in Trance trat ich zur Seite und ließ ihn ein. Er hatte Briefe und alle möglichen anderen Sachen gefunden. Und er zeigte mir alles. Er war wirklich wütend– als ob es meine Schuld sei, dass ich meinen Ehemann nicht besser unter Kontrolle hatte. Ich konnte ihn gar nicht schnell genug wieder aus dem Haus bekommen. Danach saß ich einfach nur da und starrte aus dem Fenster.«
Wenn man es von jemand anderem hört, dann ist das peinlich und demütigend, selbst wenn die schlechte Nachricht von einem Freund oder Familienangehörigen kommt, der alles tut, um den Schlag abzumildern. Der getäuschte Partner fragt sich sofort besorgt, wer noch davon weiß, und kommt sich dumm vor, weil er es offenbar als Letzter erfahren hat. In manchen Fällen lassen es die Betroffenen am Überbringer der Nachricht aus und zerstören eine gute Freundschaft, oder sie beeilen sich automatisch, ihren Partner zu verteidigen. Wenn der Bote nicht mit handfesten Beweisen aufwarten kann oder die Information aus einem anonymen Brief beziehungsweise Anruf stammt, dann wird der betrogene Partner manchmal behaupten, die Person hege einen Groll, und wird das Ganze als dummes Geschwätz abtun. Wie die genauen Umstände auch immer aussehen mögen, der getäuschte Partner fragt sich, wem er noch vertrauen kann.
Leider hat es kaum Vorteile, von der Untreue des Partners auf diese Weise zu erfahren. Wenn die Nachricht vom Ehepartner der dritten Person kommt, dann können Sie einander Zuspruch geben und Informationen austauschen. Doch es ist immer besser, die Wahrheit aus dem Mund Ihres Partners zu hören anstatt von einem Dritten und dann auch noch durch dessen Blick gefiltert.
Wenn man es von dem oder der anderen hört
Hat sich eine Affäre etabliert und denkt die andere Person allmählich, sie habe »Rechte«, dann kommt sie womöglich zu dem Schluss, es sei am besten, die Liebschaft »ans Licht« zu bringen. Cecilia erfuhr von der Untreue ihres Mannes, als eine ihrer Freundinnen sich besonders unschön benahm. »Wir besuchten eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Ich trug meine Brille nicht, und offenbar verbrachte sie den ganzen Abend damit, meinem Mann über den Tisch hinweg deutliche Zeichen zu geben und mit den Lippen ›Ich liebe dich‹ zu formen. Sie steckte ihm auch die Speisekarte eines überaus teuren Restaurants in Paris in die Tasche, in das sie ihn auf ihr Spesenkonto eingeladen hatte, damit ich sie am nächsten Morgen finde.« Es auf diese Weise herauszufinden ist schwer zu verdauen. Der getäuschte Partner ist wütend, verzweifelt und voller Angst– manchmal kann es für ihn so schrecklich werden, dass er um sich schlägt und gewalttätig wird. Das Hauptproblem ist jedoch, die Verlässlichkeit der Aussage dieser Person einzuschätzen, die immer nur ihre eigenen Interessen verfolgt.
Manchmal existiert zwischen dem betrogenen Partner und der dritten Partei ein gewisses Mitgefühl. Schließlich wurden beide vom untreuen Partner »benutzt«. Der betrogene Partner findet Trost in der Erkenntnis, dass der oder die andere nicht so attraktiv oder klug oder erfolgreich ist, wie befürchtet. Oder er ist verwirrt und versteht nicht, warum sich sein Partner zu der dritten Partei hingezogen fühlt. Am schlimmsten ist, dass die dritte Person dem betrogenen Partner ein Gefühl der Unzulänglichkeit und mangelnden Liebenswürdigkeit vermitteln kann.
Wann ist eine Affäre keine Affäre?
Unsere Kultur hat ziemlich klare Regeln, was Untreue angeht, aber Veränderungen am Arbeitsplatz und die größere Akzeptanz gegenüber Freundschaften mit dem anderen Geschlecht lassen die Grenzen verschwimmen. Darum ist es absolut möglich, sehr vertraute Textbotschaften von Ihrem Partner an eine andere Person zu finden und dann gesagt zu bekommen, es sei völlig »harmlos« und dieser andere Mensch sei nichts weiter als »ein guter Freund«. Doch Ihr Bauch schlägt Alarm. Wann ist denn nun die Grenze zum Ehebruch überschritten, und wie genau definiert sich Untreue?
Mark und Carrie sind in den Dreißigern; er arbeitet bei einer Bank, und sie ist Vertretungslehrerin. Ihre Beziehung geriet unter Druck, als er wegen irregulärer Transaktionen ins Visier der Börsenaufsicht geriet. »Carrie hatte alle Hände voll mit den Kindern zu tun, und obwohl sie hinter mir stand, verlor sie irgendwann über meinen komplizierten Erklärungen das Interesse«, erzählte Mark (35). »Also fing ich an, mit einer Kollegin darüber zu sprechen– einfach nur, um es mir von der Seele zu reden. Zugegeben, das geschah oft bei einem Glas Wein– aber es ging ja auch um Dinge, über die man im Büro nicht sprechen konnte.« Carrie wurde misstrauisch. »Eines Samstags, als er sich eigentlich um die Kinder kümmern sollte, hat er drei Mal mit ihr telefoniert, und jedes Mal über 20 Minuten. So viel haben wir seit Jahren nicht miteinander geredet.«
Mark gab zu, dass er nicht nur über seine Arbeits-, sondern auch über seine privaten Probleme sprach– vor allem über Carries mangelndes Interesse an Sex–, aber er sah darin nichts Verkehrtes: »Ich dachte, sie könnte mir die weibliche Sicht erläutern«, versicherte er. Mark wurde beruflich von der Börsenaufsicht entlastet, Carrie zeigte sich nicht so nachsichtig. »Er mag nichts ›getan‹ haben, wie er mir versichert, aber es fühlt sich trotzdem wie Untreue an.«
Mark und Carrie versuchten nicht herauszufinden, was schiefgelaufen war, um so ihre Beziehung zu retten– dafür waren sie viel zu sehr damit beschäftigt, darüber zu streiten, ob er nun eine Affäre hatte oder nicht. Glücklicherweise gab Mark in der Paarberatung zu, dass diese Freundschaft aus dem Ruder gelaufen war und nun seine Ehe untergrub. Carrie akzeptierte, dass Mark nicht mit der anderen Frau geschlafen hatte: »Vermutlich muss ich ihm das zugute halten, aber für mich fühlt es sich trotzdem wie Betrug an.« Um sinnlose Auseinandersetzungen abzukürzen, verwende ich den Begriff »unangemessene Freundschaft«, wenn es um diese intensiven und gefährlichen außerehelichen Beziehungen geht.
Was ist also der Unterschied zwischen echter Freundschaft und einer unangemessenen Freundschaft? Der Lackmus-Test ist das Maß der Geheimhaltung. Eine echte Freundschaft hält jederzeit einer Überprüfung stand, und es gibt keinerlei Veranlassung, die Anzahl der Treffen zwischen den Freunden zu »beschönigen« oder das, worüber dabei gesprochen wurde. Im Gegensatz dazu wird eine unangemessene Freundschaft dem Partner gegenüber nur beiläufig erwähnt, wenn überhaupt. Wahre Freundschaften basieren auf gemeinsamen Interessen oder Aktivitäten. Eine unangemessene Freundschaft basiert auf den starken Gefühlen zwischen den Freunden. Natürlich sprechen wir mit unseren Freunden über unsere Probleme. Aber wir respektieren dabei die Privatsphäre unseres Partners und teilen keine Details mit, die ihm peinlich wären. Unangemessene Freundschaften ignorieren diese Grenze, und es werden vertrauliche Informationen ausgetauscht, um die Bindung zu vertiefen. Besonders gefährlich wird es, wenn man seinem »Freund« etwas erzählt, das man seinem Partner nicht erzählen kann oder will.
Aus einer unangemessenen Freundschaft kann sich sehr schnell eine ausgewachsene Affäre entwickeln. Die »Freunde« führen lange, heimliche Telefonate und tauschen kokette Textbotschaften aus. Jeder Mensch fühlt sich durch eine Zusatzportion Aufmerksamkeit geschmeichelt, und diese Beziehung wird zunehmend wichtig für das Alltagsglück. Über kurz oder lang kommt es zwischen den »Freunden« zu Küssen, und der Übergang zu einer sexuellen Beziehung ist dann keine große Sache mehr. Mark räumte ein, dass aus seiner Freundschaft wahrscheinlich eine sexuelle Beziehung geworden wäre, hätte Carrie ihn nicht überführt. Es gibt auch die Online-Version einer unangemessenen Freundschaft, wenn zwei Menschen über gemeinsame Interessen chatten, aber die Kommunikation sehr rasch persönlich wird. Bald bleiben die Freunde lange auf, um am Computer »zu arbeiten«, und lügen ihre Partner bezüglich der Zeit, die sie online verbringen, an.
Die Anzahl der Fälle in meiner Praxis, bei der es um unangemessene Freundschaften geht, hat sich drastisch erhöht. Das liegt zum Teil daran, dass Männer endlich akzeptieren, wie gut es ihnen tut, über ihre Probleme zu reden– nur dass die meisten ihrer männlichen Freunde einfach nicht zuhören können. »Wenn mir etwas nachgeht, rede ich normalerweise mit meiner Frau darüber, aber dieses Mal war sie das Problem«, sagt David (42), Feuerwehrmann. »Meine Kumpel bei der Arbeit hätten nur gelacht, und mit meiner Schwester verstehe ich mich nicht.« Eine Arbeitskollegin schien die natürliche Lösung, aber der Schuss ging nach hinten los, und David verstrickte sich in eine unangemessene Freundschaft.
Der zweite Grund für die Zunahme an unangemessenen Freundschaften ist der Trend zu weniger hierarchischen und informelleren Arbeitsumfeldern. Alice (29) hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef, der zu ihrem Mentor wurde, ihr bei der Beförderung half und dabei, die Fallgruben der Büropolitik zu umschiffen: »Ich wusste, dass er mich attraktiv fand, aber da ich durch ihn weiterkam, hielt ich das nicht weiter für schlimm. Tja, eines Tages war ich wegen irgendeiner privaten Sache echt am Boden zerstört, und er erwischte mich in einem schwachen Moment. Er erkundigte sich nach meinem Problem, und es endete damit, dass ich immer öfter in seinem Büro saß und ihm alles erzählte– ausführlich. Schließlich freute ich mich auf unsere kleinen Gespräche. Ohne es damals zu wissen, hatte ich eine Grenze überschritten.« Wenn dazu noch die längeren Arbeitszeiten kommen, der Trend, Freundschaften mit Vertretern beider Geschlechter zu schließen, und die Allgegenwart des Internets, sind unangemessene Freundschaften beinahe unvermeidlich.
Was sollten Sie also tun, wenn Sie vermuten oder herausfinden, dass Ihr Partner eine unangemessene Freundschaft führt? Wenn Sie das Ganze zu einer Affäre aufbauschen– wie Carrie es bei Mark getan hat–, wird aus einem durchaus besorgniserregenden Problem eine ausgewachsene Krise. Aber es ist ebenso gefährlich, diese Freundschaft zu ignorieren oder herunterzuspielen. »Mein Mann hatte lauter Textbotschaften auf dem Handy, wie ›ich vermisse dich‹ und ›ich liebe dein Lachen‹, aber da ich das hinter seinem Rücken herausgefunden hatte, schämte ich mich und sagte nichts«, erzählt Jo Ellen (28). »Ich ließ Hinweise fallen und hoffte, er würde etwas sagen, aber das tat er nicht. Einige Monate später verkündete er, unsere Ehe habe große Probleme und er wolle mich verlassen. Da schossen all meine Vorwürfe aus mir heraus, und er gab zu, dass er mit dieser Frau geredet hatte, mehr nicht, aber dass sie ihm geholfen habe, einen Entschluss zu fassen.« Jo Ellen war erbost, dass er nie mit ihr darüber geredet hatte, damit sie ihre Probleme gemeinsam lösen und vielleicht ihre Ehe retten konnten.
Wenn Ihr Partner eine unangemessene Freundschaft hatte oder hat, diese jedoch nicht zu einer Bettgeschichte führte, dann ist es wichtig, diesen Umstand anzuerkennen. Seien Sie dankbar, dass er diese Grenze nicht überschritten hat. Dennoch muss man unangemessene Freundschaften ernst nehmen, und ebenso wie eine ausgewachsene Affäre weisen sie auf ein Problem in Ihrer Beziehung hin, dem Sie sich dringend widmen müssen. Wichtiger noch, das Gefühl des Betrugs ist ebenso stark, und Sie müssen denselben Sieben-Phasen-Prozess durchlaufen, um zu einer Heilung zu gelangen.
Schock
Wenn man herausfindet, dass der Partner untreu ist, besteht die erste Reaktion in Schock und Unglauben. Häufig treten auch starke körperliche Symptome auf, beispielweise Herzrasen, Schmerzen in der Brust, Knoten im Bauch, Übelkeit und Kopfschmerzen. Das ist eine normale Reaktion auf ein Trauma. Stresshormone wie Adrenalin werden in den Blutkreislauf abgegeben, damit Sie mit der enormen Tragweite des Geschehens zurechtkommen.
»Es war, als hätte er in meinem Schoß eine Atombombe explodieren lassen«, erklärt Kirsty (35). Ihr Mann, mit dem sie zehn Jahre verheiratet war, kam völlig ruhig ins Wohnzimmer und beichtete ihr das Verhältnis mit einer ihrer Freundinnen, das nun schon drei Monate ging. »Bis zu diesem Augenblick war ich davon überzeugt, alles sei in Ordnung. Ja gut, es war ziemlich hektisch geworden– die Kinder, unsere Jobs, die finanzielle Situation–, aber es war doch nicht wirklich schlimm. Wie konnte er mir das antun?« Kirsty fühlte sich so ungeheuer hintergangen, dass sie meinte, an ihren Gefühlen ersticken zu müssen. Sie rannte auf die Toilette und übergab sich. »Danach wusch ich mir die Hände und versuchte, mich gelassen zu geben, aber wie sollte mein Leben von nun an weitergehen?«
Häufig tritt auch das Gefühl völliger Distanzierung auf, als ob die Untreue jemand anderen betrifft. Als Elli, deren Partner Knutschflecke hatte, von der Geliebten ihres Mannes die Bestätigung der Affäre bekam, war sie gerade in der Mittagspause. »Ich spazierte wie in Trance durch das Stadtzentrum, ungefähr eine halbe Stunde lang. Mein Herz pochte, und ich konnte kaum atmen. Ich habe keine Ahnung, wie es mir gelang, nicht unter ein Auto zu geraten, denn ein paar Mal ging ich einfach über die Straße, ohne mich umzuschauen.« Zu den weiteren Symptomen gehören Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schreckhaftigkeit und die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren oder sich wichtige Dinge zu merken. Daher kommt es auch häufig vor, dass man ein- und dasselbe Gespräch nochmals führen muss, sobald die erste Schockwirkung nachgelassen hat.
In den meisten Fällen dauert dieser intensive Schockzustand etwa 48 Stunden. Gar nicht selten werden jedoch die Symptome durch Erinnerungen an das Trauma– beispielsweise neue Beweise– wieder hervorgerufen, wenn auch nicht in derselben Intensität, und man erholt sich auch schneller. Leider dauert der Schock bei manchen Menschen länger. Vor allem wenn es früher schon ein Trauma gab, beispielsweise Missbrauch in der Kindheit, einen schweren Autounfall oder eine frühere Affäre. Dauern das Herzrasen, die Übelkeit und der Gedächtnisverlust länger als einen Monat an, spricht man von einer Posttraumatischen Stressstörung. Sollte Ihnen das bekannt vorkommen, dann suchen Sie bitte einen Arzt auf. Ich möchte jedoch betonen, dass der Schock eine völlig normale Reaktion ist– er dient dazu, die schreckliche Entdeckung abzufedern.
Im Gegensatz dazu wirkt sich der Schock auf manche Menschen energetisierend aus. Das Adrenalin fängt an zu wirken und der primitive »Flucht oder Angriff«-Instinkt setzt ein. Natasha (47) ertrug ihren Ehemann nicht länger in ihrer Nähe und ergriff »die Flucht«: »Ich nahm meinen Ehering ab und machte mich auf einen 21-Kilometer-Marsch, um allein zu sein.« Andere suchen Zuflucht im »Angriff«. Als Karen– deren Ehemann sich angeblich um die Computer in Whitehall kümmerte– sich endlich eingestanden hatte, dass ihr Ehemann sie betrog, wurde sie aktiv: »Ich ging nach oben und zog die Schublade in seinem Nachttisch auf, wo ich dann belastende Fotos und ein Tagebuch fand, in dem er seine Bettgeschichte während einer Segelregatta auf dem Atlantik beschrieb. Anschließend prüfte ich seine Kreditkartenabrechnungen und seine Handyrechnung– das hatte ich noch nie zuvor getan. Und das war es dann. Ich war am Boden zerstört.« In diesem Fall wirkte sich der Schock positiv aus und riss Karen aus ihrer willentlichen Blindheit.
Warum Sie das Gefühl haben, als würde Ihre Welt auf den Kopf gestellt
Bei der Beschreibung der Untreue ihres Partners verwenden die Betroffenen äußerst drastische Bilder. »Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen« oder »seitdem ist in meinem Leben nichts mehr wie zuvor« oder »ich fühle mich wie eine Zeichentrickfigur, die rennt und rennt und plötzlich merkt, dass unter ihr nur Luft ist, und schon stürzt sie in einen Abgrund«. Trotz der Tatsache, dass es in den Printmedien vor untreuen Berühmtheiten nur so wimmelt, kaum eine Fernsehserie ohne Ehebruch auskommt und wir Arbeitskollegen, Freunde und Angehörige kennen, die das schon erlebt haben, versetzt Untreue uns unausweichlich in einen Schock, wenn sie uns persönlich passiert. Das liegt daran, dass Untreue drei Grundüberzeugungen unseres Lebens untergräbt:
1. Die Welt meint es gut mit uns. (Guten Menschen widerfährt nur Gutes.)
2. Die Welt hat einen Sinn. (Es gibt einen Plan, und nichts geschieht grundlos.)
3. Ich bin wertvoll. (Darum widerfährt mir nur Gutes.)
Obwohl wir tief im Innern wissen, dass die Welt weitaus komplizierter ist, haben wir weder das Verlangen noch die Zeit, uns dieser beunruhigenden Wahrheit zu stellen. Stattdessen segeln wir im Schutz unseres festen Glaubens an diese drei Überzeugungen durch unser Leben. Erst wenn wir betrogen werden, halten wir abrupt inne und erkennen die hässliche Wahrheit. Auch wenn wir immer gut für die Familie gesorgt oder gute Eltern waren, reicht das nicht unbedingt aus, damit unser Partner uns treu ist. Die Welt kann grausam sein, und schlimme Dinge können völlig grundlos passieren. Wenn nicht einmal unsere Beziehung sicher ist, was ist dann mit unserem Job? Und was ist mit unseren Freunden: Werden sie uns auch hintergehen?
Einerseits scheint es grausam, auf die ganzen verheerenden Folgen der Untreue hinzuweisen. Haben Sie nicht schon genug zu erdulden? Andererseits müssen Sie unbedingt verstehen, warum es so wehtut, und dafür sorgen, dass Sie mit sich selbst nicht zu hart ins Gericht gehen. Ich werde auf diese drei Überzeugungen im Lauf dieser Reise noch zu sprechen kommen. Seien Sie jedoch versichert, dass Ihr Glaube mit der Zeit zurückkehren wird, und auch wenn er durch diese Erfahrung angekratzt sein mag, wird er dafür umso realistischer, bodenständiger und dauerhafter sein.
Welche Folgen die Aufdeckung der Affäre mit sich bringt
Möglicherweise fühlt es sich so an, als wolle Ihnen das Herz brechen, aber trösten Sie sich: Alles, was im Dunkeln lag, ist jetzt aufgedeckt. Die Alternative wäre mehr als trostlos, wie meine Umfrage zum Thema Ehebruch zeigt. Connie (64) war 23 Jahre lang verheiratet. »Ich wusste von Anfang an von dem Verhältnis. Er warf sein Abendessen in den Müll, weil er mit ihr schon im Restaurant essen war. Ich fand auch Quittungen für Schmuck, den ich nie bekam.« Sie sprach ihren Ehemann und die andere Frau darauf an, aber aus irgendeinem Grund zog sie es nicht konsequent durch. »
