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Gestern ist Geschichte. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sich Maria-Julia schwach und hilflos. Ihre Mädchen nerven. Sie reagiert schreckhaft, schläft schlecht, Sex ist ihr zu viel. Maria-Julia ist verzweifelt und denkt ernsthaft über ein Lifting nach. Komm zu uns, bittet sie ihre Freundin Emma, die als MTA in einer Naturheilpraxis arbeitet. Unsere Behandlungen ersetzen ein Skalpell, ein Lifting wird überflüssig! Versprochen: Hängebäckchen weg, Turgor prall! Mega! Aus Eitelkeit und Angst vor der OP willigt Maria-Julia ein. Sie bucht einen Termin bei Emmas Chefin, der Heilpraktikerin Antonia. Eine außerordentliche Reise in die Welt der Naturheilkunde beginnt. Antonia und ihre Freundin Emma erweisen sich als gute Lehrmeister. Ungewöhnliche Methoden ersetzen ein Lifting. Maria-Julia erfährt, was mit Jungbrunnen gemeint ist und dass Herz und Gewissen untrennbar miteinander verbunden sind. Puddingvegetarier und Verdauungsfeuer gehören zum neuen Vokabular. Sie beginnt, bewusst ihren Alltag wahrzunehmen und zu gestalten. Maria-Julia interessieren Dinge, von denen sie zuvor noch nicht einmal eine Ahnung hatte, dass sie existieren. In flotten Dialogen, ohne erhobenen Zeigefinger, erfährt Maria-Julia Seltenes und Unbekanntes aus naturheilkundlicher Praxis und täglichem Leben. Ihr herzliches Lachen kehrt zurück. Gestern ist Geschichte.
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Seitenzahl: 704
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für
Leon und Leona
Dieses Werk ist kein Selbsthilfe-Handbuch.
Alle Geschichten sind Einzelfälle. Alle Geschichten sind wahr. Alle Namen wurden verändert. Ähnlichkeiten sind rein zufällig.
Im Fall einer Erkrankung wenden Sie sich bitte an den Therapeuten Ihres Vertrauens.
Eine Haftung der Autorin, des Herausgebers oder des Verlags und seiner Beauftragten, für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen
Vorgeschichte
Geburtstagsfeier
Das Naheliegende ist oft
Das Konzept
Eine Spritze und ein Gespräch
Eins und eins macht zwei
Störungen der Befindlichkeit
Los geht es
Gut geschüttelt
Der Geburtsstern
Nun erzählen Sie mal
Emma, das kleine Luder
Summen macht frei
Energie!
Pralle Haut, bitte
Das Tupfen
Das mit der Laus
Die Leber verzeiht viel, aber nicht alles
Die kleinen Helfer
Lachen kostet nichts
Müdigkeit ist der Schmerz der Leber
Knutschen und Küssen – Atmen nicht vergessen
Darmhygiene im Weltraum
Das Engelhemd
Das innere Meer
Zufälle gibt es nicht
Lebe(n)
Gefühl und Gefühle
Erkältung kommt von kalt
Ich bin doch nicht aggressiv
Liebe Deinen Nächsten – wie Dich selbst
Mein Problem?
Erfolgsgeheimnis
Koffein kontra Milchsäure
Kaffee anal
Erkenntnis
Der heiße Hunger
Die Säure des Harns
Sauer macht lustig?
Die Blumenfee
Der Babyspeck
Ein kleiner Brilli, vielleicht
Rauf und runter
Am Ende ist alles gut?
Kultur mal anders
Besonders chic vergiftet
Die besondere Lichtung
'Vertan', 'vertan'!
Gift raus
Kompliment der besonderen Art
Was tun?
Lass Dich von mir nicht täuschen
Das ewige Rad
Ich war tot
Auch eine Wirkung
Für mich allein
Verhungern am vollen Regal
Immer dieser Mangel
Hilfe zur Selbsthilfe
Die Zeichen
Die besondere Art
Der Knack
Ohne Fleiß kein Preis
Drahtseile sollen es sein
Pallets
Kalt gestellt
Wasser und Salz
Die halbe Ernährung
Das Süppchen
Zucker direkt und indirekt
Seelenlust
Der kleine Unterschied
Gutes Mastfutter
Wärme ist gleich Leben
Das Arbeitspferd
Gemüse mal anders
Das Butterbrot
Ich habe satt
Die Kräutlein
Apfelduft
Ayurveda-Champagner
Verdauungsfeuer
Eine Portion nährt
Apropos Frischkost
Träume sind Schäume?
Acht gleich kreativ
Lachsack
Der große Trick
Brief an den Geliebten
Das Herzzentrum
Das Herz aus Stein
Indirekte Rede
Qualität des Blutes
Herz vor Hirn
Traum und Wirklichkeit
Es war Mittwoch. Ein grauer Vormittag im September mit verhangenem Himmel und leichten Sturmböen. Unfreundlich, feucht und kühl. Ein paar dünne abgebrochene Äste lagen auf dem Gehweg und dem dunklen Asphalt der Straße. Emmas Gedanken kreisten um ihren Termin beim Arbeitsamt. Am Nachmittag würde sich ihr weiteres Berufsleben entscheiden. Bereits den ganzen Morgen war Emma nervös und ihr Bauch kribbelte wie immer, wenn das Schicksal etwas Besonderes mit ihr vorhatte.
Bislang arbeitete sie als MTA bei ihrem lieben Doktor in einer Privatpraxis in Bochum. Nächsten Monat würde die Praxis aus Altersgründen geschlossen. Emma interessierte sich seit einem Schlüsselerlebnis vor drei Jahren für alternative Medizin, Gesundheitsvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe. Nach reiflicher Überlegung hatte sie den Entschluss gefasst, sich keine Arbeit mehr in normalen Arztpraxen mit Massenandrang anzutun. Emma beschloss, irgendwo in der Stadt eine Kleinigkeit zu essen. Sie war gerade losgefahren, als ihr ein Erlebnis in den Sinn kam. Vor einiger Zeit waren Emma und ihre Freundin Maria-Julia ins Stadtgartenrestaurant eingekehrt. Auf dem Rückweg fiel Emmas Handtasche auf den Rasen. Emma bückte sich, entdeckte ein vierblättriges Kleeblatt, riss es ab und schenkte es ihrer Freundin. Ein Glücksbringer könnte nützlich sein, beschloss sie, und bog in Richtung Stadtgarten ab. Tatsächlich fand sie eines. Sorgfältig umhüllte Emma das vierblättrige Kleeblatt mit einem Taschentuch und verstaute das kleine Päckchen in ihrer Handtasche. „Ein gutes Omen?“, fragte sie sich. Sie hoffte es, obwohl sie ansonsten eher skeptisch solchen Dingen gegenüberstand. Sie überquerte die belebte Straße.
Eine Staubwolke wirbelte auf und hüllte Emma ein. Sie hustete, bekam Sand in die Augen, taumelte ein wenig, rutschte aus und schlug der Länge nach hin. „Sheet!“, fluchte sie leise. Ihr rechtes Knie tat lausig weh. Eine Abschürfung, stellte sie fachkundig fest. Ihre Ellbogen waren ebenfalls aufgeschlagen. Ihre schönen neuen Jeans hatten jetzt ein Loch am Knie. „Ausgerechnet die neue Jeans!“, zischte sie angeknatscht. Die Bluse hatte tüchtig was abgekriegt und war jetzt an beiden Ärmeln kaputt. „Sheet!“, fluchte sie noch einmal. Allerdings... Emma grinste. Glück im Unglück sozusagen. Die Bluse, die ihr ihre Tante Lissi geschenkt hatte, als sie in Deutschland zu Besuch war, entsprach ohnehin nicht ihrem Geschmack. Sie bevorzugte ausgefallene Oberteile, die sie mit sportlichen Jeans kombinierte. Diese brave Bluse durfte sie nun offiziell aussortieren – ohne schlechtes Gewissen. In ihre Überlegungen hinein schoss ein brennender Schmerz durch ihr Knie. Irgendwas musste jetzt passieren. Aber was? Da sah sie ein Schild: Naturheilpraxis Heilpraktikerin Antonia Talbach. „Was für ein Zufall!“ Sie humpelte zur Eingangstür und klingelte. Sie war gespannt, was genau geschehen würde. Was ihr Doktor jetzt gemacht hätte, das wusste Emma. Nichts geschah. Emma klingelte noch einmal. Endlich öffnete ein großer langer schmaler junger Mann die Tür und fragte: “Was ist das denn? Tut das weh?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er Emma den Gang weiter in einen größeren durch Trennwände unterteilten Behandlungsraum und bot ihr einen Sitz an. Dann rief er über den Gang: “Ich brauche hier mal HP-Hilfe. Ein kleiner Notfall! Und zu Emma gewandt: Ich bin der Ravidas“.
„Aha...“, sagte Emma und vergaß sich vorzustellen. Ein angenehmer Duft stieg ihr in die Nase. Vielleicht Pinie und Zitrone? In ihre Überlegungen hinein hörte sie ein mehrstimmiges Lachen und Stimmen vom Gang. „Ein kleiner Notfall?“, fragte eine sympathische Frauenstimme mit leichtem Akzent. „Ich bin hier eine der Heilpraktikerinnen. Mein Name ist Anna-Maria.“ „Ich heiße Emma“, sagte sie schnell, bevor sie es noch einmal versäumte sich vorzustellen. „Ich bin gerade eben quasi vor Ihrer Eingangstür hingeschlagen. Es brennt fürchterlich und tut lausig weh!“ „Ach, das haben wir gleich. Ist ja Gottlob nur eine leichte kleine Abschürfung“, meinte Anna-Maria und verschwand im Nebengang. Kurz darauf kehrte sie zurück, streckte Emma eine geöffnete Hand entgegen und bat diese, es ihr gleichzutun. Sie hielt inzwischen ein kleines braunes Fläschchen in ihrer Hand und streute ihr einige kleine weiße Kügelchen in die Handfläche. „Lassen Sie die Arnika Globuli bitte in Ihrem Mund zergehen. Das tut Ihnen gut. Jetzt reinige ich die kleine Schürfwunde noch und anschließend versorge ich sie mit Traumeel Salbe und gebe ein Pflaster darüber.“
„Bitte noch ins Magnetfeld“, rief eine Stimme, die zu einer anderen Frau gehörte. „Das nimmt die Schmerzen. Bitte einstellen 40/7/30“. Da war die Frau auch schon bei Emma, gab ihr die Hand, strahlte sie an und fragte: „Haben Sie Metallteile im Körper? Ein künstliches Knie, Hüften, Herzschrittmacher oder einen Defibrilator?“ Emma schüttelte verneinend den Kopf. „Ihr Handy, Autoschlüssel oder Ihre Kreditkarten müssen außer Reichweite gebracht werden. Anna-Maria wird ihnen die Dinge weglegen, sonst werden sie durch das Magnetfeld unbrauchbar.“ Emma ließ sich in das Magnetfeld helfen, nachdem sie Anna-Maria Handy und Autoschlüssel abgeliefert hatte. Beide Teile waren für sie in gebührendem Abstand sichtbar. „Schön, dass Sie so glimpflich davongekommen sind. Das hätte anders ausfallen können. Ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Antonia. Heute ist für uns ein besonderer Tag. Offiziell sind wir schon seit 10:30 Uhr gar nicht mehr da. Wir feiern heute zwei Geburtstage und einen Ausstand. Vielleicht trinken Sie gleich nach Ihrer Behandlung ein Gläschen Sekt mit uns?“
In der Zwischenzeit prüfte Anna-Maria bereits mit einem Magneten die Funktion des Magnetfeldgerätes. Emma spürte allerdings nichts und schaute Anna-Maria ein wenig ungläubig an. Daraufhin drückte diese ihr eine kleine graue Scheibe, die sich als Magnet herausstellte, mit den Worten in die Hand: „Halten Sie das bitte ins Magnetfeld“. Damit war die Röhre gemeint, in der Emma gerade lag. Es vibrierte kräftig in ihrer Hand. „Sie befinden sich jetzt in einem magnetischen Kokon. Wenn Sie den Magneten über oder hinter Ihren Kopf halten, spüren Sie das pulsierende Magnetfeld immer noch. Allerdings etwas weniger stark...“ Emma war überrascht und tief beeindruckt, als der Wecker kurz läutete. Ihre Schmerzen waren weg. Sie wartete nicht auf Hilfe, sondern stand mühelos alleine auf und gesellte sich zum Team, das um Antonia versammelt war. Ravidas reichte ihr ein gefülltes Glas Sekt. „Wem sollte ich gratulieren und wer geht weg? Oder ist das geheim?“, fragte Emma die beiden Frauen.
„Nein, antwortete Antonia. Vorab eine Information. Zuerst einmal: Ravidas und Franka hatten Geburtstag. Ravidas kennen Sie bereits und Franka kommt erst heute Mittag dazu. Milva verlässt uns. Das kann sie Ihnen selbst erzählen, wenn sie mag“, und schob eine nette kleine Frau in Emmas Blickfeld. „Ich bin gerne hier und hatte mich gut eingelebt in der Probezeit. Ich komme gut mit allen aus, aber mein Freund ist überraschend nach Süddeutschland versetzt worden. Wir werden dort eine Familie gründen. Meinetwegen muss die Praxis wieder eine MTA finden und ich bin schuld“, erklärte Milva etwas bedröppelt. „Aber Milva. Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass das sicherlich in Ordnung kommt. Das Universum sorgt für uns - auch für unsere Praxis. Irgendein kleines Wunder geschieht und die oder der Richtige kommt zu uns“, erklärte Antonia. Emma hatte das Gefühl, dass Antonia sie genau taxierte. Sie spürte ein spezielles Kribbeln in ihrem Magen und zeitgleich ein Glücksgefühl, was sie zwar wahrnahm, aber nicht weiter hätte zuordnen können.
„Liebes Team“, begann Emma ihre Rede. Ich nehme gerne das Angebot an und stoße mit Ihnen an. Herzlichen Glückwunsch, Ravidas!“ Emma erhob ihr Glas, trank einen kleinen Schluck und sprach Milva an: „Vielleicht bin ich die Neue - wenn ihre Chefin und das Team mich wollen... Ich stelle mich mal kurz vor: Mein Name ist Emma Unterberg. Ich bin MTA und mega neugierig, wenn es um Gesundheit, Gesundheitsvorsorge und Hilfe zur Selbsthilfe geht“. Emmas Wangen waren inzwischen zart gerötet, aber sie schämte sich nicht. Sie war aufgeregt und wusste, dass etwas ganz Besonderes in ihr Leben getreten war. Etwas, was sie morgens noch nicht geahnt oder vermutet hatte. Plötzlich fiel Emma wieder ihr vierblättriges Kleeblatt ein. „Ich muss meine Behandlung von heute noch bezahlen.“ Antonia lächelte und sagte: „Die Praxis ist geschlossen und Sie, Emma Unterberg, sind unser Überraschungsgast!“ Emma errötete zart und sprach kehlig in die Richtung von Antonia „Dankeschön für alles.“ „Gern. Bitte, Ravidas, schenken Sie allen noch einmal nach!“ Ravidas tat, wie ihm geheißen. Antonia erhob ihr Glas und sprach: “Auf eine gute Zeit!“ Sie schaute Emma nachdenklich an. Passte diese Emma ins Boot? Antonia spürte in sich hinein. Ja, sie würde Emma gleich bitten, ein Gespräch unter vier Augen zu führen.
*
Emma saß in Antonias Zimmer und wartete ungeduldig auf ihr Gespräch mit Antonia. Sie registrierte erneut diesen angenehmen Duft eine Mischung aus Pinie und Zitrone. Insbesondere gefielen ihr die vielen bunten Blumenbilder und ein goldener Buddha, der sie breit angrinste. Antonia und Emma saßen sich bald gegenüber. Emma erwartete ein normales Einstellungsgespräch. Es kam anders. Als Emma anfing sich vorzustellen und so in ihren Redeschwall vertieft war, signalisierte ihr Antonia mit dem Zeigefinger, den sie an ihren geschlossenen Mund hielt, dass sie schweigen solle. „Bitte, Emma, ich darf doch Emma zu Ihnen sagen?“ Emma nickte. Antonia fuhr fort: „Bitte, sagen Sie mir erst einmal ihr Geburtsdatum.“ Emma antworte: „12.4.1974“. Und war überrascht. Antonia hatte inzwischen einen Stern auf ein Blatt Papier gemalt und übertrug Zahlen darauf.„Emma, das hier ist eine der Säulen unserer Praxis. Dieses System, der Geburtsstern, ist eine interessante Angelegenheit. Ich habe auf diesen Stern die Zahlen Ihres Geburtsdatums und deren Quersumme geschrieben. Dieser Stern erfasst den ganzen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen. Deshalb hat dieser Stern für mich einen hohen Aussagewert. Jetzt will ich mir das mal anschauen. Gönnen Sie mir bitte eine kleine Weile.“ Emma kam das wie eine Ewigkeit vor. Endlich schaute Antonia sie wieder an, räusperte sich und sagte: „Interessant. Sie sind ein Menschenkind, das intelligent ist und gerne kommuniziert. Eine Arbeit in einem abgeschlossenen Zimmer mit wenig oder kaum Kontakt zu anderen Menschen ist absolut ungeeignet für Sie. Sie sind intuitiv. Ihre Berufswahl macht Sinn.“ Eine kurze Weile verstrich. Dann stellte Antonia eine Frage, die sie sich sogleich selbst beantwortete: „Was können Sie zu Ihrer gesundheitlichen Unterstützung tun? Für Sie, liebe Emma, ist es sinnvoll, Ihre Nerven zu stärken. Auf der Körperebene ist Ihr Nervenkostüm das Wichtigste, was gefördert und unterstützt werden sollte. Einerseits brauchen Nerven Nahrung und andererseits muss ein Nervensystem durch Ruhepausen unterstützt und gefördert werden. Das bedeutet, dass Sie eine Person sind, deren Organe sich über Befindlichkeitsstörungen bemerkbar machen, wenn ihre Nerven überlastet sind. Egal, was es je sein wird, was Sie plagt, Ihre Nerven spielen dabei die Hauptrolle: ob als nervöser Magen, Schlafstörungen, nervöses Herz usw. Ihre Geburtszahlen zeigen als Schwachstelle ebenso Ihre Wirbelsäule an. An diese sollten Sie in zweiter Linie denken bei gesundheitlichen Störungen. Bei Herzproblemen beispielsweise ist vielleicht lediglich die Brustwirbelsäule der Auslöser. Trifft das zu, hören die Attacken des Herzens sofort auf, wenn der Wirbel wieder ordentlich disponiert ist.“ Emma saß da mit geröteten Wangen und ganz auf Antonia fixiert. „Das ist spannend, nicht wahr?“
Emma nickte. Antonia fuhr fort. „Als weiterer Schwerpunkt Ihrer Konstitution ist das Verdauungssystem erkennbar. Bitte pflegen Sie Ihre Verdauungsorgane. Dieselben brauchen Ihre Unterstützung. Leicht verdauliches, aber inhaltsreiches Essen sollte täglich auf Ihrem Speiseplan stehen. Sie merken zur Zeit wahrscheinlich nichts, es sei denn Sie haben derzeit eine energetische Schwäche von Magen und Bauchspeicheldrüse, verursacht vielleicht über eine Grippe oder Antibiotika... Diese Störung macht sich bemerkbar durch Heißhungerattacken auf Süßes. Bemerkbar macht sich eine Schwächung des Magens oftmals sichtbar über glühende Wangen.“ Emma errötete gerade noch einmal. „Ich habe tatsächlich gerade eine Grippe durchgestanden und im Augenblick immerzu Hunger auf Süßes,“ antwortete sie. „Interessant, Emma, schauen wir weiter. Sie probieren wahrscheinlich gerne einmal etwas Neues aus. Vielleicht erfinden Sie sogar etwas. Als Kind bereiteten Sie Ihren Eltern Schwierigkeiten. Der Merksatz dazu: Rebell als Kind und Reformer als Erwachsener.“ Emma atmete tief durch. Alles stimmte ganz genau. „Das ist mega, mega interessant!,“ ereiferte sich Emma.
„Darf ich fortfahren?“, fragte Antonia. Emma nickte. „Eine sinnvolle Behandlung beginnt bei Ihnen mit den Nerven.“ „Frau Talbach, darf ich Sie noch etwas fragen?“, meldete Emma sich. „Aber natürlich, Emma. Nur zu,“ ermutigte sie Antonia. „Mit den Nerven, das hat noch keiner zu mir gesagt. Ich wirke auf die Menschen normalerweise robust. Jeder packt mir gerne zusätzlich noch ein paar Dinge auf die Schultern... Geht das mit den Nerven ausschließlich aus den Zahlen des Geburtsdatums hervor?“ „Nein Emma. Ihr Haar zeigt das gleiche an. Sie tragen viele zarte Antennen auf dem Kopf. Hinzu kommen Ihre feinen Augenbrauen und die dunklen Schatten unter Ihren Augen bestätigen das ebenfalls.“ „Aha,“ räusperte sich Emma. „Ganz wichtig für Sie, Emma: Sie besitzen neben Ihrem Verstand gleichermaßen Intuition, weshalb Sie bei wichtigen Entscheidungen sowohl ihren Verstand, als auch Ihre innere Wahrnehmung wichtig nehmen sollten. Nur wenn beide – Intellekt und Intuition auf ein Ergebnis kommen – ist die Entscheidung richtig.“ „Das muss ich jetzt aber glauben?“, fragte Emma keck. „Hat denn bislang etwas nicht gestimmt?“, wollte Antonia von ihr wissen. „Kann ich so nicht sagen.“
„Die Auslegung sollte logischerweise vollständig stimmen, ansonsten ist Ihr Geburtsdatum falsch. Hier sind wir nicht in der Kirche. Die ist für Glaubensfragen zuständig. Wir wenden ausnahmslos Methoden an, die auf Erfahrung beruhen und jeder nachvollziehen kann, der sie erlernt hat.“ „So habe ich das nicht gemeint...,“ antwortete Emma klein laut. „Für heute dienen mir diese Fakten als Einstieg in unser Einstellungsgespräch. Bei einem Patienten schaue ich Gesicht und Körperbau genauer an. Zusätzlich veranlasse ich ein Blutbild mit speziellen Einzelwerten und einen Urinbefund. Nach Auswertung von Blut und Urin bearbeite ich einen Fragenkatalog zur aktuellen Befindlichkeit, um ein qualifiziertes Beratungsgespräch zu führen.“ Emma rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Mein Doktor war ja schon verrückt, aber das hier ist schlicht die Härte! Wie kann ich das lernen, was muss ich lesen, welche Seminare soll ich besuchen, um so etwas auch zu können?“, wollte Emma wissen. Antonia lachte herzlich. „Das ist interessant. Sie erinnern mich an eine Geschichte aus meiner Vergangenheit, Emma. Übrigens, ich brauche jetzt einen Tee. Möchten Sie auch eine Tasse?“ Emma bejahte und Antonia schenkte ihnen beiden ein. „Vor einigen Jahren bin ich zu einem Kurzurlaub an den Achensee gefahren. Es war Winter, bitter kalt und ungemütlich. Durch diese Eisesskälte draußen hatte ich auf rein gar nichts Lust. Schon gar nicht auf Sport oder ähnliches. Deshalb war ich hoch erfreut, als mir ein hübsch aufgemachter Prospekt einer Schönheitsfarm aus dem Nachbarort in die Hände fiel. Ich stellte mir vor, wie schön es sein müsse, mich mit wohlriechenden Essenzen von Kopf bis Fuß verwöhnen zu lassen und eine Tasse heißen dampfenden Kräutertee zu trinken. Kurz entschlossen rief ich dort an und hatte Glück. Mein Termin war bereits am nächsten Tag.
Die Kosmetikerin hieß damals Petra. Sie verstand ihr Handwerk und bald schon schnurrte ich unter ihren Händen wie ein kleines eingerolltes Kätzchen. Ich fühlte mich richtig wohl. Der Behandlungstermin verlief harmonisch, wir plauderten ungezwungen und lachten herzlich miteinander. Irgendwann fragte sie mich nach meinem Beruf. „Ich bin Heilpraktikerin,“ antwortete ich wahrheitsgemäß. „So eine Art Kräuterhexe mit schwarzer Katze auf der Schulter?“, fragte Petra spitzbübisch. „Na, ja,“ habe ich lachend geantwortet. Einige Menschen halten meine Arbeit wahrscheinlich schon für eine Art Hexerei. Manchmal kenne ich meinen Patienten gar nicht und ich arbeite ausschließlich mit einem Foto von ihm. Oder ein Patient erlebt den Praxisbesuch auf folgende Weise: Ich nehme die Personalien auf und notiere sein Anliegen. In diesem Fall plagen diesen Patienten beispielsweise immer öfter und in immer kürzeren Abständen wiederkehrende Kniebeschwerden, die ihm zu schaffen machen. Ich behandle nicht zuerst sein Knie, sondern ich mache ein Foto von ihm und schicke ihn erst einmal ins Wartezimmer zurück. Ich teste derweil in Ruhe den energetischen Status aus. Wenn ich den Patienten wieder hereinhole, ist er erstaunt, wenn ich ihm sage, dass seine Schmerzen am Knie an seiner Magenschwäche liegen. Ich zeige diesem Patienten an einer großen Schautafel den Verlauf des Magenmeridians – der auch über das Knie führt - und erkläre ihm, dass ausschließlich eine ursächliche Behandlung seines schwachen Magens zur Ausheilung seines Knies führen kann.“
„Da kann man so ohne weiteres wirklich nicht drauf kommen. Ist ja hoch spannend! Man merkt, sie mögen Ihren Beruf!“ „Das ist fast richtig, Petra. Ich mag ihn nicht nur, ich liebe meinen Beruf. Er bietet viele Möglichkeiten, einem Menschen Hilfe zukommen zu lassen - wenn er diese Hilfe zulässt. Vielleicht kennen Sie den Begriff Reflexzonen. Davon sind die bekanntesten an Füßen und Ohren. Man kann solche Zeichen ebenfalls in den Händen, am Rücken und am Kopf finden. Ich lese besonders gern in einem Gesicht. Auch hier gibt es klar angeordnete Zonen. 'Können Sie vielleicht etwas zu mir sagen?,' hat Petra damals gebettelt. Ich habe den Stern gemalt, ihre Geburtszahlen und deren Quersumme eingetragen, Petra angeschaut, etwas nachgedacht und ihr anschließend etwas zu ihren Gewohnheiten, ihrer leichten Verletzlichkeit und ihrem Naturell gesagt. Ich erinnere mich noch genau, dass ich ihr geraten habe, ihre Gefühle immer wichtig und ernst zu nehmen. 'Wie kann ich das lernen, was muss ich lesen und welche Seminare soll ich besuchen, um so etwas auch zu können?,' hat mich damals Petra gefragt. Ich antwortete: 'Sie studieren die Methode der vier Charaktere, machen sich mit der Bedeutung der vier Elemente vertraut, lesen sich in die Fünf-Elemente der Chinesen und die Typenlehre ein, studieren Antlitzdiagnostik, lernen Blut und Urin auszuwerten, schulen Ihre mantischen Fähigkeiten ...' Petra schaute mich mit ihren schönen Augen erstaunt an und ich musste erst einmal tief durch atmen. Dann fuhr ich fort: 'Zum Schluss, liebe Petra, packen Sie die Systeme wie ein Raster übereinander und finden heraus, was gerade für den Patienten, der da vertrauensvoll vor Ihnen sitzt, richtig ist.'“ Emma saß ruhig auf ihrem Stuhl und schaute Antonia groß an. „Kommt Ihnen da vielleicht etwas bekannt vor, Emma?“
*
Emma wurde tatsächlich die Neue. Das war inzwischen schon drei Monate her. Ihre neue Chefin Antonia saß gerade genervt in ihrem Büro über der allmonatlichen Abrechnung. Das bedeutete für sie und ihre Kollegen, dass alle normalerweise auf leisen Sohlen an ihrer Chefin vorbei schlichen. Deshalb schaute Antonia sie über ihre Brille hinweg verwundert und erstaunt an, als sie nach leisem Klopfen, ohne ein Herein abzuwarten, ins Zimmer trat. „Ich weiß, dass Sie insbesondere an so einem Tag nicht gestört werden wollen. Aber es pressiert wirklich. Meine Freundin ist in großer Not. Ich wollte Sie fragen, ob Sie ihr hier in der Praxis helfen können.“ Emma verhaspelte sich in ihrer Erregung gleich ein paar Mal und musste husten. „Maria-Julia kommt aus Kuba und ist eine gute Freundin von mir. Eine tolle, vor Kraft strotzende Frau, ursprünglich. Eine chice gepflegte Erscheinung. Aber so was von fix und fertig! Absolut platt! Ich kenne sie nur mit von Natur aus gebräuntem Teint. Jetzt sieht sie fahl und faltig aus. Und das mit vierzig! Maria-Julia hat einen Macho als Mann, der keinen Handschlag zu Hause macht, eine Schwiegermutter im Heim und zwei rotzfreche Weiber, ich meine Töchter, die meiner Freundin richtig zusetzen. Zusätzlich das große Haus mit einem Riesengarten. Ich hab ihr immer schon gesagt, dass sie sich viel zu viel zumutet. Sie wollte nicht auf mich hören. Meine Freundin ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, so was von ausgebrannt, genervt und sie wirkt so durchscheinend und hilflos... Ich möchte, dass sie Hilfe bekommt. Glauben Sie, dass Maria-Julia das ohne Psychopharmaka schaffen kann? Diesen Vorschlag hat ihr ihr Hausarzt gemacht. Chefin, Sie sind mir bitte nicht böse, dass ich Sie von der Arbeit abgehalten habe?“
„Emma, es ist okay. Ich denke, ich sollte ihre Freundin in Augenschein nehmen. Wenn sie es wünscht, machen Sie bitte einen Termin aus.“ „Ich habe mir gedacht, dass Sie ihr helfen werden und ihr für nächsten Donnerstag einen Termin gegeben“. „Wie ist das möglich? Bei unserer Warteliste?“ „Ich habe ein wenig getrickst,“ gab Emma zu. Antonia musterte sie scharf, Emma zuckte kurz zusammen und begann erneut zu husten. „Ich lasse Ihnen das durchgehen,“ sagte Antonia ernst. „Ich habe das Gefühl, dass dieser Termin richtig und wichtig ist. Das nächste Mal entscheiden wir solche Dinge bitte gemeinsam!“ „Ich weiß gar nicht, was mich geritten hat. Es ist einfach mit mir durchgegangen und ich weiß, das musste so sein,“ versuchte Emma das Geschehene wieder hinzu biegen. „Ja, ja, aber jetzt ist Schluss.“ Damit winkte sie Emma mit einer Handbewegung hinaus.
Auf Kuba kommen die Gäste unangemeldet über den Tag verteilt, um zu gratulieren. Jeder ist willkommen. In Deutschland ticken die Uhren anders, da weiß man, wer wann zum Geburtstag kommt. Etliche Gäste haben sich angesagt. Ich spüre in mich hinein und lächele. Ja, ich freue mich auf meine Feier mit Familie und Freunden! Ich erinnere mich an meinen Geburtstag im vorangegangenen Jahr. Ich spitze meinen Mund, nicke und seufze. Ja, letztes Jahr war alles trist und grau. Stephan hatte mich nur schwer überreden können, mit ihm in ein kleines Café zu gehen. Wie war der Name? Ich erinnere mich nicht mehr. Das macht gar nichts, beschließe ich. Ja, dieses Jahr fühlt sich mein Geburtstag wieder an wie in alten Zeiten... Emma sei Dank!!! Überraschend hat sich ein besonderer Gast angemeldet: Angelo. Er kommt geradewegs aus Amerika und will seine Verwandten in Deutschland besuchen, um danach in sein Heimatland Italien zu reisen. Genauer gesagt nach Sizilien. Seinerzeit war er zu Besuch auf Kuba gewesen. Mein damaliger Freund Roberto und ich waren über viele Woche lang mit ihm quer durchs Land gereist... Ich dachte gern an diese Zeit zurück. Alles ging damals wahnsinnig schnell. Kurz nach seiner Abreise lernte ich Stephan kennen. Ich verliebte mich Hals über Kopf in ihn, entlobte mich von Roberto und bald darauf heiratete ich Stephan. Roberto wiederum hatte der Blitz auf meiner Hochzeitsfeier getroffen, als er die jüngere Schwester von Stephan sah, Nicole. Die beiden waren inzwischen ebenfalls ein Paar. Verrückt! Angelo hatte immer mal wieder angerufen. Es war seinerzeit schwierig gewesen, aus dem Ausland Telefonate zu erhalten. Aber irgend wie hatte der dunkelhaarige drahtige Kerl das immer mal wieder hin gekriegt. Angelo war inzwischen Ehemann und stolzer Vater einer Tochter und eines Sohnes. Ich freute mich, ihn heute wiederzusehen und Neuigkeiten auszutauschen.
Mein Blick fällt auf meinen Schlafanzug. Ich seufze und mache mich auf den Weg. Im ersten Stock setze ich mich vor meinen großen Spiegel im Ankleidezimmer und betrachte voller Freude meinen neuen herrlichen Chiffonschal von Omi Hilde, meiner Schwiegermutter, der malerisch über meinem matt glänzenden schwarzen Schlafanzug zu schweben scheint. Während ich mich zufrieden im Spiegel betrachte, kommt mir meine Freundin Emma in den Sinn. Emmas Initiative war es zu verdanken, dass ich wieder lachte. Ich hatte in relativ kurzer Zeit gelernt, mich abzugrenzen und meine Bedürfnisse und Wünsche wichtig und ernst zu nehmen, kurzum meinen Weg zu gehen... Dieses Jahr in der Naturheilpraxis hat mich gelehrt, dass ich mein Leben gleichermaßen als Akteur, Publikum und Regisseur erlebe. Ich fühlte mich wie neugeboren. Wie war das gleich? Meine Stirn kräuselt sich. Ich erinnere mich...
Ich sitze allein im Wartezimmer. Es ist später Nachmittag. Ich habe mich zart geschminkt. Trotzdem gefällt mir das Ergebnis nicht. Meine Haut wirkt trotz vieler Tricks leblos, trocken und zerknittert. Furchtbar! Viele kleine Längsfältchen laufen über meine Wangen. Die dunkel unterschatteten Augen liegen in tiefen Höhlen, unter den Augen beuteln sich kleine Tränensäcke. Emma erscheint. Wir umarmen uns. Sie führt mich in einen hellen, freundlichen Raum. Ihre Chefin erwartet mich bereits. Emma gibt ihr eine schon vorbereitete Karteikarte von mir. „Herzlich Willkommen, Frau Winter. Schön, dass Sie zu uns gefunden haben!“, begrüßt Antonia mich freundlich. „Emma wollte schon lange, dass ich diesen Schritt in ihre Naturheilpraxis mache. Aber irgendwie habe ich immer wieder gezögert und jetzt kann ich nicht mehr.“ Ich schaue mich unsicher um. „Frau Winter, alles bleibt ausnahmslos in diesen vier Wänden... Entschuldigen Sie bitte die Bemerkung, die jetzt folgt. Ich bewundere Ihr hübsches Kinn!“ Antonia strahlt mich an. Ich schaue etwas verunsichert drein. „Ihr Kinn zeigt einen ausgeprägten Sinn für Humor und Frohsinn...“ „Früher stimmte das. Ich habe oft die Stimmung gerettet und viel gelacht. Das ist vorbei...“ Ich schaue traurig zu Boden. „Heute ist ein Neuanfang! Das wünschen Sie sich doch?“ Ich nicke. „Ja, deshalb bin ich gekommen. Sie haben mich neugierig gemacht, Frau Talbach. Können Sie bitte noch etwas sagen, was Sie in meinem Gesicht erkennen können?“
„Beispielsweise, dass Sie ein Gefühlsnaturell sind.“ Ich staune Antonia an. „Frau Winter, Sie vereinbarten diesen Termin aus einem bestimmten Grund, nehme ich an. Welche Beschwerden quälen Sie?“ Antonia schaut mich eindringlich an. „Ich fühle mich schwach, bin schrecklich nervös, kann mich schlecht konzentrieren, habe oft Kopfschmerzen und nachts finde ich keinen Schlaf mehr. Jetzt habe ich schon seit vier Tagen nicht mehr geschlafen.“ „Wie hat das angefangen?“, will Antonia wissen. „Schon seit langer Zeit konnte ich schlecht einschlafen und fühlte mich morgens wie gerädert.“ Tränen laufen über mein Gesicht. Ich kann nichts dagegen machen. „Was mache ich mit Ihnen, Frau Winter? Ihre Hände zittern?“ Antonia schaut mich besorgt an. „Ja, seit kurzem“, schluchze ich. „Aha. Erst einmal: Schlaf ist wichtig, Ausschlafen ist ganz wichtig. Ich teste gleich einmal aus, was ich Ihnen zur Stärkung als Spritze verabreichen kann.“ „Machen Sie nur alles, wenn es mir gut tut.“ Antonia stellt drei Varianten von Mitteln zusammen, die zu mir passen. Sie wählt 'Infi China', ein homöopathisches Komplexmittel, als Ampulle zur Stärkung für mich aus. „Bitte einmal den Popo...“ Ich kenne solche Spritzen von früher. Ich stelle mich fest auf ein Bein und warte auf den Einstich. „Fertig“, höre ich nur. „Tatsächlich? Ich habe gar nichts gemerkt“, wundere ich mich. „Jetzt noch einen Klapps auf den Po, um die Wirkstoffe im Gewebe zu verteilen...“ Das spürte ich hingegen deutlich. „Aha.“ Ich ziehe mein Höschen in Form.
„Habe ich das richtig verstanden, dass Sie schlecht bis gar nicht schlafen können?“, will Antonia wissen. „Ja, bis neulich bin ich meistens schlecht eingeschlafen und habe mich im Bett gewälzt. Zu viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf... Ich habe mir Lektüre ans Bett gelegt, um mich müde zu lesen. Aber seit vier Tagen habe ich überhaupt kein Auge mehr zu getan. Ich bin völlig fix und foxi, wie Emma das ausdrücken würde. Nur, wenn ich mich im Freien aufhalte oder im Freien umher gehe, fühle ich mich besser.“ „Danke für das Stichwort. Ich nehme an, dass ich Ihnen helfen kann. Ich hole Ihnen aus dem Nachbarzimmer ein paar Globuli.“ Antonia verschwindet kurz im Nebenzimmer, kommt zurück und sagt: „Ich habe für Sie 'Pulsatilla' ausgesucht. Sie gibt mir einige Kügelchen. „Bitte im Mund zergehen lassen.“ Ich gehorche. „Dieses homöopathische Mittel wirkt zwar nicht wie eine übliche Schaftablette. Es reguliert vielmehr den gestörten Schlaf- und Wachrhythmus. Mit etwas Glück schlafen Sie dieses Wochenende.“
„Können Sie morgen früh um 8:00 Uhr nüchtern zur Blutentnahme und Sonnabend Nachmittag um 16:00 Uhr wiederkommen? Am Sonnabend kommen meistens Patienten aus Orten, die weiter entfernt sind... Einer dieser Patienten ist Sonnabend ausgefallen. Den Termin können Sie übernehmen - wenn Sie mögen?“ „Welch ein glücklicher Zufall. Ja, das geht in Ordnung. Schön, dass es klappt.“ „Sie glauben an Zufälle?“ „Wenn ich meiner Gänsehaut vertraue, nicht wirklich.“ Antonia und ich lächeln. „Frau Winter, ich habe noch einen Tipp für Sie. Essen Sie bitte vor dem Zubettgehen zwei kleine Biobananen. Diese leicht verdaulichen Früchte enthalten viel Magnesium und Tryptophan. Magnesium entspannt die Muskeln und die Aminosäure Tryptophan ist eine Vorstufe von Melatonin, einem Schlafhormon, das als Jungbrunnen bekannt ist.“ „Das probiere ich gerne aus. Danke.“
„Frau Winter, das Behandlungskonzept beginnt mit einem aktuellen Blutbild bestehend aus neununddreißig Parametern. Bitte vor der Blutentnahme ab 20.00 Uhr heute Abend nichts mehr essen und trinken - außer Wasser. Morgen früh 'keinen' Kaffee trinken. Bringen Sie zusätzlich Ihren Nüchternurin mit. Emma gibt Ihnen einen Plastikbecher.“ „Bitte, ein Frühstück mitbringen. Das nehmen Sie nach der Blutentnahme zu sich. Leckeren warmen Kräutertee zum Frühstück bekommen Sie hier in der Heilpraxis. Frühstücken muss sein! Ihr Gefährt braucht Treibstoff! Damit meine ich Ihren Körper.“ Ich registriere, dass ein Frühstück besonders wichtig sein muss. „Mir ist wichtig, dass Sie etwas zu sich nehmen, damit Sie nicht unter zuckern. Zu gegebener Zeit halte ich Ihnen zu diesem Thema einen Vortrag.“ Ich frage nach. „Reicht ein belegtes Brötchen?“ Antonia nickt. „Wir machen nach zwei Monaten erneut ein Blutbild - zum Vergleich. Damit ergibt sich eine offizielle gedruckte Aussage für uns beide... Gezielte Anwendungen in der Praxis - verbunden mit ihrer aktiven Mitarbeit zu Hause - verbessern ihr Blutbild, ihre Befindlichkeit, ihre Stimmung sowie ihr Aussehen. Dafür lohnt sich der Aufwand, nicht wahr?“ Ein kleines Lächeln umspielt meinen akkurat konturierten rot geschminkten Mund. „Das stimmt, Frau Talbach. Blut und Blutwerte sind besonders wichtig?“ Antonia nickt. „Blut ist in der Tat sehr wichtig! Das Blut transportiert und versorgt über feinste Gefäße - die Kapillaren – die Zellen. Wir werten die Blutwerte beider Blutentnahmen aus und vergleichen sie miteinander. Ich nicke und atme tief durch. „Frau Winter, ich möchte Sie jetzt nach Hause schicken. Vielleicht ruhen Sie sich ein wenig aus?“ Emma wartet bereits an der Tür auf mich. „Ich soll morgen zur Blutentnahme wiederkommen.“ Emma nickt. „Maria-Julia, das trifft sich gut. Morgen habe ich Dienst. Heute solltest Du bitte sofort ins Bettchen! Frage: Kommst Du allein nach hause oder soll ich Dich bringen?“ Ich lächele. „Emma, danke für Dein Angebot. Stephan wartet draußen auf mich.“ Emma reicht mir einen Zettel. „Maria-Julia, ich habe einen tollen Spruch für Dich!“ Ich lese: Ab jetzt bin ich aufmerksam, achtsam und liebevoll zu mir!
Freitag Morgen erscheine ich nüchtern zur Blutentnahme. Ich habe meinen Nüchternurin mitgebracht, damit er ebenfalls analysiert werden kann. Antonia kommt mir entgegen, nimmt und begrüßt mich. „Ihre Hände sind eiskalt! Ihre Durchblutung stimmt nicht. Seit wann haben Sie kalte Hände, Frau Winter?“ Ich überlege kurz. „Drei, vier Jahre vielleicht... Vor der Blutentnahme fürchte ich mich ein wenig. Beim Blutspenden letztes Jahr hatte ich wegen meiner schlechten Venen ganz blaue Arme nach der Blutentnahme.“ Antonia begleitet mich in einen Behandlungsraum. „Frau Winter, ich erledige kurz etwas.“ Mit diesen Worten verschwindet Antonia kurz und kommt mit einer Wärmflasche zurück. Diese legt sie auf meinen Arm. „Damit geht es für uns beide gleich leichter!“ Nach zirka zehn Minuten kontrolliert sie meine Hände und Arme.„Die Durchblutung ist angeregt. Ich werde jetzt Blut abnehmen.“Das geht reibungslos. Antonia lächelt mich an. „Die Wärmflasche hat Ihnen gut getan! Jetzt wartet Ihr Frühstück auf Sie. Guten Appetit!“ Nach einer Weile schaut Antonia wieder nach mir. „Frau Winter, darf ich stören und Sie etwas fragen?“ Ich nicke, mümmele mein belegtes Croissant und nehme einen Schluck des heiß dampfenden Tees. „Wie wäre es damit? Frau Winter, haben Sie Lust, dass wir hier und jetzt etwas zur Stärkung Ihrer Nerven tun?“ Ich finde das prinzipiell gut. „Kann ich dabei liegen bleiben und mich ausruhen?“ Antonia lächelt. „Demnächst – wenn Sie eine Infusion bekommen - können Sie generell liegen bleiben. Das wird Ihrer Leber gut tun. Die Leber erholt sich ausschließlich im Liegen. Heute mache ich Ihnen zuerst eine Spritze für Ihr Nervenkostüm in Ihren Po und danach können Sie sich ein wenig ausruhen.“ Ich bin erstaunt. „Das mit der Leber im Liegen ist mir ganz neu. Was bekomme ich heute Gutes?“ Antonia überlegt nicht, sondern antwortet prompt: „Eine Kombination von Hevert: 'Vitamin B12 und Folsäure'.“ Ich bin neugierig. „Was bewirkt diese Kombination?“ Antonia räuspert sich.„Sämtliche B-Vitamine unterstützen viele wichtige Stoffwechselprozesse. Sie sind insbesondere notwendig, damit das Nervensystem seine Funktionen optimal erfüllen kann. Wenn sich Patienten schwach fühlen, vergesslich sind oder sich schlecht konzentrieren können, ist das ein Mangel an B-Vitaminen und Magnesium.“ Ich beschließe, mir das zu merken und gleich nach der Spritze aufzuschreiben. Antonia zieht zügig meine Spritze auf.
„Heute bekommen Sie diese B-Kombination intramuskulär gespritzt. Das nächste Mal bekommen Sie eine Infusion für die Nerven mit dem Wirkstoff 'Cholin'.“ Mir schwirrt etwas der Kopf. „Was macht dieses Cholin?“ Ich wundere mich, was mir alles unbekannt ist und schaue Antonia groß an. „Cholin, die frühere Bezeichnung dafür war Vitamin B4, hilft Ihrem Vegetativum wieder ins Lot zu kommen. Jetzt bekommen Sie zuerst einmal die Spritze. Wenn Sie so lieb wären, mir ein wenig Po zu gönnen?“ Wir beide müssen lachen. Ich bekomme die Spritze und danach den mir bekannten Klapps auf den Po. „Um die Wirkstoffe im Gewebe zu verteilen“, sage ich laut und ziehe mein Höschen wieder in Form. „Sehr gut!“, Frau Winter. Sie bleiben ein wenig hier und ruhen sich aus?“ Ich nehme das Angebot gern an. „Zehn Minuten Ruhe werden mir gut tun.“ Antonia schaltet die Musikanlage mit leichter Entspannungsmusik ein. „Ist diese Musik für Sie angenehm?“ Ich nicke, fühle mich plötzlich todmüde und schließe meine Augen. „Bitte entspannen Sie sich.“ Antonia legt mir eine Wärmflasche an meine eiskalten Füße und hüllt mich in eine Decke. Ich blicke noch einmal kurz auf und bemerke, dass es eine rosa Decke ist. Ich seufze noch einmal und bin anschließend wohl eingenickt. Nach einer Weile wache ich von einem Räuspern auf. Emma steht vor mir. „Die zehn Minuten haben mir gut getan.“ Emma grinst. „Deine zehn Minuten sind eine gute halbe Stunde geworden, liebe Maria-Julia. Du hast richtig Farbe bekommen!“Emma berührt meine Wangen, Hände und Füße. „Die Wärmflasche war wohl richtig. Alles fühlbar warm. Irgendwas haben wir richtig gemacht!“ Sie hat recht. „Emma, ich fühle mich gut. Nein, das ist zu wenig. Ich fühle mich sehr gut!“ Emma strahlt.
„Schön, das von Dir zu hören, Maria-Julia. Habt ihr die nächsten Termine vereinbart?“ Ich schüttele den Kopf. „Jein. Ich komme morgen früh zur Blutentnahme sowie Samstag Nachmittag zur Behandlung.“ Emma schaut mich fragend an. „Soll ich Dir vielleicht für morgen etwas mitgeben, Maria-Julia?“ Ich erinnere mich. „Bitte, gib mir einen Becher für meinen Urin mit, Emma!“ Emma grinst. „Klappt doch! Ich wette, Du hast Schwermetalle im Urin!“ Ich bin verunsichert. „Das wird sich herausstellen. Erfreulich ist in jedem Fall, dass ich den Termin von einem Patienten übernehmen kann, der ausgefallen ist. Ich möchte Folgetermine mit Deiner Chefin vereinbaren. Geht das?“ Emma nickt. „Ich schaue einmal kurz nach.“ Emma verschwindet und kommt mit Antonia und dem Anmeldebuch zurück.
Antonia lächelt mich an. „Frau Winter, wie fühlen Sie sich?“ Ich räuspere mich kurz. „Frau Talbach, ich sagte bereits Emma, dass ich mich augenblicklich sehr wohl fühle. Was schlagen Sie vor? Wie oft sollte ich wiederkommen?“ Antonia überlegt eine kurze Weile. „Wenn Blut und Urin sowie die Fragebogen zur Befindlichkeit ausgewertet sind, kann ich Ihre Frage präzise beantworten. Erfahrungsgemäß empfehle ich eine Kur mit jeweils drei Terminen pro Woche. Der Einfachheit halber immer zur gleichen Zeit. Frau Winter, ab wann könnten Sie mit den Terminen dreimal die Woche beginnen?“ Die Antwort fällt mir leicht. „Ich könnte in der nächsten Woche starten. Ich halte mich an einen Spruch, den mir Emma gestern zugesteckt hat. 'Ab jetzt bin ich aufmerksam, achtsam und liebevoll zu mir!' Antonia wendet sich Emma zu. „Gut gemacht, Emma!“ Emma errötet leicht und verschwindet ins Nebenzimmer. Antonia schaut auf den Terminplan.„Mein Vorschlag zu den Folgeterminen ist jeweils Montag, Mittwoch und Freitag, generell um 11:30 Uhr?“ Ich nicke. „Das trifft sich gut. Dann kann ich hinterher mit Emma einen Kaffee trinken gehen.“ Antonia lächelt. „Wir sehen uns morgen Nachmittag wieder.“
„Frau Winter, wie fühlen Sie sich heute nach der Behandlung?“ Ich überlege nicht lange. „Wunderbar. Genau wie gestern habe ich die Zeit genossen. Drei Worte fallen mir dazu ein: Ruhig, warm und angenehm. Ich fühle mich wohl und behaglich, sogar kraftvoller als zuvor.“ Antonia sieht mich freundlich an. „Mögen Sie eine Tasse Kräutertee mit trinken, Frau Winter?“ Ich nicke. „Gerne, Frau Talbach.“ Antonia scheint sich zu freuen, dass es mir gut geht. „Frau Winter, ich habe eine Bitte an Sie: Nutzen Sie den Aufbau Ihres Körpers weise. Starke körperliche Anstrengung ist in den nächsten vier Wochen tabu. Ruhen Sie sich aus, selbst wenn Sie meinen, sich fit zu fühlen. Diese neu erworbene Kraft fühlt sich zwar richtig gut an, ist allerdings eine 'ausgeliehene' Kraft. Diese Kraftquelle ist ausschließlich zur Erholung Ihres Körpers gedacht!“ Ich bin erstaunt. „Sie meinen, ich soll mich schonen, um mich nicht sofort wieder zu verausgaben?“ Antonia nickt. „Richtig. Ihr Körper benötigt Ruhe zur Regeneration. Ein Auspowern der vermeintlich neuen Stärke wirft Sie zurück und alles wird deutlich schlimmer, als es zur Zeit ist.“ Ich hatte mir bereits zu hause meine Gedanken gemacht, atme tief durch und schaue Antonia direkt an. „Eine Auszeit wäre gut, nicht wahr?“ Ich kenne die Antwort. „Ja. Sehr gut sogar, Frau Winter. Es braucht Zeit, seinen inneren Rhythmus zu finden...“ Es klopft kurz und Emma kommt herein. „Störe ich gerade?“ Emma schaut Antonia unsicher an. „Jein. Vielleicht warten Sie demnächst ein kurzes Ja ab, bevor Sie hereinstürmen?“
Emma errötet leicht. „Tut mir leid, Chefin!“ Antonia seufzt kurz auf. „Frau Winter, ist es Ihnen recht, wenn Emma bei unserem Gespräch mit dabei ist?“ Ich nicke. „Emma ist meine Freundin. Sie kennt mein Leben.“ Emma strahlt. „Sie haben Ihre Freundin gehört, Emma. Möchten Sie bei diesem Gespräch mit dabei sein?“ Emma nickt und nimmt Platz. „Gerne, Chefin.“ Antonia fährt fort. „Grundvoraussetzung, damit ein Körper gut funktioniert, stellt eine solide Wärme dar. Diese Wärme ist äußerst wichtig. Erkältung kommt von kalt. Zugluft oder kalte Füße reizen die Blase und begünstigen eine Infektion. Bekanntlich ist Vorbeugen besser als Heilen.“ Emma meldet sich zu Wort. „Gibt es vielleicht ein Mittel, das man unterstützend einnehmen kann?“ Antonia überlegt kurz. „Ja, einen beerenstarken Schutz sozusagen. Die Kranichbeere ist ein Heidegewächs und nennt sich englisch Cranberry. Diese Beere in Kombination mit Kürbiskernen stärkt die Blasenmuskulatur.“ Emma hüstelt. „Chefin, ich weiß noch etwas zu den Beeren. Darf ich?“ Antonia nickt Emma aufmunternd zu. „War ein Beitrag im Fernsehen. Seither weiß ich, dass es eine 'ungeteilte' Frucht aus dem Bioanbau sein muss.“ Antonia schaut Emma interessiert an. Ich will es genauer wissen. „Sagtest Du ungeteilt?“ Emma nickt. „Ja wohl! Die großen Betriebe teilen die Beeren, entziehen ihnen ihren Saft, um ihn mit stark gezuckertem Sirup aus derselben Beere - die ursprünglich eher sauer schmeckt - oder anderen Früchten 'umzufruchten'. Danach schmeckt die Cranberry süß oder nach Kirsche, Blaubeere oder etwas, was gerade gewünscht wird. Übrigens ist 'Umfruchten' nicht ein unmöglicher Ausdruck? Das sollte man zum Unwort des Jahres erklären!“ Das finde ich auch.
„Eine Nachfrage, Emma. Als Endverbraucher kannst Du wirklich nicht heraus schmecken, ob das Produkt aus Kirsche besteht?“ Emma ist zart errötet und nickt. „Maria-Julia, Du hast es erfasst. Du meinst, Kirschen zu schmecken. Aber wenn Du die Brille dabei hast, kannst Du in der klitzeklein gedruckten Inhaltsangabe nachlesen, dass eventuell nur ein Prozent Kirschen drin ist. Ansonsten eben Cranberries.“ „Warum wird das so gemacht?“ Emma hebt ihre Schultern. „Diese Beeren sind schlicht billiger...“ „Claro. Es ist erstaunlich, auf welche interessanten Informationen Du immer wieder stößt. Emma, Du bist ein erstaunliches Geschöpf...“ Emma räuspert sich. „Maria-Julia, das hast Du hübsch formuliert. Ich bin ganz normal, jedoch allseitig interessiert und gehöre keinem Geheimzirkel an. Das muss hier mal gesagt werden!“ Antonia räuspert sich.
„Bitte kehren wir zu unserem heutigen Thema zurück. Es geht darum, die Wärme des Körpers zu bewahren. Frau Winter fragte nach, ob es neben vorbeugenden Maßnahmen eventuell vorbeugende Mittel gibt.“ Ich melde mich zu Wort. „Frau Talbach, bis vor kurzem hatte ich mit meiner Blase noch keine Last. Zur Zeit allerdings merke ich sofort, wenn ich kalt werde.“ Antonia nickt. „Frau Winter, von einer empfindlichen Blase bis zu einer Harnwegsinfektion ist es nicht weit. Dieselbe ist verbunden mit unangenehmem, ständigem Harndrang, der anstelle einer erleichternden Blasenentleerung lediglich ein paar Tropfen Urin folgen, verbunden mit einem starken Brennen. Um einer Harnwegsinfektion vorzubeugen, sollten Sie als Blasenspülung 'von oben' reichlich warmes Wasser trinken - so lange die Empfindlichkeit besteht. Hierdurch verringert sich das Risiko, dass sich in der Blase Bakterien festsetzen. Weiterhin rate ich Ihnen, sich bei kühlen Temperaturen warm anzuziehen. Kalte Füße sind strengstens verboten! Ich empfehle, warme Sohlen in Schuhe einzulegen und/oder Strümpfe aus einem wärmenden Gemisch von Fasern zu tragen; Wollsocken sind Baumwollstrümpfen vorzuziehen.“ Ich nicke. „Ich habe nicht vermutet, dass ich meine Empfindlichkeit der Blase selbst provoziert habe. Ich laufe zu hause bis zum heutigen Gespräch fast ausnahmslos mit nackten Füßen herum...“ Emma meldet sich zu Wort.
„Unterkühlung ist bestimmt ebenfalls ein wichtiges Thema im Freibad! Ich habe oft schon beobachtet, dass gerade Frauen ihre feuchten Badesachen anbehalten. Besser wird es sein, feuchte Badesachen gleich nach dem Schwimmen abzulegen, nicht wahr, Chefin?“ Antonia stimmt Emma zu. „Durch das Verdunsten von Wasser entsteht Kälte. Verdunstungskälte liegt bei acht Grad Celsius. Derohalben gibt es Erkältungen des Unterleibs auch im Sommer. Um einer Unterkühlung Einhalt zu gebieten, ist genau diese Maßnahme wichtig, Emma. Herzlichen Dank für Ihre Wortmeldung. Eine andere Möglichkeit, eine Harnwegsinfektion zu bekommen ist gegeben, wenn jemand seinen Bus verpasst hat und im kalten Regen auf den nächsten Bus wartet.“ Ich nicke. „Ich denke, wenn Menschen kapieren, dass ihnen der Arsch ab friert ...“ Antonia sieht meine Freundin scharf an. „Emma!“ Emma nagt an ihrer Unterlippe. „Chefin, ich meinte lediglich, dass es interessant ist, dass Menschen, wenn ihnen klar wird was läuft, richtig reagieren...“
Antonia atmet tief durch. „Frau Winter, ich wiederhole mich. Sie sollten sich bei kühlem Wetter und insbesondere in der kälteren Jahreszeit warm ankleiden. Außerdem empfehle ich Ihnen, den Großteil Ihres Essens und der Getränke warm zu sich nehmen. Allerdings nicht aus der Mikrowelle.“ Ich bin erstaunt. „Frau Talbach, Sie meinen größtenteils warmes Essen und Trinken?“ Antonia nickt. „Ja, das meine ich. Warmes Essen und Trinken macht warm. Noch eine weitere Bitte an Sie. Sollte von einer Gemüsebeilage etwas übrig bleiben, bitte das Gemüse nicht aufwärmen. Verwenden Sie zum Beispiel ihren Gemüserest zimmer warm als Zutat für frisch gekochte Beilagen wie Nudeln, Reis oder Kartoffeln. Übrigens: Nudeln und Kartoffeln benötigen reichlich Meersalz ins Kochwasser. Kartoffeln sind besser verträglich, Nudeln schmecken ansonsten fade. Das kann kein Gewürz im Nachhinein wettmachen.“ Ich freue mich. „Das mit dem Meersalz ins Kochwasser von Nudeln und Kartoffeln habe ich instinktiv richtig gemacht!“ Antonia lächelt mich an. „Das freut mich, Frau Winter.“
Emma meldet sich zu Wort. „Eine Freundin von mir nimmt einen Topf zum Warmhalten mit ins Büro und dadurch isst sie mittags generell eine warme Mahlzeit.“ Eine gute Idee, finde ich. „Danke, Emma. Vor noch nicht langer Zeit nahmen Bergleute einen 'Henkelmann' mit, um ihr zu hause zubereitetes Essen am Arbeitsplatz warm einzunehmen. Ich verrate Ihnen eine erprobte einfache Möglichkeit, sich beispielsweise im Büro eine schmackhafte Suppe zuzubereiten. Sie benötigen vegetarische Gemüsebrühe, bereits fertig zubereitetes Gemüse, gekochten Vollreis und/oder Hülsenfrüchte und Gewürze. Am Arbeitsplatz wird heißes Wasser gekocht und darin je Teller ein Teelöffel vegetarische Gemüsebrühe aufgelöst. Dazu gegeben werden kleine Portionen von Resten des Gemüses plus einer kleinen Menge Vollreis oder Hülsenfrüchte. Zusammengestellt ergibt das eine schmackhafte Suppe. Abgeschmeckt wird mit Salz und Pfeffer, dazu kommt eventuell etwas frische Begrünung durch Petersilie, Koriander usw.. Petersilie – glatt oder kraus – hat einen hohen Gehalt an Kalium und stärkt Herz und Kreislauf. Außerdem werte ich die Suppe noch mit Hefeflocken auf, die ich über die Suppe streue.“ Emma hat eine Frage. „Ich meine zu wissen, Chefin, dass Hefeflocken Vitamin B enthalten und zusätzlich Eiweiß, nicht wahr?“ Antonia nickt. „Das ist richtig, Emma. Es entsteht eine kurze Pause.
„Chefin, ich darf bitte noch einmal wiederholen. Ich zaubere eine schmackhafte warme Suppe aus zimmer warmen Zutaten – es können auch Reste vom Vortag sein - und einer heißen Gemüsebrühe, die ich frisch im Büro zubereite. Das hilft mir, eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Richtig?“ Antonia nickt. „Genau, Emma. Für die Arbeitsstelle schlage ich gewöhnlich folgende Bevorratung vor: Meersalz, ein gutes Öl, Senf und Pfeffer für rotes oder weißes Fleisch sowie Meerrettich für Lachs. Ich lege meinen Patienten insbesondere frische Kräuter ans Herz. Frische Kräuter geben den Kick! Es schmeckt viel besser, wenn ein wenig Dill oder Koriander im Salat oder Gemüse verwendet werden.“ Ich bin begeistert. „Das werde ich meinen anderen Freundinnen erzählen!“ Als Antonia sich kurz die Nase putzt, kommt Anna-Maria ins Zimmer und flüstert ihrer Chefin etwas ins Ohr. „Nein, im Augenblick nicht, Anna-Maria. Ich erkläre gerade etwas Wichtiges.“ Anna-Maria verlässt den Raum. „Frau Winter, ich habe vorhin betont, dass es für Sie momentan wichtig ist, nur Warmes zu essen und zu trinken. Ich empfehle Ihnen außerdem, tierische Produkte mit Verdauungshilfen zu sich zu nehmen. Wie gerade angesprochen: Lachs mit Meerrettich, Fleisch mit Senf usw.“ Ich habe mir inzwischen reichlich Notizen gemacht. „Chefin, eine andere Frage. Weißes Fleisch ist doch besser als rotes, nicht wahr?“ Antonia sieht Emma an. „Sie meinen leichter verdaulich, Emma?“ Emma nickt. „Stimmt es auch, dass das weiße Fleisch weniger Säure hat, Chefin?“
Antonia schaut uns ernst an. „Richtig. Danke, Emma. Durch Ihre Nachfrage komme ich zu einem besonderen Anliegen. Oft stellt sich heraus, dass Patienten quasi vergessen, bei der Zusammenstellung Ihrer Mahlzeiten an Eiweiß zu denken. Es reicht absolut nicht, ausschließlich gesundes Gemüse mit Reis, Kartoffeln oder ausschließlich Salat zu essen. Gut verwertbares Eiweiß muss dazu gegessen werden, sonst stellt sich kurz nach dem Essen wieder Hunger ein. Essen Sie ab heute bitte pro Mahlzeit je eine Sorte unterschiedliches Eiweiß.“ Ich frage nach. „Muss ich das so verstehen, dass ich zu jeder Mahlzeit generell Eiweiß essen soll, allerdings generell verschiedene Sorten?“ Antonia nickt. „Frau Winter, genau so habe ich das gemeint. Werden zum Beispiel mehrere Fleischsorten zu einer Mahlzeit verzehrt, entstehen durch die unterschiedlichen biologischen Wertigkeiten der Eiweißsorten im Körper Probleme mit den Abbauprodukten, was zu einer Übersäuerung führt.“ Ich hake nach. „Frau Winter, ich entscheide mich bei jeder Mahlzeit für eine Sorte Fleisch?“ Ich bewundere inzwischen Antonias ruhige Art, auf unsere Fragen zu antworten. „Ja. Zu jeder Mahlzeit gehört Eiweiß, und zwar lediglich 'eine' Sorte davon. Das kann beispielsweise Fleisch oder Fisch sein. Wird das beachtet, entsteht keine Unterzuckerung und der Heißhunger bleibt aus. In den meisten Fällen wird Heißhunger tendenziell ungesund befriedigt...“
Emma platzt dazwischen. „Pudding-Vegetarier, Chefin?“ „Emma, Sie sagen es.“ seufzt Antonia „Bei Vegetariern kommt das häufig vor. Grünzeug allein macht nicht satt. Zum Verständnis: Unverarbeitete, also rohe Lebensmittel, enthalten jeweils in unterschiedlichen Mengen Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Die meisten Menschen allerdings essen nicht ausschließlich Frisches, sondern ebenfalls erwärmte Lebensmittel. Beim Erhitzen - wie Kochen, Braten, Frittieren usw. - tierischer Produkte wie Fleisch und Fisch, ergibt sich bei der Umwandlung in körpereigenes Eiweiß ein Verlust an Qualität. Das Eiweiß denaturiert und wird minderwertiger. Nur allerbestes Eiweiß ist in der Lage, unsere Nerven aufzubauen sowie optimal für den gesamten Körperaufbau zu sorgen.“ Emma hat ein weiteres Anliegen. „Wie ist das mit Katzen und Hunden? Was sollte man füttern? Meine Überlegung dahin gehend ist, dass ein wildes fleischfressendes Tier die Beute sofort frisst, nachdem sie erlegt wurde. Das ist frisch und sicher gutes Eiweiß, nicht wahr? Hunde und Katzen haben Reißzähne und keine Dosenöffner im Mund?“ Antonia lacht. „Emma, eine treffende Bemerkung! Des Menschen bester Freund sollte gutes Futter bekommen. Katzen und Hunde sind auf frische Nahrung angewiesen. Emma, Sie sind wahrhaftig eine Bereicherung. Zurück zum Thema. Gutes Eiweiß ist wichtig.“
Einen Moment herrscht Stille. Ich frage nach. „Was kann ich außer Fleisch und Fisch auf den Tisch bringen?“ Antonia schaut mich an. „Frau Winter, weitere tierische Produkte sind Eier, Käse wie Feta und Frischkäse oder Quark von Schaf oder Ziege.“ Hat Antonia etwas vergessen? „Und die Produkte aus Kuhmilch?“ „Die habe ich bewusst weggelassen. Wir reden in naher Zukunft ausführlich darüber.“ Emma meldet sich zu Wort. „Wie wäre es mit Tofu?“ Antonia nickt. „Gut, Emma. Pflanzliche Produkte wie Tofu oder Sojaquark wurden vor langer Zeit bereits von Mönchen gegessen, um die sexuelle Energie zu dämpfen...“ Ich muss lachen, Emma kichert. Antonia bleibt ernst. „Außer Soja gibt es etliche andere pflanzliche Quellen, die reich an verwertbarem guten Eiweiß sind. Meine Damen, welche könnten das sein?“
Ich melde mich zu Wort. „Frau Talbach, Hülsenfrüchte sind mir gerade eingefallen. Die gehören ebenfalls dazu, nicht wahr?“ Antonia nickt und beißt sich kurz auf die Unterlippe. „Richtig, Frau Winter. Sehr wichtig sogar. Hülsenfrüchte wie Kichererbsen, Linsen, rote Linsen, weiße, braune, schwarze Bohnen, Kidneybohnen, Limabohnen, Mungbohnennudeln... Hinzu kommen Haselnüsse, Walnüsse, Mandeln, Cashewkerne, Sonnenblumenkerne, Kürbiskerne oder blanchierte Sprossen von Alfalfa, Mungbohnen, Weizen oder anderem Getreide und und und. Übrigens: Alfalfasprossen sind reich an sekundären Pflanzenstoffen, die vor Entzündungen schützen können. Noch etwas: Im östlichen Kulturkreis werden zwei Pilze als besonders Eiweißreich gehandelt, nämlich Austernpilze und Shitakepilze.“ Eine kurze Pause entsteht.
„Hat mir viel gebracht gerade, Chefin. Dankeschön. Kurz darauf wendet sie sich mir zu. „Maria-Julia, hast Du alles mitgeschrieben?“ Ich nicke. „Chefin, seinerzeit fand ich Ihre Senfsprossen voll lecker. Die waren richtig gut scharf... Welchen besonderen Tofu habe ich mal von Ihnen probieren dürfen? Der war ebenfalls voll lecker.“ Antonia lächelt Emma an. „Sie meinen sicher den Räuchertofu?“ Emma zieht ihre Schultern hoch. „Mag sein. Was genau war so knackig bei dem geräucherten Teil?“ Antonia schmunzelt. „Das sind Sonnenblumenkerne. Außerdem sind in diesem Tofu Basilikum und Petersilie. Ein exzellenter Tofu, der auch Menschen schmeckt, denen ein neutraler Tofu zu langweilig ist. Ein Tofu ist im Rohzustand völlig geschmacksneutral und nimmt ausnahmslos alle Geschmacksrichtungen an.“
Antonia schmunzelt. „Ich erinnere mich an eine Patientin, ich nenne sie mal Marlise. Marlise liebte Hummer. Bei einem dieser Festessen blieb noch ein wenig Hummersud übrig. Sie steckte einen Tofu in den verbliebenen Sud und ließ ihn über Nacht durchziehen. Das Ergebnis war ein exzellenter Hummertofu. Marlise war begeistert und hat diesen Tipp bereits mit etlichen Menschen geteilt. Ich selbst köchele Tofu kurz in Gemüsebrühe oder lasse ihn mit meinem Gemüsegericht die letzten fünf Minuten durchziehen...“ Ich genehmige mir einen Schluck Tee und bemerke Emmas leicht gerötete Wangen. „Emma, bitte fassen Sie kurz zusammen, was wir besprochen haben?“ Emma räuspert sich. „Will ich versuchen, Chefin. Vorbeugung vor Erkältungen durch Warmhalten mit Kleidung und wärmendem Essen. Nährendes Essen durch gutes verwertbares Eiweiß. Richtig?“ Antonia nickt. „Nach dem wärmenden Essen nun zu den Getränken: Zu vermeiden sind Obstsaft, eisgekühlte Mixgetränke, kaltes Bier oder Eis. Diese Getränke oder Eis kühlen die Körpertemperatur herunter und belasten die untere Wirbelsäule. Wärmendes Essen und Vermeiden von kühlen Getränken oder Eis in der kälteren Jahreszeit entlastet die Nieren. Emma, Sie wissen warum?“
Emma nickt. „Ja, Chefin. Wir erben ein gewisses Quantum Nierenkraft und das verwalten wir mehr oder weniger weise im Laufe eines Lebens. Unwissenheit schützt bekanntlich nicht vor Strafe. Oder?“ Antonia räuspert sich. „Das ist richtig. Jeder Mensch sollte seine Nieren pfleglich behandeln.“ Mir geht das Papier aus. „Frau Talbach, darf ich bitte noch ein Blatt Papier bekommen?“ Antonia zieht Papier und eine feste Unterlage aus eine ihrer Schreibtischschubladen. „Hier bitte, Frau Winter. Vielleicht noch eine feste Unterlage?“ Ich nehme beides in Empfang und beschließe, demnächst eine kleine Kladde mitzunehmen. Es klingelt. „Das ist eine Patientin für die Colon-Hydro-Behandlung, Chefin.“ Emma erhebt sich von ihrem Stuhl. „Maria-Julia, ich sehe Dich nachher.“ Sie winkt mir kurz zu. „Frau Winter. Zum nächsten Punkt. Es geht weiterhin um die Erhaltung der Körperwärme. Kühle oder eiskalte Getränke senken die Körpertemperatur. Insbesondere warmes Wasser hilft, die Körpertemperatur ohne Anstrengung zu bewahren. Der Körper muss warmes Wasser im Gegensatz zu kaltem oder eisgekühltem Wasser nicht erst auf Körpertemperatur bringen.“ Ich verstehe Antonia. „Frau Talbach, das kann ich nachvollziehen. Sie meinen, in kühlen und kälteren Zeiten sollte ich vorzugsweise warmes Wasser trinken?“
Antonia nickt. „Eine Frage, Frau Winter: Wie viel Wasser trinken Sie?“ Ich überlege. „Wahrscheinlich zu wenig. Vor kaltem Wasser habe ich mich in letzter Zeit immer gegraust...“ Ich schüttele mich. Antonia sieht mich belustigt an. „Das wärmere Wasser wird Ihnen gut tun. Wasser ist das zentrale Medium für alle Prozesse im Stoffwechsel. Der Körper besteht etwa zu siebzig Prozent aus Wasser.“ Ich staune. „Dieses Wasser soll nach der Astrologie der alten Schule in siebenundzwanzig Tagen ausgetauscht sein. Frau Winter, eine kleine Hausaufgabe. Siebzig Prozent des Körpergewichtes geteilt durch siebenundzwanzig Tage ergibt die Trinkmenge pro Tag. Ein kleines Plus der aufgenommenen Flüssigkeit ergibt sich dadurch, dass zusätzlich Wasser über Lebensmittel aufgenommen wird. Abhängig von der Ernährung kann das bis zu zwanzig Prozent des täglichen Flüssigkeitsbedarf sein. Melonen, Sellerie, Salat, Orangen und Gurken bestehen größtenteils aus Wasser. Ein Apfel beispielsweise enthält über achtzig Prozent Wasser. Nichts jedoch geht über ein Glas wohl temperiertes reines Wasser oder bei kühlerem oder kaltem Wetter über ein Glas gut warmes bis heißes Wasser.“ Fast alles, was ich gehört habe, ist neu für mich. Ich seufze.
„Ich habe die Formel notiert. Mit einem Rechner geht es besser zur Zeit, im Kopf klappen die einfachsten Aufgaben nicht...“ Antonia schaut mich aufmunternd an. „Seien Sie unbesorgt, Frau Winter. Am Ende ist alles gut.“ Ich lächele. „Das Trinken von Wasser ist wichtig, weil Schlacken nur aus geschwemmt werden, wenn genügend Flüssigkeit im Körper ist. Wenn der Mensch zur Heilung angeregt wird, braucht er insbesondere für diese Heilbestrebungen ausreichend Wasser, sonst kommt es zu Rückvergiftungen im Körper. Dehydration zeigt sich in Symptomen wie Verwirrung, trockenem oder klebrigen Mund, wenig Urin, Herzrasen und Lethargie. Desweiteren über Kopfschmerzen. Waren Kopfschmerzen nicht ein Thema von Ihnen?“ Ich nicke. „Frau Winter, Sie werden sich freuen, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Regelmäßige Zufuhr von Wasser in der notwendigen Menge verbessert das Wohlbefinden eines jeden Menschen. Wasser hält Gelenke geschmeidig, versorgt Augen, Nase und Mund mit Feuchtigkeit. Außerdem gibt es eine kosmetische Wirkung: Haut und Hautbild werden verbessert!“ Ich habe aufmerksam zugehört und nehme mir vor, diszipliniert zu sein. „Gibt es eine Möglichkeit zu erkennen, ob ich genug trinke?“ Ich bin auf die Antwort gespannt. „Ja wohl, Frau Winter. Es gibt eine einfache Kontrolle für die Trinkmenge. Ein dünnflüssiger, heller, geruchsneutraler Urin im mehrstündigen Abstand ist ein guter Kontrollmechanismus.“ Ich schaue auf meine Notizen. „Frau Talbach, ich wiederhole: Hell, dünnflüssig, geruchsneutral, mehrstündig?“ Antonia nickt. „Ich habe noch etwas für Sie.“ Ich schaue Antonia fragend an. Antonia schmunzelt. „Ihren Nachtisch, Ihre zweite Gabe. Die Globuli - wie gestern.“ Antonia hält inzwischen das braune Fläschchen in ihrer Hand. Ich strecke meine Hand aus, um meine Kügelchen in Empfang zu nehmen. Ich gebe sie in meinen Mund, um sie langsam darin zergehen zu lassen.
Kurz darauf händigt mir Antonia etliche Blätter aus. Ich lese die Aufschrift: 'Befindlichkeitsstörungen'. „Frau Winter, das sind Fragebögen. Zur Erklärung: Organe, Gefühle und Vorlieben bilden eine Einheit. Wird beispielsweise unangemessen mit Emotionen umgegangen, beeinflusst das die Organe und damit den gesundheitlichen Zustand. Ist es zu einer Schwächung der Organe gekommen, verändern sich synchron die Gefühle. Ein kleines Beispiel. Wenn Sie an eine Zitrone denken, sind Sie zweifellos in der Lage, sich vorzustellen, hinein zu beißen. Allein durch die Vorstellung läuft Ihnen das Wasser im Mund zusammen. Jeder Mensch reagiert grundsätzlich sowohl auf der Körperebene, als auch mental.“ Ich nicke. „Das kann ich nachvollziehen, Frau Talbach.“ Antonia lächelt mich freundlich an. „Manchmal stören Verletzungen, die Narben verursacht haben. Bereits uralte Narben können schwächend auf Organe wirken.“ Ich bin erstaunt. „Frau Winter, es gibt viele Vernetzungen untereinander. Bitte, füllen Sie die Seiten in Ruhe zu hause aus und geben Sie sie mir nach dem Wochenende ausgefüllt zurück.“ Ich schaue Antonia eindringlich an. „Ich werde bestimmt wieder schöner, Frau Talbach?“ Die Frage hätte ich auch lassen können. Ich knabbere an meiner Unterlippe. „Frau Winter, niemand ist zu alt, um jünger zu werden.“ Diese diplomatische Antwort gefällt mir. Antonia begleitet mich zur Tür. Mir schwirrt der Kopf.
„Grüße Dich, Emma! Komm rein. Möchtest Du etwas trinken?“ Emma überlegt kurz. „Ein Glas Apfelschorle vielleicht? Habt Ihr?“ Ich nicke. „Haben wir, Emma. In der Küche stehen Apfelsaft und Wasser. Magst Du Dir das Getränk selbst mixen oder soll ich das für Dich tun?“ Emma brummelt kaum hörbar: „Mach ich selbst!“ und verschwindet in der Küche. Es dauert nicht lange bis sie mit ihrer Apfelschorle zurück kommt. „Maria-Julia, nun sag schon. Wie geht es Dir? Ich war zu Deinem Behandlungstermin leider die ganze Zeit verhindert.“ Emma schaut mich erwartungsvoll an. „Schön ruhig und nacheinander, liebe Emma. Zuallererst finde ich wichtig, dass Du folgendes wissen solltest: Hätte mein Wecker heute Morgen nicht laut und ohrenbetäubend geklingelt, hätte ich den Termin heute Nachmittag vermutlich verpasst. Unglaublich! Und das von ein paar weißen Kügelchen!“ Ich habe Emmas Interesse geweckt. „Welche genau?“ Ich habe mir den Namen gemerkt. „Pulsatilla, Emma.“ Emma ist erfreut. „Das nenne ich eine schöne Neuigkeit, Maria-Julia.“ Emma zeigt mir ihren erhobenen rechten Daumen. „Finde ich auch, Emma. Zurück zu Deiner Frage. Die Spritzen haben mir gut getan. Gestern und heute bin ich danach sofort eingeschlafen. Aber wie ich Dich kenne, Emma, hast Du das wahrscheinlich bereits geahnt? Immerhin hast Du mich gestern nach der Spritze aufgeweckt.“ Ich ahne, was mir meine Freundin antworten wird. „Selbstverfreilich erinnere ich mich an diesen historischen Moment, meine Liebe! Was erblickte ich, als ich an Dich heran trat? Bei angenehmer leiser Hintergrundmusik schliefest Du 'wonniglich', in eine rosa Kuscheldecke gehüllt. Meine Prinzessin erwachte alsbald aus ihren süßen Träumen mit rosigem Gesicht und - warmen Füßen!“ Emmas Grinsen grenzt an Unverschämtheit. Ich protestiere. „Emma, Du solltest Dich mit mir freuen. Schlicht freuen.“ Emma wird ernst. „Lass gut sein, Maria-Julia. Ich freue mich selbstverständlich mit Dir! Ab jetzt geht es aufwärts. Ich freue mich übrigens ebenfalls darüber, dass wir uns demnächst des öfteren sehen können. Wenn Du magst, nach jeder Behandlung, Maria-Julia.“ Ich nicke erfreut. „Una buena idea, Emma. Die Behandlungen werden jeweils montags, mittwochs und freitags sein. Danach könnten wir einen Kaffee trinken. Aber, was wird aus Deiner Mittagspause?“ Emma signalisiert mir 'Give me five'. Es klatscht. Das lass bitte meine Sorge sein, Maria-Julia!“ Ich seufze. „Emma, ich freue mich bereits jetzt auf unsere Treffen. Ich weiß nicht, ob ich alles verstehe, was mir Antonia erzählen wird. Magst Du mir eventuell einige Fragen nach meinen Besprechungen mit Antonia beantworten? Emma grinst. „Selbstverfreilich, meine Liebe. Frage: Ist es heute bei dem Thema Kälte/Wärme geblieben?“ Ich nicke. „Leider konnte ich nicht bei euch bleiben, Maria-Julia. Mir sind im Nachhinein einige wie ich meine wichtige Dinge durch den Kopf gegangen. Wenn Du magst?“ Emma schaut mich erwartungsvoll an. „Gerne, Emma! Ich bin gespannt auf Deinen Nachschlag sozusagen...“ Emma lächelt. „Danke für Dein Interesse. Immerhin bin ich noch kein Profi in der Naturheilkunde.“ Ich protestiere. „Emma, ich bin ein Fan von Dir!“
