Kein Bock Club - Maria Popov - E-Book

Kein Bock Club E-Book

Maria Popov

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Beschreibung

Wer gibt schon gerne zu, dass man keine Lust auf Sex hat? Warum schämen wir uns, wenn wir bestimmte Erfahrungen noch nicht gemacht haben? Und wieso sagen wir »Später vielleicht« oder »Ich bin zu müde«, obwohl das gar nicht stimmt? In Kein Bock Club erzählt Maria Popov offenherzig und ehrlich von eigenen Erfahrungen mit gescheiterten Flirtversuchen und gesellschaftlichem Druck rund um Sexualität. Sie spricht über das Label Asexualität, das sie für sich benutzt, und warum es okay ist, keinen Bock auf Sex zu haben.  Dieses Buch ist für dich, wenn du dich fragst: - Warum wird sexuelle Unlust oft als Problem gesehen? - Wie beeinflussen gesellschaftliche Erwartungen unser Sexleben? - Wieso fühlen sich viele Menschen gezwungen, bestimmten Normen zu entsprechen? Kein Bock Club ist ein Plädoyer dafür, Lustlosigkeit nicht als individuelles Versagen, sondern als Teil der Vielfalt menschlicher Sexualität zu verstehen. Und ein Aufruf zu mehr Mut und Ehrlichkeit in Beziehungen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Maria Popov

Kein Bock Club

Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Maria Popov

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

zur Kurzübersicht

Über Maria Popov

Maria Popov, geboren 1993 in Bulgarien, ist Journalistin und Moderatorin. Als Teil des YouTube-Kanals »Auf Klo« (funk) klärte sie acht Jahre lang über Sex, Beziehung und mentale Gesundheit auf. Sie moderiert Veranstaltungen wie die Jugendmesse TinCon, die re:publica und dreht Dokumentationen und Reportagen. Zuletzt präsentiert sie den dpa-News-Podcast »Stand der Dinge«, gab im Herbst 2024 ihr Schauspieldebüt in der mehrteiligen ARD-Serie »Made in Germany« und moderierte den Deutschen Theaterpreis.

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Über dieses Buch

Sexuelle Lust gilt als Maßstab für Intimität, Beziehungsqualität und persönliche Erfüllung. Doch was passiert, wenn sie ausbleibt? Wenn wir keinen Bock auf Sex haben, obwohl »eigentlich alles stimmt«? Wenn »Ich bin müde« nur eine Umschreibung für etwas ist, das wir selbst kaum benennen können? Unterhaltsam und kritisch deckt Maria Popov Mythen rund um Libido, Beziehungen und Sexualität auf. Sie erklärt, wie Lust funktioniert, warum sexuelle Vielfalt mehr ist als nur eine Identitätsfrage ist und was passiert, wenn wir aufhören, Lustlosigkeit als Defizit zu betrachten.

Schon in ihrer Jugend hatte Maria Popov nie richtig Bock auf Sex mit Männern und stößt irgendwann auf ein Wort, das ihr Gefühl zum ersten Mal beschreibt: Asexualität. Aber was heißt das eigentlich genau? In »Kein Bock Club« erzählt die Moderatorin von ihrer ersten Periode, missglückten Flirtversuchen, aufregenden Ohrmassagen – und von der Erleichterung, wenn man merkt: Ich bin mit all diesen Gefühlen nicht allein.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

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© 2025, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: favoritbuero × Shutterstock AI

 

ISBN978-3-462-31392-5

 

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt. Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen der Inhalte kommen. Jede unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt.

 

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Inhaltsverzeichnis

Widmung

Prolog

Vorwort

1. Spätzünderin

Mädchenkarriere

Wer zündet wann?

Normalzünder*innen

2. Die Annahme, dass alle Bock haben

Pubertät: das erste Mal Bock?

Ist das Biologie oder Skript?

Das Ding mit der Anziehung

Heteronorm und Allonorm

3. (Kein) Erstes Mal

Der Jungfrau-Huren-Komplex

Performancedruck

Das Ding mit der Scham

237 Gründe für Sex

4. Alles ist Sex! – Ist Sex alles?

Männliches vs. weibliches Verlangen

(Ent-)Sexualisierung

237 Gründe gegen Sex

Der kollektive Abtörner

5. Willkommen im Kein Bock Club

Bocklosigkeit in der Medizin

Mein Ass im Ärmel

Das A in LGBTQIA+

Fehlende Worte

6. Feminismus hat Bock

Sexuelle Revolution

Dritte- und Vierte-Welle-Feminismus

Sex sells

Sexpositiv oder einfach neutral?

7. Bock und Beziehungen

Brauchen Beziehungen Bock?

Sex für Kommunikation und Egoboost

Pflichtprogramm

8. Friendzone/Lovezone

Beziehungsformen ohne Bock

Nicht geschlechtsneutral

Sprache formt Beziehungen

9. Männer LOL

»Blue Balls« und Testo

Der Angeblich-immer-Bock-Club

Bock haben als rechtes Narrativ

Kein Bock auf Männer

10. Scheitern lernen

Pick Me

Konsens

Decentering Sex

Nachwort

Dank

Ein Manifest für Spätzünder*innen,

für die, die nie zünden, und für die, deren Feuer zwischendurch auf niedriger Flamme brennt.

Prolog

»Ich schreibe gerade ein Buch und bin deswegen auf Lanzarote«, sage ich meinem Date, das ich seit genau 30 Minuten kenne. Sie ist in Vietnam geboren und in Italien aufgewachsen, trägt eine schwarze Kurzhaarfrisur, eine runde Hornbrille und hat eine Ausstrahlung, die das ganze kleine Restaurant, in dem wir zu Abend essen, erfüllt. Ihr »GRL-PWR«-Tattoo gibt mir 2015-Vibes, aber sie fesselt mich. Es ist, als wäre sie das Epizentrum von etwas Großem, das keiner versteht, aber alle spüren. In dem Moment, in dem ich den Satz ausspreche, weiß ich, in welche Bredouille ich mich bringe.

Die letzten Monate habe ich bei der Frage, was ich da tippe, immer gelogen. Ich habe erzählt, ich sei auf der Insel, weil ich surfe und remote für eine Werbeagentur arbeite. Niemand hinterfragt das. Es ist die perfekte Geschichte, die gleichzeitig nichts über mich preisgibt. Keine Reaktion, keine Erklärungen, keine neugierigen Nachfragen, warum ich mich in einem winzigen Fischerdorf an den Rand von Europa zurückgezogen habe. Warum ich also ausgerechnet vor dieser fremden Frau, dieser Fremden mit ihren funkelnden Augen und der Wärme in ihrem Lächeln, ehrlich bin? Keine Ahnung.

Natürlich fragt sie sofort höflich: »Worüber schreibst du?«

Ich stottere auf Englisch etwas von einem Buch über sexuelle Unlust.

Sie nickt, legt ihren Kopf leicht schief und fragt: »Bist du asexuell?«

Es fühlt sich an, als würde mein Herz in meinem Magen schlagen und meine Magensäure zum Vibrieren bringen. Ich bin überrascht, dass eine zehn Jahre ältere lesbische Frau überhaupt weiß, was das ist.

»Mir bedeuten Labels nicht so viel, aber ich glaube schon«, antworte ich zögernd. Egal, wie viele Jahrzehnte ich schon mit verschiedenen Labels herumhantiere, bin ich trotzdem manchmal noch peinlich berührt, Worte wie lesbisch, asexuell oder queer zu sagen.

Und dann grinst sie. Nicht aus Verlegenheit oder Unsicherheit, sondern breit, herzlich, mit einer Leichtigkeit, die mich aus der Fassung bringt. Sie schaut mir tief in die Augen, dann auf meinen Mund und wieder zurück, bevor sie mit ihrem süßen italienischen Akzent sagt:

»Das hätte ich nicht gedacht.«

»Warum?«

Leicht genervt beantworte ich mir die Frage in Gedanken selbst. Ja, safe, wird sie jetzt sagen, weil ich gar nicht asexuell aussehe, weil ich kurze Fingernägel habe oder weil ich nicht so wirke. Stattdessen sagt sie etwas ganz anderes.

»Weil ich das Gefühl habe, dass wir uns gegenseitig sehr anziehend finden.«

 

Am nächsten Morgen sitze ich beim Frühstück mit meiner Freundin Vidina. Sie lacht so laut, dass sich ein paar ältere deutsche Urlauber am Nebentisch zu uns umdrehen.

»30 Prozent, hast du gesagt! Die Chancen stehen bei 30 Prozent, dass da was laufen wird, Maria! Das waren deine Worte gestern! Und jetzt das?«

»Ja, ich wusste ja nicht, wie attraktiv ich sie finden werde«, murmele ich und schiebe meinen Toast hin und her.

»Aber du schreibst doch das Buch darüber, dass niemand immer Lust haben muss. Dass sexuelle Anziehung überbewertet wird. Und jetzt? Sieht’s so aus, als hättest du plötzlich doch Lust gehabt?«

Vidina grinst noch breiter, als sie sieht, wie ich vor Verlegenheit die Augen verdrehe.

Ich wische mit meinem Zeigefinger über den Rand der Kaffeetasse in meiner Hand und versuche zu erklären, warum der Abend so anders war. Vielleicht war es ihre Art, so unaufdringlich und gleichzeitig präsent zu sein. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich endlich mal ehrlich war, dass ich meinen Schutzschild für einen Moment sinken ließ. Oder vielleicht war es einfach nur der Funke, der überspringt, wenn zwei Menschen sich auf einer Insel begegnen und irgendetwas in der Luft liegt.

»Ich habe keine Ahnung, warum das passiert ist«, sage ich schließlich und versuche, den Blicken der älteren Urlauber auszuweichen, die Vidinas laute Art mit einer Mischung aus Belustigung und Missbilligung beobachten.

»Das ist okay«, sagt Vidina, die endlich ihren Toast isst. »Und wenn du das in dein Buch schreibst, schreib darüber, als wär es ein Recherche-Date, um zu beweisen, dass sexy Dates eigentlich immer eher für die Geschichte sind als für das Treffen an sich.«

Ich lache und nehme einen Schluck Kaffee. Ein Recherche-Date. Ja, vielleicht war es das. Vielleicht ist das mit der Anziehung und Lust aber auch komplizierter.

Vorwort

Dieses Buch entsteht durch ein Unwohlsein, das ich seit 15 Jahren in mir trage. Gefühle der Einsamkeit, der Suche nach einem Ich im Wir, Scham, Angst, aber auch Selbstbewusstsein, Dankbarkeit und Wissbegierde begleiteten mich auf dem Weg, der jetzt in diesen Text mündet.

Als Moderatorin und Journalistin befasse ich mich mit feministischen, popkulturellen und gesellschaftspolitischen Themen. Seit zehn Jahren drehe ich Filme über Liebe, Sex und Beziehungen und habe lange eine Sendung namens »Auf Klo« auf Youtube moderiert, die über Sexualität aufklärt. Dort, im Fernsehen und in Podcasts, habe ich über weibliche Lust gesprochen und Mythen über schlechten und guten Sex kritisiert. Eine Sache habe ich allerdings geheim gehalten: Während ich öffentlich so viel über Sex sprach, hatte ich selbst noch gar keinen Sex gehabt. Und zudem hatte ich nicht wirklich vor, das zu ändern.

 

Ich habe dieses Detail nicht verheimlicht, weil ich als Journalistin keine persönliche Note in meine Arbeit einbringen wollte. Im Gegenteil: Oft habe ich mein Outing als queere Frau oder meine Erfahrungen aus Dating und Beziehungen öffentlich besprochen. Ich habe dabei nicht gelogen, aber ganz bewusst ausgespart, dass ich kein aktives Sexleben hatte. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Was passiert, wenn ich auffliege? Eine Moderatorin, die sexuelle Aufklärung für Jugendliche leistet, aber selbst gar keinen Sex hat? Eine Feministin, die den Hype um Sexpositivität nervig oder sogar manchmal gefährlich findet? Ich bin damit doch eine Betrügerin, Hochstaplerin, ein Imposter, oder?

Es vergingen einige Jahre, bis ich doch anfing, mich auszuprobieren und tatsächlich guten und schlechten Sex hatte. Trotzdem war eines für mich schnell klar: Ich gehöre zum »Kein Bock Club«. Ich habe einfach nicht so oft Bock auf Sex. Manchmal finde ich Sex trotzdem ganz schön, aber es ist definitiv nicht wie das, was mir 27 Jahre meines Lebens als die geilste, tollste, verbindendste Aktivität verkauft wurde, die es auf der Welt gibt. Für mich war und ist Sex einfach nur eine Aktivität von vielen, wie zum Beispiel ein heißes Bad nehmen, Tennis spielen oder Fußmassagen eine Aktivität sind. Und das zuzugeben ist irgendwie intim, und ich fühle mich damit vulnerabel. So als müsse ich nach der Beichte, dass ich zum Kein Bock Club gehöre, direkt sagen, dass ich trotzdem eine sexpositive Feministin bin, dass ich trotzdem nicht prüde, sondern offen für Experimente bin. Ist das nicht komisch?

 

Eine Freundin hat mir mal erzählt, dass sie als Zeitvertreib an der Supermarktkasse die Menschen in der Schlange vor sich scannt und einteilt in »Würde ich ficken« oder »Würde ich nicht ficken«. In dem Moment, als ich das hörte, war ich so verblüfft und amüsiert darüber, dass ich meinen Cappuccino wieder ausgespuckt habe. Es war einer der Momente, in dem mir klar wurde, dass Menschen sich in mindestens zwei Clubs einteilen lassen: Es gibt den Bock Club und den Kein Bock Club. Und ich gehöre definitiv zu Letzterem.

Unter dem Label Kein Bock Club vereinen sich für mich alle Menschen, die eine niedrige Libido haben oder sich auf dem asexuellen Spektrum befinden, also Menschen, die keine oder kaum sexuelle Anziehung zu anderen verspüren. Außerdem schließt er auch diejenigen ein, die zeitweise keinen Bock auf Männer, Sex oder Leistungsdruck haben – aber dazu später mehr. Ich spreche lieber von »keinen Bock haben« als von »sexueller Unlust«. Erstens klingt sexuelle Unlust direkt nach Sexualtherapie und so gar nicht sexy. Und zweitens können die meisten Menschen, die sich noch nicht so viel mit Sexualität beschäftigt haben, kaum zwischen Begriffen wie »Anziehung«, »Lust« oder »Libido« unterscheiden. Diese Unterscheidung ist wissenschaftlich sehr wichtig, und ich werde im Laufe dieses Buchs noch genauer darauf eingehen. Allerdings verkomplizieren sie das Sprechen über Sexualität – und vor allem über die eigenen sexuellen Bedürfnisse – manchmal auch. Deswegen werde ich in diesem Buch die gemeinsamen Aspekte von Anziehung, Lust und Libido meistens unter dem Wort »Bock« zusammenfassen. Auch weil ich daran glaube, dass wir sprachliche Hürden abbauen müssen, um in Zukunft ehrlicher und offener über Bocklosigkeit zu sprechen.

 

Meine Freund*innen in Berlin reden offen über Themen wie BDSM, Polyamorie und Pornografie, aber praktisch nie darüber, dass sie seit Monaten keinen Sex mehr mit ihren Partner*innen hatten – obwohl (oder gerade weil) sie diese lieben. Sie reden nicht darüber, warum sie lieber sagen »Nee, ich hab Kopfschmerzen« als »Nee, ich habe heute keinen Bock auf Sex«. Vielen von ihnen – das vermute ich zumindest – fehlen die passenden Worte, um darüber zu sprechen, dass man keinen Bock auf Sex hat. Aber nicht nur das: Bocklosigkeit ist bis heute nichts, worauf man stolz ist, oder etwas, das man als normal empfindet. Das möchte ich mit diesem Buch ändern.

Das Aufwachsen ohne sexuelle Bedürfnisse ist nicht nur weird, sondern auch einsam. Nicht weil ich wirklich allein war, sondern vor allem weil ich lost war. Und ich habe ganz viel Scham empfunden, zum Kein Bock Club zu gehören. Ehrlich gesagt, fühle ich die Scham auch jetzt gerade, weil dieses Buch vielleicht als Coming-out verstanden werden wird. Die Vorstellung, bei Steven Gätjen in der NDR-Talk-Show über den Kein Bock Club zu sprechen oder im SAT.1-Frühstücksfernsehen mit Marlene Lufen über Sexpositivität zu plaudern, ist beängstigend und empowernd zugleich. Der Gedanke fühlt sich jedenfalls genauso verletzlich und intim an, wie dieses Buch zu schreiben.

Ich hatte keine Vorbilder, die bocklos, selbstbewusst und smart sind und halbwegs coole Klamotten tragen. Nicht dass der Style dafür wichtig ist, eine Daseinsberechtigung in der Öffentlichkeit zu haben, aber ich war als Jugendliche verzweifelt auf der Suche nach Vorbildern, mit denen ich mich identifizieren konnte – und bin es eigentlich auch heute noch als erwachsene Frau. Daher kommt wiederum das aufregende, positive Gefühl, das ich habe, wenn ich daran denke, selbst für meine Bocklosigkeit einzustehen.

 

In diesem Buch möchte ich über viele Dinge schreiben, die das Thema Sexualität betreffen. Sexualität umfasst ein ganzes Spektrum von Gefühlen, Wünschen, Identitäten und Ausdrucksformen rund um das Thema Sex. Aber sie ist mehr als das, was im Schlafzimmer passiert. Unsere Sexualität beinhaltet unsere sexuellen Vorlieben, was wir über Geschlechterrollen denken und wie wir uns selbst und andere in Bezug auf Sexualität sehen. Sie umfasst Fantasien, Körperlichkeit, auch Fetische und ästhetisches Empfinden.

In der LGBTQIA+-Community ist diese umfangreiche Betrachtung nicht neu, aber in den Diskursen, die wir als heterosexuell-dominierte Gesellschaft führen, wird Sexualität oft auf den Rein-raus-Akt reduziert. Dabei stellen sich eigentlich viel komplexere Fragen: Ist Sex ausschließlich Penetration? Oder hat man nicht auch Sex, wenn man sich nackt aneinander reibt? Kann man Intimität nur in einer romantischen Zweierbeziehung verorten? Oder zum Beispiel auch in Freundschaften? Und warum ist es nicht eigentlich völlig egal, wie wir Sex haben, wen wir lieben und ob wir überhaupt bumsen?

Was beim Sprechen über Sexualität meiner Meinung nach nicht häufig genug beachtet wird: Sie kann sich im Laufe des Lebens entwickeln. Wenn Leute darüber lachen, dass eine sexuelle Orientierung eine Phase ist, denke ich mir oft: Ja, stimmt doch. Meine Heterosexualität war zum Beispiel eine Phase. Und je nach Wissensstand oder Lebensumstand kann sich diese Orientierung eben ändern. Aber auch darauf kommen wir später zurück.

Ich möchte in diesem Buch Sexualität breit fassen. Es wird natürlich um biochemische Prozesse, körperliche Zustände und wissenschaftliche Studien gehen. Aber vor allem schreibe ich über uns Menschen und Sexualität im Kontext unserer Gesellschaft. Zum Beispiel über historische Betrachtungsweisen weiblicher Lust, über Vorurteile gegenüber Menschen, die weniger Lust haben, als von ihnen erwartet wird, und die deswegen unter Druck stehen, und über Popkultur, die unsere Vorstellungen und Bilder im Kopf prägt.

 

Um die heutigen Debatten und den Status quo besser zu verstehen, gehe ich auch in meinem eigenen Leben zurück zu ein paar Momenten, die wichtig sind: zurück in die Pubertät, zu den Crushes meiner Jugend, zu meiner ersten Liebe. Nicht immer gehe ich dabei chronologisch vor, trotzdem wird hoffentlich ein roter Faden erkennbar sein, der zu meinem heutigen Ich und zu unserer Gegenwart führt.

Wenn ich meine eigene Geschichte erzähle, versuche ich, so ehrlich zu sein, wie es mir mit dem zeitlichen Abstand, den ich zu den Situationen habe, möglich ist. Um die Privatsphäre anderer Personen zu schützen, habe ich alle Namen geändert, mir manche Details ausgedacht und Szenen verfremdet. Einige Menschen, die in diesem Buch vorkommen, habe ich um ihr Einverständnis gebeten, konkrete Situationen schriftlich festzuhalten.

Außerdem ist mir wichtig, eine andere Sache hier zu erwähnen, und am liebsten würde ich es auf jeder Seite dieses Buchs platzieren und in jede Fußzeile hineinschreiben: Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Auch wenn die meisten wissenschaftlichen Studien, die ich zitiere, auf der Binarität von Mann und Frau, Jungen und Mädchen, Penis und Vulva, beruhen, weiß ich: trans und queere Personen gab es schon immer und wird es immer geben. Ich hoffe, dass du dich als lesende Person von meiner hoffentlich möglichst inklusiven Sprache angesprochen fühlst, auch wenn ich mich manchmal auf ein binäres Geschlechtsmodell beziehe. Dass man Geschlecht nicht an Genitalien und Chromosomen festmachen kann, ist dabei trotzdem immer meine feste Überzeugung.

Im Fokus dieses Buchs steht vor allem weibliche Bocklosigkeit. Nicht weil Männer nicht keine Lust auf Sex haben können (ein gefährlicher Trugschluss sogar, auf den ich zurückkommen werde), sondern weil ich mich selbst als Frau identifiziere und vor allem über meine persönlichen Erkenntnisse aus meiner Recherche, meinem Leben und meiner Arbeit als Journalistin spreche. Das heißt ausdrücklich NICHT, dass dieses Buch nur für Frauen ist. Im Gegenteil sogar: Wenn wir alle uns mehr mit weiblich gelesener Bocklosigkeit beschäftigen würden, hätten alle etwas davon.

 

Ich möchte mit diesem Buch etwas anders machen, als uns gesellschaftlich beigebracht wird: Keinen Bock zu haben, ist kein Zustand, den man ändern muss, nichts, das geheilt werden muss oder zu bedauern ist. Der Kein Bock Club schuldet weder Partner*innen noch der Gesellschaft Sex. Noch mal langsam, weil das sehr wichtig ist: Der Kein Bock Club schuldet weder Partner*innen noch der Gesellschaft Sex. Der Bock Club schuldet übrigens auch niemandem Sex, aber darüber gibt es viele andere tolle Bücher.

 

Weil das hier mein Buch ist, möchte ich die Gelegenheit noch nutzen und ein paar Menschen grüßen:

Hallo, Ex-Beziehungen: Äh, ja, sorry! Aber gleichzeitig auch selbst schuld, wenn ihr das hier lest. Hab euch trotzdem lieb.

Hallo, Familienmitglieder: Wenn ihr das Lesen bis hier schon unangenehm findet, lest lieber nicht weiter. Das gilt auch für Ex-Lover*innen.

Hallo, Freund*innen: Ich liebe euch. Dankeeeee.

1.Spätzünderin

Mein ganzes Leben schon wartete ich auf die beiden Momente, die zu viele schlechte Highschoolfilme thematisieren: meine fucking erste Periode und mein fucking erstes Mal. Bei beidem bin ich eine der Letzten, eine richtige Spätzünderin halt.

Meine Freundin Jenny war gerade einmal neun Jahre alt, als sie mir am ersten Tag nach den Sommerferien erzählte, dass sie jetzt immer eine Binde im Portemonnaie mit sich herumtragen muss. Ich selbst war auch neun und konnte es kaum glauben, dass Jenny jetzt, na ja, dass sie schon … also dass sie zur Frau geworden war. Es dauert nicht lange, bis auch alle anderen in meiner Klasse – mehr oder weniger schüchtern – davon erzählten. Sie diskutierten auf dem Mädchenklo, wie sich das erste Mal bluten angefühlt hatte, welche Art von Binden sie bevorzugten und dass Selma keine Tampons benutzte, weil ihre Mama sage, man verliere dann die »Jungfräulichkeit«. Ich konnte bei alldem noch nicht mitreden – bis zu einem eisigen Tag im März 2008, kurz nach meinem 15. Geburtstag.

Mädchenkarriere

Im Reihenhaus meiner Eltern hängt ein Foto im Flur, auf dem meine Schulklasse zu sehen ist. Ich bin die in der ersten Reihe, die trotz ihrer schiefen Zähne breit grinst. Ich bin das kleinste der Mädchen. Ich bin ungefähr 14 Jahre alt. Alle anderen sind schon mitten in der Pubertät, haben Pickel und tragen Jeans mit Hochwasser. Nicht die Hosen im ⅞-Stil, die extra oberhalb der Knöchel aufhören und die damals im Trend waren, sondern Schlaghosen von Miss Sixty. Die, bei denen zwar der Reißverschluss am Po gerade noch zugeht, aber deren Hosenbeine so kurz sind, dass die unterschiedlich farbigen Socken darunter hervorblitzen.

Als ich an dem Foto vorbei die Treppe hinunterlaufe, tönt aus der Küche Musik, die ich mag. Meine Mama hat ausnahmsweise 1Live angemacht und nicht einen Sender, der dinomäßig alt und peinlich ist. Es ist Freitagnachmittag, und im Radio läuft der neuste Song von Flo Rida. Er singt über eine Frau mit Apple-Bottom-Jeans, über Baggy-Sweat-Pants und Reebok-Sneaker. Der ganze Club schaut die besungene Frau an, während sie den Dancefloor betritt und ihrem »big booty« einen »slap« gibt: »Shawty got low, low, low, low, low, low, low, low.«[1]

Ich trage keine Markenjeans und keine coolen Schuhe. Den Wunsch nach solchen Statussymbolen, die in den 2000er-Jahren als cool galten, haben mir meine Eltern immer ausgeschlagen. Stattdessen musste es günstig sein. Für das Schulfoto im Flur war meine Wahl deshalb auf einen mintgrünen Hoodie mit einem aufgedruckten Affen und eine Blue Jeans mit heller Waschung gefallen. Die Hose hatte ich sorgfältig ausgewählt, vor allem aufgrund der Taschen auf der Rückseite. Die sollten immer an einer ganz bestimmten Stelle sein, um den Po perfekt zu betonen. Meine männlichen Mitschüler diskutierten in der Pause häufig darüber, dass ein schöner Po fast wichtiger sei als große Brüste. Sie waren sich am Ende ihrer Diskussionen nie ganz einig, worauf ihre Wahl wirklich fiel, aber da ich eh noch keine Brüste hatte, setzte ich auf meinen Arsch. An meinen Füßen trug ich auf dem Schulfoto Chucks, allerdings nicht die originalen. Außerdem waren meine Schuhe so ausgelatscht, dass sich der vordere Teil des Schuhs clownmäßig nach oben wölbte. Auf den Lippen hatte ich Lipgloss mit Plumping-Effekt und auf den Augen Glitzerlidschatten. Die Kufiya um meinen Hals, die wir damals »Palituch« nannten, war total in, und ich kannte weder ihren historischen Ursprung, noch verband ich damit irgendeine politische Gesinnung.

Das Bild ist eines der wenigen Klassenfotos, bei denen ich meinen Eltern die Erlaubnis gegeben habe, es auszudrucken. Die meisten Schulbilder habe ich weggeworfen oder gelöscht. Zu sehr schäme ich mich dafür, dass mit steigender Qualität der Digitalkameras ein dunkler Flaum auf meiner Oberlippe erkennbar wird.

Als wir das Schulfoto ausgehändigt bekamen und ich es mit meinen Freundinnen analysierte, zeigte jede von ihnen auf einen Jungen, auf den sie einen Crush hatte – »in den sie ist«, wie wir in den 2000ern sagten. Jede suchte sich einen aus, so lange, bis ich dran war.

»Und, Maria, in wen bist du?«, fragte Finja, und alle schauten mich dabei intensiv an.

Wenn mich jemand so was fragte, fing ich meistens an zu stottern. Und entschied mich jede Woche neu: Mal war ich überzeugt davon, in den Schulschwarm Jenrick verliebt zu sein, der ein Jahr älter war als wir. Der war immer eine sichere Wahl, bei der meine Glaubwürdigkeit nicht hinterfragt wurde. Ein anderes Mal war es der Junge, der beim Fußball die meisten Tore schoss. In der nächsten Woche beteuerte ich meine Liebe zum Theaterjungen aus der Parallelklasse. Keiner dieser Jungs interessierte mich wirklich so richtig. Okay … außer vielleicht der Theaterjunge.

Neben den erfundenen Schwärmereien sah ich noch eine weitere Chance, endlich den nächsten wichtigen Schritt in meiner Mädchenkarriere zu machen – und damit in den Status einer »Teenagerin« aufzusteigen: meinen ersten Kuss. Der Theaterjunge erschien mir dafür der Richtige zu sein, weil er immerhin sein Soft-Boy-Image regelmäßig in der Musical-AG unter Beweis stellte.

Auf Elsas 12. Geburtstag, den wir bei ihr zu Hause feierten, bemerkte ich seinen Blick auf mir. Wir zehn Teenager*innen saßen im Kreis und warteten gespannt darauf, auf wen die Flasche als Nächstes zeigen würde. Es roch nach V+Energy und Pubertätsschweiß. Irgendwann zeigte sie auf mich.

Nachdem die Flasche mir meinen ersten Kuss beschert hatte, war ich mit dem Theaterjungen zwei Wochen »zusammen«. Was genau das eigentlich hieß, schienen wir beide nicht richtig zu wissen. Denn »zusammen« war daran ziemlich wenig. Trotzdem war ein Kuss der ganz selbstverständliche Start eines »Wir gehen jetzt miteinander«. Die Fragen meiner Freundinnen, ob es beim Kuss auch »da unten« gekribbelt hatte, bejahte ich verwirrt, weil ich nicht verstand, was sie meinten. Schmetterlinge im Bauch kannte ich vielleicht, aber dass meine Freundinnen ernsthafte Absichten hatten, über mehr als Küssen zu sprechen, fand ich eher gruselig.

Der Theaterjunge machte nach zwei Wochen per SMS Schluss. Ich war nicht traurig, weil ich ihn so liebte, sondern weil er sich dazu entschlossen hatte, seine SMS – die mich auf meinem gerade erklommenen Teenagerinnen-Status wieder eine Stufe nach unten in Richtung »Mädchen« verfrachtete –, mit folgenden Worten zu beenden: »Aber Kopf hoch: Hakuna Matata.«

 

Die Klobrille im Gästeklo bei mir zu Hause ist kalt, als ich mich auf sie setze. Durch die Toilettentür hindurch höre ich immer noch das Radio. Das Lied erkenne ich diesmal nicht. Meine Schulfreundinnen tragen schon Tangas. Obwohl meine Mama es mir sogar erlaubt und mir ein Snoopy-Tanga-Set von ALDI mitgebracht hat, ziehe ich sie nur an, wenn ich in der Umkleide der Tanzschule auf cool tun will. Dazugehören, normal sein, ist das A und O. Nein, Tangas sind nicht die Schlüppis meiner Wahl. Der Schlüppi an diesem Freitag ist rosa mit kleinen Erdbeeren drauf, bei dem sich das Gummiband am Bund schon etwas auflöste.

Als ich die Unterhose runterziehe, ist ein dunkelbrauner Streifen darin zu sehen. Was? Ich bin kurz überfordert, aber dann weiß ich ganz genau, was zu tun ist. Im Gäste-WC hat meine Mutter schon immer groß und für alle Gäste sichtbar Tampons drapiert. Ich hatte nie das Gefühl, dass das etwas Peinliches ist. Mit 13 probierte ich schon, mir verschiedene Größen einzuführen, obwohl ich noch keine Blutung hatte. Meine Freundinnen in der Schule hatten immer nur Binden oder minikleine Tampons dabei. Ich und mein Erdbeerschlüppi sitzen also auf dem Klo, leicht nervös, und packen uns das Teil da rein, wo es hinsoll. Tipptopp.

Als ich in die Küche komme, riecht es nach gebratenen Zwiebeln und Bohnenkraut. Meine Mutter hat die Hände voll mit Hackfleisch, weil sie dabei ist, Köfteta, bulgarische Frikadellen, zu machen.

»Ja, mh, Periode, ja …«, murmele ich und will schon schnell in mein Zimmer huschen, als sie fragt:

»Alles ok? Hast du Fragen?«

Natürlich hatte ich mit 15 tausend Fragen: Wieso bin ich jetzt erst dran? Was bedeutet es, »eine Frau zu werden«? Geht das mit einem Vertrag einher? Wieso stehen alle auf Jenrick, aber ich nicht? Was meinen meine Freundinnen mit dem Kribbeln »da unten« beim Knutschen? Muss ich jetzt die Pille nehmen? Und wenn ja, wofür?

Das und vieles mehr wollte ich fragen, aber tat es nicht. Alles, was mit Gefühlen und Unsicherheiten zu tun hatte, war zu Hause nicht so gut aufgehoben. Da musste alles schnell gehen, leise sein und funktionieren. Während meine Eltern hart für ihren German Dream ackerten, um sich das Reihenhaus leisten und abbezahlen zu können, versuchte ich krampfhaft, nicht aus der Reihe zu tanzen.

Ich schaue meine Mutter an, zucke mit den Schultern, sage »Nö« und renne die schmale Wendeltreppe hoch, um weiter Sims zu spielen. Zeit, wieder darauf hinzuarbeiten, dass meine zwei Sims-Charaktere endlich Techtelmechtel machen. Ich mache mit 15 kein Techtelmechtel und weiß noch nicht, dass es weitere zehn Jahre so bleiben wird. Spätzünderin halt.

Wer zündet wann?

Spätzünden – was bedeutet das eigentlich? »Zünden« heißt anbrennen, entfachen, aber auch begeistern oder fesseln. Wenn jemand »spät zündet«, wird dessen Feuer später entfacht als das Feuer derer, die »normal« zünden.

Ein Feuer entsteht durch drei Zutaten: Brennstoff, Hitze und Sauerstoff. Ein Brennstoff, der noch nicht entfacht ist, ist kalt, dem fehlt noch etwas. Nur durch eine Initialzündung, wie einen Blitz, der einen Baum trifft, wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, und der Baum brennt. Der Baum kann gar nicht anders, als zu zünden, die Hitze ist nicht auszuhalten, sie braucht eine Reaktion.

Im Englischen heißen die Spätzünder*innen »Late Bloomers«. Das sind diejenigen, die später blühen, noch nicht floriert oder gediehen sind. Eine Pflanze, die noch nicht blüht, ist klein, schwach und hässlich, der steht die prächtige Zeit noch bevor. Als Spätzünderin dachte ich genau das: Ich bin noch nicht aufgeblüht. Das Feuer in mir ist noch nicht entfacht, obwohl doch die Pubertät genau der Zeitpunkt dafür sein sollte.

Wenn das Zünden oder Aufblühen in der Pubertät als Norm angesehen wird, ist das Spätzünden eine Abweichung, für die man Gründe finden muss. Spätzünder*innen wird zugeschrieben, sie seien prüde, nerdig oder sozial inkompetent. Sie scheinen ein Mysterium zu sein, das verstanden und entschlüsselt werden muss. Während die meisten erste Beziehungen formen oder ihre »Jungfräulichkeit verlieren« – eine schreckliche Formulierung, die ich ungern reproduziere, aber als ich in der Pubertät war, sagte man das so –, bleiben die Spätzünder*innen in dieser Hinsicht hinter den gesellschaftlichen Erwartungen zurück. Sie seien über das Alter hinaus, in dem »normale Jugendliche« ihre ersten sexuellen und romantischen Erfahrungen machen.

Ich malte mir aus, es gäbe zwei Arten von Menschen: diejenigen, die die Songtextzeilen von Ginuwine verstehen, und die, die keine Ahnung haben, was »Pony reiten« sein soll: »Juices flowing down your thigh, If you’re horny, let’s do it. Ride it, my pony, My saddle’s waitin’, Come and jump on it.«[2]

Welches Alter zum Zünden richtig ist, legt niemand fest, und welche Erfahrungen damit genau gemeint sind, auch nicht. Außerdem lässt sich kaum sagen, ab wann genau man kein*e Spätzünder*in mehr ist: Wenn man seine erste Periode hat? Sobald man Interesse am anderen Geschlecht entwickelt? Wenn man das erste Mal Geschlechtsverkehr hat? Und ist damit dann Penetration gemeint? Oder ist man auch kein*e Spätzünder*in mehr, wenn man Händchen haltend über den Schulhof läuft?

 

Als Teenagerin habe ich mir oft vorgestellt, was auf mich wartet, wenn ich endlich zünde. Was wohl dieser eine Moment sein würde, der mich aus meinem Spätzünderin-Dasein katapultiert und mich unweigerlich auf die andere Seite befördert – die Seite derer, die wissen, wie das alles funktioniert. Würde es schlagartig passieren? Ein Blick, ein Kuss, eine zufällige Berührung, die mich durchzuckt wie ein Blitz und mich wie einen Baum in Brand setzt? Oder wie der Moment im Frühling, wenn die Blüte blüht, und man es riechen und von weiter Entfernung sehen kann. Oder ist es eher ein schleichender Prozess, der mir erst im Rückblick klarmacht, dass ich nicht mehr dieselbe bin? Ich fragte mich, ob es so sein würde wie im Film. Und wenn ja, nach welchem Drehbuch meine Szene ablaufen würde. In der Bibliothek, wo ich nach einem Buch greife und seine Hand streife? In der dunklen Partyecke, in der sich zwei langsam näherkommen, während die Bässe der Musik alles andere übertönen? Oder wäre es ein unerwarteter Moment, ein Spaziergang, eine Zugfahrt, die auf einmal dieses Feuer in mir entfacht und den Vorhang zu einer Welt aufreißt, die mir bisher verborgen blieb?

Ich stellte mir vor, dass Menschen es mir sofort ansehen würden. Dass meine Freundinnen meine Haltung, meine Bewegungen, meinen Tonfall registrierten und merkten, dass ich jetzt dazugehöre. Dass ich an einem Samstagmorgen in der Küche stehen, Kaffee umrühren und mit einem selbstzufriedenen Lächeln sagen würde: »Ich verstehe jetzt, was ihr meint.«

Würde ich insgesamt mit einem anderen Selbstverständnis durch die Welt gehen? Ein cooleres, beiläufigeres Auftreten haben? So wie die Mädchen in Coming-of-Age-Filmen, die nach der entscheidenden Nacht mit offenem Fenster im Bett liegen, ein dünnes Laken über sich, während sie in die Ferne blicken, leicht verwirrt, aber doch verändert? Vielleicht wäre es auch wie in einer dieser Szenen, in der ein Mädchen mit vom Wind zerzausten Haaren in Zeitlupe durch den Schulflur läuft. Plötzlich mit einem neuen Glanz in den Augen und einem Soundtrack im Hintergrund, der signalisiert, dass sie nun jemand anderes ist. Shakira könnte im Hintergrund laufen, meine Hüften würden selbstbewusster denn je im Takt der Musik schwingen: »Lucky that my lips not only mumble, They spill kisses like a fountain; Lucky that my breasts are small and humble, So you don’t confuse ’em with mountains.«[3] Ich glaubte fest daran, dass es ein Vorher und ein Nachher geben würde.

Weil ich aber auf mein persönliches Zünden auch nach dem Einsetzen meiner Periode vergeblich wartete, suchte ich regelmäßig nach Antworten. »Bin ich normal?«, war die Frage, die ständig meine Gedanken bestimmte. Und mit »normal« meinte ich eigentlich: Bin ich mit allem, was Sex angeht, nicht eigentlich schon zu spät dran?

Zeitschriften wie die Bravo Girl! oder die Mädchen, die ich regelmäßig las, gaben mir nur vereinfachte Antworten. Dort wurde erklärt, wann Menschen ihr erstes Mal haben – und ich war über dieses Alter definitiv hinausgewachsen. Die Zeitschriften verrieten mir nicht, ab wann Sex als Sex galt, und auch nicht, dass alles, was Teenager*innen machen, als »normal« gelten sollte. Nichts zu früh oder zu spät ist.

 

Beim Schreiben dieses Buchs im Jahr 2025 versuche ich, Studien zu finden, die meine ersten romantischen und intimen Erfahrungen als spät oder sogar zu spät einordnen. Zurück bleibe ich allerdings eher mit noch mehr Fragezeichen.

 

In Deutschland erleben die meisten jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren die ersten körperlichen Kontakte und sexuellen Erfahrungen. Das hat zuletzt eine breit angelegte Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2019 gezeigt.[4] Die Ergebnisse bringen hervor, dass viele Menschen im Teenageralter enorme Entwicklungsschritte durchmachen: Während sexuelle Aktivitäten unter den 14-Jährigen insgesamt mit durchschnittlich 4 Prozent noch die Ausnahme sind, gaben 94 Prozent der unter 19-Jährigen an, schon heterosexuelles Küssen, Petting oder Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. 6 Prozent der heterosexuellen Befragten ohne Migrationsgeschichte gaben an, keinerlei Form von sexuellem Kontakt erlebt zu haben. Bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr sind die Befragten deutlich älter als beim Küssen: Rund 34 Prozent der Jugendlichen gaben an, bei ihrem »ersten Mal« 15 Jahre oder jünger gewesen zu sein. Erst mit 17 oder 18 Jahren hat dann die Mehrheit, ungefähr 61 Prozent der Teenager, zum ersten Mal Sex. Ab einem Alter von 22 Jahren geben schließlich neun von zehn jungen Erwachsenen an, sexuell aktiv zu sein.

Neben diesen Zahlen kommt die Studie auch zu einem anderen interessanten Fazit: Jugendliche erleben ihr erstes Mal mittlerweile später als noch vor zehn Jahren. Die Leiterin des BZgA, Prof. Dr. Heidrun Thaiss, erklärt in einer Pressemitteilung: »Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht. Im Gegenteil: Im Alter zwischen 14 und 16 Jahren geben deutlich weniger Mädchen und Jungen an, sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, als noch vor zehn Jahren.«[5] Besonders 15- und 16-Jährige sind, im Vergleich zu ähnlichen Studien aus den frühen 2000er-Jahren, wieder eher zurückhaltender geworden, was sexuelle Erfahrungen angeht. Laut der Studie liegt das Durchschnittsalter in Deutschland für das erste Mal Sex bei ungefähr 17 Jahren.[6] Genauer gesagt: Fast 70 Prozent der 17-jährigen Frauen ohne Migrationshintergrund in Deutschland haben bereits Geschlechtsverkehr erlebt. Unter gleichaltrigen Frauen mit Migrationshintergrund liegt der Anteil dagegen bei etwa 37 Prozent.

 

So etwas wie einen global einheitlichen Durchschnitt für das erste Mal gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind Faktoren wie die kulturelle, soziale oder politische Einstellung zu Sexualität, der Zugang zu Verhütungsmitteln oder Aspekte wie Urbanisierung und Bildung.

Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2017 besagt, dass eine Mehrheit von ungefähr 55 Prozent der 18-Jährigen angibt, bereits Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.[7] In Japan liegt das Durchschnittsalter für das erste Mal Geschlechtsverkehr bei etwa 20 Jahren. Ein bedeutender Anteil bleibt lange sexuell inaktiv: 2015 hatten ca. 25 Prozent der 35-jährigen Japaner*innen noch keinen heterosexuellen Verkehr.[8] In Nigeria besteht ein deutlicher Geschlechtsunterschied. Laut der Demografie-Gesundheits-Umfrage 2018 liegt der Median bei Frauen bei etwa 17,2 Jahren, während er bei Männern rund 21,7 Jahre beträgt. Grund dafür sind frühzeitige Eheschließungen bei Frauen, während Männer älter sind, wenn sie heiraten.[9] Auch in Ägypten hängt das Durchschnittsalter der Heirat mit dem ersten Mal zusammen. Eine Studie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass Frauen hier im Durchschnitt 20 bis 21 Jahre alt sind, ähnlich wie bei ihrer Eheschließung. In Ägypten erleben nur ca. 8,5 Prozent der Frauen vor dem 18. Lebensjahr Geschlechtsverkehr, wohingegen es bei den Männern schätzungsweise 27,6 Prozent sind.[10]

Dass kulturelle Unterschiede in Vorstellungen von »Was ist normal?« reinspielen, wird niemanden wundern. Manchmal wundere ich mich aber über mich selbst. Mein erstes Mal hatte ich erst mit Mitte zwanzig – statistisch gesehen also ziemlich spät. Und trotzdem war ich früh dran, wenn es ums Küssen ging. Diese Mischung hat mich lange irritiert. Ich dachte oft, ich sei eine Spätzünderin. Aber was bedeutet das eigentlich? Es gibt keine klare Definition dafür, ab wann man »spät« ist. Und doch vergleichen wir uns. Wir lesen Zahlen, Durchschnittsalter, Prozentwerte – und sortieren uns ein. Zu früh. Zu spät. Normal. Irgendwo dazwischen. Als gäbe es dafür ein Richtig oder Falsch. Aber das gibt es nicht. Es gibt nur unsere individuellen Geschichten.

 

Über Menschen, die als Spätzünder*innen gelten, gibt es ein Klischee, das sich hartnäckig hält: Ihnen wird oft eine Zugehörigkeit zur LGBTQIA+-Community zugeschrieben. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn unter Jugendlichen das Gerücht verbreitet wird, jemand sei »bestimmt schwul«, weil die so bezeichnete Person noch kein Interesse am anderen Geschlecht oder an sexuellen Aktivitäten zeigt. Obwohl diese ganz konkrete Schlussfolgerung natürlich falsch ist und auf abwertenden Vorurteilen basiert, besagen Studien, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem späten Zünden und Menschen aus der LGBTQIA+-Community gibt.

Die BZgA-Studie aus dem Jahr 2019 zum Beispiel hat nicht nur heterosexuelle Sexualkontakte unter den Jugendlichen abgefragt, sondern auch homo- und bisexuelle. Bei den Jugendlichen, die angaben, sich zu beiden Geschlechtern oder zum eigenen Geschlecht hingezogen zu fühlen, gab es eine deutliche Abweichung zu den heterosexuellen Befragten: »Mit 31 Prozent gibt ein besonders hoher Anteil unter den Minderjährigen an, dass es […] bisher zu keinerlei körperlichem Sexualkontakt mit Personen des eigenen Geschlechts gekommen sei.«[11] Jugendliche, die sich zur LGBTQIA+-Community zählen, steigen im Schnitt also deutlich später in ihr Sexleben ein als heterosexuelle Teenager.

Allerdings geht es beim Spätzünden nicht nur um konkrete sexuelle Erfahrungen, sondern auch darum, wann Jugendliche überhaupt anfangen, über ihre Sexualität nachzudenken. Eine Studie des Pew Research Centers aus dem Jahr 2013 zeigt eine interessante Verteilung.[12] Während die befragten Menschen im Durchschnitt 12 Jahre alt waren, als sie zum erste Mal darüber nachdachten, nicht heterosexuell zu sein, hatten schwule Männer diese Gedanken insgesamt deutlich früher als lesbische Frauen. 38 Prozent der schwulen Männer gaben an, bereits vor ihrem zehnten Lebensjahr über ihre sexuelle Orientierung nachgedacht zu haben. Von den lesbischen Frauen behaupteten das nur 23 Prozent. Umgekehrt sieht es in höheren Altersgruppen aus: 14 Prozent der Lesben antworteten auf die Frage, in welchem Alter sie sich zum ersten Mal nicht-heterosexuell gefühlt hätten, dass sie 20 Jahre oder sogar älter gewesen seien – bei schwulen Männern waren nur 3 Prozent der Befragten über 20.

Dass Jungen und Männer, egal ob hetero oder nicht, ihre Sexualität früher erkunden, ist kein Zufall. Eine überwiegende Mehrheit von ihnen nimmt Sexualität nicht als Gefahr wahr. Mädchen hingegen wird das Entdecken der eigenen Sexualität im frühen Kindesalter in vielerlei Hinsicht verwehrt. Das beginnt schon damit, wie Genitalien benannt werden. Durch den Begriff »Schamlippen« beispielsweise werden Teile des weiblichen Genitalbereichs mit dem negativ besetzten Gefühl der Scham in Verbindung gebracht. Für geschlechtsneutrale Begriffe wie »Schambereich« oder »Schambehaarung«, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen, gibt es Alternativen: »Intimbereich« oder »Intimbehaarung«. Doch für die Schamlippen fehlte eine solche Alternativbezeichnung lange Zeit. Erst vor einigen Jahren entstand der neutrale Begriff »Vulvalippen«.[13]

Trotzdem bleibt es für Mädchen und Frauen schwer, über den eigenen Genitalbereich zu sprechen. Sie lernen zum Beispiel nicht, dass eine Vulva nicht das Gleiche ist wie eine Vagina. Als Vulva bezeichnet man das gesamte äußere Geschlechtsorgan von Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wird. Die Vagina hingegen liegt im Inneren des Körpers. Sprache und die Fähigkeit, eigene Körperregionen korrekt zu benennen, sind ein wichtiger Faktor im selbstbestimmten Zugang zum eigenen Körper. Dass Mädchen und Frauen häufig im Leben zuerst lernen, was Übergriffigkeit und Vergewaltigungen sind, bevor sie die richtigen Worte haben, um über sich selbst zu sprechen, finde ich bezeichnend.

Wann und wie man »zündet«, die eigene Sexualität oder den eigenen Körper wahrnimmt und kennenlernt, ist also nicht nur ein individueller Prozess, sondern wird auch durch Gesellschaft und Sprache geformt und ist zudem davon abhängig, welches Geschlecht einem bei der Geburt zugewiesen wurde.

Normalzünder*innen

Wenn ich mich selbst Spätzünderin nenne, tue ich das mit einem schelmischen Grinsen. Hinter meinen schiefen Mundwinkeln verbergen sich aber auch Unsicherheiten und die Frage, ob ich als 32-jährige Frau überhaupt schon gezündet bin.

In ihrem Buch »Refusing Compulsory Sexuality« schreibt die Autorin und Redakteurin Sherronda J. Brown über Sexualität, Zwang und Norm. In das Zentrum ihres Textes stellt sie unter anderem ihre eigene Perspektive als Schwarze, asexuelle Frau. Asexuell bedeutet, dass Brown keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen empfindet. Für die Autorin ist der Begriff »Spätzünderin« wenig hilfreich. Diejenigen, die sich selbst als Spätzünder*innen bezeichneten, nutzten den Begriff eher als Entschuldigung und bestätigen damit den Blick von außen: Wenn andere ein spätes Zünden als »unnormal« betrachten, bestätigt die Selbstbezeichnung diese Perspektive eher, als dass sie nützt. »Man ›zündet‹ nicht ›zu spät‹ – im Sinne des Eintritts in sexuelle Erkundungen –, weil es keinen festgelegten Zeitrahmen gibt, in dem man ›zünden‹ müsste. Es gibt auch keine Verpflichtung, überhaupt ›auf diese Weise zu zünden‹«, schreibt Brown.[14]

Wer als Spätzünder*in bezeichnet wird, wird laut Brown infantilisiert und als minderwertig wahrgenommen – als weniger reif und respektwürdig, als naiv und als jemand, der Mitleid verdient. Ein entmenschlichender Prozess, bei dem eine selbstgerechte Überlegenheit der sprechenden Person zutage tritt. Diese Position gehe häufig mit einer großzügigen Portion Herablassung einher sowie mit der Annahme, dass Spätzünder*innen eine Anleitung und Belehrungen von denjenen benötigen, die sich selbst als überlegen und erfahrener betrachten.