Karma - Frank Baumann - E-Book

Karma E-Book

Frank Baumann

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Beschreibung

»Karma« ist keine Biografie im herkömmlichen Sinn. Es ist ein gedrucktes Hörvergnügen – ein ebenso langes wie kurzweiliges Gespräch zwischen dem Autor Frank Baumann und seinem Protagonisten, dem gelernten Bäcker André Lüthi, dessen Reisen in die grosse weite Welt in einer Karriere gipfelten, die ihresgleichen sucht. Geführt wurde das Gespräch in Ändus zweiter Heimat Nepal – jeweils im Anschluss an lange Tage oder haarsträubende Motorradfahrten über staubige Holperwege hinaus ins Hinterland der Millionen-Metropole Kathmandu. Ein Abenteuer, das den Boden für grundehrliche Gespräche legte. Gespräche über grosses Glück und vermeintliches Unglück, über Moral, über den Drang, aus- und aufzubrechen, und über die Notwendigkeit, manchmal auch Umwege zu machen. Über den Wertewandel unserer Zeit, die Liebe und das Glück, sie zu finden, über Jo Siffert, Winnetou und das Feu sacré, das innere Feuer, das nur dann lodert, wenn wir nicht vergessen, es zu schüren.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Wörterseh wird vom Bundesamt für Kultur für die Jahre 2021 bis 2024 unterstützt.

Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

© 2024 Wörterseh, Lachen

Lektorat: Andrea LeutholdKorrektorat: Lydia ZellerUmschlaggestaltung: Thomas JarzinaFoto Umschlag vorn: Gregor Sams / PunktFormStrichFoto Umschlag hinten: André LüthiFotos Bildteil: Privatarchiv, alle anderen Fotos sind gekennzeichnetBildbearbeitung: Thomas JarzinaLayout, Satz und Herstellung: Beate SimsonDruck und Bindung: CPI Books GmbH

Print ISBN 978-3-03763-153-9 E-Book ISBN 978-3-03763-845-3

www.woerterseh.ch

 

»Don’t tell me how educated you are, tell me how much you have travelled.«

»Sag mir nicht, wie gebildet du bist, sag mir, wie viel du gereist bist.«

Der Prophet Mohammed

 

Vor gut eineinhalb Jahren fragte mich Frank Baumann, ob ich Lust auf ein spannendes Projekt hätte. Er würde gern eine »etwas andere« Biografie über mich schreiben. Ein Buch über mich, ist das denn nötig? Ich war zuerst recht skeptisch, doch seine Idee einer gemeinsamen »Gesprächsreise« durch »mein« Nepal hat mich so überzeugt, dass wir zusammen zum Dach der Welt reisten. Ja, und dort tauchten wir dann in meine Vergangenheit ein. Und je tiefer wir das taten, umso mehr realisierte ich, wie viel Glück ich im Leben schon gehabt habe. Das grösste Glück sind dabei die Menschen, mit denen ich einen Teil meines Weges gehen durfte beziehungsweise gehen darf. Ihnen allen habe ich mein erfülltes, glückliches Leben zu verdanken. Viele von ihnen kommen in diesem Buch vor, aber leider längst nicht alle. Und ja, ich weiss, Vereinzelte habe ich mit meinen Lebensschlaufen enttäuscht.

Danken möchte ich an dieser Stelle Frank – für sein aufrichtiges Interesse, seine Hartnäckigkeit, aber auch seine Sensibilität, mit der er mit mir in die Tiefen meines Lebens eingetaucht ist. Aber auch von Herzen für die unvergessliche Freundschafts- und Buchzeit in Nepal, aus der nun »Karma« entstanden ist.

Ein unendlich grosses nepalesisches »Dhanyabad« rufe ich voller Demut all jenen zu, die Teil meiner Lebensreise sind.

André Lüthi, im Herbst 2024

 

Inhalt

  Über das Buch

  Über den Autor

Der Visionär mit dem Herzen auf der Zunge

1 Was alles nicht ins Buch kommt

2 Das Techtelmechtel mit Pom, ein Motorrad im Schlafzimmer und die Babykleider von Frau Wick

3 Der Tsunami, das Erdbeben und die Reisen nach Nordkorea

4 Ändu, die Hebamme mit der Höhenkrankheit und das Gewitter am Niesen

5 Vom »Entrepreneur of the Year« und Jo-Siffert-Fan über den »Umfallfinger« zum Globetrotter-Gründer Walter Kamm

6 Von Zuckerbriefchen und Frauenquoten, Boni-Bankern und intuitiver Führung

7 Die Sache mit dem Jeep Wrangler, den neunundneunzig Reiseleiterinnen und den sechzehn Zentimetern

8 Billigflüge, Overtourismus, weltweite CO2-Abgaben und horizonterweiternde Reisen

9 Der Obertourist und Bill Clinton, Dölf Ogis Rückenmassage und das Birkenstock-Image

10 Der Halbtote im Pool und der Engel mit dem Dekolleté

Danksagung

 

Über das Buch

»Karma« ist keine Biografie im herkömmlichen Sinn. Es ist ein gedrucktes Hörvergnügen – ein ebenso langes wie kurzweiliges Gespräch zwischen dem Autor Frank Baumann und seinem Protagonisten, dem gelernten Bäcker André Lüthi, dessen Reisen in die grosse weite Welt in einer Karriere gipfelten, die ihresgleichen sucht. Geführt wurde das Gespräch in Ändus zweiter Heimat Nepal – jeweils im Anschluss an lange Tage oder haarsträubende Motorradfahrten über staubige Holperwege hinaus ins Hinterland der Millionen-Metropole Kathmandu. Ein Abenteuer, das den Boden für grundehrliche Gespräche legte. Gespräche über grosses Glück und vermeintliches Unglück, über Moral, über den Drang, aus- und aufzubrechen, und über die Notwendigkeit, manchmal auch Umwege zu machen. Über den Wertewandel unserer Zeit, die Liebe und das Glück, sie zu finden, über Jo Siffert, Winnetou und das Feu sacré, das innere Feuer, das nur dann lodert, wenn wir nicht vergessen, es zu schüren.

»Karma« ist das Belauschen eines Gesprächs zweier bunter Hunde am Nebentisch eines Restaurants, irgendwo in einer fremden Stadt. Wo man zum siebten Mal einen Kaffee bestellt, nur um sicherzugehen, dass man keine einzige Randnotiz verpasst. »Karma« ist ein höchst unterhaltsames Taumeln zwischen Flach-, Hinter- und Tiefsinn. Von leichtfüssig bis schwerfällig. Bescheiden und eitel, lustig und traurig – wie das Leben. Langweilig wie der Buddhismus und Ändu Lüthi an schlechten Tagen. Ich habe das Buch genossen. Sehr sogar.

Büne Huber

 

Über den Autor

© Wörterseh

Frank Baumann, geb. 1957, machte sich als Radio- und Fernsehmoderator sowie als x-fach preisgekrönter Werber und TV-Produzent einen Namen. Für Wörterseh schrieb und illustrierte er bereits diverse Bestseller. Für Kein & Aber fotografierte das Multitalent das knifflige Bilder-Rätselbuch »Was stimmt hier nicht? – Finde die sieben Unterschiede«, das im Frühling 2020 zur Nummer eins der Amazon-Bestsellerliste avancierte. Frank Baumann lebt am Zürichsee und in den Bündner Bergen.

 

Der Visionär mit dem Herzen auf der Zunge

André Lüthi ist ein rastloser Globetrotter. Ein neugieriger Entdeckungsreisender zwischen zwei Welten. Ein Abenteurer, der uns als Unternehmer immer wieder den Weg zu weniger bekannten Destinationen weist und uns anleitet, Land und Leute wirklich kennen zu lernen. Für viele ist er ein Inspirator. Für wenige ein knallharter Geschäftsmann und umtriebiger Selbstdarsteller. Auf jeden Fall aber ist er einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt und auch schon mal mahnend den Zeigefinger erhebt – und ja, er ist einer, der seiner Branche ab und zu ans Bein pinkelt.

Wer ist dieser Ändu, der mit allen per Du ist und Schlipsträger und studierte Blender gleichermassen hasst wie die holländischen Wohnwagen vor ihm auf dem Weg zum Gotthardhospiz? Wie kommt es, dass sich das ursprüngliche Freiburger Landei in der Welt auskennt wie andere nicht mal in der eigenen Coop-Filiale? Das wollte ich herausfinden. Und zwar nicht bei ihm im Büro oder zu Hause in Bern, sondern an jenem Ort, mit dem er sich seit so vielen Jahren tief verbunden fühlt: in Kathmandu.

Wir flogen also – über Istanbul – in die Hauptstadt Nepals, die am Fuss des Himalajagebirges liegt. Dort begleitete ich ihn während zehn intensiver Tage kreuz und quer und über Stock und Stein. Wir besichtigten jene Orte und Plätze, die bei den verheerenden Erdbeben vom 25. April und 12. Mai 2015 zerstört und inzwischen wieder »wie neu« aufgebaut wurden, besuchten atemberaubende Aussichtspunkte fernab des Getümmels und versuchten in verfahrensten Verkehrssituationen, wie man sie sich nicht einmal in den kühnsten Träumen vorstellen kann, zu überleben. Ich begegnete bemerkenswerten Einheimischen und lernte enge Freunde von André Lüthi kennen, wie Nicole Thakuri-Wick, die uns durch ihr »Heim für Strassenkinder« führte, oder Ang Kami Sherpa, mit dem der Wagemutige immer wieder hoch hinaus und durch dick und dünn geht.

Vor allem aber lernte ich Ändu selbst kennen. In den Tagen, die wir zusammen verbrachten, philosophierten wir über Gott und die Welt, das Unternehmertum und die Liebe und den Sinn des Lebens. Und wir sprachen über die Menschen, die er bewundert, und andere, die ihm auf die Nerven gehen. Ändu erwies sich als eloquenter Gesprächspartner mit grossem Sachverstand, klaren Visionen und sehr viel Humor.

Zurück von der Reise, brachte ich fast achtzehn Stunden Interview-Material mit, das ich in das nun vorliegende Gespräch transkribierte. Ein Gespräch unter Freunden, das so stattfand, wie es sich liest. Intensiv, offen und ehrlich. Engagiert, kritisch, witzig und besinnlich, frech und selbstironisch. Und chaotisch.

Warum chaotisch? Nun, Ändu ist einer, der gern vom Hundertsten ins Tausendste abschweift, Klammern öffnet und in den Klammern neue Klammern setzt, die andere Klammern umklammern. Und Ändu ist eitel, keine Frage. Und er ist eine riesige Mimose. Wenn er sich von den Medien falsch verstanden oder fehlinterpretiert fühlt, kann er sich bemitleiden wie ein zottliger Bobtail-Hirtenhund, dem man sein abgenudeltes Lieblingsstofftierchen (ein Schaf) weggenommen hat. Und kaum hat er vergessen, worüber er sich gerade eben so echauffiert hat, meist bereits nach wenigen Sekunden, gehts auch schon wieder weiter, und er satzt kreuz und quer weiter durch den Themenpark seines Lebens.

Während unserer intensiven Gespräche erschrak er nicht selten ob seiner eigenen Offenheit. Dann zog er jeweils die Notbremse und betonte: »Aber das kommt dann im Fall nicht ins Buch!« Nun, ganz offensichtlich ist André Lüthi nicht nur ein Realist, sondern auch ein Träumer. Aber lesen Sie selbst, was diesen umtriebigen Mann so liebenswert macht.

Ich freue mich, dass ich Sie mit auf unsere Reise nehmen darf.

Frank Baumann, im Herbst 2024

 

Was alles nicht ins Buch kommt

1Der bekannte Unternehmer, dessen Hinterbacken aus dem Swimmingpool des Hotels Bel Arosa lugen, hat eine schwere Gehirnerschütterung und ist bewusstlos. Nachdem er eine halbe Ewigkeit lang mit dem Gesicht nach unten im Wasser getrieben ist, realisieren die Anwesenden, dass nun tatsächlich Matthäi am Letzten ist und es um Leben und Tod geht. »Doch das kommt nicht ins Buch!«, lamentiert André Lüthi. Auch das mit den geschniegelten Excel-Talibanen von der HSG und ähnlichen Kaderschmieden dürfe so auf keinen Fall rein, das mit den Expartnerinnen nicht, nicht das mit dem Bundesrat, dem er den Rücken eincremen musste, und das Bild mit der nordkoreanischen Soldatin sowieso nicht: »Vergiss es, viel zu heikel!« Und das mit der bildhübschen Tochter der Miss Thailand? »Bist du waaaaahnsinnig?!!!« Überhaupt dürften keine privaten Details in dieser Biografie drinstehen, das interessiere sowieso niemanden. Falsch.

Wenn Ändu mit leuchtenden Augen fabuliert und sein Leben Revue passieren lässt und anhand der über hundertfünfunddreissigtausend Fotos (in Zahlen: 135000), die er auf seinem Smartphone abgelegt hat, seinen Weg vom Bäckerlehrling zum Gesicht und Präsidenten des viertgrössten Reiseanbieters des Landes aufzeigt, staunt man, welch illustren Persönlichkeiten er wann und wo begegnet ist und in wie vielen spektakulären Situationen er auf allen Kontinenten herumturnte. Unweigerlich verliert man das Gefühl für Raum und Zeit und wird zum Weggefährten dieses rastlosen Entdeckers, der auch mit seinen vierundsechzig Jahren noch immer ein begeisterter, unaufhaltsamer und sehr umtriebiger Globetrotter ist.

Ich erkannte jedoch schnell, wer mit André Lüthi reist, braucht Geduld. Immer wieder wird er von wildfremden Menschen angesprochen. »Sie sind doch der Globetrotter, nicht? Ich habe grad etwas über Sie in der Zeitung gelesen.« Oder ganz einfach: »Darf ich rasch ein Selfie mit dir machen?« Oder auch: »Hallo, Ändu, weisst du noch, damals bei deinem Vortrag?« Die reisefiebrige Dame, die Ändu am Flughafen Zürich in der Skymetro anspricht, kann er in seinem riesigen Gedächtnis beim besten Willen nirgends finden. »Wir sind auf dem Weg auf die Malediven. Mein Schatz ist drum ein leidenschaftlicher Taucher«, erklärt die Frau auf unserem gemeinsamen Weg zum Dock E und zeigt auf ihren Mann, der in bevorstehende Unterwassererlebnisse vertieft neben ihr steht, »aber ich selbst lese lieber, oder dann schnorchle ich.« – »Oh, da hatte dein Mann aber Glück mit dir, schnorcheln ist doch viel sympathischer als schnarcheln!«

André Lüthi ist ein Charmeur und ein grosser Menschenfreund. Dies wird er in den Tagen, die wir gemeinsam verbringen, immer und immer wieder beweisen. André Lüthi ist ein ausserordentlicher Richtungsweiser, ganz egal, ob privat, auf Reisen oder im Geschäftsleben. Authentizität, Erfahrung, Empathie, Verbindlichkeit, Intuition und gute Laune sind seine Stärken. Und Ungeduld ist die grosse Schwäche dieses hemdsärmeligen Machers.

Frühling in Kathmandu. Wir sitzen draussen in der Lounge des Hotels Yak & Yeti. Während man sich im pulsierenden Stadtzentrum in einem Ameisenhaufen wähnt, ist es hier in dieser Oase ruhig – wenngleich eine Armada emsiger Arbeiter die Vorbereitungen für eine der rauschenden Hochzeiten trifft, die hier praktisch täglich abgehalten werden. Kilometer von bunten Stoffbahnen werden zu farbenfrohen Baldachinen gewoben, ein Meer von Blumen zu Bogenspalieren gesteckt oder auf weiss gedeckten Tischen verteilt, eine Bühne aufgebaut, Sessel fürs Brautpaar und Stühle für die Hochzeitsgesellschaft hin und her gerückt. Viele Stühle. Sehr viele. Das Fest findet offensichtlich nicht im engsten Kreis der Familie statt. Oder aber die Familie ist sehr, sehr gross.

Der denkmalgeschützte Palast des »Yak & Yeti« wurde 1885 von Bir Shumsher Jung Bahadur Rana errichtet, dem ehemaligen Premierminister des Königreichs Gorkha, des heutigen Nepals. Er war einer der bedeutendsten Maharadschas. Bir Shumsher Jung Bahadur Rana (seine Freunde nannten ihn der Einfachheit halber Shumshi) hatte zahlreiche Konkubinen und rund zwanzig Ehefrauen.

In unseren Weingläsern leuchtet ein schöner Pinot grigio, und soeben serviert uns der Kellner etwas Kleines, sehr Feines, vor allem aber eher Scharfes. Hustend bittet mich Ändu, ihn erst mal zu fragen, weshalb er sich überhaupt in Kathmandu verliebt habe. Er werde da ein bisschen ausholen müssen, und seine Ausführungen würden vermutlich ziemlich chaotisch werden, weil so vieles zusammenkomme und er ja eigentlich auch aus seiner Kindheit berichten müsse. Aber ich könne ihn ja dann unterbrechen, wenn er ausufernd werde. Also.

Warum hast du dich eigentlich in Kathmandu verliebt? Es hätte doch auch prima eine andere Stadt sein können, immerhin hast du ja die halbe Welt bereist. Wenn nicht sogar drei Viertel.

Ja, warum Nepal? Warum Kathmandu? Das ist eine lange Geschichte. Sie beginnt 1984. Mit China. Mit meiner damaligen Liebe. Mit Trix. Aber da muss ich noch ein bisschen weiter zurückblenden. Nach der Bäckerlehre und der Grenadier-Rekrutenschule bin ich ja erst mal mit meinem Freund Pesche Hasler in die USA gereist, mit einem klapprigen Auto durchs Land getuckert und irgendwann auch bei den Navajo gelandet. Tja, und bei diesen stolzen, zurückhaltenden und trotz ihrem schrecklichen Schicksal doch so unglaublich gastfreundlichen Menschen habe ich einfach gemerkt, dass mich fremde Kulturen und andere Lebensweisen berühren und faszinieren – und dass ich nicht Bäcker sein, sondern Entdeckungsreisender werden möchte. Damals war es natürlich nur ein grosser Traum, von dem ich nie im Leben gedacht hätte, dass er eines Tages in Erfüllung gehen könnte. Nun, Pesche und ich wären gern länger geblieben, aber weil uns das Geld ausging, mussten wir zurück in die Schweiz, wo ich dann ein Jahr lang als Bäcker meine Brötchen verdient habe.

Und wie gings weiter?

Dann öffnete sich, eben 1984, das geheimnisvolle China für Individualreisende. Stell dir vor! Das war absolut unglaublich, und für mich war klar: Dort muss ich hin! Also habe ich die Bäckerschürze an den Nagel gehängt und bin mit Trix im Zug durch Sibirien und die Mongolei runter nach China gerattert. Geplant war eine Reise von insgesamt sechs Monaten. Geplant. Aber nachdem wir China, also zumindest einen schönen Teil davon, gesehen hatten, zog es uns nach Hongkong, und von dort flogen wir weiter nach Bangkok. Und von Bangkok aus gings nach Phuket. Die thailändische Insel bestand damals gerade mal aus der Hauptstadt, Fischerdörfern und ein paar einfachen Bungalow-Anlagen. Und dort hatte ich dann die famose Idee, ein Motorrad zu mieten. Doch kaum sass ich in Badehosen auf dem Töff, um Lebensmittel einkaufen zu gehen, wurde ich abgeschossen. Nein, nicht von einem Lastwagen, auch nicht von einem Auto und nein, auch nicht von einem anderen Motorrad, sondern – von einem Fahrrad. Mein rechter Oberschenkel wurde beim Crash aufgeschlitzt. Man sieht die Narbe noch heute! Schau mal …

Vielleicht machst du die Hose gescheiter wieder zu. Ich weiss nicht so recht, wie diese Demonstration bei den Gästen hier ankommen wird.

Stimmt. Sorry. Aber kannst du dir vorstellen, wie es mir ging?

Ja. Schlimm. Schwer verletzt am anderen Ende der Welt.

Genau. Auf jeden Fall hat mich Trix sofort zu einer Notfallstation transportiert, und dort haben sie erst mal die Wunde gesäubert. Mit Wattestäbchen. Und dann haben sie den Schranz geflickt, und was denkst du, wie haben sie das gemacht?

Na ja, mit Nadel und Faden?

Nein. Das Wichtigste war ein Holzscheit.

Aha. Holzscheitnarkose. Verstehe.

Nein, Mann! Eben keine Narkose! Sie haben einfach eine alte Socke über das Stück gezogen und mir das Teil in den Mund gesteckt. Zum Glück war es irgendein weiches Holz, sonst hätte ich mir vor lauter Schmerzen alle Zähne ausgebissen!

Ein Grenadier kennt keinen Schmerz!

Denkste! Item, auf jeden Fall waren wir drei Wochen lang blockiert. Ich durfte nicht rumlatschen, durfte nicht ins Wasser, durfte nichts. Und jeden dritten Tag musste ich in diese Notfallstation zur Kontrolle. Als man mich endlich weiterziehen liess, flogen wir nach Kalkutta. Und von dort gings über Land nach Kathmandu. Und als wir hier ankamen, haben wir uns grad heimisch gefühlt.

Nach der ganzen beschwerlichen Reiserei war die Entspannung im damals wohl noch gemütlichen Kathmandu ja auch eine willkommene Abwechslung.

Vergiss es. Von Entspannung kann man nicht gross reden, denn exakt zu diesem Zeitpunkt war es zum ersten Mal erlaubt, dass Ausländer um die Annapurna trekken durften; und genau das wollten wir auch tun. Also zogen wir sofort weiter Richtung Westen und landeten »in the middle of nowhere«. Kaum Guesthouses, keine Lodges, dafür rundherum jede Menge gigantischer Berggipfel. Wir schliefen bei Einheimischen oder in baufälligen Ställen. Ja, und dann – nach tagelangen Märschen – erreichten wir den Fuss der Annapurna, dieses riesigen, zehnthöchsten Berges der Erde. Aber dann wurde Trix krank. Schwer krank. Sie erbrach nur noch und litt an heftigem Durchfall. Das alles natürlich weit weg von der Zivilisation. Nach Stunden kamen wir auf 3600 Metern endlich in einem kleinen Dorf mit Yak-Bauern an. Trix war bereits sehr schwach. Sie hatte schon lange nichts mehr zu sich genommen und vor allem auch nichts mehr getrunken. Dort stiessen wir auf einen ebenfalls kranken Bergsteiger, der in der Nacht angekommen war. Er hatte gehört, dass es hier einen Militärposten mit einem Funkgerät gab. Also gingen wir dorthin, und die Soldaten konnten dann für uns einen der beiden Alouette-Helikopter organisieren, die es damals in Nepal gab. Alouette III, kennst du ja auch noch.

Klar.

Ja, und dann sind sie mit der armen Trix und dem Bergsteiger nach Kathmandu runtergeflogen. Für mich hatte es keinen Platz mehr im Heli, ich musste Trix ihrem Schicksal überlassen. Das zerbrach mir schier das Herz.

Und wie kamst du runter?

Na ja, zu Fuss. Fünfzehn Tage, mausbeinallein und selbstverständlich ohne Handy in dieser unendlichen und doch so wunderbaren Bergwelt. Zuerst musste ich über den 5415 Meter hohen Thorong-La-Pass, dann gings via Jomson und durch immer neue kleine Dörfer runter nach Pokhara zum Public Bus. Und mit dem dann dreizehn Stunden holterdiepolter zurück nach Kathmandu. Als ich schliesslich angekommen war, suchte ich natürlich zuerst Trix, und als ich endlich wieder bei ihr war, erzählte sie mir, dass sie nur dank dem Arzt, der sie glücklicherweise sofort mit Verdacht auf Typhus behandelt hatte, noch am Leben sei. Ja, und als es ihr wieder etwas besser ging, reisten wir via Neu-Delhi in die Schweiz zurück. Das war am 4. November 1984, also vier Tage nach der Ermordung der indischen Premierministerin Indira Gandhi. Du kannst dir ja vorstellen, was das auf dem Flughafen für ein Chaos war. Aber das war uns egal, Hauptsache, Trix war noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

Oha.

Ja. Und das war eben meine erste Begegnung mit Nepal. Und die Hilfsbereitschaft, die Gastfreundlichkeit, die Offenheit, die Ehrlichkeit und Herzlichkeit der Menschen hier haben mich einfach berührt. Ja, und mit dir flog ich nun das fünfundfünfzigste Mal nach Kathmandu. Komm, lass uns auf die Gesundheit anstossen.

Zum Wohl. Eine ganz andere Frage: Welches ist eigentlich deine früheste Kindheitserinnerung?

Ich denke, das ist der Moment, als ich mit meinem Vater das erste Mal im neuen roten Opel Rekord P2 Caravan mitfahren durfte. Ein Kombi. Viereinhalb Meter lang. Vier Zylinder, 1700 Kubikzentimeter Hubraum und 53 PS. Ein absolutes Traumauto! Da war ich wohl so um die vier Jahre alt. Und gefühlt fast erwachsen. Für die erste Fahrt trug ich einen doppelreihigen Blazer und – das drittletzte Mal in meinem Leben – eine Fliege um den Hals. Mann, war ich stolz.

An das erste Auto meiner Eltern erinnere ich mich auch. Es war ein VW Käfer. Vor allem kommen mir die sonntäglichen Ausfahrten obsi: Vorne der Vater, Pfeife oder Zigarre rauchend, auf dem Beifahrersitz die dauergewellte Mutter im Sonntagskleid und hinten ich, das hustende Kind, das vor lauter Qualm nicht mehr aus den Fenstern sehen konnte.

Meine Eltern waren zum Glück Nichtraucher. Zudem erinnere ich mich nicht, dass wir jemals einfach so zum Spass über Land gefahren wären.

Jetzt kommt mir grad Erich Kästners Gedicht »Im Auto über Land« in den Sinn, das unsere Generation in der Schule auswendig lernen musste. Erinnerst du dich?

Ja, klar, »der blaue Himmel war aus Porzellan« oder so.

Ich kanns noch immer auswendig:

An besonders schönen Tagen ist der Himmel sozusagen wie aus blauem Porzellan. Und die Federwolken gleichen weissen, zart getuschten Zeichen, wie wir sie auf Schalen sahn.

Alle Welt fühlt sich gehoben, blinzelt glücklich schräg nach oben und bewundert die Natur. Vater ruft, direkt verwegen: »’n Wetter, glatt zum Eierlegen!«

Und so weiter und so weiter.

Jetzt beeindruckst du mich echt! Aber unser Opel war schon kein Sonntagsgefährt, er war ein Arbeitsinstrument. Und übrigens eine Occasion. Mein Vater war ja Verkaufschauffeur. Also einer, der für eine Firma Waren spedierte. Sein Arbeitgeber war die »Raco«, ein Eiergrosshändler, der dann später mit »Schmid« fusionierte. Und heute heisst die Firma wohl »Lüchinger + Schmid« und ist glaubs in Kloten zu Hause, aber da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher. Anyway, mein Vater kam aus ganz einfachen Verhältnissen, konnte keine Lehre machen und musste schon sehr früh Geld mitverdienen. Er war sehr jung, als er mit dem Lastwagen unterwegs war.

Aber jetzt zum Opel, der war wie gesagt ein Arbeitsinstrument. Meine Mutter brauchte ihn, um von Bauernhof zu Bauernhof zu fahren und dort Eier abzuholen. Und die brachte meine Grossmutter dann in Bern auf den Markt. Und verkaufte sie dort – quasi B2C, Business-to-Consumer. Der Markt fand zweimal pro Woche statt. Als kleiner Junge habe ich sie wann immer möglich begleitet. Als Dank habe ich dann jeweils einen Batzen bekommen.

Und parallel zum Eierbusiness hat meine Familie Kaninchen gezüchtet. Mit acht hatte ich bereits meine eigenen. Und die musste ich dann auch metzgen, wenn die Zeit gekommen war. Gemetzget wurde immer am Freitag. Zack, mit dem Chnebel eins auf den Schädel, dann das tote Tier an den Hinterläufen aufhängen, das Fell aufschneiden und abziehen. Das war wirklich alles andere als angenehm, denn es waren ja sozusagen meine Haustiere. Ja, und meine Grossmutter hat die Chüngel dann – nebst den Eiern und unserem selbst angebauten Gemüse – auf dem Märit verkauft. Und drum hat der Opel auch immer ein bisschen streng gerochen. Diese eigenartige Duftmischung aus Gemüse, Scheibenwischerflüssigkeit, Kaninchen, Schweiss, Pitralon-Rasierwasser und Benzin habe ich noch heute in der Nase.

Du betonst, dass du in einfachen Verhältnissen aufgewachsen bist, hast du Geschwister?

Ja, zwei jüngere Brüder. Die beiden haben einen Altersunterschied von sieben Jahren, und ich bin dreizehn Jahre älter als der jüngste. Der mittlere ist heute im IT-Business, und der jüngste arbeitet bei der Bundesverwaltung.

Business und Verwaltung – du machst ja gewissermassen beides, einfach noch mit einem Schuss Abenteuer dazu. Was hat dich denn als Kind interessiert?

Polizei. Ich ging nach der Primarschule sogar mal bei der Kriminalpolizei schnuppern.

Hä? Also das habe ich jetzt noch nie gehört, dass man bei der Kriminalpolizei schnuppern kann.

Doch, doch. Ich durfte zwei Tage lang mit einem echten Polizisten in Zivil mitlaufen respektive im Büro sitzen. Ich war natürlich auch in Zivil. Ich weiss nicht, ob das heute noch gehen würde.

Als kleiner Junge wollte ich Polizeihund werden. So wie Kommissar Rex. Oder ein Retter in der Not wie Lassie.

»Lassie«, grosses Kino! Da habe ich alle Folgen im TV gesehen. Aber meine Lieblingsserie war »Bonanza«. Western finde ich übrigens noch heute super.

Das kannst du später erzählen. Aber sag, warum hast du eigentlich in Freiburg geschnuppert? Du bist doch gebürtiger Berner.

Ja, schon, aber aufgewachsen bin ich in Schmitten, einem damals kleinen Dorf im Kanton Freiburg. Weisst du, mein Grossvater väterlicherseits, er war im Emmental Käser, der wanderte in den Sensebezirk aus, weil der Kanton Freiburg in den 1930er-Jahren am Verlumpen war.

Er wanderte in einen Kanton aus, der am Verlumpen war? Das kann ich jetzt nur schwer nachvollziehen.

Nun, weil es der Gegend damals nicht gut ging, mussten die dortigen Bauern ihre Häuser zu Spottpreisen verkaufen. Viele Berner hätten diese Schnäppchenangebote genutzt und seien drum ins Freiburgische gezogen, erzählte mir mein Grossvater.

Und dort lerntest du dann auch Velofahren?

Wie kommst du jetzt auf Velofahren?

Ja, irgendwann musst du es ja gelernt haben.

Ja, das kann man in der Tat so sagen: Dort lernte ich Velofahren. Wir lebten im Haus meines Grossvaters, und mein Schulweg war vier Kilometer lang. Und den musste ich viermal pro Tag zurücklegen. Macht total sechzehn Kilometer. Und das bei Wind und Wetter. Im Neuschnee. In der sengenden Sonne. Im strömenden Regen. Immer. Das war natürlich auch ein tolles Training: in die Schule radeln, zurück zum Mittagessen, wieder in die Schule und danach wieder nach Hause zum Znacht.

Was war denn dein Lieblingsessen?

Apfelrösti. Die liebe ich noch heute. Und meine Mutter – sie ist im Fall wirklich die allerbeste Köchin der Welt – macht sie zweimal pro Monat für mich. Nämlich immer dann, wenn ich sie besuche. Als ich ein Kind war, gabs manchmal noch einen Cervelat dazu. Das war dann wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Gingst du denn gern zur Schule?

Eigentlich schon. Für Erst- bis Neuntklässler gab es nur ein Schulzimmer. Und einen einzigen Lehrer. Stell dir das mal vor! Wir hatten im Fall noch richtig gemischte Klassen. Bracher Albrecht hiess unser Lehrer. Er war sehr streng. Und heute ist er fast ein bisschen so eine Art Fan von mir. Er ist inzwischen fünfundneunzig, und wenn er unser Buch noch erleben dürfte, wäre das wohl eine grosse Freude für ihn.

Was heisst streng? Wie hielt er Schule, der Bracher Albrecht?

Streng heisst streng. Er hatte eine Haselrute. Und wenn man nicht spurte, dann gabs eins auf die Pfoten. Also er war schon sehr hart. Aber auch immer fair. Bei ihm gabs einfach null Toleranz. Also zwei Minuten zu spät – ganz schlecht. Doch das kannte ich ja schon von zu Hause her. Bracher Albrecht hatte eine ganz klare Haltung. Und du weisst ja, Befehlsempfänger ist eine Rolle, die mir noch nie lag. Ich habe ja noch heute Mühe mit der Autorität. Egal, ob im Militär, im Sport, bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen oder im Beruf. Ich kann echt mühsam werden.

Das fiel mir heute gar nicht auf, als dir die attraktive Polizistin hier am Flughafen in Kathmandu bei der Einreise den Durchgang versperrte. Ich hatte einfach den Eindruck, dass ihr nie ein Paar werdet.

Das stimmt. Sie war ein bisschen übereifrig und hat wirklich ein riesiges Security-Theater veranstaltet. Völlig unnötig, denn schliesslich waren wir ja bereits vor dem Flug, also noch in Istanbul, auf Herz und Nebennieren geprüft worden. Es war ein reines Machtspielchen, und das hat mich echt genervt.

Immerhin hast du nach dem Check mit ihr und ihrem bissigen Kollegen lammfromm geschäkert.

Ja. Aber gefühlt war ich halt schon im Recht.

Sie ungefühlt.

Von mir aus. Item, was ich noch sagen wollte: Als es dann dank unseren tollen Teams und mit viel Glück mit Globetrotter durch die Decke ging und ich 2012 von Ernst & Young zum Unternehmer des Jahres gewählt wurde, da war Herr Bracher der Erste, der sich bei meinen Eltern meldete. Ich selber hatte bis zu diesem Zeitpunkt nie mehr etwas von ihm gehört – ah nein, stimmt gar nicht, nach dem Tsunami im Dezember 2004, als ich in der »Tagesschau« zu sehen und im »Club« zu Gast war, da fragte er meine Mutter nach meiner Telefonnummer. Bei mir gemeldet hat er sich damals allerdings nicht. Item, acht Jahre später rief er mich nach der Wahl an und sagte: »André, ich bin so stolz auf dich. Und darauf, dass ich dein Lehrer sein durfte.«

Und wie hast du reagiert?

Ich habe gesagt: »So schön, das freut mich jetzt aber enorm, Herr Bracher.« Du weisst ja, ich duze eigentlich alle, und ich war damals bereits zweiundfünfzig, aber ihn, ihn habe ich brav gesiezt.

Und er, duzte er dich?

Ja, klar, er sagte: »Spinnsch, André, i bi dr Albrecht!« Das fand ich sehr nett und versöhnlich. Weisst du, ich glaube, der Herr Bracher hätte sich für mich gewünscht, dass ich aufs Gymnasium gegangen wäre. Er war nicht so recht glücklich damit, dass ich Bäcker lernen wollte.

Dann warst du also ein guter Schüler?

Jein, das heisst, in der Mathe war ich immer sehr gut. Ich habe auch noch heute ein unglaubliches Zahlengedächtnis. Aber Sprachen, die haben mich überhaupt nicht interessiert. Leider. Französisch? Stell dir vor! Wozu? Geografie hingegen fand ich dann wieder sehr spannend, und da war ich top und hatte fast immer Sechser. Aber mich hats halt einfach nicht interessiert, den ganzen anderen Müll zu lernen, von dem ich damals überzeugt war, dass ich den eh nie brauchen würde. Und dann in der Sekundarschule: Algebra, Chemie, Religion – vergiss es! Ich war weder ein guter noch ein schlechter, ich war ein ganz und gar unmotivierter Schüler. Ich habe mich halt vor allem für Sport interessiert. Und für Mädchen. Aber das kommt dann nicht ins Buch!

Und wie haben deine Eltern auf deine Einstellung zur Schule reagiert?

Schlecht. Und als ich ins Provisorium fiel, da hatte vor allem mein Vater gar keine Freude. Was ich rückblickend natürlich verstehen kann. Dann habe ich die Schulmeisterschaften im Cross-Laufen gewonnen, und das fand er dann wieder gut. Natürlich wollte er nur das Beste für mich, aber das wollte ich halt auch.

Also das Beste für dich?

Klar! Und wenn dann die Haare mal ein bisschen länger waren, sank die Stimmung zu Hause wieder in den Keller. Meine Mutter nahm mich immer in Schutz. Aber das machte die Sache auch nicht unbedingt besser. Nein, also zwischen zehn und sechzehn war es nicht immer einfach.

Aber was triggerte ihn denn an deinen Haaren?

Weisst du nicht mehr – damals war ein sauberer Haarschnitt ein Zeichen von Anstand. Und Langhaarige wie die Beatles oder die Stones waren schlicht nicht gesellschaftskonform. Für mich wars halt ein Protest gegen allzu starre Regeln. Ich trage die Haare ja noch heute eher wild.

Aus der Psychologie weiss man, welche Bedeutung wilde Haare haben und was sie aussagen.

Aha. Was denn?

Na gut, kräftige Haare symbolisieren seit Jahrtausenden Gesundheit und Stärke und werden quer durch alle Schichten und Völker mit Kraft und Potenz in Zusammenhang gebracht. Das trifft somit auch auf dich zu.

Das gefällt mir, das darf ins Buch!

Und die alten Griechen oder Barbaras Barbaren und die Indianerstämme, sie alle trugen die Haare lang.

Moment mal, Indianerstämme ist ein bisschen veraltet, mein Lieber. Heute nennen wir sie doch American Natives.

Okay, da hast du recht. Aber im Moment geht es mir nicht um die Ureinwohner, sondern um die Haare. Schau mal, im 18. Jahrhundert, da war zum Beispiel der Zopf das Nonplusultra. Aber auch die Dandys im 19. Jahrhundert, die schüttelten ihre Lockenmähnen genauso wie die Rockstars und die Hippies.

Gut, das war ja dann auch ein Ausdruck von Mode.

Sicher, die Mode spielte eine Rolle, aber letztlich signalisiert eine gesunde, wilde Haarpracht eben auch, dass man verwegen und unangepasst ist …

Das passt ja perfekt zu mir!

… und es signalisiert die Bereitschaft zum Ausleben der Lebensfreude. Also wenn ein erwachsener Mann lange Haare trägt, dann nimmt man an, dass er irgendwie entweder ein Intellektueller oder ein Künstler oder ein Rebell ist. Und das wirkt anziehend.

Das Rebellische trifft ja im weitesten Sinne auf mich zu.

Auf jeden Fall strahlen Langhaarige eine gewisse Energie aus und wirken jünger.

Das gefällt mir alles sehr, was du da sagst. Sollte ich mal nicht so gut drauf sein, werde ich dich anrufen, und dann kannst du das bitte alles genau so wiederholen.

Ich hätte dazu aber schon noch eine andere Frage: Was ist dein Coiffeur denn eigentlich von Beruf? Ich gehe davon aus, er ist Quereinsteiger.

Du, das ist im Fall eine ganz tolle Frau!

Warum erstaunt mich das jetzt nicht?

Karin heisst sie. Ein Bernermeitschi vom Sangernboden. Und jetzt halt dich fest: Ich gehe schon seit achtzehn Jahren zu ihr. Seit achtzehn Jahren!

Das ist ja dann praktisch die längste Beziehung, die du je mit einer Frau hattest.

Du, da bin ich mir jetzt gar nicht so sicher. Meine Assistentin, Sandra, hält mich auch schon seit über fünfundzwanzig Jahren aus.

Oha.

Ja, da staunst du, hab ich mir gedacht. Sandra, sie heisst zum Nachnamen übrigens Studer, hat aber nichts mit der Sandra Studer vom Fernsehen zu tun, also Sandra ist eine Perle und mein »human parachute«. Und sie weiss vermutlich mehr über mich als die meisten anderen Menschen – ausser über die Vorkommnisse in Schmitten.

Gutes Stichwort. Wie wars denn, in Schmitten aufzuwachsen?

Die Pubertät war nicht wirklich einfach. Also wenn die anderen Kids zum Beispiel an einer Geburtstagsparty feierten, das Licht in der selbst eingerichteten Disco irgendwann gedimmt wurde und ein Slow-Titel lief, die älteren auf Körperkontakt zu gehen wagten und sich bei der Tanzpartnerin vielleicht sogar vorsichtig unter den imitierten Angorapulli vortasteten, dann, tja, dann war ich schon längst zu Hause. Denn ich musste solche Nachmittagspartys so verlassen, dass ich jeweils um fünf Uhr daheim war. Kannst du dir vorstellen, wie das war? Was ich da alles verpasst habe?

Ja, ganz schlimm. Und was hast du denn in jenen Momenten daheim gemacht?

Weiss gar nicht. Doch, meistens habe ich mich in meine Indianerabenteuer zurückgezogen.

Moment mal, jetzt brauchst du auch das I-Wort, hab ich dich angesteckt?

Also alles, was recht ist, damals habe ich bestimmt nicht mit meinen »American Natives«-Figuren gespielt, ich lebte einfach in deren Welt. Aber ehrlich gesagt war ich zu dieser Zeit noch immer vor allem »Bonanza«-Fan. Ich war ja praktisch bereits einer von ihnen, ein Cartwright. Ich war quasi der Vater von Adam, Hoss und Little Joe. Ich war Ben Cartwright!

In dem Fall kommt jetzt eine Kontrollfrage: Wie hiess euer chinesischer Koch auf der Ponderosa Ranch?

Ach ja, dieses aufgeregte Bürschchen. Mensch, das habe ich tatsächlich vergessen. Leider.

Hop Sing.

Genau. Genau, genau! Der war so lustig. Stimmt. Und oftmals rettete er in allerletzter Sekunde eine heikle Situation. Genau, genau, genau, Hop Sing hiess der. Weisst du, in unserer Strasse gab es einen Jungen, der war zwei Jahre jünger als ich, aber gleich gross und recht korpulent. Ein Haus weiter lebte ein Bub, der war dünn wie eine Bohnenstange. Und mit denen habe ich dann »Bonanza« gegründet. Dem korpulenten Jungen sagte ich: »Du bist von jetzt an Hoss.« Der Mägerlimuck wurde zu Little Joe, und ich war als Ältester natürlich der Vater, Ben Cartwright. Ich sage dir, wir haben wochenlang »Bonanza« gespielt und als Cartwrights