Keep Me Close - Maike Voß - E-Book
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Maike Voß

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Beschreibung

In der Hitze des Spiels wird jede Entscheidung zur Herzensangelegenheit (Pepper & Ridge)

Pepper Hunt hat es geschafft: Sie hat ihren Traumjob als Social-Media-Managerin bei den Richmond Deers ergattert, das Fußballteam, das gerade in die Premier League aufgestiegen ist. Doch Ridge Burton, der neue Star-Torhüter der Deers und ihre erste große Liebe, bringt alles durcheinander. Vor Jahren ließ Ridge sie für seine Karriere sitzen, doch jetzt will er unbedingt ihr Herz zurückzugewinnen. Im Trainingslager flammen ihre Gefühle neu auf. Während Pepper versucht, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren, kämpft sie vergebens gegen die Anziehung zu Ridge an. Doch gibt es eine zweite Chance für die große Liebe?
Spice-Level: 3 von 5

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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2025

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MAIKE VOSS

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

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Originalausgabe 10/2025

Copyright © 2025 dieser Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

Redaktion: Nina Bellem

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-32598-5V002

www.heyne.de

WIDMUNG

Für Mama, weil du mir die Liebe zum Fußball geschenkt hast.

Und für meine Stadt, für meinen Verein. Lebenslang!

PLAYLIST – Keep Me Close

Wonderland – Taylor Swift

Baby – Justin Bieber

I’m Gonna Be (500 Miles) – The Proclaimers

We Are Never Ever Getting Back Together – Taylor Swift

bad idea right? – Olivia Rodrigo

Style – Taylor Swift

Back To December – Taylor Swift

This Love – Taylor Swift

Love Story (Taylor’s Version) – Taylor Swift

VORWORT

2021 wollte ich mit dem Schreiben aufhören. Meine ersten beiden Bücher sind gnadenlos untergegangen, meine Motivation war dahin und zu allem Übel stieg mein Lieblingsverein in die 2. Bundesliga ab.

Ein paar Monate später startete die neue Saison. Trotz des Rückschlags lief mein Team am ersten Spieltag in der 2. Liga auf und ich dachte mir: Wenn die nicht aufgeben, tue ich es auch nicht! Also gab ich mir eine letzte Chance, und die hieß »SIRENS«. Am Ende der Saison stieg mein Team direkt wieder auf – und »SIRENS« bekam einen Vertrag bei Heyne.

2023, während ich an der »SIRENS«-Dilogie arbeitete, reifte eine Idee in mir. Ich wollte Bücher schreiben, in denen es um Fußball geht. Eine Fußball-Romance, nach der ich bisher vergeblich Ausschau gehalten hatte. Genau dort lag jedoch der Knackpunkt: Neues bringt auch ein Risiko mit sich, und meine Agentin riet mir, damit zu warten. Etwas, das ich geflissentlich ignorierte. Deshalb bot ich ihr einen Deal an: Wenn »SIRENS« ein Bestseller wird, muss sie meine Fußball-Romance anbieten und das Risiko mit mir wagen. Sie stimmte zu.

»SIRENS« wurde ein Bestseller, ebenso wie der zweite Band, und meine Fußball-Romance fand ihr Zuhause bei Heyne. Ihr glaubt, die Geschichte ist erfunden? Nein, alles an ihr ist wahr. Ein waschechter Full-Circle-Moment.

Mein Verein stieg ab, als ich abstieg. Er gab mir neuen Antrieb, als ich mich wieder hochkämpfte. Wir feierten gemeinsam, als wir es endlich geschafft hatten. Deshalb ist es nie „nur Fußball“. Dieses Spiel hat mein Leben verändert – und vielleicht auch deins!

KAPITEL 1 Pepper

»Auf die neue Social-Media-Managerin der Richmond Deers!«

Schwungvoll stößt Livie ihr Shotglas gegen meins. Wir kippen den Tequila herunter und beißen schnell in die Zitronenscheiben. Es schüttelt mich, als sich der saure Geschmack in meinem Mund ausbreitet, und wir grinsen uns an. Denn ja: Ich bin verdammt nochmal die neue Social-Media-Managerin der Richmond Deers. Der Club, der vor ein paar Wochen in die Premier League aufgestiegen ist.

Livie streckt die Hand aus und hält mir ein unsichtbares Mikro hin.

»Wie fühlt man sich, wenn der eigene Job plötzlich daraus besteht, einen Haufen verflucht heißer Kerle mit der Kamera zu verfolgen, Pepper?«

»Hey, das ist Arbeit, ich bin keine Stalkerin«, verteidige ich mich.

»Jacke wie Hose, ich hab mir den Kader angesehen und Süße, ich beneide dich. Ehrlich, ich liebe meinen Job als Grafikerin, aber selbst meine Agentur kann es damit nicht aufnehmen.«

Mein Grinsen wird so breit, dass mir die Wangen schmerzen. Ich könnte jetzt sagen, diese Chance zu bekommen, war reines Glück, aber das wäre schlichtweg gelogen. Für diesen Job habe ich mir den Arsch aufgerissen und jede freie Minute geopfert. Erst fürs Studium, dann für einen Haufen unbezahlter Praktika, und ganz nebenbei noch für meinen Cateringjob, um das nötige Geld für meinen Schuhkarton von WG-Zimmer zu verdienen. Alles für diesen einen Moment, in dem es sich auszahlt. Und jetzt ist er da. Ich habe nicht nur einen Job im Social-Media-Bereich ergattert, sondern sogar bei dem Fußballclub, dem ich schon als kleines Mädchen von der Tribüne aus zugejubelt habe. Mit acht Jahren war ich mit meinem Dad das erste Mal bei einem Spiel der Deers, die damals noch in der League One, der dritten englischen Liga, gespielt haben. Ich war dabei, als sie den Sprung in die Championship schafften, und auch, als sie vor ein paar Wochen erstmals in die Premier League aufgestiegen sind. Und jetzt gehöre ich dazu.

Es klingt immer noch zu schön, um wahr zu sein.

Livie beugt sich über den Tresen und winkt dem Barkeeper. »Noch zwei«, ruft sie und leckt sich über die Lippen. Kurz darauf stehen zwei neue Tequila vor uns. Sie reicht mir einen und hält mir ihr eigenes Glas entgegen.

»Pepper, ich bin unglaublich stolz auf dich«, verkündet sie feierlich. »Als deine beste Freundin kann ich mit Fug und Recht behaupten: Ich habe es immer gewusst. Also, lass uns trinken und dich bis zum Morgengrauen feiern!«

Wir kippen den zweiten Tequila herunter, beißen wieder in die Zitronenscheiben und lassen die Gläser samt Schalen stehen. Die Musik wechselt zu einem Ariana-Grande-Song und wir stürmen die Tanzfläche.

Der Beat vibriert in meinem Körper, während ich mich zwischen den anderen Tanzenden bewege. Ich lasse mich komplett davon einnehmen, strecke die Arme in die Luft und genieße die neue Pepper in vollen Zügen.

Vor fünf Jahren hätte ich das nie für möglich gehalten. Das Studium forderte alles an Energie und Zeit, was ich aufbringen konnte, und als wäre das nicht aufreibend genug, wurde mir obendrein zum ersten Mal das Herz gebrochen. Wenn ich an Ridge denke, sticht es noch immer in meiner Brust. Er ist der beste Beweis dafür, dass es besser ist, sich nicht in einen gutaussehenden Sportler zu verlieben, und schon gar nicht in einen talentierten Torhüter.

Die drei Monate mit ihm waren die schönsten meines Lebens. Mit ihm fühlte sich das Leben leicht an, er brachte mich zum Lachen, nahm mir meine Unsicherheiten und der Sex war fantastisch. Eine Liebe auf den ersten Blick, wie aus dem Bilderbuch, doch dann ging alles den Bach runter. Ridge bekam ein Angebot von Lincoln City und ließ mich für seine Karriere sitzen. Vielen Dank, das war’s.

Ein paar Tage später folgte der nächste Schicksalsschlag und Dad sagte mir, dass der Krebs zurück war. Ich hatte also gute Gründe, alles hinschmeißen zu wollen.

Wieso ich es letztendlich nicht getan habe, liegt vor allem an meinem Dad, der mir schwor, mich als Geist zu verfolgen, wenn ich nicht alles dafür tue, meinen Traum zu leben. Er war der Motor, der mich antrieb, seit meine Mutter mich als Baby bei ihm gelassen hatte, um sich anschließend den goldenen Schuss zu setzen. Er war immer für mich da. Egal, ob bei meinem ersten Tag im Kindergarten, in der Schule oder bei meinem ersten Besuch im Stadion. Vor drei Jahren ist er gestorben und ich vermisse ihn wie verrückt. Wer sagt, dass die Zeit alle Wunden heilt, ist ein elender Lügner. Ich würde alles geben, um ihm sagen zu können, dass ich es tatsächlich geschafft habe …

Plötzlich zieht mich Livie in ihre Arme und damit zurück ins Hier und Jetzt. Sie wiegt sich mit mir zur Musik und legt ihre Lippen an mein Ohr.

»Heute wird nicht geweint«, bestimmt sie, lehnt sich zurück und streicht mir das rotbraune Haar aus der Stirn.

»Tut mir leid, es ist nur …«, versuche ich mich zu erklären, doch sie schüttelt den Kopf und wischt mit ihren Fingern vorsichtig unter meinen Augen entlang.

»Du, meine Liebe, fliegst am Montag mit deinem Lieblingsclub ins Trainingslager nach Österreich! Du hast jeden Grund, dich feiern zu lassen. Noch dazu bist du talentiert, fleißig, siehst in diesem Kleid einfach verboten heiß aus und hast es absolut verdient, okay?«

»Livie …«

»Oh nein, du liviest mich nicht. Heute bist du meine Bitch!«

Ich verdrehe die Augen. »Meinetwegen.«

»Sag es«, fordert sie mit strengem Blick und greift nach meinen Händen. Ein neues Lied startet, »Midnight Glow« von meiner Lieblingsband Diamond Desire, und sie dreht mich im Kreis. Gegen meinen Willen muss ich grinsen.

»Okay, ich bin deine Bitch!«

»Das ist meine Pepper!«

Ich lache und merke, wie die Traurigkeit von mir abfällt. Aus genau diesem Grund ist Livie meine beste Freundin. Sie weiß, was ich hören muss, bevor ich es selber weiß, und sie hat recht: Heute Abend sollte ich mich feiern. Weil ich es allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft habe. Weil ich es verdiene, die Erinnerungen an die letzten Jahre eine Nacht lang abzustellen und den Blick nach vorne zu richten. In vier Tagen breche ich nach Österreich auf, nach Innsbruck, und begleite die Deers, mein Team, ins Trainingslager. Das kann mir keiner nehmen.

Dad wäre stolz auf mich, das weiß ich. Und solange ich meinen Prinzipien treu bleibe und mich nicht wieder auf einen Sportler einlasse, kann mir nichts passieren.

Livie und ich machen die Nacht durch, verbringen den darauffolgenden Sonntag verkatert auf der Couch in unserer WG und schauen eine Folge VampireDiaries nach der anderen. Wir gehen beide früh schlafen und als ich Montag aufwache, sind es nur noch zwei Tage bis zu meinem Abflug nach Innsbruck. Mit den Richmond Deers.

Kann mich mal jemand kneifen?

Heute findet die offizielle Übergabe für die Social-Media-Kanäle statt. Ich treffe mich mit Monique Kellerman, der Frau, der ich den Job zu verdanken habe. Monique ist die eigentliche Social-Media-Managerin des Teams, geht jedoch in ein paar Tagen in den Mutterschutz. Solange werde ich sie vertreten. Sie hat mir bereits einen Haufen Unterlagen über den Verein zukommen lasse, sowie alle Informationen über die anstehenden Events und Testspiele, um mich auf meine Aufgaben vorzubereiten. Heute bekomme ich die Zugangsdaten für Instagram, YouTube, TikTok und die vereinseigene App und darf selbst ein Foto und ein Video aufnehmen, um mich bei der Community vorzustellen. Zu sagen, dass ich aufgeregt bin, wäre eine bodenlose Untertreibung.

Kurz vor neun verlasse ich Livies und meine Wohnung und fahre mit der Underground nach Richmond.

Von der Station sind es nur ein paar Minuten zu Fuß und schon von weitem erkenne ich das Vereinsgebäude, das hinter den Bäumen in den makellos blauen Himmel ragt. Erst vor ein paar Tagen habe ich hier meinen Vertrag unterschrieben und mit jedem Schritt werde ich ein klein wenig hibbeliger.

Ich passiere das Tor mit meinem neuen Mitarbeiterausweis und gehe geradewegs auf den Eingang zu, über dem das Logo der Deers prangt: ein rostroter Hirsch auf dunkelblauem Grund, eingefasst in einem Kreisbogen, in dem der Name und das Gründungsjahr des Clubs, 1899, geschrieben stehen. Gänsehaut überzieht meine Arme.

Bis auf den Sicherheitsmann, der mir hinter der Tür zunickt, ist niemand zu sehen, aber das wundert mich nicht. Die Spieler haben alle noch frei und die Büros der Verantwortlichen befinden sich in den oberen Etagen.

Mit dem Fahrstuhl fahre ich in den vierten Stock und gehe den Flur entlang zu Moniques Büro.

Durchatmen, du schaffst das.

Dann klopfe ich.

»Herein!«, dringt es fröhlich durch die geschlossene Tür und ich komme der Aufforderung sofort nach.

»Pepper, schön, dich zu sehen«, begrüßt mich Monique von ihrem Schreibtisch aus. »Ich hoffe, es ist okay, dass ich sitzen bleibe.« Lächelnd tätschelt sie ihren dicken Babybauch.

Der strenge Dutt betont ihre schmalen Gesichtszüge. Über ihrer weißen Bluse trägt sie ein Jackett im Deers-Blau, an dessen Revers ein Pin des Clubs steckt.

»Klar, kein Problem«, erwidere ich, komme näher und gebe ihr die Hand, bevor ich auf dem Stuhl gegenüber von ihr Platz nehme.

»Wie geht es dir?«, fragt sie.

»Gut. Mehr als gut. Ich kann immer noch nicht wirklich glauben, dass ich jetzt hier bin.«

Sie schmunzelt. »Das verstehe ich, du hast ab heute den besten Job der Welt. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gleich mit dir die Übergabe beginnen.«

»Gern.«

»Großartig.«

Monique zieht einen Planer heran und reicht ihn mir. »Hier drin sind alle Termine notiert. Spiele, Trainings und Events abseits des Platzes. Du hast zwar alles auch digital vorliegen, aber mir hilft es, die Übersicht zu behalten. Meine Nummer habe ich auch darin hinterlegt, nur für den Fall, dass etwas ist, ebenso wie die unserer Teammanagerin Allie Weston.«

»Danke«, sage ich und nehme den Kalender entgegen.

»Zusätzlich bekommst du von mir dein Arbeitshandy«, fährt sie fort. »Alle Apps sind aktualisiert und die To-dos für die nächsten Tage eingetragen. Ich dachte, es erleichtert dir den Einstieg ein wenig. In der Galerie sind Fotos hinterlegt, die du nutzen kannst, und auch Templates für Stories und Posts. Zu Saisonbeginn startet außerdem unsere neue Kampagne Deer Cheer, bei der uns eine Influencerin auf ihren Kanälen durch die Saison begleitet, um den Verein medial präsenter zu machen, vor allem bei der jüngeren Zielgruppe. Ihr Name ist Maddie Crown, vielleicht kennst du sie.«

Ich verschlucke mich beinahe an meiner eigenen Spucke. Habe ich gerade richtig gehört?

»Natürlich kenne ich sie«, antworte ich begeistert.

Jeder, der einen Instagram-Account besitzt, kennt sie. Maddie ist eine der erfolgreichsten Influencerinnen Großbritanniens und hat knapp zwei Millionen Follower – zu denen ich mich ebenfalls stolz zähle – und das nicht erst, seitdem ich weiß, dass sie Deers-Fan ist. Sie macht alles, von Mode, Lifestyle bis hin zu Fitness und hat eine beeindruckende Ausstrahlung.

»Hauptsächlich wird sich Sancho aus der Presseabteilung um sie kümmern, er betreut die Kooperation. Er wird sich mit dir absprechen, was dahingehend auf unseren Plattformen geteilt werden soll. Darüber hinaus steht es dir frei, wie viel du zusätzlich für Deer Cheer machen willst. Dafür kannst du Maddie einfach über Instagram anschreiben, sie ist über alles informiert und freut sich auf die Zusammenarbeit mit dir.«

Cool bleiben, Pepper, ermahne ich mich, auch wenn ich innerlich zu kreischen beginne.

Monique schiebt mir das Handy zu. Es ist, als würde ich den Heiligen Gral erhalten. »Hast du bis hierhin Fragen?«

Ich schüttle den Kopf. »Davon hab ich immer geträumt. Ich freue mich darauf, endlich loszulegen.«

»Und ich mich auf den Schwangerschaftsurlaub«, lacht sie und streichelt erneut ihren Bauch. »Der kleine Mann hält mich jetzt schon ordentlich auf Trab. In vier Wochen ist es so weit. Ich bin froh, so kurzfristig noch jemanden gefunden zu haben, dem ich meine Aufgaben zutraue.«

»Dem kann ich nur zustimmen.« Ich lache ebenfalls.

In unserem ersten Gespräch waren Monique und ich sofort auf einer Wellenlänge. In ihr lodert das gleiche Feuer für den Fußball wie in mir, weshalb es mir eher so vorkam, als würde ich mit einer Freundin reden und nicht mit meiner potenziellen neuen Chefin. Sie erzählte mir, dass sie schon seit Wochen nach einer geeigneten Vertretung gesucht hätte, aber keiner der bisherigen Bewerber infrage gekommen war. Entweder haperte es ihnen an Einsatz oder an den nötigen Qualifikationen. Monique wollte jemanden, der alles für das Team gibt, als stünde er mit auf dem Platz, weil jeder Posten innerhalb des Vereins genau das bräuchte: Herzblut und den Willen, für die anderen durchs Feuer zu gehen. Und da ich nicht nur von der Einstellung her mit ihr harmonierte, sondern auch was von meinem Job verstand, matchte es sofort.

Monique händigt mir als Nächstes meine Jahresakkreditierung aus, ein personalisierter Ausweis, der mir Zugang zu allen Bereichen im und um das Stadion herum gewährt. Anschließend widmen wir uns dem Plan für die nächsten Tage und gehen ihn gemeinsam Punkt für Punkt durch. Ich bin dankbar, dass sie sich so viel Zeit für mich nimmt. Das gibt mir Sicherheit. Ich weiß, was ich kann, ansonsten hätte ich mich nicht beworben und Monique mich nicht eingestellt, aber es ist eben auch mein erster richtiger Job. Je mehr Input ich von ihr bekomme, desto besser werde ich sein. Die Stelle ist nämlich befristet, bis Monique zurück ist – und ich habe vor, mich bis dahin unentbehrlich zu machen.

Eine knappe Stunde später sind wir bei den Postings angelangt, die heute und morgen online gehen sollen, bevor Mittwoch der Flieger nach Österreich abhebt und der Content damit ganz in meine Obhut übergeht.

Grinsend zieht Monique einen Hefter aus einem Fach neben sich und tippt bedeutungsschwer darauf.

»Ich weiß, du kennst den Verein in- und auswendig, Pepper. Aber ich habe noch eine kleine Überraschung für dich, bevor Cody dich abholt und ihr für das Vorstellungsvideo ins Stadion rübergeht.«

Cody ist ihr – und ab jetzt auch mein – Assistent.

»Eine Überraschung?«, wiederhole ich und schaue auf den Hefter, dann wieder zu ihr. »Wurde etwa noch jemand Neues verpflichtet?«

»Erraten!« Sie klatscht in die Hände. »Nach dem Abgang von Jackson haben wir zwar erst mit Balfour im Tor geplant, aber kurzfristig umstrukturiert. Balfour ist ein guter Keeper, aber der Coach und die Führungsetage sind zu dem Schluss gekommen, ihm noch etwas Zeit zu geben und lieber jemand Erfahreneres zwischen die Pfosten zu stellen. Jemand, der dem Druck besser standhält.«

Ich nicke. Drew Balfour ist, wenn ich mich recht erinnere, 23, also zwei Jahre jünger als ich. Er ist gut, das hat er letzte Saison in den Spielen, in denen er zum Einsatz kam, bewiesen. Doch die Premier League ist ein anderes Kaliber und der Druck enorm, körperlich wie psychisch. Dass die Verantwortlichen da auf Nummer sicher gehen wollen, ist nur verständlich.

»Wer ist es?«, frage ich neugierig und versuche, die Person auf dem Foto zu erkennen, das durch den milchigen Umschlag schimmert.

Verschwörerisch lächelnd schiebt Monique mir den Hefter zu. »Du kennst ihn bestimmt. Er hat es uns letzte Saison zum Ende hin ordentlich schwer gemacht.«

Endlich schlage ich den Hefter auf, um zu sehen, wer es ist – und mir rutscht das Herz in die Hose.

Ich lese den Namen, hoffe, dass es eine Verwechslung ist. Doch da steht er, schwarz auf weiß.

Das ist doch wohl ein Witz.

»Ridge Burton, frisch von Lincoln City verpflichtet«, verkündet Monique. »Na, was sagst du?«

»Wow«, mache ich und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn mein Magen gerade mehrere Saltos in Folge schlägt.

Ich nehme den Hefter in die Hand und mustere das Foto meines Ex, auf dem er so breit in die Kamera lächelt, dass die Grübchen in seinen Wangen zu sehen sind. Das Grün seiner Augen ist so intensiv, dass man denken könnte, jemand hätte mit Photoshop nachgeholfen – wüsste ich es nicht besser. Der Stoff des Sweaters spannt um seine kräftigen Arme. Die Arme eines Keepers, die nicht nur fantastisch darin sind, Bälle abzuwehren, sondern auch in Umarmungen und …

Ich dränge die Erinnerungen, die an die Oberfläche wollen, zurück. Nicht dran denken, Pepper!

»Wann hat er unterschrieben?«, frage ich.

»Gestern Abend. Er wird die Mannschaft perfekt ergänzen, sein Medizincheck war einwandfrei. Der Post dazu geht heute noch online. Das wird deine erste Aufgabe sein.«

Eine Mischung der unterschiedlichsten Gefühle rast durch mich hindurch und meine Wangen werden heiß.

Ist das eine Art kosmischer Rache, weil ich neulich beim Feiern kurz an ihn gedacht habe? Anders kann ich mir nicht erklären, wieso er ausgerechnet jetzt zu den Deers wechselt. Ausgerechnet dann, wenn ich anfange, hier zu arbeiten. Die letzten Jahre war er durchgehend bei Lincoln City – nicht, dass ich ihn seit der Trennung im Auge behalten hätte, so masochistisch bin ich dann doch nicht veranlagt. Aber vergangene Saison haben wir nun mal gegen Lincoln gespielt und dabei ist er mir gezwungenermaßen aufgefallen. Ganz vielleicht habe ich ihn während des Spiels kurz gegoogelt, aber daran war der Rotwein schuld, den ich intus hatte. Das war’s auch schon.

Scheiße.

Okay, rein logisch betrachtet, ergibt es Sinn. Natürlich tut es das. Selbst ich habe mitbekommen, wie gut er ist, und es ist nur verständlich, dass er sich den Sprung in die Premier League nicht entgehen lässt. Mit seiner Erfahrung als Stammtorhüter ist er dem Druck allemal gewachsen. Aber … trotzdem!

Der klar denkende Teil von mir weiß, es ist nichts Persönliches. Ridge weiß nicht mal, dass ich hier bin. Und doch ist es persönlich. Er hat seine Karriere immer an erste Stelle gestellt und auch nicht davor Halt gemacht, mir für sein Ziel das Herz zu brechen. Und jetzt wird er dafür auch noch belohnt.

Rein sportlich gesehen, hat er es mehr als verdient, meinetwegen.

Aber was das Karma angeht, will ich schreien.

Ich zucke zusammen, als es an Moniques Bürotür klopft und ein Mann mit blondem Haar seinen Kopf hereinsteckt. Cody.

»Hey, seid ihr so weit durch? Ich wollte Pepper für den Video-Shoot abholen.«

»Kein Problem, wir sind hier fertig.« Monique sieht zu mir. »Oder hast du noch Fragen?«

WIESOHABTIHRMEINENEXVERPFLICHTET?

»Nein, alles gut«, antworte ich, schlage den Hefter zu und lege ihn auf den Tisch. »Danke für dein Vertrauen, ich werde dich nicht enttäuschen.«

»Da bin ich mir sicher«, erwidert sie und zwinkert mir zu. »Viel Spaß euch.«

»Du kommst nicht mit?«

Bedauernd schüttelt sie den Kopf. »Mit den geschwollenen Füßen kann ich keine zehn Minuten stehen. Sieh es einfach als Testlauf für das neue Social-Media-Team.«

»Wo sie recht hat«, stimmt Cody zu.

Ich packe den Planer, die Akkreditierung und das Handy in meine Tasche und folge Cody aus dem Büro. An der Tür winke ich Monique nochmal zu, dann geht es rüber zum Stadion, das direkt hinter dem Vereinshauptsitz liegt.

Auf dem Weg fängt Cody sofort an, mich mit Fragen zu löchern. Es ist unübersehbar, wie aufgeregt er wegen der neuen Saison und des anstehenden Trainingslagers ist, und ich lasse mich nur zu gern von seiner Euphorie anstecken. Sie ist eine willkommene Ablenkung. Eine Sache kann sie jedoch nicht verdrängen, die sich seit der Übergabe vehement an meinen Magen klammert: Ridge Burton, mein Ex, ist der neue Torhüter der Richmond Deers.

Es sollte mir nichts ausmachen. Das mit uns ist ewig her. Vermutlich hat er es längst vergessen. Aber es macht mir was aus, weil mein Herz sich noch viel zu gut an ihn erinnert. An seine Stimme, seine Hände, seine Küsse und Berührungen, die Art, wie er mich angesehen hat, wenn wir zusammen waren – und daran, wie weh es tat, als er mich abservierte. Ich habe Monate gebraucht, um mich davon zu erholen, doch ganz losgelassen hat es mich nie.

Das Richmond Park Stadium kommt in Sicht, das direkt an den Park grenzt, dem es seinen Namen verdankt. Wie Wächter ragen die Flutlichtmasten in den graubewölkten Himmel. Meine Schritte klingen dumpf auf dem sandigen Boden, während ich dieses nervöse Flattern in meiner Brust packe und in den hintersten Winkel meiner Gedanken stopfe. Da, wo es einstauben kann und mich nicht weiter stört, bis ich es irgendwann vergesse.

Was kümmert es mich, dass Ridge der neue Torhüter der Deers ist? Ich bin zu weit gekommen, um jetzt den Schwanz einzuziehen. Ich habe zu hart gekämpft und mir diesen Job über Jahre hinweg erarbeitet. Nicht mal er wird es schaffen, mir das zu vermiesen.

KAPITEL 2 Ridge

Sobald die Tinte auf einem Vertrag getrocknet ist, kann man sich eigentlich entspannen. Die Verhandlungen sind abgeschlossen und nichts kann mehr dazwischenkommen. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Seit ich bei den Richmond Deers unterschrieben habe, prickelt mein Körper, als hätte ich vergessen, die Finger aus der Steckdose zu nehmen. Und ich liebe es. Jahrelang habe ich mein Bestes gegeben, um es in die Premier League zu schaffen. Jetzt ist dieser Traum endlich Wirklichkeit.

»Ridge, da bist du ja!«

Prüfend werfe ich einen Blick auf mein Handy.

»Du sagtest neun Uhr. Es ist zehn vor.«

»Und du bist der Letzte, Bruderherz«, tadelt mich Allie und stemmt eine Hand in die Hüfte.

»Jetzt bin ich ja da. Ganz locker.«

Allie verengt ihre grünen Augen, die wir beide von Dad geerbt haben, hakt meinen Namen auf ihrem Tablet ab und lässt es in die Tasche an ihrer Hüfte gleiten. Nur mit Mühe kann ich mir ein Grinsen verkneifen. Während meine Schwester zu der Sorte Mensch gehört, die immer und überall zu früh dran ist, bin ich der Typ kurz vor knapp. Sie kann es nicht leiden, wenn jemand zu spät kommt, und ich habe ein bisschen zu viel Spaß daran, sie damit aufzuziehen. Vor allem, wenn es offensichtlich keinen Grund zur Sorge gibt.

Der Teambus steht mit offenen Türen da und strahlt in den Vereinsfarben Rostrot und Blau. Einige Spieler sitzen schon drin, ich kann ihre Umrisse durch die getönten Scheiben erkennen. Die meisten stehen jedoch, wie ich, noch draußen und vertreten sich die Beine, bevor es zum Flughafen und mit der nächsten Maschine nach Innsbruck geht.

»Hey, du bist Ridge, oder?«, ruft ein Typ mit dunkelblonden Haaren und Sommersprossen und stößt zu uns. Er trägt eine blaue Vereinsjacke mit dem Deers-Logo auf der Brust.

»Der bin ich«, antworte ich.

»Ich bin Dean, der Mann für alles, wenn man so will«, stellt er sich vor und deutet auf meinen Koffer. »Soll ich dir den abnehmen?«

»Gern, danke.«

»Kein Thema. Willkommen im Team, Wonderwall.«

Dean grinst und verschwindet mit meinem Koffer.

Automatisch lächle ich, wegen des Spitznamens, der mir an die Themse gefolgt ist. Die letzten fünf Jahre habe ich jede Sekunde meines Lebens dem Fußball gewidmet, um so gut wie nur möglich zu werden. Auch als ich nur die Nummer zwei bei Lincoln City war, weil ich wusste, dass meine Zeit kommen würde. »Arbeite an dir, geh zum Training und gib dein Bestes«, gab Tom, mein Berater, mir mit auf den Weg. Den Rat habe ich immer beherzigt.

Ein halbes Jahr später verletzte sich der Stammtorhüter bei Lincoln und auch wenn ich mir andere Umstände gewünscht hätte, nutzte ich die Chance. Viereinhalb Jahre gab ich Blut, Schweiß und Tränen, ließ mein Herz auf dem Platz und es zahlte sich aus: Wonderwall.

Es war nicht leicht, mich von Lincoln zu verabschieden, auch wenn ich immer wusste, dass der Verein nur ein Halt auf meinem Weg und nicht die Endstation sein würde. Die lautete immer Premier League. Dass die Deers mir ein Angebot machten, ihr Stammtorhüter zu werden, war, wie Allie es ausdrücken würde, ein Full-Circle-Moment. Ich habe Respekt vor der Aufgabe, die vor mir liegt, aber keine Angst. Schon jetzt bin ich heiß auf unser erstes Spiel, wenn die Saison offiziell in ein paar Wochen beginnt. Der Stoff, aus dem Träume sind.

Hinter Allie erspähe ich Coach Whitmore, der gerade mit Fields, dem Co-Trainer, und Beckett, dem Torwarttrainer, aus dem Bus steigt.

»Ich werd mal den Rest begrüßen«, sage ich.

»In acht Minuten ist Abfahrt«, erinnert Allie mich.

Ich strubble ihr durchs blonde Haar, woraufhin sie mir einen vernichtenden Blick zuwirft, und gehe rüber zu den Trainern.

Whitmore und Fields habe ich letzte Woche bereits kennengelernt, als ich den Vertrag unterschrieben habe. Den Rest der Deers kenne ich teilweise schon von früheren Spielen. Allen voran Isaac, meinen besten Freund, mit dem ich nicht nur meinen Nachnamen teile, sondern schon als Kind zusammen in der Youth League gespielt habe. Er ist seit Jahren Teil der Deers. Kaum war mein Vertrag unterzeichnet, hat er nicht gezögert, mich sofort der Team-WhatsApp-Gruppe hinzuzufügen, die den klangvollen Namen »Deers Gonna Deer« trägt. Ich gehe jede Wette ein, dass dieser auf seinem Mist gewachsen ist.

»Ridge, wie geht’s?«, grüßt mich Whitmore.

»Großartig.« Ich schüttle erst ihm, dann Fields und Beckett die Hand. »Es ist schön, wieder in London zu sein.«

»Das glaube ich dir aufs Wort. Das ist eine tolle Mannschaft, du wirst dich schnell einfinden.«

»Davon gehe ich aus.«

»Dann sind wir uns darin schon mal einig«, erwidert Whitmore zufrieden. »Entschuldige uns, wir haben vor der Abfahrt noch was zu besprechen. Aber wir unterhalten uns später, in Ordnung?«

»Gern«, antworte ich und nicke den dreien zu, bevor sie in den Bus steigen.

Richmond war nicht die einzige Mannschaft, die Interesse an mir hatte. Dass ich letztendlich hier gelandet bin, hatte drei entscheidende Gründe: die Position des Stammtorhüters, meine Heimatstadt London und Allie. Sie arbeitet schon seit der League One für den Club. Aus einem Praktikum wurde ihre erste Festanstellung. Vier Jahre später schmeißt sie als Managerin den Laden und bringt das Team zum nächsten Spiel, oder wie heute, ins Trainingslager. Das letzte Mal, dass wir uns so regelmäßig gesehen haben, war in den Monaten, bevor ich nach Lincoln wechselte.

Bei dem Gedanken schießt mir sofort vorgestern Abend durch den Kopf, an dem ich mich nichtsahnend durch Instagram scrollte und plötzlich ein mir nur zu bekanntes Gesicht in einem Beitrag der Deers auftauchte. Das meiner Ex, Pepper, die laut der Caption die neue Social-Media-Managerin des Clubs ist.

Ich dachte, ich sehe nicht richtig, noch weniger verstand ich, wieso mein Herzschlag auf einmal an Tempo zulegte. Am Tag darauf war die Meldung immer noch da. Ich hatte es also nicht geträumt. Auf dem Bild lächelt sie in die Kamera. Ihre braunen Augen sind warm, die Wangen leicht gerötet, und das Haar reicht ihr bis zur Brust. In den Strähnen verfängt sich das Sonnenlicht und lockt den Rotstich darin hervor.

Wenn möglich, ist sie seit damals sogar noch schöner geworden. Oder mein Gedächtnis ist einfach ziemlich mies.

Unauffällig halte ich nach ihr Ausschau. Schon wieder wird mein Puls bei dem Gedanken an sie schneller, wie kurz vor einem Spiel. Dabei sollte er das nicht. Es ist fucking fünf Jahre her. Aber das war offenbar nicht lange genug, um die Erinnerung an sie verblassen zu lassen.

Das mit Pepper und mir war kurz und intensiv. Ehrlich, so etwas habe ich vorher noch nie gefühlt. Vom ersten Moment an war ich fasziniert und süchtig nach ihr. Damals habe ich nur ihretwegen gezögert, den Vertrag bei Lincoln City zu unterzeichnen, bis Tom ein Machtwort gesprochen hat.

»Als dein Berater empfehle ich dir, das Angebot anzunehmen. Spieler gibt es wie Sand am Meer, aber diese Verträge nicht. Ist dir diese Frau das Risiko wert, noch ein Jahr zu warten?«

Damit hatte Tom einen Punkt.

Pepper und ich hatten drei wundervolle, perfekte Monate. Aber es gab keine Garantie, dass das mit uns halten würde. Noch dazu hatte Tom recht. Das Angebot würde nicht ewig auf mich warten und ob sich ein anderer Verein melden würde, stand in den Sternen. Ich war jung, hungrig darauf, den nächsten Schritt zu machen, und hatte mein Leben lang auf diese Chance hingearbeitet. Also zog ich die nötigen Konsequenzen.

Rückblickend war meine Entscheidung richtig, sonst wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Trotzdem hatte ich lange an der Trennung zu knabbern. Von wegen »Aus den Augen, aus dem Sinn«. Und jetzt führt uns das Schicksal wieder zusammen.

Seufzend gebe ich es auf, nach ihr Ausschau zu halten. Ich weiß nicht mal, warum ich es tue. An ihrer Stelle wäre ich vermutlich nicht scharf darauf, mir zu begegnen. Dennoch bin ich ein bisschen enttäuscht.

»Burton«, ruft Alex Raynott, Abwehrchef, Kapitän und Urgestein des Teams seit der League One. Zusammen mit Co-Kapitän Gigi Baretta kommt er auf mich zu.

»Hey«, begrüße ich sie und wir schlagen ein. »Alles klar?«

»Und ob. Wie fühlt es sich an, im besten neuen Premier-League-Team des Landes zu spielen?«

»Ziemlich großartig«, lache ich.

»Wir sind echt froh, dich mit an Bord zu haben«, meint Baretta. »Auch wenn du uns den Aufstieg auf den letzten Metern schwer gemacht hast.«

»Nur weil ich wusste, dass ihr es auch so schafft.«

»Wie bescheiden.«

Vier Spieltage vor Ende der Saison spielte Lincoln City gegen Richmond. Es war die Partie, die den Aufstieg vorzeitig hätte besiegeln können – und eins meiner besten Spiele. Ein gehaltener Elfmeter und am Ende siegten wir eins zu null, was zur Folge hatte, dass die Deers ihre Aufstiegsparty um ein paar Tage verschieben mussten.

Raynott klopft mir auf die Schulter. »Wie dem auch sei, wir sollten wohl besser einsteigen.«

»Hat Allie euch auch Feuer unterm Arsch gemacht?«, rate ich.

»Erwischt.«

Es wundert mich nicht, dass selbst diese Kerle vor Allie kuschen. Meine Schwester ist vielleicht nur eins sechzig groß, aber jeder Zentimeter davon ist gnadenlos.

Ich folge Raynott und Baretta in den Bus und kann es einfach nicht lassen, auf der Treppe nochmal einen Blick über die Schulter zu werfen, doch Pepper ist nirgends zu sehen.

Ich gehe hinter Raynott und Baretta an den vorderen Reihen vorbei, die für Trainerstab und den Staff reserviert sind. Von Physio, Presse bis Orga ist alles vertreten. Dabei lasse ich den Blick weiter die Reihen entlanggleiten, als ein Kulli klappernd zu Boden fällt und gegen meinen Fuß rollt. Ich bücke mich, um ihn aufzuheben – und sehe plötzlich in zwei warme braune Augen, die aus einer ebenfalls gebeugten Haltung zu mir aufblicken.

Mein Herz setzt einen Schlag aus.

Pepper.

Fuck, meine Erinnerung ist wirklich mies.

Sie zögert, greift dann nach dem Stift und richtet sich auf. Wie in einem Kitschfilm scheinen die Sekunden in Zeitlupe zu vergehen, in denen ich einfach nur dastehe und sie anstarre. Ihr schönes Gesicht, die filigranen Hände und die Deers-Jacke, die ihr wirklich fantastisch steht. Sie hat den kleinen Tisch vor sich aufgeklappt, auf dem ein winziger Laptop und ein Becher von Starbucks stehen. Ein Notizbuch liegt daneben und sie hält ein Handy in der Hand.

»Hey«, höre ich mich sagen.

»Hi.« Sie lächelt kurz und schaut weg.

Sie schaut einfach weg.

Geschäftig tippt sie auf ihrem Handy herum, während ich warte, dass sie noch etwas sagt. Doch nichts.

»Ridge, beweg dich, du blockierst meinen Platz.«

Allies liebliche Stimme, die hinter mir ertönt, reißt mich aus meiner Starre. »Ach, hast du das neuste Mitglied unseres Social-Media-Teams schon kennengelernt?«, fragt sie und schiebt sich neben mich. »Darf ich vorstellen: Pepper Hunt.«

»Freut mich«, sage ich und gebe ihr die Hand, als würde ich sie gerade das erste Mal treffen. »Ridge Burton.«

»Schön, dich kennenzulernen.«

Ein Blitz schießt meinen Arm empor, als Pepper ihre Finger um meine schließt. Ihre Haut ist weich und strahlt die gleiche Wärme aus, die auch in ihren Augen liegt.

Für eine Sekunde ist sie nicht mehr Pepper, sondern Pepp. Ich bin wieder 20 und sehe sie zum ersten Mal auf der Dachterrasse des Skylight. Ihre herrlichen Kurven umschmeichelt von einem kleinen Schwarzen und ein fast leeres Glas in der Hand, während hinter ihr die Sonne am Horizont versinkt. Ich war mit meinen Freunden da, aber den ganzen Abend wanderte mein Blick zu ihr, bis mich einer meiner Kumpels anstieß und aufforderte, sie endlich anzusprechen.

»Hi, wie geht’s?«, begrüßte ich sie, wobei mir das Herz bis zum Hals schlug. Dabei war ich normalerweise nicht auf den Mund gefallen.

»Hey«, erwiderte sie. Das Licht der untergehenden Sonne spiegelte sich in ihren Augen.

»Ich bin Ridge.«

»Pepper.« Sie lächelte. Verdammt, dieses Lächeln.

»Sorry, ich weiß nicht, wie man das richtig macht, aber … darf ich dir vielleicht einen Drink ausgeben?«

Sie zögerte und ich bereitete mich innerlich schon auf eine Abfuhr vor. Dann zuckte sie mit den Schultern.

»Wieso nicht? Ich glaube, mein Date kommt heute nicht mehr.«

»Oh, ich wusste nicht, dass du verabredet bist.«

»Versetzt trifft es eher. Immerhin muss ich den Abend so nicht mehr allein verbringen. Ridge…« Fragend sah sie mich an.

»Burton«, half ich ihr.

»Ridge Burton.« Sie gab mir die Hand. »Ich bin Pepper Hunt. Und wenn du willst, darfst du mir sehr gern den Abend retten.«

Ihre Finger schlossen sich um meine und es war, als würde ich einen Stromstoß bekommen – im guten Sinne. Die Berührung schickte einen wohligen Schauer durch mich hindurch und weder sie noch mich schien es zu stören, dass ich sie ein wenig länger festhielt.

Ich hatte kaum fünf Sätze mit ihr gewechselt und wusste so gut wie nichts über sie, aber eines schon: Der Typ, der sie versetzt hatte, war ein Vollidiot. Und ich ein riesiger Glückspilz. Seinen Fehler, sich die Chance bei ihr zu verspielen, würde ich sicher nicht begehen …

Pepper zieht ihre Hand zurück, lächelt höflich und greift wieder nach ihrem Handy.

»Sorry, ich muss den Post abschicken«, murmelt sie.

Und da Allie mit ihrer typischen »Wir haben einen Zeitplan einzuhalten«-Geste auf ihre Smartwatch am Handgelenk tippt, bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Weg fortzusetzen.

Vielleicht würde meine Schwester anders reagieren, wenn sie wüsste, dass Pepper und ich mal zusammen waren. Aber davon hat sie keine Ahnung. Es hat sich nie ergeben, sie zu Hause vorzustellen, und dann kam auch schon das Angebot von Lincoln. Trotzdem geistert Peppers »Schön, dich kennenzulernen« durch meinen Kopf. Weiß sie wirklich nicht mehr, wer ich bin?

Raynott und Baretta haben ihre Plätze bereits eingenommen. Auch die restlichen Spieler lümmeln auf ihren Sitzen herum und warten darauf, dass es losgeht. Ganz hinten sehe ich die Stürmer Bianchi und Knight. Kaum ein Spiel der letzten Saison ist vergangen, in dem sie nicht getroffen haben. Gegen Lincoln war eins der wenigen.

In den Reihen vor ihnen sitzen die Verteidiger White, Murphy, Bricks, Baily und Creel. Links von ihnen die Mittelfeldspieler Green, Maxwell, Campbell und Adger. Balfour und Quinn, die Nummer zwei und drei im Tor folgen, sowie Scott, Mitchell und Morrison (Abwehr, Mittelfeld und Sturm), die wie ich erst diese Saison zum Team gestoßen sind.

Endlich entdecke ich Isaac, der mir winkt und auf den freien Platz neben sich deutet.

Ich verstaue meine Jacke in der oberen Gepäckablage und lasse mich in den Sitz neben ihn fallen.

»Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich den roten Teppich zu Hause gelassen habe«, sagt er und hält mir seine Faust hin. Ich stoße mit meiner dagegen.

»Halt die Klappe, Burton.«

»Selber, Burton. Reicht doch, dass ich bei der Bell ein gutes Wort für dich eingelegt habe.«

Jessica Bell ist die Mehrheitseignerin des Teams. Auch sie habe ich beim Unterzeichnen getroffen, wenn auch nur kurz. Sie ist der Hammer. Selten ist mir jemand mit so viel Ausstrahlung und Energie begegnet. Kein Wunder, dass es mit dem Team nur Richtung Premier League gehen konnte, nachdem sie mit eingestiegen ist. Letztes Jahr war sie sogar auf der Forbes-Liste auf Platz sieben der einflussreichsten Geschäftsfrauen der Welt.

»Red dir das nur ein«, sage ich. »Ich bin einfach gut.«

»Das will ich dir auch geraten haben.«

Whitmore und Fields steigen als Letzte in den Bus. Sofort senkt sich der Geräuschpegel und alle Augen richten sich nach vorne.

»Ich hoffe, ihr habt euren Urlaub genossen«, ruft Whitmore. »Wir fahren eine knappe Stunde bis Gatwick. Um eins startet der Flieger, Ankunft in Innsbruck um vier. Ankunft im Hotel gegen fünf, Allie teilt die Zimmer zu. Die erste Einheit beginnt um halb sieben, anschließend gibt es Abendessen. So weit der Plan für heute. Willkommen in der Premier League, Deers!«

Das Team applaudiert und grölt. Auch ich reiße meine Arme in die Luft und klatsche, was das Zeug hält. Die Euphorie ist greifbar.

Jedem ist bewusst, dass es eine harte Saison werden wird und wir jeden Tropfen Schweiß investieren müssen, um mit den anderen Teams auf Augenhöhe zu sein. Doch jeder im Kader ist heiß aufs Spiel und hat den unbedingten Willen, zu gewinnen.

Whitmore nickt und er und Fields rutschen auf die Sitze hinter dem Fahrer. Dieser startet den Motor und lenkt den Bus durch die Straßen zum Motorway. Isaac und ich setzen unsere Kopfhörer auf und lehnen uns zurück.

Das sanfte Brummen des Busses macht mich schläfrig, doch ich schaffe es nicht, wegzudösen. Nach ein paar Minuten gebe ich es ganz auf.

Ich schaue aus dem Fenster, daddle am Handy und kann doch nicht verhindern, dass mein Blick wieder und wieder nach vorn wandert, wo Peppers Haarschopf über den Sitz ragt. Meine Hand kribbelt immer noch und ich frage mich, ob sie es auch gespürt hat.

Oder ob sie tatsächlich nicht mehr weiß, wer ich bin.

KAPITEL 3 Pepper

Der Flug dauert etwa zwei Stunden. Nachdem wir gelandet sind, holen wir unser Gepäck und werden vom Shuttle-Service des Hotels abgeholt. Ich muss mich beherrschen, nicht über Allie im Sitz neben mir zu klettern und meine Nase an der Scheibe plattzudrücken. Satte grüne Wiesen und majestätische Berge mit schneeweißen Spitzen ziehen draußen vorbei und über allem spannt sich ein so strahlend blauer Himmel, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme. Lächelnd ziehe ich mein Handy heraus und schicke Livie ein Foto, die sofort mit einem Herzchen-Emoji antwortet.

Ich war noch nie außerhalb von England, konnte es mir nie leisten. Diese Reise ist meine allererste und ich liebe alles daran. Auch wenn es mir nicht gelingt, das Kribbeln im Nacken auszublenden, das mich seit der Begegnung mit Ridge verfolgt.

Ich spüre es, als wir vor dem Hotel halten – einem mehrstöckigen Fachwerkhaus mit bunten Gärten drum herum –, als Allie uns eincheckt und auch, als wir unsere Sachen aufs Zimmer bringen. Aber das ist normal, oder? Immerhin ist Ridge mein Ex. Eine Tatsache, über die nur er und ich Bescheid wissen, und dabei soll es auch bleiben.

Ich bin jetzt in Österreich. Ab heute bin ich für sämtliche Social-Media-Kanäle des Teams verantwortlich und ich will beweisen, dass ich es draufhabe. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, sind Ablenkungen. Und damit meine ich auch, mich von Ridges Anwesenheit verunsichern zu lassen. Er ist ein Spieler, wie alle anderen auch. Punkt.

Nur, dass du ihn nackt gesehen hast …

PUNKT!, bringe ich meine innere Stimme zum Schweigen.

Die Mannschaft ist im dritten Stock untergebracht, ebenso wie der Trainerstab und der Staff. Ich teile mir ein Zimmer mit Allie und es ist wirklich ein Traum. Heller Parkettboden, beige Wände, zwei große Betten und Schreibtische und ein Balkon, von dem aus man die Berge sehen kann. Die Blumenkästen sind mit violetten und roten Stiefmütterchen bestückt und kleine goldene Dekoelemente setzen hübsche Akzente, die dem rustikalen Stil etwas Edles verleihen. Gemütlich, aber auch elegant.

Allie und ich waren heute Morgen die Ersten am Bus. Mit einer herzlichen Umarmung nahm sie mich in Empfang und wir fingen sofort an zu reden. Sie hat etwas Liebenswertes an sich und ich fühlte mich bei ihr auf Anhieb willkommen. Gleichzeitig lässt sie keinen Zweifel daran, dass sie den Laden absolut im Griff hat – und man ihr lieber nicht widersprechen sollte. »Ein Team zu managen, ist in etwa so, wie einen Sack testosterongeladener Flöhe zu hüten«, sagte sie, doch das Lächeln auf ihren Lippen zeigte deutlich, dass sie es nicht böse meinte. Ganz im Gegenteil. Während wir redeten, stieß auch Rowan zu uns, Allies beste Freundin, die das Team seit vier Jahren als Physiotherapeutin betreut. Mit ihren braunen Locken, der zarten Figur und den grünblauen Augen, könnte sie wahrscheinlich auch Cover von Modemagazinen zieren. Sie ist unglaublich schön, ebenso herzlich und scheint, den Begrüßungen der Spieler zufolge, genauso sehr geschätzt zu werden wie Allie. Kurz gesagt: Ich habe wirklich das beste Team der Premier League erwischt. Hätte ich es nicht vorher schon gewusst, wäre es mir spätestens in dem Moment klar geworden.

Nachdem alle ihre Zimmer bezogen haben, treffen wir uns in der Lobby und machen gemeinsam einen kleinen Rundgang. Neben dem Fitnesscenter im Dachgeschoss, in dem sich vor einem herrlichen Panorama alles finden lässt, was das Sportlerherz begehrt, bietet das Hotel noch eine Sauna und ein Yogastudio. Bei dem Pensum, das auf die Jungs wartet, werden sie beides brauchen. Speisesaal und Aufenthaltsraum befinden sich im Erdgeschoss und zum Sportplatz sind es bloß fünf Gehminuten, wo nicht nur das Training stattfinden, sondern auch eins der beiden Testspiele ausgetragen wird, die für die Zeit in Innsbruck angesetzt sind.

Ich komme aus dem Staunen nicht heraus und zücke mein Handy so oft, dass ich es auf dem Rückweg an meine Powerbank anschließen muss. Den Post von der Ankunft habe ich vorhin im Hotelzimmer schon abgeschickt und die Reaktionen sind fast durchweg positiv. Ein paar Trolle haben sich in die Kommentare verirrt, aber Cody hat mir versichert, dass er sich darum kümmert. Ich sorge für die Postings, er sich um unsere Community. Monique und er haben es auch so gehalten und das hat wunderbar geklappt, weshalb ich nichts dagegen hatte, es beizubehalten. Frei nach dem Motto: never change a running system.

Während die Spieler auf ihre Zimmer verschwinden, um sich für die erste Trainingseinheit fertig zu machen, bereiten wir vor dem Eingang alles für unser nächstes TikTok vor. Cody zieht das Stativ aus dem Rucksack und ich spanne das Handy ein. Mit Klebeband befestige ich einen Zettel darüber, auf dem steht: »Du wirst gefilmt. Bitte lächeln :)«.

Coach Whitmore und Co-Trainer Fields sind die Ersten, die ein paar Minuten später aus dem Hotel treten. Die dunkelblauen Jacken mit dem Deers-Logo erkenne ich durch die Scheiben der Türen. Ich drücke auf »Aufnehmen«, beide lesen den Zettel, lächeln und winken in die Kamera.

Es dauert nicht lange, bis auch der Rest des Teams nach und nach in Sportdress, mit Handtuch und Wasserflasche bewaffnet, herauskommt. Einige winken, andere machen einen Kussmund, feixen in die Kamera oder geben mir und Cody ein High Five. Silvano Bianchi, eine der beiden Sturmspitzen, der mit vierzehn Treffern letzte Saison maßgeblich zum Aufstieg beigetragen hat, verlangt kurz nach meiner Hand und haucht einen Kuss darauf, bevor er den anderen grinsend folgt.

Ich verstehe, wieso er einen Ruf als Womanizer genießt. Er sieht gut aus, ist in der Form seines Lebens und dann noch dieses selbstbewusste Grinsen, das die Herzen reihenweise schmelzen lässt. Die Tattoos tun ihr Übriges und verleihen ihm zusätzlich etwas Verwegenes. Ich stehe zwar nicht so auf diese Körperkunst, aber was den Rest angeht, kann ich durchaus nachvollziehen, dass man seinem Charme erliegen kann.

Bianchi ist jedoch nicht daran schuld, dass plötzlich ein Prickeln über meine Arme jagt. Es ist Ridge, der mit Isaac Burton als Letztes aus der Hotellobby tritt. Ich beiße die Zähne zusammen und konzentriere mich auf die Aufnahme.

Mach einfach deinen Job, Pepper.

Isaac bemerkt uns, hebt beide Hände und lächelt so breit, dass er das ganze Bild ausfüllt. Ridge jedoch sieht gar nicht in die Kamera, sondern zu mir. Seine grünen Augen, kräftig und tief wie ein Blätterdach, treffen auf meine. Kurz glaube ich, er will etwas sagen, dann senkt er den Blick auf die Linse, zwinkert und geht an uns vorbei.

Er hat bloß den Zettel gelesen, du Nuss, schelte ich mich.

Trotzdem habe ich Herzklopfen. Das nervöse Ding in meiner Brust scheint noch nicht bereit gewesen zu sein, ihm wieder zu begegnen. Der Moment im Bus, und dass ich so getan habe, als würde ich ihn nicht erkennen, war peinlich genug. Keine Ahnung, was mich da geritten hat. Mein einziger Lichtblick ist, dass es von hier an nur noch bergauf gehen kann. Ridge und ich werden uns täglich über den Weg laufen und angeblich gewöhnt man sich ja an alles.

Wir packen zusammen und folgen dem Team zum Sportplatz. Tief sauge ich die klare Luft in meine Lunge, die nach Wildblumen duftet. Am Trainingsplatz angekommen, hole ich erneut das Handy raus und schwenke die Kamera, um die ganze Szenerie einzufangen, während Spieler und Trainer sich in der Mitte zum Aufwärmen zusammenfinden.

Der Rasen ist von einem Maschendrahtzaun umgeben, hinter dem Bäume und Büsche für Sichtschutz sorgen. Die Giebel der umliegenden Häuser, alle wie das Hotel im Fachwerkstil gehalten, ragen dahinter empor und rundherum liegen die schneebedeckten Gipfel der Berge. Ein Bild wie gemalt.

Während das Team mit den Übungen beginnt, laufe ich um den Platz herum, probiere verschiedene Winkel und Perspektiven und mache ein paar Fotos. Anschließend geselle ich mich zu Cody auf die Tribüne. Er hat sich bereits darangemacht, das Video, das wir vorhin aufgenommen haben, zu schneiden. Ich schaue noch einmal drüber, mache hier und da ein paar Anpassungen und stelle es anschließend online. Dean setzt sich ebenfalls zu uns, ebenso wie Allie und Rowan und ihre Kollegen von der Physio. Langsam neigt sich der Tag dem Ende zu und bei dem Anblick, der sich uns bietet, muss ich automatisch grinsen. Die Spieler, denen ich vor wenigen Wochen noch beim Aufstieg zugejubelt habe, verausgaben sich vor meinen Augen, sprinten, kicken und reiben sich den Schweiß von der Stirn, während Coach Whitmores Stimme über den Platz hallt. Und ich gehöre jetzt dazu. Es ist verrückt und echt und mit absoluter Sicherheit wird es noch ein paar Wochen dauern, bis ich verstanden habe, dass sich daran so bald nichts ändern wird. Aber so ist das wohl, wenn Träume wahr werden.

Je später es wird, desto tiefer sinkt die Sonne und taucht den Platz und die Spieler in goldenes Licht. Es sieht beinahe magisch aus und ich nehme eine Story für Instagram auf. »Erstes Training: Check«. Dann schließe ich die App und mache ein Foto von Creel und Bianchi, die nach einem Kurzsprint direkt vor der Tribüne abdrehen und wieder zum Start laufen. Wow, auch an den Anblick muss ich mich erst noch gewöhnen.

Ich schicke die Aufnahme auf mein privates Handy und sende sie von dort aus an Livie.

Mittwoch, 18:23 UhrPepper:Foto – #worklifebalance

Mittwoch, 18:23 UhrLivie: Ich beneide dich! Hab diesen Creel gegoogelt und wow, ich wusste nicht, wie heiß ein Mann mit Baby aussehen kann. Und Bianchi …, Handküsse kann er.

Darauf folgen eine Reihe Herzchen-Emojis. Livie schreibt wieder.

Mittwoch, 18:24 UhrLivie: Bist du wirklich sicher, dass du keine Sportler daten willst? An deiner Stelle würde ich es nicht ausschließen. Stell dir nur vor, wie hübsch eure Babys wären …

Mittwoch, 18:24 UhrPepper: Ganz entschieden Nein.

Mittwoch, 18:24 UhrLivie: Zu schade. Und wenn du mir rein zufällig seine Nummer zustecken würdest?

Mittwoch, 18:24 UhrPepper: Geht nicht, Verschwiegenheitsklausel. Und ich hänge an meinem Job.

Mittwoch, 18:25 UhrLivie: Zum Glück hänge ich auch an deinem Job! Sag aber gerne Bescheid, falls ich dich mal zu einem Spiel begleiten darf. Wenn der neue Keeper die Bälle auch in anderen Belangen so gut hält, muss ich den kennenlernen.

Ich schicke ihr ein Lach-Emoji, wobei meine Wangen verräterisch heiß werden, weil Erinnerungen hochkommen, die definitiv nichts im Hier und Jetzt zu suchen haben – und die Livies Vermutung absolut bestätigen. Aber es bedeutet nichts. Nicht mehr. Dieser Teil meines Lebens ist lange vorbei und so soll es auch bleiben.

Ein Pfiff tönt über das Feld und Coach Whitmore erklärt das Training nach einer kurzen Ansprache für beendet. Fields sammelt zusammen mit dem Trainerteam die Hütchen ein und Dean flitzt über den Rasen und packt die Bälle in ein Netz. Die Spieler greifen nach ihren Flaschen und Handtüchern und schlendern gemächlich vom Platz Richtung Hotel.

Auch Cody und die anderen stehen auf, klettern von der Tribüne und schließen sich ihnen an, nur ich bleibe noch einen Moment sitzen. Wie von selbst wandert mein Blick zum Tor.

Balfour und Quinn, die Nummer zwei und drei, sind schon halb vom Feld. Ridge ist als Einziger noch da, zieht sich gerade die Handschuhe aus und greift nach seiner Trinkflasche. Er richtet sich auf und ein paar Sekunden steht er einfach nur da, schaut zum Himmel und lächelt.

Einem Reflex folgend, öffne ich die Handykamera, zoome heran und drücke auf den Auslöser. Und gleich noch ein zweites Mal. Ich will gerade ein drittes Foto schießen, da dreht mir Ridge plötzlich den Kopf zu und schaut mich an.

Hat er gespürt, dass ich ihn fotografiere? Scheiße. Ertappt lasse ich das Handy sinken und wage es nicht, mich abzuwenden – und er lächelt. Er lächelt mich an und selbst auf die Entfernung, und obwohl ich es gar nicht will, wird mir heiß. Auf einmal denke ich an den Abend, an dem wir uns das erste Mal begegnet sind. Auf der Dachterrasse des Skylight, wo mich mein Tinder-Date versetzt hatte, nur um mich anschließend Hals über Kopf in den Kerl zu verlieben, mit dem ich den Abend stattdessen verbrachte.

Es ist ein Lächeln, das deinen Tag retten kann und dir genauso intensiv das Herz bricht, wenn du es am wenigsten erwartest.

Mir entgeht nicht, wie gut Ridge aussieht. Ausgepowert nach dem Training, verschwitzt und umgeben von einem Leuchten, das mich erschaudern lässt. Wir sind längst nicht mehr die Menschen von damals. Doch für einen kurzen Moment kommt es mir so vor, als wäre kaum Zeit vergangen.

»Burton. Willst du draußen übernachten?«, ruft Raynott über den Platz und durchbricht damit den Moment zwischen uns.

Das ist mein Stichwort.