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In der Welt von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit - ob vom impulsiven oder vom in sich gekehrten Typ - herrscht oft große Ratlosigkeit. Die Kinder sind häufig überreizt, überfordert, unkonzentriert oder gelangweilt, so gelingt Lernen nur mit Mühe und Konflikte sind an der Tagesordnung. Nicht selten gerät dabei die ganze Familie an Belastungsgrenzen. Als AD(H)S-Coach, Lehrerin und betroffene Mutter gibt Corinna Stremme unzählige Tipps zur Entlastung in Schule und Familie. Sie erklärt, was es mit dem Konzept der Neurodivergenz auf sich hat, und zeigt Wege zu verborgenen Ressourcen und neuer Zuversicht. "Dieses Buch will Ihnen Wegweiser zur Seite stellen, die helfen können, mit AD(H)S als Familie klarzukommen und Ihr gemeinsames Leben so zu gestalten, wie es Ihnen gefällt." Corinna Stremme
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2026
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Begriffsdschungel: ADHS, ADS, AD(H)S
Fulltime-Job AD(H)S
AD(H)S als Spektrum
Alltagstaugliche Hilfen
1 Wichtige Grundlagen zur Diagnose AD(H)S
Sich der Thematik erstmals annehmen: Ursachen von AD(H)S
Wenn die Vermutung Wahrheit wird: Diagnose AD(H)S
AD(H)S kommt selten allein
Wie geht es weiter: Medikamente oder nicht?
AD(H)S: Krankheit oder Teil eines neurodivergenten Spektrums?
Das Gehirn eines Kindes mit AD(H)S verstehen
2 AD(H)S in der Familie
Streit, Stress und Chaos hinter sich lassen
Der Rest der Familie ist ebenfalls betroffen
Die Partnerschaft pflegen
Erschöpfung (an-)erkennen und Selbstfürsorge betreiben
Eigene Grenzen wahrnehmen, setzen oder erfinden
Neurodivergenz, Einschränkung, Behinderung? Die Stärken stärken!
3 Wie Eltern emanzipiert mit ihrem Kind wachsen
Überaktivität oder innere Unruhe verstehen
Hausaufgaben: Hyperfokus nutzen und Konzentrationsspanne erweitern
Chaos eindämmen und Struktur(en) schaffen
Stress verringern und den Alltag verschlanken
Schlechte Stimmung verscheuchen und ernsthafte Krankheiten erkennen
Vergesslichkeit minimieren und Fokussieren üben
Selbstzweifel und Lustlosigkeit beenden
Mit Selbstüberschätzung umgehen und Masking erkennen
Impulskontrolle verbessern
Freundschaften zu Gleichaltrigen knüpfen und pflegen
Konflikte nutzen und Haltung bewahren
Konsequenzen ziehen und Nachsicht walten lassen
Netzwerke spannen und selbstfürsorglich handeln
Therapien und Familienrehabilitationen nutzen
Beratungsstellen und Coaches ansteuern
Pflegegrade nutzen
4 Mit Lehrkräften im Team zusammenarbeiten
Ärger und Frust in der Schule minimieren
Bei Lehrkräften um Verständnis werben
Den passenden Lernort finden
Klasse und Lehrkräfte sensibilisieren
Allianz zwischen Eltern und Lehrkräften
Handlungsabläufe visualisieren
Selbstkontrolle stärken
Belohnungssysteme pro und kontra
Sekretär:innen statt Schulbegleitungen engagieren
Ruheräume einfordern und schaffen
Echte Integration durch Inklusion
5 Gelassen bleiben bei AD(H)S
Optimismus und Humor in stürmischen Zeiten
Das Hilfsradar: Bilder finden und Hilfe formulieren
Bewegung ermöglichen und Medienzeit überdenken
Der Elf-Punkte-Strategieplan
Serviceteil
Literatur
Bildnachweis
Sachregister
Das Online-Material zum Buch können Sie auf der Homepage des Ernst Reinhardt Verlags unter https://www.reinhardt-verlag.deherunterladen. Auf der Homepage geben Sie den Buchtitel oder die ISBN in der Suchleiste ein. Hier finden Sie das passwortgeschützte Online-Material unter den Produktanhängen. Das Passwort zum Öffnen der Dateien finden Sie im Buch vor dem Sachregister.
Vorwort
Ein Kind mit AD(H)S zu haben, bedeutet heute etwas anderes als zur Erstauflage dieses Ratgebers 2018. Haben wir Coaches und Eltern die Störungs- und Krankheitsbilder lange eindimensional betrachtet, gibt es aktuell immer mehr Kinder und Betroffene im Erwachsenenalter mit der Diagnose AD(H)S, die ihre Neurodivergenz als „Spielart“ innerhalb eines Spektrums sehen möchten und nicht als „Abnormität“.
Ich mag die Sichtweise als Mutter einer selbstbewussten, erwachsenen Tochter, die sich selbst nicht mehr als krank oder schwerbehindert bezeichnet, obwohl medizinische Aktenberge über sie existieren und der Schwerbehindertenausweis in ihrer Handtasche steckt. Sie ist gewachsen, hat sich emanzipiert und mich als Mutter gelehrt: Sie ist gut, wie sie ist.
Das Konzept der Neurodiversität in dieser überarbeiteten Auflage des Ratgebers vorzustellen, ist mir eine Freude. Denn innerhalb dieser Haltung formulieren wir, dass unsere Kinder nicht die kaputte Variante der neurotypischen Version sind. Wir erkennen stattdessen an, dass lediglich ihre andere Denkstruktur verantwortlich ist für ihr Anecken in Kita, Schule und Ausbildung, bleibt die Außenwelt so bestehen und starr, wie sie es zum derzeitigen Moment häufig ist. Das Außen, wie es sich heute weiterhin im Bildungssystem manifestiert, ist zu einem großen Teil verantwortlich für Lernmisserfolge und kontraproduktive Verhaltensweisen unserer Kinder. Oft mutet es an, als wären die Strukturen behindernd und nicht die Menschen selbst eingeschränkt in ihren Möglichkeiten.
Wenn wir die Denkstrukturen unserer Kinder mit AD(H)S pathologisieren, abwerten, bewerten und nur die Norm akzeptieren, werden wir Menschen mit AD(H)S nicht gerecht. Sprechen wir also Ihre Kinder und Sie als Familie von Verantwortung frei? Keineswegs. Aber wir tragen der aktuellen Situation Rechnung und schauen uns das große Ganze an. Das sind uns die Kinder, ihre Lehrkräfte und Eltern wert.
Und deshalb ist es aus meiner Sicht für Sie als Eltern unerlässlich, notwendiges Wissen zu erlangen, um im bestehenden System zurechtzukommen, mit Ihren Kindern zu wachsen und sich als Familie Ihrer selbst zu ermächtigen. Neudeutsch nennen wir das Self-Empowerment.
Sie sind mit Wissen zu AD(H)S, den Diagnosen sowie Bildung und Schule nicht ausgeliefert, auch wenn es sich oft so anfühlt. Ich freue mich, dass Sie dieses Buch in den Händen halten, denn nun können Sie sich selbst durch einen Prozess coachen, der von Emanzipation und Handlungsstärke bestimmt ist und nicht von Hilflosigkeit und Ohnmacht.
Bleiben wir gemeinsam am Ball!
Ihre Corinna Stremme
Gran Canaria im Sommer 2025
Hinweis: Im Folgenden werden die weibliche und männliche Form abwechselnd verwendet. Wo nur eine Form benannt ist, sind in aller Regel alle Geschlechter mit gemeint.
Einleitung
Zu Beginn dieses Buches widme ich mich den verschiedenen Begriffen und Diagnosen im Zusammenhang mit AD(H)S in seinen verschiedenen Ausprägungen. Wir werfen einen ersten Blick auf das Konzept der Neurodiversität, das sich mit der Vielfalt von Wahrnehmungen, Konzentration und Denkstrukturen auseinandersetzt.
Bevor ich herausfand, dass eins meiner drei Kinder unter dem sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (kurz: ADHS) leidet, war mir nicht nur nicht klar, was Eltern von AD(H)S-Kindern tagtäglich leisten, ich hatte keinen blassen Schimmer davon!
Heute ist mir als Mutter einer mittlerweile erwachsenen ADHS-Betroffenen, als Lehrerin, Lerntherapeutin und Familiencoach das Thema Neurodivergenzen (ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung) alltäglich und allgegenwärtig.
Stolperfallen erkennen
Sogenannte „Stolperfallen“ betreffen Familien, die zu mir ins Coaching kommen. Besagte Familien sind u. a. durch schulische Konflikte belastet, wollen ihre Kinder verstehen und möchten lernen, das Umfeld zum Wohle ihrer Kinder zu sensibilisieren. Mein Ansinnen ist es, diese Stolperfallen, die sich für Familien rund um das Thema AD(H)S ergeben, zu erkennen und nicht in sie hineinzutappen. Noch wichtiger ist mir, mit allen Beteiligten ein lebenswertes Leben mit Selbstbewusstsein und Zufriedenheit zu erarbeiten.
Dieser Ratgeber möchte von AD(H)S betroffenen Familien lebenspraktische Unterstützung und Lösungsansätze bieten. Dabei konzentrieren wir uns im Großen und Ganzen auf die Altersspanne der Sechs- bis Zwölfjährigen, also auf die ersten Jahre der Grundschule und die der weiterführenden Schule.
Die Schulzeit der ersten Jahre ist die Zeitspanne, die in der Familie als eine sehr anstrengende wahrgenommen wird. Kinder sind in diesem Alter sowieso schwer zu motivieren, still zu sitzen. Kinder mit ADHS stehen hier oft vor einer kaum lösbaren Situation und die Familien gezwungenermaßen ebenso. Familien mit Kindern aus dem ADS-Spektrum sind nicht mit Hyperaktivität beschäftigt, können der Schule jedoch oft schwer vermitteln, dass das angepasste, pflegeleichte Kind trotzdem unter der Reizüberflutung und der Abwesenheit von ruhigen Momenten leidet und aufgrund der Gehirnstruktur anders lernen dürfen müsste.
Begriffsdschungel: ADHS, ADS, AD(H)S
Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit oder ohne Hyperaktivität wird unterschiedlich benannt. In der Literatur wird Ihnen jede der obigen Abkürzungen begegnen.
Das offizielle amerikanische Diagnostik-Manual Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders beschrieb in der dritten Auflage DSM-3 noch die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) mit und ohne Hyperaktivität. 1994, im Zuge der Revision DSM-4, wurde diese Zweiteilung in ADS und ADHS offiziell aufgehoben, und der Diagnosekatalog ging zur Beschreibung von Subtypen über. Auch im DSM-5 wird seit 2013 in drei Subtypen von ADHS unterteilt: in den vorwiegend unaufmerksamen Typ, in den vorwiegend hyperaktiv-impulsiven und den kombinierten Typus. Die in Europa weit verbreitete International Classification of Diseases der WHO lehnt sich in der aktuellen 11. Revision (ICD-11) an die Einteilung des DSM-5 an.
Dass sich die oben genannten Abkürzungen dennoch halten, liegt daran, dass es begrifflich und stilistisch einfacher und pragmatischer ist, „ADHS und ADS“ zu kommunizieren, als von Subtypen zu sprechen.
Alltagstaugliche Sprache
In diesem Ratgeber verwende ich trotz der Abweichung von offiziellen Diagnosen die Schreibweise AD(H)S, denn besonders Familien von Kindern mit ADS (entspricht dem vorwiegend unaufmerksamen Subtyp ohne Hyperaktivität und wird häufiger bei Mädchen diagnostiziert) fühlen sich sonst oftmals nicht einbezogen – so meine Erfahrung aus der täglichen Praxis und so die Rückmeldung meiner Leser und Leserinnen. Aus diesem Grund sind auch Kinder mit ADS, also vom vorwiegend unaufmerksamen Typ, explizit im Buchtitel genannt.
Die Abkürzung AD(H)S wähle ich immer dann, wenn ich von beiden Formen des Aufmerksamkeitssyndroms spreche. Betrifft das Beschriebene nur Kinder mit ADHS oder nur Menschen mit ADS, weiche ich von dem Überbegriff AD(H)S ab. Die jeweiligen Subtypen würden sprachlich sperrig wirken.
Ich entscheide mich außerdem bewusst für die Bezeichnung des „Syndroms“ statt der „Störung“, weil damit das Phänomen des anders funktionierenden Gehirns stärker in den Fokus rückt, weniger der Krankheitsbegriff. Dies soll der Tatsache Rechnung tragen, dass Familien unterschiedlich (be-)werten, ob das AD(H)S als pathologisch oder im Spektrum der Neurodivergenz als Erscheinungsform einer veränderten Wahrnehmung der Welt bzw. Denkweise gesehen wird.
Hypoaktivität versus Hyperaktivität
Menschen mit Neigung zu Hyperaktivität: Hier geht es um Menschen, die überaktiv sind, Bewegung brauchen oder ihren Drang dazu nicht bewusst steuern können. Dabei wird die Norm als Standard gesetzt im Vergleich zu Gleichaltrigen.
Menschen mit Neigung zur Hypoaktivität: Hier sind Menschen gemeint, die für viele von außen betrachtet zur „Träumerei“ neigen und wohl deshalb als wenig aktiv gelten. Sie befinden sich häufig in ihrer eigenen Welt, in ihrem eigenen Tempo, das für sie selbst nur dann problematisch wird, wenn sie ebenfalls im Vergleich zur Norm betrachtet werden.
Fulltime-Job AD(H)S
Die Nöte oder Eigenheiten, die sich natürlicherweise zu Hause ergeben, sind vielfältig und kristallisieren sich zeitlich noch deutlich vor dem Besuch des Kindergartens heraus. Außerdem kommt AD(H)S selten allein: Das Unvermögen, sich auf Uninteressantes zu konzentrieren, führt nicht selten dazu, dass in Bereichen, in denen Kinder in den ersten Jahren durch Imitieren lernen, erhebliche Defizite entstehen.
Defizite entstehen überall dort, wo sich gleichaltrige Kinder normalerweise Verhalten und Fertigkeiten von anderen abgucken. Oft fehlt AD(H)S-Kindern schlicht die Zeit zum Studieren des Verhaltens Gleichaltriger, der Geschwister oder eigenen Eltern. Das Aufmerksamkeitsthema und alles, was damit zusammenhängt, treibt die Kinder vorwärts und führt zu verzögerter Entwicklung im Verhalten, im Lernen, in der Sprache, im Schreiben und Lesen, um nur einige Problembereiche zu umreißen, bei denen ein Abgucken von Fertigkeiten unumgänglich ist (Stremme 2025c). Letzteres beobachtete ich besonders häufig in meiner früheren Arbeit als Lerntherapeutin für lese- und rechtschreib schwache Kinder und als meine Tochter noch Grundschülerin war.
Teilhabe gelingen lassen
Ich möchte übergeordnet informieren, inwiefern bei Kindern mit AD(H)S sogar eine seelische Behinderung im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention vorliegen kann. Bitte nicht zu verwechseln mit einer geistigen Behinderung, die eine Intelligenzminderung einschließt – hier dürfen wir sensibel und deutlich unterscheiden.
In der UN-Behindertenrechtskonvention wird definiert, wer zu der Gruppe von Menschen mit Behinderungen zu zählen ist. Glaube ich deshalb, weil diese Definitionen auf einige Menschen mit AD(H)S zutreffen können, dass alle Menschen mit AD(H)S behindert sind? Nein! Ich selbst habe mit Sicherheit ein „unentdecktes“ ADS und weiß aus eigener Erfahrung, dass mit dem richtigen Umfeld und der Akzeptanz für eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen, eine Lebensbiographie fern von Diagnosen und Pflegegraden entstehen kann.
Deshalb widme ich mich in diesem Buch außerdem der Frage, ob es Zeit wird, weg von der Pathologisierung von Menschen mit AD(H)S hin zu einem neuen Verständnis zu gelangen: Sich darauf zu einigen, dass die „neurodivergente“ nicht zwingend die falsche, schlechtere Variante von „neurotypisch“ ist.
AD(H)S als Spektrum
Bei AD(H)S ist in der Fachwelt zunehmend von einem Spektrum die Rede – also davon, dass ganz unterschiedliche Ausprägungen von Konzentrationsfähigkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulssteuerung zur ganz normalen Vielfalt dessen gehören, was das menschliche Nervensystem hervorbringt. Diese Vielfältigkeit wird heute auch als Neurodiversität bezeichnet.
Wenn Sie also an manchen Stellen des Buches Abweichungen von Ihrer eigenen Familienrealität erkennen, liegt das an eben diesem Phänomen der Bandbreite, wie sich AD(H)S bei Ihrem Kind zeigen kann.
In der Schule lässt sich dem Thema Hyperaktivität und Unkonzentriertheit aufseiten betroffener Schüler und Schülerinnen mit dem richtigen Handwerkszeug professionell begegnen: Hat man ein Kind mit AD(H)S in der Klasse, rate ich als langjährige Fortbildnerin in der Unterrichtsentwicklung und als didaktische Leiterin der „Childhood Akademie für Neurodiversität“ zuallererst zu einem gut strukturierten Unterricht und dem Entwickeln einer Haltung pro Kind und pro Neurodiversität.
Die Haltung zählt
Neben grundlegender Information zu AD(H)S, ausreichender Professionalität, einem hohen Maß an Konsequenz und gut geplanter Fortbildung gehört zur Zufriedenheit aller ganz gewiss ein gehöriger Schuss Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Außerdem ist eine Lehrperson, die Bindung anbietet, im höchsten Maße ein Gelingensfaktor für die Entwicklung der Kinder, die nicht stromlinienförmig agieren, sondern komplex oder auf Umwegen denken. Das soll jetzt nicht heißen, dass das Unterrichten von AD(H)S-Kindern in der Schule ein Kinderspiel ist – weit gefehlt! Dafür haben wir hier mit unseren Kindern eine der größten Baustellen unseres Lebens. Muss das zwingend so sein? Nicht unbedingt. Dazu in Kapitel 4 (Ärger und Frust in der Schule minimieren) mehr.
Deshalb widmet sich ein Part in diesem Ratgeber der Zusammenarbeit mit Lehrkräften. Ich bitte Sie dort u. a. um einen Per spektivwechsel, um zu verstehen, was die Lehrkräfte von Kindern mit AD(H)S im Hinblick auf die Neurodivergenz Ihres Kindes tagtäglich leisten.
Elternarbeit stärken
Zudem werbe ich für eine klar konzeptionell ausgerichtete Eltern- bzw. Gremienarbeit in der Schule. Sie müssen sich nicht mit den Gegebenheiten an hiesigen Schulen abfinden. Gehen Sie planvoll vor, ich verrate Ihnen wie. Dieser Ratgeber möchte für eine Allianz beider Orte (Elternhaus und Schule/Kita) und beider Parteien werben. Eltern sollen aber allem voran – mit ihrer Lebensaufgabe, ihrem Ärger und Frust und ihrer unendlichen Liebe zum eigenen Kind im Alltag mit hyperaktiven, impulsiven oder unaufmerksamen Kindern – ernst genommen werden. Das hier vorgestellte Konzept soll Ihnen als Eltern konkret helfen, sich im Alltag deutlich weniger allein und der Institution Schule gegenüber nicht (mehr) ausgeliefert zu fühlen.
Allianzen knüpfen
Ohne Allianzpartner geht es nicht. Wenn Eltern und andere Betroffene an einem Strang ziehen und Synergien nutzen, werden sie merken, dass sie im Elternhaus nicht in einen Burn-out oder eine unkontrollierbare Wut oder Hilflosigkeit in Bezug auf Schule rutschen müssen. Eine Gefahr, die leider angesichts jahrelanger Beanspruchung auf Elternseite durch herausfordernde Kinder mit AD(H)S oder herausfordernde Rahmenbedingungen eine klare und ernst zu nehmende Tatsache darstellt. Wir wissen, laut Fachärzten, dass Familien mit AD(H)S zwei- bis viermal so oft von Scheidungen bedroht sind und eine doppelte Wahrscheinlichkeit zu starker Geschwisterrivalität haben (Dammann 2012). So weit soll es in Ihrer Familien nicht kommen.
Strategien nutzen
In diesem Ratgeber soll deshalb ein Elf-Punkte-Strategieplan vorgestellt werden, bei dem ich das Ziel verfolge, im Sinne Ihrer Familie und Ihrer Kinder zu handeln. Sie erfahren u. a., wie durch Bewegung und Sensibilisierung des Umfelds mehr Ruhe ins Haus einzieht. Nur wenn Sie als Eltern vorleben, wie Ruhe und Entspannung gehen, nur wenn ich Sie überzeugen kann, dass Ihre Selbstfürsorge und Ihr Wissen um AD(H)S der Schlüssel zu Ihrem Kind sein werden und wir nicht am Kind „herumlaborieren“ müssen, wird sich ein Alltag einstellen, den Sie sich sicherlich sehnlich wünschen. Dass Ihr Kind und Sie als Familie goldrichtig sind, und Sie dies fühlen können, wünsche ich Ihnen von Herzen.
Der passende Lernort
Nicht zuletzt möchte ich betonen, dass Eltern, die einen Lernort suchen, der alle Kinder begleiten möchte (und im Zuge von echter Inklusion auch wird begleiten müssen), einen Plan brauchen. Entweder wird eine Schule gesucht, die Inklusion lebt, oder man macht sich firm in der Gremienarbeit und wirbt für (seine) AD(H)S-Kinder und deren sinnvolle Integration. Der Ruf nach einer veränderten Schulwelt und einem anderen System wird an dieser Stelle natürlich zu recht in Ihnen wach. 71 % der Lehrkräfte sind von Inklusion überfordert (Robert Bosch Stiftung 2023). Ich nehme mit wachsendem Optimismus wahr, dass sich unsere pädagogischen Fachkräfte endlich trauen, öffentlich über diesen Gefühlszustand der Dauerüberforderung zu reden und sich mitzuteilen.
Alltagstaugliche Hilfen
In diesem Ratgeber geht es um Ursachen, besonders aber um Unterstützung und Netzwerke. Es geht nicht um Argumentatio nen gegen Medikamente, sondern um das Verstehen, warum manche Experten vor „Ritalin & Co“ warnen. Meine Ausführungen zielen auf die Unterstützung Ihres Familiensystems, damit ungünstige Konsequenzen des Syndroms wie erhöhtes Unfallrisiko, höhere Mortalität, höhere Risiken für Depression, Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch, Inhaftierung, schlechtere Schulabschlüsse sowie häufige Ausbildungsplatzwechsel nicht zum Horrorszenario Ihrer Familie werden (Bachmann et al. 2017).
Ich nähere mich diesen Fakten bzw. Ängsten jedoch von der Elternseite, nicht von der Ärzteseite. Als Expertin, die sich in Schule, Lerntherapie, Elternhaus, Vereinsarbeit mit Betroffenen von AD(H)S und als Akademieleiterin mit den Themen von neurodivergenten Eltern und Kindern schon seit Jahrzehnten beschäftigt, sind mir „leb“-bare, sofort einsetzbare Hilfen von Wichtigkeit.
Ich wünsche betroffenen Familien viel Erfolg bei und nach der Lektüre und weiß, dass jede Veränderung, die Sie heute beschließen, das Familienmobile positiv zum Schwingen bringt. Meine Tochter ist mittlerweile erwachsen, und wir sind auf unserem Weg mit kompetenten Menschen und Institutionen sowie den „richtigen“ Entscheidungen aus der Ohnmacht in die Selbstbestimmung gekommen.
Mindset und Reframing
Meine ehemalige Kollegin, Mitbegründerin der Childhood Akademie, Daniela Schmitten, sagt in diesem Zusammenhang immer: „Es können nicht gleichzeitig ein schlechter und ein guter Gedanke gedacht werden“. Wenn wir als Folge dieses Wissens mit all unserer Güte und unserem Glauben daran mitwirken, dass unsere Kinder wegen oder trotz ihres AD(H)S gedeihen werden, dann wird das ihre neue Wirklichkeit. Sie finden diesbetreffend hinlänglich Unterstützung in den nächsten Kapiteln. Die Diagnose gewinnbringend zu nutzen, nachdem Sie sie verarbeitet haben, ist ein möglicher Schritt dabei unter vielen.
Möge Ihrer Familie ein Neustart gelingen! Es ist Ihnen zu wünschen!
1
Wichtige Grundlagen zur Diagnose AD(H)S
In Deutschland gibt es schätzungsweise 530.000 Kinder und Jugendliche mit der Diagnose AD(H)S. Verschiedene Quellen sprechen von 4 bis 4,8% der deutschen Kinder und Jugendlichen mit diesem „Störungsbild“ (Banaschewski et al. 2017, Gawrilow 2023). Dieses Kapitel fasst zusammen, was es über Ursachen, Diagnostik und Medikation zu wissen gibt, und führt den Begriff der Neurodivergenz ein.
Sich der Thematik erstmals annehmen: Ursachen von AD(H)S
AD(H)S gilt als die häufigste Diagnose im Kindesalter und wird in der Fachwelt als „Störungsbild“ bei Kindern und Jugendlichen bezeichnet. Noch bis 2002 hielt sich die Vermutung, AD(H)S verschwände im Erwachsenenalter. Höchstwahrscheinlich ist mindestens ein Schüler in einer Klasse vom Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom betroffen (Hoberg 2023). Eine eigene Studie zur Versorgungssituation von heranwachsenden AD(H)S-Patienten kommt zu dem Ergebnis, dass rund ein Drittel der Heranwachsenden, die schon in der Kindheit von AD(H)S betroffen waren, weiterhin unter AD(H)S-typischen Symptomen leiden. Die Anzahl der undiagnostizierten Fälle im Erwachsenenalter ist nicht zu unterschätzen (Schubert/Lehmkuhl 2017).
Die Häufigkeit von AD(H)S-Diagnosen bei 0- bis 17-Jährigen stieg zwischen 2009 und 2014, während die Vergabe von Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen sank (Bachmann et al. 2017). Seit 2019 kann als Doppeldiagnose auch Autismus gestellt werden. Der Zusammenhang von Trauma und der Diagnose wird außerdem immer deutlicher. Fehldiagnosen werden mit 10–20 % beziffert (Lenhard/Lenhard 2023 und Deutsches Ärzteblatt 2012).
In den letzten Jahren ist eine deutlich sensiblere Herangehensweise subtilere Formen des AD(H)S betreffend zu beobachten. Es ist zunehmend zu bemerken, dass sowohl ADS als auch ADHS bei Mädchen und Heranwachsenden mehr Aufmerksamkeit in Fachartikeln und in der Forschung geschenkt wird. Zu der Thematik des Masking mehr in Kapitel 3 (Mit Selbstüberschätzung umgehen und Masking erkennen).
Genetischer Zusammenhang
Die Ursachen von AD(H)S werden weiterhin beforscht. Wir wissen mit Sicherheit, dass die Hauptursache in einem Ungleichgewicht des Dopamin und Noradrenalin im Gehirn liegt. Mittlerweile wird postuliert, dass die veränderte Funktionsweise des Gehirns zu 60 % bis 100 % auf Vererbung zurückzuführen sei. 60 % der Eltern haben es ebenfalls, Geschwister besitzen eine 2 bis 8fache Wahrscheinlichkeit, es auch diagnostiziert zu bekommen (Groß 2024). Untersucht man bei Kindern mit AD(H)S die Botenstoffe (Neurotransmitter), die unter den Hirnzellen die Verbindungen herstellen, zeigen sich bei den untersuchten Kindern typische Veränderungen (Döpfner et al. 2019b).
Stress und Nikotin, Komplikationen bei der Schwangerschaft und Geburt sowie Verletzungen des Gehirns im Kleinkindalter z. B. durch Stürze vom Wickeltisch können ebenso zur Dysfunktion eines Gehirns führen beziehungsweise das dopaminerge System negativ beeinflussen (Brennecke 2024). Auch Umweltfaktoren bzw. -risiken bestimmen die Entwicklung und Ausprägung von AD(H)S mit (Döpfner et al. 2019b, Gawrilow 2023).
Umweltfaktoren
Mit Umweltfaktoren sind u. a. familiäre Bedingungen und die Qualität von Beziehungen zu Bezugspersonen, die durch erschwerte Erziehungsanforderungen belastet sind, gemeint. Auch unterschiedliche Anforderungen in Schulen und anderen Institutionen gehören dazu.
Während die eben beschriebenen Faktoren AD(H)S in ihrer Ausprägung mal mehr, mal weniger gravierend beeinflussen und nicht im vollen Umfang zur Aufklärung von Zusammenhängen beitragen, steht frühkindliche schwere Vernachlässigung in klar erwiesenem Zusammenhang mit AD(H)S (Banaschewski et al. 2017).
ADHS und Trauma
Der Zusammenhang zwischen ADHS und Trauma wird darüber hinaus immer klarer; und zwar in beide Richtungen. Studien zeigen mittlerweile, dass Menschen aufgrund von vorangegangenen Traumata ADHS entwickeln können. Eine schwedische Studie fand bei Menschen mit ADHS 1,8 mal so oft Zusammenhänge mit traumatischen Erfahrungen wie bei neurotypischen Menschen (Brennecke 2024). Ebenso kann umgekehrt aufgrund der Neurodivergenz ein erhöhtes Risiko für traumatisierende Beziehungen bestehen, weil z. B. die Wahrscheinlichkeit, ausgeschlossen zu werden und Mobbingerfahrungen zu machen, mit einem Gehirn, das anders als bei der Mehrheit funktioniert, recht hoch ist. Für den ursprünglichen Wunsch dazuzugehören, zahlen diese Menschen unter Umständen einen sehr hohen Preis.
Wir erleben außerdem nicht selten, dass Menschen mit Trauma folgestörungen fälschlich die Diagnose ADHS erhalten, weil ihre Symptome denen des ADHS sehr ähneln können (Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit 2023). Aufmerksam wird der Arzt oder die Ärztin besonders dann, wenn Medikamente für ADHS nicht anschlagen oder kontraproduktive oder keine Wirkung haben. In so einem Fall liegt nahe, dass hier andere Ursachen zugrundeliegen und andere Diagnosen zutreffen könnten. Seien Sie aufmerksam und lassen Sie abklären, ob ggf. ein Trauma vorliegt, im Positivfall kann der Leidensweg verkürzt werden, wenn Fachärzte dem „Störungsbild“ den richtigen Namen und dem Kind eine passende Therapie geben können.
Beispiel
Torben (10) ist aggressiv und unaufmerksam. Gibt es auf dem Schulhof eine Schlägerei, ist er mittendrin. Seine Eltern ziehen immer dann um, wenn Pädagogen eine Ahnung bekommen, dass etwas nicht stimmt. Erst Jahrzehnte später im Alter von 43 wird er mit einem Burn-out krankgeschrieben, dann auf eigenen Wunsch hin untersucht und ADHS diagnostiziert. Kein Medikament wirkt. Im Gegenteil: Er erscheint wie auf „Drogen“ und gerät in große Schwierigkeiten in der Ehe und auf der Arbeit. Erst eine einfühlsame Psychologin kommt auf die Idee, dass Torben auf die schwere Kindheit mit einer Traumafolgestörung reagierte und später fälschlich ADHS diagnostiziert wurde. Nach Absetzen des Medikaments und einer Traumatherapie wird das Ausmaß der Traumatisierung deutlich und eine Erklärung für Torben erwirkt, die ihn endlich in die richtige Richtung, hin zu einer Genesungschance lenkt.
Weitere Empfehlungen
Wer weiterführende Informationen zu den neurobiologischen Besonderheiten und der damit einhergehenden besonderen Informationsverarbeitung wünscht, sei auf die DVD mit dem Titel „ADS. Eltern als Coach“ verwiesen: Aust-Claus, E., Hammer, P.-M. (2003): ADS. Eltern als Coach. Das ADS-Elterntraining auf DVD. Das OptiMind® Konzept. OptiMind media, Wiesbaden.
Eine weitere DVD hilft, die Symptomatik der Störung vom eigenen Kind bzw. dessen Charakter abzugrenzen. In „Ronni Rocket“ erfahren Eltern, wie die ADHS besiegt werden kann: Institut für Systemische Therapie Wien (2016): Ronni Rocket. Wie das ADHS siegt und wie es scheitert. Carl Auer, Wien.
Hören Sie sich gerne einmal den Podcast des Forums #innovativeFrauen an, die zum Thema Fehldiagnosen und Traumata Alexandra Lenhard zu Gast hatten: www.innovative-frauen.de/podcast/alexandra-lenhard-adhs. (03.04.2025)
Wenn die Vermutung Wahrheit wird: Diagnose AD(H)S
Bekommt Ihr Kind die Diagnose AD(H)S, heißt das konkret, dass es sich im Vergleich mit einem gleichaltrigen Kind deutlich schlechter konzentrieren kann: Es kann nicht gut still sitzen oder ist scheinbar in seiner eigenen Welt, lässt sich leicht ablenken oder findet nicht alleine in Aufgaben, kann bedingt planend handeln und Wichtiges von Unwichtigem nicht unterscheiden. Es ist impulsiv und hat eine geringe Frustrationstoleranz oder es neigt zu Vereinzelung und Selbstisolation. Es kann Belohnungen, die es sich für seine Handlungen verspricht, schwer aufschieben (Gawrilow 2023). Kritiker des Phänomens AD(H)S relativieren die Begrifflichkeit und sprechen nicht von einer Diagnose, sondern von einer Symptomatik (Saul 2015).
Eine Diagnose anstreben
In der Regel wird erst ab sechs Jahren eine Diagnose vorgenommen. Zuweilen lässt sich das sogenannte „Störungsbild“ schwer von einer Sozialverhaltensstörung unterscheiden (Banaschewski et al. 2017). Die Vermutung, dass es sich bei der Gesamtsymptomatik um AD(H)S handeln könnte, steht meist aber schon deutlich vor dem Besuch der Grundschule im Raum. Das war bei Ihnen vielleicht genauso.
Eine zuvor vermutete Diagnose durch Fachpersonal, die Verdachtsdiagnose, muss letztlich mittels einer professionellen fundierten Diagnostik von einer Facharztpraxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder von einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nachgewiesen werden. Ein Kinderarzt nimmt in der Regel die Überweisung an Fachärzt:innen vor.
Gedächtnis oder Arbeitsspeicher
Die Intelligenz eines Kindes mit AD(H)S kann im Bereich Sprache und im Bereich des logischen Denkens (durchschnittlich) gut sein. Der Intelligenzquotient liegt dann bei Werten von 85 bis 115 oder höher. Die IQ-Punkte in der Arbeitsgeschwindigkeit und beim Arbeitsgedächtnis sind dagegen oft herabgesetzt. Die Kinder erreichen hier häufig 70 bis 84 IQ-Punkte, wobei man bei weniger als 70 IQ-Punkten von einer „Lernbehinderung“ spricht.
Einfach ausgedrückt heißt das: Die Kinder mögen im Grunde in Teilen begabt sein, können ihre (Teil-)Begabung aber nicht ohne Weiteres nutzen. Sie leiden unter einem Aufmerksamkeitsde fizit mit oder ohne Hyperaktivität, das verhindert, dass Wissen verlässlich abgespeichert und/oder in der angemessenen Geschwindigkeit verarbeitet wird (Stremme 2025e).
Beispiel
Benny (9)
