Keller-Schiri - Gerd Lamatsch - E-Book

Keller-Schiri E-Book

Gerd Lamatsch

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Beschreibung

Der Videobeweis wurde in der deutschen Bundesliga vor 3 Jahren (2017) eingeführt und spaltet seitdem die gesamte Fußballwelt in Befürworter und Gegner! Kaum ein Wochenende vergeht, an dem nicht heftig und emotional über diese Institution gestritten wird. Was passiert da nur zwischen Gras und Kölner Keller? Gerd Lamatsch, Autor und Schiedsrichter mit Bundesliga-Erfahrungen, hat über 1.850 Spiele in seiner Karriere geleitet und begleitet. Er war Assistent und Coach und präsentiert nun mit seinem Buch über den Video Assistant Referee (VAR) eine lesenswerte Analyse und Einstimmung auf eine weitere emotionale videobeweisgestützte Bundesliga-Saison. Doch inzwischen kommt Skepsis auf: Hat der Video-Assistent die Bewertung von Fouls im Millionengeschäft Fußball tatsächlich gerechter gemacht? Immerhin sind nach der Einführung des VAR – zumindest gefühlt – mehr Diskussionen da als vorher. Warum ist das so? Was befeuert die Diskussionen? Und was ist zu tun? Lamatsch schildert die historische Entwicklung und zeigt konkrete Verbesserungsvorschläge auf. Auch die aktuelle Handspielauslegung, die krasse Differenz zwischen Brutto- und Nettospielzeit und das Thema "Corona" nebst Geisterspielen wird beleuchtet. Er liefert damit Lesestoff für alle, die sich mit Schiedsrichterentscheidungen auseinandersetzen und die Hintergründe verstehen möchten. Urs Meier - internationale Schweizer Schiedsrichterlegende sowie anerkannter europäischer TV-Experte - empfiehlt dieses Buch in einem persönlichen Geleitwort.

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gerd Lamatsch

Keller-Schiri

Der Weg zum Videobeweis

Imprint

Version: 2. erweiterte und überarbeitete Auflage

Texte: ©Copyright 2020 by Gerd Lamatsch

Umschlag: ©Copyright 2020 by Gerd Lamatsch

Lektorat: Ingrid Lamatsch

Verlag: Gerd Lamatsch

90425 Nürnberg

[email protected]

published by epubli - www.epubli.de

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung, die über den Rahmen des Zitatrechtes bei korrekter vollständiger Quellenangabe hinausgeht, ist honorarpflichtig und bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.

Gerd Lamatsch, Jahrgang 1959, Dipl. Physiker, Vertriebsleiter, lebt mit seiner Familie in Nürnberg. Schon im Alter von 16 Jahren machte er auf Anraten seines damaligen B-Jugendtrainers und Mentors Herbert Dröse den Schiedsrichterneulingslehrgang, da er sich als Spielführer immer wieder über Entscheidungen aufregte. Mittlerweile hat der verheiratete Familienvater (mit einer fußballbegeisterten Tochter) über 1.850 Spiele geleitet, assistiert oder beobachtet bzw. gecoacht. Dabei hatte er auch Berührung zum bezahlten Fußball bis in die 2. Bundesliga. Im Jahr 2012 veröffentlichte er sein erstes Buch Schiedsrichter aus Leidenschaft (ISBN 978-3-7375-5173-1).

Als interessierter Dauerbeobachter der Fußballszene im Profi- und Amateurbereich nimmt er in diesem Buch aus der Sicht eines Fußballfans und eines aktiven Schiedsrichters persönlich Stellung zum Videobeweis in der Bundesliga. Es ist zugleich auch der Versuch einer umfassenden Zwischenbilanz nach drei Jahren Praxis. Dieses Buch ist die überarbeitete und erweiterte Neuauflage der ersten Version aus dem Jahr 2019 (ISBN: 978-3-7485-8485-8). Zum einen wurden die neuesten Erkenntnisse aus der abgelaufenen Saison 2019/20 eingearbeitet, zum anderen wurden bestehende Kapitel überarbeitet und neue Themen zusätzlich mit aufgenommen.

Die Rückmeldungen der Leser zur ersten Auflage waren unabhängig vom jeweils individuellen Blickwinkel überaus positiv und sind auch in Amazon im Einzelnen nachzulesen.

Herzlichen Dank an Urs Meier für das Geleitwort dieser Auflage. Er war für den Autor schon immer einer der großen Vorbilder bei den internationalen TOP-Schiedsrichtern.

Dieses Buch widme ich allen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern, die weltweit Woche für Woche von den Amateur- bis zu den Profiligen ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit großer Freude und persönlichem Engagement ausüben. Für mich sind das die wahren Idealisten in einer immer stärker kommerzialisierten Welt.

OHNE SCHIRI GEHT ES NICHT!

Geleitwort

Es ist nicht alles Gold was glänzt und nicht alles wahr wo VAR draufsteht. Deshalb bin ich als ehemaliger FIFA-Schiedsrichter und TV-Experte mehr als froh, dass sich ein echter „Experte und Schiedsrichter aus Leidenschaft von der Basis“ mit fundiertem Fach- und Hintergrundwissen diesem weltweit kontrovers diskutierten Thema mit großem Herzblut angenommen hat. Ich bin sicher, dass Sie nach dieser spannenden Lektüre mehr Klarheit haben werden und sich die Puzzleteile, welche Sie bereits kennen, zu einem klaren Bild zusammenfügen werden.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Urs Meier – internationale Schiedsrichterlegende und TV-Experte aus der Schweiz

Baar, 1. September 2020

Bildquelle: Thorsten Doerk Photography

Vorwort

Dieses Buch wendet sich grundsätzlich an alle Vereine, Fans, Trainer, Spieler, Schiedsrichter sowie Funktionäre auf allen Ebenen der diversen Verbände – kurz gesagt an alle positiv Fußballverrückten jeden Alters auf dieser Welt.

Es ist mein persönlicher Versuch als Fußballfan, Schiedsrichter und Beobachter der Fußballszene, die Entwicklung des modernen Fußballs aus Sicht der Regeländerungen und Regelauslegungen sowie praktischen Entscheidungsfindungen auf dem Platz zu beleuchten und zusammenzufassen.

Die Einführung technischer Hilfsmittel mit der Torlinienüberwachung und dem Videobeweis in der Bundesliga steht für eine komplett neue Ära im Profifußball. Die Digitalisierung ist auch hier auf dem Vormarsch und nicht mehr aufzuhalten. Wo wird uns diese Reise wohl noch hinführen? Gerade die praktische Umsetzung des Videobeweises steht seit Beginn der Einführung vor knapp drei Jahren immer wieder unter heftiger Kritik und spaltet die Fußballwelt in Befürworter und Gegner. Von einer breiten und positiven Akzeptanz sind wir im Gegensatz zur automatischen Torlinienüberwachung leider noch weit entfernt. Warum ist das so?

Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Perfektion. Es ist auch kein fachliches Regellehrbuch, sondern versucht nur die teilweise komplexen Sachverhalte zum jetzigen Zeitpunkt vereinfacht und verständlich zu erläutern. Bei einigen Punkten werde ich mir gestatten, meine persönliche Meinung nebst Empfehlungen und Lösungsvorschlägen zu äußern. Möge es bei den Lesern zu inhaltlich guten Diskussionen beitragen.

Außer ein paar Studienarbeiten habe ich bisher keine weitere Literatur zu diesem Thema gefunden. Im Anhang verweise ich auf ergänzendes Material. Und noch etwas: Es liegt mir fern, hier nur intensiv mit statistischen Zahlen zu operieren, eher geht es mir um die großen Grundsatzfragen, die historische Entwicklung und wie man die zweifelsohne immer noch bestehenden Restprobleme in der Praxis beheben könnte. Da die Entwicklung hier sicher nicht stehen bleiben wird, kann es durchaus sein, dass ich zu gegebener Zeit eine weitere überarbeitete Version herausbringen werde.

Über jegliches Leserfeedback an [email protected] freue ich mich.

Nürnberg, 1. Juni 2020

Warum ich dieses Buch schrieb

Es ist Frühjahr 2019 und die aktuelle Bundesligasaison neigt sich dem Ende zu. Seit vielen Jahren beobachte ich die Bundesliga, den Weltfußball und die öffentlichen Diskussionen in den Medien wie z. B. der Sendung Doppelpass bei Sport1.

Hierbei ist mir aufgefallen, dass offizielle Vertreter des DFB und insbesondere der Schiedsrichterspitze eher selten zu Gast sind. Da diskutieren Presse- und Vereinsvertreter, Profis, Trainer und ein ehemaliger Bundesligaschiedsrichter ohne offizielles Amt im DFB über Regelauslegungen und den Videobeweis in all seinen Details. Die tatsächlich dafür Verantwortlichen sind hingegen selten anwesend. Das verstehe wer will. Mir ist es ein Rätsel, dass bei so einem wichtigen Thema der DFB-Schiedsrichterbereich nicht stärker eingebunden ist. Es sollte doch ein Interesse bestehen, sich hier möglichst gut zu verkaufen und fachlich Rede und Antwort zu stehen.

Die Diskussionen und unterschiedlichen Meinungen über Schiedsrichterentscheidungen gab es schon immer, aber was sich seit der Einführung des Videobeweises in den letzten drei Jahren abspielt, ist sehr traurig. Gerade jetzt, da ein Großteil der Fehlentscheidungen wirklich positiv korrigiert wird, wird noch mehr Zeit für die Diskussion über Schiedsrichter und deren Entscheidungsfindungsprozess investiert.

Man kann es teilweise schon gar nicht mehr hören, denn es sind immer die gleichen Argumente, die ausgetauscht werden. Die Optimierung beim Handling des Videobeweises scheint mir aktuell ein wenig auf der Stelle zu treten. Das ist sehr schade, denn wir wollen doch über das Spiel und nicht über die Schiedsrichter reden.

Die alte Regel Wer als Schiedsrichter im Spiel nicht auffällt, war meist gut ist heute häufig außer Kraft gesetzt. Es gibt kaum ein Spiel, bei dem nicht mindestens eine Szene zu stundenlangen hitzigen Diskussionen führt. Wohlgemerkt im Profifußball.

Eines der krassesten und intensivsten Beispiele dafür war das Halbfinale im DFB-Pokal am 24. April 2019 zwischen Werder Bremen und Bayern München. In der 80. Minute beim Spielstand von 2:2 und einer beeindruckenden Aufholjagd der Bremer entschied Schiedsrichter Daniel Siebert nach einem leichten Schieber/Rempler des Bremers Gebre Selassie am Münchener Stürmer Coman zweifelhaft und umstritten auf Strafstoß. Es kam zwar zu einer Kommunikation zwischen Schiedsrichter und Videoassistent, aber es gab hier leider und unverständlicherweise keinen On-Field-Review durch Siebert. Der Strafstoß wurde schließlich durchgewinkt und Lewandowski verwandelte eiskalt zum 3:2-Endstand. Dass danach die Bremer Seele kochte und sich verschaukelt fühlte, war nachvollziehbar.

Hier noch mal die fachliche Bewertung durch den DFB im Nachhinein: Die Strafstoßentscheidung wurde final als nicht korrekt bewertet. Der Rempler war unter Bewertung aller nachträglichen Kameraeinstellungen wohl zu schwach, der Ball für den Stürmer eigentlich auch gar nicht mehr spielbar, weil er sich diesen bereits zu weit vorgelegt hatte. Der DFB stellte sogar seinen Top-Schiedsrichter dadurch indirekt an den Pranger.

Kritisiert wurde vor allem, dass der Schiedsrichter nicht von dem On-Field-Review am Spielfeldrand Gebrauch gemacht hatte. Dann hätte er unter Umständen den Strafstoß zurückgenommen und wäre dafür allein verantwortlich gewesen. Begründet wurde diese Panne übrigens mit einem Kommunikationsproblem zwischen Schiedsrichter und Video Assistant Referee (VAR) – die beiden hätten unterschiedliche Kriterien bewertet. Der Schiedsrichter entschied aufgrund eines vermeintlichen Fußkontaktes, den es allerdings so nicht gab. Der VAR hingegen legte den Fokus auf den Rempler. Hier wurde aneinander vorbeigeredet. Auch das ist menschlich und kann passieren.

Aus Sicht eines aktiven Schiedsrichters möchte ich hier auch noch kurz persönlich Stellung beziehen: Aus dem normalen Spielablauf heraus im Originaltempo war diese Entscheidung extrem schwierig. Siebert konnte sich nur für Weiterspielen oder Strafstoß entscheiden. Er hatte nur eine einzige Perspektive zur Beurteilung. Gefühlt war das daher von der Bewertung her zunächst eine 50:50-Situation. Ich persönlich hätte mich aufgrund der Nachanalysen auch gegen den Strafstoß entschieden. Das ist aber wirklich kein Vorwurf an den Kollegen, lediglich der Videobeweisprozess hat hier versagt. Schade!

Und mal ehrlich: Es gibt Grauzonen-Situationen, die man sowohl in die eine als auch in die andere Richtung auslegen kann. Und da hängt es eben immer vom einzelnen Unparteiischen ab, wie er die Szene letztlich bewertet. Genau das ist der Ermessensspielraum, der oft genug im Regelwerk erwähnt wird. Warum muss man immer im Nachhinein so tun, als ob es nur eine richtige Lösung gibt? Das Schwarz-Weiß-Denken müssen wir hier ausblenden. Es ist unrealistisch.

Genau diese erneuten tagelangen Diskussionen und Aufregungen um eine einzelne Szene haben mich letztlich dazu veranlasst, meine schon länger schwelende Idee eines Buches über den Videobeweis und ein paar ergänzende Themen endlich anzugehen. Anscheinend hatte ich einen guten Riecher für den Zeitpunkt, denn an den nächsten beiden Spieltagen gab es gleich wieder extreme Aufregung um diverse Handspielsituationen. Klare absichtliche Handspiele wurden nicht erkannt und klare nicht absichtliche Ball-Hand-Berührungen wurden trotz Videobeweis zu Unrecht geahndet. Sogar Sky-Experte Dr. Markus Merk, den ich als Fachmann schätze, war vollkommen fassungslos. Man fühlte sich mit einem Schlag in die schwierige und umstrittene Phase bei der Einführung des Videobeweises zurückversetzt und hatte das Gefühl vollkommener Orientierungslosigkeit bei der Handspielregel. So eine extreme Verwirrung hatte es bisher noch nicht gegeben. Und das trotz technischer Hilfsmittel!

Doch bevor wir auf den Videobeweis ganz konkret zu sprechen kommen, möchte ich einen kurzen Überblick über diverse Regeländerungen und die allgemeine Entwicklung im Profifußball geben. Gerade Letztere war ein Treiber bei der Forderung nach technischer Unterstützung für die Schiedsrichter und nach der Implementierung des Videobeweises.

Regeländerungen im Fußball

Fußball wurde ja bekanntermaßen in England erfunden und hat dann seinen weltweiten Siegeszug zur Sportart Nummer 1 angetreten. Meist wird als Begründung für die Beliebtheit angeführt, dass die Regeln relativ einfach und verständlich sind.

Wenn ich mir das heutige Regelwerk ansehe, so ist das eher zu bezweifeln. Das aktuelle Regelbuch des DFB umfasst ca. 150 Seiten, die Erläuterungen dazu (z. B. Fußballregeln in der Praxis – Bayerischer Fußballverband) inklusive der Regeln und Sonderbestimmungen zum Spielbetrieb weitere 200 Seiten.

Wie immer steckt hier der Teufel im Detail. Die meisten Menschen haben nur eine grobe Basiskenntnis, die Feinheiten sowie Ausnahmen und genauen Regelauslegungen sind oft nicht geläufig. Wenn ich bei Fußballvereinen Vorträge über Regelauslegungen und Regeländerungen halte, bringe ich oft einen Regeltest mit 15 sehr anspruchsvollen Fragen mit. Falls ein aktiver Fußballer dabei mehr als fünf Fragen richtig beantwortet, ist er richtig gut. Das zeigt deutlich, wie groß die tatsächlichen Lücken in der Regelkenntnis sind.

Dazu kommt, dass uns die obersten Regelhüter jedes Jahr regelmäßig mit diversen Regeländerungen beglücken. Höhepunkt war vor vier Jahren ein Sammelsurium von ca. 40 Änderungen. Da habe ich mich als langjähriger und erfahrener Schiedsrichter gefragt, ob die da oben überhaupt eine Vorstellung davon haben, was das in der Praxis bedeutet. Spätestens hier ist der Laie ausgeschieden. Wenn schon teilweise die Schiedsrichter Schwierigkeiten haben, den Überblick zu behalten, wie soll das dann der normale Fußballbetrachter und Fan schaffen?

Die Änderungen der Regeln werden vom International Football Association Board (IFAB) vorgenommen und normalerweise jährlich aktualisiert. Die IFAB wurde 1882 gegründet und besteht lediglich aus acht Mitgliedern, das sind quasi die obersten Gralshüter der Fußballregeln. Man könnte durchaus trefflich darüber philosophieren, ob dieses Gremium in der aktuellen Zusammensetzung überhaupt noch zeitgemäß und effizient ist.

Der Antrieb für Regeländerungen kommt aus verschiedenen Richtungen. Zum einen will man den Fußball immer noch attraktiver machen, zum anderen will man auch vereinfachen und aus negativen Erfahrungen lernen. Leider muss ich sagen, dass das Ergebnis in der Praxis oft nicht so gut ausfällt. Außerdem dauern die Reifeprozesse für wichtige Themen viel zu lang. Relativ wenigen guten Änderungen stehen oft eine große Anzahl von nicht unbedingt nachvollziehbaren Verbesserungen gegenüber. Aber die Vorgaben der IFAB sind nun mal absolutes Gesetz in der Fußballwelt.

Zwei einfache Beispiele für echte Rohrkrepierer möchte ich kurz anführen. Da war zum einen die Idee, das Abseits erst dann zu ahnden, wenn der angespielte Angreifer tatsächlich den Ball berührt. Durch diese Änderung kam es zu verrückten Szenen: Ein Stürmer – der einzige, der klar im Abseits stand – rannte über 50 m dem Ball nach. In dem Moment, als er ihn dann berührte, wurde Abseits gepfiffen. Ein Wahnsinn!

Oder die unheimlich wichtige Regeländerung beim Eckstoß: Früher musste der Ball nur irgendwie im Teilkreis liegen. Dann kam man auf die glorreiche Idee, dass der Ball in vollem Durchmesser innerhalb des Teilkreises liegen muss. Da ging es lediglich um 10–20 cm Unschärfe beim Eckstoß! Man fragt sich wirklich, was das soll. Beide Regeln wurden übrigens sehr schnell wieder annulliert, da sie einfach nicht praxisgerecht waren.

Wenden wir uns daher lieber den positiven großen und spielrelevanten Änderungen zu. Als ich 1976 die Schiedsrichterprüfung ablegte, waren viele Regeln, die wir mittlerweile verinnerlicht haben, noch gar nicht vorhanden. Daher versuche ich mal, ohne chronologische Perfektion, die aus meiner Sicht wichtigen und guten Änderungen nacheinander aufzuzählen:

Die Abseitsregel wurde geändert. Ursprünglich war die gleiche Höhe von Stürmer und Abwehrspieler schon Abseits. Bei der aktuellen Auslegung ist der Stürmer aber erst dann im Abseits, wenn er sich mit einem Körperteil, mit dem man ein Tor regulär erzielen kann (Kopf, Fuß, Knie etc.) im Moment der Ballabgabe vor dem vorletzten Abwehrspieler befindet. Da reichen dann eben auch fünf Zentimeter.

Die Anzahl der Ersatzspieler wurde von zwei auf drei erhöht. In einer Übergangslösung war der dritte Wechsel zunächst immer auf den Torwart beschränkt, inzwischen kann der Trainer frei entscheiden. Ganz neu ist die Regel bei Pokal- und Entscheidungsspielen: Hier darf aktuell bei den Profis in der Verlängerung ein vierter Spieler eingewechselt werden.

Im Amateurbereich sind drei Auswechselspieler im Herrenbereich, vier Auswechselspieler bei Junioren, Juniorinnen und Frauen sowie fünf im Seniorenbereich zugelassen. In den unteren Klassen jetzt sogar mit Rückwechselmöglichkeit. Ab der Bezirksliga aufwärts ohne Rückwechsel. Gerade im Amateurbereich ist das sehr sinnvoll, denn die Kondition und Spielerverfügbarkeit sind einfach geringer als bei den Profis. Und während der Coronaphase können jetzt vorübergehend bei allen Spielen fünf Spieler ausgewechselt werden – auch bei den Profis.

Das Zuspiel zum Torwart durch einen eigenen Feldspieler wurde deutlich eingeschränkt. Man erinnert sich noch an frühere Spiele, bei denen der Ball mehrfach zwischen den Verteidigern und dem Torhüter hin- und hergespielt wurde. Das war damals ein beliebtes Instrument, um Zeit zu schinden. Der Torwart durfte bei Bedarf den Ball immer wieder mit den Händen aufnehmen. Heute darf der Torhüter den Ball in folgenden Situationen gar nicht mehr mit der Hand aufnehmen – auch nicht im eigenen Strafraum: nach dem Einwurf durch einen Mitspieler und nach einem kontrollierten Zuspiel mit dem Fuß durch einen Mitspieler. Tut er dies dennoch, gibt es gegen ihn einen indirekten Freistoß. Mit Knie, Kopf, Schienbein etc. ist das Zuspiel aber nach wie vor erlaubt. Im Volksmund heißt diese Regel auch Rückpassregel. Das ist jedoch eigentlich falsch, denn sie gilt für ein Zuspiel aus jeder Richtung.

Aus einem Anstoß und einem Abstoß können heutzutage Tore direkt erzielt werden, aus einem Schiedsrichterball nicht. Das war früher genau umgekehrt.

Kommen wir nun zu den Änderungen bei den persönlichen Strafen. Eine der wichtigsten Neuerungen war die Einführung der Notbremse bzw.Torverhinderung durch absichtliches Handspiel. Bei der Notbremse gibt es immer sofort Rot, wenn eine eindeutige und klare Torchance des Stürmers durch ein wie auch immer geartetes Foulspiel verhindert wurde, also auch ein Zupfen am Trikot oder ein einfaches Beinstellen führt nun sofort zum Platzverweis. Bei der Spielstrafe blieb alles beim Alten. Das Gleiche gilt für ein absichtliches Handspiel mit Torverhinderung: Früher Gelb, heute sofort Rot.

Die Bewertung, ob eine klare Torchance vorliegt, ist alleine dem Schiedsrichter vorbehalten. Ähnlich wie bei der Handspielregel geht es um einen komplexen Sachverhalt, bei dem viele verschiedene Kriterien gemeinsam greifen müssen: Ballkontrolle durch den Stürmer, Laufrichtung des Stürmers, Abstand zum Tor, wo befinden sich die restlichen Abwehrspieler und können die noch eingreifen etc. Ein reines Schwarz-Weiß-Kriterium gibt es hier nicht, sondern eine breite Grauzone, die die Entscheidungsfindung deutlich erschwert.