Kennen Sie diesen Mann? - Carl Frode Tiller - E-Book

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Carl Frode Tiller

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Beschreibung

David hat sein Gedächtnis verloren. Er weiß nicht mehr, wer er ist. In einer Zeitungsanzeige fordert er Verwandte und Bekannte auf, ihm einen Brief zu schreiben, um ihm seine Erinnerungen zurückzugeben. Und er bekommt Antworten auf seine Fragen. Aber will er die wirklich hören? Denn sie sind ganz unterschiedlicher Art und nicht immer schön. Sein Jugendfreund Jon, ein Musiker, der gerade den Halt zu verlieren scheint, meldet sich. Sein Stiefvater Arvid, ein Pfarrer, der auf den Tod wartet. Und seine Jugendliebe Silje, eine Frau mittleren Alters, die möglicherweise gerade im Begriff ist, aus ihrer Ehe auszusteigen. Die Briefe geben ihnen allen die unerwartete Chance, von ihrem eigenen Leben zu erzählen, während sie zugleich Davids Geschichte einkreisen. Aber wer ist David wirklich?

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Seitenzahl: 487

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zum Buch

David hat sein Gedächtnis verloren. Er weiß nicht mehr, wer er ist. In einer Zeitungsanzeige fordert er Verwandte und Bekannte auf, ihm einen Brief zu schreiben, um ihm seine Erinnerungen zurückzugeben. Und er bekommt Antworten auf seine Fragen. Aber will er die wirklich hören? Denn sie sind ganz unterschiedlicher Art und nicht immer schön. Sein Jugendfreund Jon, ein Musiker, der gerade den Halt zu verlieren scheint, meldet sich. Sein Stiefvater Arvid, ein Pfarrer, der auf den Tod wartet. Und seine Jugendliebe Silje, eine Frau mittleren Alters, die möglicherweise gerade im Begriff ist, aus ihrer Ehe auszusteigen. Die Briefe geben ihnen allen die unerwartete Chance, von ihrem eigenen Leben zu erzählen, während sie zugleich Davids Geschichte einkreisen. Aber wer ist David wirklich?

Zum Autor

CARL FRODE TILLER, geboren 1970, ist ein norwegischer Autor, Historiker, Musiker und Komponist. Er gilt als Meister der psychologischen Zwischentöne. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und in 16 Sprachen übersetzt.

Carl Frode Tiller

Kennen Sie diesen Mann?

Roman

Aus dem Norwegischenvon Ina Kronenberger

JON

Saltdalen, 4. Juli 2006. Auf Tournee.

Wir fahren langsam ins Zentrum, falls man hier überhaupt von einem »Zentrum« sprechen kann, ein kleiner Verkehrskreisel mit ein paar Häusern drum herum. Ich lehne mich auf dem Sitz vor, sehe mich um, kein Mensch weit und breit, alles tot, still, so gut wie keine Geschäfte, nur eine Kneipe, die ist geschlossen, und ein Lebensmittelladen mit verhängten Fenstern. Verdammt, sollen wir hier etwa spielen? Sieht grad nicht so aus, als würde hier überhaupt jemand wohnen, ist mir ohnehin ein Rätsel, wer hier leben will, wer sich das antut. Ich lehne mich wieder zurück, lasse das Seitenfenster herunter und lege den Ellbogen auf den Türrahmen. Kühle, frische Luft schmiegt sich an mein Gesicht, angenehme Luft. Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe die Augen, atme durch die Nase ein, so viele Gerüche liegen in der Luft, wenn es geregnet hat, dieser Geruch nach nasser Erde, nach Flieder. Ich öffne die Augen, beuge mich wieder vor. Verdammt, ist das hier eine gottverlassene Gegend, wie ausgestorben, kein Mensch zu sehen und auch fast kein Laut zu hören, bis auf unseren Motor. Und das Geräusch von Autoreifen, die über regennassen Asphalt rollen. Verstehe überhaupt nicht, wer an so einen Ort zieht.

»Hätten wir vor dem Auftritt noch ein bisschen mehr Zeit, würde ich glatt angeln gehen«, sagt Anders. »Es soll hier einen guten Lachsfluss geben.«

Drehe mich zu ihm um und grinse. Aber offensichtlich meint er es ernst, er sitzt auf der Rückbank und zeigt mit dem Kopf nach rechts. Ich recke den Hals und schaue in die Richtung. In einem Fenster auf der anderen Straßenseite hängt ein Pappschild, »Verkauf von Angelscheinen« steht darauf, schwarzer Edding und leicht nach rechts geneigte Schreibschrift. Drehe mich wieder um und schaue durch die Windschutzscheibe.

»Na ja«, sage ich. »Wenn man mal von Inzucht absieht, kann man hier bestimmt nur jagen und angeln und so.«

Schaue nach hinten und grinse ihn an. Aber Anders hat sich weggedreht und meine Bemerkung wohl nicht mitbekommen. Ich sehe wieder nach vorn.

»Und Sport, natürlich«, füge ich hinzu. »Skifahren und so! Aber keinen Mannschaftssport, für einen Mannschaftssport gibt’s hier bestimmt nicht genug Leute.«

Eine Weile sagt keiner von uns ein Wort.

Lars biegt nach rechts auf eine Straße, die hinunter zum Kai führt. Ich erhasche einen Blick auf das blauglänzende Meer, ein paar Möwen kreisen über einem grünen Container. Aber kein Schwein zu sehen, alles tot, verdammt, es ist mitten am Tag, und alles ist menschenleer. Beuge mich ein wenig vor und schaue von einer Seite zur anderen, grinse und schüttele den Kopf.

»Scheiße, Mann!«, sage ich, warte einen Moment, schüttele wieder den Kopf. »Sieht ganz so aus, als stünde der Zentrumspartei noch eine große Aufgabe bevor, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen, ein lebendiges Landleben.« Warte wieder einen Moment, dann schaue ich zu Lars hinüber und schüttele ungläubig den Kopf. »Wenn du jetzt irgendwo ein Banjo und Volksmusik hörst, gibst du Gas!«, sage ich, lache kurz. Aber er lacht nicht mit, sitzt bloß da, beide Hände am Steuer, und starrt vor sich hin, kann sein, dass er »Beim Sterben ist jeder der Erste« nicht gesehen hat, für Lars gibt’s ja nur die Musik, der interessiert sich nicht die Bohne für Filme, jedenfalls nicht für solche.

»Scheiße, Mann«, murmele ich. »Bin ich froh, dass ich hier nicht wohne.«

Einen Moment lang sagt niemand ein Wort.

»Hier also auch nicht?«, fragt Lars leise und ohne mich anzuschauen.

»Kein Schwein auf der Straße«, sage ich.

»Nein«, sagt er kurz.

Ich sehe ihn wieder an, sage nichts, warte einen Moment. Was ist denn mit ihm los, verdammt. Er klingt so ernst. Sieht so ernst aus. Sein Gesicht ist so angespannt. Und er starrt vor sich hin. Ich warte ein paar Sekunden, wende den Blick nicht von ihm ab.

»Hast du was?«, frage ich. Er antwortet nicht, sitzt da mit steifen Armen, beide Hände am Lenkrad, stiert vor sich hin. Im Auto ist es mucksmäuschenstill, niemand sagt was. Was ist denn los? Lars ist doch normalerweise nicht so, ist fast immer gut drauf.

»Hast du was?«, frage ich noch einmal.

»Ich?«, fährt er mich an und schiebt den Kopf zugleich einen Zentimeter vor.

Völlige Stille.

Starre ihn verblüfft an.

»Ich hab es einfach langsam satt, dass du so negativ bist«, sagt er.

»Negativ?«, murmele ich.

»Ja, negativ«, sagt er, starrt unverwandt vor sich hin, wartet kurz, schluckt. »Egal, wo wir hinkommen, alle Orte sind Käffer«, sagt er. »Egal, was wir essen, es schmeckt zum Kotzen, alle, die wir treffen, sind Idioten.«

Sitze nur da und starre ihn an, bringe kein Wort heraus, was faselt er da, ich und negativ? Ich warte einen Moment, weiß nicht, was ich sagen soll, denn davon war noch nie die Rede, das kam völlig unerwartet, dass ich negativ bin, bin ich negativ? Ich warte einen Moment, dann drehe ich mich zu Anders um. Er schaut aus dem Fenster, drückt die Stirn gegen die Scheibe, tut so, als würde er mich nicht sehen, hat offensichtlich nichts mitgekriegt. Plötzlich wird mir klar, dass sie darüber gesprochen haben, dass sie sich darüber unterhalten haben und sich einig sind, dass ich immer nur alles runtermache. Und jetzt spüre ich, wie mein Herz schneller schlägt, wie der Puls abgeht. Ich starre Anders an und merke, dass sich mein Mund wie von selbst öffnet, sitze da mit offenem Mund, gaffe ihn an. Ich mache den Mund wieder zu. Schlucke einmal und noch einmal. Drehe mich wieder zu Lars um, schaue ihn an.

»Es ist echt anstrengend mit dir«, sagt er. »Verdammt anstrengend! Die ganze Tournee war anstrengend!«

Er sitzt da und starrt durch die Windschutzscheibe, das Gesicht angespannt und weiß, und er schluckt in regelmäßigen Abständen. Ich starre ihn unverwandt an. Bringe kein Wort heraus, weiß nicht, was ich sagen soll. Das hier kam so plötzlich, damit hatte ich nicht gerechnet, dass sie mich negativ finden, dass sie es anstrengend finden, mit mir zu reisen.

»Es ging schon beschissen los und ist dann immer schlimmer geworden«, sagt Lars. Dann räuspert er sich, sieht mich nach wie vor nicht an. »Ich glaube, du ahnst gar nicht, wie viel Kraft uns das kostet, dich einigermaßen bei Laune zu halten. Du läufst durch die Gegend und lästerst über alles und jeden, du machst alles runter, was sich zwischen Himmel und Erde bewegt. Kapierst du gar nicht, wie anstrengend das für uns ist, wenn wir mit dir zusammen sind?«

Ich höre mir an, was er sagt, und mir ist klar, dass er sich die Sätze zurechtgelegt hat, höre es an der Art, wie er spricht. Höre auch, dass er es ernst meint, es mag so klingen, als käme es ihm gerade in den Sinn, aber er meint es wirklich ernst. Ich starre ihn weiter fassungslos an. Warte einen Moment. Weiß nicht, was ich sagen soll. Darf auf keinen Fall wild drauflosreden, muss aufpassen, was ich sage. Denn das hier muss ich abkönnen, ich muss erwachsen genug sein, um derlei Kritik einzustecken, darf auf keinen Fall unsachlich werden und auf ihn losgehen. Aber das Ganze kam ziemlich unerwartet, darauf war ich nicht vorbereitet gewesen, sie hatten ja bisher über meine Sprüche gelacht, hatten über meine Schwarzseherei und meine abfälligen Bemerkungen ihre Witze gemacht. Oft habe ich mich sogar für schwarzseherischer und pessimistischer ausgegeben, als ich es eigentlich bin, war spöttisch und sarkastisch, um sie zum Lachen zu bringen, habe die ganze Zeit geglaubt, es sollte so sein, sie wären genauso gern mit mir zusammen wie ich mit ihnen, sie würden mich genauso mögen wie ich sie. Ich war der Meinung, dass ich noch nie so gut in eine Band gepasst habe wie in diese, sowohl musikalisch wie auch von den Leuten. Auch wenn ich so viel älter bin als sie.

Einen Moment ist es still. Langsam wende ich mich von Lars ab, stütze den Kopf in die rechte Hand und starre durch das offene Fenster, nehme die andere Hand hoch und kratze mich mit dem Mittelfinger an der Nase. Und dann fange ich plötzlich an zu heulen. Einfach so, als würde in mir ein Damm brechen, von dem ich nichts geahnt habe, Tränen schießen aus meinen Augen, laufen kalt über meine Wangen. Ich drehe den Kopf noch ein Stück weiter nach rechts. Wische die Tränen weg, schlucke. Scheiße, was ist das denn jetzt, ich sitze da und flenne, was ist bloß mit mir los, verdammt noch mal, ich habe weiß Gott wie lange schon nicht mehr geheult, und jetzt sitze ich da und flenne, flenne wegen einer solchen Bagatelle, weil sie behaupten, ich sei negativ, was ist bloß mit mir los, verdammt, ich mache mich ja lächerlich. Es dauert ein paar Sekunden, dann fange ich plötzlich an zu lachen, einfach so, fange lauthals an zu lachen, wiehere vor Lachen, versuche darüber zu lachen, dass alles so lächerlich ist, eine lächerliche Bagatelle, und ich versuche, lachend meine Tränen zu verscheuchen, aber es gelingt mir nicht. Die Tränen hören nicht auf, und ich sitze da und lache und weine im Wechsel, wie ein hysterisches Weibsbild, es hört sich total gestört an, als würde ich den Verstand verlieren, und die anderen sagen kein Wort, kapieren anscheinend nicht, was mich gerade reitet, denn das bin nicht ich, das ist so untypisch für mich wie nur irgend was, und jetzt muss ich mich zusammenreißen, so geht es nicht. Ich wische mir mit dem Finger die Nase trocken und schniefe. Beiße die Zähne zusammen und höre auf zu lachen. Huste ein wenig, räuspere mich. Lache nicht länger, kann aber auch nicht aufhören zu heulen, heule leise, meine Lippen sind tränennass, der Salzgeschmack bitzelt auf der Zunge.

Es ist mucksmäuschenstill.

»Wo ist denn dieses Kulturhaus?«, fragt Anders plötzlich. »Sollte das nicht außerhalb vom Zentrum liegen?« Er versucht, das Thema zu wechseln, tut so, als wenn nichts wäre, will mir irgendwie Zeit geben, die Tränen abzuwischen und mich wieder zu fangen, damit ich nicht noch mehr das Gesicht verliere. »Wobei, was heißt hier Zentrum? Schwer zu sagen, wo in dem Ort das Zentrum ist«, fährt er fort, will sich meiner Meinung quasi anschließen, mir in dem Punkt zustimmen, dass das hier ein gottverdammtes Kaff ist, als würde das die Sache besser machen.

Erneut Stille.

Sitze einfach nur da und heule. Und Anders und Lars sagen kein Wort, sie kapieren wohl genauso wenig wie ich, was los ist. Das hier ist so untypisch für mich, wie es untypischer nicht geht. Fühle mich leer, fühle mich matt, alle Kraft ist aus meinem Körper gewichen. Es wird immer anstrengender, mit dir zusammen zu sein, hat Lars gemeint, mies drauf und negativ. Aber warum haben sie nie etwas gesagt? Wie soll ich mich ändern, wenn sie einfach nur mitspielen? Sie hätten mir doch ein Zeichen geben können, habe die ganze Zeit geglaubt, dass sie mich genauso gern mögen wie ich sie, dabei fanden sie es zunehmend nervig, mit mir zusammen zu sein, negativ. Ich drehe den Kopf noch weiter nach rechts, presse die Lippen zusammen und schlucke.

»Halt an!«, platzt es plötzlich aus mir heraus. Ich höre, wie böse ich klinge, böse und entschlossen. Ich lege die Hand auf das Gurtschloss, drücke den roten Plastikknopf, schaue dabei starr geradeaus.

»Mensch, Jon«, sagt Lars, sagt es bittend.

»Halt an!«, zische ich.

»He, du«, sagt Lars.

Drehe mich zu ihm hin, starre ihn an.

»Halt an, verdammt noch mal!«, brülle ich.

Völlige Stille. Einen Augenblick später bremst Lars. Vorsichtig. Fährt an die Bordsteinkante und hält.

»Mensch, Jon!«, sagt Anders.

Aber ich mache die Tür auf, steige aus.

»Bleib da!«, bittet Anders.

»Jon!«, sagt Lars.

Doch ich schlage die Tür zu und laufe los, gehe stur geradeaus, drehe mich nicht um, weiß nicht, wohin ich will, will nur noch weg, fort von hier.

Vemundvik, 6.–10. Juli 2006

Lieber David,

ich saß im Bus auf dem Weg zu unserer Hütte, als ich las, dass du dein Gedächtnis verloren hast, und nachdem ich den Schock verdaut hatte und gerade überlegte, wie ich dir helfen könnte, tauchte eine Erinnerung auf, kam immer wieder hoch, ohne dass ich begreife, wieso, und ich beschloss, diesen Brief zu schreiben. Ich sah uns zwei auf einem unserer vielen langen Spaziergänge rund um das Stadtzentrum von Namsos. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich diese Erinnerung in mir trage, sie kam erst wieder in mir hoch, als ich dort im Bus saß und spürte, wie es war, mit siebzehn durch die Straßen zu ziehen, nur du und ich, Seite an Seite, ohne ein bestimmtes Ziel. Ich meinte mich zu erinnern, dass wir beide davon ausgingen, wir würden diese Spaziergänge machen, weil wir uns langweilten und nichts anderes vorhatten, aber wenn ich an unsere Gespräche zurückdenke, wie viel wir einander zu erzählen hatten, wie sehr ins Thema vertieft und engagiert wir manchmal waren und wie schnell wir einen anderen Weg einschlugen, sobald wir einen Menschen sahen, mit dem wir uns sonst hätten unterhalten müssen, dann schließe ich daraus, dass diese Spaziergänge für uns sehr wohl wichtig waren.

Und vielleicht liegt es gerade daran, dass eine derart unspektakuläre und alltägliche Unternehmung das Erste war, was in mir hochkam und mir leuchtend vor Augen stand, als ich deine Anzeige las. Keine Ahnung, aber einiges von dem, was ich in diesem Brief berichten werde, entnehme ich jedenfalls diesen Gesprächen – deine Ansichten, Schilderungen von Vorfällen, denen ich selbst nicht beigewohnt habe, oder von Leuten, die du kanntest, die ich aber nie kennengelernt habe.

In der Grundschule wusste ich nicht viel mehr von dir, als dass dein Stiefvater Pfarrer war, du Fußball spieltest und derjenige warst, der beim Werfen am weitesten kam, wenn Sporttag an der Schule war. Ich weiß nicht, warum ich mir ausgerechnet die letzten zwei Punkte gemerkt habe, womöglich weil ich selbst so schlecht darin war. Ich warf wie ein Mädchen (von unten), und ich hatte den Ruf, der Erste und vorläufig auch Letzte an der Mittelschule von Namsos zu sein, der anstatt einen Strafstoß auszuführen, den Ball von der Außenlinie einwarf; einen Ruf, auf den ich übrigens vorgab stolz zu sein, als ich dich kennenlernte.

Unsere Freundschaft begann in der 11. Klasse. In der Sporthalle sollte eine Anti-Drogen-Kampagne stattfinden, und ich hatte beschlossen zu schwänzen, wie ich mich erinnere. Ich hatte mir damals ein Image als Anarchist und Freak zugelegt und versuchte, allen weiszumachen, mich selbst eingeschlossen, dass die liberale Einstellung eines Anarchisten gegenüber dem, was die linke Presse »Bewusstseinserweiternde Stoffe« nannte, mir keine andere Wahl ließe, als den Rucksack über die Schulter zu werfen und zum Ausgang zu gehen, nicht unbedingt demonstrativ, aber doch mit dem lässigen Gang und der aufgesetzt gleichgültigen und verkrampft lockeren Körpersprache, die männliche Teenager gerne an den Tag legen, wenn sie verbergen wollen, wie unsicher sie sich eigentlich fühlen. Das war aber nicht der eigentliche Grund. Papa saß damals wegen einer Drogenstrafe im Gefängnis, und aus falsch verstandener Loyalität zu ihm wollte ich die Veranstaltung boykottieren. Als der Direktor aber meinen Namen rief und sagte, ich solle auf der Stelle auf meinen Platz zurückkehren und mich hinsetzen, und sich alle, die dort saßen, zu mir umdrehten und mich anstarrten, wurde ich plötzlich von meinen Gefühlen übermannt, die ich bis dahin einigermaßen unter Kontrolle gehabt hatte, und brach vor der ganzen Schule in Tränen aus. Die meisten wussten vermutlich, dass Papa im Gefängnis saß und was er verbrochen hatte, aber in dem Moment warst du der Einzige, der den Zusammenhang verstand, und nach ein paar Sekunden der Stille, in denen mich das Lehrerkollegium und die über dreihundert Schüler erstaunt ansahen, hörte ich, wie du dem Direktor laut und vernehmlich die Frage stelltest: »Wie würden Sie es finden, wenn Sie Ihren eigenen Vater schlechtmachen sollten?«

Später, als ich mich in dich verliebt hatte, sah ich James Dean vor mir, wenn ich an die Geschichte zurückdachte. Ich meinte mich zu erinnern, dass du auf einer der Bänke gesessen hast, bequem nach hinten gelehnt, die Ellbogen in der Sprossenwand hinter dir verhakt, und dass du gelächelt hast, als du den Direktor mit ruhigem, besonnenem Blick angeschaut hast. Mittlerweile ist das Bild natürlich verblasst. Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, dass du ein weißes T-Shirt anhattest und gesagt hast, was du gesagt hast.

Anfangs hatte ich das Gefühl, du hättest mich irgendwie bloßgestellt, und ich war stinkwütend auf dich, aber mit zunehmendem Abstand zu dem Vorfall wuchs meine Dankbarkeit, und mit der Zeit war ich fast gerührt darüber, dass du mich auf diese Weise verteidigt hast. Ich bewunderte dich für deinen Mut und deinen Gerechtigkeitssinn, und bevor wir Freunde wurden und uns regelmäßig trafen, sorgte ich dafür, zufällig dort aufzutauchen, wo du gerade warst. Bekam ich mit, dass du zu einer Party gehen wolltest, setzte ich alles daran, zur selben Party eingeladen zu werden; hattest du vor, ins Kino zu gehen, blies ich alles andere ab und ging ebenfalls ins Kino, und mein Weg zur Schule oder in die Stadt führte mich stets an dem Haus vorbei, in dem Arvid und Berit mit dir wohnten, weil ich hoffte, dir dabei über den Weg zu laufen oder dich wenigstens von Weitem zu sehen. Dass mich der Umweg mehrere Minuten kostete, war mir egal.

Gleichzeitig versuchte ich aber, eine gewisse Würde zu wahren. Ich hielt Abstand und war nie aufdringlich, ich lächelte und grüßte kurz, wenn wir uns trafen, traute mich aber nicht, dich anzusprechen, und angesichts der Tatsache, dass du ein eher ruhiger und abweisender Typ warst, der selten mehr sagte, als unbedingt notwendig war, kann ich kaum begreifen, wie wir überhaupt miteinander ins Gespräch kamen. Aber irgendwie müssen wir es ja hingekriegt haben, denn noch bevor das Jahr vorbei war, waren wir unzertrennlich geworden.

In der Hütte habe ich natürlich kein Internet. Als ich deinem Psychologen eine Mail schicken wollte, um mich zu erkundigen, wie ich dir helfen könnte, musste ich zu einem Nachbarn gehen. Er ließ mich herein, und ich durfte seinen Computer benutzen, aber er war verärgert und unfreundlich und konnte es kaum erwarten, dass ich wieder ging, so dass ich leider nicht die Zeit hatte, all meine Fragen zu stellen. Doch wenn ich die einzige Mail, die dein Psychologe mir geschickt hat, richtig verstanden habe, liegst du auf der Isolierstation, und ich dürfte dich ohnehin nicht besuchen, was ich natürlich am liebsten sofort getan hätte. Kontakt sei nur über Briefe möglich. Und diese Briefe sollten nicht nur dazu dienen, dein Gedächtnis aufzufrischen. Selbst wenn es keinem der Briefeschreiber gelang, dein Erinnerungsvermögen zurückzuholen, sei es trotzdem wichtig, dass du so viel wie möglich darüber erfährst, wer du einmal warst, welches Leben du geführt hast, mit wem du Kontakt hattest, mit wem du verwandt bist, woher du kommst usw. Dein Psychologe bat mich daher, alles aufzuschreiben, was ich wusste, nicht nur das, was wir zusammen erlebt hatten. Bevor ich jetzt also mit uns beiden weitermache, will ich versuchen, das Wenige aufzuschreiben, was ich über deine Familie weiß und über dein Leben vor unserer Zeit.

Bei euch im Flur hing eine Luftaufnahme von einem weißen Holzhaus, das ziemlich dicht am Wasser stand, zwischen den Uferfelsen der Insel Otterøya. Bevor Berit Arvid heiratete und sie zu ihm nach Namsos zog, hast du in diesem Haus gewohnt, zusammen mit ihr und deinem Opa mütterlicherseits, Erik. Deinen Opa kenne ich aber nur von einem alten Schwarz-Weiß-Foto, auf dem er als junger Mann abgebildet ist, ein eher robuster Straßenarbeiter mit wuscheligem Haar, breitem, rundem Rücken und einem kräftigen schwarzen Schnauzer, der aussah wie zwei Zöpfchen, die zur Seite abstanden.

Berit hatte deinem Opa den Haushalt gemacht, seit deine Oma irgendwann Anfang der Sechzigerjahre gestorben war. Mit siebzehn oder achtzehn zog sie in ein Zimmer in Namsos und machte zur selben Zeit wie Mama eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin, aber nach knapp einem Jahr wurde sie mit dir schwanger, musste die Schule abbrechen und wieder nach Otterøya ziehen. Wer dein Vater war, erfuhr kein Mensch, Berit weigerte sich aus irgendeinem Grund, den Namen preiszugeben, und sie behielt das Geheimnis für sich, solange sie lebte.

Meine Mutter hat viel von Berit in dieser Zeit erzählt, sie schilderte eine blasse dünne junge Frau mit roten Haaren, Sommersprossen und einer kleinen Stupsnase. Sie erzählte, wie scheu und hilflos Berit auf den ersten Blick wirkte und wie überrascht sie selbst gewesen sei, als sich herausstellte, dass ihre Freundin das Gegenteil davon war. Wie so viele, die eine schwere Kindheit und Jugend hinter sich hatten, war Berit hart im Nehmen, und nach allem, was meine Mutter mir erzählt hat, schien sie überhaupt keine Angst gehabt zu haben und alles andere als schüchtern gewesen zu sein, ganz anders als die meisten Leute, die vom Land in die Stadt kamen, um dort die Schule zu besuchen. Sie war schlagfertig und redete, ohne Luft zu holen, hielt mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, egal mit wem sie sprach, und wenn ihr jemand Unrecht tat, konnte sie rabiat werden und den Schuldigen hemmungslos demütigen. Körperliche Gebrechen, Sprachfehler, eine belastende Vergangenheit: Sie führte alles ins Feld, und sie formulierte so gut und treffsicher, dass die Zuhörer unweigerlich lachen mussten. Und wenn das Opfer es ihr mit gleicher Münze heimzahlte und beispielsweise ihre schlechten Zähne kommentierte, grinste sie nur böse. Selbstmitleid und Sentimentalitäten waren ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte, und sie ließ niemanden an sich heran. »Tja, hätte mir damals jemand erzählt, dass sie sich ausgerechnet einen Pfarrer suchen würde, hätte ich mich weggeschmissen vor Lachen!«, pflegte Mama zu sagen.

Deinem Opa fiel es ebenfalls schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass seine Tochter einen Pfarrer heiratet. Nach allem, was du erzählt hast, war der alte Mann bis zu seinem Tod Atheist und moskautreuer Kommunist. Oft schüttelte er den Kopf und lachte über das, was Arvid glaubte und vertrat, und nie wurde er es leid, konkrete Beschreibungen oder rationale Erklärungen für diverse Wunder einzufordern, die in der Bibel beschrieben wurden. »Kannst du das mit der Jungfrauengeburt nicht so erklären, dass ein einfacher Mann aus Otterøya es versteht?«, sagte er beispielsweise, und wenn Arvid den ironischen Unterton geflissentlich überhörte und eine ernste Antwort gab, lauschte dein Opa nur belustigt und wieherte los, sobald Arvid mit seiner Rede zu Ende war. »Ja, das waren noch Zeiten!«, sagte er dann gerne und schüttelte nachsichtig den Kopf. »Heute gibt es das nicht mehr, so viel ist sicher!«

Diese Gespräche waren für ihn Unterhaltung vom Feinsten, hast du mir erzählt, genau wie wenn er Berit damit aufzog, aus was für einer Familie und aus welchem Umfeld sie kam. Wenn sie beisammen waren, war seine Sprache noch deftiger und derber als sonst, und stets kam er wie zufällig auf Episoden von früher zu sprechen, denen allesamt gemein war, dass sie von Dingen handelten, die nicht in das christliche Umfeld passten, an das Berit sich anzupassen versuchte, zu dem sie gehören wollte. »Wie der Silvesterabend, an dem du alle Kerle unter den Tisch getrunken hast«, sagte er beispielsweise und lachte laut und hemmungslos, und wenn deine Mutter nicht lachte, tat er überrascht und verständnislos. »Erinnerst du dich denn nicht mehr?«, fragte er dann, und während er sich köstlich amüsierte und auf eine Antwort wartete, kochte Berit innerlich vor Wut.

Du hast immer geschmunzelt, wenn du mir davon erzählt hast, aber in solchen Situationen warst du unsicher und hast dich nicht wohlgefühlt. Arvid hingegen versuchte so zu tun, als fechte ihn das Ganze nicht an. Er reagierte zwar manchmal verärgert, genervt oder wütend, aber er wollte dir und deiner Mutter vorgaukeln, dass es unter seiner Würde sei, sich von so etwas aus der Fassung bringen zu lassen, und darum lächelte er nur und zeigte sich unendlich geduldig und tolerant. Das passt übrigens bestens zu dem, wie ich ihn als Mensch erlebt habe, nachdem wir zwei uns kennengelernt hatten und ich immer mehr Zeit bei euch verbrachte. Mag sein, dass meine Erinnerung an diese Zeit davon geprägt ist, dass Arvid nach dem Tod deiner Mutter psychische Probleme bekam, wie ich später erfahren habe, aber ich meine mich dennoch zu erinnern, dass er mir vorkam wie jemand, der versucht, sein chaotisches Innenleben mit einem ruhigen und beherrschten Äußeren zu überdecken, und der es, ohne es selbst zu ahnen, übertrieb und daher am Ende furchteinflößend wirkte. Sein Lächeln war so gütig und mild, dass es schwer war, an die Liebe zu glauben, die es ausstrahlen sollte, und er redete so langsam und bedächtig und so eindringlich, dass zumindest ich in seiner Gegenwart unruhig wurde und keineswegs unbekümmert war, wie er es sich gewünscht hätte.

Viele deuteten sein Auftreten im Übrigen falsch und sahen darin den Beweis dafür, dass das Klischee des selbstgefälligen und hochmütigen Pfarrers stimmte. »Es ist nicht schwer, anderen gegenüber lieb und freundlich und nachsichtig zu sein, wenn man davon überzeugt ist, dass man selbst in den Himmel kommt und alle anderen in die Hölle!«, sagte Mama immer. Aber keiner von uns, die Arvid kannten, erlebte ihn als selbstgefällig und hochmütig. Ganz im Gegenteil, es schien vielmehr so, als hegte er den aufrichtigen Wunsch, ein ganz normaler Mensch zu sein, der nun zufällig einmal Pfarrer war, als sehnte er sich danach, dazuzugehören. Nur gelang ihm das nicht. Wenn er, der sonst so besonnen war, den blauweißen Fußballschal umband, auf der Tribüne stand und Namsos anfeuerte, grinsten viele und bedachten ihn mit derselben Verachtung wie Politiker, die sich so aufführten. Sie hielten es für Theater und einen Anbiederungsversuch dem einfachen Mann von der Straße gegenüber. Außerdem hatte Arvid wie so viele Pfarrer die leidige Tendenz, jedes Gespräch früher oder später auf das Thema Christentum zu lenken, und das sorgte oft für eine gewisse Distanz zu den Leuten, sie fühlten sich damit nicht wohl. Saßen wir an einem Winterabend draußen auf der Treppe und bestaunten zum Beispiel den Sternenhimmel, konnte ich sicher sein, dass er wie zufällig auf den Stern von Bethlehem zu sprechen käme, und wenn im Fernsehen eine Natursendung gezeigt wurde, in der zu sehen war, dass irgendeine Tierart an ihre Umgebung angepasst war, wartete ich nur darauf, dass er seiner Verwunderung darüber Ausdruck verlieh, dass es Menschen gab, die ernsthaft glaubten, so etwas Fantastisches sei ein Zufallstreffer.

Du hast selbst gesagt, dass du diese Seite an ihm hasstest. Als du kleiner warst, hast du oft erlebt, wie die Stimmung kippte, wenn er ins Zimmer trat. Ein lautes, angeregtes Gespräch konnte vollständig abebben, wenn er auf der Bildfläche erschien, und unter den Anwesenden machte sich eine verunsicherte, leicht nervöse Stimmung breit. Es gab immer welche, die sich mordsmäßig ins Zeug legten, um sich so zu geben wie sonst auch, aber sie waren ziemlich allein und fielen daher so sehr auf, dass ihr Bemühen fast immer verkrampft und peinlich wirkte und alles andere als heldenhaft, und entweder gaben sie bald auf und schwiegen, oder sie machten es wie die anderen: fingen an, über Dinge zu reden, die sie in Gegenwart eines Pfarrers für unverfänglich hielten. Sie gaben Trivialitäten von sich über Gott und die Welt, und sie trugen Ansichten vor, denen kein Mensch, der seine sieben Sinne beisammenhatte, widersprechen konnte. Und während du vor Scham rot anliefst, merkte Arvid deiner Einschätzung nach nichts von dem, was um ihn herum vor sich ging. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob du wirklich recht hattest. Ich habe Arvid als einen intelligenten und aufmerksamen Menschen in Erinnerung, und ich stelle mir vor, dass diese Situationen für ihn mindestens ebenso unangenehm und quälend waren wie für dich.

Die verunsicherte, leicht nervöse Stimmung, die aufkam, wenn Arvid einen Raum betrat, konnte ich im Übrigen auch bei euch zu Hause spüren. Euer Benehmen und eure Gespräche bekamen etwas leicht Steifes und Künstliches. Als wäre die vermeintliche Ruhe, die Arvid ausstrahlte, ein Ideal, nach dem die ganze Familie strebte, ja, nicht nur die Familie, auch die Freunde der Familie. Es kam mir vor, als bemühten sich die meisten in diesem christlichen Umfeld darum, möglichst gütig, freundlich und voller Nächstenliebe zu erscheinen, als müssten sie sich ständig und um jeden Preis daran erinnern, wie sehr sie einander lieb hatten. Wenn ich bei euch zu Hause war, hatte ich das Gefühl, dass man den anderen zwar widersprechen konnte, sich aber niemals streiten durfte, man durfte sogar verärgert und wütend sein, doch auf keinen Fall die Stimme erheben. Alle Stimmungsschwankungen waren, wenn möglich, zu dämpfen und zu glätten, nicht nur die Wellentäler, auch die Gipfel. Man durfte sich durchaus freuen, brauchte deswegen jedoch nicht gleich in Jubelschreie auszubrechen, ein Lächeln genügte. Und wenn sich jemand dennoch mitreißen ließ, schwiegen die anderen ein paar Sekunden lang demonstrativ, oder sie lächelten nachsichtig, um dann von etwas anderem zu reden.

Aber trotz oder vielmehr dank dieser unausgesprochenen Erwartung, sich jederzeit zu beherrschen, kam es zwischendurch zu heftigen Gefühlsausbrüchen. Einmal wurde ich Zeuge eines Wutanfalls, in dem ich etwas von der Berit aufblitzen sah, von der Mama mir erzählt hatte. Deine Mutter hatte gerade den Fußboden gewischt, und Arvid trampelte mit lehmverschmierten Stiefeln herein. Zu Recht wurde sie zornig, es war keine Bagatelle für sie, wenn jemand mit schmutzigen Stiefeln ins Haus kam, nachdem der Boden gerade geputzt worden war. Dort, wo deine und meine Mutter herkamen, hatte die Hausfrau ein Recht auf Anerkennung, wenn sie das Haus sauber hielt, und der Selbstrespekt stieg und fiel mit der Anerkennung des Ehepartners und der Nachbarn. Nachdem Mama gewischt hatte, räumte sie zum Beispiel nie Abzieher, Eimer und Putzlappen zurück in den Schrank, wo sie hingehörten, sie lehnte den Abzieher in der Diele an die Wand, stellte den Eimer daneben und hängte den feuchten Putzlappen darüber, und dort blieben sie stehen bis zum nächsten Tag, damit alle, die hereinkamen, daran erinnert wurden, den frischen Geruch der Schmierseife zu kommentieren oder Mama als pflichtbewusste, hart arbeitende Frau anzuerkennen. Die Schuhe nicht auszuziehen, wenn man ins Haus ging, war so gesehen eine schwere Beleidigung, man könnte genauso gut zu ihr sagen, sie sei als Mensch völlig unbedeutend.

Berits Wut, als Arvid mit schmutzigen Stiefeln ins Haus kam, stand dennoch in keinem Verhältnis zu dem Vergehen, dessen er sich schuldig gemacht hatte. »Du verdammtes Dreckschwein!«, schrie sie, und allein, dass jemand in eurem Haus in dieser Lautstärke sprach und diese Worte benutzte, ließ mich zusammenzucken und mit offenem Mund dasitzen. Noch beeindruckender für mich war, als sie alles, was auf der Küchenzeile stand, zu Boden fegte. Ihr Unterarm strich wie eine Sense über die Arbeitsplatte, Tassen und Teller, Gläser und Besteck gingen in einem ohrenbetäubenden Lärm zu Boden, und als ein entsetzter Arvid sich wieder so weit gefasst hatte, dass er sie fragen konnte, was um alles in der Welt in sie gefahren sei, zog sie mit hysterischem Grinsen die Schultern hoch: »Ich mache es genau wie du, ich sorge dafür, dass mir am Abend die Arbeit nicht ausgeht«, sagte sie und brach in Tränen aus.

Ich habe nie gehört und kann es mir auch nicht vorstellen, dass du ähnliche Ausbrüche hattest. In der Schule oder zusammen mit Freunden warst du, wie gesagt, der etwas schroffe, stille Typ, und zu Hause triebst du es noch weiter, hast dir ein hartes, fast gefühlskaltes Auftreten zugelegt, vor allem Arvid gegenüber. Du warst nicht direkt feindselig, es schien eher, als hättest du den Anspruch auf Beherrschung ins Extreme gesteigert, als hättest du beschlossen, überhaupt keine Gefühle zu zeigen, und oft bekam dein Benehmen dadurch etwas Mechanisches. Wenn Arvid dich beispielsweise um einen Gefallen bat, hast du ihn, ohne zu murren, erfüllt. Du hast kein Wort gesagt, ihn nicht einmal angesehen, du bist einfach aufgestanden, um zu tun, worum er dich gebeten hatte, und dann bist du zu dem zurückgekehrt, was du vorher gemacht hast. Als sei er dein Chef und nicht dein Stiefvater. Und wenn er versuchte, mit dir zu reden und ein Gespräch in Gang zu bringen, war deine Antwort oft einsilbig, deine Stimme gleichgültig und monoton. »Schön«, lautete die Antwort, wenn er dich fragte, wie unser Hüttenaufenthalt gewesen sei. Oder »Nein!«, wenn er fragte, ob wir einen Fisch gefangen hätten.

In solchen Situationen hatte ich oft Mitleid mit ihm. Er lächelte und tat so, als nähme er es sich nicht zu Herzen, aber ich konnte ganz klar sehen, dass es ihn schmerzte, wenn du so abweisend warst. Als ich dich auf einem unserer Spaziergänge damit konfrontierte, war deine Reaktion überraschend heftig, wie ich mich erinnere. Du könntest seine freundschaftliche Art und die grenzenlose Geduld, die er dir entgegenbrachte, nicht ertragen, sagtest du, du würdest die Liebe, die er damit zum Ausdruck bringen wollte, nicht für echt halten und hättest keine Ahnung, wie du dich dagegen wehren solltest. Dir tat er manchmal auch leid, mitunter hattest du ein schlechtes Gewissen, wenn er dir mit so viel Güte begegnete, und du fühltest dich unter Druck gesetzt, ihm gegenüber ebenso gütig zu sein. Aber dazu hattest du keine Lust, nicht weil du immer noch eifersüchtig auf ihn warst wie damals als Kind, als er deine Mutter heiratete, sondern weil es dir das Gefühl gab, dich selbst zu verlieren und so zu werden, wie er dich gerne haben wollte. Du warst der Ansicht, dass er dich ganz bewusst zu formen versuchte. Das habe er von Anfang an versucht, sagtest du, er habe lediglich die Taktik geändert und gehe raffinierter vor. Als du noch kleiner warst, hat er aus der Bibel vorgelesen oder Geschichten erzählt, er hatte »Den Glücksschmied« für dich abonniert, dich mit in die Kirche genommen und in die Sonntagsschule gesteckt, dir mit dem Teufel und ewigen Qualen in der Hölle Angst eingejagt, wenn ihr am Abend zusammen gebetet habt. Er hatte alles in seiner Macht Stehende getan, um dich auf den Weg zu führen, den er für den rechten hielt, aber es hatte nichts genützt, und jetzt verlegte er sich ganz bewusst darauf, sich stattdessen als Vorbild zu gerieren und bei dir einzuschmeicheln. Er sei freundlich und liebevoll, weil er darin die einzige Chance sehe, dich für sich zu gewinnen, sagtest du, nicht er allein, sondern das ganze christliche Umfeld, zu dem deine Familie gehörte, engagierte sich in diesem Bekehrungsprojekt, man betete für dich, redete Berit zu, sich stärker dafür einzusetzen, dass du dich der christlichen Jugendgemeinde anschließt (vor allem dem Chor, da du gut singen konntest), und sie kannten keine Scham, wenn es darum ging, das Christsein schönzureden.

Obwohl ich fand, dass du Arvid Unrecht tatst, wenn du so abweisend warst, imponierte mir die Stärke, mit der du ihm und seinen christlichen Freunden standgehalten hast. Deine Mutter hatten sie »gezähmt«, wie Mama es ausdrückte. Zwar rauchte sie heimlich (ich erinnere mich an aufgequollene Kippen, die in der Toilette schwammen, und den Rauchgeruch, den sie mit Hilfe von Pfefferminz- oder Mentholkaugummi zu verbergen suchte), und du hattest den Verdacht, dass sie etwas von ihrem früheren Ich zeigte, wenn sie, was selten geschah, ihre ehemaligen Freundinnen auf Otterøya besuchte, alle waren sich jedoch sicher, dass sie ihren Lebensstil verändert und Jesus in ihr Herz eingelassen hatte. Eine Zeitlang war sie sogar zu Versammlungen bei Arvids Tante mitgekommen, aber das schien ihr dann doch zu viel des Guten. Sie legte keinen gesteigerten Wert darauf, stundenlang an einer Stickerei zu sitzen, die als Preis für den nächsten Basar gedacht war, und dabei Kaffee zu trinken, Waffeln mit karamellisiertem Ziegenkäse zu essen und Frauen zuzuhören, die zwanzig oder dreißig Jahre älter waren und sich vor Lachen kringelten und für verwegen hielten, sobald sie das Wort »Furz« in den Mund nahmen, wie sie behauptete.

Doch wie sehr Arvid und die anderen sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht, dich zu »zähmen«. Ganz im Gegenteil, je mehr sie sich bemühten, umso mehr hast du dich von ihnen abgewendet, und in einer Phase, in der sie besonders eifrig waren, hast du Arvid und seine Leute nur mit hasserfüllten Ausdrücken bedacht. Du hast versucht, dir einen ironischen und leicht gleichgültigen Ton zuzulegen, aber hinter dem Grinsen und dem Lachen verbargen sich Wut, Frust und Trauer, und viele lange Abende hast du bei uns verbracht, weil du erst nach Hause gehen wolltest, wenn du sicher sein konntest, dass Arvid zu Bett gegangen war. Wir sprachen nie darüber, dass es manchmal elf, zwölf oder halb eins wurde, bis du mit einem Gähnen meintest, morgen müsstest du für die Schule früh raus, doch ich hatte begriffen, und du wusstest, dass ich begriffen hatte, und ich konnte dir ansehen, wie dankbar du warst, dass ich zu dir hielt, ohne Fragen zu stellen. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, und ich wusste, dass du dasselbe für mich tun würdest, wenn ich jemanden brauchte, der mich unterstützte.

Namsos, 5. Juli 2006. Heim zu Mama.

Lege die Hand auf die Türklinke und drücke sie herunter, versuche die Tür zu mir heranzuziehen, aber sie lässt sich nicht heranziehen, sie ist verschlossen, früher hat sie nie das Haus abgeschlossen, das ist neu, damit hat sie angefangen, weil sich so viele Kanaken auf der Straße herumtreiben, seit es die Asylantenwohnheime gibt. Sie traue sich nicht mehr, die Tür unverschlossen zu lassen, sagt sie. Ich strecke die Hand aus und drücke auf den Klingelknopf, einmal und noch einmal. Stecke die Hände in die Hosentaschen und versuche, lässig auszusehen. Ziehe sie wieder heraus, greife mit beiden Händen nach hinten und umfasse das Treppengeländer, drücke mich langsam hoch und setze mich darauf, betrachte das gelb gesprenkelte Glas in der Haustür, warte einen Moment, aber nichts passiert, darum lasse ich mich wieder herunter. Ziehe los, um den Schlüssel zu holen und die Tür aufzusperren, der Reserveschlüssel hängt sicher dort, wo er immer gehangen hat. Ich gehe zum Schuppen, löse den Haken und öffne die Tür, sofort ertönt ein Knarren, lang und klagend. Sollte wohl die Türangeln ölen, solange ich hier bin, so wie das quietscht.

»Nein, so was«, höre ich Mama plötzlich sagen, »du bist’s?«

Drehe mich um und schaue sie an. Sie steht in der Haustür, sieht ziemlich müde aus. Komisch, wie alt sie in letzter Zeit geworden ist, sie steht da und lächelt mich zaghaft an.

»Du bist also daheim?«, sage ich.

»Natürlich bin ich daheim.«

»Es hat so lange gedauert, bis du aufgemacht hast, dass ich angenommen habe, du wärst unterwegs«, sage ich und schließe hinter mir die Tür zum Schuppen.

Und schon lacht sie ihr trauriges Lachen.

»Wohin sollte ich unterwegs sein?«, fragt sie, lächelt mich traurig an, will mir quasi bedeuten, wie selten sie das Haus verlässt, wie einsam sie ist. Ich bin noch nicht richtig da, schon fängt sie damit an.

»Woher soll ich das wissen, du könntest ja ein ausschweifendes Leben führen, keine Ahnung«, sage ich, versuche, mit einem Scherz darüber hinwegzugehen.

»Denkst du das wirklich?«, fragt sie, lacht wieder dieses traurige Lachen. »Nein, ich bin nicht mehr so oft unterwegs.«

Sehe sie an, sage nichts. Immer muss sie damit anfangen, ich bin noch keine halbe Minute da, schon geht es los, verdammt anstrengend ist das, aber ich lächele immer noch, gehe lächelnd auf sie zu, muss ihr Gejammer einfach überhören, es bringt nichts, wenn ich was sage. Ich lege eine Hand auf ihre Schulter und nehme sie in den Arm. Der Zigarettengeruch weht mir ins Gesicht, und ich spüre, wie ihr Jochbein sanft gegen meines stößt, ein hartes Jochbein. Sie legt vorsichtig eine Hand auf meinen Oberarm, berührt mich kaum, lässt mich fast sofort wieder los, lehnt sich gegen die Tür und streckt den Arm aus, bittet mich hinein.

»Bitte schön, komm rein!«, sagt sie.

»Danke«, sage ich, betrete den stickig heißen Flur. Eine Fliege schwirrt am Fenster herum, stößt hin und wieder gegen die kleine Scheibe.

»Das ist ja eine schöne Überraschung«, sagt sie.

»Ja, nicht wahr.« Ich sehe sie an und lächele, bücke mich und ziehe die Schuhe aus.

»Ich trinke gerade Kaffee auf der Veranda«, sagt sie, zeigt mit einer Hand auf die Verandatür und schließt mit der anderen die Tür zum Flur. »Geh schon mal raus und setz dich, ich hol dir eine Tasse!«

»Ah, das klingt gut, ich habe richtig Lust auf Kaffee«, sage ich, versuche fröhlich zu klingen, positiv, versuche irgendwie, ihre Stimmung zu heben.

Ich gehe in die Stube, langsam, die Hände in den Hosentaschen. Das Sonnenlicht fällt schräg durch das Fenster, und eine grauglänzende Zigarettenwolke hängt über dem Wohnzimmertisch. Ich gehe auf die Veranda, setze mich auf einen der Stühle und betrachte den Garten. Die Beete sind ziemlich zugewachsen, das Gras ist hoch. Sollte anschließend vielleicht den Rasen mähen, ihr etwas helfen. Und schon kommt Mama auf die Veranda, eine Bohle knarrt leise, als sie darauf tritt.

»Ja, ja«, sagt sie, und ihre Stimme klingt plötzlich aufgesetzt munter, so als wollte sie etwas verbergen, sie wirft mir einen nervösen Blick zu und lächelt. »Du hast es ja wenigstens probiert!«, sagt sie und stellt die Kaffeetasse vor mich hin.

Ich sehe sie an, verstehe nicht ganz, was sie damit sagen will.

»Und man muss im Leben ja auch mal scheitern!«, sagt sie, sagt es mit dieser aufgesetzt munteren, dieser gespielt fröhlichen Stimme. Und dann begreife ich plötzlich, was sie meint, sie scheint zu glauben, dass ich die Musik aufgegeben habe und dass ich deswegen hier bin und nicht auf Tournee, sie tut so, als sei für sie klar, dass ich die Musik an den Nagel gehängt habe, und sie gibt sich erleichtert, erfreut, damit ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich ihr erzähle, dass ich doch nicht aufgehört habe. Habe zwar die Band von Lars und Anders verlassen, aber davon kann sie nichts wissen, sie schauspielert nur, außerdem habe ich die Musik nicht aufgegeben, will auf alle Fälle damit weitermachen.

»So so«, sagt sie.

»Mama!«, sage ich, versuche nachsichtig zu lächeln.

Sie tut so, als würde sie mich nicht hören.

»Wenn es denn so ist!«, meint sie, weicht meinem Blick aus, lächelt zaghaft.

»Mama!«, sage ich etwas lauter. »Ein paar Auftritte wurden abgeblasen, darum haben wir ein paar Tage frei, deshalb bin ich hier«, sage ich, behaupte es einfach, bringe es nicht über mich, ihr zu erzählen, dass ich in der Band aufgehört habe, das bestärkt sie nur noch mehr in ihrem Glauben, es sei falsch, auf die Musik zu setzen.

Einen Moment ist es still.

»Schenk dir am besten selbst ein!«, sagt sie, überhört, was ich sage, sieht mich nicht an, beugt sich nur vor, nimmt die Kaffeekanne in die Hand und stellt sie vor mich auf den Tisch, lächelt vorsichtig. »Ich verschütte ständig alles«, sagt sie, versucht zu lachen. »Ich nehme neue Tabletten, seitdem zittert meine Hand ganz schrecklich.«

Ich sehe zu Boden und unterdrücke ein Seufzen, schaue wieder auf, will gerade wiederholen, dass ich nichts hingeschmissen habe, lasse es aber bleiben, es ist sinnlos, ich reiße mich zusammen und sehe sie wieder an.

»Hast du dem Arzt davon erzählt?«, frage ich, nehme die Kaffeekanne in die Hand und schenke uns beiden ein, kräftigen schwarzen Kaffee, frisch aufgebrüht. Ich sehe sie an, ihr trauriges Gesicht mit dem aufgesetzt tapferen Lächeln, merke, wie der Ärger in mir wächst.

»Nee!«, sagt sie, und jetzt klingt sie fast verärgert, zieht den einen Mundwinkel leicht hoch und wackelt mit dem Kopf, sieht plötzlich auch verärgert aus.

»Das musst du unbedingt tun!«, sage ich.

»Ach was! Warum sollte ich? Jede Tablette hat Nebenwirkungen, egal was ich nehme.«

Einen Moment ist es still. Dann sieht es so aus, als würde ihr plötzlich bewusst, dass sie zu weit gegangen ist, sie holt tief Luft und beugt sich über den Tisch.

»Stimmt schon«, sagt sie schnell, nervös, versucht, sich wieder zu fangen, versucht zu lächeln. »Ich sollte mit dem Arzt sprechen.«

»Unbedingt, so kann es ja nicht weitergehen«, sage ich, versuche, meinen Ärger zu unterdrücken und ihr etwas entgegenzukommen, versuche, ihr etwas von dem Mitleid zu geben, das sie gern haben will, ihre Stimmung zu bessern, indem ich mitspiele, mit ihr über Krankheiten rede.

»Ja, ja, mal sehen«, sagt sie und starrt auf den Tisch.

»Du leidest doch schon genug«, sage ich, »dann solltest du dich nicht auch noch damit quälen müssen.« Ich weiß, dass sie das gerne hört. Sehe sie an, sehe, wie ihr Gesicht aufleuchtet, sie wackelt mit dem Kopf, lächelt ihr tapferes Lächeln.

»Ich lebe ja noch«, sagt sie.

»Zum Glück«, sage ich und lache.

Sie verzieht den Mund zu einem Lächeln, einem anderen Lächeln, das hört sie gern, ihr Lächeln ist jetzt ehrlicher. Ich muss jetzt einfach weitermachen, muss irgendetwas sagen, was sie gern hört, egal was, muss irgendetwas sagen, was ihre Stimmung hebt, ich ertrage es nicht, zusammen mit ihr in dieser Schwermut zu verharren, das halte ich nicht aus, jedenfalls nicht jetzt. Ich sehe sie an, will gerade fragen, ob es in letzter Zeit besonders schwer für sie war, da klingelt das Telefon. Sie stützt die Hände auf die Armlehnen und steht langsam auf. Auf halber Höhe verzieht sich ihr Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse, und sie fasst sich rasch an den Rücken, bleibt eine knappe Sekunde mit geschlossenen Augen stehen, bevor sie losgeht, die ersten Schritte sind steif und langsam, dann werden sie leichter, geschmeidiger. Ich schaue ihr hinterher, betrachte die schmalen Schultern und den vor Erschöpfung schiefen, leicht gebeugten Rücken. Ich bekomme unweigerlich ein schlechtes Gewissen, hier sitzt sie tagein, tagaus mutterseelenallein in dem großen Haus mit Schmerzen am ganzen Körper, es ist wirklich nicht verwunderlich, dass sie ein bisschen klagen möchte, dass sie sich ein bisschen erleichtern muss, wenn schon mal jemand vorbeikommt, dafür sollte ich etwas Nachsicht zeigen, sie hat im Laufe meines Lebens mehr für mich geopfert, als man von einem Menschen verlangen kann, und das Mindeste, was ich für sie tun kann, ist, ihr Selbstmitleid zu ertragen und ihr zuzuhören, ohne ärgerlich oder genervt zu reagieren. Ich nehme die Kaffeetasse in die Hand und trinke einen kleinen Schluck. Stelle sie wieder ab. Sitze da und betrachte den Garten, er ist völlig verwildert, in den Beeten wurde wohl lange kein Unkraut mehr gejätet, und die Hecke sieht aus wie eine Wildnis, sie ist riesig und ungleichmäßig, ist auch schon in den Rasen hineingewachsen, fiese Pflänzchen, die hier und da herausschauen. Nach einer Weile kommt Mama zurück, hat den Tabakbeutel in der einen Hand und das Feuerzeug in der anderen, sieht mich an und lächelt. Und ich lächele zurück.

»Das war Eskil«, sagt sie, setzt sich hin. »Er kommt zu Besuch!«

Ich antworte nicht sofort, beobachte sie. Sie steckt die Hand in den Tabaksbeutel, nimmt eine Prise Tabak heraus und verteilt sie auf dem Zigarettenpapier.

»Aha«, sage ich, nehme die Kaffeetasse in die Hand und setze sie an die Lippen, habe keine Lust, Eskil zu begegnen, versuche jedoch, mir nichts anmerken zu lassen, schlürfe etwas Kaffee, räuspere mich. »Wann denn?«, frage ich.

»Er ist schon unterwegs, aber er muss noch was erledigen, er kommt vermutlich irgendwann am Nachmittag«, sagt Mama zufrieden, während sie das Papier anfeuchtet, dann steckt sie die Zigarette in den Mund.

Sehe sie an und nicke, spüre, wie meine gute Stimmung verfliegt.

»Nur Eskil?«, frage ich.

»Was?«

»Kommt er allein oder ist Hilde dabei?«

Mama sieht mich verwundert an.

»Das weiß ich nicht«, sagt sie, schlägt ein Bein über das andere, zündet die Zigarette an und zieht daran. »Danach habe ich ihn nicht gefragt, aber … sie kommt bestimmt mit, bestimmt.« Sie wartet einen Moment, dann sieht sie mich plötzlich an und lächelt. »Sie hat ja so viel zu tun, weißt du. Ich weiß nicht, wann ich sie zuletzt gesehen habe, aber es ist jedenfalls lange her.«

»Mhm! Und wie lange ist es her, seit du Eskil zuletzt gesehen hast?«, frage ich, weiß, dass ich das nicht sagen sollte, sie tut mir leid, weil Eskil fast nie zu Besuch kommt, aber ich kann nicht anders. Sie sieht mir direkt in die Augen, eine Zehntelsekunde nur, dann lächelt sie schnell.

»Tja«, sagt sie. »Aber Eskil hat ja die Politik, weißt du. Neben dem Job. Das ist was ganz anderes.«

»Du hast ihn bestimmt nicht öfter gesehen, bevor er in den Gemeinderat gewählt wurde, oder?«, sage ich, kann es nicht lassen, es rutscht mir einfach heraus.

Mama lächelt nach wie vor, zieht erneut an ihrer Zigarette.

»Ach ja, reden wir über was anderes«, sagt sie und bläst den Rauch durch die Nase, ich höre das leise Geräusch, das dabei entsteht.

»Tja«, sage ich nur. Die gute Stimmung ist verflogen, und ich merke plötzlich, wie missgelaunt ich bin.

Wir greifen gleichzeitig nach den Kaffeetassen, trinken einen Schluck und stellen sie wieder ab, ein leises Klirren, dann ist es still.

»Neulich habe ich übrigens Wenche getroffen«, sagt Mama.

Sehe sie an, antworte nicht sofort. Jetzt kommt sie mir wieder mit Wenche, lässt einfach nicht locker, darauf habe ich keine Lust mehr.

»Aha«, sage ich bloß, bringe es nicht über mich zu fragen, wie es ihr geht, kann nicht mit Mama über Wenche sprechen.

Kurze Pause.

»Ihr geht es gut«, erzählt sie, zieht an der Zigarette.

»So«, sage ich kurz.

Pause.

»Ich glaube, wir haben uns eine halbe Stunde lang unterhalten, mindestens!«, fährt Mama fort. »Es war sehr nett«, sagt sie, wartet kurz. »Sie hat übrigens nach dir gefragt.«

Sehe sie an, spüre die Wut in mir hochsteigen. Ich mache den Mund auf und will gerade etwas Böses von mir geben, kann mich aber beherrschen, blicke auf den Tisch und warte eine Sekunde. Schaue wieder zu ihr auf.

»Du kannst machen, was du willst, Mama«, sage ich, versuche, ganz ruhig zu sprechen, ringe mir eine Art Lächeln ab. »Aber Wenche und ich werden nicht wieder zusammenkommen.«

»Aber … davon war doch gar nicht die Rede, Jon«, sagt sie, sagt es mit verblüffter, leicht gekränkter Stimme, mimt die Unschuldige, weiß genau, dass sie versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen, weil ich Wenche verlassen, den Job hingeschmissen und alles auf die Band gesetzt habe, doch sie tut ganz arglos, sieht mich mit traurigen Augen an.

»Okay«, sage ich kurz und knapp. »Gut.«

Sie schaut zu Boden, seufzt und schüttelt fast unmerklich den Kopf, sitzt da mit übergeschlagenen Beinen und der qualmenden Selbstgedrehten in der Hand, sieht traurig aus.

»Alles, was ich sage, ist falsch. Ich kann machen, was ich will!«

Stille. Ich weiß, dass sie das sagt, damit ich sage, dass es nicht stimmt, aber das tue ich nicht.

»Ich will doch nur …« Sie seufzt und starrt auf den Tisch, schüttelt leise den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht«, murmelt sie, zieht erneut an ihrer Zigarette.

Stille.

Sehe sie an, ihre schmalen Schultern, den schiefen ausgezehrten Körper, von jahrelanger Schufterei und Krankheit gezeichnet. Sie ist noch gar nicht so alt, sieht aber alt aus, mit den Kräften am Ende. Einen Moment ist es still, dann spüre ich, wie ich ein schlechtes Gewissen bekomme, obwohl ich keins haben will, doch ich kann nichts dagegen machen. Ich schaue zur Seite. Hole tief Luft und stoße sie lautlos wieder aus, seufze, ohne ein Geräusch von mir zu geben. Ich muss versuchen, mich nicht von ihrem Selbstmitleid herunterziehen zu lassen, die Wut hinunterzuschlucken und ihr den Trost zu geben, den sie haben möchte, so erwachsen sollte ich sein. Einen Moment ist es still. Ich mache den Mund auf und will mich gerade entschuldigen, lasse es aber bleiben, bringe es nicht über mich, kann nicht zulassen, dass sie weiter auf mir herumreitet, es ist nicht richtig, verdammt noch mal, das habe ich mir schon tausend Mal gesagt. Ich muss mich verdammt noch mal zusammenreißen und darf jetzt nicht nachgeben.

Stille.

»Ich dachte, ich könnte vielleicht den Rasen mähen«, sage ich unvermittelt.

Sie sagt nichts, nickt nur, sieht aus wie ein verletztes Tier.

»Hast du Benzin für den Rasenmäher?«, frage ich.

»Der Kanister steht im Schuppen«, sagt sie, sieht mich nicht einmal an.

Merke, wie mein schlechtes Gewissen zunimmt, spüre die Wut und das schlechte Gewissen zugleich, weiß nicht recht, was ich sagen soll.

Stille.

»Tja«, sage ich, stütze mich mit den Händen auf den Armlehnen ab. »Ich kann es genauso gut gleich machen, dann habe ich es hinter mir.«

»Ja«, sagt sie nur und drückt die Zigarette im Aschenbecher aus.

Nach dem Mähen trieft mein Rücken vor Schweiß, und es juckt, ich winde mich ein wenig, reibe mich an der Decke, dann schließe ich die Augen und bleibe ganz still liegen, spüre, wie die Sonne auf dem Körper brennt, rieche den süßlichen Duft von frischgemähtem Gras. Nach einer Weile höre ich plötzlich Autoreifen auf dem Kies. Ich setze mich auf, rühre mich nicht, lausche. Eskil kommt, er wollte doch erst am Nachmittag da sein, aber das muss er sein, ich erkenne das Motorengeräusch, es ist sein großer SUV. Es dauert keine Sekunde, dann werde ich plötzlich von einem mächtigen Widerwillen übermannt, werde gewissermaßen von Panik ergriffen, und ich stehe auf, bücke mich, nehme die Decke in die Hand, ganz automatisch. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, Eskil zu begrüßen, und ich gehe zu den Beerensträuchern, schnell, bevor er um die Ecke biegt und mich sieht. Ich lege die Decke auf den Grasfleck hinter dem größten Johannisbeerstrauch, dann lege ich mich hin, in den Schutz der Beerensträucher, total bescheuert eigentlich, ich verstecke mich, das ist fast schon krank, aber es nützt nichts, ich will ihn jetzt nicht sehen, will das Aufeinandertreffen so lange wie möglich hinauszögern. Kurz darauf höre ich das leise Knistern eines Motors, der gerade ausgeschaltet wurde, höre eine Autotür, die geöffnet wird, das leise Klicken. Und noch eine Autotür. Demnach ist Hilde also dabei, murmele ich vor mich hin, das ist nicht schlecht, er hält sich normalerweise etwas zurück, wenn sie dabei ist.

Stille.

»Aber jetzt sind wir zu Besuch!«, höre ich Eskil plötzlich sagen, mit schroffer, aber gedämpfter Stimme.

Keine Antwort.

»Okay?«

Immer noch keine Antwort.

»Verdammt noch mal!«, flucht er.

Ich liege ganz still da, lausche, höre Schuhe auf dem Asphalt. Dann wird eine Autotür zugeschlagen.

»Jetzt reiß dich zusammen!«, zischt Eskil leise.

Ich merke, wie sich mein Mund zu einem Lächeln verzieht, kann die Freude nicht unterdrücken, es ist also doch nicht alles so rosarot und harmonisch, wie Eskil es gerne darstellt, und ich empfinde plötzlich große Schadenfreude. Vorsichtig drehe ich mich auf die Seite, strecke die Hand aus und drücke ein paar Zweige des Johannisbeerstrauchs zur Seite, schaue hindurch. Sie biegen gerade bei der Garage um die Ecke, Eskil zuerst, Hilde direkt dahinter, ihre Gesichter sind angespannt, alle beide. Und dann dreht sich Eskil plötzlich mit erhobenem Zeigefinger um. Er sagt etwas, was ich nicht hören kann, ich sehe nur, dass er wütend ist, er zischt ihr leise etwas zu, und Hilde steht da und sieht ihm geradewegs in die Augen, sagt nichts, aber auch sie sieht wütend aus, entschlossen.

Und dann geht plötzlich die Haustür auf, und Mama erscheint auf der Treppe.

»Nein, da seid ihr ja«, sagt sie, wischt sich die Hände an der weißblau karierten Schürze trocken, streckt sie aus und geht die Treppe hinunter auf Eskil zu. Und Eskil setzt die Sonnenbrille ab, breitet ebenfalls die Arme aus, steht da und lächelt sie mit ausgebreiteten Armen an. Sie umarmen sich, wiegen sich hin und her, lange. Sieht total krank aus, als hätten sie sich seit einem Jahr nicht gesehen, Eskil kommt zwar nur selten zu Besuch, aber trotzdem, das hier ist furchtbar übertrieben, lächerlich. Und dann legt Mama ihm die Hände auf die Oberarme und schiebt ihn ein wenig von sich weg, steht da und mustert ihn.

»Bist du dünner geworden?«, fragt sie, mit gespielter Angst in der Stimme, freut sich aber ganz offensichtlich.

»Aber Mama«, sagt Eskil und lacht.

»Ja, doch, du bist dünner geworden«, sagt Mama.

»Nein, nein«, lacht Eskil.

»Du nimmst dir doch hoffentlich die Zeit, ordentlich zu essen?«

»Also, Mama!« Eskil lacht erneut.

»Das tust du doch, oder?«, fragt Mama.

»Ja klar!«

Ich betrachte die beiden, versuche zu grinsen, kriege es jedoch nicht so ganz hin, das Grinsen fällt böse und höhnisch aus. Ich schaue zu Hilde, sie steht im Hintergrund, versucht, zu lächeln und sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kann sehen, dass sie es ebenfalls albern findet, wie sich die beiden aufführen, dass sie die Szene peinlich findet. Nach einer Weile geht Mama auf Hilde zu und nimmt sie in den Arm.

»Wie schön, dass du mitgekommen bist«, sagt sie.

»Ja«, sagt Hilde, ringt sich ein Lächeln ab.

Mama dreht sich um, geht wie zufällig zurück zu Eskil, hakt ihn unter, lächelt, während sie etwas sagt, was ich nicht höre, und Eskil zieht die Augenbrauen hoch und lächelt, tut glücklich und überrascht, ich höre nicht, was er sagt, aber er sagt wohl etwas in der Art von, dass er sich freut, und dann laufen sie los, gehen Arm in Arm ins Haus, lächelnd, und Hilde folgt ihnen. Ich drehe mich wieder auf den Rücken, merke, wie ich sauer werde, wie die Stimmung kippt, ich hätte nicht hierherkommen sollen, konnte ja nicht wissen, dass Eskil zu Hause auftaucht, aber trotzdem, es war bescheuert, nicht woanders hinzufahren, egal wohin, nur nicht hierher. Ich schließe die Augen, hole tief Luft und stoße sie in einem langen Seufzer aus, versuche, mich wieder zu beruhigen, es wird schon irgendwie gehen, muss ja nicht länger bleiben als nötig, kann noch zu Mittag essen und Kaffee trinken und dann wegfahren, irgendeine Verabredung vortäuschen und abhauen, brauche ja nicht über Nacht zu bleiben. Ich schlucke, merke, wie ich bei diesem Gedanken etwas ruhiger werde, entspanne mich etwas mehr. Ich lege die Hände unter den Kopf und schließe die Augen. Es ist ganz still, kein Laut zu hören.

»Hier versteckst du dich also?«, höre ich plötzlich jemanden sagen.

Schlage die Augen auf und sehe genau in Eskils Gesicht. Er steht über mir, grinst mit einer gefakten Ray-Ban-Sonnenbrille in der Stirn. Sein Gesicht ist sonnengebräunt, die weißen Zähne sehen noch weißer aus als sonst, leuchten mir entgegen. Ich sage nicht sofort etwas, versuche, überrascht auszusehen.

»Seid ihr schon da?«, frage ich.

Er wartet einen Moment, zeigt mir ganz deutlich, dass er mich durchschaut, wenn ich versuche, ihm auszuweichen, ist taktlos wie immer. Spüre die Verärgerung, zeige sie aber nicht, versuche zu lächeln.

»Du hast das Auto also nicht gehört?«, fragt er grinsend.

»Ich bin etwas weggedöst«, sage ich.

»Ach so!«, sagt er.