Kein Licht - Dominik Mikulaschek - E-Book

Kein Licht E-Book

Dominik Mikulaschek

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Beschreibung

In „Kein Licht“ zieht Mara in eine unscheinbare Wohnung in einem alten Wohnhaus – doch schon in den ersten Minuten merkt sie, dass dort etwas nicht stimmt. Ein anonymer Zettel hat sie hierhergelockt. Darauf stehen nur drei Worte: „Kein Licht.“ Kurz darauf fällt in ihrer neuen Wohnung plötzlich der Strom aus. Nicht für eine Minute. Nicht zufällig. Sondern für exakt 43 Sekunden. In dieser vollständigen Dunkelheit hört Mara Geräusche, die unmöglich zufällig sein können: ein weinendes Kind, Schritte über ihr, ein metallisches Klicken in der Wand, ein tiefes Summen, das durch das ganze Haus pulsiert. Als das Licht zurückkehrt, ist alles wieder still. Zu still. Und Mara begreift, dass dieser Blackout keine technische Störung war. Er war eine Botschaft. Was wie ein gewöhnlicher Umzug beginnt, entwickelt sich schnell zu einem beklemmenden Albtraum. Mara spürt, dass sie beobachtet wird. Jemand scheint ihre Angst vor der Dunkelheit genau zu kennen. Jemand kontrolliert die Geräusche, das Licht, vielleicht sogar das gesamte Haus. Je länger sie in Wohnung 3B bleibt, desto stärker wächst die Gewissheit, dass sie in ein System geraten ist, das schon lange auf sie gewartet hat. Der Stromausfall war nur der Anfang. Das Haus testet sie. Oder jemand darin. Und mit jeder neuen Nacht stellt sich dieselbe Frage: Was passiert, wenn das Licht wieder ausgeht – und diesmal nicht zurückkommt? „Kein Licht“ ist ein düsterer, atmosphärischer Thriller mit psychologischem Sog, der die Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in eine Welt aus Dunkelheit, Angst, Geräuschen und Manipulation zieht. Wer Psychothriller, Mystery-Thriller, Spannungsromane, düstere Geschichten, nervenaufreibende Spannung, Blackout-Szenarien, klaustrophobische Settings und geheimnisvolle Häuser liebt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen. Die beklemmende Atmosphäre, die präzise aufgebaute Unsicherheit und das ständige Gefühl, dass hinter jeder Wand etwas lauert, machen diesen Roman zu einem intensiven Leseerlebnis. Dieser Thriller verbindet psychologische Spannung, unheimliche Geräuschkulissen, Isolation, Kontrollverlust und die Urangst vor absoluter Dunkelheit zu einer fesselnden Geschichte, die unter die Haut geht. Besonders Leserinnen und Leser, die Bücher über verlassene Häuser, Stromausfälle, Manipulation, geheime Systeme, Angst, Wahrnehmung und die dunklen Seiten des menschlichen Bewusstseins mögen, kommen hier voll auf ihre Kosten. „Kein Licht“ ist ideal für Fans von Psychothrillern, Spannungsromanen und Mystery-Büchern, die düstere Atmosphäre, starke innere Spannung und ein beunruhigendes Setting suchen. Dieses Buch bietet nicht nur Nervenkitzel, sondern auch das beklemmende Gefühl, dass Dunkelheit mehr sein kann als die bloße Abwesenheit von Licht. Sie kann eine Falle sein. Eine Prüfung. Oder der Beginn von etwas, das längst auf sein Opfer wartet.

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Seitenzahl: 663

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dominik Mikulaschek, geboren 1983 in Linz, erforscht die Psychologie der Kontrolle und die Architekturen der Manipulation. In „Kein Licht“ überträgt er Mechanismen der Überwachung und des Behavioral Designs in einen beklemmend realen Psychothriller – ohne klischeehafte Bösewichte, dafür mit messerscharfer Präzision.
Er zeigt, wie die größte Bedrohung nicht im Dunkeln lauert, sondern systematisch installiert wird: in den Wänden, in den Protokollen, in der Stille nach einem gezielten Blackout. Hier kämpft keine Person gegen einen Feind, sondern ein Mensch gegen ein System, das Schuld vorprogrammiert und Erinnerung löscht.
„Kein Licht“ ist mehr als ein Thriller – es ist eine eindringliche Untersuchung unserer vernetzten Verwundbarkeit und ein atemloser Weckruf, der den Leser von der ersten bis zur letzten erloschenen Glühbirne in Atem hält.
Dominik Mikulaschek
Kein Licht
Jeder Blackout hat ein Opfer
tredition GmbH
© 2026 Dominik Mikulaschek
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Dominik Mikulaschek, Holzwurmweg 5, 4040 Linz, Austria.
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:[email protected]
Kapitel 1 – Der erste Blackout (Mara)
Die Luft im Treppenhaus roch nach Desinfektionsmittel und altem Teppich, ein scharfer, unpersönlicher Geruch, der nichts versprach. Mara stand vor der Tür zur Wohnung 3B und zögerte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Es war keine Entscheidung gewesen, hierher zu ziehen, eher ein Rückzug, ein taktischer Rückzug aus einem Leben, das zu viele Ecken und zu viel Lärm entwickelt hatte. Die Notiz war eine Woche zuvor unter ihrer alten Tür durchgeschoben worden, ein einfacher Zettel, handgeschrieben mit kugelschreiberblauen Buchstaben: „Kein Licht. Sie sollten es sehen. 3B, Haus an der Eiche.“ Keine Unterschrift, keine Erklärung, nur diese drei Worte, die etwas in ihr zum Vibrieren brachten, eine seltsame Resonanz zwischen den Silben und ihrer eigenen, immer wacheren Angst vor der Dunkelheit. Sie hatte den Zettel nicht der Polizei gezeigt. Was hätte sie sagen sollen? Dass sie eine anonyme Einladung in eine möglicherweise heruntergekommene Wohnung bekam, weil sie sich für Blackouts interessierte? Das klang nach dem Beginn eines schlechten Witzes oder einer Einweisung. Also hatte sie selbst recherchiert. Das Haus an der Eiche war ein älterer Wohnkomplex aus den siebziger Jahren, sechs Stockwerke, bröckelnder Putz, aber ansonsten unspektakulär. In den Online-Foren der Nachbarschaft wurde gelegentlich über Stromprobleme geklagt, über plötzliche Ausfälle, die aber nie lange anhielten und von der Verwaltung auf „laufende Sanierungsarbeiten“ geschoben wurden. Nichts Ungewöhnliches für ein Gebäude dieses Alters. Und doch. Die Formulierung „Kein Licht“ war zu präzise, zu sehr auf den Punkt gebracht. Es war nicht „Stromausfall“ oder „dunkel“. Es war eine Feststellung. Eine Ankündigung. Also war sie heute hier, am frühen Nachmittag eines grauen Dienstags, mit einem Mietvertrag für sechs Monate in der Tasche und einem mulmigen Gefühl im Magen. Sie wollte es sich nur ansehen, die Lage aufnehmen, die Atmosphäre spüren und dann vielleicht wieder gehen. Die Tür zu 3B quietschte leicht, als sie sie aufstieß. Die Wohnung dahinter war klein, schmucklos, aber sauber. Hellbraune Fliesen im Flur, weiß gestrichene Wände, ein durchgesessener Sofasessel am Fenster. Der Vermieter, ein abwesender Typ, der alles per E-Mail regelte, hatte ihr den Schlüssel per Kurier geschickt. Sie trat ein, ließ die Tür offen, ein Fluchtweg, eine Verbindung zur normalen Welt draußen. Sie ging durch den schmalen Flur in das Wohnzimmer, musterte die Einrichtung ohne wirkliches Interesse. Ihre Gedanken waren bei dem Zettel, bei dem seltsamen Gefühl, hier genau richtig und gleichzeitig furchtbar falsch zu sein. Das Geräusch der Kühlschranktür, das sie eben gehört hatte, musste von nebenan gekommen sein. Das leise Summen der Elektrik in den Wänden war normal. Sie atmete tief durch, versuchte, die Spannung aus ihren Schultern zu lassen. Es war nur eine Wohnung. Alte Leitungen. Lächerlich, sich davon verrückt machen zu lassen. Sie beschloss, das Bad zu checken, ein letzter Blick, bevor sie ihre Tasche holen würde. Sie verließ das Wohnzimmer und betrat den kurzen Flur zurück, der zur Eingangstür und zum Badezimmer führte. Sie hatte gerade drei Schritte gemacht, ihre Hand streckte sich schon nach dem Badezimmerknauf aus, als es geschah. Nicht mit einem Flackern. Nicht mit einem verzögerten Surren der Leuchtstoffröhre über ihr. Einfach so. Von einer Sekunde auf die andere war das Licht weg. Ein vollständiges, dichtes, undurchdringliches Schwarz, das sich über sie stülpte wie eine Haube. Mara erstarrte mitten in der Bewegung. Ihr Atem stockte. Die Dunkelheit war so absolut, dass sie für einen Moment das Gefühl hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, orientierungslos im Nichts zu schweben. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Eins. Zwei. Drei. Es war ein normaler Stromausfall. In einem alten Haus. Das passierte. Gleich würde das Notaggregat anspringen oder ein Nachbar würde eine Taschenlampe anzünden. Sie wartete. Nichts. Kein Geräusch eines Generators. Keine Stimmen aus den anderen Wohnungen. Nur Stille. Eine so tiefe Stille, dass sie das eigene Blut in ihren Ohren rauschen hörte. Dann, nach vielleicht fünf Sekunden, begann das Gebäude zu atmen. Es war das einzige Wort, das ihr einfiel. Ein tiefes, basslastiges Summen, das durch die Wände zu vibrieren schien, kein konstantes Brummen, sondern ein rhythmisches An- und Abschwellen, wie der Atemzug eines riesigen, schlafenden Tieres. Es kam von überall und nirgends. Unterbrochen wurde es von anderen Geräuschen. Einem metallischen Klicken, scharf und präzise, irgendwo zu ihrer Rechten, tief in der Wand. Dem Knarren eines Holzfußbodens über ihr, als ob jemand einen Schritt tat, dann stoppte. Dem leisen, fast gespenstischen Quietschen einer Türangel, weit weg, vielleicht im Treppenhaus. Mara presste sich gegen die Wand, die kühle Tapete an ihrer Wange. Ihre Augen versuchten verzweifelt, etwas in der Schwärze zu erkennen, aber es gab nichts, keinen Schattenriss, keinen Lichtschein unter einer Tür, nichts. Sie zählte weiter. Sieben. Acht. Neun. Das Summen in den Wänden nahm zu, ein bedrohlicherer Tonfall, der in ihren Zähnen kitzelte. Das Knarren über ihr wiederholte sich, ein zweiter Schritt. Jemand war oben. Oder etwas ließ es so klingen. Sie dachte an den Zettel. „Kein Licht.“ Das war kein Zufall. Das konnte kein Zufall sein. Die Präzision, mit der die Finsternis eingesetzt hatte, genau als sie diesen Flur betrat, das Fehlen jedes Vorwarnsignals – das fühlte sich gesteuert an. Programmiert. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie sollte hier nicht sein. Sie musste raus. Zur Eingangstür. Die Tür stand offen, das wusste sie. Sie musste nur den Flur entlang, vielleicht vier, fünf Meter, die Hand an der Wand entlangtasten. Sie löste sich von der Wand, streckte einen Fuß vor, tastete vorsichtig nach vorne. Der Linoleumboden fühlte sich kalt und glatt an. Ein Schritt. Dann noch einer. Das Summen pulsierte um sie herum, ein lebendiger Hintergrund. Das Klicken in der Wand wiederholte sich, diesmal näher. Direkt hinter der Tapete, gegen die sie sich eben noch gedrückt hatte. Sie erstarrte erneut. Jemand oder etwas war auf der anderen Seite dieser Wand. Sie hörte es atmen. Nein, nicht atmen. Es klang wie das leise Zischen von Druckluft, wie das Entspannen eines kleinen Zylinders. Sie fing an zu zittern, ein feines, unkontrollierbares Beben in ihren Händen. Sie musste weiter. Sie schob den nächsten Fuß vor, rutschte über den Boden. In dem Moment ertönte ein neues Geräusch. Ein leises, klagendes Wimmern. Ein Kind. Es war das unverkennbare Geräusch eines weinenden Kindes, verängstigt, verloren. Es kam nicht von oben. Es schien aus dem Flur vor ihr zu kommen, aus der Richtung der offenen Eingangstür. Mara’s Herz krampfte sich zusammen. Alles in ihr, jeder Instinkt, schrie auf. Hilfe. Ein Kind brauchte Hilfe. In der Dunkelheit. Ihr Verstand warnte sie, blitzschnell. Es war eine Falle. Es musste eine Falle sein. Was sollte ein Kind allein im dunklen Flur eines fremden Hauses? Aber das Wimmern war so echt, so verzweifelt. Es durchschnitt das rhythmische Summen wie eine Glasscherbe. Sie konnte nicht stehen bleiben. Sie konnte nicht. Ein weiterer Schritt. Das Wimmern wurde lauter, näher. Es war jetzt direkt vor der offenen Tür zu ihrer Wohnung, im gemeinsamen Treppenhaus. Sie erreichte das Ende des Flurs, ihre Hand fand den Türrahmen. Die kalte Luft des Treppenhauses strömte herein. Das Wimmern war jetzt ganz nah, vielleicht auf der Treppe gegenüber. „Hallo?“ flüsterte Mara, ihre Stimme brach beinahe. „Ist da jemand?“ Das Wimmern stoppte abrupt. Eine Sekunde lang war nur noch das Summen da. Dann, ein Flüstern, so leise, dass sie zweifelte, es überhaupt gehört zu haben. „Mama?“ Die Stimme war hoch, kindlich, voller Angst. Und sie kam nicht von der Treppe. Sie kam von oben. Aus der Dunkelheit des Treppenhauses über ihr. Mara blickte instinktiv nach oben, obwohl sie nichts sehen konnte. Die Gänsehaut breitete sich über ihre Arme aus. Das war nicht richtig. Geräusche konnten in der Dunkelheit trügen, das wusste sie. Aber dieser schnelle Ortswechsel, von direkt vor der Tür plötzlich nach oben, das fühlte sich an wie eine Manipulation. Eine absichtliche Verwirrung. Sie zögerte, einen Fuß schon im Treppenhaus. Die kalte Zugluft umspielte ihre Knöchel. Sollte sie dem Ruf folgen? Sollte sie ins Treppenhaus gehen, die Treppe hinauf in die undurchdringliche Schwärze? Oder sollte sie hier bleiben, warten, bis das Licht zurückkam? Das Wimmern setzte wieder ein, leiser jetzt, abgehackt, als würde das Kind weinend atmen. Es kam wieder von unten, von der Treppe, die in den Keller führte. Die Verlagerung war eindeutig, unnatürlich. Jemand spielte mit den Geräuschen. Jemand spielte mit ihr. Die Erkenntnis traf sie mit einer Welle aus Wut und Angst. Sie war nicht hier, um eine Wohnung zu besichtigen. Sie war hier, um getestet zu werden. Das dachte sie, als das Licht zurückkehrte. Es war genauso plötzlich wie sein Verschwinden. Ein hartes, fluoreszierendes Weiß füllte schlagartig den Flur und das Treppenhaus, blendend nach der absoluten Dunkelheit. Mara blinzelte, ihre Augen tränten. Sie stand im Türrahmen, einen Fuß in der Wohnung, einen im Treppenhaus. Das Summen war weg. Das Wimmern war weg. Die Stille war jetzt eine normale, leere Hausstille, nur unterbrochen vom entfernten Verkehrsgeräusch von der Straße. Sie sah sich um. Das Treppenhaus war leer. Die Betontreppe nach oben führte ins Nichts. Die Treppe nach unten in einen schwach beleuchteten Kellerflur. Nichts. Kein Kind. Keine Spur. Sie zog den Fuß aus dem Treppenhaus zurück, trat ganz in ihren Flur, lehnte sich gegen die Wand. Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Sie musste die Zeit wissen. Wie lange war das Licht weg gewesen? Sie hatte gezählt, aber die Angst hatte die Sekunden verschwimmen lassen. Sie griff in ihre Tasche, zog ihr Handy heraus. Die Uhrzeit zeigte an. Sie rechnete schnell nach, von dem Moment, als sie das Wohnzimmer verlassen hatte. Dreiundvierzig Sekunden. Exakt. Eine merkwürdig präzise Zahl für einen angeblichen Stromausfall. Nicht eine Minute. Nicht eine halbe. Dreiundvierzig. Sie starrte auf die Zahl auf ihrem Display, als enthielte sie einen geheimen Code. Das war kein Zufall. Das war eine Dauer. Ein programmiertes Intervall. Sie atmete zittrig aus und ließ den Blick durch den leeren, hell erleuchteten Flur schweifen. Alles war normal. Die braunen Fliesen, die weiße Wand, die geschlossene Badezimmertür. Und doch war nichts mehr normal. Das Gefühl, das sie überkam, war nicht Erleichterung. Es war das unheimliche, klare Bewusstsein, in etwas hineingetreten zu sein, das schon auf sie gewartet hatte. Die Notiz, die Wohnung, der Blackout – es war ein abgestimmtes System. Und sie war jetzt ein Teil davon. Sie ging langsam zurück ins Wohnzimmer, ihre Beine fühlten sich wackelig an. Das mulmige Gefühl von vorhin war zu einer konkreten, eiskalten Gewissheit geworden. Jemand wusste, dass sie kam. Jemand kannte ihre Angst vor der Dunkelheit. Jemand kontrollierte das Licht. Und jemand benutzte Geräusche, um sie zu lenken. Sie setzte sich auf den durchgesessenen Sofasessel, die Hände im Schoß gefaltet, um das Zittern zu verbergen. Sie musste denken. Sie konnte jetzt nicht einfach gehen. Das würde nichts ändern. Wenn dies ein Test war, dann hatte sie ihn gerade bestanden, indem sie dem Kinderruf nicht blind folgte. Oder hatte sie ihn gerade erst begonnen? Das „Mama“, das von oben kam, hallte noch in ihren Ohren nach. Sie schloss die Augen, versuchte, sich an jedes Detail zu erinnern. Das Summen. Das Klicken. Die Schritte über ihr. Das Wimmern. Die präzise Dauer. Alles Material. Alles Daten. Für wen? Sie stand wieder auf, unruhig. Sie musste das Haus erkunden, jetzt, im Licht. Sie musste verstehen, wo sie war. Sie verließ die Wohnung, ließ die Tür diesmal offen, und trat ins Treppenhaus. Das kalte Neonlicht ließ alles hart und unwirtlich erscheinen. Sie ging langsam die Treppe hinunter, einen Stock, bis zur zweiten Etage. Die Türen hier waren alle geschlossen, kein Geräusch drang heraus. Sie ging weiter, hinab ins Erdgeschoss. Eine kleine Lobby mit Briefkästen, eine weitere Tür, die wohl in einen Hinterhof führte. Und eine Tür mit einem Schild „Hausmeister“. Sie blieb davor stehen. Das Schild war neu, das Metall glänzte, im Gegensatz zu den abgegriffenen Türknäufen der Wohnungen. Sie hob die Hand, wollte klopfen, zögerte dann. Was wollte sie sagen? „Guten Tag, mein Licht ist für genau dreiundvierzig Sekunden ausgegangen und ich habe ein weinendes Kind gehört?“ Sie ließ die Hand sinken. Nicht jetzt. Nicht ohne mehr zu wissen. Stattdessen drehte sie sich um und ging zur Haustür, die auf die Straße führte. Frische Luft. Menschen. Normalität. Sie brauchte einen Moment, um zu verarbeiten. Sie trat hinaus auf den Bürgersteig, atmete tief die kühle Nachmittagsluft ein. Die Welt draußen war unverändert. Autos fuhren vorbei, eine Frau schob einen Kinderwagen, ein Hund bellte in der Ferne. Der Kontrast zur erstickenden, manipulierten Stille im Haus war so krass, dass es ihr fast schwindelig wurde. Sie lehnte sich gegen die Ziegelwand des Hauses, spürte die raue Oberfläche durch ihren Pullover. Sie war hier, um etwas zu sehen. Und sie hatte etwas gesehen. Nicht mit den Augen. Mit den Ohren. Und sie hatte eine Zahl gehört: dreiundvierzig. Sie blieb noch eine Weile draußen, beobachtete das Haus, suchte nach irgendwelchen Unregelmäßigkeiten, nach Kameras, nach verdächtigen Personen. Nichts. Es war nur ein Haus. Ein altes, etwas heruntergekommenes Haus an einer ruhigen Straße. Als sie sich wieder hineintraute, war das Treppenhaus immer noch leer und still. Sie ging zurück in ihre Wohnung, schloss die Tür hinter sich. Diesmal drehte sie den Schlüssel zweimal im Schloss um. Die kleine, abschließbare Kette oben warf sie ebenfalls ein. Es war eine lächerliche Geste angesichts dessen, was gerade passiert war, aber sie gab ihr ein minimales Gefühl von Kontrolle. Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich wieder. Der Nachmittag verging, und das Licht blieb stabil. Kein weiterer Blackout. Keine Geräusche. Die Stille wurde fast unerträglich, eine gespannte Erwartung, die in der Luft lag. Sie holte ihr Notizbuch aus der Tasche, ein schlichtes, schwarzes Büchlein, in das sie seit Monaten Gedanken, Ängste und seltsame Beobachtungen kritzelte. Sie schlug eine neue Seite auf und begann zu schreiben. „Tag 1. Ankunft. Notiz bewahrheitet sich sofort. Blackout bei Betreten des Flurs. Exakt 43 Sekunden. Kein Flackern, kein Vorwarnung. Vollständige Dunkelheit. Danach Geräusche: Summen in Wänden (rhythmisch), metallisches Klicken (rechte Wand), Knarren über mir (Schritte?), Türquietschen (weit). Dann Kinderwimmern. Ort wechselnd (vor Tür, dann oben, dann Kellertreppe). Stimme: ‚Mama?‘ von oben. Gefühl: gesteuert, programmiert. Ziel: mich lenken? testen? Hausmeistertür neu. Alles andere abgenutzt.“ Sie ließ den Stift sinken und starrte auf die Worte. Sie sah aus wie die Notizen einer Verrückten. Vielleicht war sie das ja. Vielleicht war all dies eine Projektion ihrer eigenen, wachsenden Paranoia. Aber die Dauer, die Exaktheit der dreiundvierzig Sekunden, das ließ sich nicht wegdiskutieren. Das war Mathematik. Das war Programmierung. Als die Dämmerung hereinbrach und die Schatten im Wohnzimmer länger wurden, stand Mara auf und machte sich daran, ihre wenigen Sachen auszupacken. Jede Bewegung fühlte sich an, als werde sie beobachtet. Sie versuchte, das Gefühl abzuschütteln. Sie stellte eine Lampe auf den Nachttisch im Schlafzimmer, eine starke LED-Lampe, die sie extra mitgebracht hatte. Sie checkte alle Steckdosen, alle Lichtschalter. Alles funktionierte. Die Normalität war zurückgekehrt, aber sie war eine dünne Haut über etwas Bedrohlichem. Sie beschloss, früh schlafen zu gehen, um Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. Sie zog sich an, wusch sich im Bad, alles unter der hell brennenden Deckenleuchte. Als sie im Bett lag, die kraftvolle Nachttischlampe an, die Zimmertür einen Spalt offen, um den Lichtstreifen aus dem Flur hereinzulassen, lauschte sie. Das Haus war still. Zu still. Kein Summen. Kein Klicken. Nur das leise Tickern der Heizung irgendwo. Sie schloss die Augen, versuchte zu schlafen. Doch hinter ihren Lidern sah sie nur die absolute Schwärze und hörte das verzweifelte Wimmern des Kindes. Dann, kurz bevor sie endlich wegdämmerte, durchschnitt ein letzter, klarer Gedanke die Müdigkeit: Sie war hier, weil jemand wollte, dass sie hier war. Der Blackout war keine Panne gewesen. Er war eine Begrüßung. Und das Schlimmste, so fürchtete sie, war, dass der eigentliche Test noch bevorstand. Der letzte Satz, den sie dachte, bevor der Schlaf sie übermannte, war kein bewusster Cliffhanger, sondern eine verzweifelte Frage, die in der Dunkelheit ihres Zimmers hing: Was würde passieren, wenn das Licht morgen Nacht ausging, und niemand es wieder anschaltete?
Kapitel 2 – Die Richtung des Rufes (Mara)
Der Ruf hallte nach, ein scharfes Echo in der Stille des hell erleuchteten Flurs. Mama. Das Wort hing zwischen Gideon und mir, ein unsichtbarer Ankläger. Meine Beine zitterten, ein feines, unwillkürliches Beben, das vom Knöchel bis zur Hüfte lief. Jeder Instinkt schrie mich an, loszurennen, die Treppe hinauf, dem Ruf zu folgen, das Kind zu finden. Aber Gideons Gegenwart war wie ein Damm. Er blockierte nicht nur physisch den Weg, seine bloße Existenz in diesem Moment machte den Ruf zu einer Falle. Ich zwang meine Füße, stehen zu bleiben. Meine Finger krallten sich in die Nähte meiner Jeans. Das war der Test. Das war die erste Bewegung in dem Spiel, das ich nicht verstand. Gideon rührte sich nicht. Sein Gesicht war immer noch halb im Schatten, aber ich sah, wie sich seine Augen zusammenzogen, ein winziges, fast unmerkliches Zeichen von Interesse. Er hatte erwartet, dass ich laufe. Dass ich dem Ruf folge. Ich tat es nicht. Ich atmete ein, versuchte, die Luft ruhig und gleichmäßig in meine brennenden Lungen strömen zu lassen. Das Summen war verschwunden, das Klopfen, das Schleifen. Nur das nervöse Surren der reaktivierten Deckenleuchten war zu hören. Dann, als ich den Atem wieder ausstieß, lächelte Gideon. Es war kein warmes Lächeln, kein Zeichen der Erleichterung. Es war das kühle, prüfende Lächeln eines Technikers, der feststellt, dass ein Gerät anders reagiert als prognostiziert. Er hob das Werkzeugkästchen an, als wollte er es mir zeigen. „Stromprobleme“, sagte er. Seine Stimme war überraschend weich, fast bedauernd, aber sie passte nicht zu seinen Augen. „Die Leitungen hier sind alt. Sanierungsbedarf, wissen Sie. Tut mir leid, wenn Sie erschreckt wurden.“ Ich sagte nichts. Ich starrte ihn nur an, versuchte, in seinem Blick eine Bestätigung zu finden, dass all das – die exakte Dunkelheit, die orchestrierten Geräusche, der Kinderruf – geplant war. Sein Gesicht verriet nichts. Es war die Maske eines überarbeiteten Hausmeisters, der mit lästigen Pannen zu kämpfen hatte. „Haben Sie das gehört?“ Die Frage kam von mir, rau und gepresst. Ich konnte sie nicht zurückhalten. Gideon blinzelte langsam. „Gehört?“ „Den Ruf. Das Kind.“ Ich deutete mit dem Kinn Richtung Treppenhaustür hinter ihm. Er drehte sich halb um, warf einen Blick in die dunkle Öffnung, als überprüfe er eine ganz normale Sache. „Hier wohnen Familien. Kinder sind oft auf den Treppen unterwegs. Spielen Verstecken. So was.“ Er wandte sich mir wieder zu, das Lächeln war weg, ersetzt durch einen Ausdruck müder Geduld. „Sind Sie zu Besuch bei jemandem? Ich habe Sie hier noch nicht gesehen.“ Die Frage war harmlos, aber sie fühlte sich wie eine Schlinge an. Ich holte den zerknüllten Zettel aus meiner Tasche, hielt ihn ihm wortlos entgegen. Er trat näher, zwei Schritte, und beugte sich vor, um die Worte zu lesen. Sein Overall roch nach Maschinenöl und trockenem Schweiß. Er studierte den Zettel länger als nötig, dann nickte er langsam. „Ach ja. Das. Den haben einige Bewohner bekommen. Ein schlechter Scherz, vermute ich. Irgendjemand ist unzufrieden mit den Stromausfällen. Versucht, Aufmerksamkeit zu erregen.“ Er sah mich an. „Hat bei Ihnen funktioniert.“ Seine Worte waren logisch, vernünftig. Sie erklärten alles weg. Ein Scherz. Alte Leitungen. Spielende Kinder. Warum also fror mir das Blut in den Adern? Warum spürte ich dieses tiefe, nagende Wissen, dass nichts davon stimmte? Weil das Blackout exakt dreundvierzig Sekunden gedauert hatte. Weil die Geräusche wie ein abgespieltes Band gekommen waren. Weil der Kinderruf genau in dem Moment gekommen war, als das Licht wieder anging. Das war keine Panne. Das war Choreographie. Gideon wartete auf eine Antwort. Ich steckte den Zettel weg, mein Gehirn arbeitete fieberhaft. Ich durfte nicht zeigen, dass ich misstrauisch war. Ich musste spielen, die besorgte, abergläubische Fremde sein, die sich in alles hineinsteigerte. „Es hat mich erschreckt“, gab ich zu, meine Stimme bewusst leiser, unsicherer machend. „Die plötzliche Dunkelheit. Und dann diese Geräusche…“ Ich ließ den Satz in der Luft hängen, ein Köder. Gideon zuckte mit den Schultern, eine lässige, abtrennende Geste. „In alten Häusern knarzt es immer. Die Heizungsrohre dehnen sich aus. Die Lüftungsschächte ziehen. Wenn das Licht weg ist, hört man plötzlich Dinge, die sonst untergehen.“ Wieder war es eine perfekte Erklärung. Zu perfekt. Er hatte für jedes Geräusch eine vernünftige Ursache parat. Ich nickte langsam, als würde ich seiner Logik folgen. „Und der Ruf? Der klang so… nah.“ Gideon seufzte, als hätte er diese Frage schon hundertmal beantwortet. „Akustik. Im Treppenhaus wirkt alles halliger, direkter. Das Kind war wahrscheinlich zwei Stockwerke über uns. Klingt dann, als wäre es im selben Raum.“ Er machte eine Pause, sein Blick wanderte über mich hinweg, den Flur entlang, als suchte er nach etwas. „Wessen Wohnung suchen Sie eigentlich? Vielleicht kann ich Ihnen helfen.“ Die Falle schnappte zu. Ich kannte niemanden hier. Ich hatte nur den Zettel. „Ich… ich war neugierig“, stammelte ich. „Der Zettel war so rätselhaft. Ich dachte…“ Ich brach ab, tat so, als wäre mir die Lächerlichkeit der Situation bewusst. Gideon nickte verständnisvoll. „Verstehe. Nun, das Haus ist nicht wirklich für Besichtigungen geeignet. Vor allem nicht mit den derzeitigen Problemen.“ Er deutete mit dem Daumen zur Decke. „Könnte gleich wieder passieren. Die nächste Sicherung ist etwas launisch.“ Es war eine Warnung, verpackt in eine sachliche Information. Gleich wieder passieren. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Ich wollte hier raus. Jetzt. Aber etwas hielt mich zurück. Der Gedanke an das weinende Kind. War es nur eine Aufnahme gewesen? Ein Teil von mir zweifelte. Was, wenn es echt war? Was, wenn hier wirklich ein Kind in Gefahr war, und ich lief weg, weil ich paranoid war? Gideon beobachtete mich immer noch, dieses kühle, analytische Interesse war zurück in seinen Augen. Er wartete darauf, was ich als nächstes tun würde. Ich musste eine Entscheidung treffen. Bleiben und riskieren, in die nächste inszenierte Dunkelheit geraten zu werden. Oder gehen und vielleicht ein reales Opfer im Stich lassen. In diesem Moment, als mein Verstand zwischen diesen beiden schrecklichen Optionen hin und her raste, passierte es wieder. Das Licht ging aus. Es war genauso abrupt wie das erste Mal, ein plötzliches Verschlingen der Welt. Die Dunkelheit war wieder absolut. Ich erstarrte, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Gideon sagte kein Wort. Ich hörte, wie sich sein Overall raschelte, als er sich bewegte, aber ich konnte nicht sagen, in welche Richtung. Dann begannen die Schritte. Sie kamen nicht von oben dieses Mal. Sie kamen aus dem Flur vor mir, aus der Richtung, in die ich ursprünglich gegangen war. Schnelle, leichte Schritte, die auf dem Linoleum dahinrasten. Es klang wie ein Kind, das rannte. Aber gleichzeitig, fast überlappend, kam von meiner linken Seite, aus der Wand oder vielleicht aus einer offenen Tür, ein zweiter Satz Schritte. Schwerer, schleppender. Ein Erwachsener. Die beiden Klangbilder verschmolzen und trennten sich, sie jagten sich durch die schwarze Luft. Der Kinderruf kam wieder. „Mama!“ Aber diesmal kam er von zwei Seiten gleichzeitig. Ein Ruf klang direkt vor mir, im Flur, wo die leichten Schritte waren. Der andere, gedämpfter, aber mit identischer Betonung, kam von links, aus der Richtung der schleppenden Schritte. Es war unmöglich. Ein Kind konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Es sei denn, es war kein echtes Kind. Es sei denn, es war ein Geräusch, das abgespielt wurde. Die Erkenntnis traf mich mit der Wucht eines Hammers. Geräuschmanipulation. Das war der Hinweis, den mein Unterbewusstsein gesucht hatte. Die Hilferufe waren „zu nah“ in verschiedenen Zonen. Sie sollten verwirren, orientierungslos machen. Sie sollten mich in Bewegung setzen. Ich presste mich flach gegen die Wand, versuchte, mich unsichtbar zu machen. Die Schritte rasen im Dunkeln weiter, sie kreuzten sich, sie trennten sich. Das Summen aus den Wänden setzte wieder ein, ein andauerndes, tiefes Brummen, das die anderen Geräusche unterlegte. Ich begann wieder zu zählen. Eins, zwei, drei. Ich musste die Zeit im Kopf behalten. Ich musste beweisen, dass es ein Muster gab. Das metallische Klicken ertönte, sehr nah, direkt neben meinem Ohr. Ich zuckte heftig zurück, mein Kopf schlug gegen die Wand. Schmerz blitzte auf. Das Klicken wiederholte sich, etwas weiter weg. Es war wie das Geräusch eines Relais, das umschaltete. Ein Schalter, der einen Kreislauf öffnete oder schloss. Zehn, elf, zwölf. Der Kinderruf kam wieder, ein einziges, verzweifeltes Schluchzen, das diesmal direkt vor meinen Füßen zu enden schien. Ich rührte mich nicht. Ich atmete flach durch den Mund, versuchte, kein Geräusch zu machen. Die Schritte stoppten abrupt. Die Stille, die folgte, war bedrohlicher als die Geräusche. Sie war gespannt, wartend. Fünfundzwanzig, sechsundzwanzig. Ich spürte, wie sich die Luft bewegte, ein leichter Zug, als würde sich eine Tür öffnen. Dann ein neues Geräusch. Ein leises, mechanisches Surren, das sich langsam näherte. Es kam von der Decke. Ich blickte instinktiv nach oben, sah natürlich nichts. Das Surren bewegte sich über mich hinweg, dann stoppte es. Ein leises, zufriedenes Summen, wie von einem Servomotor, der eine Position erreicht hatte. Was auch immer da oben war, es hatte mich gefunden. Dreißig, einunddreißig. Die Panik drohte, über mich hereinzubrechen. Ich biss mir auf die Lippe, der scharfe Schmerz hielt mich fokussiert. Ich durfte nicht schreien. Ich durfte nicht laufen. Das war es, was sie wollten. Bewegung. Aktion. Daten für ihre Protokolle. Fünfunddreißig, sechsunddreißig. Das Surren von der Decke setzte wieder ein, entfernte sich diesmal, wurde leiser. Die Schritte begannen wieder, aber jetzt waren sie synchronisiert. Der leichte, rennende Schritt und der schleppende Schritt bewegten sich gemeinsam, Seite an Seite, den Flur hinunter, weg von mir. Sie entfernten sich, wurden leiser, bis sie im Brummen der Wände verschwanden. Neununddreißig, vierzig. Ich zählte weiter, meine Lippen bewegten sich lautlos. Einundvierzig, zweiundvierzig. In der dreiundvierzigsten Sekunde, genau wie beim letzten Mal, flammte das Licht auf. Das gleiche grelle, gelbliche Licht flutete den Flur. Ich blinzelte, machte mich klein, erwartete, Gideon wieder vor dem Treppenhaus zu sehen. Aber der Flur war leer. Gideon war weg. Er war nirgendwo zu sehen. Meine Augen rasten den langen Gang hinunter zur Treppenhaustür. Sie war geschlossen. Alles war still und normal, bis auf den stechenden Schmerz an meinem Hinterkopf, wo ich gegen die Wand geschlagen hatte. Ich atmete zittrig aus. Ich hatte es geschafft. Ich hatte mich nicht bewegt. Ich hatte dem Ruf nicht gefolgt. Aber das Gefühl des Triumphes war kurz und bitter. Denn als ich meinen Kopf langsam zur Seite drehte, um zu sehen, ob Gideon vielleicht hinter mir stand, sah ich es. Auf dem Linoleumboden, genau dort, wo ich den Kinderruf zuletzt gehört hatte, direkt vor meinen Füßen, lag ein kleiner, blauer Kinderhandschuh. Er war schmutzig, an den Fingerspitzen abgewetzt. Er lag da wie eine stumme Anklage. Ich starrte darauf, unfähig, mich zu rühren. War es echt? War es Teil der Inszenierung? Ein Requisit, das fallen gelassen wurde, um mich zu verwirren? Oder gehörte er einem echten Kind, das hier wirklich in Gefahr war? Bevor ich mich bücken konnte, um ihn aufzuheben, ging die Tür zum Treppenhaus auf. Nicht mit einem Knarren, sondern lautlos, als wäre sie geölt. Gideon trat heraus. Er trug kein Werkzeugkästchen mehr. Seine Hände waren leer. Er sah mich an, dann seinen Blick zu dem Handschuh auf dem Boden schweifen. Sein Gesicht zeigte keine Überraschung, keine Neugier. Es war eine neutrale Maske. Dann ging sein Blick zurück zu mir, und diesmal war das Lächeln weg, ersetzt durch etwas anderes. Etwas, das wie Respekt aussah, aber von einer eisigen, gefährlichen Sorte. Er sagte nur einen Satz, bevor er sich umdrehte und langsam den Flur hinunterging, weg von mir. Seine Worte hallten in der plötzlich wieder sehr stillen Luft nach. „Das Haus merkt sich das.“
Kapitel 3 – Der Plan an der Wand (Mara)
Gideons Schritte entfernten sich, ein gleichmäßiges, nicht zu eiliges Klappern auf dem Linoleum, das langsam leiser wurde und dann in der Ferne verschwand. Ich blieb stehen, wie angewurzelt, mein Blick klebte an dem kleinen blauen Handschuh auf dem Boden. Er war ein greller Fleck in dem tristen Grau des Flurs, ein Stück Realität, das nicht in das Bild der technischen Manipulation passte. Oder doch? War er nur ein weiteres Requisit, sorgfältig platziert, um meine Gewissheit zu erschüttern? Meine Gedanken rasten. Das Haus merkt sich das. Was bedeutete das? Dass es eine Aufzeichnung gab? Eine Protokollierung meiner Reaktion, oder eher meiner Nicht-Reaktion? Ich bückte mich langsam, die Muskeln in meinem Rücken protestierten steif vor Anspannung. Meine Finger umschlossen den kuscheligen Stoff des Handschuhs. Er fühlte sich echt an, leicht feucht, als wäre er vor Kurzem noch getragen worden. Ich drehte ihn um. Kein Name, kein Label. Nur der abgenutzte Stoff. Ich steckte ihn in meine Jackentasche, ein instinktiver Akt, ein Beweisstück zu sichern, auch wenn ich nicht wusste, wofür. Die Tasche fühlte sich plötzlich schwer an. Ich musste handeln. Ich konnte nicht einfach hier stehen bleiben und auf den nächsten Blackout warten, auf den nächsten orchestrierten Hilferuf. Gideon war weg, aber er war noch im Gebäude. Er hatte das Werkzeugkästchen dabei. Vielleicht war er auf dem Weg zum Technikraum, zum Sicherungskasten, um seine Maschine zurückzusetzen oder den nächsten Testlauf vorzubereiten. Ich musste ihn finden. Ich musfte Beweise finden. Etwas Konkretes, das ich nach außen tragen konnte, das den Unterschied zwischen meiner Paranoia und einer realen Verschwörung markierte. Ich begann, mich den Flur hinunter zu bewegen, in die Richtung, aus der ich gekommen war. Meine Schritte waren leise, aber jedes Knarren des Bodens schien mir wie ein Donnerschlag in der gespenstischen Stille. Die Wohnungstüren zu beiden Seiten blieben geschlossen, hinter ihnen kein Lebenszeichen. Es war, als wäre das Haus evakuiert worden, nur für mich und Gideon und die Geister in den Lautsprechern. Am Ende des Flurs gab es eine Abzweigung. Links führte ein weiterer, identischer Gang tiefer ins Gebäude. Rechts war eine Tür mit der Aufschrift „HAUSMEISTER“. Das war es. Mein Herz klopfte schneller. Die Tür war aus schwerem Holz, mit einem robusten Schloss und einem kleinen, milchigen Fenster auf Augenhöhe. Ich trat näher, legte vorsichtig mein Ohr an das kalte Holz. Kein Geräusch von drinnen. Ich versuchte die Klinke. Sie gab nicht nach. Verschlossen. Ich trat einen Schritt zurück und spähte durch das milchige Glas. Ich konnte nur undeutliche Umrisse erkennen, Regale, einen Schreibtisch, eine Werkbank. Und an der Wand gegenüber, groß und deutlich, hing etwas, das aussah wie ein Plan. Ein schematischer Grundriss. Von hier aus konnte ich keine Details erkennen, aber ich sah farbige Linien und Beschriftungen. Das musste der Zonenplan sein. Die Bestätigung, dass das Haus in Bereiche unterteilt war, in Sektoren, die man kontrollieren konnte. Zone A, B, C. Ich musste da rein. Ich sah mich schnell um. Der Flur war leer. Ich zog eine Haarnadel aus meinem Haar, eine alte, nutzlose Angewohnheit, die sich jetzt vielleicht als nützlich erweisen könnte. Ich war keine Profi-Einbrecherin, aber ich hatte in einer unsicheren Wohngegend gelebt und wusste, wie man ein einfaches Schloss überlistete. Ich bückte mich, steckte den Draht in das Schlüsselloch und lauschte mit konzentrierter Inbrunst auf die winzigen Klickgeräusche im Inneren. Meine Hände zitterten leicht. Jede Sekunde, die verging, war eine Sekunde, in der Gideon zurückkommen konnte. Endlich spürte ich ein Nachgeben. Ein sanftes Drehen. Ich drückte die Klinke runter, und die Tür schwang mit einem leisen Quietschen nach innen. Der Geruch, der mir entgegenschlug, war eine Mischung aus staubigem Papier, Metall und dem unverwechselbaren Geruch von Elektronik, von alten Platinen und heißgelaufenen Transistoren. Ich trat ein und schloss die Tür leise hinter mir. Der Raum war klein und vollgestopft. Regale an den Wänden waren gefüllt mit Ordnern, Reinigungsmitteln und Ersatzteilen für Waschmaschinen. Ein klobiger alter Schreibtisch stand in einer Ecke, bedeckt mit Papiermassen und einem dicken, staubigen Desktop-Computer, der aussah, als stammte er aus den neunziger Jahren. An der Wand gegenüber, genau wie ich es durch das Fenster erahnt hatte, hing der Plan. Ich trat näher, meine Augen weiteten sich. Es war kein einfacher Feuerwehrplan. Es war ein detailliertes, technisches Diagramm des gesamten Wohnkomplexes. Die Flure, Treppenhäuser, Aufzugsschächte und Wohnungen waren alle eingezeichnet. Darüber gelegt war ein Netz aus farbigen Linien. Rote Linien für Stromleitungen. Blaue für Wasser. Grüne für die Belüftung. Und gelbe, gepunktete Linien, die sich wie Spinnweben durch das ganze Gebäude zogen. Daneben stand in sorgfältiger Blockschrift: „Audio-Verteilung“. Mein Atem stockte. Das war der Beweis. Die gelben Linien markierten die Wege der Lautsprecher. Das System, das die Hilferufe und Geräusche transportierte. Aber das war noch nicht alles. Auf dem Plan waren Bereiche mit dicken, schwarzen Strichen umrandet und mit Buchstaben beschriftet. Zone A: Flurtrakt West, Aufzugsvorplatz. Zone B: Flurtrakt Ost, Müllraum, Kellerzugang. Zone C: Haupttreppenhaus, Aufzugschacht, Technikraum. Zone C war rot schraffiert. Ein besonderer Bereich. Der gefährlichste. Der für den finalen Notfall. Ich fuhr mit dem Finger über die kalte Oberfläche des laminierten Plans. Hier war alles festgehalten. Die Architektur der Falle. Meine Augen suchten nach Hinweisen auf den Sicherungskasten, auf die Steuerung für die Blackouts. In einer Ecke des Plans, nahe dem markierten Technikraum in Zone C, war ein kleines Symbol, das wie ein Schaltkasten aussah, mit einem Pfeil, der darauf zeigte. Darunter stand: „Primärsteuerung B1-B7“. B1-B7. Das klang nach den beschrifteten Schaltern, die ich noch nicht gesehen hatte. Ich drehte mich um, suchte den Schreibtisch ab. Zwischen Stapeln von Rechnungen und Arbeitsaufträgen fand ich ein kleines, schmales Notizbuch mit schwarzem Einband. Ich schlug es auf. Die Seiten waren voll mit handschriftlichen Einträgen, Daten, Uhrzeiten und technischen Abkürzungen. „Testlauf 14:30, Zone A. Cue: Türklinke, Folge: Schritte Ost. Reaktion: Subjekt blieb stehen. Notiz: Resistenz höher als erwartet.“ Mein Blut gefror. Subjekt. Sie nannten mich Subjekt. Ich blätterte weiter. „Blackout-Sequenz B4 initiiert. Dauer: 43 Sek. Sensorfeedback aus Zone B positiv. Audio-Cue ‚Kind weint‘ ausgelöst. Keine Bewegung registriert.“ Sie protokollierten alles. Jede meiner Reaktionen, jede meiner Nicht-Reaktionen. Das Haus merkte es sich tatsächlich. Und Gideon schrieb es auf. Ich hörte ein Geräusch von draußen im Flur. Leise Schritte. Sie kamen näher. Ich klappte das Notizbuch zu, mein Herz raste. Ich musste verschwinden. Aber ich konnte nicht einfach so gehen. Ich brauchte einen physischen Beweis. Meine Augen fielen auf einen Stapel blanko-Formulare neben dem Computer. Ich griff danach, zog ein Blatt heraus. Es war ein vorgefertigtes Formular mit Überschriften. „NOTFALLPROTOKOLL – VORFALL IN WOHNKOMPLEX BRUCKNERSTRASSE 44“. Darunter Felder für Datum, Uhrzeit, Zone, beteiligte Personen, Schadensmeldung. Es war das Template. Der Beweis, dass die Protokolle vorproduziert wurden, bevor überhaupt etwas passiert war. Ich faltete das Blatt hastig zusammen und steckte es in meine innere Jackentasche. Die Schritte vor der Tür wurden lauter. Sie blieben stehen. Ich erstarrte. Ein Schlüssel klirrte. Das Schloss wurde geöffnet. Es gab keine Zeit, mich zu verstecken. Die Tür ging auf, und Gideon stand im Eingang. Er sah nicht überrascht aus. Sein Blick glitt von mir zum offenen Notizbuch auf dem Schreibtisch, dann zurück zu mir. Seine Miene war undurchdringlich. Er trat ein und schloss die Tür hinter sich. Der Raum fühlte sich plötzlich winzig an, die Luft wurde dick und schwer. „Sie sind neugierig“, sagte er, seine Stimme war immer noch weich, aber sie hatte eine neue, metallische Unterton bekommen. „Das ist gut. Neugier treibt den Test voran.“ Ich sagte nichts. Ich versuchte, meine Angst zu verbergen, stand einfach da und versuchte, ihm mit einem gleichgültigen Blick zu begegnen. Er ging langsam zum Schreibtisch, legte eine Hand auf das Notizbuch. „Die meisten Leute“, fuhr er fort, als würde er ein interessantes technisches Problem erläutern, „laufen sofort beim ersten Blackout weg. Oder sie rufen um Hilfe. Sie sind anders. Sie bleiben. Sie beobachten. Sie zählen sogar, nicht wahr?“ Die Frage traf mich wie ein Schlag. Er wusste, dass ich gezählt hatte. Wie? Hatten sie Mikrofone? Sensoren, die meine Lippenbewegungen erfassten? Das Haus merkte sich alles. „Was testen Sie?“, brachte ich hervor, meine eigene Stimme klang fremd und rau. Gideon lächelte dieses kühle, technische Lächeln wieder. „Reaktionen. Entscheidungsmuster unter Stress. Die Zuverlässigkeit von Protokollierungssystemen.“ Er deutete mit dem Kopf auf den Plan an der Wand. „Sie haben die Zonen gesehen. Jeder Bereich hat sein eigenes Risikoprofil. Seine eigenen… Gegebenheiten.“ Er machte eine Pause, sein Blick bohrte sich in mich. „Sie sind neu hier. Das merkt das Haus. Es passt sich an. Kalibriert sich neu. Für Sie.“ Seine Worte waren eine offene Bedrohung, verpackt in technischen Jargon. Das Haus war kein Gebäude, es war ein lebendiges Versuchslabor, und ich war die Testperson. Und Gideon war der Operator, der die Knöpfe drückte. Ich musste hier raus. Jetzt. Ich machte einen Schritt zur Tür. Gideon rührte sich nicht, blockierte aber indirekt den Weg. „Der Bewohner, der Ihnen den Zettel gegeben hat“, sagte er beiläufig. „Frau Sutter. In 4B. Sie ist sehr… besorgt. Über die Stromausfälle. Über ihr Kind.“ Er ließ den Satz in der Schwebe. Es war eine Information und eine Warnung zugleich. Er wusste, wer mich hierher gebracht hatte. Und er wusste, dass ich sie als nächstes aufsuchen würde. Er wollte, dass ich sie aufsuche. Es war Teil des Skripts. Ich nickte nur, ohne etwas zu sagen, und wartete. Nach einem Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte, trat er beiseite, öffnete mir wortlos den Weg zur Tür. Ich ging an ihm vorbei, spürte seinen Blick im Nacken wie einen physischen Druck. Als ich die Schwelle überschritt, sprach er noch einen Satz, leise, fast vertraulich. „Seien Sie vorsichtig, was Sie hören, Mara. Nicht jedes Geräusch kommt von dort, wo Sie es erwarten.“ Dann schloss sich die Tür hinter mir, und ich hörte das definitive Klicken des Schlosses. Ich lehnte mich einen Moment gegen die kalte Wand gegenüber, die Beine fühlten sich wackelig an. In meiner Tasche brannte das gefaltete Notfallprotokoll wie ein Stück glühende Kohle. Ich hatte einen Beweis. Aber Gideon wusste, dass ich ihn hatte. Und er hatte mich zu Rhea Sutter gelenkt. Zu 4B. Das war der nächste Schritt im Test. Ich musste ihn gehen. Aber ich würde nicht mehr blind gehen. Ich atmete tief durch und schob mich von der Wand ab. Mein Weg führte mich zurück den Flur entlang, vorbei an der Stelle, wo der Handschuh gelegen hatte, zurück zur Wohnungstür mit der Nummer 4. Diesmal blieb ich nicht davor stehen. Ich suchte nach dem Buchstaben B. Die Tür 4B war die letzte in der Reihe, direkt neben dem Treppenhaus. Ich hob die Hand, um zu klopfen, zögerte aber. Was, wenn Gideon recht hatte? Was, wenn Rhea Sutter nur ein weiteres Werkzeug in seinem Experiment war? Eine erpresste Zeugin, die gezwungen war, mich zu treffen? Ich klopfte trotzdem. Leise zuerst, dann lauter. Sekunden vergingen. Drinnen war Stille. Dann hörte ich leise Schritte, die sich der Tür näherten. Ein Auge erschien im Türspion, ein dunkler Kreis, der mich musterte. Das Schloss wurde geöffnet. Die Tür ging einen Spaltbreit auf, gesichert durch eine Kette. Ein Frauengesicht erschien in dem schmalen Spalt. Mitte dreißig, mit dunklen, müden Augen und strähnigem, braunem Haar. Sie sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. „Ja?“, ihre Stimme war ein heiseres Flüstern. „Rhea Sutter?“, fragte ich leise. „Ich bin Mara. Sie haben mir einen Zettel geschickt. ‚Kein Licht‘.“ Ihre Augen weiteten sich einen Moment lang vor Angst, dann verschwand der Ausdruck, ersetzt durch eine abgeklärte Wachsamkeit. Sie musterte mich von oben bis unten, ihren Blick blieb an meiner Jackentasche hängen, als könnte sie das gefaltete Protokoll darin sehen. „Sie sollten nicht hier sein“, flüsterte sie. „Es ist zu gefährlich. Für Sie. Für mich.“ „Ich weiß von den Zonen“, sagte ich hastig, leise. „Von dem Plan. Von den Protokollen.“ Ein Zucken lief über ihr Gesicht. Sie warf einen ängstlichen Blick über meine Schulter den leeren Flur hinunter, dann löste sie mit zitternden Fingern die Sicherheitskette. „Komm rein. Schnell.“ Ich huschte durch die geöffnete Tür, und sie schloss sie sofort hinter mir und verriegelte sie mit drei verschiedenen Schlössern. Die Wohnung war klein, schäbig und auffallend leer. Kaum Möbel, nur das Nötigste. Es roch nach gekochtem Kohl und Angst. In der Ecke des Wohnzimmers saß ein kleiner Junge auf einer Decke und spielte leise mit ein paar alten Spielzeugautos. Milo. Er sah zu mir auf, seine Augen waren groß und wachsam, dann wandte er sich wieder seinen Autos zu. Rhea zog mich vom Flur weg, ins winzige Küchenabteil. Sie lehnte sich gegen den Kühlschrank, ihre Arme verschränkt. „Sie haben den Hausmeisterraum gesehen“, sagte sie, keine Frage. Ich nickte. „Er hat mich reingelassen. Oder zumindest nicht aufgehalten.“ Sie lachte kurz und bitter auf. „Er lässt dich überall hingehen, wo er will, dass du hingehst. Es ist alles ein Pfad. Ein vorgegebener Pfad.“ Sie sah mich intensiv an. „Haben Sie den Plan gesehen? Zone C?“ Ich nickte wieder. „Sie haben das Wort erwähnt, bevor ich es tun konnte“, sagte ich. Ihr Gesicht verriet keine Überraschung. „Weil ich weiß, was als nächstes kommt“, sagte sie tonlos. „Das Skript. Gideon hat eines. Er zwingt mich, Teile davon zu bestätigen. Die Blackout-Zeiten. Die Zonen. Damit es glaubwürdig wirkt, wenn jemand wie Sie kommt und nachfragt.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Er hat Milo. Nicht physisch. Aber er hat… Aufnahmen. Von ihm. Von mir. Dinge, die passieren könnten, wenn ich nicht kooperiere.“ Die Wahrheit sickerte in mich ein, kalt und klar. Rhea war keine Verbündete. Sie war eine Geisel. Eine erpresste Komplizin. Ihr Wissen machte sie gefährlich, aber auch unzuverlässig. „Die Blackouts“, fragte ich. „Sie sind nicht zufällig, oder? Sie dauern immer dreiundvierzig Sekunden.“ Rhea schloss für einen Moment die Augen, als würde sie Schmerzen unterdrücken. „Ja. Es ist ein Programm. Ein Timer. Gideon steuert es von der Schalttafel im Technikraum. Er kann jede Zone einzeln abdunkeln. Die Geräusche… die kommen aus kleinen Lautsprechern in den Wänden. Überall.“ Sie öffnete die Augen, und ihr Blick war flehentlich. „Sie müssen weg von hier. Bevor der finale Test beginnt.“ „Finaler Test?“ Meine Kehle war trocken. „Zone C“, flüsterte sie. „Immer Zone C. Dort soll ein Notfall passieren. Ein Unfall. Und die Protokolle, die Bewegungslogs, sie werden zeigen, dass Sie dort waren. Dass Sie es hätten verhindern können. Oder dass Sie es sogar verursacht haben.“ Sie trat näher, ihr Flüstern war so leise, dass ich es kaum verstehen konnte. „Wenn es dunkel wird, Mara, bleib stehen. Bewege dich nicht. Egal, was du hörst. Egal, wer was schreit. Wenn du dich bewegst, bestätigst du nur die Sensoren. Du spielst sein Spiel.“ In diesem Moment, bevor ich antworten konnte, flackerte das Licht in der Küche. Einmal, zweimal. Es war eine Warnung. Rhea erstarrte, ihre Augen wurden vor Schreck riesengroß. „Er weiß, dass Sie hier sind“, keuchte sie. „Sie müssen gehen. Jetzt.“ Sie schob mich sanft aber bestimmt zur Wohnungstür zurück. Milo schaute von seinen Spielzeugen auf, sein kleines Gesicht war ernst. Rhea öffnete die Tür einen Spalt, spähte hinaus, dann nickte sie mir zu. „Vergessen Sie nicht. Stehen bleiben. Im Dunkeln.“ Ich trat hinaus in den Flur. Die Tür schloss sich leise und sicher hinter mir. Ich war allein, mit dem pochenden Wissen in meiner Brust und dem gefalteten Papier in meiner Tasche. Das Licht im Flur flackerte erneut, dann brannte es wieder stabil. Aber die Bedrohung hing in der Luft, greifbarer als je zuvor. Gideon wusste, wo ich war. Er wusste, mit wem ich gesprochen hatte. Das Haus merkte sich alles. Und der nächste Blackout kam bestimmt. Ich blieb einen Moment in dem stillen, gelb beleuchteten Gang stehen und wusste, dass Rhea recht hatte. Bewegung war der Feind. Aber völlige Untätigkeit war es auch. Ich musste einen Weg finden, das Spiel zu brechen, ohne mich auf dem Spielfeld zu bewegen. Ich musste zum Technikraum. Ich musste die Steuerung finden. Doch als ich den ersten Schritt in Richtung des Treppenhauses machte, das zu Zone C führte, verdunkelte sich das Licht erneut. Es war kein vollständiger Blackout, nicht sofort. Es war ein Dimmen, ein sanftes, unheilvolles Abdunkeln, als würde jemand einen Regler langsam herunterdrehen. Das Surren aus den Wänden setzte ein, ein leises, triumphierendes Summen. Und dann, als die Dunkelheit fast komplett war, hörte ich Gideons Stimme. Sie kam nicht von irgendwoher. Sie kam aus dem Lautsprecher direkt über meinem Kopf, klar und deutlich, ein geflüstertes Kommando in der hereinbrechenden Nacht. „Zone C, Mara. Es ist Zeit für einen Spaziergang.“
Kapitel 4 – Die Zeit des Blackouts (Mara)
Gideons Stimme verklang, in die Stille des nahezu dunklen Flurs gesprochen, ein gespenstisches Echo, das in meinen Knochen nachzitterte. Zone C. Der Spaziergang. Es war eine direkte Aufforderung, ein Befehl, der keinerlei Raum für Ungehorsam ließ. Das Licht war nun so schwach, dass ich nur noch die Umrisse der Türen erkennen konnte, schwache graue Rechtecke in der Schwärze. Rheas Warnung pochte in meinem Schädel. Wenn es dunkel wird, bleib stehen. Bewege dich nicht. Aber konnte ich das? Konnte ich hier stehen bleiben, während Gideon mich mit seinem Lautsprecherkommando in die gewünschte Richtung trieb? Das Surren in den Wänden nahm an Intensität zu, es klang jetzt wie das Laden einer großen, unsichtbaren Waffe. Ich blieb stehen. Ich presste meine flache Hand gegen die kühle Wand neben mir, suchte Halt in der greifbaren Realität des Putzes. Ich würde mich nicht bewegen. Nicht diesmal. Ich begann zu zählen. Eins, zwei, drei. Die Dunkelheit war nicht mehr absolut wie bei den vorherigen Blackouts, sie war ein dickes, bedrohliches Dämmern, das die Sicht auf fast Null reduzierte, aber einen winzigen Rest an grauem Schein ließ, der von irgendeiner Notleuchte am Ende des Flurs zu kommen schien. Oder war auch das nur eine Illusion, ein Teil der Inszenierung? Vier, fünf, sechs. Das Surren stoppte abrupt. Die Stille, die folgte, war belastend. Dann kam das erste Geräusch. Es war kein Hilferuf, kein Kinderweinen. Es war das vertraute, metallische Klicken. Es kam von rechts, aus der Richtung der Wohnung 4B, wo ich gerade hergekommen war. Ein scharfes, präzises Geräusch, das genau wie das Geräusch eines Lichtschalters klang. Klick. Sieben, acht, neun. Ein zweites Klicken, diesmal von links, aus der Richtung, in die Gideon gegangen war. Ein drittes Klicken direkt vor mir, aus der Wand oder vielleicht von der Decke. Sie bildeten eine perfekte Dreiecksformation um mich herum. Zehn, elf, zwölf. Ich bewegte mich nicht. Meine Atmung war flach und schnell, ich versuchte, sie zu kontrollieren, leiser zu atmen. Die Klickgeräusche wiederholten sich in der gleichen Reihenfolge, aber schneller jetzt, ein rhythmisches, mechanisches Klackern, das wie ein Countdown klang. Dreizehn, vierzehn. Ein neues Geräusch mischte sich ein. Ein leises, elektronisches Piepen, wie von einem Rauchmelder mit schwacher Batterie. Es kam aus der Wohnungstür zu meiner Linken, Nummer 4A. Piep. Pause. Piep. Es war gleichmäßig, unerbittlich. Fünfzehn, sechzehn. Ich spürte, wie sich der Schweiß auf meinem Rücken bildete, trotz der Kühle in der Luft. Meine Augen versuchten verzweifelt, etwas in dem grauen Schleier zu erkennen. War da eine Bewegung am Ende des Flurs? Ein Schatten, der sich auflöste, sobald ich hinsah? Siebzehn, achtzehn. Das Piepen hörte auf. Die Klickgeräusche verstummten. Für zwei Sekunden war es still. Dann begann der Ton. Ein tiefes, dröhnendes Brummen, das nicht aus den Wänden, sondern aus dem Boden unter meinen Füßen zu kommen schien. Es vibrierte durch meine Schuhsohlen, klang an in meinen Zähnen. Es war das Geräusch eines großen Motors, einer Pumpe oder eines Generators, der irgendwo tief im Keller anlief. Neunzehn, zwanzig. Das Brummen stieg an, wurde zu einem grollenden Donnern, das die Luft zum Beben brachte. Dann, mit einem finalen, erschütternden Ruck, stoppte es. Die plötzliche Stille danach war fast schmerzhaft. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Ich wartete auf den nächsten Hinweis, den nächsten Köder. Stattdessen kam eine Stimme. Nicht Gideons. Eine weibliche Stimme. Rhea. Ihr Flüstern kam aus dem Lautsprecher über mir, verzweifelt und atemlos. „Mara? Bist du da? Er ist weg. Gideon ist weg. Jetzt ist deine Chance. Komm zurück in die Wohnung. Schnell.“ Meine Muskeln spannten sich an. Es klang so echt. Die Angst in ihrer Stimme, die Dringlichkeit. Es war genau das, was ich hören wollte. Eine Rettungsleine. Eine Gelegenheit. Aber war es das? Oder war es ein weiterer Sound-Cue, ein aufgezeichneter oder sogar live geflüsterter Lockruf, um mich in Bewegung zu setzen, mich zurück zu 4B zu locken, wo etwas auf mich wartete? Dreiundzwanzig, vierundzwanzig. Ich biss die Zähne zusammen. Ich bewegte mich nicht. Die Stimme wiederholte sich, leiser diesmal, flehender. „Bitte, Mara. Bevor er zurückkommt. Im Flur ist es nicht sicher.“ Fünfundzwanzig, sechzehnundzwanzig. Ich blieb stehen. Das war der Test. Der Test meiner Entschlossenheit, gegen den Instinkt zu handeln. Der Test, ob ich Rheas eigenem Rat trauen konnte oder nicht. Die weibliche Stimme verklang mit einem letzten, erstickten Schluchzen. Dann eine neue Geräuschkulisse. Schritte. Schwere, bestimmte Schritte, die den Flur von vorne herunterkamen, aus Richtung Zone C. Es klang wie Gideons Schritte, aber schneller, zielstrebiger. Sie kamen näher. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig. Die Schritte waren jetzt sehr nah, vielleicht zehn Meter entfernt. Ich konnte fast das Rascheln seines Overalls hören. Meine Finger krallten sich in den Putz. Jeden Moment würde er um die Ecke kommen, mich hier stehen sehen, regungslos. Was würde er tun? Würde er den Blackout beenden? Oder würde etwas Schlimmeres passieren? Neunundzwanzig, dreißig. Die Schritte stoppten genau an der Stelle, wo der Flur in die T-Form abzweigte, direkt außerhalb meiner Sichtweite. Ich hörte ein leises, metallisches Scheppern, als würde ein Werkzeugkasten abgestellt. Dann ein sanftes Klicken, nicht wie die Schalterklicks von vorhin, sondern wie das Geräusch einer Kamera, die ein Bild macht. Einunddreißig, zweiunddreißig. Ein leises, mechanisches Summen, das sich bewegte. Es kam von oben, von der Decke, und bewegte sich langsam auf meine Position zu. Es war dasselbe Surren, das ich beim letzten Mal gehört hatte. Das Ding, das mich gefunden hatte. Es stoppte direkt über mir. Ich spürte einen winzigen Luftzug von oben, als ob sich eine kleine Klappe oder Linse öffnete. Sie beobachteten mich. Nicht nur mit Mikrofonen. Mit einer Kamera. Im Dunkeln. Dreiunddreißig, vierunddreißig. Die Schritte setzten wieder ein. Sie entfernten sich diesmal, gingen zurück, Richtung Zone C. Langsam, fast gemächlich. Er ging weg. Hatte ich bestanden? Hatte mein regungsloses Stehen den Test erfüllt oder gebrochen? Fünfunddreißig, sechsunddreißig. Das Summen über mir hielt an. Der winzige Luftzug blies mir eine Haarsträhne ins Gesicht. Siebenunddreißig, achtunddreißig. Ich wagte es, meinen Kopf einen Millimeter zu drehen, um nach oben zu sehen. Natürlich sah ich nichts. Nur die undurchdringliche, graue Dunkelheit. Neununddreißig, vierzig. Dann, in der einundvierzigsten Sekunde, geschah etwas Unerwartetes. Das Licht kehrte nicht zurück. Stattdessen ertönte ein neuer Ton. Ein sanftes, melodisches Klingeln, wie von einem alten Telefon. Es kam aus der Wohnung 4A, aus der das Piepen gekommen war. Das Klingeln war laut und klar, es durchschnitt die Stille. Es klingelte einmal, zweimal. Zweiundvierzig. Beim dritten Klingeln öffnete sich die Tür von Wohnung 4A. Sie schwang langsam und quietschend nach innen auf. Das Innere war pechschwarz, noch dunkler als der Flur. Das Klingeln stoppte. Dreiundvierzig. In der dreiundvierzigsten Sekunde, genau an der Zeitmarke, passierte nichts. Das Licht blieb aus. Die Stille blieb. Der Countdown war vorbei, aber der Blackout nicht. Die Regel war gebrochen. Das war neu. Das war eine Eskalation. Meine innere Uhr war verwirrt. Ich hatte mich auf die dreiundvierzig Sekunden verlassen, auf das vorhersehbare Ende. Jetzt war diese Sicherheit weg. Die offene Tür von 4A war ein schwarzes, offenes Maul, das auf mich zukam. Jeder Nerv in meinem Körper schrie, wegzurennen. Aber wohin? Zurück zu Rhea? Das war vielleicht genau das, was sie wollten. Nach vorne, auf die offene Tür und die unbekannte Bedrohung darin zu? Oder in die andere Richtung, in die Gideon gegangen war? Ich blieb stehen. Ich hatte keine bessere Option. Ich atmete durch den Mund, versuchte, mein Herzklopfen zu übertönen. Aus der offenen Tür kam ein Geruch. Modrig, feucht, wie alter Keller und verfallenes Holz. Dann ein Geräusch. Ein langsames, nasses Atmen. Kein Mensch. Etwas Schweres, Feuchtes. Es kam näher. Ein Schleifen auf dem Boden, als würde etwas ohne Füße über das Linoleum gleiten. Ich konnte die Umrisse jetzt sehen, einen dunkleren Schatten in der Schwärze des Türrahmens. Es war groß, unförmig. Es füllte den gesamten Durchgang aus. Das Atmen wurde lauter, ein rasselndes, keuchendes Geräusch. Es war absichtlich gemacht. Es war ein Sound-Cue, designed, um Urängste zu wecken. Das Monster im Dunkeln. Aber es war nur ein Geräusch. Es musste nur ein Geräusch sein. Doch mein Körper reagierte mit purer, animalischer Angst. Mein Verstand wusste es, aber mein Stammhirn schrie zur Flucht. Das Ding in der Tür bewegte sich, trat einen Schritt in den Flur hinaus. Der dunkle Schatten löste sich in zwei Teile auf, wurde grob humanoid. Es hob einen Arm. Ein langer, dünner Schatten, der auf mich zeigte. Dann eine Stimme. Eine verzerrte, knisternde Stimme, die aus dem Wesen selbst zu kommen schien, tief und bedrohlich. „Mara. Komm.“ Es war nicht Gideons Stimme. Es war eine synthetische, unmenschliche Stimme. Das war zu viel. Das war der Bruchpunkt. Ich konnte nicht hier stehen bleiben, während dieses Ding auf mich zukam, egal wie sehr ich wusste, dass es eine Illusion war. Ich riss mich von der Wand los, drehte mich um und rannte. Nicht in Richtung der Kreatur. Nicht in Richtung Zone C. Ich rannte zurück, den Flur hinunter, vorbei an 4B, vorbei an der Hausmeistertür, zurück in Richtung des Gebäudeeingangs, von wo ich gekommen war. Meine Schalte hallten laut im Flur wider, ein Verrat meiner Position, meiner Panik. Hinter mir hörte ich das nasse Atmen, das lauter wurde, das Schleifen, das schneller wurde. Es verfolgte mich. Oder der Sound-Cue verfolgte mich, von Lautsprecher zu Lautsprecher gesprungen, um den Eindruck der Verfolgung aufrechtzuerhalten. Ich erreichte die Abzweigung, bog hart links ab, in den anderen Flur, der tiefer ins Gebäude führte, weg vom Eingang. Ich wusste nicht, wohin dieser Flur führte, aber er war weg von der Kreatur. Das Licht war hier noch schwächer, fast nichts. Ich stolperte vorwärts, meine Hände vor mir ausgestreckt, berührte abwechselnd die Wände zu beiden Seiten, um mich zu orientieren. Das Atmen und Schleifen war immer noch hinter mir, aber etwas weiter entfernt. Dann, plötzlich, blieb ich stehen. Nicht weil ich wollte. Sondern weil meine Hände auf eine kalte, metallische Oberfläche stießen. Eine Tür. Eine schwere Stahltür. Ich tastete nach einer Klinke, fand einen großen, runden Griff. Ich drehte ihn. Verriegelt. Ich war in einer Sackgasse. Das war kein Zufall. Ich war genau hierher gelenkt worden. Das Geräusch der verfolgenden Kreatur stoppte. Die Stille kehrte zurück, schwer und erwartungsvoll. Dann, aus einem Lautsprecher irgendwo in meiner Nähe, kam Gideons Stimme. Sie klang ruhig, fast amüsiert. „Die erste Regel, Mara: Im Dunkeln macht jeder Fehler. Auch Sie.“ Ein leises Klicken. Und dann, mit einem sanften Zischen, öffnete sich die Stahltür vor mir nach innen. Dahinter war nicht etwa ein Ausweg. Es war ein kleiner, kahler Raum, kaum größer als ein Besenschrank. In der Mitte des Raumes stand ein einzelner Stuhl. Und auf dem Stuhl saß, im schwachen grauen Licht, das von hinten auf ihn fiel, Milo. Der Junge. Seine Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden. Ein breites Klebeband klebte über seinem Mund. Seine Augen waren riesengroß, voller Tränen und stummer Angst. Er starrte mich an. Die Tür schloss sich langsam und sicher hinter mir, und das letzte bisschen Licht verschwand, als das Schloss mit einem finalen, dumpfen Klick einschnappte. Ich war mit ihm eingesperrt. In der absoluten Dunkelheit. Und ich wusste, dass irgendwo draußen, in diesem Moment, die Sensoren eine Bewegung registrierten. Meine Bewegung. Den Lauf in die Sackgasse. Den Eintritt in diesen Raum. Und ein Protokoll wurde geschrieben. Ein Protokoll, das besagte, dass ich, während des Blackouts, in einen abgeschlossenen Raum gegangen war, in dem ein wehrloses Kind gefangen gehalten wurde. Das Atmen der Kreatur war verschwunden. Jetzt war nur noch Milos leises, durch das Klebeband gedämpftes Schluchzen zu hören, und das rasende Hämmern meines eigenen Herzens. Ich hatte den Fehler gemacht. Ich war gelaufen. Und Gideon hatte gewonnen. Diese Runde.
Kapitel 5 – Der Aufzug im Dunkeln (Mara)