Keep it kraus! - Diana Donkor - E-Book

Keep it kraus! E-Book

Diana Donkor

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Beschreibung

Der Alltag mit krauselockigen Haaren ist nicht immer einfach. Die Suche nach dem passenden Frisör erweist sich oft als schwierig und viele Krauselocken greifen auf Perücken, Weaves oder chemische Glättungscremes zurück, um sich falschen Schönheitsidealen anzugleichen. Selbstzweifel und Unsicherheiten sind die Folgen. Das sorgt dafür, dass sich Menschen mit krausen Haaren nicht wohlfühlen. Mit "Keep it kraus! Das Basisbuch für Krauselocken" wollen die Schwestern Diana und Esther Donkor Abhilfe schaffen. In ihrem Ratgeber teilen sie ihre persönlichen Erfahrungen und bringen Menschen mit krausen Locken nicht nur die Grundlagen der Haarpflege näher - sondern auch eine Extra-Portion Selbstvertrauen. Getreu dem Motto: Keep calm & keep it kraus!

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Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INHALT

ÜBER KRAUSELOCKE®

UNSERE VERWANDLUNG

UNSERE HAARE – LEBENDIGER ALS WIR DENKEN!

KAPUTTE HAARE - EINE TRANSITION BEGINNEN

TRANSITION-TIPPS

DER BIG CHOP: ERFAHRUNGSBERICHTE AUS DER KRAUSELOCKE-COMMUNITY

MÄRCHEN ÜBER UNSERE KRAUSELOCKEN

HAARTYPEN BESTIMMEN

DIE POROSITÄT DER HAARE BESTIMMEN

INHALTSSTOFFE: WARUM SOLLTEN WIR SULFATE, SILIKONE, MINERAL ÖL & CO. MEIDEN?

EIN WERKZEUGKASTEN FÜR UNSERE HAARE

KRAUSE HAARE UND LOCKEN KÄMMEN

DIE HAARWÄSCHE

DIE HAARROUTINE

DIE TIGHTLY-CURLY-METHODE

DIE CURLY-GIRL-METHODE

WASH AND GO

DIE LOC oder LCO-METHODE

DIE RICHTIGEN HAARPFLEGE-PRODUKTE

DO IT YOURSELF – REZEPTE ZUM SELBERMACHEN

NACHTROUTINE

SPITZEN SELBSTSTÄNDIG SCHNEIDEN

KRAUSELOCKEN IM WINTER

KRAUSELOCKEN IM SOMMER

HAARE SCHONEND GLÄTTEN

NATÜRLICHE PFLEGE GEGEN SCHUPPEN UND FETTIGE KOPFHAUT

HENNA ALS NATÜRLICHES FÄRBEMITTEL

KINDERHAARPFLEGE LEICHT GEMACHT

DAS INNERE KIND

SCHNELLE UND EINFACHE BASIS-FRISUR-TIPPS

ERNÄHRUNG UND HAARGESUNDHEIT

DON’T TOUCH MY HAIR! COOLE SPRÜCHE GEGEN GRABSCHER

LAZY DAYS

GLOSSAR

QUELLENVERZEICHNUNG

LESEEMPFEHLUNG

ÜBER KRAUSELOCKE®

I am not my hair

I am not this skin

I am a soul that lives within.1

Kennst du diesen Song? Gesungen wird er von der afroamerikanischen Sängerin India. Arie und ins Deutsche übersetzt bedeuten seine Zeilen: Ich bin nicht mein Haar. Ich bin nicht diese Haut. Ich bin eine Seele, die im Inneren lebt. Und genau diese Worte trafen uns mitten ins Herz, als wir sie zum ersten Mal hörten.

Wir sind die Schwestern Diana und Esther Donkor und freuen uns sehr, dass du dieses Buch in den Händen hältst. Wir haben es geschrieben, weil wir uns in unserer eigenen Jugend genauso ein Buch gewünscht haben. Leider gab es das damals noch nicht und wir mussten lange warten, bis wir das nötige Basiswissen rund um unsere Krauselocken lernten.

Als Töchter eines gebürtigen Ghanaers und einer Deutschen spielte unsere krause Haarpracht Zeit unseres Lebens eine große Rolle. Als wir noch Kinder waren, griffen wildfremde Menschen regelmäßig in unsere Kinderwagen, um uns nach Herzenslust die Lockenköpfe zu streicheln und sogar heute kommt es immer wieder vor, dass man uns ungefragt in die Haare fasst. Sprüche wie: „Kannst du deine Haare überhaupt kämmen?“ oder „Ist das nicht zu warm im Sommer mit solchen Haaren?“ kennen wir zu Genüge. Mittlerweile haben wir gelernt, damit umzugehen – genauso wie mit unseren Haaren. Aber das war nicht immer so.

Unsere Kindheit verlebten wir in den 1990er Jahren. Damals war das Internet noch nicht für jedermann verfügbar, um sich Tipps und Tricks für die Afrohaarpflege zu holen. Dementsprechend aufgeschmissen war unsere Mutter mit der Pflege unserer Krauselocken. Aber auch, wenn unser Vater das Haare-Machen hin und wieder übernahm, freute uns das überhaupt nicht – das Kämmen tat weh und wo unsere Mutter die Zöpfe zu locker flocht und Knoten nicht richtig herauskämmte, zog unser Vater zu fest an den Haaren, sodass wir danach nicht selten unter Kopfschmerzen litten.

Wie froh waren wir, als wir endlich ein Alter erreichten, in dem wir uns eigenständig um unsere Locken kümmern konnten. Anfangs gelang uns das mehr schlecht als recht, aber immerhin hatten wir selbst die Kontrolle. So glaubten wir zumindest. In Wahrheit übernahmen chemische Mittel und Kunsthaare das Kommando über unsere Köpfe.

Zum Glück zog eines Tages das Internet in unser heimisches Wohnzimmer ein und wir entdeckten Webseiten, die sich uns offenbarten wie heilige Grale: es gab tatsächlich Gleichgesinnte da draußen, die herausgefunden hatten, wie wir mit unseren krausen Haaren umgehen konnten ohne zu verzweifeln.

Allerdings gab es diese Infos damals fast nur in den Sprachen Englisch oder Französisch und wir waren jahrelang auf der Suche nach einer deutschsprachigen Plattform, auf der wir uns Ratschläge für den Umgang mit unseren Haaren und zu unserer afrodeutschen Identität holen konnten. Leider mussten wir feststellen, dass wir mit unseren Krauselocken und dem dunklen Teint im vorherrschenden Schönheitsideal unterrepräsentiert waren. Als Begründung hieß es immer wieder, unser Markt sei zu klein, es gäbe zu wenige „von uns“. Das wollten wir nicht hinnehmen – und so entstand KrauseLocke® im Jahr 2011 als einer der ersten deutschsprachigen Blogs, der sich unter anderem mit der Pflege von krausen Haaren und Locken beschäftigt.

Glücklicherweise haben sich die Zeiten geändert. Mittlerweile gibt es zahlreiche Krauselocken die ihre Erfahrungen teilen und wir freuen uns, Teil dieser großen Community sein zu dürfen. Es gibt heute so viele Infos und Trends zur Pflege unserer Haare, dass wir manchmal selber nicht mehr hinterherkommen. Wir sind also keinesfalls ausgebildete Experten in Sachen Haarpflege. Und trotzdem war es uns wichtig, dieses Buch zu schreiben und unsere Erfahrungen zu teilen.

Mit KrauseLocke® richten wir uns auch heute noch an Menschen mit krausen Köpfen und an Menschen mit krausen Gedanken – letztere hat wirklich jede*r! Unsere Devise lautet: egal, wie verschieden wir alle sein mögen – wir verstehen uns! Wir sind alle eins!

Und so liegt es uns am Herzen, neben unseren Erfahrungen in Sachen Haar- und Schönheitspflege auch Themen wie Selbstbewusstsein, Selbstakzeptanz und Selbstliebe anzusprechen. Und genau das soll dieses Büchlein vereinen. Denn wenn du mit dir selbst nicht klarkommst, bringen die besten Haarpflege-Tipps rein gar nichts. Du wirst trotzdem nicht zufrieden sein - das durften wir aus eigener Erfahrung lernen.

Dieses Buch soll dir nicht nur erstes Basiswissen in Sachen Krauselocken-Haarpflege vermitteln, sondern dir eine ganzheitlichere Perspektive auf deine Haare und dich selbst verschaffen. Dies kann dir dabei helfen, entspannt mit dir und dem KrauseLocke-Dasein umzugehen. Getreu dem Motto:

Keep calm & keep it kraus!

1 India.Arie: I Am Not My Hair (2005)

UNSERE VERWANDLUNG

Diana: „Warum hatten sie so ‚schöne‘ Haare und ich nicht?“

Schönheit hatte für mich schon immer einen sehr hohen Stellenwert. Als Kind schlug mein Herz für die beliebten Disney-Prinzessinnen Pocahontas, Arielle und Jasmin aus dem Film Aladin. Lange, glatte und seidige Haare waren ihre Markenzeichen. Indem ich mich ständig mit diesen Zeichentrickvorbildern verglich, lebte ich in einer mir unerreichbaren Illusion.

Später als Teenager kamen Stars wie Beyoncé & Co dazu. Ihre glatten langen Haare verunsicherten mich noch mehr, da die wunderschönen Frauen doch meine Hautfarbe hatten. Warum hatten sie so „schöne“ Haare und ich nicht? Hinzu kam, dass ich mir oft von den unterschiedlichsten Leuten und Mitschülern anhören musste, dass ich merkwürdige Haare habe und ob ich diese überhaupt kämmen kann!?

Jeden Sonntag kämpfte meine Mutter, die sich nicht mit Afrolocken auskannte, mit meinen Haaren, um diese zu „bändigen“. Haare ziepen, Tränen und Kopfschmerzen waren jedes Mal vorprogrammiert. Nach all diesen Strapazen war es mir nie wirklich möglich meine Haare so zu akzeptieren wie sie sind und dementsprechend kam die Liebe zu mir selbst auch viel zu kurz.

Die einzige Lösung, die ich damals für sinnvoll erachtete, war, meine Haare chemisch glätten zu lassen und jeden Tag mit dem heißen Glätteisen zu bearbeiten. Die Folge waren kaputte, abgebrochene, strohige Haarspitzen, die keineswegs glatt und geschmeidig aussahen. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen hielt ich damals für unmöglich. Doch meine Verwandlung begann als die Haare immer kürzer, trockener und strohiger wurden.

Zum Glück war mir meine Schwester Esther schon immer ein Vorbild. Und als sie eines Tages auf den Blog einer afroamerikanischen, jungen Frau stieß, veränderte dies schlagartig den Blick auf unsere Haare. Die Bloggerin Teri LaFlesh2 berichtete von ihrer Transition-Story und diese inspirierte uns so sehr, dass wir den Versuch unternahmen, unsere Haare ebenso natürlich zu tragen. Von nun an forschten wir viel, achteten auf die Inhaltsstoffe der Haarprodukte und experimentierten dementsprechend. Und immer wieder tauchte die Frage auf: was tut unseren Haaren gut und was nicht?

Die ersten Komplimente zu den neuen Hairstyles ließen nicht lange auf sich warten und meine Selbstliebe wurde immer stärker. Trotzdem gab es immer wieder Rückschläge bei dieser zunächst positiven Entwicklung. Ich verglich mich immer noch mit den Mädels in meiner Umgebung und war abhängig von den Meinungen meiner sozialen Kontakte. Auch die Medien dominierten weiterhin mein Unterbewusstsein, indem ich mich von Werbeplakaten und Musikvideos beeinflussen ließ. Ich ging mehrmals in der Woche auf Partys und brezelte mich vorher stundenlang auf, um von außen eine Bestätigung zu bekommen. Auch wenn ich meine Haare nicht mehr chemisch in Form brachte, war ich jedes Mal unsicher und in mich gekehrt, wenn ich mit anderen Menschen zusammen war, weil ich das Gefühl hatte, ich sehe nicht perfekt aus.

Dies ging mehrere Jahre so. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich nicht mehr „die Perfekte“ sein konnte und wollte. Ich bekam die Diagnose Hashimoto, eine Autoimmunkrankheit, die die Schilddrüse betrifft. Nach der Diagnose fing ich an mich mit meinem Lifestyle und meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und mir wurde klar, dass der Druck, den ich mir selbst machte, ein Auslöser für die Erkrankung war. Ich begann die Fassade, die ich mir über viele Jahre hinweg aufgebaut hatte, zu hinterfragen und kam zu der Erkenntnis, dass ich immer nur das getan hatte, von dem ich dachte, dass es von mir verlangt wurde. Meine unsichere Ausstrahlung zog hauptsächlich Menschen und Situationen in mein Leben, die mir meine Abhängigkeit von anderen bestätigten.

Mit Mitte zwanzig entschied ich mich für eine radikale Veränderung. Ich machte eine neue Ausbildung, zog in eine andere Stadt und machte zum ersten Mal das, was ich wirklich tun wollte. Diese Schritte halfen mir bei meiner Transformation und ich lernte: wenn du im Inneren nicht mit dir zufrieden bist, dann macht dein Äußeres dich auch nicht glücklich. Natürlich fällt es mir auch heute noch manchmal schwer mich immer so zu akzeptieren wie ich bin. Aber ich weiß nun, dass die Selbstliebe und Selbstakzeptanz wichtige Schritte für eine positive Lebensgestaltung sind. Dranbleiben lohnt sich!

Esther: „Ich war süchtig.“

Als Kind wurde ich gemobbt – unter anderem wegen meines Erscheinungsbildes und meinen krausen Haaren. Die ließen meine Eltern mir nämlich kurz schneiden, was die Haarpflege erleichtern sollte. Da ich schon immer eher ein Wildfang war, sah ich dann allerdings aus wie ein Junge. Als ich 15 Jahre alt und mein Haar etwas nachgewachsen war, fing ich mit dem Relaxen an. Das erste Mal half mir meine Mutter dabei. Dafür musste ich sie zunächst lange überreden, weil sie natürlich nicht wollte, dass ich meine schönen Haare mit Chemie verhunzte. Ich machte aber ein großes Theater und nervte sie so lange, bis sie mir im Afroshop eine Packung Relaxer kaufte. Widerwillig glättete sie mir die Haare nach Anleitung auf der Packung.

Das Resultat war natürlich nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Haare wurden trocken und brachen ab. Mehr Anerkennung bei meinen Mitschülern erhielt ich auch nicht. Trotzdem hörte ich mit dem chemischen Glätten nicht auf. Als meine Mutter dann endgültig streikte, lies ich mir die Haare fortan von einer Frisörin im Afro-Salon für viel Geld glätten. Das Ergebnis war schon etwas besser als beim Do-it-yourself-Versuch. Zumindest waren die Krausen richtig weg, wenn ich sie zusätzlich mit einem Glätteisen bearbeitete. Nach und nach wurde ich dann aber Relaxer-süchtig und ging regelmäßig zur Frisörin, wenn der Ansatz auch nur ein bisschen kraus nachwuchs.

Leider gefiel meinen Haaren die ganze Prozedur gar nicht. Sie brachen immer weiter ab, aber ich relaxte, färbte und glättete sie weiter – bis sie so geschädigt waren, dass sie immer kürzer wurden.

Mit Anfang zwanzig hatte ich die Nase voll! Meine Haare waren inzwischen total abgebrochen und kurz und ich kam einfach nicht weg von der Relaxerei.

Meine Afro-Frisörin riet mir dann zu einer Weave. Eine Weave ist eine Art der Haarverlängerung, bei der die eigenen Haare zunächst zu Cornrows an die Kopfhaut geflochten werden. Danach werden spezielle Tressen, das sind Haarbänder, an denen Kunsthaar befestigt ist, mit einem Faden an die geflochtenen Zöpfe genäht (Siehe Glossar).

Die Weave war natürlich teurer als das Relaxen. Ich sparte also mein Geld zusammen, kaufte falsche Haare im Afroshop und ließ mir die Haarverlängerung anbringen. Leider hörte die Frisörin nicht auf, meine Haare zu relaxen. „Eh! Deine Haare sind schwierig! Ich muss die relaxen, sonst kommen Knoten!“, sagte sie immer wieder kopfschüttelnd und das reichte meinem ahnungslosen und verunsicherten, früheren Ich damals als Argument.

Ich lief also lange mit relaxten Haaren herum, an denen zusätzlich eine Weave befestigt war! Erst über ein Jahr später wechselte ich die Frisörin. Die Neue schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erklärte, dass man unter der Weave gar nicht relaxen sollte! Eine Weave ist ein Protective Style zum Schutz der eigenen Haare.

Ich ließ mir fast drei Jahre lang regelmäßig eine Weave machen. Seitdem meine Haare nicht mehr geglättet wurden, wuchsen sie auch viel gesünder nach. Nach einiger Zeit machte ich sie mir – bevor ich eine neue Weave bekam – zuhause immer selbst auf, um das Wachstum zu betrachten. So begann ich mich auch nach und nach an den Anblick meines natürlichen Haars zu gewöhnen.

Fast drei Jahre später wagte ich es dann. Nach monatelangen Recherchen zum Natural Hair und nachdem ich mir immer wieder Mut zugesprochen hatte, löste ich meine Weave – und ging nicht mehr zur Frisörin. Ab diesem Tag wollte ich es schaffen mit meinen Haaren, so wie sie aus meinem Kopf wachsen, zurechtzukommen und sie zu lieben. Es war ein tolles Gefühl! Natürlich hatte ich noch relaxte Haarspitzen. Ich schnitt sie nach und nach ab und kaschierte sie, indem ich mir nachts Zöpfe flocht, die, nachdem sie am nächsten Morgen wieder geöffnet wurden, eine Wellenform in die glatten Spitzen brachten.

Trotzdem stellte ich mit der Zeit fest, dass die richtige Haarpflege alleine auf Dauer nicht der Schlüssel für ein gänzlich erfülltes Leben sein konnte. Sie war nur ein erster Schritt und ich bemerkte, dass ich mich lange stark auf Äußerlichkeiten fixiert hatte. Dazu gehören meine Haare und mein Erscheinungsbild. Doch auch mit perfekt gestylten Haaren kann man sich unwohl fühlen und ich trat, neben meiner Haarreise, auch eine Reise in mein Innerstes an.

Zunächst setzte ich die Pille ab und durchlitt ein hormonelles Chaos, das fast zwei Jahre lang anhielt und mich mit Pickeln und trockenen, störrischen Haaren „strafte“. „Strafte“ in Anführungszeichen, weil ich heute weiß, dass wir oft dazu neigen, negativ zu werten, wenn Pickel sprießen oder unsere Haare nicht so aussehen wie wir es uns wünschen. Wir haben ein bestimmtes Bild von uns im Kopf, das auch durch unser Umfeld geprägt ist. Bei all der Fixierung an das Außen, übersehen wir dabei leider oft das zu hinterfragen, was uns bestimmte Symptome sagen wollen.

Nachdem mein Körper sein natürliches hormonelles Gleichgewicht wiederhergestellt hatte, wurde bei mir allerdings eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert. Eine leichte zwar, aber störrisches Haar, brüchige Nägel und Haarausfall waren wieder die Folgen. Hinzu kamen Stimmungsschwankungen und Melancholie. Erneut griff ich zu Hormonen, obwohl mein Arzt sie mir nicht ausdrücklich verordnet hatte. Aber ich wollte die unliebsamen Symptome so schnell wie möglich in den Griff bekommen ohne mich mit den Ursachen für die plötzlich auftretende Krankheit auseinanderzusetzen.

Die neuen Tabletten vertrug mein Körper allerdings nicht. Nachdem ich eines Nachts durch starke Krämpfe aus dem Schlaf gerissen wurde und meine Schwester kurz davor war, einen Krankenwagen zu rufen, machte ich erneut Schluss mit den Hormonen.

Ich begann mich vermehrt mit Themen wie Psychosomatik, Ernährung als Medizin und einem ganzheitlichen Lebensstil auseinanderzusetzen. In diesem Zuge erfuhr ich nicht nur, welche Lebensmittel bei einer Schilddrüsenunterfunktion hilfreich sein können. Ich lernte auch, dass hinter jeder Krankheit auch eine tiefere Bedeutung liegt. Psychosomatisch betrachtet steht die Körperebene der Schilddrüse für die Themen Entwicklung und Reifung. In meinem Fall stand die Unterfunktion meiner Schilddrüse unter anderem für eine „mangelnde Verwurzelung“ und „tiefsitzende Frustration“3. Und ich stellte fest, dass ich jahrelang ein eher fremd- und von außen bestimmtes Leben geführt hatte, dass kaum Raum für eine eigene Entfaltung ließ. Nach meinen traumatischen Mobbing-Erfahrungen hatte ich alles Mögliche getan, um mich meinem Umfeld anzupassen und die Menschen um mich herum zufriedenzustellen. Außerdem war ich in einem Job gelandet, der mir gar keine Freude bereitete. Aber Hauptsache, ich hatte den Erwartungen entsprochen, von denen ich glaubte, dass andere sie von mir hatten.

„Den Sinn des eigenen Lebens innen suchen und finden“4

Ich lebte also ein Leben gegen meine eigene Bestimmung. Das war die Ursache für mein Unwohlsein. Um diese Ursache anzugehen und nicht bloß die Symptome in Schach zu halten, so las ich, war es wichtig, jetzt endlich auf mich und mein Inneres zu hören. Ich musste mich auf mich selbst besinnen. Und das Leben brachte mich zum Yoga und zur Meditation. Ich reiste nach Ghana ins Heimatland meines Vaters, kündigte meinen unliebsamen Job, widmete mich meiner Leidenschaft dem Schreiben und tat endlich die Dinge, die mich erfüllten.

Heute bin ich zufriedener mit meinem Leben als je zuvor. Ich versuche mein Inneres und mein Äußeres in Einklang zu bringen und mich so zu akzeptieren wie ich bin, mit all meinen Macken. Und selbst wenn meine Locken heute mal nicht so wollen wie ich, so kann ich locker bleiben, weil ich ausgeglichener bin.

2 Teri LaFlesh ist Erfinderin der Tightly Curly Method. Mehr Infos gibt es auf: tightlycurly.com

34Rüdiger Dahlke: „Krankheit als Symbol“ (2014) S. 168

UNSERE HAARE – LEBENDIGER ALS WIR DENKEN!

Was sind Haare?

In diesem Buch legen wir das Hauptaugenmerk auf die Pflege unserer krausen Haarpracht. Dabei stellt sich die Frage danach, was Haare überhaupt sind. Die Antwort klingt erstmal ziemlich leblos. In erster Linie sind Haare nämlich abgestorbene Zellen, die aus den sogenannten Haarfollikeln unserer Haut wachsen. Follikel sind kleine Vertiefungen in der obersten Hautschicht, die auch dafür verantwortlich sind, ob das Haar lockig oder glatt ist. Lockiges oder krauses Haar wächst aus ovalen Follikeln. Die Follikel glatter Haare sind rund.

Unsere Haare gehören zu den sogenannten Hautanhangsgebilden und bestehen zu neunzig Prozent aus Keratin - egal ob Krauselocken, Wellen oder glatte Haare. Keratin ist eine Eiweißverbindung, die auch die Hornsubstanz unserer Haut und in den Nägeln bildet und für Elastizität und Festigkeit sorgt. Der Rest des Haars besteht aus Wasser, Pigmenten und natürlichen Fetten. Die Haarwurzel (Bulbus) befindet sich unter der Kopfhaut und versorgt das Haar mit Nährstoffen. Der sichtbare Teil des Haars wird Haarschaft genannt. Ein Haar hat drei verschiedene Hornschichten: die Medulla bildet dabei das Mark des Haares. Der darüber liegende Cortex gibt dem Haar seine Stärke und die Cuticula schützt das Haar als oberste Schuppenschicht.

Auf dem Kopf trägt der Mensch durchschnittlich zwischen 100.000 und 150.000 Haare. Entgegen vieler Erwartungen sind es allerdings nicht die Schwarzhaarigen oder Brünetten, denen hier die meisten Haare aus dem Kopf wachsen. Blonde oder rothaarige Menschen haben meist feineres, dafür aber mehr Haupthaar. Das Haar von Dunkelhaarigen hingegen ist dicker, dafür haben sie weniger davon.

Vor rund 50.000 Jahren war der Körper unseres Vorfahren, dem Homo erectus, fast gänzlich mit dichtem Haar bewachsen. Erst durch die Entdeckung des Feuers, die Erfindung von Kleidung und durch weitläufige Völkerwanderungen passte sich der Körper genetisch an und verlor nach und nach den alten Pelz. Aus dem Homo erectus wurde der Homo sapiens, der Haarverlust verbesserte die Lebensqualität erheblich.5

Heute schützt unser Haupthaar, biologisch betrachtet unsere Kopfhaut vor dem Sonnenlicht. Jedoch sind unsere Haare weit mehr, als tote Zellen, die uns aus dem Kopf wachsen. In Wahrheit haben sie für uns Menschen nämlich eine ziemlich lebendige Bedeutung.

Das Haar als Symbol

„Darstellungskraft, Freiheit, Vitalität, Unbekümmertheit“6 sind nur einige starke Eigenschaften mit denen unser Haupthaar symbolisch in Verbindung gebracht werden kann. Schon die Hippies aus den 1960er und 70er Jahren der westlichen Gesellschaft verstanden diese tiefere Bedeutung und ließen sich die Haare gerne lang und natürlich wachsen – auch als rebellischen Protest gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Zwänge. Parallel dazu etablierte sich in der afroamerikanischen Gesellschaft der sogenannte „Afro“ oder „Afro-Look“. Auch er galt als starkes Statement vor allem in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Slogans wie „Black is beautiful“ wurden durch den Afro unterstrichen, da er sich auch gegen ein vorherrschendes Schönheitsideal richtete. Ähnlich wie es auch heute noch der Fall ist, basierte dieses allgemeingültige Schönheitsideal in Bezug auf die Haarpracht auf glattem und langem Haar.

Typische Frisuren wie Braids oder Cornrows haben bereits eine jahrtausendealte Geschichte hinter sich. In alten afrikanischen Kulturen (zum Beispiel bei den Fula in der Sahel-Region) dienten die geflochtenen Zöpfe nicht nur praktischen oder modischen Zwecken. Je nachdem wie die Zöpfe geflochten und mit Schmuck verziert waren, sagten sie auch etwas über den gesellschaftlichen Status oder die Stammeszugehörigkeit aus. Bestimmte Frisurtypen wurden von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Zeit der Sklaverei hatte erheblichen Einfluss auf die Frisuren vieler afrikanischer Frauen. Bevor man sie als Gefangene auf Sklavenschiffe verschleppte, rasierten die Schlepper ihnen die Haare ab. Die Härte der Sklaverei in Amerika sorgte dafür, dass aus den kunstvollen und bedeutsamen Braids eine schnelle und praktische Frisur werden musste. Zumeist gab es nur an den Sonntagen ein wenig Zeit, um sich von der qualvollen Arbeit zu erholen und sich für die neue Woche zu wappnen. Frisuren mussten daher einfach zu handhaben sein und eine ganze Woche lang halten.

Im 20. Jahrhundert verschlug es eine Vielzahl Schwarzer Frauen im Zuge der großen Migration in die amerikanischen Großstädte. Dort nahmen sie oft Jobs als Hausangestellte an. Braids verkamen allmählich zum Symbol der Rückständigkeit. Man wollte die grausamen Zeiten der Sklaverei hinter sich lassen und die krausen Haare wurden chemisch geglättet oder als Zeichen der Anpassung an die weiße Gesellschaft unter Perücken versteckt. Die Bürgerrechtsbewegungen halfen dabei, dies wieder aufzubrechen.7

Andernorts in Jamaika waren es die Rastafari, die in den 30er Jahren damit begannen, sich sogenannte Dreadlocks (auch Locs oder Dreads genannt) wachsen zu lassen. Diese Frisur entsteht dadurch, dass die Haare nicht mehr künstlich behandelt werden. Gewaschen werden die Dreads möglichst ohne Shampoo oder Seife, sondern nur mit rein natürlichen Produkten. Wichtig für die Rastafari ist es, die Haare in ihrer natürlichen Form zu belassen. Sie werden weder geschnitten noch gekämmt, sodass sie mit der Zeit mehr und mehr verfilzen.

Auch die Dreadlocks stellen eine ganz bewusste Entscheidung gegen das in Jamaika vorherrschende Schönheitsideal dar. Glattes Haar wird als „good hair“ bezeichnet. Lockiges Haar gilt als „bad“, „knotty“ oder „nappy hair“. Verfilzte Haare wurden in Jamaika zu jener Zeit des Aufkommens der Rastafari als Frisur von Obdachlosen und Wahnsinnigen betrachtet. Da eine solche Frisur Mitgliedern der übrigen Gesellschaft Furcht (engl: dread) einflößen konnte, nannten die Rastas ihre verfilzten Haare Dreadlocks.8

Die spirituelle Bedeutung der Haare

Ziel der Rastafari-Kultur ist die Befreiung aller körperlichen und geistigen Zwänge der Gesellschaft. Sie wollen sich von dieser abheben und sich nicht nach allgemeiner Meinung richten. Die Gesellschaft wird von den Rastafari auch als Babylon bezeichnet. Die in der Rastafari-Kultur vielverwendete Aussage „Dreadlock in a Babylon“ spielt unter anderem darauf an, dass Rastas oft Opfer brutaler Polizeiattacken wurden, bei denen man ihre Dreadlocks abschnitt – ein großer Identitätsverlust für einen Rastafari. Tief religiöse Rastafari schneiden sich ihre Dreadlocks nämlich niemals. Sie identifizieren sich mit den biblischen Nasiräern, welche unter anderem den Eid schworen, weder Bart noch Haare zu schneiden. Je länger die Dreadlocks, umso größer die spirituelle Reinheit, Hingabe und Intensität der biblischen Lebensweise. Sogenannte Tams (Strickmützen, oft in den Farben rot, grün und gelb) und Turbane (häufig von den sogenannten Bobo-Dreads getragen) sollen unter anderem dazu dienen, die Dreadlocks in der Öffentlichkeit vor verunreinigenden Blicken zu schützen.

Lange Locs und Afrohaare stehen für spirituelle Vollkommenheit, was sie mit vielen weiteren Völkern und Glaubensrichtung gemeinsam haben. Die Rastafari bezeichnen ihre Dreadlocks auch als Löwenmähne, da sie sich mit dem gleichnamigen Tier identifizieren. Der Löwe steht unter anderem für afrikanisches Selbstbewusstseins, Kraft und Unbesiegbarkeit.

Auf dem afrikanischen Kontinent selbst werden der menschlichen Haarpracht die unterschiedlichsten Bedeutungen beigemessen. Wo sich in modernen, afrikanischen Gesellschaften die Frisuren heute eher an der Mode orientieren, so steht die Haarpracht und die Art wie diese frisiert ist bei vielen traditionellen Naturvölkern symbolisch für den Familienstand, das Alter, die Fruchtbarkeit oder den Rang in der sozialen Hierarchie des Menschen, der sie trägt. Sehr alte Völker glaubten gar, dass die Haare bei der göttlichen Kommunikation helfen. Diese Ansicht wird auch in spirituellen Kreisen auf der ganzen Welt angenommen. Hier werden die Haare gerne mit Antennen verglichen, die in der Lage sind, Signale und Energien zu empfangen. Dabei stehen vor allem Locken und krause Haare für Vitalität, Leidenschaft, Schönheit, spirituelle Verbindung, Kreativität, Emotionen und dafür, eigene Wege zu gehen.9

Unsere Haare psychosomatisch betrachtet

Die Redewendung „alte Zöpfe abschneiden“ rührt daher, dass Haare spirituell betrachtet auch für unsere Vergangenheit stehen können. Wer mit dieser in Einklang ist, kann sein Haupthaar demnach als Kraftquelle betrachten. Bei den Rastafari und anderen Gruppierungen geht es sogar soweit, dass das Schneiden der Haare aufgrund des Bezugs zur Vergangenheit und Identität verpönt ist. Andere hingegen befreien sich von alten Lastern der Vergangenheit oder beginnen einen neuen Lebensabschnitt, wenn sie sich ihre Haare abschneiden. Buddhistische Mönche beispielsweise verzichten komplett auf das Tragen einer Haarpracht, um sich von Äußerlichkeiten und von der Verbindung zu einem höheren Selbst nicht ablenken zu lassen.

Menschen, die unfreiwillig unter Haarausfall leiden, wird auf psychosomatischer Ebene geraten, mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen und alte Gedankenmuster aufzulösen, um neue Kräfte und innere Ausstrahlung und Schönheit zu entwickeln. Haarausfall wird hier unter anderem auch als Folge von zu vielen männlichen Hormonen und Übersäuerung ausgemacht, die durch einen dauerhaft erhöhten Adrenalinspiegel, falsche Ernährung, Stress, Ängste, Frust und Enttäuschungen entstehen. Vor allem Menschen, die zu streng mit sich sind, „zu wenig freie Entfaltungsmöglichkeiten nutzen; zu kontrolliert und fixiert leben“10 und sich der eigenen Freiheit, Macht und Kraft durch Festgefahrenheit und Kontrolle berauben, sollen zu denjenigen gehören, die unter Haarausfall leiden können.11

Also doch ganz schön lebendig, die Hornzellen, die uns da aus dem Kopf wachsen.

5 Vergleich: Eric Standop: „Haargenau: was Haare über Gesundheit und Persönlichkeit verraten“ (2015) S.27

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