13,99 €
Er kämpft um ihr Herz – doch sie hat nie gelernt, es zu verschenken. (Rowan & Silvano)
Rowan, Physiotherapeutin des Fußballvereins Richmond Deers, hat sich fest vorgenommen, ihr Herz nie wieder aufs Spiel zu setzen. Doch als der charmante Stürmer Silvano Bianchi sich verletzt und auf ihre Hilfe angewiesen ist, wird ihr Vorsatz auf die Probe gestellt. Zwischen ihnen knistert es gewaltig – doch Rowan hält Silvano auf Abstand. Während er als Draufgänger gilt, verbirgt sie ein Geheimnis: Rowan hat in Sachen Liebe keinerlei Erfahrung. Als Silvano den Grund dafür erfährt, ist er fest entschlossen, ihr zu helfen. Wird er es schaffen, ihre Mauern zum Einsturz zu bringen? Und was wenn plötzlich Gefühle aufkommen – vor allem, wenn es das letzte ist, was Silvano will?
Spice-Level: 3 von 5
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2026
MAIKE VOSS
ROMAN
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Originalausgabe 01/2026
Copyright © 2026 by Maike Voß
Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Nina Bellem und Michelle Stöger
Umschlaggestaltung: bürosüd, nach einer Vorlage und Motiven von:
www.buerosued.de
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-32599-2V001
www.heyne.de
Für alle, die nie aufgeben, für ihre Träume kämpfen.
Für Mama, weil Fußball nur mit dir besonders ist.
Für D.
Dangerous (feat. Sam Martin) – David Guetta
The Smallest Man Who Ever Lived – Taylor Swift
Delicate – Taylor Swift
Never Give Up – Sia
Bella ciao HUGEL Remix – El Profesor, HUGEL
Let Your Heart Hold Fast – Fort Atlantic
Both of Us (feat. Taylor Swift) – B.o.B.
You’re Losing Me (From The Vault) – Taylor Swift
Out Of The Woods – Taylor Swift
The Alchemy – Taylor Swift
6 Monate zuvor – Innsbruck
Das Leben ist ein elender Bastard. In einem Moment fliegst du über den Rasen und fühlst dich unbesiegbar. Im nächsten hast du höllische Schmerzen im Knie, und du bist auf dem Weg ins Krankenhaus.
Die Neonröhren summen. Ich starre an die Decke und bete, dass ich mich irre. Dass mein unter Kühlpads und Verbänden begrabenes Knie nicht im Arsch ist und ich morgen wieder auf dem Platz stehen kann. Doch als die Tür aufgeht und die Ärztin hereinkommt, gefolgt von Coach Whitmore und Rowan, der Physiotherapeutin der Richmond Deers, sinkt meine Hoffnung gen null.
»Mr Bianchi, das MRT-Ergebnis ist da«, sagt die Ärztin mit deutschem Akzent. »Es tut mir leid, aber unsere Befürchtungen haben sich bestätigt: Ihr vorderes Kreuzband ist gerissen, der Meniskus hat ebenfalls was abbekommen.«
MERDA!
Ich balle die Fäuste, meine Nägel bohren sich in die Handflächen. Wut kocht in meinem Bauch, am liebsten würde ich das ganze gottverdammte Zimmer auseinandernehmen.
»Wie lange werde ich ausfallen?«, presse ich hervor.
»Sorry, Bianchi.« Coach Whitmore schüttelt den Kopf. »Die Hinrunde wird ohne dich stattfinden.«
Die Worte sacken in meinen Kopf, aber wollen nicht einrasten.
Ich warte darauf, dass jemand hervorspringt und ruft, es wäre nur ein geschmackloser Witz. Doch es passiert nicht.
Ich will es nicht realisieren und verstehe gleichzeitig, was das für mich bedeutet. Immer im Wechsel. Nein. Nein, nein, NEIN!
Die letzten Jahre habe ich alles auf dem Platz gelassen, um es mit dem Team in die Premier League zu schaffen. Habe trainiert, jedes bisschen meiner selbst investiert und gefeiert, als gäbe es kein Morgen, nachdem wir den Aufstieg in der Tasche hatten. In knapp zwei Wochen steigt unser erstes Spiel. Ich war so kurz davor, es endlich zu schaffen – doch nun werde ich von der Tribüne aus zusehen müssen. Die ganze Hinrunde lang. Und, machen wir uns nichts vor, je nach Heilungsverlauf, auch die Rückrunde.
Das. Darf. Nicht. Wahr. Sein.
»Tut mir leid, Bianchi«, brummt Whitmore erneut und drückt meine Schulter. »Aber das wird wieder, wir setzen alle Hebel in Bewegung, damit du schnell wieder fit wirst. Wir brauchen dich.«
»Danke, Coach«, murmle ich.
Nichts, was er sagt, ändert etwas an den Fakten: Mein Knie ist hin. Das Schicksal hat sadistische Freude daran, mir immer dann den Mittelfinger zu zeigen, wenn ich dabei bin, meine Träume zu verwirklichen. Dabei dachte ich, es hätte mich genug gequält. Von wegen »Karma ist mein bester Freund«. Dieser Mistkerl kann mich mal.
Die Ärztin erklärt, ich solle mein Knie schonen und was bis zu meinem Rückflug nach London zu beachten ist. Eine Schwester wuselt um mich herum, während der Coach ein paar Fragen stellt. Ich fühle mich wie in einem Tunnel. Ich weiß, was auf mich zukommt. Wir warten ein paar Tage, bis die Schwellung abklingt, dann heißt es OP, anschließend darf ich mich durch die nächsten Monate quälen, bis mein Knie die simpelsten Dinge wie Strecken und Beugen wieder hinbekommt, bevor ich hoffentlich wieder mit der Mannschaft trainieren darf. Ich habe es oft genug bei anderen Spielern erlebt. Spieler, die zurückgekehrt sind und besser gespielt haben als je zuvor.
Ich weiß, diese Verletzung muss nicht das Ende der Welt bedeuten. Aber so fühlt es sich in diesem Moment an.
Eine Hand legt sich auf meinen Unterarm. Schlanke Finger, die Haut sonnengebräunt. Ich schaue auf, und grünblaue Augen erwidern meinen Blick, das ovale Gesicht umrahmt von braunen Locken. Rowan.
»Das ist jetzt ein Schock, aber mach dir keine Sorgen«, sagt sie leise. »Du bist in den besten Händen. Alles wird gut.«
»Nichts ist gut«, entgegne ich. »Das war’s mit der Premier League für mich.«
»Nur die Hinrunde, dann sehen wir weiter.«
»Das macht keinen Unterschied.«
»Natürlich macht es das. Versuch die Nachricht sacken zu lassen. Wenn wir zurück in London sind, werden wir …«
»Lass gut sein, Rowan«, stoße ich aus und hasse mich im selben Moment dafür, sie so anzufahren. Aber ich ertrage es nicht zu hören, ich solle optimistisch sein, wenn ich mir wie der größte Versager vorkomme. Ich hab’s verkackt. Schon wieder.
Rowan zieht ihre Hand zurück, die Lippen zu einer harten Linie gepresst. Ich schlucke hart. Toll, jetzt habe ich auch noch ein schlechtes Gewissen.
»Haben Sie noch Fragen?«
Die Ärztin sieht mich an, doch ich habe ihr seit der Diagnose nicht mehr zugehört. Ich schüttle den Kopf: »Nein.«
»Gut. Wir werden Ihnen wie besprochen einen neuen Druckverband anlegen und eine Gehhilfe organisieren. Mr Whitmore, Miss Brady, Sie können so lange im Wartezimmer Platz nehmen.«
»Machen wir. Bis später, Bianchi«, verabschiedet sich Whitmore und geht hinaus.
Rowan nickt mir zu und folgt ihm.
Wieder starre ich an die Decke, die Stille ist ohrenbetäubend. Wie lautet nochmal das Wort für einen Tag wie heute?
Ach ja: MERDA.
2 Wochen später – London
Klonk. Klonk. Klonk.
Angestrengt humple ich den Gang entlang zu Rowans Behandlungsraum. Die Krücken sind mir fast so lästig wie die Orthese, die mein Knie stützt, seit es vor zwei Wochen im Testspiel gegen Valencia den Geist aufgegeben hat.
Scheiß drauf, dass die OP gut verlaufen ist und ich Glück hatte.
Es hätte noch schlimmer kommen können.
Die Saison hat angefangen, ohne mich. Die Deers haben Fulham mit zwei zu eins besiegt und starten durch. Ich hingegen stehe wieder bei null, das ist nun mal Fakt.
Ich klopfe zweimal an die Tür. Ein bisschen hoffe ich, dass Rowan etwas dazwischengekommen ist. Auf das Gespräch gleich habe ich ungefähr so viel Lust wie auf eine Wurzelbehandlung. Doch natürlich ist sie da und ruft mich mit einem fröhlichen »Ist offen« herein. Nur mit Mühe kann ich mein Augenrollen unterdrücken.
»Hey«, begrüßt sie mich wie gewohnt in Jeans und Polohemd der Deers, die braunen Locken zu einem Dutt gebunden.
»Hi.« Ich humple zu dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Er ist schräg gestellt, damit ich mich leichter hinsetzen kann. Wie aufmerksam.
»Wie geht’s dir?«, fragt sie. »Du warst gestern beim Fädenziehen, richtig? Ist alles gut verlaufen?«
»Ja, großartig, danke.«
Der Satz trieft vor Sarkasmus. Aber ehrlich, was soll die Frage? Als hätte sich je einer das Kreuzband gerissen und wäre danach glücklich umhergehüpft. Plot-Twist: Auch das kann man mit einem kaputten Kreuzband nicht.
»Hast du Schmerzen?«, fragt sie weiter.
»Nein, alles ist optimal verlaufen«, gebe ich die Worte der Ärztin wieder.
»Andere Beschwerden? Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen?«
»Nein.«
»Gut. Dann lass uns über den Behandlungsplan sprechen.«
Rowan holt sich ihr Tablet und tippt darauf herum, vermutlich um meine Krankenakte aufzurufen. Zumindest sieht das Dokument, das auf dem Screen erscheint, danach aus. Ich wappne mich innerlich für die nächste halbe Stunde.
Irgendwo ist mir klar, dass ich mir mein Selbstmitleid sparen kann. Davon wird mein Knie nicht schneller gesund. Die beste Möglichkeit, bald auf den Platz zurückzukehren, sitzt vor mir. Rowan ist eine großartige Physiotherapeutin. Nur wird diese Erkenntnis von meiner grenzenlosen Wut geschluckt. Auch zwei Wochen nach der Verletzung züngelt sie in mir.
Ich verschränke die Arme vor der Brust und zwinge mich, Rowan zuzuhören, während sie mir Schritt für Schritt den Plan erläutert, den sie zusammen mit der medizinischen Abteilung der Deers erarbeitet hat.
Ziel des Ganzen ist es, die Muskeln in Schenkel, Wade und Hüfte zu stärken, um die fehlende Belastung des Knies auszugleichen. Darauf folgen dann ein Haufen Übungen, um die Stabilität und Koordination zurückzuerlangen und meine Bewegungsabläufe zu festigen, sowie Ausdauer- und Belastungstraining, das sich Stück für Stück erhöht, bis wir zur Reaktivität kommen. Der Teil, in dem mein Knie die Grundlagen wie Strecken, Beugen, Abspringen und Aufkommen neu lernt. Wenn das überstanden ist, darf ich wieder trainieren. Vorausgesetzt, alles verläuft reibungslos, und auch dann nur in Babysteps, um eine Überlastung zu vermeiden.
Anders gesagt: Regeneration in Zeitlupe.
Ich kenne etliche Spieler, die diese Prozedur bereits durchhaben. Die wiederkamen wie der Phönix aus der Asche. Aber ich kenne auch genug, die diese Diagnose und die Zeit danach alles gekostet hat. Die nicht wieder auf hundert Prozent kamen. Die aussortiert wurden, weil in der Zwangspause andere Spieler ihre Chance genutzt und den Platz in der Mannschaft übernommen haben. Ich frage mich, ob mir das auch passieren wird.
Rowan dreht mir das Tablet zu und zeigt mir den tabellarisch festgelegten zeitlichen Ablauf. Jedes einzelne farblich hinterlegte Kästchen brennt in meinen Augen. Es sind viele. Zu viele. Ich balle die Fäuste, bis meine Knöchel hervortreten, und sehe sie an.
»So lange kann ich nicht warten.«
»Der Plan ist nicht verhandelbar«, gibt Rowan zurück. »Wir wollen dich schnell wieder auf dem Platz sehen, aber gewisse Dinge brauchen Zeit.«
»Zeit, die ich nicht habe.«
»Dir bleibt keine Wahl. Die Verletzung muss komplett ausheilen, das geht nicht über Nacht. Nur Schritt für Schritt.«
»Es muss einen anderen Weg geben.«
»Mir ist klar, dass die Diagnose hart für dich war«, sagt Rowan ruhig und legt das Tablet vor sich ab. »Es braucht Zeit, den Fokus neu zu setzen, aber wir helfen dir dabei. Wir alle arbeiten für, nicht gegen dich, und dieser Plan ist die beste und schnellste Möglichkeit, damit du bald wieder spielen kannst. Du musst uns in dem Fall vertrauen.«
»Und ihr könnt mir vertrauen, dass ich weiß, was mein Körper aushält. Das Ganze dauert zu lange, ich will einen neuen Plan.«
Ich klinge wie ein arrogantes Arschloch, aber Rowan hat keine Ahnung, wie hart die Diagnose wirklich war und was alles dranhängt. Man wird nicht mit Glück Profi, und der Rest ergibt sich von selbst. Man wird Profi, weil man sich zerreißt und Opfer bringt, ebenso wie die Menschen, die einem am nächsten stehen. Keiner weiß das so gut wie ich.
Ich bin in Rom geboren und aufgewachsen, bis mich ein Talentscout entdeckte und mir einen Platz an einer Fußballschule in London anbot. Ich habe meine Eltern bekniet, damit sie Ja sagen, und schließlich stimmten sie zu. Sie verließen ihre Heimat, bauten sich in England ein neues Leben auf und standen wie eine Wand hinter mir. Man nannte mich »das neue Toptalent«, um das sich die englischen Clubs bald reißen würden, und Mamma und Papà hatten keinen Zweifel daran, dass ich den Erwartungen gerecht werden würde. Ich trainierte bis zum Umfallen und badete in Lobeshymnen. Es war ein wahrgewordener Traum. Dann ging alles den Bach runter. Ich vertraute den falschen Leuten, verpatzte meine Chance, und meine Karriere schien beendet, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Keiner sprach es laut aus, aber ich spürte die Enttäuschung wie einen tropfenden Wasserhahn in meinem Kopf.
Du.
Hast.
Versagt.
Wochenlang war ich in der Schwebe und hätte alles getan für eine zweite Chance. Ich betete jeden Abend, trainierte und hoffte auf ein Wunder. Und es kam in Form der Richmond Deers, die zu der Zeit noch in der Championship spielten. Kein Premier League Club. Aber ich wusste, meine Gebete waren erhört worden.
Ich unterschrieb und schwor mir, das Team in die Premier League zu bringen und mir meine zweite Chance zu verdienen.
Nach sieben Jahren Schweiß, Herzblut und Tränen stiegen wir auf. Das erste Mal in der Vereinsgeschichte, und endlich, endlich, endlich sollte sich das Blatt wenden.
Ich war kein Versager mehr. Ich hatte es geschafft. Sobald ich in der Premier League spielte, würden alle sehen, dass es richtig war, auf mich zu setzen. Niemand wäre mehr enttäuscht.
Und dann kam das verfickte Kreuzband. Ich bin es leid, mich vom Universum zum Narren halten zu lassen.
Rowan richtet sich in ihrem Stuhl auf.
»Du kennst die Risiken, wenn wir dich zu schnell aufbauen«, sagt sie. »Du könntest dich wieder verletzen, länger ausfallen oder Schlimmeres. Das wollen wir um jeden Preis vermeiden.«
»Darin sind wir uns schon mal einig.«
»Das war keine Einladung zum Verhandeln«, stellt sie klar.
»Bitte, Rowan.«
»Nein.«
»Dann hole ich eine zweite Meinung ein.«
Die Worte sind raus, bevor ich sie zurückhalten kann. Meine Arme kribbeln, das Gefühl breitet sich bis in meinen Brustkorb und die Beine aus, während mich ihr Blick durchbohrt.
»Meinst du das ernst?«
Ich schlucke. »Es gibt immer eine andere Möglichkeit.«
»Du hast ein ganzes Ärzteteam, das Himmel und Hölle in Bewegung setzt, damit du gesund wirst. Wir haben mehrere Meinungen eingeholt, um jeden Zweifel auszuschließen, und der Behandlungsplan ist haargenau auf dich abgestimmt.« Sie überschlägt die Beine. »Es steht dir frei, dich umzusehen, solltest du uns in der Angelegenheit nicht vertrauen. Aber sei dir der Konsequenzen bewusst.«
»Was ist mit den Konsequenzen für die Deers?«, frage ich. »Letzte Saison habe ich maßgeblich zum Aufstieg beigetragen. Das Team braucht mich.«
»Du kannst ihnen nur helfen, wenn du gesund bist.«
»Dann sorg dafür.«
Rowans grünblaue Augen funkeln. Sie ist wütend. Das habe ich zuvor noch nie erlebt. Ohne den Blick abzuwenden, beugt sie sich vor.
»Ich bin deine beste Option, gesund zu werden, Bianchi. Du bist seit Jahren bei mir in Behandlung, dein Körper ist mir vertraut, ebenso wie deine Verletzung. Deine Akte kenne ich auswendig, und du bist meine oberste Priorität. Mit mir zusammen ist deine Chance, zur Rückrunde fit zu sein, am höchsten.«
»Dann kriegst du es hin?«
»Selbstverständlich. Mit dem Plan, den wir ausgearbeitet haben.«
»Ich sagte doch …«
»Entweder reicht dir das, oder ich zitiere Whitmore her, damit du ihm selbst sagen kannst, dass dir die Betreuung in diesem Club nicht mehr genügt«, unterbricht sie mich. »Es liegt bei dir. Ich halte dich nicht auf.«
Augenblicklich weicht das Kribbeln aus meinen Gliedern.
Whitmore ist mein Trainer, seit ich bei den Deers bin. Er ist derjenige, der mich unbedingt in seinem Team wollte, als alle anderen mich aufgegeben hatten. Ihm verdanke ich die letzten Jahre, meine Karriere, einfach alles. Ich könnte ihm nie in die Augen sehen und sagen, dass ich nicht mehr will. Ihm schulde ich fast so viel wie meiner Familie.
Ich schulde diesem Verein mein Leben.
»Ich will keinen neuen Club, nur einen neuen Plan«, betone ich.
»Du bekommst keinen neuen Plan. Ich habe dir die beste Möglichkeit gerade ausführlich erläutert. Frag mich alles, was du wissen willst, arbeite mit mir, nicht gegen mich. Entweder das funktioniert, oder wir verschwenden hier unsere Zeit.«
»Dein letztes Wort?«
»Ja«, erwidert sie und faltet die Hände vor sich. »Also, was machen wir? Vertraust du uns, oder rufe ich Whitmore?«
Ich beiße die Zähne zusammen. Rowan hat mich an den Eiern, und das weiß sie. Sie hat das medizinische Verständnis, genießt einen exzellenten Ruf im Team und setzt mir in eindeutiger Friss-oder-stirb-Manier die Pistole auf die Brust. Whitmore ist meine Achillesferse, sie weiß das, und nicht mal ich kann diese kappen. Nicht in einer Million Jahren.
»Das wird nicht nötig sein«, sage ich langsam.
Meine Hände sind noch immer zu Fäusten geballt.
Rowan hebt die Brauen.
»Bist du sicher?«
Ich nicke knapp.
»Bianchi, ich kann nur mit dir arbeiten, wenn du mir vertraust«, sagt sie. »Wir müssen ein Team sein, sonst funktioniert es nicht. Bist du absolut sicher?«
»Das bin ich, okay? Du hast mich überzeugt. Können wir jetzt weitermachen?«
Ihr linker Mundwinkel zuckt, wohl ihre Version eines triumphierenden Grinsens. »Nichts lieber als das. Hast du noch Fragen?«
An ihrer Stelle hätte ich mich länger schmoren lassen. Aber vielleicht hat sie Mitleid mit mir, weil ich eh schon am Arsch bin. Von wegen, man soll keine verwundeten Tiere treten.
»Nur eine«, sage ich und löse endlich meine verkrampften Finger. »Wann fangen wir an?«
4 Wochen später
»Wie siehst du denn aus?« Allie, meine beste Freundin und Team-Managerin der Deers, mustert mich. »Wieso hast du noch deine Arbeitssachen an? Harten Tag gehabt?«
»Bianchi raubt mir den letzten Nerv«, brumme ich.
»Wie gut, dass ich den Lillet für dich kaltgestellt habe.«
Allie lässt mich rein und verschwindet in die Küche, während ich Schuhe und Jacke ausziehe und ins Wohnzimmer gehe. Ich liebe Allies Haus. Seit ich sie kenne, lebt sie hier mit ihrem Mann Owen. Durch die großen Sprossenfenster fällt warmes Licht auf die Einrichtung. Viel Holz kombiniert mit Pflanzen und edlen, goldenen Deko-Elementen, dazwischen immer wieder Fotos der beiden. Auf einigen davon sind sie noch Teenager. Bunte Kissen und Vorhänge sorgen für kleine Farbtupfer.
»Hast du die neue Folge Love Island schon gesehen?«, ruft Allie aus der Küche.
»Noch nicht«, antworte ich, während sie mit einem Glas Lillet für mich und einem orange-roten Cocktail für sich ins Wohnzimmer kommt. Allie liebt diese bunten Drinks.
»Perfekt. Dann lassen wir sie nebenbei laufen, und du kannst dir alles von der Seele reden.«
»Danke«, seufze ich, nehme mein Glas entgegen und trinke einen Schluck.
»Cheers.« Allie schmunzelt. »Du hattest echt einen Scheißtag, was?«
Oh, sie hat ja keine Ahnung.
Im Grunde war es ein Tag wie jeder andere. Eine Behandlung folgte auf die nächste, ein bisschen Smalltalk, wie man es kennt. Die Deers sind gut in ihre erste Premier League Saison gestartet, entsprechend ausgelassen ist gerade die Stimmung. Die Jungs sind Feuer und Flamme, und die Euphorie hat längst alle Mitarbeitenden rund um die Mannschaft angesteckt. Nur ist selbst der hellste Sonnenschein machtlos, wenn sich dunkle Gewitterwolken davorschieben.
Das klingt dramatisch, aber so ist es, wenn Silvano Bianchi mein Behandlungszimmer betritt. Er ist wortkarg, maulig und gibt mir permanent das Gefühl, ich wäre für das Elend der Welt verantwortlich. Oder zumindest für seins. Spätestens nach unserem ersten Gespräch, bei dem er von mir verlangte, einen neuen Plan aufzustellen, war klar, dass es nicht einfach werden würde. Ich hab es geschluckt, weil ich dachte, er bräuchte bloß Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Aber bei allem Verständnis – auch ich habe meine Grenzen.
»Bianchi benimmt sich wie ein Arsch«, sage ich, während Allie den Fernseher einschaltet und die neue Folge Love Island startet. »Er ist wie ein großes, bockiges Kind, dem man gesagt hat, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Nur ist der Weihnachtsmann in dem Fall eine Wunderheilung.«
»Was ist passiert?«
»Er ist Rad gefahren. Er kam mit seinem Helm unterm Arm in mein Behandlungszimmer, und ich dachte, ich sehe nicht richtig. Nach sechsWochen.«
Allie reißt die Augen auf. »Ernsthaft?«
»Ja! Manchmal habe ich den Eindruck, er will nicht gesund werden. So früh und ohne Betreuung auf ein Fahrrad zu steigen, ist Wahnsinn. Das Verletzungsrisiko ist gigantisch. Aber nein, Mr. Ich-weiß-alles-besser macht es trotzdem.«
»Hast du mit Whitmore gesprochen?«
Ich schüttle den Kopf. »Bianchi muss mir vertrauen, und das wird er nicht, wenn ich ihn verpetze.«
»Es ist kein Petzen, schließlich wäre es in seinem Interesse.«
»Ich bezweifle, dass er das genauso sehen würde. Außerdem habe ich bereits eine Lösung.«
»Und zwar?«
Ich lächle grimmig. Bianchi fordert mir einiges ab. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mich einschüchtern ließe. Er kann mich auf die Palme bringen, so oft er will, aber ich bin und bleibe eine hervorragende Kletterin.
»Wir müssen über das Fahrradfahren reden«, sagte ich, als unsere Stunde rum war und Bianchi sich anzog.
»Okay?«
»Es ist zu früh dafür. Außerdem wirst du ab sofort alle Übungen, die du abseits dem Vereinsgelände macht, mit mir absprechen, um Überlastungen zu vermeiden.«
»Ich bin nicht überlastet, alles gut.«
»Ob und was gut ist, entscheide ich.«
»Entspann dich, Rowan. Ein bisschen Radfahren schadet nicht.«
Hatte er gerade wirklich gesagt, ich solle mich entspannen?
»Das war keine Bitte. Ich will Transparenz.«
»Oder du siehst ein, dass ich recht hatte.«
Fünf Jahre Studium, Prüfungen, Praktika und ein Doktortitel, und er glaubte trotzdem, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen.
»Die Diskussion hatten wir bereits. Du hältst dich besser an meine Anweisungen.«
»Sonst was? Drohst du mir wieder mit Whitmore?«
Herausfordernd funkelte er mich an. Der Blick hätte andere vielleicht weichgekocht. Sein muskulöser Körper, die aufrechte Haltung und die vielen Tattoos unterstrichen sein Selbstbewusstsein – oder in dem Fall –, seine bodenlose Selbstüberschätzung.
»Nicht nötig«, sagte ich. »Aber wenn du dich wie ein Kleinkind benimmst, behandle ich dich wie eins.«
Er schnalzte mit der Zunge und schnappte sich seinen Helm.
»Wie du meinst. Bis nächste Woche.«
Dieser leichtsinnige, unverbesserliche Sturkopf!
Eigentlich wollte ich mich jetzt umziehen und auf den Weg zu Allie machen, wir waren verabredet. Stattdessen ließ ich das Polo-Shirt an, griff nach meiner Tasche und eilte Bianchi nach. An den Fahrradständern neben dem Parkplatz holte ich ihn ein. Gerade rechtzeitig, bevor er sich in den Sattel schwingen konnte.
»Nein!«, rief ich und stellte mich ihm in den Weg, das Vorderrad zwischen meinen Beinen, die Hände am Lenker.
»Geht’s noch?«, stieß Silvano aus.
»Witzig, das wollte ich dich auch gerade fragen«, entgegnete ich. »War ich eben nicht deutlich genug?«
»Ich fahre fünf Minuten, mach kein Drama draus.«
»Ich habe Nein gesagt. Deine Verletzung ist sechs Wochen her. Wenn du Fahrrad fahren willst, dann nur unter Aufsicht und nur mit Absprache, aber mit Sicherheit nicht so und nicht jetzt. Was, wenn du plötzlich jemandem ausweichen musst oder stürzt? Ist dir klar, was für einem Risiko du dich aussetzt?«
»Ich kann auf mich selbst aufpassen.«
»Das sehe ich. Du bist die Verantwortung in Person.«
»Hast du nichts Besseres zu tun?«
»Nein«, antwortete ich.
Nichts, außer dich vor deiner eigenen Dummheit zu bewahren.
Tief atmete er durch.
»Okay, wenn’s dich glücklich macht, laufe ich nach Hause. Im Gegensatz zu dir habe ich noch was vor. Darf ich wenigstens mein Fahrrad mitnehmen?«
Beinahe hätte ich gelacht. Dachte er echt, ich würde ihm diese Kehrtwende abkaufen?
»Natürlich«, sagte ich und schwang das eine Bein über den Reifen, während ich mit der Hand weiter den Lenker festhielt. »Ich helfe dir sogar schieben. Muss eh in deine Richtung.«
»Übertreib es nicht, Rowan.«
»Ich will dich bloß unterstützen. Immerhin hast du heute schonmal vergessen, dich an unseren Plan zu halten. Wir wollen doch nicht, dass es wieder passiert, oder?«
»Willst du mich etwa bis nach Hause begleiten?«, fragte er ungläubig und lief los, doch ich hielt ihn zurück.
»Ich werde dich, wenn nötig, von nun an zu jedem Termin abholen und anschließend nach Hause bringen. Wenn du meine Anweisungen missachtest, erfahre ich es, verlass dich drauf, und wenn nötig, organisiere ich dir eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Du kannst dich gerne mit mir anlegen, aber das wird nichts bringen. Ebenso wenig wie dein Ego-Trip. Es liegt bei dir.«
»Das ziehst du nicht durch.«
Er versuchte, mich in Grund und Boden zu starren, doch ich reckte das Kinn.
»Oh, darauf kannst du wetten.«
»Hast du nicht gemacht«, ruft Allie.
»Doch, bis vor die Haustür, wo uns übrigens sein Date erwartet hat. War ihm sichtlich unangenehm. Aber wenn er gleich auf mich gehört hätte, bräuchte er keinen Babysitter.«
Sein Gesicht, als die hübsche Brünette uns sah, war Gold wert. Keine Ahnung, was er ihr erzählt hat, denn ich hab mich gleich aus dem Staub gemacht. Von nun an wird er sich zweimal überlegen, ob er sich mit mir anlegt.
»Ich wäre zu Whitmore gegangen«, sagt Allie.
»Ich bekomm das hin«, erwidere ich. »Vor seiner Verletzung sind wir auch miteinander ausgekommen. Daran will ich anknüpfen. Er muss sein Vertrauen in sich und seinen Körper zurückbekommen, und das geht nur, wenn er auch mir vertraut.«
»Wie bei einer scheuen Katze? Je öfter sie dich kratzt, ohne Ärger zu bekommen, desto schneller versteht sie, dass du ihr nichts Böses willst?«
»So ungefähr.«
»Und am Ende liegt er dir schnurrend zu Füßen«, kichert sie.
Auch ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.
Ich leere mein Glas und nicke, als Allie mir ein zweites anbietet. Sie verschwindet kurz in der Küche, um es aufzufüllen.
Es wäre wirklich einfacher, mir Unterstützung für Bianchis Behandlung zu holen, aber ich bin nicht sicher, ob es ihn nicht erst recht verunsichern würde.
Ich kenne das Gefühl, sich selbst nicht mehr zu trauen. Ich weiß, wie schwer es ist, sich einzugestehen, dass etwas nicht stimmt. Ich verstehe, was er durchmacht – selbst wenn wir nicht das gleiche Trauma teilen. Deshalb bin ich die Beste für den Job. Die Behandlung ist eine Herausforderung, doch ich ziehe nicht den Schwanz ein. Und irgendwann, ob er will oder nicht, wird er mir dafür dankbar sein.
»Du bist zu gut für diese Welt, Rowan«, seufzt Allie und reicht mir mein nachgefülltes Glas.
»Danke«, erwidere ich und schaue zum Fernseher. »Spulst du die Folge zurück? Ich habe gar nichts mitbekommen.«
»Gern. Love Island ist das beste Mittel gegen italienische Mittelstürmer, die einem den Tag versauen.«
»Amen«, antworte ich.
Januar, 4 ½ Monate später
»Tiefer … etwas mehr … genau da.«
Bei den Geräuschen, die Ridge von sich gibt, könnte man glauben, er befände sich an einem Porno-Set und nicht auf meiner Massageliege. Er ist selbst schuld. Anstatt die Yoga-Übungen zu machen, die ich ihm aufgetragen habe, ist er mit den Gedanken überall, nur nicht beim Yoga. Ich könnte es damit relativieren, dass er die letzten Wochen zusätzlich zu den Liga-Spielen einen Pressetermin nach dem anderen hatte. Oder weil er auf Wolke sieben schwebt, seit er unserer Social-Media-Managerin Pepper zu Weihnachten einen Antrag gemacht hat. Nach dem Motto: Wie soll man auf Wolke sieben noch an den herabschauenden Hund denken?
Aber als Physiotherapeutin eines Profiteams lernst du zuallererst, dich nicht von faulen Ausreden abspeisen zu lassen. Volle Konzentration, keine Ausnahmen. Auch nicht bei unserer Wonderwall.
»Vor dem nächsten Training treffen wir uns und machen die Übungen zusammen«, beschließe ich.
»Ist nicht nötig, ehrlich«, ächzt Ridge.
»Ach ja? Dein verspannter Rücken sagt was anderes.«
Zum Beweis presse ich die Finger auf einen harten Knoten, der sich unter Ridges erneutem Stöhnen löst.
»Es gibt keine Entschuldigung, die Übungen schleifen zu lassen. Gesunder Körper, gesunder Geist. Aber das kriegen wir hin. Ich trage den Termin gleich ein.«
»Verstanden«, gibt Ridge nach.
»Kluger Junge.«
Es hat eine Weile gedauert, meinen Platz bei den Deers zu finden, aber mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Was auch beinhaltet, dass die Jungs wissen, wie sinnlos es ist, mit mir zu diskutieren. Nachtragend ist jedoch niemand. Die Spieler wissen, was hier passiert, geschieht nur zu ihrem Besten. Okay, vielleicht mit einer Ausnahme.
Zehn Minuten später erlöse ich Ridge. Er richtet sich auf, lässt die Schultern kreisen und formt mit den Lippen ein erstauntes »Oh«. Die beste Bestätigung dafür, wie gut ich bin.
Ridge zieht sich an und holt sein Handy aus der Jackentasche. Beim Scrollen versteift er sich leicht, obwohl ich ihn gerade in liebevoller Schwerstarbeit entspannt habe.
»Alles okay?«, frage ich.
»Was? Ja … ist nur gerade viel los«, erwidert er.
»Was Ernstes? Wenn du willst, kann ich einen Termin bei Maya für dich machen«, biete ich an. »Stress führt zu Verspannungen und Verspannungen zu Verletzungen, das weißt du.«
Maya ist seit dem ersten Januar unsere neue Team-Psychologin. Kim, der den Posten vorher innehatte, ist in seinen verdienten Ruhestand gegangen. Soweit ich Maya bisher kennengelernt habe – inklusive ihrer Referenzen –, ist sie sehr kompetent. Außerdem kommt sie bei den Spielern gut an. Nicht ganz unwichtig, wenn Spiele zur Hälfte auf dem Platz und zur Hälfte im Kopf gewonnen werden. An dem Spruch ist definitiv was dran.
»Pepper hat mir einen neuen Vorschlag für die Torte geschickt«, erklärt Ridge. »Ich wusste nicht, wie viel dazugehört, wenn man eine Hochzeit plant.«
»Was für eine ist es?«, frage ich neugierig.
»Soll ich dir nur die eine Torte beschreiben oder alle dreizehn, in die sie sich Hals über Kopf verliebt hat?«
Ich schmunzle. Immer wenn Ridge von Pepper spricht, hat er Herzchen-Augen, wie in einem kitschigen Anime. Dabei standen die Zeichen zwischenzeitlich nicht auf Happy End.
Nachdem letzten Herbst Fotos von Ridge und Pepper viral gegangen sind, die sie als Paar outeten, war ein Shitstorm losgebrochen, woraufhin sie sich sogar trennten. Alles nur, weil das halbe Internet glaubte, Maddie Crown, eine bekannte Influencerin, würde auf ihn stehen, was nicht mal der Wahrheit entsprach. Dank eines Geniestreichs von Jessica Bell, der Team-Eignerin der Deers, wurde die Angelegenheit jedoch schnell aus der Welt geschafft. Jessica rief eine Anti-Cybermobbing-Kampagne ins Leben, an der auch Maddie mitwirkte, die einschlug wie eine Bombe. Seitdem sind Ridge und Pepper wieder zusammen, seit Weihnachten sogar verlobt. Ich freue mich für die beiden, auch wenn ein kleiner Teil von mir unfassbar neidisch ist. Nicht, weil ich es ihnen nicht gönne, sondern weil ich weiß, dass meine Chancen auf ähnliches Glück eins zu einer Million stehen.
»Denk dran, Freitag eine Stunde früher«, erinnere ich Ridge.
»Wird gemacht«, sagt er, tippt sich zum Abschied mit zwei Fingern an die Stirn und verlässt mein Behandlungszimmer.
Ich werfe das Papier in den Müll, auf dem Ridge die letzte halbe Stunde gelegen hat, desinfiziere die Polster der Liege und ziehe ein frisches Papier darüber. Während ich einen Müsliriegel verschlinge, greife ich nach meinem Tablet und rufe die Krankenakte meines nächsten Patienten auf. Da klopft es schon an der Tür.
»Hey«, grüßt mich Bianchi.
Seine tiefe Stimme jagt eine Gänsehaut über meine Arme. Ich hasse es jedes Mal, wenn das passiert. Nicht nur, weil ich mir dabei furchtbar unprofessionell vorkomme, sondern weil er eine derartige Reaktion schlicht nicht verdient.
»Hi, wie geht’s dir?«, frage ich.
»Kommt drauf an, was der Tag heute bringt.« Er zieht seine Jacke aus und hängt sie über den Stuhl. Seine Schuhe stellt er darunter, während ich die letzte Seite seiner Krankenakte überfliege.
»Die Ärzte scheinen zufrieden zu sein. Die Werte sehen gut aus.«
»Ich fühl mich auch gut. Whitmore hat mit den Ärzten gesprochen. Sie meinen, ich könne nächste Woche ins individuelle Training einsteigen – vorausgesetzt, du hast keine Einwände«, schiebt er schnell hinterher.
Ich senke den Blick zurück aufs Tablet, bevor ich an seinen braunen Augen hängenbleibe, die in etwa die gleiche Wirkung auf mich haben wie seine Stimme.
Eigentlich sollte ich dagegen immun sein. Ich arbeite seit über vier Jahren für die Deers, und jeden Tag bin ich von einem Haufen Sportler umgeben, die nach dem Training oberkörperfrei herumlaufen, als wären sie einem Hugo Boss-Plakat entsprungen. Bei allen anderen bin ich immun. Doch ausgerechnet bei ihm scheitere ich. Dabei ergibt es keinen Sinn. Selbst vor dem Kreuzbandriss, als wir uns noch besser verstanden haben, war da nichts zwischen uns, und – Überraschung –, da wird auch nie was sein. Dann kamen die Verletzung und die Monate danach.
Er hat sich wie ein trotziges Kind benommen, und das andauernd. Ich habe dagegengehalten, wieder und wieder. Es war ein ständiges Auf und Ab mit ihm, das mir den letzten Nerv raubte, obwohl wir kontinuierlich Fortschritte gemacht haben. Anscheinend hat mir mein Studium doch ein paar Kompetenzen verliehen – nicht, dass Silvano sich dafür jemals bedankt hätte. An manchen Tagen kam ich mir vor wie seine Babysitterin.
Entsprechend frustriert bin ich, meine Hormone seit einer Weile nicht mehr unter Kontrolle zu haben, sobald er in der Nähe ist. Mein Blick fällt auf seine tätowierten Arme, und für eine Sekunde denke ich an Dark Pasión, den ersten Teil einer Roman-Reihe, die ich gestern begonnen habe. Vermutlich der Grund für ebenjenen Kontrollverlust. Genauer gesagt, das Kapitel, in dem Juan, der Protagonist der Geschichte, Alejandra aus den Fängen seines Erzrivalen befreit …
»Mi corazón, du wirst nie wieder davonlaufen«, raunt er mir zu. Sein Atem streift meinen Nacken wie ein samtenes Tuch. »Entweder du gehorchst, oder ich sorge dafür, dass du die nächsten Tage nicht laufen kannst, nachdem ich mit dir fertig bin.«
»Bitte«, wimmere ich und zergehe förmlich, als er mein Kleid hochschiebt. Ich zittere vor Angst, die mich die letzten Stunden gefangen hielt – und heißer, verbotener Vorfreude, die Juan in mir sät, während er mir den Slip vom Körper reißt.
»Shhh«, flüstert er und küsst die Stelle hinter meinem Ohr. »Ich muss dich jetzt bestrafen, Alejandra. Du warst ungehorsam. Und du weißt, was dir blüht, wenn du ungehorsam bist …«
»Rowan?«
Bianchis Stimme reißt mich zurück ins Behandlungszimmer. Stumm danke ich meinen Genen, dass ich nicht erröte.
»Ja?«
»Ich wäre so weit«, sagt er langsam.
Ich nicke geschäftig, lege das Tablet weg und trete zu ihm an die Liege, auf der er sich ausgestreckt hat. Vermutlich sollte ich lieber Bücher mit Protagonisten lesen, die Bianchi nicht so verflucht ähnlich sehen. Dunkle Haare: Check. Braune Augen: Check. Tattoos: Check. Objektiv betrachtet attraktiv: Check.
Am liebsten würde ich meine Libido wie einen verzogenen Köter zurückpfeifen.
Leise atme ich durch und beginne ich mit der Behandlung.
Trotz unserer Differenzen ist Bianchi mittlerweile ein Vorzeigepatient. Er murrt nicht mehr, macht brav alle Übungen mit und antwortet auf meine Fragen, wie sich die Bewegungen anfühlen. Ich bilde mir nicht ein, er würde sich meinetwegen zusammenreißen. Sein Fokus liegt allein auf seinem Comeback. Mir soll’s recht sein. Mehr als das absolute Minimum an Kooperation erwarte ich nicht.
Ich bin komplett in meinem Element, und mein Puls wird mit jeder Übung ruhiger. Den Moment mag ich am meisten an meinem Job. Ich verschmelze mit meiner Arbeit und merke dabei immer wieder aufs Neue, dass die Entscheidung vor acht Jahren richtig war, Medizin zu studieren. Das Talent dafür liegt wohl in der Familie …
Bei dem Gedanken an meine Eltern zieht sich etwas in mir zusammen. Wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzieht, sobald die Erinnerungen wie Regentropfen auf sie einprasseln, doch nie schnell genug, um ihnen ganz zu entgehen. Zum Glück verflüchtigt sich die Erinnerung so schnell, wie sie gekommen ist. Verdrängen ist vielleicht keine Lösung, aber effektiv.
Bianchi und ich reden nicht, während wir weiter Übung für Übung durchgehen, bis die letzte geschafft ist. Ich bin jedes Mal überrascht, wie schnell die Zeit bei unseren Sitzungen verfliegt. Während ich nach dem Tablet greife, um die Ergebnisse festzuhalten, setzt er sich auf.
»Und?«
»Scheint alles okay zu sein«, sage ich. »Wenn die medizinische Abteilung keine Einwände hat, spricht nichts gegen den RTC.«
Der RTC ist der Return-to-Competition-Test, den Spieler absolvieren müssen, bevor sie wieder ins Training einsteigen.
»Dio«, stößt Bianchi aus. »Endlich.«
»Herzlichen Glückwunsch.« Ich kann mir ein wissendes Lächeln nicht verkneifen. »Ich sagte doch, wir kriegen dich wieder hin.«
Er erwidert mein Lächeln nur kurz. Das ist wahre Dankbarkeit! Auch wenn es für unsere Verhältnisse ein Fortschritt ist. Wäre er nicht in den letzten Monaten regelmäßig von Paparazzi abgelichtet worden, inklusive seiner ständig wechselnden Eroberungen, würde ich glauben, er hätte das Lächeln verlernt. Aber offenbar liegt es an mir.
»Wir sehen uns dann Freitag zum nächsten Termin?«, fragt er und zieht seine Jacke über.
»Wie immer«, antworte ich.
»Okay. Ciao, Rowan.«
Das kleine Wort mit D gehört wohl nicht zu seinem Wortschatz!
Ich überspiele meine Ernüchterung mit einem knappen Nicken. Er erwidert es und verlässt das Behandlungszimmer.
Seufzend lehne ich mich mit der Hüfte an den Schreibtisch und frage mich nicht zum ersten Mal, wieso ich mir das antue. Nicht nur Bianchis Behandlung. Auch, warum ich vor vier Jahren bei einem Fußball-Club angefangen habe, wissend, dort täglich mit Menschen wie ihm arbeiten zu müssen: attraktiv bis zum Gehtnichtmehr und mit noch größerem Gottkomplex. Immerhin habe ich mir schonmal die Finger an jemandem wie ihm verbrannt. Dann mir wieder einfällt, dass ich genau deshalb hier arbeiten wollte.
Ich musste mir beweisen, dass mein Ex keine Macht mehr über mich hat und ich besser bin als er, und sei es nur durch die Zusage von dem Team, das ihn damals abgelehnt hat. Inzwischen sind die Deers mehr als mein persönlicher Rachefeldzug. Das Team ist meine Familie. Ich würde es um nichts in der Welt eintauschen wollen.
Da Bianchi mein letzter Patient war, ziehe ich mich um und sperre hinter mir ab. Auf dem Weg nach draußen komme ich an Allies Büro vorbei. Sie hat sich ihr Handy ans Ohr gepresst und telefoniert. Als sie mich entdeckt, mache ich mit zwei Fingern die Feierabend-Drink-Geste, doch sie schüttelt den Kopf. Alles andere hätte mich auch gewundert.
Seit dem Aufstieg in die Premier League bin ich nie vor Allie hier gewesen oder nach ihr gegangen. Manchmal glaube ich, sie wohnt in ihrem Büro. Dass sie im letzten Jahr regelrecht zum Workaholic mutiert ist, liegt wahrscheinlich aber auch an ihrem Mann Owen. Seit er mit seiner Band Diamond Desire letztes Jahr den großen Durchbruch hatte, ist er pausenlos auf Tour, und sie vermisst ihn wie verrückt. Kein Wunder, dass sie sich in die Arbeit stürzt, um sich abzulenken.
Ich winke ihr, gehe die Katakomben hinunter und trete ins Freie. Es ist bereits dunkel. Mein Atem malt weiße Wölkchen in die Luft, und ich ziehe den Schal enger um meinen Hals. Schnell stöpsle ich meine AirPods ein und trete zu Taylor Swifts »…Ready for it?« den Heimweg an.
Fünfzehn Minuten später passiere ich das Gartentor und krame den Schlüssel hervor. Kaum habe ich aufgeschlossen, werde ich von einem vorwurfsvollen Maunzen begrüßt.
»Hi, Dicker, ich freu mich auch, dich zu sehen«, erwidere ich und tätschle Gismos Köpfchen.
Als hätte ich damit einen magischen Schalter betätigt, sprintet der Kater in die Küche und simuliert mit einer herzzerreißenden Maunz-Arie seinen bevorstehenden Hungertod.
Folgsam kümmere ich mich um seinen Futternapf und fülle ihn im Flur mit frischem Wasser, bevor ich mich die Treppe hochschleppe. Im Bad angekommen, schäle ich mich aus meinen Klamotten und stelle mich unter die heiße Dusche. Augenblicklich sinkt mein Stresslevel auf ein Minimum. Jep, das habe ich gebraucht. Frisch geduscht, rasiert und eingecremt, genehmige ich mir anschließend einen kleinen Snack und liege eine halbe Stunde später im Bett.
Es ist noch nicht mal acht, aber ich liebe es, den Tag früh für beendet zu erklären. Manche Menschen brauchen ihre slow mornings, ich meine early evenings.
Der Wind lässt die Fenster klirren. Ich ziehe die Decke hoch, greife nach Dark Pasión und schlage das Buch an der Stelle auf, wo ich gestern geendet habe.
Ich lese den letzten Absatz, um wieder reinzukommen, und beiße mir auf die Unterlippe, als die Autorin nach allen Regeln der Kunst beschreibt, wie Juan seine Alejandra »bestraft«. Früher habe ich Bücher wie Shades of Grey mit Skepsis betrachtet. Heute hab ich keinen blassen Schimmer mehr, wieso. Ja, sie sind verrucht, verboten, schmutzig und düster. Aber auch sinnlich, spannend und süchtig machend. Außerdem bin ich fähig, Realität und Fiktion zu trennen … auch wenn diese Fiktion einen sehr realen Einfluss auf mich hat, auf den ich ungern verzichten würde.
Wie von selbst drücke ich mein Becken in die Matratze, blättere um und nehme das erregte Ziehen in meinem Unterleib wahr. Es ist erstaunlich, was ein paar Worte auf Papier innerhalb von Sekunden mit meinem Körper anstellen. Das Prickeln ist greifbar, sickert über den Buchrücken in meine Hand und breitet sich von dort in jede Körperzelle aus. Ein paar Minuten später halte ich es nicht mehr aus, schiebe meine freie Hand unter die Decke und weiter in meinen Slip …
Juan verliert jegliche Beherrschung. All die Wut auf mich, weil ich mich seinem Befehl widersetzt habe, entlädt sich, während er erbarmungslos in mich stößt. Sein Schwanz ist unnachgiebig wie eine Klinge, nur dass sie nicht in mein Fleisch, sondern in meine Seele schneidet. Seinen Namen hineinritzt, mich markiert, zu seinem Besitz macht, damit ich nie vergesse, wem ich gehöre.
»Alejandra«, keucht er, zieht sich aus mir zurück und dreht mich auf den Bauch, drückt mein Gesicht in die Lederpolster seiner Limousine, während mein Hintern vor ihm aufragt, ihm vollkommen ausgeliefert ist. Dann dringt er von hinten in mich ein, und ich zergehe unter ihm. »Wirst du jetzt mein braves Mädchen sein?« Seine Hand landet auf meiner Klit, reibt ein einziges, quälendes Mal darüber. »Wirst du mir endlich gehorchen?«
»Ja … ja, ich gehorche«, wimmere ich. »Aber bitte …«
»Bitte was?«, knurrt er.
»Bitte …«, stöhne ich. »Bitte … fick mich.«
Er lacht. Kehlig und überlegen. Der gefährlichste Mann, der mir je begegnete. Der König der spanischen Mafia, der er nun mal ist.
»Mi corazón, deine Pussy verdient meinen Schwanz heute nicht mehr«, flüstert er, zieht sich aus mir zurück und füllt die Leere sofort mit seinen Fingern. »Das ist alles, was du heute noch bekommst. Wenn du mehr willst, musst du es dir verdienen.«
Tränen laufen über meine Wangen, als er seine Finger wieder und wieder in mich stößt. Meine Klit nur streift und mit mir spielt wie eine Katze mit der Maus.
»Komm für mich, corazón«, raunt er mir zu, befehligt meinen Körper, der ihm willenlos ergeben ist, und reibt seinen Daumen so fest über meine geschwollene Klit, dass ich nicht anders kann, als zu gehorchen. Der Orgasmus überrollt mich wie ein Tsunami. Fest ziehe ich mich um ihn zusammen und schreie seinen Namen wie das Gebet des Teufels …
Stöhnend werfe ich den Kopf in den Nacken, meine Beine zittern, und ich komme. Der Orgasmus rauscht wie ein Feuerwerk durch meinen Körper, und ich spüre die Explosionen bis in meine Fingerspitzen. Bis sich Juans Gesicht vor meinem inneren Auge plötzlich in ein anderes verwandelt, obwohl ich es schon etliche Male daraus verbannt habe: Silvano Bianchi.
Nein, nein, nein! Kannst du mich nicht wenigstens zufriedenlassen, wenn ich es mir mache?
Befriedigt und frustriert zugleich, werfe ich das Buch zur Seite, gehe ins Bad und mache mich sauber. Kaum liege ich wieder unter der Decke, tapst Gismo herein, als hätte er gespürt, dass der FSK18-Teil vorbei ist, und legt sich neben mich. Mit seinen gelbgrünen Augen blinzelt er zu mir hoch. Ich streichle durch sein Tigerfell, und ein dankbares Schnurren vibriert in seiner Kehle.
Lächelnd stecke ich mir die AirPods in die Ohren, die ich vorhin auf den Nachtschrank gelegt hatte, starte einen True-Crime-Podcast und scrolle durch Instagram. Eigentlich bin ich müde und könnte sofort einschlafen. Aber ich weigere mich, den Tag mit Bianchis Gesicht vor meinem geistigen Auge zu beenden. Nicht in diesem Leben.
Seufzend blicke ich aufs Handy, während sich das Craven Cottage, das Fulhamer Stadion, vor den Panoramafenstern füllt. Ich bin früh dran. Wenn die Jungs in die Kabine gehen, setze ich mich in die VIP-Lounge und warte, bis es losgeht. Viel mehr, als mich mental mit ihnen aufs Spiel einzuschwören, ist seit der Verletzung nicht drin. Zumindest bis jetzt.
Unwillkürlich lächle ich, denn gestern habe ich offiziell das Go bekommen und darf nächste Woche ins individuelle Training einsteigen. Der RTC war ein Kinderspiel. Ich kann es nicht erwarten, auf den Platz zurückzukehren. Selbst wenn es nur im Schneckentempo vorangeht. Halleluja.
Mein Lächeln bröckelt, als ich den Blick wieder aufs Handy richte. Zum wiederholten Mal lese ich die Nachrichten, die Sierra und ich uns gestern und heute geschrieben haben.
Freitag, 20:43 UhrSierra: Ich komme erst morgen wieder, mein Flug fällt aus. Hoffe, du vermisst mich nicht zu sehr … xo
Freitag, 21:14 UhrSilvano: Wir haben Schluss gemacht??
Samstag, 8:43 UhrSierra: Das war kein Schlussmachen, ich war nur mies drauf, und du warst überfordert. Gefühle können manchmal Angst machen, aber ich verzeihe dir 😊
Samstag, 10:08 UhrSilvano: Ich wollte von Anfang an nichts Festes. Außerdem muss ich mich jetzt aufs Training konzentrieren.
Samstag, 10:11 UhrSierra: Tu nicht so, als hättest du es nicht genossen.
Samstag, 10:11 UhrSilvano: Darum geht’s nicht. Ich habe vor, diese Saison noch zu spielen, und damit das klappt, darf ich mir keine weiteren Ablenkungen erlauben.
Samstag, 10:11 UhrSierra: Ich bin also eine Ablenkung?
Samstag, 10:12 UhrSilvano: Du weißt, was ich meine.
Samstag, 10:13 UhrSierra: Keine Ahnung, hilf mir auf die Sprünge …
Darauf folgte ein Selfie von ihr, aufgenommen in einem Jacuzzi, eine malerische Berglandschaft im Hintergrund. Ihr blondes Haar ist hochgesteckt, und sie schaut mit ihrem Unschuldsblick in die Kamera, während sie sich auf die Unterlippe beißt. Ihre Brüste werden von dem Fetzen Stoff, der ein Bikini sein soll, perfekt in Szene gesetzt, und mein Schwanz zuckt bei der Erinnerung daran, wie sie sich anfühlt, wenn sie kommt. Was das angeht, hatten wir nie Probleme, und würden wir bloß über Sex reden, hätten wir auch jetzt keins. Stattdessen ist es … kompliziert.
Das mit uns läuft seit etwa sechs Wochen. Ich habe mir nichts dabei gedacht, sie ein paar Mal bei mir übernachten zu lassen. Es war spät, sie war in der Gegend, und wir hatten Lust aufeinander. Nachdem sie neulich eine Zahnbürste in meinem Bad platzierte, schrillten meine Alarmglocken. Ein zweites Mal, nachdem ich ein paar ihrer Klamotten in meinem Kleiderschrank fand.
»Stell dich nicht so an. Ich brauche frische Sachen, wenn ich bei dir schlafe«, erklärte sie. »Ich bin Model und kann nicht aussehen, als käme ich von einem One-Night-Stand.«
»Du hast eine eigene Wohnung«, sagte ich.
»Soll ich dorthin gehen? Jetzt sofort?«
Es war nicht hilfreich, dass sie dabei ihr Kleid aufknöpfte und unter dem Stoff nichts als sonnengeküsste Haut zum Vorschein kam. Ebenso wenig, dass mein Gehirn sich aufgrund dessen verabschiedete und Sierra mich wenig später auf dem Sofa zum Orgasmus ritt. Nur ändert das leider nichts. Ich will keine Beziehung. Genauso wenig, wie ich Sierra wehtun möchte. Aber ich fürchte, ich komme nicht drum herum.
Samstag, 10:15 UhrSilvano: Ich meine es ernst, das mit uns ist vorbei.
Samstag, 10:16Sierra: Das Boarding beginnt, wir sehen uns, wenn ich zurück bin. Bis dahin hast du dir hoffentlich überlegt, wie du dich bei mir entschuldigst xo
Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir die Sache von Angesicht zu Angesicht klären, wie zwei erwachsene Menschen. Dabei kann ich dieses Drama gerade nicht gebrauchen. Dio, ich hätte meinen Schwanz dieses eine Mal einfach in der Hose lassen sollen. Erst neulich habe ich mit meinem Berater Rahul zusammengesessen. Wir haben besprochen, wie es weitergehen soll, jetzt, wo ich wieder trainiere. Seine Worte waren deutlich: keine Frauengeschichten, keine Schlagzeilen, volle Konzentration aufs Comeback, um mir meinen Stammplatz in der Mannschaft zurückzuholen.
»Wir konnten nicht voraussehen, wie gut Morrison auf deiner Position funktioniert«, meinte er. »Deshalb ist es umso wichtiger, den Deers zu zeigen, dass du dich reinhängst. Die wissen, wie viel sie dir verdanken. Alles, was du machen musst, ist, sie daran zu erinnern, klar?«
Auf den ersten Blick ist es ein simpler, motivierender Rat meines Beraters. Aber ich kann zwischen den Zeilen lesen. Morrison, der im Sommer ursprünglich als mein Back-up zu den Deers gestoßen war, hat meine Zwangspause genutzt und zeigt Spiel um Spiel, wie gut er ist – acht Tore und sieben Vorlagen, die er bisher in der laufenden Saison gemacht hat, sprechen für sich. Selbst ich würde ihn nicht auf die Bank setzen. Das Team funktioniert, wir stehen auf dem siebten Platz, und das in unserer ersten Premier League Saison. Ein Tabellenplatz, zu dem ich nichts beigetragen habe. Morrison schon. Ergo bin ich in der Bringschuld. Ich muss mir meinen Platz zurückerobern und beweisen, dass ich ihn verdiene. Ich muss Whitmore überzeugen, die Mannschaft wäre mit mir noch stärker. Im ersten Schritt bedeutet das, die Eskapaden der letzten Monate runterzuschrauben. Voller Fokus aufs Training. Keine Partys. Keine Affären.
»Was machst du denn schon hier?«
Ich wende den Kopf und entdecke Rowan in der Tür zur Lounge. Wie immer, wenn sie arbeitet, hat sie ihre braunen Locken hochgebunden und trägt ein Deers-Polo zu verwaschenen Jeans.
»Das Gleiche könnte ich dich fragen. Müsstest du nicht unten sein und Ridge quälen?«
»Hat er sich beschwert?«
»Das würde er nie wagen.«
Sie hebt eine Braue, schlendert zum Büfett und schnappt sich eine Packung Oreos.
»Ich bin nur wegen der Kekse hier. Ridge muss sich keine Sorgen machen, dass ich ihn vergesse.«
Ich sehe zu den Keksen. »Kann ich auch einen haben?«
Rowan schürzt die Lippen, kommt aber auf mich zu.
»Wie war der RTC?«, fragt sie und hält mir die Rolle hin.
»Meine Kondition ist miserabel, aber keine Schmerzen. Ich darf nächste Woche wieder auf den Platz.«
»Dann haben unsere Übungen doch was gebracht.«
»Ja, ich war auch überrascht.«
Sie schnaubt leise. An der Reaktion bin ich wohl nicht unschuldig. Es hat ewig gedauert, bis ich mich mit der Reha abgefunden habe und Rowan hat den meisten Frust abbekommen. Umso mehr rechne ich ihr an, mich nicht an jemand anderes aus dem Physio-Team verwiesen zu haben. Keine Ahnung, ob ich es verkraftet hätte, wieder in etwas zu versagen.
Gleichzeitig fand ich es beeindruckend, wie konsequent sie war. Sie hat sich absolut nichts sagen lassen, egal, wie unausstehlich ich war. Ich mag selbstbewusste Frauen, die mir Kontra geben. Außerdem ist Rowan klug, loyal, bildschön und macht einen fantastischen Job. Die Reha hätte unsere Chance sein können, Freunde zu werden – hätte ich mich nicht durch mein bockiges Verhalten ins Aus geschossen. Ich bin selbst schuld.
Also beschränken wir uns seit ein paar Monaten auf die Basics: höflicher Smalltalk und professioneller Umgang.
Rowan lässt die Kekse auf dem Tisch neben meinem Loungesessel liegen und öffnet den Mund, doch unsere Team-Managerin kommt ihr zuvor.
»Da bist du ja, Rowan«, ruft Allie und betritt die Lounge, dicht gefolgt von Pepper und Cody, unserer Social-Media-Crew. »Ridge wartet unten auf dich.«
»Er freut sich schon«, ergänzt Pepper und kichert.
»Darauf wette ich.« Rowan sieht mich an, als wäre ich der Grund, wieso sie die Zeit aus den Augen verloren hat. »Bin unterwegs, wir sehen uns später.«
»Hey, deine …«, rufe ich, doch sie ist weg, ehe ich das Wort »Oreos« aussprechen kann. Dabei ist sie doch wegen der Dinger hergekommen.
»Bianchi, der Mann der Stunde«, sagt Pepper und kommt grinsend auf mich zu. Es fehlt nur noch ein diabolisches Händereiben, um das Bild eines Marvel-Bösewichts zu vervollständigen.
»Was hast du vor, Hunting Pepper?«, frage ich.
»Nichts Besonderes. Nur ein klitzekleines Spieltag-Quiz für die Insta-Story.«
»Hast du etwa geschludert und nichts vorbereitet?«
»Allein diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, grenzt an Beleidigung«, verteidigt sie sich. »Ich denke nur an unsere liebe Followerschaft, die dein hübsches Gesicht seit Weihnachten nicht mehr vor der Nase hatte.«
»Lass das nicht deinen Verlobten hören.«
»Ridge ist erwachsen, der hält das aus«, winkt sie ab und streicht sich eine rotbraune Strähne hinters Ohr. »Also?«
»Wie könnte ich da Nein sagen?«
In Rekordzeit haben beide das Set aufgebaut und löchern mich mit Fragen. Die Stunde bis zum Anstoß vergeht wie im Flug, und die VIP-Lounge füllt sich mit Abgesandten der Sponsoren und privaten Gästen. Auch Maddie Crown, Englands erfolgreichste Influencerin und Botschafterin unserer Fan-Kampagne Deer Cheer, schlägt mit ihrem Gefolge auf. Ihre Freundin Fallon ist mit dabei. Sie lächelt, ich lächle zurück. Kein Drama, kein Klammern, obwohl wir vor einem halben Jahr ein paar Mal in der Kiste waren. Der lebende Beweis dafür, dass man durchaus mit klaren Absprachen Spaß haben kann, ohne sich in die Scheiße zu reiten. Wäre es doch nur mit Sierra so einfach.
Mein Puls steigt, je weiter sich die Zeiger auf halb zwei zubewegen. Ich stelle mir vor, wie Raynott, unser Kapitän, gerade alle in der Kabine zusammentrommelt und anheizt. Mein Herzschlag beruhigt sich erst, als mein Team wenig später neben Fulham ins Stadion einläuft.
Wie vor jedem Anstoß gehe ich in mich, spreche ein Gebet und führe das silberne Kreuz um meinen Hals an meine Lippen. Dio sia con noi. Gott, steh uns bei.
Raynott läuft zum Anstoß, Ridge zwischen die Pfosten, und beide Teams verteilen sich auf dem Rasen. Der Referee pfeift an und es geht los.
In den nächsten Stunden blende ich alles aus. Es gibt nur noch das Spiel und den absoluten Willen, heute drei Punkte zu holen. Jeder Pass, jede Flanke, jeder Abschluss hallt in meinem Körper nach, als würde ich selbst da unten stehen. Ich höre den Jubel der Fans, spüre den Wind im Gesicht, den Rasen unter meinen Sohlen. Jeder Spielzug nährt das Ziehen in meiner Brust, weil es noch ewig dauern wird, bis das alles nicht mehr bloß in meinem Kopf stattfindet, sondern in echt.
Es fehlt mir. Alles daran fehlt mir.
Ich will spielen, ich muss einfach. Eher finde ich keine Ruhe. Ich brauche diesen Sport wie die verdammte Luft zum Atmen.
Ich wünschte, ich könnte Begeisterung in Gläser abfüllen. Gestern nach Abpfiff hat sie mich durchströmt, nachdem wir die Rückrunde mit einem souveränen 2:0-Sieg eröffnet haben. Davon ist jedoch nicht mehr viel übrig. Stattdessen sinkt meine Stimmung gerade gefährlich gen null, während ich mir im Foyer des Kinos die Beine in den Bauch stehe. Mein Date hätte vor einer halben Stunde hier sein sollen, doch von Marcus999 fehlt jede Spur.
Scheiße. Dabei hatte ich wirklich gehofft, diesmal wird es keine Luftnummer. So niedrig sind inzwischen meine Ansprüche an ein potenzielles Date: Hauptsache, er taucht überhaupt auf. Trotzdem werden sie regelmäßig enttäuscht. Schade um das Kleid, das ich mir extra für heute gekauft habe. Was für eine Verschwendung an meinen monatlichen Dating-Fail.
Alle vier Wochen verabrede ich mich über eine App und werfe mich dafür ordentlich in Schale. Weniger, weil ich ernsthaft denke, der Eine ist wirklich nur einen Swipe entfernt. Sondern weil ich dem Teil von mir, der die Hoffnung auf die große Liebe noch nicht aufgegeben hat, dann sagen kann: Ich habe es versucht.
Ich habe sogar meine heißgeliebten Manolo Blahniks angezogen, obwohl sie für einen dunklen Kinosaal eigentlich zu schade sind und der Film, den wir gucken wollten, ZomBee 3 heißt. Es ist genau das, wonach es klingt: ein trashiger Zombie-Bienen-Film, von dessen Sorte es offenbar schon zwei gibt.
Marcus999 hat den Vorschlag gemacht und ich habe zugestimmt, was mir unendliche Karma-Punkte bringen sollte – und jetzt bin ich ernsthaft diejenige, die versetzt wird. Es beginnt mit einem Swipe?
Leck mich, Tinder!
»Miss, der Film beginnt gleich. Wollen Sie nun rein oder nicht?«
Der Typ, der die Karten scannt, schaut genervt zur Saaltür, dann wieder zu mir.
»Danke, vielleicht ein andermal«, sage ich, vergrabe meine Hände in den Manteltaschen und drehe mich um.
Den Teufel werde ich tun, erst versetzt zu werden und mir dann freiwillig diesen Film reinzuziehen. Zu Hause warten ein entkoffeinierter Irish Coffee und Gismo auf mich. Vielleicht lasse ich so richtig die Sau raus und gönne mir sogar die neue Folge Love Island oder ein paar Seiten aus Dark Pasión, um die Zeit zu überbrücken, bis ich mich später mit Allie treffe. Wer braucht Dates, wenn der perfekte Bookboyfriend nur ein paar Seiten entfernt ist?
Stärker als nötig stoße ich die Glastür des Kinos auf, bereit, mich dem Graupelschauer zu stellen, der mittlerweile eingesetzt hat. Doch ich komme nicht weit.
»Merda! Was zum … Rowan?«
Nein. Nein, das darf jetzt bitte nicht wahr sein.
Es kommt öfter vor, dass ich die Jungs aus dem Team außerhalb der Arbeit treffe. Alle Spieler wohnen nur ein paar Gehminuten vom Stadion entfernt, wie ich. Aber ausgerechnet heute hätte ich gut darauf verzichten können.
»Was machst du hier?«, frage ich Bianchi, den ich gerade beinahe mit der Tür erschlagen hätte. »Sorry, geht’s?«
»Alles gut. War nur mein Gesicht, nicht das Knie.«
Würde ich ihn nicht kennen, hätte ich geglaubt, er macht einen Witz. Aber leider kenne ich ihn. Als eine Gruppe Jugendlicher an uns vorbeiwill, trete ich zurück ins Foyer. Bianchi folgt mir.
»Sorry«, wiederhole ich. »Heute ist nicht mein Tag.«
»Und das, obwohl wir gestern gewonnen haben?«
»Tja, trotzdem wurde ich gerade versetzt«, erwidere ich und wünsche mir im selben Moment, ich hätte den Mund gehalten. Erstens, weil es ihn nichts angeht, und zweitens, weil ich kein Mitleid will. Schon gar nicht seins.
»Also, was machst du hier?«, frage ich schnell.
»Das Kino ist der sicherste Ort, meiner Ex zu entkommen und eine Weile unterzutauchen.« Fragend sehe ich ihn an, doch er schüttelt den Kopf. »Lange Geschichte. Aber den Plan kann ich ohnehin knicken.«
»Wieso?«
Er deutet auf den Bildschirm, der die aktuellen Vorstellungen anzeigt.
»Mein Film läuft schon. Nicht, dass ich besonders auf Zombie-Bienen stehe, aber die anderen kenne ich schon.«
»Und was hindert dich daran, eine Karte zu kaufen?«
Er nickt zu einem Schild an der Seite, auf dem in großen Lettern »Technische Probleme: Keine Tickets nach Filmbeginn« steht.
»Kann man nichts machen.« Er zuckt die Schultern.
»Ich hab Karten, wenn du willst, kannst du sie haben«, sage ich.
»Echt?«
»Ich brauch sie nicht mehr. Ja oder Nein?«
Bianchi und ich gehen zum Tresen, doch offenbar kann ich die Tickets dank der technischen Probleme nicht ohne Weiteres auf ihn übertragen, weil ich sie auf meinen Namen gebucht habe. Herrgott, es geht um einen dämlichen Zombie-Film, nicht um die Uraufführung des nächsten James Bond. Trotzdem bleibt das Ergebnis dasselbe: Entweder ich gehe mit rein oder keiner von uns.
»Was soll’s«, meint Bianchi. »Hätte mich auch gewundert, wenn mal was nach Plan läuft.«
»Du und dein Optimismus«, erwidere ich. »Ist das ansteckend oder angeboren?«
»Kann nicht jeder eine so heitere Persönlichkeit haben wie du.«
»Wohl eher ansteckend. Sonst wäre ich nicht immer so heiter, wenn du in der Nähe bist.«
»War das etwa ein Kompliment?«
»Bild dir das ruhig ein.«
Ich wende mich ab – soll er doch sehen, wie er an Karten kommt, oder eben nicht. Einen Schritt später bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Draußen graupelt es nicht mehr, es schüttet. Ich habe keinen Schirm, zu Fuß gehen fällt also flach, und wenn die Uhr richtig geht, kommt der nächste Bus erst in zwanzig Minuten. Ich könnte mir ein Uber rufen, aber selbst der kurze Weg zur Straße wäre der Todesstoß für meine Manolos …
»Ich wette, das Wetter beruhigt sich bis nach dem Film«, sagt Bianchi, und ich drehe mich um. »Vielleicht ist das dein Zeichen, dir dieses Meisterwerk nicht entgehen zu lassen. Ich würde dir auch Gesellschaft leisten.«
Sein arrogantes Lächeln facht etwas in mir an. Am liebsten würde ich davonrauschen und ihm zeigen, dass er mich mal kann, aber dafür hänge ich zu sehr an meinen Schuhen.
Schuhe > Männer. Ich sollte es auf T-Shirts drucken lassen.
»Was ist nun?«, fragt der Typ mit dem Scan-Gerät. »Wollen Sie doch noch rein oder nicht?«
»Ach, verdammt«, fluche ich und halte ihm mein Handy hin, damit er den QR-Code scannen kann.
Ich habe keine Lust auf ZomBee 3, aber wenigstens habe ich mich dann nicht umsonst hergeschleppt. Ein schwacher Trost.
Der Mann öffnet die Saaltür, und wir treten ein. Grelles Licht durchbricht die Dunkelheit, als Bianchi die Handy-Taschenlampe einschaltet und uns den Weg zu den Plätzen leuchtet.
»Kannst du mein Handy nehmen?«, fragt er und lässt sich neben mich in die Polster fallen. »Ist sonst unbequem beim Sitzen, wenn ich es in die Hosentasche stecke.«
Wortlos stopfe ich es in meine Handtasche, während der Trailer zum keine Ahnung wievielten Godzilla-Remake über die Leinwand flimmert. Ein paar Minuten später gleiten die Vorhänge ganz zur Seite, und der Film beginnt.
Ich sinke tiefer in meinen Sitz und versuche die nächsten zwei Stunden nicht daran zu denken, dass ich versetzt wurde und Bianchi und mich nur eine Armlehne trennt. Ich hätte mir doch ein Uber rufen sollen, um nach Hause zu fahren. Scheiß auf die Schuhe. So viel zu meinen glorreichen Entscheidungen.
Nach zwei Stunden visueller Folter läuft endlich der Abspann. Das Licht im Saal geht an, ich löse meine verkrampften Finger von der Armlehne und ziehe meine Tasche von dem Sitz neben mir.
»Das war wild«, stößt Bianchi aus und schüttelt den Kopf. »Wie fandest du ihn?«
»Ähm …«, antworte ich.
Offenbar hat die Spannung, die sich während des Films in meinem Körper ausgebreitet hat, auch meine Fähigkeit zur Konversation verdrängt. Dunkler Raum plus Bianchi plus die Fantasie von ihm neulich Abend, als ich es mir gemacht habe … keine gute Kombi. Ich brauche dringend Abstand.
