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Vielleicht sind sie auch so neugierig wie Charlotte. Ein Leben kann man suchen, wenn es nichts zu suchen gibt, auch nur genießen. Könnte sein, dass es für ein Leben immer eine Fortsetzung gibt, oder immer jemand, der etwas zu erzählen hat.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Prolog
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
"Charlotte!", so schallte es durch die Strasse, "Wirst Du nun endlich mal in die Wohnung kommen?"
Es war die Mutter, die sie so rief. Charlotte beachtete sie jedoch nur wenig. Ihre Bezugspersonen waren die Großeltern, die sie abgöttisch liebten, was man von der Mutter nicht unbedingt behaupten konnte. Die Türe wurde mit Wucht geöffnet, und genau so flog sie auch wieder ins Schloss. Die Gummistiefel, die Seile und das Kopftuch, der selbst gebastelte Lederbeutel, legte das Mädchen in die Ecke der Diele.
Die Mutter: "Mach, dass Du Dich an den Tisch setzt. Anneliese ist da. Du bist mal wieder viel zu spät, Ihr seid doch schon lange wieder von Eurer Landpartie zurück."
"Wir waren doch im Garten und haben gearbeitet. Mama, was ist eine Landpartie?"
Mutter: "Ach lass mich. Fängt das denn schon wieder an mit deiner Fragerei?"
Charlotte setzte sich und dachte über das Wort Landpartie nach. Was könnte das wohl sein? Längere Zeit war sie nun ruhig. Land, das kannte sie, das waren die vielen Wiesen, die sie immer sah, als sie mit Oma und Opa die Straße entlang fuhr und Opa sagte.
"Siehst Du Charlotte, das ist alles unser Land. Von der Straßenkreuzung rechts und links der Straße, bis zum Wald, und wenn du an dem eingezäunten Garten, wo das Häuschen steht dann Deine Arme ausbreitest, von da an gehört der rechte Teil des Waldes uns, und der linke Teil einem anderen.", das sagte er mit ernster Miene, wobei die Stirnfalten sich dabei heftig regten. Seine Arme stemmte er damals in die Hüften. Von Beruf war er Bäcker.
Auf einmal sprang Charlotte auf und griff in die Hosentasche, ein Glas mit einem Deckel stellte sie mit Wucht auf den Tisch. Anneliese, die Pianistin, die Freundin von Mutter, erschrak so, dass die Goldreifen an ihrem Handgelenk aneinander schlugen.
"Was ist denn das?"
Charlotte: "Fast hätte ich ihn vergessen, das ist ein Maikäfer, den ich heute am Bach im Garten fand. Nun haben ich zwei Tiere. Rex, einen Münsterländer Hund, und Ihn."
Anneliese hatte ihren Stuhl schon ein beträchtliches Stück vom Tisch entfernt.
"Aber was ist denn nun eine Partie?",
fragte das Kind. Anneliese stand schwungvoll auf, kam auf sie zu, und kam ganz nahe an sein Gesicht heran.
"Eine Landpartie ist ein Ausflug aufs Land, den wohlerzogene junge Herren, mit wohlerzogenen jungen Damen in glänzenden Cabriolets veranstalten. Die Damen haben meistens schöne mit Spitzen umrankte Kleider an, und die Herren tragen Knickerbocker. Aber bei Dir habe ich so meine Bedenken ob Du jemals zu einer Landpartie eingeladen werden wirst! Du wirst indes wohl eher auf dem Traktor über die Felder fahren und Bäuerin sein."
Charlotte lachte herzlich.
"Na eben. Das will ich ja sowieso. Wenn ich mal groß bin, so werde ich Bäuerin!"
Mutter und ihr Bruder schlugen die Hände vor die Augen und schüttelten den Kopf.
Charlotte: "Ja, und was ist wohlerzogen?"
Anneliese: "Es sind Menschen die keine Käfer auf einen Esstisch stellen, es sind eher Menschen, die sich so verhalten, wie Dein Bruder."
Mutter streichelte ihrem Sohn über die Wangen. Charlotte versuchte indes mit der Gabel die Suppe zu essen, Gabel und Messer waren da, mit den Händen darf man nicht essen sagte Mutter immer, das wird knapp dachte sie, sie nahm nun die Gabel, es blieben nur noch die Würstchen, die sie versuchte in der Suppe zu fangen. Mit dem Ergebnis, dass wenige Augenblicke später, diese Suppentasse auf Annelieses Plisseerock landete.
Konstantin: "Also Charlotte!"
"Welch ein Tollpatsch Du doch bist.", rief die Mutter.
Anneliese: "Also Rutti, da muss etwas passieren. Das Kind ist einfach zu wild und Du hast auch zu wenig Einfluss auf sie. Ich beobachte das nun schon eine ganze Weile, ich denke sie benötigt nun wirklich mal die starke Hand ihres Vaters. Wobei, wenn ich es mir richtig überlege, ist er doch das gleiche Exemplar, ich verstehe sowieso nicht, wie er eigentlich zu solch guten Umsätzen mit seiner kleinen Firma kommt. So geschäftstüchtig, kultiviert und intelligent wie Dein Vater ist er nicht. Und sei doch mal ehrlich, das alles ist Otto nicht, der ist nur der geborene Entertainer. Aber das war ja auch nicht das Thema. Deine Tochter Charlotte ist im Moment das Thema. Sie benötigt, wie ich denke, eine strengere Erziehung, denn sie tanzt nicht nur Dir, sondern auch immer mehr ihrem Bruder auf der Nase herum. Und das kommt nur daher, da sie immer noch von Deinen Schwiegereltern verhätschelt wird. Und es ist ja auch kein Wunder, denn sie wachten im Krankenhaus am Bettchen und hielten dem Kind das Händchen, denn Du wolltest das Kind nicht. Dein Entschluss Deinen Mann zu verlassen war gefallen. Du wurdest doch noch mal von ihm schwanger, nach der Operation eigentlich nicht möglich, jedoch das Ergebnis sehen wir ja hier. Aber Du darfst das Kind nicht so vernachlässigen wie Du es tust."
Rutti schrie die Freundin an:
"Ach hätte ich Dir das alles nur nicht erzählt."
"Da kannst Du mal sehen, bitte rege Dich jetzt nicht so auf. Bei mir ist Dein Geheimnis sicher, ich will doch nur das Beste für eure Familie, und für Dich. Du musst das auch mal so sehen, seit Charlotte auf der Welt ist, geht es euch doch finanziell besser, die Großeltern unterstützen euch mit großen Bürgschaften für die Firma. Rutti dachte anscheinend einen Moment darüber nach, und konnte dem Gedankengang nur beipflichten. Vielleicht sollte sie sich wirklich mehr um ihre Tochter kümmern dachte sie, denn ihr Leben hatte sich wirklich nach der Geburt des Kindes stark verbessert. Vorbei waren die Zeiten in denen sie streng mit dem Geld wirtschaften musste, denn ihr Mann hatte als kleiner Handelsvertreter nicht viel verdient. Die Schwiegereltern hatten sie damals noch nicht unterstützt. Und nun lebte sie in einer schönen Wohnung, zwar im Haus der Schwiegereltern, jedoch es mangelte ihr an nichts. Den Mann den sie verlassen wollte hatte es doch wirklich zu einem Geschäftsmann gebracht. Er war viel auf Reisen und sie konnte unter der Woche, wenn er nicht da war, so leben wie es ihr gefiel. Die Kinder konnte sie bei Bedarf den Schwiegereltern geben. Und während der Wochenenden, wenn ihr Mann zu Hause war, war er sowieso sehr in seinen verschiedenen Vereinen engagiert. Vielleicht hatte ihre Freundin doch recht, sie sollte sich wirklich mehr um die Tochter kümmern. Was sie damals nicht wusste, dass das Kind überhaupt keinen Bezug zu ihr hatte. Denn es hatte nicht vergessen, wie sie es oft an den Ärmchen packte sie schüttelte, und schrie:"Was bist Du nur für ein Kind, Du hast so gar nichts von uns." Mit uns meinte sie ihre Familie. In dieser Familie schien alles perfekt gewesen zu sein. "Frech und renitent bist du, am liebsten möchte ich dich an die Wand werfen. "Charlotte legte einmal ihr Händchen auf die heiße Herdplatte, sie schrie. Wie am Spieß, schrie sie. Großmutter die in der Wohnung nebenan wohnte kam und verarztete sie damals.
Jahre später.
Sie stand am Fenster des kleinen Apartements, das ihr Mann vor einigen Jahren gekauft hatte. Winzig war es, der Heizkörper an ihren Beinen gab Wärme ab. Die Hände hatte sie am Rücken gekreuzt, wippte fortwährend mit den Füßen auf und ab. Welch große Schneeflocken es doch waren, die auf die schon vorhandenen Schneeberge vielen, die sich immer weiter auftürmten. An Galtür musste sie denken. Sie drehte sich vom Fenster ab und sagte zu ihrem Mann. "Sag mal, kannst Du Dich erinnern in welchen Ort haben wir damals Urlaub gemacht?"
"In Silbertal."
"Ja in Silbertal, das ist nicht weit von Galtür gelegen, nicht wahr?"
"Ja in der Nähe."
"Also das war ja ein Ding damals, da hatten wir vielleicht Glück. Also wie Du Dich damals aufgeführt hast, so habe ich Dich noch niemals erlebt. Aber hättest Du das nicht getan, so wären wir vielleicht nicht mehr am Leben."
"War das wirklich Glück, Marcus?"
"Vielleicht ja, vielleicht nein Charlotte."
"Eben vielleicht ja, vielleicht nein. Ich kann Dir sagen was es war, es war die scharfe Beobachtungsgabe, und es war Wissen, gepaart mit Logik."
"Wie kommst Du denn darauf?", während er auf der Tastatur seines Computers herumtippte.
"Ganz einfach Marcus, etwa zwei Tage bevor die Lawine herunterkam, ging ich am ganz frühen Morgen die Straße entlang. Ich war mit Skubbe spazieren. Da sah ich die Risse, die sich schon an den Hängen gebildet hatten. Als ich dann den Blick auf eine große Fläche des Hanges richtete, sah ich, dass die Struktur der Fläche nicht gleich bleibend war, sondern Veränderungen aufwies. Da der Schneefall immer weiter ging, war es nur logisch, dass es durchaus sein könnte, dass eine Lawine entstehen kann. Da ich nun wusste, dass unser Hotel an solch einem Hang lag, war es nahe liegend, dieses so schnell wie möglich zu verlassen. Das wir dann auch taten.
"Marcus: Aber dieses Gezeter und diese Druckmittel die Du eingesetzt hast. Wenn Du jetzt nicht sofort packst und wir nicht abreisen, sind wir geschiedene Leute."
"Hätte ich es Dir anhand meiner Beobachtungen geschildert, hättest Du garantiert, geantwortet, dass ich kein Lawinenexperte bin, und dass die Fachleute, die das studiert haben, die Lage bestimmt im Griff hätten. Was sie ja offenbar nicht hatten. Viele Menschen starben damals, wir hätten unter ihnen sein können. Manchmal kommt es eben auf Beobachtung an, ob man etwas sieht oder aber auch nicht."
"Manchmal ja, manchmal nein."
"Und ich habe es nun mal gesehen."
"Ja, das muss man sagen, es war eine reife Leistung."
"Es war eben nicht nur Glück." Und sie drehte sich ab, richtete den Blick wieder nach draußen.
Der TV lief, und die Nachrichten, die sie da hörte wurden immer dramatischer. Der DAX in Frankfurt und in New York, so berichteten Journalisten aus aller Welt, fällt immer mehr, die Analysten sprechen von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1920. Der schwarze Freitag ist ein Klacks dagegen, im Vergleich zu dem, was sich gerade auf den internationalen Märkten abspielt. Die Weltwirtschaft befindet sich am Abgrund.
"Und wenn das noch länger so weitergeht, stürzen wir auch bald in diesen Abgrund."
Es war Marcus ihr Mann, der das sagte. Seit Wochen saß er an dem kleinen Schreibtisch und zeichnete Automobile, denn er war Automobildesigner, und er wollte in Übung bleiben. Wenn man nur wenige Wochen nicht mehr zeichnet, so verliert man die Übung und den Schwung, und das ist in diesem Job fatal. Beide hofften und warteten auf den nächsten Auftrag. Marcus war im Kontakt mit den Firmen, die sonst auch Aufträge zu vergeben hatten. Aber jeder sagte nur.
"Es tut uns leid Marcus, aber unserer Branche steht eine schwere Zeit bevor. Die Studios vergeben keine Aufträge mehr an Externe. Wir alle wissen nicht mehr wie es weitergehen soll. Einige von uns haben schon Insolvenz angemeldet."
Die Nachrichten dramatisierten sich weiter, die Städte und Gemeinden haben kein Geld mehr, bald werden sie gezwungen sein Kindergärten, Schwimmbäder zu schließen, Ampeln still zu legen, Theater nicht mehr betreiben zu können, usw. Das Streusalz wird knapp. Die letzten Jahre sah sie wenig deutsches TV. Generell hatte sie wenig Zeit dazu, früher wegen der Hobbys, dann wegen ihrer Arbeit, dann wegen der Arbeit ihres Mannes. Sie waren seit Jahren in der Welt unterwegs, reisten von Stadt zu Stadt. In den letzten Jahren von Land zu Land, immer bemüht Ihn mit all ihrer Kraft zu unterstützen, denn es war ihr bewusst, wenn man so einen Job wirklich gut ausüben wollte, konnte man sich nicht um die alltäglichen Dinge des Lebens kümmern. Wie es so schön heißt, Sie hielt ihm den Rücken frei. Praktisch bedeutete das, Koffer packen, Apartements suchen und die Wäschepflege in Hotelzimmern mit Reisebügeleisen organisieren. Denn nicht immer war es möglich sofort ein geeignetes Apartement zu finden, in dem sie wieder für einige Monate wohnen konnten. In den Anfängen der Tätigkeit ihres Mannes arbeitete sie mit, denn Charlotte hatte neben ihrer kaufmännischen Ausbildung noch die Hotellerie erlernt und konnte somit in vielen Städten in der ihr Mann mehrere Monate bei Firmen als Freiberufler arbeitete, auch ihrem so geliebten Beruf nachgehen. Die Hotellerie war ihre große Leidenschaft. Empfand die Arbeit, die sie in vielen Bereichen der Hotels ausübte, als großen Spaß. Denn wenn man so will, waren Menschen, ihre Leidenschaft. Obwohl sie nie eine wirklich außergewöhnlich gute Ausbildung in der Hotellerie genossen hatte, so hatte sie doch die angesehensten Hotelfachschulen des Landes als auch der Schweiz, französischen Teil, besucht. Als sie jedoch nach Abschluss dieser Schulen, den Entschluss gefasst hatte, sich der Kochkunst zu widmen, also Köchin zu werden, kamen ihre Eltern einstimmig zu dem Entschluss eine kaufmännische Ausbildung die der Hotellerie folgen zu lassen, denn Köchin würde ihre Tochter nicht werden, da waren sich beide einmal einig. Wobei man sagen muss, dass Vater den Gedanken eigentlich nicht so abwegig fand. Mutter diesen jedoch kategorisch ablehnte, und sich durchsetzte.
Nun hatte Charlotte die beiden Ausbildungen, und war immer von dem was sie tat selbst überzeugt, bekam sie stets, Jobs in der Spitzenhotellerie, so nahm sie an. In dieser Branche, vor allem wenn es sich um die Spitze handelt, sind starke Persönlichkeiten gefragt, die ein sicheres Auftreten haben, zu denen gehörte sie, zweifellos. Das Erfassen der Bedürfnisse der Gäste war außerordentlich wichtig, und so kam es, dass sie in der Vip-Betreuung nur für prominente Gäste eingesetzt wurde. Was ihre berufliche Fähigkeiten besonders ausmachte war, binnen weniger Augenblicke den Gast zu analysieren, um ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Arbeitsabläufe in verschiedenen Abteilung organisierte sie um, effizient und logisch sollten sie sein. Organisieren tat sie für ihr Leben gerne. Viel Aufwand war ihr ein Greul. Das Ziel des Spieles war, Zeit zu sparen, und den Kollegen die Arbeit so angenehm wie möglich zu gestalten, dem Unternehmen Geld zu sparen, die Zeit lieber dem Gast zukommen zu lassen. Und da sie nun von Natur aus ein recht resolutes Wesen hatte, und Dinge die sie sich ausdachte relativ schnell ihrem Gegenüber erklären konnte, gepaart mit Freundlichkeit, einem Lachen, war es nicht weiter verwunderlich, dass diese Art bei den Gästen als auch der Unternehmensleitung gerne gesehen war. Ihr Problem war nur, dass sie nach wenigen Monaten die Unternehmen wieder verlassen musste, denn die Einsätze ihres Mannes konnten sich schnell ändern, dann hieß es wieder Koffer packen.
Doch nun war alles anders. Sie und ihr Mann Marcus saßen in diesem kleinen Apartement, dass sie sich vor Jahren gekauft hatten zusammen mit dem Haus zu dem so viel Land gehörte. Hoffnung dass die Branche sich schnell wieder erholen konnte, gab es eher nicht. Der letzte Auftraggeber von Marcus befand sich in England, sie verbrachten das letzte Jahr dort. Der Abschied von diesem Land viel ihr unendlich schwer, dort fühlte sie sich zu Hause. Im Laufe der Zeit hatte sie eine Technik entwickeln müssen, sich an keine Orte, Wohnungen und Häuser zu gewöhnen die sie bewohnten, denn immer bedeutete es wieder Abschied nehmen. Wenn man so wollte ähnelte ihr Leben dem der Zigeuner.
Charlotte war durch und durch ein Optimist und versuchte ihren Mann der an der momentanen Situation litt, aufzubauen. Mit immer weniger Erfolg. Felsenfest glaubte sie daran, dass die Automobilwirtschaft sich schnell wieder erholen würde. Manchmal konnte sie, wenn sie einen Bericht hörte, aufspringen und rufen. "Na siehst du, das wird schon wieder, die Zeichen stehen gut."
Marcus sah sie oft von der Seite an, während sie die Wirtschaftsnachrichten mit aller größtem Interesse verfolgte.
"Marcus ich sage Dir, nutze die Zeit um Dich zu erholen, denn bald wirst Du Dich vor Aufträgen nicht mehr retten können."
"Sag mal wie kommst Du eigentlich zu der Annahme?"
"Das ist nur eine logische Folgerung."
"Also diese Folgerung musst Du mir mal genauer erklären."
Sie begann zu dozieren, während sie sich die rot karierte Wolldecke, die sie in Schottland gekauft hatten um die Schultern legte, die Füße auf den Heizkörper legte und die Hände im Nackten verschränkte.
"Erstens kenne ich die Menschen in unserem Land, und weiß dass sie die kleine Pause zur Ideenfindung nutzen werden. Zweitens glaube ich dass unser Land ungeahnte Erfindungen in den Schreibtischschubladen liegen hat, denn die Krise ist eine Chance. Drittens kenne ich die Spitzenmanager in den Konzernen, denn ich habe einige von ihnen während der VIP-Betreung in Hotels studieren können. Das sind Leute, das sage ich Dir, die immer noch ein Ass im Ärmel haben. Die garantiert nun an ihren Schreibtischen sitzen und mit hochgekrempelten Ärmeln unter Hochdruck arbeiten. Viertens glaube ich auch an die vielen Sparer in unserem Land, die die Krise gut meisten werden. Fünftens glaube ich, dass Du der beste Designer der Welt bist. Sechstens sind uns in solchen Stresssituation immer die besten Einfälle gekommen. So und nun siebtens habe ich einen Motor erfunden."
Innerlich lachte sie so sehr, dass es einem Lachkrampf gleich kam, denn sie wusste was Marcus nun sagen würde.
Und er sagte. "Aber ja natürlich, Du bist über Nacht zu einem Ingenieur mutiert, und hast die Brennstoffzelle wesentlich neu erfunden. Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?, "schmunzelnd sagte er das. Charlotte konnte nun ihr Lachen nicht mehr zurückhalten, denn auf so eine Antwort hatte sie gewartet. Sie konnte sich fast nicht mehr einkriegen vor Lachen. Ach wie herrlich war doch das lachen. Es war mitunter eines der schönsten Dinge der Welt.
"Aber nein Marcus ich glaube ich habe einen Wirtschaftsmotor erfunden. "Waaas hast Du!! Was ist denn um Himmels Willen ein Wirtschaftsmotor."
"Na etwas was die Wirtschaft zum Laufen bringt."
"Also Charlotte bei aller Liebe, und ich liebe Dich über alles, aber das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Du bist doch keine Wirtschaftswissenschaftlerin."
"Nein das bin ich nicht, aber die Idee ist wirklich genial und so einfach. Darauf würde ein Wissenschaftler wahrscheinlich überhaupt nicht kommen."
"Und wie funktioniert dieser Motor?"
Sie öffnete nun die Schreibtischschublade und nahm einen dünnen Schnellhefter heraus. Marcus nahm ihn, schlug ihn auf. Auf den ersten Blick ähnelte es eher einer chemischen Formel, als einem Konzept oder Plan.
"Wann hast Du Dir denn das ausgedacht?"
"In den letzten Tagen."
"Aber ich habe Dich niemals schreiben sehen?"
"Na, das habe ich früh morgens geschrieben. Das habe ich schon immer getan. Die besten Einfälle habe ich nun mal früh Morgens, wenn alle anderen schlafen, und alles ist still. Und nur der Stift, das Papier und die Lampe, die ein gemütliches Licht verbreitet, existieren. Und wenn dann der Tag beginnt, so sieht man auf das geschriebene kann es kaum erwarten das alles umzusetzen."
"Sag mal, Charlotte, betreibst du das schon lange, diese Schreiberei?"
"Aber natürlich, die Gedichte und Liedertexte entstehen immer am frühen Morgen meistens beim Kaffee kochen."
"Welche Gedichte denn?"
"Du kennst sie nicht. Das eine oder andere mal, las ich Dir eines vor, aber Du warst wohl am Morgen noch zu müde um sie zu verstehen. Und wenn Du abends nach Hause kamst, zu müde, was nun bei einem solchen Job verständlich ist. Und so gut konnten sie nicht gewesen sein, wenn nichts hängen bleibt, daher ruhen alle, in einem Buch. Die Gedichte, werde ich nun lesen, nun habe ich ja Zeit."
"Wie findest Du denn nun die Idee mit diesem System?"
"Also grundsätzlich ist die gut, aber ich denke da müsste ein wirklicher Fachmann darüber schauen, um das zu beurteilen."
"Ja, aber das ist ja das Problem, wenn ich damit zu einem Fachmann gehe, so besteht zweifellos die Gefahr, dass der mir diese Idee klaut. Du gehst ja auch nicht zum Hersteller und präsentierst Deine Design-Entwürfe, bevor Du sie auf dem Patentamt schützen ließest"
"Ja aber das ist ja auch was anderes, mit den Produkten verdienen wir Geld. Was Du Dir da ausgedacht hast, ist eine lose Gedankensammlung, die nicht durchsetzbar ist, und wenn, dann nur wenn man es mit Fachleuten entwirft, und Geld kann man damit nicht verdienen. Dieses System hat was,aber wir brauchen einen Fachmann."
"Da hast Du wohl Recht, aber was Du nicht verstanden hast, dass man Unmengen an Geld damit verdienen kann, weißt Du was täglich umgesetzt wird. Und rechne mal hoch wenn wir mit einem Promille nur beteiligt wären, was das wohl für Geldmengen wären. Aber nehme an, wir wären nicht daran beteiligt, wir hätten wieder Aufträge und nicht nur wir, die Bänder würden laufen, denn im Moment da stehen sie still. Es wird nicht mehr produziert. Alle würden profitieren. Und wer am meisten profitiert das wären die Menschen unseres Landes. Sie hätten Arbeit, und die Städte wieder Geld."
Marcus schluckte und konnte diesem Gedankengang nun nicht so sehr folgen. Er brauchte Zeit um darüber nachzudenken. Er dachte nicht nur über das System nach, nein auch über seine Frau, wie er sie nun während der letzten Wochen erlebt hatte. Die letzten Jahre waren an ihm vorbei gezogen, und er wusste nicht dass Charlotte Gedichte schrieb. Überhaupt ist sie doch eine unglaubliche Frau, wie sie versucht ihn aufzubauen. Manch andere Frau hätte in der Situation in er sie sich im Moment befanden, die Nerven verloren. Aber nicht Charlotte. Er dachte an alte Zeiten, wie sie in den ersten Jahren ihrer Ehe eine Energie an den Tag legte, und in der Hotellerie arbeitete. Wechselschichten hatte sie damals, und doch hatte sie den Haushalt in Ordnung, kochte seine Lieblingsgerichte, dekorierte die Wohnung, versuchte mit den wenigen Mitteln, die sie hatten, alles gemütlich zu gestalten. Die leeren Wände pflasterte sie mit riesigen Gemälden, die sie in ihrer wenigen Freizeit malte. Irgendwann wollte sie auf die Kunstakademie gehen, und die Malerei von Grund auf lernen. Oder die Zeit als sie ihre Kleider selbst nähte, denn die Kleider von der Stange befand sie nicht als chic genug. Die Kleider die ihr gefielen, waren außerhalb dessen was sie sich zu dieser Zeit hätten leisten können. Also glich ihre Küche längere Zeit einem Modeatelier.
Etwas verschlafen saß Charlotte am Frühstückstisch. Die Nacht über hatte sie überlegt, an wen sie sich wenden könnte. Nur einer viel ihr ein, ein alter Freund des Vaters. Albert, war sein Name, lange Jahre hatte er im Vorstand eines Konzerns gearbeitet, hatte sich damals selbständig gemacht, eine Brotfabrik hatte er eröffnet, als der Konzern bei dem er arbeitete, die Menschen immer schlechter behandelte war er ausgestiegen, hat die Unverschämtheiten gegenüber Kollegen nicht akzeptiert. Wirtschaftswissenschaftler war er von Beruf. Er kennt sie seit ihrer Geburt. Einen Humor hatte er, ganz unglaublich welch einen Spaß sie zusammen mit Vater hatten, lachen konnte er, da wackelten die Wände, so herzerfrischend lachte er. Absolut integer ist er. Wie wir manchmal durch den Tunnel fuhren. Auf dem Weg zu den Grundstücken, Vater dann hupte, weil es in diesem so schön wiederhallte. Und dann über den Huppel fuhren, der am Anfang der asphaltierten Wege zu den Grundstücken sich befand, und es uns in die Bäuche fuhr. Einen Spaß hatten wir. Albert sagte dann. "Also dieser Huppel, Otto, eine Glanzleistung, wie dein Vater den einbauen lies, als die kleine Straße asphaltiert wurde. Tränen haben wir gelacht, so viel Spaß hatten wir damals. Albert, der bei diesen Fahrten oftmals die Bierfässer auf der Ladeklappe des Autos fest hielt, wenn mal wieder ein Gartenfest veranstaltet wurde, wir das Häuschen mit Lampions schmückten, für das niemals eine Baugenehmigung bestand.
Charlotte stand vom Tisch auf und holte sich den Schnellhefter vom Regal.
"Ein Freund meines Vaters ist mir eingefallen, an ihn werde ich mich wenden, er könnte mal darüber schauen ob man was daraus machen kann. Er ist von Beruf Wirtschaftswissenschaftler."
"Das ist vernünftig, denn ohne Experten kommen wir da nicht weiter. Wer ist das, ein Doktor der Wirtschaft, wie kommt Dein Vater eigentlich zu solchen Freunden?"
"Weiß ich nicht.", sagte sie barsch. Wie ich das hasse, so dachte sie, wer und was, immer diese Vermischungen. Wer=Albert ein wundervoller Mensch, Was=sein Beruf. Was hätte er fragen müssen nicht wer. Viele Leute tun das, auch Marcus. Wie die Pest hasse ich es, wenn sie es tun und taten.
Den Wandschrank riss sie auf, den Karton mit den alten Handtaschen, von denen ein Großteil, von ihrer Schwiegermutter stammte, stülpte sie um. Bei den alten Tagebüchern, den wichtigen Unterlagen wie Heiratsurkunde, Impfpässen, usw.
suchte sie das Büchlein mit den Adressen, das alles führte sie immer mit. Vor einem Monat hatte sie Angst, dass es weg sein könnte, als auch das Sparbuch das ihre Großmutter für sie angelegt hatte.
Das übrig blieb, als in ihr Haus eingebrochen wurde, und nichts aber auch gar nichts mehr da war. Damals hatte sie Angst es wäre auch gestohlen worden.
Aber hier bei den wichtigen Dokumenten war es, sie hatte das alte Sparbuch gefunden, auf das Oma als auch Charlotte bei der Bank in ihrer Heimatstadt einzahlten, Oma zahlte ein, sie tat das immer sehr gewissenhaft. Das Geld das Charlotte bekam, wenn sie Botengänge für die elterliche Firma erledigte zahlte auch sie darauf ein. Da fand sie das alte Adressbuch, unter den Tagebüchern lag es. Sie nahm es, die Telefonnummer von Albert fand sie sofort. Charlotte wählte.
"Hier bei Dr. Steffens."
"Guten Tag. Mein Name ist Charlotte Bonett-Schulz, könnte ich bitte Herrn Dr.
Steffens sprechen?"
"Einen Moment bitte."
"Steffens!"
"Hallo Albert, Charlotte hier."
"Charlotte?"
"Das freut mich, dass du dich meldest.
Wie geht es dir?"
"Eigentlich gut."
"Was heißt eigentlich?"
"Ja, es geht mir gut."
"Sag, warum rufst du an Charlotte?"
"Also es geht um eine Idee."
"Um eine Idee."
"Deren Durchsetzung den Rat eines Wirtschaftsexperten bedarf. Und da ich dieses System als sehr gut empfinde, ich jedoch keinem anderen als dir in dieser Angelegenheit vertrauen kann, als auch, wie ich denke, meine Gedankengänge erklären könnte, wende ich mich nun vertrauensvoll an dich Albert."
"Am Erfassen liegt es also, mein Kind."
"Ja, am Erfassen, denn nur du kannst möglicherweise den Sinn meines Vorhabens verstehen."
Ein kurze Pause entstand.
"Charlotte ich freue mich so, dass du dich gemeldet hast, ich kann nicht sagen, wie sehr."
"Hättest du vielleicht dann wirklich etwas Zeit für mich?"
"Alle Zeit der Welt. Schon lange bin ich im Ruhestand, und freue mich über neue Aufgaben, vor allem wenn du sie mir bringst. Dann schiess mal los, um was handelt es sich dabei?"
"Das Gespräch dauerte keine zwanzig Minuten."
"Charlotte eine guter Einfall ist das, es ist eine Idee, die es wert ist zu verfolgen und in die Tat umzusetzen."
Eine Pause entstand.
"Meinst du das wirklich ernst?"
"Aber ganz und gar ernst. Lass mich etwas darüber nachdenken, dann kommst du zu uns, und wir werden mit der Arbeit beginnen. Charlotte! Da kann man etwas daraus machen, bei einem Glas Wein, und einem Gugelhupf, hat schon so manche Idee Gestalt angenommen."
"Denkst du ja!?"
"Ich denke schon Charlotte. Wie geht es eigentlich deinem Vater? Schon Jahre haben wir nichts mehr von ihm gehört" "Weiß nicht."
"Na ja, deiner Mutter geht es auf jeden Fall sehr gut. Hannelore telefoniert hin und wieder mit ihr. Bleibt dein Mann und du eigentlich nun für länger zu Hause?"
"Die Welt ist unser zu Hause, doch nicht der Schwarzwald Albert."
"Der Schwarzwald vielleicht nicht gerade, jedoch gehört dieser auch zu unserer Heimat."
"Es wäre schön, jedoch in Marcus Beruf kann man eben nicht wirklich sagen, wo man den nächsten Monat sein wird, so rar wie die Aufträge im Moment gesät sind, muss man eben nehmen was kommt."
Ein kleine Pause. In einem Arbeitszimmer saß ein Mann, dessen Augen einen Glanz angenommen hatten.
"Kannst Du vielleicht nach Bayern kommen, dass wir alles besprechen wie ich dir mit dieser Geschäftsidee helfen könnte."
"Leider nicht, denn die Straßenverhältnisse sind schlecht, und mit dem Zug kann ich schlecht fahren."
"Dann schick mir deine Aufzeichnungen einfach zu, wir können auch viel telefonisch oder per E-Mail regeln."
Der schwere Telefonhörer klickt in die Gabel. Seine Schuhe die neben seinem Sessel standen zog er an, ging in den Eingangsbereich des Hauses Richtung Küche, die Hände hatte er tief in den Hosentaschen. Auf einmal blieb er stehen seine Hand rieb er über sein Gesicht.
"Hannelore! Hannelore!", so rief er.
Seine Frau kam ihm entgegen, die Brille in der Hand.
"Sag mal was schreist Du denn so, was ist denn?"
"Weißt Du wer eben angerufen hat?"
"Aber Albert wie soll ich das denn wissen, ich war ja nicht dabei, ich hasse es wenn Du immer solche Fragen stellst bei deren Beantwortung man mit dem Wort nein beginnen muss. Also wer hat angerufen?"
"Ottos Tochter"
"Was Charlotte hat angerufen, wo ist sie denn?"
"Zu Hause im Schwarzwald."
"Ach, warum denn im Schwarzwald, Rutti sagte mir doch sie seien in Neuseeland."
"Aber woher denn zuletzt waren sie in England, wie kommt sie denn auf Neuseeland."
"Na, Marcus hatte es ihr erzählt."
"Na ja, ist ja auch egal, sie hat mir da von einem Geschäftsmodell berichtet, sie möchte gerne dass ich ihr dabei behilflich bin, und es klingt richtig gut."
"Ist eben wir ihr Vater, war doch auch sein Hobby. Schon schade wie alles kam mit der Familie."
"Hannelore, kannst Du dich noch erinnern als wir Otto kennen lernten, was für ein lustiger Typ er war, ach wenn ich doch nur wüsste wo er ist, Jahre wissen wir schon nicht wo er ist. Was hatten wir einen Spaß zu zusammen. Diese Ausflüge die er organisierte. Der Ausflug, Motto.
Wanderung in der Pfalz.
"Hannelore brach nun in schallendes Lachen aus ihren Oberkörper beugte sich schon nach unten ihre Hände klopfte sie gegen ihre Beine. Mein Gott Albert hatten wir einen Spaß!"
"Eben Hannelore, denn er sollte alles organisieren, er tat das exzellent. Denn der Bus fuhr an Straßburg vorbei, er nahm die Ausfahrt nicht."
"Eben Albert, wie Willi damals brüllte."
"Herr Busfahrer wir müssen abbiegen, hören sie hier müssen wir abbiegen."
"Der Fahrer jedoch ganz stoisch. "Aber meine Reiserute lautet Paris."
Otto hatte kurz mal umgebucht, Ziel war nun Paris. Das Programm lautete nun.
Ankunft 13.00 Uhr Mittagessen im Hotel 15,00 Uhr Stadtrundfahrt für alle 18,00 Uhr Damen in den Louvre, Herren ins Hotel.
22.00 Uhr Essen mit anschließender Modeschau für die Damen
23.00 Uhr Nachtclub für die Herrn.
Und das gezehter im Bus, "Wir haben doch nur Wanderschuhe dabei.", riefen die Frauen. Otto lachte, "Für alles ist gesorgt meine Lieben", so rief er und verteilte sein Programm.
"Das war einer der schönsten Ausflüge an den ich mich erinnern kann."
Hannelore und er sahen sich auf einmal verdutzt an. Albert nahm die Hand seiner Frau. "Albert, mir kommt da so ein Gedanke."
"Hannelore, das kann nicht sein, oder?"
Am nächsten Morgen packte sie ihre Sachen und fuhr los, zu dieser Bank, denn sie hatte einen Plan. Das Geld auf dem Sparbuch, das sie bei dem Adressbuch fand, würde sie zur Verwirklichung ihrer Idee einsetzen. Die letzte Buchung darin lag Jahrzehnte zurück.
Sie hatte Glück denn die Nacht über hatte es nicht geschneit, eine durchgehende glatte mit Granulat abgestreute Straße fand sie vor. So fuhr sie die Hochstraße und hoffte oben auf der Ebene ins Rheintal hinab schauen zu können. Je höher sie kam desto schlechter wurden die Sichtverhältnisse. Der Nebel wurde immer dichter, und die Tannen rechts und links der Straße bedrohlicher, weit und breit war kein Auto zu sehen, vielleicht hatte Marcus doch Recht, als er sie warnte nicht zu fahren. Aber nun war sie einmal da, sie würde bestimmt nicht umkehren.
Welcher Teufel hatte sie geritten diese Strecke zu nehmen. So alleine wie sie sich nun da oben fühlte, so alleine war sie doch nun wirklich auch so oft, im Leben. Natürlich nach außen hin, hatte sie immer nette Menschen um sich, die Menschen mochten sie, viel Spaß und Freude hatte sie auch. Aber, irgendwie kam es ihr vor, als würde etwas in ihrem Leben fehlen. Lange Zeit war sie in der Welt unterwegs, und es gefiel ihr auch, vielleicht hatte sie ja auch ihre Heimat vermisst. Ja vielleicht, wenn sie mal ganz ehrlich zu sich selbst war, so wusste sie, dass sie in dem Moment als sie von zu Hause auszog auch etwas aus ihr auszog, nämlich ihr wahres Wesen.
Das Ungestüme, Laute, Lachende, Furchtlose. Hatte sie sich womöglich viel zu sehr den anderen Leuten in ihrer Umgebung angepasst? Welche Leute waren denn auch in ihrer nächsten Umgebung, darüber wollte sie gar nicht nachdenken. Jedenfalls waren viele von ihnen Angsthasen, und in ihrer nächsten Umgebung Leute die sehr leicht zu beeinflussen, nein zu manipulieren waren, das trifft es eher, viele von ihnen ließen sich protegieren.
Ihr Mann natürlich ausgeschlossen. Das war ja auch der Grund weswegen sie beide ein solch schweres Leben führten. Denn die Phasen, als sie beide nur Selterswasser tranken überwogen den Zeiten des Champagners.
Ein Blick in den Rückspiegel, ach Gott sei Dank, da war noch ein Auto. Wie gut, nun war sie nicht mehr ganz so alleine da oben. Ganz langsam ging es nun hinunter ins Tal, wo die nächste Stadt da unten lag. Und je tiefer sie kam, desto durchlässiger wurde der Nebel. Womöglich würde da unten schon die Sonne scheinen, denn manchmal, so hatte es den Anschein, als würde sie sich immer mehr gegen den Nebel durchsetzen. Das schönste Wetter erwartete sie da, diese schneebedeckten Hänge, die wunderschönen alten Häuser, die sie an die Architektur Frankreichs, speziell der Hauptstadt erinnerte. Genau so wie das Lebensgefühl, das die Menschen dieser Stadt zelebrierten. Sie fuhr Richtung Stadtzentrum.
Doch da! Der erste Stau. Den würde sie umfahren, denn sie kannte sich hier aus.
Über den Hügel am alten Schloss vorbei, den Weg kannten nur wenige. Als sie noch Kinder waren fuhren sie diesen oft. Denn als Vater so krank war, war das der direkte Weg zu dem Arzt und der Klinik in der er sich für längere Zeit aufhalten musste. Eine schlimme Zeit war das, als Vater diese schrecklichen Schmerzen hatte, und kein Arzt wusste was er hatte.
Doch ein paar seiner Freunde brachten ihn damals mit einem Lieferwagen, in den sie eine Liege gebaut hatten hierher.
Die Ärzte konnten ihm helfen, denn er hatte einen Unfall, der lange Jahre wohl zurücklag, denn Charlotte wusste nichts von ihm. Der damals nicht behandelt wurde, die Schmerzen rührten davon. Als es ihm besser ging, saßen sie im Kaffeehaus nahe des Kasinos Vater und sie beobachteten die eleganten Kurgäste, amüsierten sich über manche Damen, die mit Stöckelschuhen an den Füßen die kiesbedeckten Wege entlang staksten. Mutter hatte ja auch so oft solche Schuhe an, und Vater bekam die Krise, wenn sie immer so hinter her balancierte und das Tempo nicht halten konnte. Aber das Schlimme war, wie ihr immer klarer wurde, dass sie nicht nur beim Laufen ein Problem hatte, wobei die Schuhe die Ursache dessen waren, nein das wirkliche Problem lag darin, dass sie mit dem Denken Probleme hatte. Und da konnte man nun nicht einfach das Schuhwerk wechseln. Am liebsten hätte sie den Tag hier verbracht, auf dem Berg von dem man auf die Dächer der Stadt blicken konnte viele von ihnen hatten schmiedeeiserne Geländer um ihre Schornsteine, wie die Häuser in Paris die an den breiten Boulevards in Paris gebaut waren. In dem Kaffee könnte sie frühstücken, indem sie so oft saß, und auf Vater und ihren Bruder wartete das gegenüber er prächtigen Villa lag, an dessen Fenster, Vaters Arzt, dem riesigen Mann aus Russland, der hinter den hauchdünnen Gardinen stand und ihr zuwinkte. Aber nein, das würde sie heute nicht tun. Es würde ihr auch niemand mehr zuwinken, und am vorbeifahren sah sie vorhin, dass die Fenster des Hauses nicht mehr zu sehen waren, dicke hässliche Rollos hatten sie angebracht und somit das ganze Gebäude verschandelt. Sie hatte auch keine Zeit mehr zu verlieren, sie musste heute zu dieser Bank, und wirklich wichtige Fragen klären.
Blinker rechts, Blinker links. Da war die Hauptstraße, und im Rückspiegel sah sie den Stau, indem die anderen Autos standen. Das Autoradio stellte sie auf eine hohe Lautstärke, nun auf die Autobahn und ab durch die Mitte. Die Überholspur hatte sie für sich reserviert, so fuhr sie mit der großen silbernen Limousine der Bank entgegen. Seit nunmehr zehn Jahren hatte sie die Stadt nicht mehr betreten. Und sie war immer noch so hässlich, wie sie immer war. Diese unmöglichen Bauten, von Architektur hatten die Stadtväter nun wirklich keine Ahnung? Sie wusste ja weswegen die Stadt so aussieht wie sie nun mal aussah. Das hatte einen Grund. Der Mehrheit der Leute, war das nicht bekannt. Nur wenige wussten es. Eine Stadt des Understatements war sie. Das war ihre Geburtsstadt, und sie liebte diese Menschen, die hier wohnen, mit denen sie aufwuchs, und sie liebten sie, vielleicht eben deswegen? Doch wer sie nicht liebte, das wusste sie, den Besuch bei zwei Personen würde sie unterlassen. Ihre Mutter würde sie nicht besuchen, ihren Bruder würde sie nicht besuchen, die beide noch immer in der Stadt lebten. Vater war schon lange von hier weggezogen, jedoch wohin, und wo er war, das wusste sie nicht.
Das Auto parkte sie auf dem selben Parkplatz, den sie damals vor vielen Jahren meist benutzte, wenn sie zur Arbeit in diese Bank ging.
Langsam und vorsichtig ging sie die wenigen Meter in der Fußgängerzone, vereist, rutschig war der Weg. Stand nun vor dem Gebäude, das sich sehr verändert hatte. Ein Glashaus hatten sie um das alte Haus gebaut, einige Geschäfte waren in den Komplex integriert. Die große alte Türe, die in die Bank führte war noch erhalten. Sie schritt hinein, im Innern hatte sich nichts verändert. Der Marmorboden, die großen Säulen, die sich nach oben reckten, die Balustrade. Von der Halle konnte man in die einzelnen Stockwerke schauen und die Schreibtische waren sichtbar, diese durchlässige Architektur hatte ihr immer schon gefallen.
Vor ihr, der Empfang. Eine Dame saß da, mittleren Alters war sie. Die Haare leicht mit grauen Strähnen durchzogen.
"Bitte, was kann ich für Sie tun?"
"Ich benötige eine Beratung bezüglich einer Sparanlage."
"Herr Braun ist dafür zuständig. Wenn Sie einen Moment Platz nehmen. Er wird Sie hier abholen."
"Vielen Dank sehr freundlich. Es hat sich ja nicht viel verändert in den letzten Jahren, nur das Glashaus ist neu."
"Sie kennen die Bank?"
"Ja, schon viele Jahre. Ich habe einmal hier gearbeitet, als Praktikantin."
"Und nun, leben Sie noch hier?"
"Nein schon lange nicht mehr. Kennen Sie noch den alten Direktor Hebbler?"
"Nein, leider nicht, aber das muss ja ein netter Mensch gewesen sein."
"Ja, das war er."
Charlottes Blick wanderte die Säulen empor ins letzte Stockwerk, da war sein Büro die Türe konnte man von hieraus sehen.
"Die Bank wurde vor einiger Zeit an die TTGW Bank verkauft.", sagte die Dame.
"Ach."
"Aber der Neffe von Herrn Direktor Hebbler ist noch im Aufsichtsrat."
"Na dann ist ja noch jemand der alten Familie tätig."
"Ja, aber......"
In diesem Moment trat ein Mann neben sie.
"Braun ist mein Name, Sie benötigen eine Beratung für eine Geldanlage?"
"Korrekt Herr Braun."
Also, ein ungehobelter Typ ist das doch, so dachte sie, sich so von der Seite heranzuschleichen.
"Darf ich Sie bitten in das Büro zu kommen?"
Charlotte folgte ihm.
"Ich beabsichtige für einige meiner Familienmitglieder eine Spareinlage zu tätigen, und benötige hierzu eine Beratung."
"Um wie viel Anleger, würde es sich dabei handeln?"
"Es könnten schon mehrere Tausend sein."
Das Gesicht war bei dieser Aussage nicht wirklich zu beschreiben, einen Finger steckte er in den Kragen seines gestärkten Hemdes und den Hals bewegte er dabei.
"Und an welche Summe haben Sie dabei gedacht?"
"Tja, das ist ja der springende Punkt, es wäre nicht eine einmalige Einlage sonder ein ständig wechselnder Betrag."
"Also wenn das so wäre, wie Sie mir das geschildert haben, so würde ich mal sagen, dass es sich lohnen würde eine eigene Bank zu gründen. Denn das währen ja unglaubliche Summen die gebucht werden müssten. Leider ist es jedoch vom Verwaltungsaufwand für unsere Bank nicht möglich."
"Herr Braun haben Sie nicht gehört was ich Ihnen ganz am Anfang unseres Gespräches gesagt habe?"
"Also auf welchen Punkt sprechen Sie mich denn da genau an."
"Tja, Herr Braun, und das ist es eben, ein Banker muss das können, und Sie können es offenbar nicht, haben Sie schon einmal etwas von Platon gehört?"
"Nein."
"Haben Sie schon einmal etwas von Herrn Prof. Dr. Dr. Geldus, der auf der Universität Harvard, Wirtschaft lehrte, gehört?"
Seine Stirn legte sich in Falten.
"Ja, Ja, den kenne ich."
"Ach, interessant, Platon gab es wirklich, doch Herrn Prof. Dr. Dr. Geldus gab es niemals. Sehen Sie Herr Braun, darum kann die Bank, die ihr Arbeitgeber ist, niemals der richtige Partner für mich sein, um große Geschäfte dieser Art abzuwickeln. Unwissenheit ist keine Schande, aber Dummheit, und falscher Schein, das ist nicht zu verzeihen, das, genau das, hat im verantwortungsvollen Geschäftsleben nichts zu suchen."
Sie stand auf. Brauns Kopf war sehr rot, er rang nach Luft.
"Danke für Ihre Zeit Herr Braun. Das Wort Beratung wäre es gewesen Herr Braun, Beratung!!"
Reichte ihm die Hand.
"Allzeit viel Glück."
Sie ging zur Tür, die Klinke in der Hand, blickte sie noch einmal zurück.
Herr Braun saß am Tisch und schüttelte den Kopf.
"Also so etwas ist mir ja noch niemals passiert. "So hörte sie ihn sagen. Mit festem Schritt ging sie den Gang entlang Richtung Halle, und Kasse. Aus ihrer Handtasche zog sie das Buch heraus. Legte es in die Geldlade.
"Das ist ja ein uraltes Modell. Unsere Sparbücher sehen jetzt ganz anders aus.", sagte der Herr hinter dem Panzerglas.
"Ich hoffe nur, dass das Geld, das da noch drauf, ist sich nicht verändert hat."
Der Kassiere schmunzelte.
"In meinem Computer ist das nicht mehr verzeichnet, einen Moment bitte."
Der Kassierer verließ den Kassenraum, Charlotte stand einige Zeit da, sah sich um, ihr Blick schweifte nach oben. Braun stand am Geländer mit zwei anderen Herren, die drei schauten in ihre Richtung.
So ein Idiot, wenn der wüsste auf was der mich gerade aufmerksam gemacht hat.
Eine geradezu geniale Sache würde das werden. Deshalb wird sie nun, je nach dem wie viel sich in den letzten Jahren angesammelt hat, Geld mitnehmen, und mit diesem Geld einen Spezialisten engagieren. Für den Internetauftritt ihres Unternehmens, das sie nun gründen würde.Der Mann betrat den Raum und legte das Sparbuch in die Lade.
"Ich konnte das nun nachtragen, aber der Aufwand war immens, möchten Sie das Buch nicht lieber auflösen?"
"Also bei Ihrer Bank höre ich immer nur der Aufwand wäre immens. Nein geben Sie mir das Büchlein, ich habe gute Erinnerungen daran, oder muss ich es auflösen?"
"Nein natürlich nicht, aber was wollen Sie denn mit dem alten Ding."
"Vielleicht möchte ich mich an meine Großmutter erinnern? Die darauf eingezahlt hat, und das sich in ihrer Handtasche befand, wie es sich nun in meiner Handtasche befindet!"
Er zog die Augenbrauen hoch.
"Aber wenn Sie nun einmal in einer anderen Filiale von uns Geld abheben möchten, dann können Sie das nicht, nur mit den neuen Büchern geht das."
Der ist aber scharf ein neues Büchlein anzulegen, so dachte sie.
"So Gott will, werde ich das nicht müssen."
"Geben Sie es mir!" Sie öffnete es und es war doch ein ordentlicher Betrag überdies vielen Jahre zusammengekommen.
"Bitte ich möchte 3000,- Euro, ausbezahlt haben."
"Wie Sie wünschen."
Etwas genervt machte er einen handschriftliche Vermerk der Auszahlung in seinen Bericht und in das Büchlein.
