Ketzer - Catherine Nixey - E-Book

Ketzer E-Book

Catherine Nixey

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Beschreibung

Es hätte alles auch ganz anders kommen können: Die vielen unterschiedlichen Geschichten von Jesus, die in den frühen christlichen Traditionen gediehen - und wie die »wahre« überlebte

Im Gegensatz zu den heutigen Lehren der Kirche herrschte in den ersten Jahrhunderten des Christentums kein Konsens darüber, wer Jesus war. Stattdessen existierten zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen von ihm. Jesus hatte viele Brüder: Einer reiste nach Indien, ein anderer verkehrte mit Drachen, wieder ein anderer war ein Zwilling von Jesus. Ein besonders furchterregender Jesus verachtete seine Eltern und tötete alle, die sich ihm widersetzten. Darüber hinaus gab es viele weitere Erlöser, zahlreiche Söhne von Göttern, die Lahme kurierten und Kranke heilten. Doch mit der Ausbreitung des Christentums wurden sie als inakzeptabel, ja sogar als ketzerisch eingestuft und verschwanden allmählich aus dem Blickfeld.

Das neue Buch der Bestsellerautorin Catherine Nixey beleuchtet eine vergessene Welt – und ist ein absolutes Lesevergnügen.

  • Ein außergewöhnlicher und faszinierender Blick auf das frühe Christentum und die vielen unterschiedlichen Geschichten von Gottessöhnen
  • »Mit Stil, Witz und Gelehrsamkeit zeigt Nixey, dass alles ganz anders hätte sein können, ›wenn die Geschichte ein wenig gekippt wäre‹. [Ketzer] beleuchtet eine vergessene Welt - und ist ein absolutes Lesevergnügen.« (The Sunday Telegraph)

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Seitenzahl: 545

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Im Gegensatz zu den heutigen Lehren der Kirche herrschte in den ersten Jahrhunderten des Christentums kein Konsens darüber, wer Jesus war. Stattdessen existierten zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen von ihm. Jesus hatte viele Brüder: Einer reiste nach Indien, ein anderer verkehrte mit Drachen, wieder ein anderer war ein Zwilling von Jesus. Ein besonders furchterregender Jesus verachtete seine Eltern und tötete alle, die sich ihm widersetzten. Darüber hinaus gab es viele weitere Erlöser, zahlreiche Söhne von Göttern, die Lahme kurierten und Kranke heilten. Doch mit der Ausbreitung des Christentums wurden sie als inakzeptabel, ja sogar als ketzerisch eingestuft und verschwanden allmählich aus dem Blickfeld. Das neue Buch der Bestsellerautorin Catherine Nixey beleuchtet eine vergessene Welt – und ist ein absolutes Lesevergnügen.

Zur Autorin

Catherine Nixey hat an der Cambridge University Klassische Philologie studiert und mehrere Jahre lang Geschichte unterrichtet, bevor sie in London Journalistin wurde. Sie entstammt einem aufgeklärten, katholisch geprägten Elternhaus. Ihr erstes Buch, Heiliger Zorn, ist ein internationaler Bestseller und wurde bei seinem Erscheinen in England mehrfach zum »Book of the Year« gewählt sowie mit dem Royal Society of Literature Jerwood Award ausgezeichnet. Die New York Times zählte Heiliger Zorn zu den bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2018. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London.

www.dva.de

Catherine Nixey

KETZER

Jesus Christus und die anderen Söhne Gottes

Eine neue Geschichte des frühen Christentums

Aus dem Englischen

von Cornelius Hartz

Deutsche Verlags-Anstalt

Die Originalausgabe erschien 2024

unter dem Titel Heretic bei Macmillan, London.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

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Copyright © der Originalausgabe 2024 by Catherine Nixey

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026

by Deutsche Verlags-Anstalt, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Gerhard Seidl, Mettenheim

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München,

nach einer Vorlage von Richard Ljoenes

Umschlagabbildungen: © Camilo Vergara; © Christie’s Images/Bridgeman Images; © Manchester Art Gallery/Bridgeman Images; © Bridgeman Images;

from the Library of Congress

Satz: KCFGF–Medienagentur, Neuss

ISBN 9783641273897

www.dva.de

Für P. J. J. N.,

der mich immer zum Lachen bringt

Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und rührte den Sarg an; und die Träger standen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter.

Lukas 7:13–15, Lutherbibel 1912

Als nun Apollonios dem Trauerzug begegnete, sagte er: »Legt die Bahre nieder! Ich will euren Tränen über das Mädchen ein Ende machen.« Zugleich fragte er nach dem Namen des Mädchens. Die Menge glaubte nun, er werde eine Trauerrede halten, wie sie so üblich sind bei solchen Anlässen, um den Jammer zu beschwören. Er jedoch berührte nur die Tote, sprach einige unverständliche Worte und erweckte so das Mädchen aus dem Scheintode. Dieses begann wieder zu sprechen und kehrte ins Elternhaus zurück.

Philostratos, Das Leben des Apollonios von Tyana, 4.45, Übers. Vroni Mumprecht

Wahrscheinlich würde sich eine Krabbe empören, könnte sie hören, wie wir sie ohne großes Aufheben oder Rechtfertigung als wertloses Krustentier klassifizieren. »Ich bin nichts dergleichen«, würde sie sagen. »Ich bin ICH, ICH allein.«

William James, The Varieties of Religious Experience (1902)

Inhalt

Prolog

Einführung

Anmerkung der Autorin

1 Antichrist

2 Wenn Blinde sehen und Lahme gehen

3 Die Lügen der Magier

4 Schlangenblut und Affenauge

5 Ein Produkt des Irrsinns

6 Was würde Jesus tun?

7 Die wiederauferstandene Sardine

8 Früchte vom Misthaufen

9 Hinaus in die Welt!

10 Im Garten Eden

11 Die Geburtsstunde der Ketzerei

12 Gesetz ist Gesetz

13 Die Ketzer kommen!

14 Wer lacht, werde gerichtet!

15 Alternative Anfänge und Apokalypsen

16 Die Entzauberung des Regenbogens

17 Augustinus und die Spinne

18 Tod den Feinden des Glaubens!

19 Keine Erinnerung soll bleiben

Epilog

Dank

Anmerkungen

Literatur

Bildnachweis

Prolog

»Christian children all must be / Mild, obedient, good as He.«

»Once in Royal David’s City«, Kirchenlied aus dem 19. Jahrhundert

»Er tötet unsere Kinder.«

Ein Elternteil beschwert sich über das Verhalten Jesu, Protoevangelium des Thomas, ca. 2. Jahrhundert n. Chr.

Schon als Jesus ein kleiner Junge war, fiel den Dorfbewohnern auf, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Vielleicht lag es daran, dass die Art und Weise, wie er mit den Erwachsenen sprach, ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das an Arroganz grenzte. Vielleicht lag es daran, wie seine Eltern mit ihm umgingen – Maria und Josef schienen einen solchen Respekt vor dem Knaben zu haben, dass man den Eindruck haben konnte, sie hätten Angst vor ihm.

Vielleicht lag es auch daran, dass er Menschen tötete.

Dabei hatte alles so nett und harmlos angefangen mit Jesus und seinen Wundern. Sein allererstes Wunder, von dem man von Alexandria bis Arabien noch jahrhundertelang reden sollte, war sogar ganz bezaubernd. Als Jesus fünf Jahre alt war, spielte er an einem Sabbat mit anderen Kindern aus seinem Dorf an einer Bachfurt. Wie es Kinder nun einmal gerne tun, grub er Dämme und leitete das Wasser des Bachs in Mulden am Ufer, wo es wieder klar wurde.

Doch wenn man genau hinsah, verhielt sich das Wasser reichlich seltsam. Wie es da so lief und floss, schien es nicht den Naturgesetzen zu gehorchen, sondern den Befehlen des Knaben: Ein Wort von ihm reichte, und das Wasser änderte seinen Lauf. Als Jesus dieses Spiels überdrüssig war, dachte er sich etwas Neues aus. Vom schlammigen Ufer des Bachs nahm er weichen Lehm und formte daraus kleine Sperlinge, insgesamt zwölf Stück. In diesem Moment kam zufällig ein Mann vorbei und sah, was er da machte. Verärgert darüber, dass Jesus auf solche Weise den Sabbat entweihte, ging der Mann zu Josef und berichtete ihm, was er gesehen hatte. Josef ging zu dem Jungen und fragte ihn, warum er am Sabbat tue, »was nicht erlaubt ist«. Jesus antwortete Josef nicht, sondern klatschte in die Hände und rief den Sperlingen zu: »Flieget davon!«[1] Und die Sperlinge flatterten zwitschernd davon.

Hätten die Ereignisse jenes Tages damit aufgehört, wären sie schon bemerkenswert genug gewesen. Doch es ging noch weiter.

Ein kleiner Junge, der all das beobachtet hatte, kam herbeigelaufen, nahm einen Weidenstock, zerstörte die Dämme, die Jesus gebaut hatte, und ließ das Wasser heraus. Jesus starrte ihn an. »Ungerechter, Gottloser und Unverständiger!«, sagte er. »Was haben dir die Gruben und das Wasser getan?« Voller Zorn fuhr Jesus fort: »Siehe, nun sollst auch du verdorren wie ein Baum und keine Blätter noch Wurzeln noch Früchte haben.«[2] Der Fluch war ein wenig kryptisch, aber seine Wirkung umso deutlicher: Der eben noch gesunde Junge war plötzlich ganz verdorrt und verunstaltet.

Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Kurz nach dem Vorfall am Bach ging Jesus durch das Dorf, als ein anderer Junge an ihm vorbeirannte und ihn an der Schulter anrempelte. Vielleicht war es ein Versehen, vielleicht auch nicht. Wieder ärgerte sich Jesus und sprach einen bedrohlich vagen Fluch: »Du sollst deinen Weg nicht weitergehen.«[3] Einen Moment später war klar, was der Fluch bedeuten sollte: Der kleine Junge fiel tot um.

So berichtet es das Protoevangelium des Thomas.

Einführung

Jedes Jahr, wenn der Winter beginnt, kann man es hören, in zahllosen Kapellen, Kirchen und Kathedralen Großbritanniens.

Eine einzelne, helle Stimme durchbricht die Stille. »Einst in König Davids Stadt«, singt sie, »stand ein bescheidener Stall.« Im weiteren Verlauf erzählt das Lied eine Geschichte, die so bekannt ist, dass man sie kaum nacherzählen muss. Es berichtet, wie eine »sanfte, milde« junge Frau in diesem bescheidenen Stall ihr Kind in eine Krippe legt; wie dieses Kind zu einem »gehorsamen, guten« Knaben heranwächst; und dass dieser Knabe der Heiland ist, der nun »zur Rechten Gottes« sitzt.

Diesem Lied in einer britischen Kirche zu lauschen, ist immer wieder ein bewegendes Erlebnis, aber weniger wegen des Inhalts als vielmehr wegen der Art und Weise, wie es traditionell vorgetragen wird: Es beginnt mit einer glockenhellen Kinderstimme, die funkelt und strahlt wie ein Stern. In der zweiten Strophe gesellt sich zu der Solostimme der Chor, und schließlich stimmen die Orgel und die Gemeinde mit ein. So wird aus der einfachen Melodie eine Klangflut, eine gewaltige Welle, die den ganzen Raum erfasst, und die Botschaft, die sie verkündet, ist in aller Munde: Jesus ist gekommen. Das Christentum ist da.

Die Geschichte des Christentums – genauer: wie eine winzige, unbedeutende Sekte so mächtig wurde, dass sie die Herrschaft über die gesamte westliche Kultur an sich riss – wird oft auf ganz ähnliche Weise erzählt: Es beginnt mit einer einzelnen Stimme, der Stimme Jesu. Dann versammelt sich nach und nach ein Chor – hier stößt ein Fischer, dort ein Steuereintreiber hinzu –, der Chor stimmt mit ein, und er zieht immer mehr Menschen an, die sich davon überzeugen lassen, wie aus dem Jungen ein Mann wurde, der Blinde und Lahme heilte, gekreuzigt wurde und wiederauferstand. Erst glauben nur einige Dutzend Menschen daran, dann ein paar Hundert, dann einige Tausend, dann mehrere Millionen, bis in einem wundersamen, triumphalen Moment das ganze Römische Reich konvertiert und das Schicksal der Welt in neue Bahnen lenkt.

Diese Geschichte ist uns nicht nur vertraut, weil man sie uns irgendwann einmal erzählt hat, sondern weil das Christentum die gesamte abendländische Kunst und Architektur durchdringt. Christliche Motive zieren die Decke der Sixtinischen Kapelle, ertönen in Händels triumphalem Messias, ziehen sich durch die Verse von Milton, Dante und Donne. Das Christentum hat viele große, aber auch kleine Dinge verändert: Es hat die Skylines unserer Städte geformt – man denke nur an die Kuppel des Petersdoms, die Türme des Kölner Doms, die ausgebreiteten Arme über Rio de Janeiro. Und es legt uns immer wieder Worte in den Mund, denn wenn wir vom Land reden, wo Milch und Honig fließen, wenn wir sagen, dass jemand im Dunkeln tappt oder dass wir etwas auf Herz und Nieren prüfen, oder wenn wir vom Wolf im Schafspelz sprechen, so sind das alles Redensarten, die das Christentum geprägt hat. Sogar unser Kalender richtet sich danach, denn im Westen ist Sonntag ein Ruhetag, und an Weihnachten und Ostern haben wir frei – von unserer Zeitrechnung ganz zu schweigen. All das scheint unverrückbar, ja geradezu in Stein gemeißelt zu sein.

Doch diese Gewissheit ist eine Illusion. Das Johannesevangelium mag mit dem wunderbar lapidar wirkenden Vers beginnen: »Im Anfang war das Wort« – aber im Anfang war da mitnichten ein einziges »Wort« oder eine bestimmte christliche Botschaft.* Diese Vorstellung ist Unsinn. In den ersten Jahrhunderten seines Bestehens war das Christentum von zahlreichen Worten und Stimmen geprägt, und viele dieser Stimmen widersprachen einander in nahezu jedem Aspekt, und das zum Teil so vehement, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam. Denn in den Jahren nach dem Leben und Tod Jesu gab es absolut keinen Konsens darüber, wer dieser Mann gewesen war, was er getan hatte oder warum er wichtig war – oder ob er überhaupt wichtig war. In den ersten Jahrhunderten seines Bestehens hatte das Christentum viele Anhänger, die der Ansicht waren, Jesus sei sanft und friedfertig gewesen. Es gab aber zugleich zahlreiche Christen, die ebenso voller Inbrunst an einen Erlöser glaubten, der jene, die ihn kritisierten, hatte erblinden lassen und Menschen, die ihm auf die Nerven gingen, kurzerhand tötete. Und dann gab es da noch einige Christen, die kein Problem damit hatten, an beides zu glauben.

Überall finden sich solche Unterschiede. Man nehme nur einmal die Geschichte von Jesu Geburt. Es gab zwar einige frühe Christen, die glaubten, dass Jesus von einer Jungfrau namens Maria geboren wurde, aber es gab auch viele andere, die sagten: Humbug! Jesus sei ein ganz normaler Mensch gewesen und von Josef gezeugt worden, »so wie alle Menschen aus einer Frau und dem Samen eines Mannes entstehen«.[1] Andere Christen lehnten die Vorstellung, dass ein Gott wie gewöhnliche Menschen im Körper einer sterblichen Mutter heranwuchs, rundheraus ab. Für sie war das würdelos. Sie waren vielmehr der Ansicht, Jesus sei bereits im Himmel vorgeformt worden, bis er »von oben herabkam und durch die Jungfrau Maria floss wie Wasser durch ein Rohr«.[2] Das galt augenscheinlich als die schicklichere Lösung. Und in einem sehr alten Text, der auf die Mitte des 2. Jahrhunderts datiert werden kann, wird ausführlich erklärt, wie Jesus selbst seine eigene Mutter schwängerte.[3] In diesem schon ein wenig überraschenden Bericht erklärt Jesus, wie er in Gestalt eines Engels seiner Mutter Maria erschien, die lachte, und wie er dann in sie eindrang: »Ich, das Wort, wohnte ihr bei und wurde Fleisch.«**[4]

Es gibt noch weitere Unterschiede. Für fast jeden Aspekt Jesu, den wir heute im Westen zu »kennen« glauben, gab es damals Alternativen. Während manche der frühen Christen einen Jesus verehrten, der jenem ähnelte, den wir heute aus dem Gottesdienst kennen und der seine Anhänger bat, die »Kindlein zu ihm kommen« zu lassen, verehrten andere einen Jesus, der seine Anhänger eindringlich davor warnte, überhaupt Kinder in die Welt zu setzen, weil alle Kinder entweder »zu Verrückten oder Schwachsinnigen oder Krüppeln oder Tauben oder Stummen oder Gelähmten oder Idioten« heranwüchsen.[5] Und auch wenn einige wie ihre heutigen Glaubensbrüder und -schwestern tatsächlich daran glaubten, dass Jesus gekreuzigt wurde, hielten andere frühe Christen diese Vorstellung geradezu für absurd, denn warum sollte sich ein Gott kreuzigen lassen? Diese Christen glaubten stattdessen (zumindest nach Ansicht ihrer Kritiker), dass Jesus im letzten Moment vor der Kreuzigung auf magische Weise seinen Körper mit dem eines anderen Mannes tauschte und dann »lachend« danebenstand, während der andere qualvoll starb.[6]

Fast jeder frühchristliche Text bietet andere Sichtweisen, andere Varianten der »einen« Geschichte, die die Grundlage des Christentums bildet, wie wir es kennen. Und die Unterschiede sind verblüffend. Man nehme nur die Jungfrau Maria. Mit gesenktem Kopf und andächtigem Blick verkörperte Maria jahrhundertelang das Ideal weiblicher Sanftmut. Aber sie war nicht immer so sanftmütig: Eine antike Erzählung von der Geburt Christi dichtet Maria eine Vagina an, die menschliches Fleisch verbrennen kann und dies bei einer Gelegenheit auch tut. Der Text, der diese Erzählung enthält, ist in vielerlei Hinsicht wunderschön. In dem Moment, als Jesus geboren wird, hört die Welt buchstäblich auf, sich zu drehen: Vögel bleiben in der Luft stehen, ein Hirte, der gerade seine Schafe schlagen will, erstarrt mit erhobenem Arm, und sogar die Sterne halten inne in ihrer Reise über den nächtlichen Himmel. Dann, kurz nach der Geburt Jesu, kommt eine Frau zu der berühmten Krippe mit Ochs und Esel, und in einer weniger vertrauten Wendung der Erzählung steckt sie eine Hand in Marias Vagina, um zu prüfen, ob sie tatsächlich eine Jungfrau ist. Ihre Hand verbrennt, und die Frau ruft: »Oh weh!«, wie man durchaus nachvollziehen kann.[7]

Vor allem aber waren nicht alle Stimmen, die sich in diesen dunklen ersten Jahrhunderten zu Wort meldeten, die Stimmen von Christen. Ungeachtet dessen, was die Geschichte der Christenheit und viele sentimentale Kirchenlieder uns heute glauben machen mögen, fand Jesus mitnichten eine Welt vor, in der ein spirituelles Vakuum herrschte – und schon gar nicht eine Welt, in der es an Propheten mangelte. Ganz im Gegenteil: Wenn man die antiken Satiriker liest, scheint es damals eine regelrechte Schwemme von Männern gegeben zu haben, die behaupteten, sie könnten Blinde und Lahme heilen, und die gern haarsträubende Vorhersagen über die Zukunft von sich gaben. Wie es Kelsos, ein kritischer griechischer Philosoph mit Hang zum Sarkasmus, ausdrückte: »Andere laufen umher und betteln [und] behaupten, sie seien die Söhne Gottes, die vom Himmel herabgestiegen sind.«[8]

Für gebildete Griechen und Römer verdienten es all diese sogenannten »Propheten«, weniger angebetet als vielmehr parodiert zu werden – und die griechischen und römischen Schriftsteller machten sich gnadenlos über sie her. »Es ist ein durchaus üblicher Brauch«, so Kelsos, »dass solche sogenannten Propheten sagen: ›Ich bin Gott (oder ein Sohn Gottes oder ein göttlicher Geist), und ich bin gekommen.‹« Ihre ermüdend langatmigen Reden liefen immer gleich ab: Zuerst beteuerten sie ihre Göttlichkeit, dann erklärten sie, dass »die Welt bereits zugrunde geht. Und ihr, o Menschen, werdet wegen eurer Missetaten umkommen. Aber ich will euch retten. Und ihr werdet sehen, wie ich mit der Macht des Himmels wiederkehre.«[9]

Ich weiß noch, wo ich mich befand, als ich zum ersten Mal Kelsos las. Es war ein grauer Herbstnachmittag, ich saß in der British Library, und die Besucher um mich herum schalteten nach und nach die Lampen an ihren Tischen ein. Ich betrachtete die Worte auf der vergilbten Seite vor mir (bis heute ist Kelsos als Autor nicht gerade angesagt) und fand Passagen, die mir so unverschämt, so skeptisch, so schockierend und so – offen gesagt – witzig erschienen, dass ich es kaum glauben konnte. Ich musste der Versuchung widerstehen, meinen Nebenmann anzustupsen und zu sagen: Schauen Sie mal. Hätten Sie das gewusst?

Ich hätte es jedenfalls nicht gewusst, dabei bin ich in einem sehr religiösen Haushalt aufgewachsen. Bevor sie sich kennenlernten und heirateten, war meine Mutter Nonne und mein Vater Mönch, und als sie aus ihren Orden austraten, verabschiedeten sie sich damit nicht etwa von ihrem Glauben. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, dankten vor den Mahlzeiten dem Herrn und beteten vor dem Zubettgehen. Jedes Jahr zu Weihnachten half ich meiner Mutter, unsere Krippe mit dem kleinen Jesuskind, dem Ochsen und dem Esel aufzustellen; jedes Jahr verzichtete ich während der Fastenzeit auf Schokolade; jedes Jahr zu Allerheiligen empörte ich mich über jene, die den Vorabend des Gedenktags der Heiligen als »Halloween« entweihten, sich die Gesichter anmalten und an den Haustüren um Süßigkeiten bettelten – für mich war das eine gottlose amerikanische Unsitte. Bis weit in meine Teenagerzeit hinein glaubte ich an Gott, und erst mit Ende zwanzig war ich selbstbewusst genug, um laut zu sagen, dass ich es nicht mehr tat. Allerdings war meine Vorstellung von Gott die meiste Zeit über eher verschwommen: Als kleines Kind dachte ich, Gott heiße Peter, schließlich sagten wir während der heiligen Messe immer wieder: »Thanks Peter God.«

Auch wenn ich dem Katholizismus schließlich abschwor, hatte er sich auf mich gelegt wie aufgewirbelter Staub, der in die kleinsten Ritzen dringt. Noch lange, nachdem ich aufgehört hatte, an Gott zu glauben, stieß ich in meinem Kopf immer wieder auf Überbleibsel dieses Katholizismus, die dort jahrelang unbemerkt geschlummert hatten. Mit achtzehn oder neunzehn erfuhr ich, dass eine Freundin von mir nicht getauft war, und für einen kurzen Moment war ich richtiggehend schockiert, dass ihre Eltern so nachlässig gewesen waren: Mir kam es vor, als würde ihr der Vorname ohne die Verwendung von Weihwasser weniger fest anhaften. Im nächsten Augenblick war ich schockiert darüber, dass ich schockiert gewesen war, doch das änderte nichts an meiner ersten Reaktion.

Aber um die Tochter eines Mönchs und einer Nonne zu schockieren, braucht es ohnehin nicht viel: Damals war ich schon entsetzt, wenn die Eltern meiner Freundinnen im Auto laut Popmusik hörten oder wenn jemand Jeans trug, was mir verblüffend modern vorkam. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich so zimperlich war; ich möchte es nur anmerken. Noch lange, nachdem ich aufgehört hatte, an die Existenz des christlichen Gottes zu glauben, glaubte ich immer noch daran, was ich über die Geschichte des Christentums gelernt hatte, darüber, wie diese Religion entstanden und verbreitet worden war. Kein Wunder, dass ich an jenem trüben Herbsttag in der Bibliothek, als ich Kelsos las, wieder einmal schockiert war – aber dieses Mal über meine eigene Unwissenheit: Wieso wusste ich nicht, dass es in der Antike Menschen gegeben hatte, die solche Ansichten vertreten hatten?

Ich las und hörte nicht mehr auf. Heute weiß ich, dass es gute Gründe gibt, warum ich das nicht wusste und warum manche Menschen es immer noch nicht wissen. In bestimmten Kreisen – zum Beispiel bei Leuten, die sich sehr für die Geschichte des Christentums interessieren – sind die Ansichten von Autoren wie Kelsos durchaus bekannt. Aber der breiten Öffentlichkeit bleiben sie verborgen, und sie werden kaum jemals in den Schulen gelehrt. Das ist nicht weiter überraschend. Alleine weil eine historische Tatsache existiert – und dass es in der Antike viele verschiedene Spielarten des Christentums gab, ist eine historische Tatsache –, bedeutet noch lange nicht, dass sie auch allgemeine Bekanntheit erlangt. Der Historiker E. H. Carr schrieb einmal, historische Fakten seien »wie Fische, die in einem riesigen und mitunter unzugänglichen Meer herumschwimmen; und was der Historiker fängt, hängt zum Teil vom Zufall ab, vor allem aber davon, in welchem Teil des Meeres er zu fischen beschließt«.[10] Jahrhundertelang verzichteten die allermeisten christlichen Historiker darauf, in Gewässern zu fischen, in denen sie alternative Erlöser oder Geschichten über einen mörderischen Jesus hätten finden können – und falls ihnen solche Berichte doch einmal ins Netz gingen, servierten sie sie nur selten ihren Lesern.

Dass viele dieser Erzählungen verloren gegangen sind, hat aber noch eine ganz andere, viel düsterere Ursache. Vieles von dem, was ich in diesem Buch wiedergebe, wurde (zum Teil sogar buchstäblich) begraben, als im 4. Jahrhundert das Christentum an die Macht kam. Unter dem Einfluss der Christen veränderte sich die Debattenkultur im Römischen Reich, wo man bis dato über unterschiedliche Ansichten, auch religiöser Art, durchaus lautstark zu streiten pflegte. Wie die markigen Worte eines Gesetzes aus dem 4. Jahrhundert verkündeten, war in dieser neuen christlichen Welt jede öffentliche Diskussion über Religion zu unterbinden. Wer fortan öffentlich über Religion »disputierte«, würde »des Hochverrats angeklagt und wird mit seinem Leben und seinem Blut bezahlen«.[11]

Weitere Gesetze dieser Art ließen nicht lange auf sich warten. Innerhalb weniger Jahrzehnte, nachdem das Christentum an die Macht gekommen war, wurden den sogenannten »Ketzern« zunächst bestimmte Rechtsansprüche entzogen, dann durften sie einige Berufe nicht mehr ausüben, dann wurden sie aus ihren Gotteshäusern und schließlich sogar aus ihren Wohnungen vertrieben. Ein ganz charakteristisches aggressives Urteil verkündete: »Die schmutzige Seuche der Ketzer soll aus den Städten und Dörfern verjagt werden.«[12] In dieser neuen Welt wurden ketzerische Bücher (aber auch Schriften, die das Christentum einfach nur kritisch betrachteten) verboten und verbrannt, und Ketzer wurden teilweise gewaltsam verfolgt. Innerhalb von fünfzig Jahren, nachdem das Christentum an die Macht gekommen war, wurden, wie ein Beobachter feststellte, »ganze Gemeinden derer, die man ›Ketzer‹ nannte, abgeschlachtet«.[13] Dieses Buch wird sich mit diesen Vorgängen befassen, und es wird aufzeigen, wie die katholische Kirche »zum größten Verfolgungsapparat in der Geschichte der Menschheit« wurde, wie der renommierte Historiker Geoffrey de Ste. Croix aus Oxford es formulierte.[14]

Im Mittelpunkt vieler dieser Verfolgungen stand das neue christliche Konzept der »Ketzerei« oder »Häresie«. Den Begriff der »Ketzerei« verbindet man seit jeher vor allem mit dem Christentum, das Wort »Häresie« war schon viel früher bekannt. Es stammt vom griechischen haireo ab, das »ich nehme« bedeutet.*** Das Substantiv hairesis bezeichnete lediglich etwas, das man auswählt, also »die Wahl«.[15] In der vorchristlichen griechischen Welt war »Häresie« positiv konnotiert: Dass man seinen Intellekt gebrauchte, um unabhängige Entscheidungen zu treffen, galt damals als durchaus wünschenswert. Von dieser positiven Konnotation ist heute nichts mehr übrig. Innerhalb des ersten Jahrhunderts nach dem Aufkommen der neuen Religion war Wahlfreiheit für die Christen nichts Erstrebenswertes mehr, sondern vielmehr ein »Gift«. Bald wurden die Ketzer nicht mehr nur als Menschen bezeichnet, sondern als eine Krankheit, die »geheilt« werden müsse, ein Wundbrand, der »herausgeschnitten« gehöre, eine Verunreinigung, die man beseitigen sollte, um den Körper der Christenheit in Gänze zu reinigen. Wie es später der heilige Augustinus– stets ein Meister der feinsinnigen Metapher – ausdrücken sollte, waren Ketzer Leute, »die die Kirche ausscheidet wie Kot«.[16]

Allerdings sollte man vorsichtig sein, wenn man Wörter wie »Ketzerei« und »Häresie« verwendet, da sie eine Präzision vorgaukeln, die sie nicht besitzen. In Büchern über diese Epoche wird seit Jahrhunderten von »Ketzern« und »Rechtgläubigen« gesprochen, als handele es sich dabei um absolute Begriffe mit eindeutigen, unverrückbaren Definitionen. Doch das ist nicht der Fall; sie sind relativ – kaum mehr als das religiöse Äquivalent von »mein« und »dein« oder vielleicht sogar, zumindest im Kontext der Geschichte, von »Gewinner« und »Verlierer«. »Denn jeder«, so schrieb der Philosoph John Locke einmal, »beansprucht ja für sich den rechten Glauben.«[17]

Dieses Buch trägt den Titel Ketzer, dabei galten nicht alle Glaubensvorstellungen, die hierin dargelegt werden, als ketzerisch – ganz im Gegenteil. Einige waren schismatisch, andere wurden lediglich missbilligt – und viele der überraschenden Geschichten, von denen hier berichtet wird, waren (auch wenn die Kirche das mitunter nicht allzu gern sah) jahrhundertelang ein akzeptierter Teil des christlichen Kultes. Ich habe den Titel meines Buches, im Original Heresy, weniger wegen seiner christlichen Bedeutung gewählt als vielmehr wegen der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Wortes. Denn dies ist ein Buch über Wahlfreiheit und darüber, wie Wahlfreiheit verloren gehen kann.

Das kann auf weitaus subtilere Weise vor sich gehen, als man oft denkt. Wenn man fragt, wie die Kirche mit Ketzern umgegangen ist, um deren häretische Überzeugungen auszurotten, werden die meisten Menschen an nackte Gewalt denken: an niedergemetzelte Dorfbewohner und grausame Gesetze, an herausgeschnittene Zungen und abgetrennte Hände, an Peitschenhiebe und Hinrichtungen. Vieles davon findet sich auch in diesem Buch wieder – mit Recht. Gewalt dieser Art hat sich nicht nur enorm auf die Entwicklung des christlichen Glaubens ausgewirkt, im Abstand von einem oder zwei Jahrtausenden gelten Erzählungen über Gewalt gegen Ketzer auch als besonders unterhaltsame Lektüre.

Aber solche Erzählungen über Gewalt können auch dazu dienen, vom wahren Kern der Geschichte abzulenken. Thomas Carlyle war strikt dagegen, dass Geschichte »in Krämpfen geschrieben« wird – und davor sollten wir uns auch hier hüten.[18] Viele Menschen in der antiken Welt werden gute Gründe gehabt haben, zum Christentum zu konvertieren. Die neue Religion brachte ihren Anhängern viele Vorteile, sowohl spiritueller als auch materieller Art, denn die frühen Christen kümmerten sich (wie auch viele spätere) großzügig um die Bedürftigen. Und obwohl manche mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt zum Konvertieren gezwungen wurden, wird deren Zahl relativ gering gewesen sein. Nur wenige Gesellschaften haben genug Personal, um einen bestimmten Glauben in großem Maßstab zu unterdrücken. Das gilt auch für die Antike und ganz besonders für Rom: Selbst zu seiner Blütezeit war die Verwaltung des römischen Kaiserreichs so spärlich besetzt, dass im Durchschnitt ein leitender Verwaltungsangestellter für 330 000 Einwohner zuständig war.[19]

Physische Gewalt ist selten notwendig, damit Menschen ihre Überzeugungen aufgeben. Die meisten muss man dafür nicht mit einer mit Bleistücken beschwerten Geißel auspeitschen – es reicht die Angst, dass sie eventuell ihren Arbeitsplatz oder auch nur einen Freund verlieren, damit sie ihre Ideale vergessen – oder zumindest nicht mehr darüber sprechen. »Man redet gerne von der Tyrannei eines Nero oder Tiberius, doch die wahre Tyrannei ist die Tyrannei Ihres Nachbarn«, schrieb der viktorianische Journalist und Publizist Walter Bagehot. »Die öffentliche Meinung ist eine Kraft, die alles durchdringt und sich selbst Gehorsam abverlangt.«[20] In diesem Buch über Ketzerei geht es also darum, wie Überzeugungen und Ideale gewaltsam zum Schweigen gebracht werden. Aber es geht auch um etwas weitaus Heimtückischeres: darum, wie Menschen sich selbst zum Schweigen bringen. Wie man manche Dinge erst nicht mehr schreiben soll, dann nicht mehr sagen darf und schließlich nicht mehr denken kann.

In diesem Buch werde ich einiges tun, was in der historischen Forschung der westlichen Welt zwar nicht direkt als ketzerisch gilt, aber doch zumindest verpönt ist. Erstens werde ich das Christentum nicht anders behandeln als andere Religionen des klassischen Altertums. Das ist durchaus ungewöhnlich (wenn auch heute nicht mehr ganz so ungewöhnlich wie früher). Jahrhundertelang gab es eine Art Gentlemen’s Agreement zwischen Althistorikern und Theologen: Die Althistoriker befassten sich mit den griechisch-römischen Göttern, die der Kategorie »Mythologie« (und damit implizit dem Bereich des Absurden) angehörten, und die Theologen mit dem christlichen Gott und seinen Anhängern, die als die »wahre Religion« galten.

Dabei ist die Abneigung, das Christentum mit anderen Religionen der Antike zu vergleichen, durchaus verständlich. Wie William James, einer der Begründer der wissenschaftlichen Psychologie, in seinen Vorlesungen über religiösen Glauben feststellte, »schrecken wir instinktiv davor zurück, dass der Intellekt ein Objekt, an das unsere Emotionen und Gefühle gebunden sind, wie jedes andere Objekt behandelt«.[21] Das Ergebnis ist eine verzerrte Wahrnehmung der Geschichte. Mag sein, dass moderne Theologen und Althistoriker darauf bestehen, ihre Bücher in unterschiedlichen Regalen oder sogar unterschiedlichen Bibliotheken aufzubewahren, doch im Altertum ging das alles munter durcheinander: Wie ein antiker Autor berichtet, war es überhaupt kein Problem, wenn eine Orpheus-Statue neben einer von Jesus stand, und manche religiösen Sprüche nannten in einem Atemzug die Namen Helios und Christus.[22] Dieses Buch soll diese antike Herangehensweise widerspiegeln und christliche und nichtchristliche Sitten und Gebräuche auf eben diese Weise miteinander vermischen und vergleichen. Das Christentum blickt auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte zurück, aber als Religion war es – auch wenn es das später immer behaupten sollte – ganz und gar nicht einzigartig.

Zweitens wird dieses Buch ein ziemlich hohes Tempo vorlegen. Es wird im Handumdrehen ganze Jahrhunderte abhandeln und von Kontinent zu Kontinent springen, ohne dass mir das leidtäte. Das Christentum verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit in der damals bekannten Welt, und die Folgen davon sollten viele Jahrhunderte andauern; um auch nur einen vagen Eindruck davon zu vermitteln, wie das vonstattenging, muss ich flott sein. Daher wird sich dieses Buch ins alte Syrien begeben und einer faszinierenden syrischen Ode lauschen, in der der Heilige Geist die Brüste eines christlichen Gottes melkt, der viel weniger männlich ist als der, den die meisten heute zu kennen meinen.[23] Es wird nach Äthiopien reisen, um einem christlichen Text zu begegnen, der berichtet, wie Jesus beim Abendessen ein schon zubereitetes Hähnchen auferstehen lässt und für tausend Jahre in den Himmel schickt. Es wird einen Zeitsprung machen, um zu beobachten, wie sich an einer Flussbiegung im mittelalterlichen Frankreich »Kreuzritter« versammeln, die anschließend ein Städtchen überfallen und alle Männer, Frauen und Kinder niedermetzeln, die in einer Kathedrale Schutz gesucht haben, weil einige davon – wohlgemerkt nicht alle, sondern nur einige – Ketzer sind.

Wenn Sie dieses Buch lesen, ist nicht nur Ihre Aufmerksamkeit gefordert, sondern auch Ihre Fantasie. Versetzen Sie sich noch einmal in den Moment der Stille zu Beginn des Kirchenliedes zurück, und diesmal stellen Sie sich bitte vor, dass neben der einen, hellen Solostimme noch andere Stimmen erklingen. Es gab einmal eine Zeit (auch wenn sie sehr, sehr lange her ist), in der diese anderen Stimmen durchaus von Bedeutung waren. Das nachzuvollziehen, ist nicht ganz einfach: Im Wissen darum, dass diese anderen Stimmen in Europa später ohnehin fast alle ausgelöscht werden würden, neigen Historiker seit jeher dazu, sie in ihren Darstellungen der Geschichte gar nicht erst zu erwähnen. Aber es gab sie, diese Stimmen, und sie waren wichtig. Mancherorts sind sie es immer noch.

Ende 1950 reiste der Forscher Wilfred Thesiger in die Sumpfgebiete des Irak. Als er dort eintraf, staunte er nicht schlecht: Dort gab es Menschen, deren Lebensweise sich seit 2000 Jahren kaum verändert hatte. Ihm begegnete ein Volk, das eine Religion ausübte, die ansatzweise dem Christentum ähnelte: Man glaubte an Gott, an Adam und an Johannes den Täufer. In mancher Hinsicht war diese Religion allerdings ganz anders: Für diese Menschen war Jesus nicht der Erlöser, sondern ein Betrüger und ein böser Zauberer. In Äthiopien lesen viele Christen noch heute den Text über das wiederauferstandene Hähnchen, und in Indien wurden Christen von einem Text beeinflusst, der davon berichtete, wie Jesus einen seiner Anhänger als Sklaven verkaufte.

Jene Spielart des Christentums, die im Westen die Zeiten überdauert hat, behauptet seit Jahrhunderten, ihr Triumph über ihre Rivalen sei selbstverständlich und vorherbestimmt gewesen. Doch das ist grundfalsch. Andere Formen des Christentums und andere antike Religionen, die dem Christentum ähnelten, haben anderswo die Zeiten überdauert. Wäre die Geschichte nur ein wenig anders verlaufen, hätten sie vielleicht auch in Europa überlebt. Doch das taten sie nicht. Im Westen hat sich eine ganz bestimmte Variante des Christentums durchgesetzt und all ihre Rivalen vernichtet. Eine Variante von vielen hatte Glück und nannte es Schicksal. Doch Schicksal war es nicht. Es hätte alles auch ganz anders kommen können.

Wobei die damaligen Unterschiede gar nicht komplett verschwunden sind: Auch wenn viele dieser frühen Spielarten des Christentums heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind – gänzlich ausradiert sind sie nicht. So wie längst verschüttete antike Mauern noch heute in Weizenfeldern als dunkle Linien im Erdboden sichtbar sind, haben diese divergierenden antiken Glaubensvorstellungen unser modernes Christentum auf mannigfaltige Weise geprägt. Manche Evangelien und Erzählungen, die modernen Lesern schockierend erscheinen, waren jahrhundertelang ein integraler Bestandteil des Kalenders, der Schriftlesungen und des Denkens der Kirche; viele haben die Kunst und die Gedankengebäude des westlichen Christentums geprägt. Machen Sie die Augen auf! Hören Sie genau hin, und Sie können sie flüstern hören, bis zum heutigen Tag. Sie stecken in Miltons Dichtung, in Dantes Verdammten, in Giottos Gemälden und in der Art und Weise, wie wir im Westen bis heute Weihnachten feiern.

Natürlich hatte ich von all dem keine Ahnung, als ich als Kind mit meiner Mutter die Krippe aufbaute. Jahr für Jahr stellten wir Maria und Josef und die Heiligen Drei Könige auf und einen Ochsen und den Esel, auf dem Maria geritten war. Wir waren überzeugt davon, dass unsere Krippe so war, wie sie sein sollte; dass sie dem entsprach, was in der Bibel über die Geburt Jesu erzählt wird. Und doch werden Ochs und Esel, die wir von so vielen Weihnachtskarten und aus Liedern und Gemälden kennen, in der Bibel gar nicht erwähnt. Stattdessen kommen sie in einem anderen antiken Evangelium vor – einem Evangelium, in dem die Welt aufhört, sich zu drehen, als Jesus geboren wird, und Marias Vagina die Hand einer anderen Frau verbrennt.

*Zur Übersetzung dieses Wortes mit »Wort« (und warum dies eventuell nicht die beste Übersetzung ist), siehe Kapitel 5.

**Dies ist in vielerlei Hinsicht eine völlig logische Erweiterung des Konzepts, das wir als »Dreifaltigkeit« kennen: Wenn Gott tatsächlich drei in einem ist – wenn er gleichzeitig Gott, Jesus und der Heilige Geist ist – und wenn Gott Maria (irgendwie) geschwängert hat, was spräche dann dagegen, dass auch Jesus (irgendwie) beteiligt war? Auf jeden Fall regt die Lektüre zum Nachdenken an.

***Genau genommen kommt es von haireomai, dem Mediopassiv von haireo, das »ich nehme mir« bedeutet, aber der Einfachheit halber gebe ich oben nur die 1. Person Aktiv an.

Anmerkung der Autorin

Dieses Buch ist voller Erzählungen, Berichte und Anekdoten, und manch ein Leser wird sich hin und wieder fragen: Was davon ist wahr? Mir ist wichtig, gleich zu Beginn klarzustellen, dass mein Buch in dieser Hinsicht bewusst keine Stellung bezieht. Ich werde nicht versuchen, ein Urteil darüber zu fällen, ob beispielsweise die Geschichte vom mörderischen Jesus mehr oder weniger plausibel ist als die von der wundertätigen Maria. Diese Texte sind für Historiker nicht deshalb interessant, weil sie glaubwürdig wären (in kaum einem von ihnen wird nicht munter gegen das eine oder andere Naturgesetz verstoßen), sondern weil man sie glaubte – und in einigen Fällen heute noch glaubt. Würde ich sie verwerfen, weil ihr theologischer Inhalt oder ihre Botschaft unglaubwürdig erscheinen, wäre das Resultat kein historisches, sondern ein theologisches Sachbuch.

Der Leser könnte sich auch fragen, welche dieser Erzählungen zu Beginn besonders populär und wichtig waren. Das ist nicht leicht zu beantworten. Viele dieser Geschichten wurden später enorm beliebt – einige las man jahrhundertelang und auf mehreren Kontinenten. Aber bis dahin dauerte es eine ganze Weile. Dieses Buch befasst sich mit den frühen Entwicklungsstadien einer Religion, daher sind die absoluten Zahlen ähnlich winzig wie z. B. bei den frühen Entwicklungsstadien einer Spezies.

Dass sich eine Spezies alle anderen untertan macht, bedeutet nicht, dass das schon immer so war. Die Evangelien, die wir heute kennen, waren von Anfang an sehr populär. Aber das waren andere, ähnliche Geschichten auch. Die Evolution ist unberechenbar. Der Vorfahr des Homo sapiens stand zeitweise kurz vor dem Aussterben. Nicht immer gewinnt der Schnellere das Rennen, nicht immer gewinnt der Stärkere den Kampf. Alles unterliegt dem Lauf der Zeit und dem Zufall. Die meisten Religionen, denen der Mensch sich unterwarf, haben einen schnellen und unvorhersehbaren Aufstieg und einen ähnlich schnellen und unvorhersehbaren Niedergang erlebt. Im 1. Jahrhundert n. Chr. hätte niemand absehen können, welche Spielart welcher antiken Religion schließlich alle anderen verdrängen würde. Natürlich hätten die Gläubigen – damals wie heute – das Gegenteil behauptet. Ein gläubiger Mensch weiß in der Regel, welche Religion die beste ist: seine eigene. Das wussten die ersten Anhänger Christi. Aber genauso wussten es auch viele Anhänger von Zeus und Mithras. Für den unbeteiligten Beobachter ist die Sache weit weniger eindeutig.

Und welche dieser christlichen Geschichten war nun besonders populär? Die simple Antwort: in den ersten Jahren keine. Eine (sehr grobe) Schätzung beziffert die Gesamtzahl der Christen im Jahr 100 n. Chr. auf etwa 7000. Die Zahl der Christen, die des Lesens kundig waren und somit in der Lage, diese Geschichten zu lesen, hat man ebenfalls geschätzt – es waren möglicherweise nicht einmal hundert. Das ist natürlich nur eine grobe Schätzung (bzw. in der Sprache der Wissenschaftler: eine Heuristik), aber sie ist dennoch aufschlussreich.

Kaum jemand hätte in den ersten Jahrhunderten des Christentums verlässlich vorhersagen können, welche seiner vielen Erzählungen sich gegen alle anderen durchsetzen würden. Aber schließlich sorgten die Zeit und der Zufall dafür, dass einige das Rennen machten. Diese Geschichten kennen wir noch heute. Ich möchte die anderen erzählen.

In diesem Buch versuche ich, Begriffe wie »Ketzerei«, »Häresie«, »rechtgläubig« oder »heidnisch« nach Möglichkeit zu vermeiden. Wenn sie dennoch auftauchen, dann häufig in Anführungszeichen – allerdings nicht immer, da oft aus dem Kontext hervorgeht, was gemeint ist, und die inflationäre Verwendung von Anführungszeichen schnell ermüden kann; wo sie nicht vorhanden sind, darf (und sollte) man sie sich dazudenken.

In diesem Buch werde ich nicht auf die Beziehung der frühen Christen zum Judentum eingehen. Eine ausgezeichnete Einführung in dieses umfangreiche Thema ist nach wie vor Géza Vermes’Jesus, der Jude – Ein Historiker liest die Evangelien. Auch die heftigen verbalen Attacken der frühen christlichen Kirche gegen das jüdische Volk und die vielen antijüdischen Gesetze und Erlasse, die christliche Herrscher in jenen Jahrhunderten immer wieder erließen und gegen die Juden anwendeten, werden in diesem Buch nur gestreift, denn dieses umfangreiche Thema würde ein eigenes Buch verdienen. Wer sich dafür interessiert, dem sei als Einstieg die Lektüre des Codex Theodosianus angeraten.

1

Antichrist

»Apsethos ist ein Gott«

Griechische Papageien verkünden die Ankunft einer Gottheit, Libyen, ca. 2. Jahrhundert n. Chr.

Seine Geburt ereignete sich auf wundersame Weise. In der Regierungszeit von Kaiser Augustus, zu Beginn des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung, wurde in einer Stadt im Osten des Römischen Reichs eine Frau schwanger. Als ihr Bauch bereits angeschwollen vom Kind war, das sie darin trug, erschien ihr ein göttliches Wesen und sprach zu ihr. Angst hatte sie nicht, und sie fragte die himmlische Erscheinung, wer ihr Sohn sein würde. Das Wesen antwortete, ihr Kind werde ein Gott sein. Nicht bloß der Sohn eines Gottes, nein, ein Gott, Fleisch geworden und aus dem Schoß einer sterblichen Frau geboren.[1]

Und tatsächlich: Als der Knabe zur Welt kam, schien sogar der Himmel seine Ankunft zu bejubeln, denn ein Blitz tauchte am Himmel über dem Ort seiner Geburt auf und verschwand nach oben. »Die Götter«, so schrieb einer seiner Anhänger später, »gaben ein Signal und gewährten ein Omen seines Glanzes.«[2]

Sein Leben hielt noch merkwürdigere Begebenheiten parat. Als der Junge zu einem Mann heranwuchs, strömten die Menschen zu ihm. Einige kamen, weil sie von seiner wundersamen Geburt erfahren hatten und neugierig waren; andere wurden vielleicht wegen seines ungewöhnlichen Aufzugs auf ihn aufmerksam. Er war ein schöner Mann, kleidete sich aber auf eine solch schlichte Weise, dass es schon wieder exzentrisch wirkte. Er ließ sein Haar wachsen, trug einfache Leinengewänder und ging stets barfuß.

Einige kamen, um ihm zuzuhören: Er war so charismatisch, dass die Arbeiter ihre Arbeit stehen ließen und ihm folgten, wenn er in eine Stadt kam. Andere baten ihn darum, sie zu heilen: Sie hatten gehört, dass er Dämonen austreiben, Kranke gesund machen und sogar – so raunten manche sich zu – Tote auferwecken konnte.

Der Schauplatz des erstaunlichsten aller Wunder, die dieser Mann vollbrachte, war Rom, und es hatte alles ganz unauffällig begonnen. Es war ein grauer, regnerischer Tag, und eine Krankheit suchte die Stadt heim. Überall husteten die Menschen und sprachen mit rauer Stimme. Sogar der Kaiser war betroffen.

Ungefähr zu jener Zeit begab sich der Mann auf einen Spaziergang. Dabei begegnete er einem Trauerzug, der sich seinen Weg durch den Regen bahnte und dem Leichnam einer jungen Frau folgte. Die Frau stammte aus einer der vornehmsten Familien der Stadt, und eigentlich hätte dies ein Freudentag für sie sein sollen, denn es war ihr Hochzeitstag. Genau in der Stunde ihrer Eheschließung war sie gestorben. Statt zu feiern und auf der Straße zu tanzen, schlichen nun beide Familien durch den Nieselregen, nunmehr bloß vereint durch ihre Trauer. Es hieß, die ganze Stadt trauere gemeinsam mit dem Bräutigam.

Als der Mann den Kummer dieser Menschen sah, trat er sofort heran. Er bat darum, den Leichnam auf den Boden zu legen: »Ich will euren Tränen über das Mädchen ein Ende machen.«[3] Er fragte die Trauernden nach ihrem Namen. Die Menge, die nicht wusste, was vor sich ging, nahm an, er wolle eine Leichenrede halten. Stattdessen näherte er sich der Toten, »berührte nur die Tote, sprach einige unverständliche Worte und erweckte so das Mädchen aus dem Scheintode«. Die junge Frau war wieder lebendig, »begann wieder zu sprechen und kehrte ins Elternhaus zurück«.[4]

Manche höhnten, solche Geschichten seien nichts als abergläubisches Geschwätz. Doch andere sahen ihm zu und glaubten nicht nur, dass er solche Wunder vollbracht hatte, sondern auch, dass sich die Vision seiner Mutter bewahrheitet hatte: Für jene Leute war dieser langhaarige Heiler tatsächlich ein Gott in Menschengestalt – ein heilender Gott, geboren von einer sterblichen Frau. Einmal hatte der Mann sogar selbst verkündet: »Ich bin nicht sterblich.«[5] Ein späterer Autor schlug als Titel für seine Biografie vor: »Ein Besuch Gottes bei den Menschen«.[6]

Schon bald waren die Geschichten über diesen Mann in aller Munde, und überall strömten die Menschen zu seinen Schreinen. Er wurde zu einem der beliebtesten Wundertäter im Römischen Reich. Tatsächlich wurde er so populär, dass ihn angeblich sogar jemand aus der Kaiserfamilie verehrte.[7]

Sein Name war Apollonios von Tyana. Und er war, wie die Christen später sagten, ein »Antichrist«.[8]

* * *

Für den Dichter John Milton war die Sache klar: Als Jesus Christus zur Welt kam, war es mit dem Pantheon des Römischen Reichs aus und vorbei. Sobald die römischen Götter und Göttinnen, die Halbgötter und Nymphen von der Geburt Christi erfuhren, war ihnen klar, dass sie diesem Gegner nichts entgegenzusetzen hatten, und verschwanden kurzerhand von der Erde. In den Hainen, Hügeln und Wäldern Italiens, so schrieb Milton, »hörte man Weinen und lautes Wehklagen«, als die verängstigten alten Götter die Flucht ergriffen.[9] Christus war gekommen, und Himmel und Erde waren nicht mehr dieselben.

Dieser Gedanke lebte in Dichtung und Prosa weiter. Der Historiker Edward Gibbon, der zur Zeit der Aufklärung schrieb, vertrat die Ansicht, die Geburt Christi sei nicht nur der Beginn der christlichen Religion gewesen, sondern habe den Beginn allen wahren religiösen Glaubens in der antiken Welt markiert. Die Römer seien viel zu klug gewesen, so Gibbon, um an ihre eigenen lächerlichen Götter zu glauben – an den lüsternen Jupiter, die zänkische Juno und all die anderen; vielmehr hätten sie für diese Götter eine »geheime Verachtung« gehegt. Erst seit der Ankunft Jesu hätten die Römer an eine Religion geglaubt, denn endlich hätten sie eine wirkliche »Offenbarung« gehabt, die in der Lage gewesen sei, »die vernünftigste Achtung und Überzeugung einzuflößen«.[10] Noch im 20. Jahrhundert erklärte ein Geschichtsbuch für Kinder, Ernst H. GombrichsKurze Weltgeschichte für junge Leser, die Römer hätten gespürt, dass mit dem Christentum »etwas ganz Neues in die Welt gekommen war«.[11] Die Botschaft ist klar: Die antike Welt hatte auf ihren Erlöser gewartet.

Diese Vorstellung ist durchaus charmant – aber sie ist grundfalsch. Wenn man die antiken Texte aufmerksam liest und dabei den alles verzerrenden Nebel zweier Jahrtausende christlichen Denkens ausblendet, wird schnell klar, dass jene ach so gottverlassene heidnische Welt gar nicht auf einen Erlöser wartete. Wenn überhaupt, fand man eher, dass es viel zu viele davon gab; und so gut wie nichts am Christentum erschien den antiken Beobachtern auch nur im Geringsten neu. Die Christen behaupteten, Jesus sei der Sohn eines Gottes, geboren von einer Jungfrau? Wie antike Autoren schnell feststellten, hatte man solcherlei bereits über den Heilgott Asklepios behauptet (dessen Vater Apollon und dessen Mutter eine Sterbliche war), über Apollonios (Vater: Proteus, Mutter: sterblich) und über Pythagoras (Vater: Apollon, Mutter: sterblich). Und selbst der nicht allzu tugendhafte Alexander der Große hatte angeblich einen Gott zum Vater, der in Gestalt einer Schlange eine Sterbliche geschwängert hatte.[12] Und das waren längst nicht alle, wie irritierte antike Kritiker betonten.

Die meisten antiken Intellektuellen begegneten den Erzählungen über Jesus weniger mit atemloser Ehrfurcht als vielmehr mit Verachtung. Manche zeigten sich gelangweilt von den Anekdoten, andere reagierten mit kaum verhohlener Heiterkeit. Es gab wenig an dieser neuen Sekte, was die damaligen Beobachter nicht zu Kritik reizte. Christliche Gleichnisse seien »fiktiver« Müll, schrieb ein Philosoph namens Porphyrios im 3. Jahrhundert voller Hohn; dies seien nicht mehr als »ersonnene Geschichtchen«, »voll von Dummheit« und »in komischem, wenig überzeugendem Stil verfasst«; die christlichen Metaphern seien »zweifelhafte kleine Sprüche«, und die christliche Theologie fand er schlicht idiotisch.[13] Genauso wenig hatten antike Autoren für die Behauptung der Christen übrig, das Ende der Welt sei nah (was anscheinend gar nicht der Fall war) und alle Christen würden nach ihrem Tod wiederauferstehen (was ganz eindeutig gar nicht der Fall war). Der christliche Apologet C. S. Lewis schrieb einmal, Jesus müsse entweder ein Lügner, ein Verrückter oder der wahre Gott gewesen sein.[14] Die zynischen »Heiden« wussten genau, was davon zutraf – und es war definitiv nicht die dritte Option.

Zugegeben, ein paar religiöse Neuerungen bot das Christentum. Dass man den »Körper« und das »Blut« des Erlösers zu sich nahm, war eine dieser Neuerungen, wurde aber von damaligen Beobachtern, gelinde gesagt, eher skeptisch aufgenommen. Als die Griechen und Römer davon erfuhren, reagierten sie eher weniger mit – wie Gibbons ihnen attestierte – »vernünftigster Achtung« als vielmehr mit abgrundtiefem Abscheu. Es sei, so Porphyrios, eine extrem seltsame Vorstellung, »dass ein Mensch Menschenfleisch kosten und das Blut von Mitgliedern desselben Stammes und Volkes trinken soll – und dadurch des ewigen Lebens teilhaftig wird«.[15] Porphyrios erklärte, das alles verwirre ihn zutiefst, und wollte wissen: »Was hat das zu bedeuten?« War das allegorisch gemeint? Wenn ja, dann fand er diese Allegorie verwirrend und abstoßend zugleich, ja geradezu »bestialisch und absurd«. Allein darüber nachzudenken, empfand er als unangenehm: »Der Geruch dieser Geschichte zerstört die Moral der Seele, indem er sie erschüttert und beunruhigt.«[16] Wobei das alles im Grunde so neu nicht war: Es hatte schon immer Menschen gegeben, die glaubten, dass dem menschlichen Blut wundersame Kräfte innewohnten. Plinius der Ältere hatte voller Abscheu darüber geschrieben, wie manche Leute in die Arena eindrangen, um das Blut getöteter Gladiatoren zu trinken, als ob es eine Art Lebenselixier enthielte.[17] Doch dieses seltsame Konzept könne ja wohl niemandem ernstlich gefallen – erst recht nicht Menschen, die den Vorzug besäßen, eine gute Bildung genossen zu haben, fügte Porphyrios mit der ihm eigenen Geringschätzung für seine minder intellektuellen Zeitgenossen hinzu.

Dass die Anhänger der neuen Sekte behaupteten, Christus vollbringe Wunder oder habe göttliche Eigenschaften, störte die antiken Beobachter gar nicht so sehr. Viel seltsamer fanden sie, dass sie die Wundertaten ihres Heilands offenbar für etwas ganz Besonderes hielten. Kelsos echauffierte sich: »Warum sind all unsere Geschichten bloß Legenden, während ihr die euren für ach so edel und überzeugend haltet?«[18] Die Christen, so bemerkte ein griechischer Schriftsteller gereizt, behaupteten, Christus sei einzigartig gewesen, aber andere Menschen »haben doch ebenfalls Wunder vollbracht, … und zwar ganz grenzenlose Wunder«.[19] Außerdem schenkten die Christen Texten verblüffend viel Glauben, die offensichtlich von ungebildeten Autoren geschrieben worden waren. »Sie reden ständig von Jesus«, schrieb ein Kritiker im Altertum, »sie verehren ihn dafür, dass er den Blinden das Augenlicht geschenkt und solcherlei Wunder vollbracht hat.«[20] Dabei seien »die Taten Jesu von seinen Anhängern übertrieben dargestellt worden«, die nicht einmal besonders intelligent gewesen seien, sondern »Lügner« und »Bauerntölpel«.[21]

Ähnlich skeptisch begegneten die Griechen und Römern den Prophezeiungen Jesu, die bei dessen Anhängern in hohem Ansehen standen. Es gebe so viele Männer, »die beim geringsten Anlass irgendeine Prophezeiung von sich geben«, schrieb Kelsos.[22] Solche Leute könne man innerhalb und außerhalb der Tempel beobachten, wie sie über den Weltuntergang schwafelten. Sie »wandern umher und betteln und spazieren durch die Städte und die Militärlager; und sie tun so, als seien sie beseelt und würden Orakelsprüche absondern«.[23]

Solche Unheilspropheten gebe es im Osten wie Sand am Meer, so Kelsos weiter – ja, sie seien »ganz typisch für die Menschen in jener Region«. Ihre sogenannten »Prophezeiungen« folgten stets einem altbekannten Muster (so Kelsos). Zuerst behaupteten diese Männer, ihnen wohne eine göttliche Kraft inne, dann warnten sie vor der Zerstörung der Welt, und schließlich fügten sie hinzu: »Selig ist, wer nun mich anbetet! Aber über alle anderen werde ich ewiges Feuer senden, über die Städte wie auch über das Land. Und wer die Strafe, die ihn erwartet, nicht erkennt, wird es dann vergebens bereuen und vor Schmerzen stöhnen. Jene aber, die sich von mir überzeugen ließen, werde ich für immer vor dem Unheil bewahren.«[24] Die Christen räumten stillschweigend sogar selbst ein, dass ihr Glaube zahlreiche Konkurrenten hatte – und ließen kein gutes Haar an ihnen. Das Matthäusevangelium warnte: »Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, dass verführt werden in den Irrtum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten.«[25]

Das sei alles so verwirrend, beschwerte sich Kelsos mit einem Augenzwinkern. Wie um alles in der Welt solle man denn nun wissen, welchem der vielen Unheilspropheten man Glauben schenken dürfe? »Wenn die einen verkünden, Jesus habe recht, und die anderen, ein anderer habe recht, und sie alle die gleiche oberflächliche Parole verkünden – ›Glaubt an ihn, wenn ihr gerettet werden wollt, ansonsten fort mit euch!‹ –, nun, was sollen dann jene tun, die wirklich gerettet werden wollen? Sollen sie darum würfeln, wohin sie sich wenden und wem sie folgen sollen?«[26]

Porphyrios störte sich an einem anderen Aspekt der christlichen Erzählungen. Wenn man an Christus glauben müsse, um errettet zu werden, warum, so fragte Porphyrios, habe Gott ihn dann erst so spät geschickt? Warum mussten alle, die vor Christus lebten und starben, in der Hölle schmoren? »Was haben die Menschen in den vielen Jahrhunderten vor Christus denn Böses getan?«, wollte Porphyrios wissen. »Warum hat sich dieser sogenannte Erlöser in all jenen Jahrhunderten nicht blicken lassen?«[27] Was sei mit all den armen Menschen geschehen, die vor Jesu Lebzeiten geboren und gestorben waren? Hätte er nicht wenigstens ein bisschen zeitiger auftauchen können? »War es unbedingt notwendig, dass er erst am Ende der Tage auf die Erde kam und nicht schon früher?« Wie könne ein angeblich »mitfühlender und barmherziger Gott«, so fragte sich Porphyrios mit unverhohlener Verachtung, bloß zulassen, dass die »zahllosen Menschen«, die vor Jesus gelebt hatten, der Verdammnis anheimfielen?[28]

Porphyrios nahm auch die Vorstellung der Christen aufs Korn, das Ende der Welt sei nah. Sicherlich sei ja wohl niemand, schrieb er, »so ungebildet oder so dumm«, dass er an das absurde christliche Konzept vom Ende der Zeiten glaube. Zumal es, wie er betonte, überhaupt nicht nah sei. Die Christen hatten behauptet, die Welt werde untergehen, sobald das Evangelium in der ganzen Welt bekannt sei. Aber, so schrieb Porphyrios, »jede Straße auf der Erde« kenne das Evangelium heutzutage, »und dennoch ist das Ende nirgends [in Sicht], und es wird auch niemals kommen«.[29]

Später, als die Christen erst selbstbewusster und dann aggressiv wurden, wehrten sie sich gegen die Behauptung, ihr Glaube ähnele einem der anderen Kulte, und bestritten, Jesus hätte irgendetwas mit anderen antiken Heilern oder Erlösern gemein – aber in der Frühzeit des Christentums räumten sie diese Ähnlichkeiten nicht nur ein, sondern machten sie sich sogar zunutze, denn immerhin boten sie plausible Präzedenzfälle für ihre eigenen Behauptungen. »Wenn wir zudem sagen, dass [Jesus] ohne geschlechtliche Vereinigung gezeugt wurde«, schrieb der christliche Autor Justin der Märtyrer im 2. Jahrhundert, »und dass er … gekreuzigt wurde und gestorben und auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist, dann behaupten wir nichts anderes, als was ihr von jenen glaubt, die ihr für die Söhne Jupiters haltet.«[30]

Justin konnte solche Vergleiche auch deshalb anstellen, weil es – anders als Milton und Gibbon sich das vorstellten – auf der Welt in dem Moment, als Christus auf die Erde kam, mitnichten keine Götter mehr gab. Ganz im Gegenteil: Die antiken Gottheiten waren in den Köpfen der Menschen noch immer präsent und wurden von vielen nach wie vor verehrt. Das römische Pantheon war weitaus größer, als man sich das heute meistens bewusst macht. Es gab nicht nur die berühmten Götter, die heute noch jeder kennt, von Apollon über Juno bis Jupiter, sondern noch unzählige weitere, weniger bekannte.

Im alten Rom war jedem menschlichen Unterfangen – vom Abhalten einer Senatssitzung über das Säen einer Pflanze bis hin zum Geschlechtsverkehr – eine entsprechende Gottheit zugeordnet. Ausgerechnet für den Geschlechtsverkehr waren, so ein Kritiker, besonders viele Götter zuständig. Noch im 5. Jahrhundert schimpfte ein Christ, in den Schlafzimmern der Verliebten »wimmelt es geradezu von Gottheiten«, die auf alles, was vor sich ging, ein waches Auge hatten. »Die Göttin Virginensis ist anwesend, um den Gürtel der Jungfrau zu lösen«; wenn das geschehen sei, »ist der Gott Subigus zur Stelle, um dafür zu sorgen, dass der Mann in der Lage ist, sich [die Frau] erfolgreich zu unterwerfen«; und »sobald er sie sich unterworfen hat, ist die Göttin Prema da, um [die Frau] niederzudrücken, sodass sie sich nicht wehrt …«[31] An Religion scheint es in römischen Schlafzimmern nicht gemangelt zu haben, wohl aber an Romantik.

Und in diesem Pantheon, der vor zänkischen und miteinander konkurrierenden göttlichen Wesen nur so wimmelte, gab es auch mehrere Exemplare, die Jesus ähnelten – wobei man wohl eher sagen sollte, dass Jesus jenen ähnelte, da einige schon vor ihm existiert hatten. Die Religion des alten Rom bezeichnet man immer wieder als Marktplatz, und wie auf einem Marktplatz üblich, waren sich viele der erfolgreicheren Produkte recht ähnlich. Nicht alle diese göttlichen Gestalten erfüllten die gleichen göttlichen Funktionen oder vollbrachten die gleichen Wunder: Einige behaupteten, sie seien Propheten, andere waren Götter, wieder andere vollbrachten Wunder. Aber eines hatten sie alle gemeinsam: Ihre skeptischeren Nachbarn hielten sie für Spinner und Scharlatane und verspotteten sie.

Man denke nur an Apsethos, einen angeblichen (und wohl nicht allzu überzeugenden) Mystiker im Libyen des 2. Jahrhunderts. Da er unbedingt als Gott angebetet werden wollte, brachte er Papageien bei, um ihn herumzuflattern und »Apsethos ist ein Gott!« zu rufen. Seine Nachbarn waren davon bald so genervt, dass sie die Papageien einfingen und sie noch ein paar weitere Worte lehrten. Fortan krächzten die Vögel: »Apsethos hat uns eingesperrt und uns gezwungen, zu sagen: Apsethos ist ein Gott.«[32] Alles in allem hatten die Libyer jedoch eher wenig Sinn für Humor, denn am Ende beschlossen sie, Apsethos bei lebendigem Leib zu verbrennen. Im eigenen Land gilt ein Prophet halt oft nicht viel.

Wie Zyniker feststellten, war es damals nicht allzu schwer, eine neue Religion in Gang zu bringen. Der griechische Satiriker Lukian verfasste einen scharfzüngigen Bericht über einen Scharlatan namens Alexander, der zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. im Osten des Römischen Reichs auftauchte und dort eine neue Religion unter die Leute brachte. Dabei war seine Motivation offenbar weniger göttlicher als vielmehr recht irdischer Natur – wie Lukian erklärt, hatte Alexander »schnell erkannt, dass das Leben der Menschen von zwei großen Tyrannen beherrscht wird: der Hoffnung und der Angst«. Da der Glaube dazu beitrug, diese zwei Tyrannen zu zähmen, erkannte Alexander, dass er »schnell reich werden würde«, wenn er eine Religion gründete.[33]

Alexander verfügte über fast alle Eigenschaften, die man als Prophet benötigte: Er war von göttlicher Abstammung (angeblich war er der Enkel eines Gottes) und sah entsprechend aus (seine Augen »glühten hell vor Eifer und Begeisterung«).[34] Das Einzige, was ihm fehlte, war die passende Haartracht: Sein Haar wuchs so spärlich, dass er nicht über die wallenden Locken verfügte, die man von einem Propheten erwartete; wie Lukian schreibt, musste Alexander auf Haarverlängerungen zurückgreifen, doch diese sahen so täuschend echt aus, dass »die meisten Leute nicht bemerkten, dass [sein Haar] nicht sein eigenes war«.[35]

Sobald er sein Aussehen perfektioniert hatte, machte sich Alexander, dieser »unübertroffene Schurke«, auf den Weg zu seinen »Opfern«, wie Lukian sie nennt, und reiste in eine besonders hinterwäldlerische Gegend, um dort nach Menschen zu suchen, wie Lukian sie als wesentlichen Bestandteil einer jeden neuen Religion ansah, nämlich »Holzköpfen« und »Einfaltspinseln«, die sich leicht dazu überreden ließen, ihm zu folgen. Ein Mann musste damals nichts weiter tun, als in irgendeinem Provinznest aufzutauchen, so Lukian, und Blödsinn zu erzählen, und schon starrten die Einheimischen ihn an, »als wäre er ein Gott vom Himmel«.[36]

Lukians Alexander ist durchaus unterhaltsam, aber der für moderne Leser interessantere antike Wundertäter ist Apollonios, da so viele der Geschichten, die man über ihn erzählte, ganz ähnlich klingen wie das, was wir über Jesus zu wissen glauben. Sie sind sogar fast im selben Jahr geboren. Jesus kam schätzungsweise zwischen 6 v. Chr. und 4 v. Chr. zur Welt; bei Apollonios weiß man es auch nicht genau, nimmt aber an, dass er zwischen 4 oder 3 v. Chr. und den »frühen Jahren« des 1. Jahrhunderts n. Chr. geboren wurde; wobei es auch Historiker gibt, die – und das zeugt davon, wie vage seine Geschichte ist – sein Geburtsjahr später ansetzen, um 30 oder 40 n. Chr. herum.[37] Es ist also gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass sie – zumindest einige Jahre – gleichzeitig lebten. Und wie die antiken Kritiker des Christentums voller Enthusiasmus feststellten, war der Lebenslauf beider Männer von Geburt an voll erstaunlicher Ähnlichkeiten.

Mindestens ein antiker Autor hat anscheinend einen aufwendigen Punkt-für-Punkt-Vergleich der Lebensläufe der beiden Männer vorgenommen. Der Text hat wie so viele Schriften, die dem Christentum kritisch gegenüberstanden, die Zeit leider nicht überdauert. Doch bereits ein kurzer Blick auf das Leben von Jesus und von Apollonios zeigt, dass ein solches Unterfangen gar nicht weiter schwierig gewesen wäre, denn die Gemeinsamkeiten liegen auf der Hand. Man nehme nur die jeweilige Geburt. Als die Mutter von Apollonios von Tyana schwanger war – so heißt es in seiner erhaltenen Biografie –, erschien ihr ein göttliches Wesen, aber sie fürchtete sich nicht, und sie erfuhr, dass sie mit einem Gott schwanger war.[38] Ganz ähnlich war es bei Maria, der Mutter von Jesus, der ein Engel erschien: »Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.« Auch Maria erfährt, dass sie einen Sohn empfangen wird: »Der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden.«[39] In den Evangelien wird die Geburt Jesu durch einen Stern angezeigt, die Geburt von Apollonios markierte ein Blitz am Himmel.[40]

Ihr späteres Leben weist weitere Ähnlichkeiten auf. Als die Männer erwachsen werden, führen beide ein unstetes Leben, ziehen durch die Lande, predigen und scharen eine große Zahl von Anhängern um sich. Als Apollonios in einer Stadt eintrifft, »blieben nicht einmal die Handwerker bei ihrer Arbeit, sondern folgten ihm nach«.[41] Bei Jesus sind es die Fischer, die ihre Arbeit ruhen lassen. »Folget mir nach!«, sagt Jesus zu den Fischern, und siehe da: »Alsbald verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.«[42]

Sowohl Apollonios als auch Jesus erwecken Tote zum Leben. Apollonios’ Wunder beginnt damit, dass er durch Rom spaziert und ihm ein Trauerzug mit der Leiche einer jungen Frau auf einer Totenbahre begegnet. In den Evangelien erlebt Jesus etwas ganz Ähnliches: »Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn war seiner Mutter, und sie war eine Witwe; und viel Volks aus der Stadt ging mit ihr.«[43]

Apollonios sagt der Menge, man solle die tote Frau auf den Boden legen, bald werde man nicht mehr um sie weinen müssen. In der Bibel spricht Jesus gezielt die Mutter an, aber die Botschaft ist ähnlich: »Und da sie der Herr sah, jammerte ihn derselben, und er sprach zu ihr: Weine nicht!«[44]