Verlag: epubli Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Kay und Jay - Peter Gnas

Julian Maas kommt über einen Freund, der nicht mit ansehen mag, dass Maas allein lebt, zu einer Tanzschule. Die Inhaberin Karin Späth ist eine außergewöhnliche Frau, in die sich Maas trotz des großen Altersunterschieds verliebt. Eines Tages wird sie Opfer eines schweren Unfalls. Maas glaubt nicht, dass es ein Unfall war. Er hegt einen Verdacht, gegen eine Person. Der Sohn Karin Späths ermittelt auf eigene Faust. Die Person, die Maas verdächtigt hat, verschwindet plötzlich. Ist das ein Fall für das Team um die Kriminalhauptkommissarin Sabrina Hamm?

Meinungen über das E-Book Kay und Jay - Peter Gnas

E-Book-Leseprobe Kay und Jay - Peter Gnas

Kay und Jay

Kriminalroman von Peter M. Gnas

Peter M. Gnas ist 1955 in Bremen geboren und hat dort Kunst studiert. Seit Jahrzehnten arbeitet er selbstständig als Grafik-Designer und Texter in Stuttgart. Kreativität in Wort und Bild tragen ihn durch sein gesamtes Leben. Neben der zielgerichteten schöpferischen Tätigkeit im Marketing arbeitet er frei künstlerisch in Wort und Bild.

Impressum

Deutsche Erstveröffentlichung

© 2018 by Peter M. Gnas

Herstellung und Verlag: Peter M. Gnas

Umschlaggestaltung: Die Zeitgenossen GmbH, Stuttgart

Titelbilder: pixabay.com – xusenru

und Ciker-Free-Vector-Images

Es war sein Freund Philipp Wagener, der ihm empfohlen hatte, in diese Tanzschule zu gehen. Sala nannte sie sich. Geleitet wurde das Sala von einer Frau – Karin Späth – sie sei eine Autodidaktin, hatte Philipp ihm berichtet. Er hatte bei ihr verschiedene Tanzkurse belegt, weil seine Frau begeisterte Tänzerin sei. Er habe lateinamerikanische Tänze, Walzer und Tango Argentino gelernt.

Nun stand Julian Maas in diesem Raum. Es war eine alte Industrieetage, die einen morbiden Charme ausstrahlte. Das einzig Neue war eine saubere, sorgfältig verklebte Tanzfläche von etwa acht mal zehn Metern. Rund um den Tanzboden standen zahlreiche Bistrotische und Stühle. Der Bartresen wirkte, als sei er selbstgebaut. An der Rückwand der Bar prangte eine geschwungene rote Neonschrift – Sala – sie ernannte diesen etwas heruntergekommenen Raum zu einem Saal.

Maas war dreiunddreißig Jahre alt und alleinstehend. Seine Ehe, die er mit Anfang zwanzig eingegangen war, hatte bis vor zwei Jahren gehalten. Sie waren kinderlos geblieben und wurden ohne großartige Konflikte geschieden. Er hatte in den letzten beiden Jahren auf die eine oder andere Weise versucht, eine neue Partnerin kennenzulernen. Er hatte sich mit Arbeitskolleginnen verabredet und Frauen in Bars und Clubs angesprochen. Mehr als kurze Affären hatten sich nicht ergeben.

In seiner Firma, einem Unternehmen, das Computerspiele entwickelte, hatte er eine kurze und intensive Beziehung zu einer Kollegin. Die Verbindung war geprägt von leidenschaftlicher Erotik. Er hatte eine solche Erfahrung noch nicht gemacht. Janina war attraktiv, von ausgeprägt weiblicher Statur und zog, wo sie ging und stand die Blicke der Männer auf sich. Ein Umstand, den er nur schwer aushielt.

Maas war alles andere als ein selbstbewusster Mann. Er war von hoher und schlanker Gestalt und durchschnittlich aussehend. Seine leicht schüchterne Art, sein Interesse für Kunst, Kino und Kultur kamen bei Frauen gut an. Er war spontan und besaß einen ausgeprägtem Sprachwitz. Wenn Frauen ihn kennenlernten, sahen sie in ihm meistens nicht den Liebhaber, sondern eher den Freund und Freizeitpartner. Darunter litt er besonders dann, wenn eine, in seinen Augen, aussichtsreiche Begegnung sich auf einen anderen Mann einließ. Je mehr er sich nach einer Paarbeziehung sehnte, desto verkrampfter verhielt er sich.

Sein Freund Philipp, der seit vielen Jahren in einer stabilen Ehe lebte, lud ihn oft ein oder nahm ihn mit, wenn irgendwo eine private Fete lief. Er lancierte ihn, wann immer es sich ergab, in die Nähe einer alleinstehenden Frau. Das war meistens angespannt von beiden Seiten. Philipp hatte gesagt, dass in der Tanzschule mehr Singles als Paare seien. Dorthin solle er mal gehen.

„Wer bist du?“, fragte Karin Späth, die mit stolzem Schritt auf ihn zukam.

Maas hatte sie nach der Abbildung im Internet sofort erkannt und er erfasste die ganze Person mit einem Blick. Sie war etwas älter als sie auf dem Foto gewirkt hatte. Er schätzte sie auf Mitte Ende fünfzig. Sie war eine schöne Frau, wie er fand. Ihr Haar war halblang und glatt, der dichte Pony reichte bis an die Augenbrauen. Ihr eng anliegendes schwarzes Kleid ließ viel von ihren Beinen frei. Sie trug Schuhe mit hohen Absätzen und bewegte sich darauf sicher. Er bedauerte mitunter die Frauen, die ihren Männer zuliebe auf hohen Absätzen neben ihnen her stolperten. Karin Späth lief auf ihren Absätzen, wie andere Frauen auf Sneakers. Die Ärmel endeten oberhalb des Ellenbogens, ihr linker Arm war bis zum Handansatz tätowiert mit dem Muster von Schlangenhaut. Er hatte es zuerst für ein Teil des Kleides gehalten. Aus dem Kleid ragte am Halsausschnitt ein Schriftblock heraus, der sich bis unter ihr linkes Ohr hochzog. Er wollte nicht so intensiv hinstarren, um den Text zu entziffern. Er war tief beeindruckt, dass eine Frau in ihrem Alter so auftrat. Er kam sich dagegen vor wie ein Spießer.

„Julian Maas“, antwortete er schüchtern.

„Ah, Julian. Ich sag‘ du, oder?“

Er nickte und lächelte. Selbstbewusste Frauen, besonders solche wie sie, machten ihn stets sprachlos. Er schätzte, dass er dämlich wirkte, wie er vor ihr stand und grinste.

„Du bist allein angemeldet?“

„Ääh“, er musste sich aus seinen Gedanken hervorwinden, „ja, allein.“

„Hast du schon einmal Tango Argentino getanzt?“

„Nein.“

„Ist auch nicht nötig, es ist ja der Einsteigerkurs.“

„Gibt es denn eine Tanzpartnerin für mich?“

„Aber ja, die meisten sind allein angemeldet. Ich wechsle die Partner sowieso dauernd. Ich will, dass du später mit jeder Frau tanzen kannst und nicht, dass du dich auf eine Partnerin einschießt.“

„Hoffentlich kann ich das überhaupt lernen.“

„Bestimmt.“

Sie lächelte ihn an, legte ihm die Hand an den Oberarm: „Entschuldige, da kommt die nächste.“

Ihre Berührung löste einen Schauer aus, der ihm den Rücken hinauflief. Er drehte sich um und sah ihr hinterher. Auf der Rückseite des rechten Beins zog sich ein Tattoo in Form einer Art Ranke das Bein von der Fessel nach oben und verschwand unter ihrem Kleid. Er zog die Augenbrauen fast unmerklich hoch.

„Coole Frau, oder?“, drang eine männliche Stimme von links an sein Ohr.

Er fühlte sich ertappt und bemerkte erst auf den zweiten Blick den Mann, der breitbeinig an dem nächstgelegenen Bistrotisch saß.

„Allerdings“, antwortete er und bestätigte sich selbst mit einem anerkennenden Gesichtsausdruck.

Der Mann erhob sich und kam auf Maas zu.

„Ich bin Stefan, alle nennen mich Steve.“

„Ich bin Julian, alle nennen mich Julian“, antwortete Maas und lächelte.

Steve lächelte zurück: „Du bist voll witzig.“

Er war groß, schlank und hatte zurückgekämmte dunkle Haare, die durch Gel ihre Fasson behielten. Er trug eine hautenge Hose, ein weißes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Um den Hals unter dem Kragen hing ein Bolotie – ein Schnürsenkel-Schlips, der von einer gravierten Metallbrosche zusammengehalten wurde. Maas fand diese Art Schmuck affig, gleichzeitig aber faszinierte er ihn. Er hatte selbst schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich einen zu kaufen. Aber wie es stets bei ihm war, hatte er es sich nicht gestattet, einmal etwas Auffälliges zu tragen.

„Bist du auch Anfänger?“, fragte Maas.

Steve lachte: „Nein, ich bin der Assi von Kay.“

„Kay?“

„Karin – jeder nennt sie Kay. Wie das englische K.“

„Vielleicht sollte ich mich Jay nennen. Dann hätte ich auch ein englisches Pseudonym.“

Steve sah Maas einen Augenblick in die Augen. Er war sich nicht sicher, ob dieser Julian ihn veralbern wollte. Erst als Maas lächelte, entspannte sich Steves Mimik.

„Du bist echt voll witzig, Mann.“

„Du bringst uns Männern die Schritte bei?“

„Ne, das macht alles Kay. Ich vertiefe das manchmal, wenn es jemandem schwerfällt. Oder ich springe ein, wenn zu wenig Männer da sind.“

„Ich dachte, beim Tanzen herrscht immer ein Frauenüberschuss.“

„Tango Argentino ist anders. Das ist ursprünglich sogar ein reiner Männertanz gewesen.“

Maas sah ihn skeptisch an.

„Echt Mann. Spanische Männer, die als Gastarbeiter nach Argentinien gezogen waren, um ihre Familien in Spanien finanziell zu unterhalten, haben ihn in ihrer Freizeit als eine Art ritualisierten Zweikampf vorgeführt.“

„Wirklich?“

„Ja Mann. Er wurde immer mehr verfeinert. Später haben einige Zuhälter ihre Damen mit dem Tango vorgeführt. Daher hat er seine erotische Ausstrahlung.“

„Das ist echt interessant, Mann.“

Diesmal merkte Steve nicht, dass Julian ihn auf den Arm nahm.

Kay

Als Maas nach der ersten Unterrichtsstunde nach Hause kam, nahm er sich eine Tüte Kartoffelchips und ein Bier und setzte sich vor den Fernseher. Er schaltete die Programme rauf und runter und ließ schließlich eine Polit-Talkshow laufen. Dabei brauchte er nicht hinsehen und konnte nebenher in sein Tablet sehen.

Er guckte in seinem Facebook-Account, was die Leute, mit denen er vernetzt war, posteten und verlinkten. Das meiste Zeug war Schwachsinn – sie schrieben, wo sie sich aufhielten, was sie aßen und stellten jede Menge Fotos online. Was ihm gefiel, waren Links zu Zeitungsartikeln und Berichten. Dort traf er auf Infos, auf die er sonst nie gestoßen wäre. Er las eine Weile und hörte der Talkshow zu.

Schließlich tippte er in das Suchfeld den Namen Karin Späth. Es gab mehrere – die, die er suchte, erkannte er auf dem kleinen Preview und tippte darauf. Seine Facebookseite war für Fremde nicht einsehbar – ihre war geöffnet. Mehr als vierhundert Personen waren mit ihr verbunden. Maas schob die Unterlippe anerkennend vor und nickte. Er war mit zweiunddreißig Leuten verbunden, zwei Drittel davon Männer.

Er scrollte die Liste mit den Freundschaften hinunter. Bei ihr war das Verhältnis der Geschlechter ausgeglichen. Sie war wohl schon in den ganz frühen Jahren angemeldet. Die Reihe an Posts und die Bildergalerie waren endlos lang. Viele Bilder waren aus Ihrer Tanzschule, Selfies mit Gott und der Welt. Darunter waren zwei Fotos mit Prominenten, die er gleich erkannte: Peter Maffay und Stefan Kretzschmar – beide ebenso tätowiert wie sie.

Er hatte auch schon einmal überlegt, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Er hatte lange nachgedacht, ob es ein Motiv gäbe, das zu ihm gehörte und das sein gesamtes Leben lang Gültigkeit behielte. Er war irgendwann auf die Bedeutung seines Vornamens gekommen: Julian. Das schien zum einen hergeleitet von Julius und zum anderen war es der, der Jupiter geweiht war. Ein Portrait Julius Caesars oder Jupiters, hätten zu seinem Vornamen gepasst. Hätten. Aber er empfand sich weder als Herrscher noch als oberster Gott. Wie üblich in seinem Leben, hatte er sich ein Tattoo verboten.

Kay schien neben dem Tanz auf getunte Autos, Motorräder und deren Besitzer zu stehen. Auf ihrer Seite wimmelte es von solchen Bildern. Junge und ältere Halbstarke mit ausgefallenen Fahrzeugen – Kay stets mittendrin. Sie liebte alles, was schräg war und alle schienen sie zu lieben.

Maas blieb an einem Foto hängen, auf dem Kay auf den Schultern eines tätowierten, glatzköpfigen Muskelprotzes saß, ihr Rock war hochgeschoben, die Beine rechts und links des Glatzkopfes. Er spürte, wie ihn dieses Bild anmachte und zugleich Neid hervorrief. Ein wenig mehr Caesar und Jupiter und er könnte diese aufregende Frau auch auf seinen Schultern tragen. Aber er war kein Held und sein Auto war ein Golf – nicht mal ein GTI.

Ohne nachzudenken, ging er auf ihre Chronik-Seite zurück und schickte eine Freundschaftsanfrage an sie. Er schrieb als Begleittext, dass ihm der Kurs viel Spaß gemacht habe und er sich auf die nächste Woche freue. Hätte er das nicht so unüberlegt getan, hätte er es gar nicht getan.

Was war das, was in ihm vorging? Maas war verstört über seine Gefühle. Kay hatte ihn von der ersten Sekunde an fasziniert. Es war lächerlich, sie hätte seine Mutter sein können. Wieder scrollte er durch die Bildergalerie, wieder blieb er an dem Foto hängen, auf dem sie auf den Schultern des Muskelprotzes abgebildet war. War das ihr Freund oder ihr Mann? Er sah auf das Datum – das Bild war zwei Jahre alt. Er begann, die Galerie erneut durchzusehen. Wenn es ihr Freund war, würde er dessen Gesicht sicherlich mehrmals sehen.

Nach zwanzig Minuten fand er keinen Mann und keine Frau in ihrer Nähe mehr als zweimal abgebildet. Er sah sich ihre Freundesliste an; es war zumindest niemand zu finden, der denselben Nachnamen wie sie trug. Stattdessen fand er diesen Steve. Er nannte sich Danzin‘ Steve. Spinner kamen einfach immer gut an.

Er wusste nicht genau, warum, aber er fühlte sich erleichtert.

Steve

Maas hatte jeden Tag am Abend eine halbe Stunde die ersten erlernten Schritte geübt. Er hatte den großen Spiegel, der im Flur an der Wand hing in seinen Wohnraum gestellt und nach der Musik Astor Piazzollas allein getanzt. Er hatte die Arme so gehalten, als führe er eine Frau. Jeden Tag wurde er sicherer, jeden Tag sah es ein wenig eleganter aus. Er war kein Bewegungstalent. Es gab andere, die eine Schrittfolge sahen und sie sofort nachtanzen konnten – Maas gehörte nicht dazu.

„Hi Steve“, grüßte er.

„Hey“, er suchte einen Augenblick nach seinem Namen, „Jay.“

Er grinste breit: „Alles cool?“

Maas hob beide Daumen wie ein Rennfahrer beim Boxenstopp.

„Du heißt Jay?“, fragte Kay, die den kurzen Dialog mitbekommen hatte.

„Nein, das war ein Ulk“, antwortete Maas, „ich habe gehört, dass aus Stefan Steve wurde und aus Karin Kay. Da habe ich zu Steve gesagt, dass dann doch aus Julian Jay werden könnte.“

„Jay finde ich gut“, sagte sie.

„Jay und Kay. Das ist cool“, ergänzte Steve.

Kay lächelte und klatschte in die Hände: „Jetzt fangen wir an.“

Maas war gespannt, ob er auch in der Lage war eine Tanzpartnerin zu führen. Kay ließ die Paare die Schritte mit wechselnden Partnern wiederholen und beobachtete die Gruppe. Sie korrigierte und lobte. Um einigen zu demonstrieren, wie eine Schrittfolge auszusehen hatte, kam sie auf Maas zu und wiederholte mit ihm die Schritte vom letzten Mal. Maas war wie elektrisiert, als er sie berührte und er war froh, dass er zu Hause so intensiv geübt hatte.

Er konnte nicht mehr daran vorbeisehen: Das, was er für Kay empfand, fühlte sich an wie verliebt sein. Auf Facebook hatte er, nachdem sie seine Freundschaftsanfrage bestätigt hatte, gesehen, dass sie einundsechzig Jahre alt war. Er war also achtundzwanzig Jahre jünger.

Konnte er sie für sich interessieren? Wie sollte er das anstellen? Würde sie ihn ernst nehmen? Sein Freund Philipp, der sich sehr darum sorgte, dass Maas unter Leute kam und eine Frau kennenlernte, hatte ihm geraten, sich für die Frau seiner Wahl ernsthaft zu interessieren, sie zu umwerben und ihr zu schmeicheln. Dann würde sie ihn irgendwann erhören.

Konnte das auch bei einer gestandenen Frau wie Kay funktionieren? Warum nicht, sagte er sich – wenn sie solo ist. Dass sie solo war, danach sah es ja aus. Er würde nach dem Kurs noch eine Weile bleiben und Steve fragen. Vielleicht kam er ja auch noch mit Kay ins Gespräch.

*

„Was tust du so, wenn du nicht Tango tanzt“, fragte Steve.

„Ich bin Informatiker“, antwortete Maas.

„Cool. Und was programmierst du so?“

„Games.“

„Wie Games?“

„Na Spiele eben. Für dein Smartphone und dein Tablet. Und Facebook-Games.“

„Echt? Cool, Mann! Kennt man davon was?“

„Keine Ahnung“, sagte Maas und zog sein Smartphone aus der Tasche.

Er öffnete verschiedene Spiele-Apps.

„Hier Bling Blong. Oder dies, Cat Crew und dies, Lewis Hunter.“

„Das kenn ich“, sagte Steve und deutete auf Maas‘ Smartphone.

„Dein Smartphone ist auch nicht übel, Mann“, schob Steve nach.

„Wir haben immer die neuesten und natürlich auch ältere. Die Spiele müssen ja auf allen laufen.“

„Logisch Mann“, bestätigte Steve, „und du machst das Design und so?“

„Das Design machen die Grafiker, ich mache die Animationen, die Datenbanken, die Kompatibilität und all das Zeug im Hintergrund.“

„Verstehe“, sagte Steve.

„Wirklich?“

„Ne, natürlich nicht. Ich verstehe nur, dass da viel dranhängt.“

„Ja.“

„Da verdienst du wahrscheinlich ’ne Menge Kohle, oder?“

„Geht so. Vielleicht gehe ich in ein zwei Jahren mal für 'ne Weile nach Amerika.“

„Das ist voll cool, Mann.“

„Und du, was machst du?“

„Ich hab‘ tausend Jobs. Dies hier, ein bisschen Statist am Theater, am meisten Kulissenbau am Theater und ein wenig aushelfen beim Tischler – das habe ich ursprünglich gelernt.

„Echt? Daran hatte ich auch mal gedacht.“

„Das is‘ nix, Mann. Da machste nur das, was andere sagen. Türen bauen, Fenster anpassen, selten mal was Kreatives.“

„Das ist bei mir meistens auch nicht sehr viel anders“, sagte Maas.

Kay kam an die Bar: „Na Männer, ihr nehmt noch einen Absacker?“

Maas spürte, dass er wieder schüchtern wurde und kämpfte dagegen an.

„Hier unser Jay, macht Computer-Games“, sagte Steve.

Kay musterte Maas mit einem Blick von den Füßen bis zum Gesicht.

„Na, aus dem Alter solltest du raus sein.“

„Ne, Mann! Er programmiert Spiele – er ist Informatiker.“

„Wirklich?“, erneut musterte sie ihn: „Ich hab‘ noch nie einen Spiele-Programmierer gesehen. Die sehen ja völlig normal aus. Ich dachte immer, die sind fett und futtern den ganzen Tag Pizza und Chips.“

Maas lächelte: „Die gibt es auch.“

„Dann schick‘ sie mal zum Tanzen her, dann fallen die Pfunde.“

„Das hier ist die reale Welt – die verstehen sie nicht.“

Kay lachte laut.

„Und du entwirfst und programmierst dieses Zeugs, das die jungen Männer in ihren miefigen Zimmern festhält.“

„Ich habe es schon zu Steve gesagt, ich mache nur die Technik, nicht das Design“, er sah sie an: „Ist es so, dass du weniger junge Männer hierher bekommst?“

Sie zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht, ob es an den Spielen liegt, auf jeden Fall bleiben die jungen Männer fort. Mein Sohn hat auch ständig am Computer gehangen und gespielt.“

Ihr Sohn. Maas fuhr es in den Magen wie ein Fausthieb. Also war sie doch verheiratet.

„Alle Männer sind dafür anfällig“, sagte Maas, „wahrscheinlich auch dein Mann.“

Er sah sie so harmlos wie möglich an, grinste, als hätte er einen tollen Scherz gemacht und beobachtete ihre Reaktion. Sie lächelte.

„Unsere Kay ist zu wild für einen Typen“, warf Steve ein.

Maas klopfte das Herz: „Eine so attraktive Frau wie du hat keinen Mann?“

„Ich brauche keinen Mann, ich habe doch euch“, erwiderte sie, „außerdem bin ich zu alt für Männer. Die Kerle in meinem Alter glotzen nach den jungen Damen.“

„Dann sind sie weniger klug, als sie sein sollten“, antwortete er und legte den Kopf keck schief.

Einen Moment blickte sie ihm in die Augen und überlegte, ob er sie auf den Arm nehmen wollte. Wieder pochte sein Herz.

„Vielleicht musst du deine Website ein bisschen ansprechender und moderner machen, damit mehr jüngere Leute Tango lernen. Schöne Bilder, ein paar Videos und sowas“, wechselte Maas das Thema und fand es in dem Moment, da er es aussprach, als eine gute Möglichkeit, ihr näher zu kommen.

„Hat Steve auch schon gesagt. Er hat auch einen gefunden, der es billig macht. Das war mir aber immer noch zu teuer. Das gibt das Sala leider im Moment nicht her.“

„Hast du ein paar schöne Fotos und Filme?“, fragte er.

„Ja, aber das allein ergibt ja noch keinen schönen Internetauftritt.“

Diesmal sah Maas sie lange an. Einen Augenblick hielt sie seinem Blick stand, dann verzog sie fragend das Gesicht.

„Wir könnten ja einen Deal machen.“

„Mach’s nicht so spannend.“

„Ich baue dir eine neue Website auf, von mir aus auch ein CMS ...“

„Was ist das?“

„CMS? Das heißt Content Management System. Wenn die Website fertig ist, kannst du selbst neue Bilder, Videos und Texte reinsetzen. Ohne dass du Programmierkenntnisse brauchst.“

„Was ist der Deal?“, fragte sie.

„Die beiden Aufbaukurse für Leute mit Grundkenntnissen und für Fortgeschrittene sind für mich kostenlos.“

„Okay. Aber ohne Haken und Rechnung durch die Hintertür.“

Maas hob zwei Finger zum Schwur: „Großes Indianerehrenwort.“

„Cool“, kommentierte Steve.

Jupiter

Maas kam spät in der Nacht nach Hause, trotzdem war er so aufgekratzt, dass er sich an seinen Computer setzte und nach Tattoo-Studios in Bremen suchte. Er war wild entschlossen, sich tätowieren zu lassen. Dabei war es ihm einerlei, ob er bei Kay eine Chance hatte oder nicht. Er wollte den Jupiter auf seinem Arm sehen.

Er sah sich die Studios, die Artists und deren jeweiligen Stil an. Ein Studio Nähe Hauptbahnhof in der Straße Auf der Brake gefiel ihm gut. Hier gab es vier verschiedene Künstler. Dorthin würde er am nächsten Tag gehen.

Jetzt suchte er nach Bildern, von Jupiterköpfen, die bereits bei anderen tätowiert worden waren. Er hatte sich ein kleines Tattoo vorgestellt – keines der Bilder zeigte jedoch einen kleinen Kopf. Finster dreinblickende Gesichter mit lockigen, wallenden Haaren schmückten Arme, Beine und Körper. Keines der ausdrucksstarken Kunstwerke war kleiner als zwanzig Zentimeter.

Maas suchte verschiedene interessante Strichzeichnungen des obersten Gottes und druckte sie aus. Die würde er mitnehmen.

Bisher hatte niemand in der Tanzschule gesehen, dass er kein Tattoo trug, da er Hemden getragen und die Ärmel nur leicht nach oben geschlagen hatte. Er würde irgendwann, wenn Jupiter seinen Arm schmückte, im T-Shirt zum Tanzen gehen.

Nicole

Nach einigen Tagen hatte Maas eine gestaltete Programmierung für den Internet-Auftritt des Sala fertiggestellt. Er hatte Bilder verschiedener Bildagenturen eingesetzt und auf Videoportalen Filme aus dem Sala entdeckt und eingebunden. Er würde seinen Laptop zur nächsten Unterrichtsstunde mitnehmen.

Wieder hatte er in der vergangenen Woche die erlernten Schritte geübt und die Bewegungen verfeinert. Und er war in der Wochenmitte zu einem Übungsabend ins Sala gegangen. Eine der Frauen, die mit ihm den Kurs besuchten, hatte mit ihm getanzt. Es war furchtbar – sie hatte nicht das geringste Rhythmus-Gefühl und Maas hatte sie beinahe mit Gewalt in die Schritte hineinführen müssen.

Auf die Frau, die sich Nicole nannte, hatte Maas‘ Fähigkeit zu führen, einen starken Eindruck gemacht. Außerdem fand sie, dass er gut aussah und freundlich war. Wann immer er einen Augenblick irgendwo stand oder saß, gesellte sie sich zu ihm.

Maas fiel durchaus auf, dass sie attraktiv war. Sein Kopf und sein Herz waren jedoch blockiert. Er dachte ständig an Kay und wie er an sie herankäme. Trotzdem gelang es Nicole, ihn dazu zu bringen, sie nach Hause zu fahren. Und er ließ sich von ihr einladen, mit in ihre Wohnung zu gehen.

Nicole war klein und schlank, ihr Körper war perfekt proportioniert. Da er schon lange keine körperliche Beziehung zu einer Frau hatte, war er glücklich, dass sie sich ihm so willig hingab. Als er nach einem stürmischen Verkehr seitlich neben ihr lag – den Kopf auf die linke Hand gestützt, erkundete er mit den Fingerspitzen ihre seidenglatte Haut. Es hatte ihm gefallen, aber es stellte sich kein Gefühl für sie ein.

„Du bist ja auch tätowiert“, sagte sie, als sie auf seinen rechten Oberarm sah.

„Wieso auch?“

„Na ja, es sind viele tätowiert, auch Karin und Steve. Bei Karin finde ich es in ihrem Alter eher gewöhnungsbedürftig“, sagte sie und rümpfte die Nase, als ob unerwartet ein schlechter Geruch durch den Raum zog.

„Ich finde sie beeindruckend.“

„Echt? Die ist doch uralt.“

„Alt? Nein“, erwiderte er, schob die Unterlippe vor und schüttelte entschlossen den Kopf, „gar nicht!“

Sie betrachtete ihn von der Seite und überlegte, ob er sie auf den Arm nahm.

„Wer ist das auf deinem Arm?“, fragte sie und richtete sich auf, um sich das Tattoo anzusehen.

„Es ist noch nicht fertig. Ich muss noch einmal hin.“

„Ach, das ist noch ganz frisch?“

„Ja. Es brennt noch ein wenig.“

„Und wer ist das?“

„Jupiter. Es hat mit meinem Namen zu tun.“

„Du heißt doch Jay. Was hat das mit Jupiter zu tun?“

„Ich heiße eigentlich Julian. Nach der Namensbedeutung ist es der, der Jupiter geweiht war.“

„Ach so, Jay ist das englische J.“

„Genau.“

„Hast du das machen lassen, weil Karin tätowiert ist und du sie gut findest?“

Maas fühlte sich ertappt. Um zu verbergen, dass er rot anlief, ließ er sich auf den Rücken sinken und zog sie über sich. Er strich ihr über den Rücken – dieses mal mit mehr Druck. Seine Hände fuhren hinunter auf ihr rundes festes Hinterteil. Er griff zu und knetete. Mit beiden Händen fasste er von hinten zwischen ihre Schenkel und öffnete sie. Nicoles Atem ging schneller und sie begann zu zittern und schlang die Arme um seinen Hals.

Maas, der eher der zurückhaltende Liebhaber war, wunderte sich über ihre heftige Reaktion. War es diese offensive Art, mit der man als Mann Frauen für sich gewann. Schon durch seine kraftvolle Art beim Tanz zu führen, fühlte sie sich zu ihm hingezogen. War seine Zurückhaltung der Grund, weshalb Frauen nicht bei ihm geblieben waren? Es war nicht so, dass er von dieser Situation und der beim Tanzen auf alle anderen schloss, vielmehr schien dieser Moment eine Tür zu einer anderen Selbstwahrnehmung aufzustoßen.

Er fragte sich, wie weit er mit dieser fordernden Art bei ihr gehen konnte. Die eigene Phantasie turnte ihn an. Er fasste ihren Kopf mit beiden Händen und schob ihn hinunter. Sie tat, was er ersehnte.

Für dich

„Wow“, sagte Kay als Maas ihr seinen Entwurf für einen neuen Internetauftritt gezeigt hatte: „Und das willst du fürs Sala programmieren?“

„Fürs Sala, für meine nächsten beiden Kurse und ...“

Er zögerte. Er war bei ihr, anders als bei Nicole, nicht in der Lage forsch aufzutreten. Sie war zu klug, als dass er sie täuschen konnte.

„... und?“

„... und für dich“, sagte er leise.

Kurz sah er ihr in die Augen – um sich vor einer Enttäuschung zu schützen, sah er gleich wieder weg. Als nichts von ihr kam, schaute er auf. Ihr Blick hatte auf den seinen gewartet.

„Das ist nicht dein Ernst!“

Er glaubte, aus ihrem Tonfall eine Spur von Ironie herauszuhören. Es traf ihn.

„Doch.“

„Wie alt bist du, Jay?“

„Alt genug.“

„Sag‘s!“

„Dreiunddreißig.“

Wieder sah sie ihn durchdringend an.

„Nur dass wir uns richtig verstehen: Es gibt Menschen, die halten meine Aufmachung für cool, manche für heiß und andere finden mich billig – das alles ist mir egal. Du solltest mich besser nicht für eine Hure halten, die sich für einen Internetauftritt auf den Rücken legt.“

Maas‘ Gesichtszüge entglitten ihm. Er fühlte sich, als hätte er einen Fausthieb in den Magen erhalten.

„Was denkst du von mir?“, seine Stimme klang empört: „Du hast mich beeindruckt. Ich war noch nie so schnell und so tief von jemandem beeindruckt“, er sah sie mit jungenhaften Augen an: „Kay, was du denkst, stimmt nicht.“