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KGI - Düstere Vergangenheit E-Book

Maya Banks

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Beschreibung

Spannung, Action und heiße Leidenschaft

Joe Kelly lebt für KGI und seine Missionen, dafür riskiert er Kopf und Kragen. Eine Beziehung will er nicht. Doch als seine Schwester einer Freundin zu einer neuen Identität verhilft und sie zu ihrem Schutz mit nach Hause bringt, ist es um Joe geschehen. Zoe fasziniert ihn wie niemand zuvor und er verliert sein Herz an die geheimnisvolle Frau. Aber als Zoes dunkle Vergangenheit sie einholt und ihr Leben in Gefahr ist, muss Joe alles riskieren, um sie und sein Glück zu retten ...

"Maya Banks zieht alle Register und lässt ihre Leser mitleiden, mitfiebern und mitlieben." USA Today

Band 11 der erfolgreichen KGI-Serie von Spiegel-Bestseller-Autorin Maya Banks

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Seitenzahl: 478

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Inhalt

Cover

Titel

Zu diesem Buch

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Epilog

Die Autorin

Die Romane von Maya Banks bei LYX

Impressum

Maya Banks

KGIDüstere Vergangenheit

Roman

Ins Deutsche übertragen von Richard Betzenbichler

Zu diesem Buch

Joe Kelly lebt für KGI und seine Missionen, dafür riskiert er Kopf und Kragen. Eine Beziehung will er nicht. Doch als seine Schwester einer Freundin zu einer neuen Identität verhilft und sie zu ihrem Schutz mit nach Hause bringt, ist es um Joe geschehen. Zoe fasziniert ihn wie niemand zuvor und er verliert sein Herz an die geheimnisvolle Frau. Aber als Zoes dunkle Vergangenheit sie einholt und ihr Leben in Gefahr ist, muss Joe alles riskieren, um sie und sein Glück zu retten ...

1

ZOE. Dein Name lautet jetzt Zoe Kildare.

Immer wieder betete Zoe sich das vor, während sie auf und ab tigerte. Als sie kurz stehen blieb, um auf die Uhr zu schauen, wurde ihre Aufregung nur noch größer. Wo steckte Rusty bloß? Sie hätte längst hier sein sollen. Zoe schossen mehrere grässliche Szenarien durch den Kopf. Was, wenn Rusty enttarnt worden war? Wenn sie Rusty direkt ins Verderben geführt hatte?

Die Tür flog auf, und es gelang Zoe gerade noch, nicht überrascht und verängstigt aufzuschreien. Erleichtert sank sie in sich zusammen, als ihre College-Freundin, Rusty Kelly, mit einem Stapel Mappen und einigen losen Blättern in der Hand hereingestürmt kam.

Rusty ließ alles auf den Couchtisch fallen, schlang die Arme um Zoe und zog sie fest an sich. Die beiden Frauen hielten sich eine Weile fest, dann machte sich Rusty schließlich los und musterte Zoe, als wolle sie abschätzen, wie es ihr ging.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie besorgt.

Zoe schluckte und nickte, obwohl ihr Tränen in die Augen zu treten drohten.

Rusty nahm sie erneut so fest in die Arme, dass sie ihr fast die Rippen brach, und Zoe klammerte sich genauso fest an ihre Freundin. Dann schob Rusty sie zur Couch, drückte sie hinunter, setzte sich ihr schräg gegenüber und griff nach ihren Händen.

„Ist dir irgendjemand gefolgt?“, fragte Rusty eindringlich. „Ist dir irgendetwas Außergewöhnliches aufgefallen oder hattest du das Gefühl, dass dich irgendwer beobachtet?“

Zoe schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Ich war vorsichtig. Ich habe alles so gemacht, wie du es mir gesagt hast. Ich habe es so aussehen lassen, als wäre ich auf dem Weg nach Westen, nach Kalifornien.“

Rusty nickte zufrieden. „Das ist gut, aber wir können es uns nicht leisten, Zeit zu verlieren, und wir dürfen uns auch nicht fälschlicherweise in Sicherheit wiegen. Du bist hier aufs College gegangen, und du kennst dich in der Stadt aus, also ist es nur logisch, dass du hierherkommen würdest.“

„Ich kann hier nicht bleiben“, sagte Zoe mit erstickter Stimme.

„Nein, das kannst du nicht“, erwiderte Rusty ruhig. „Du musst mir ein paar Fragen beantworten, Stel… Ich meine, Zoe. Verdammt. Wir können es uns nicht leisten, Fehler zu machen. Du musst die ganze Zeit wachsam und auf der Hut sein. Du darfst auf keinen Fall auf deinen richtigen Namen reagieren. Du darfst weder zusammenzucken, noch irgendeine andere Reaktion zeigen. Du musst so tun, als würdest du annehmen, dass eine andere Person gemeint ist. Und du musst dir deinen falschen Namen völlig zu eigen machen und so tun, als hießest du schon seit deiner Geburt so.“

Zoe nickte und klammerte sich fester an Rustys Hände. Ihr Herz fühlte sich an, als müsse es gleich zerspringen. Seit sie vor sechs Tagen Sebastian — oder wer immer er sein mochte — zufällig bei einem Gespräch belauscht hatte, war keine Minute vergangen, in der die Angst sie nicht wie ein lebendes Etwas fest im Griff gehabt hätte. Ihr gesamtes Leben war an jenem Tag auf den Kopf gestellt worden, als sie fassungslos dagestanden und begriffen hatte, was für ein leichtgläubiger, naiver Dummkopf sie war. Immer gewesen war.

„Zoe ist ein Name, der mir sehr vertraut ist“, gestand sie und senkte peinlich berührt den Blick. „Als Kind habe ich mich so schrecklich isoliert gefühlt … so allein, dass ich mir eine Freundin ausgedacht habe. Zoe. Zoe Kildare. Andere Freundinnen hatte ich nicht. Ich war eine Fremde im eigenen Haus. Mein Vater hat meine Gegenwart kaum jemals zur Kenntnis genommen.“

Sie schwieg, denn wieder kamen ihr die Tränen. Verdammt. Sie würde ihrem Vater oder einem Dreckskerl wie Sebastian keine Träne mehr hinterherweinen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie irgendjemandem etwas bedeutet, wieso hätte sie also auch nur einen Moment lang glauben sollen, dass sie dem Mann etwas bedeutete, der ihr Liebhaber geworden war? Ein Mann, den sie lachend hatte sagen hören, was für eine Arbeit es sei, eine Verliererin wie sie zu vögeln. Bei der Erinnerung daran wand sie sich vor Scham und Erniedrigung.

„Oh Liebes“, sagte Rusty, der jetzt ebenfalls Tränen in den Augen standen.

Zoe schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander. „Sie sind deine Tränen nicht wert, und meine auch nicht. Also los, welche Fragen wolltest du mir stellen?“

Rusty seufzte, konzentrierte sich aber sogleich wieder auf das Nächstliegende. „Hast du jemals, bei irgendeiner Gelegenheit, mich, meinen Namen oder irgendetwas über mich erwähnt, Sebastian gegenüber oder deinem Vater oder irgendjemandem sonst? Denk gründlich nach, Zoe. Dies ist wichtig.“

Zoe runzelte die Stirn und überlegte. Aber nein. Sie hatte Rusty auf keinen Fall irgendeiner Gefahr aussetzen wollen — Rusty war ihre erste und einzige wirkliche Freundin. Der einzige Mensch in ihrem ganzen Leben, der unverstellt und treu war. Als Antwort auf Rustys Frage schüttelte sie den Kopf.

„Bist du dir hundertprozentig sicher?“, hakte Rusty nach.

„Mit meinem Vater habe ich so gut wie gar nicht geredet“, erwiderte Zoe bitter. „Und wenn ich mit Sebastian zusammen war, haben wir nie über mein Leben außerhalb unserer ‚Beziehung‘ gesprochen. Ich hatte zu viel Angst, er könne irgendetwas über mich herausfinden … wer ich bin … und würde mich dann hassen, ohne zu ahnen, dass er es die ganze Zeit wusste.“

Rusty wirkte erleichtert. Sie lächelte, und ihre Augen funkelten triumphierend. „Mach dir keine Sorgen. Ich habe den perfekten Plan.“

Zoe sah sie verwirrt an, doch Rusty wandte sich ab und sammelte die Mappen ein, die sie mitgebracht hatte. Eine nach der anderen breitete sie vor der verblüfften Zoe aus.

„Hier wäre als Erstes dein Führerschein. Du bist übrigens aus Chicago. Hier sind deine Geburtsurkunde, dein Pass und dein Sozialversicherungsausweis. Oh, und Kreditkarten mit bereits weit zurückreichenden Zahlungsvorgängen. Den Käufen nach zu urteilen, hast du eine Vorliebe für Bücher und Wein und für Kleidung. Du fährst total auf Klamotten und Schuhe ab. Du hast sogar einen Facebook- und einen Twitteraccount, die beide seit Jahren bestehen. Hast du auch nur die geringste Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um mir belanglose Details aus deinem Leben auszudenken und sie zu posten und dann auch noch eine Reihe von Freunden zu erfinden? Oh, und du hast außerdem eine lange Einkaufsgeschichte bei Amazon, einschließlich eines Kindles und jeder Menge E-Books. Du bist ein begeisterter Fan von Kochbüchern, Liebesromanen und Science Fiction.“

Zoe starrte sie ungläubig an. Dann wiederholte sie eins der letzten Worte, die Rusty gesagt hatte. „Kochbücher?“ Sie fing hysterisch an zu lachen. „Ich kann nicht mal Wasser kochen!“

Rusty zuckte mit den Schultern. „Einzelheiten. Du musst ja niemandem deine kulinarischen Fähigkeiten beweisen, und was Besseres ist mir in der Kürze der Zeit nicht eingefallen.“

Zoe starrte sie mit offenem Mund an. „Rusty, wie um alles in der Welt hast du das bewerkstelligt? Ist das nicht … illegal?“

Rusty machte keinen sonderlich besorgten Eindruck. „Was soll ich sagen? Ich habe nun mal enormes technisches Talent und bin eine supergute Hackerin. Diesmal bin ich sogar selbst von mir beeindruckt.“

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist …“

Rusty grinste sie spitzbübisch an. „Brillant? Genial?“ Sie tat so, als würde sie über ihre Nägel pusten, während ihre Augen teuflisch funkelten. „Ach, du hast übrigens nach deinem Bachelor auch noch ein MBA-Studium an der DePaul University absolviert. Ich wollte, dass dein Lebenslauf nicht die geringste Ähnlichkeit mit deinem früheren hat.“

„Ich glaube, du machst mir gerade ein bisschen Angst“, sagte Zoe. Dennoch war sie nicht mehr so panisch, wie sie es die ganze Zeit über gewesen war, seit sie von ihrem Freund, diesem Mistkerl, gehört hatte, welches Schicksal ihr bevorstand. Zum ersten Mal empfand sie wieder so etwas wie … Hoffnung.

Rusty verdrehte die Augen. „Nur gut, dass du niemandem erzählen kannst, was ich gemacht habe. Meine arroganten Brüder würden sowieso nie glauben, dass ich mehr Ahnung von so etwas habe als mein Bruder Donovan, der Nerd-Gott. Ganz zu schweigen von einem gewissen Arschloch-Sheriff, der mich noch mal ins Grab bringen wird und der all die Jahre keine Gelegenheit ausgelassen hat, mich zu demütigen und zu beleidigen. Bis er dann unerklärlicherweise auf die Idee kam, mir den fantastischsten Kuss meines Lebens zu geben. Nicht dass es bisher so viele gewesen wären.“

Zoe sah sie mitfühlend an. Sie war die Einzige, der Rusty von ihrer Hassliebe zu Sean Cameron, dem Sheriff des County, in dem sie wohnte, erzählt hatte.

„Was Männer angeht, sind wir offenbar beide Versagerinnen“, sagte sie kläglich.

„Nein, Schwester. Nicht wir sind die Versager. Die Männer sind es“, erwiderte Rusty nachdrücklich.

„Da hast du recht“, murmelte Zoe.

Rusty beugte sich vor, drückte ihr die Hände und sah sie voller Mitgefühl an. „Er ist ein Arschloch, Zoe. Er ist es nicht wert, dass du ihm hinterhertrauerst. Du hast nichts Falsches getan. Er hat dich gelinkt. Das geht auf sein Konto, nicht auf deins.“

„Deshalb komme ich mir nicht weniger blöd vor“, murmelte Zoe.

„Tja, willkommen im Klub. Ich hätte Sean die Zähne ausschlagen sollen, als er die Nummer abgezogen hat. Vor allem als er sich auch noch entschuldigt und gesagt hat, dass das niemals hätte passieren dürfen. Aber neiiiin. Ich habe dagestanden wie eine Idiotin. Himmel, ich schäme mich noch heute und gehe ihm immer möglichst großräumig aus dem Weg.“

„Also, du hast gesagt, du hättest den perfekten Plan.“ Zoe lenkte Rusty von dem Thema ab, das für sie eindeutig mit schmerzhaften und peinlichen Erinnerungen behaftet war.

Rustys Augen begannen zu funkeln. Sie lächelte. „Ich habe den perfekten Plan. Du kommst mit zu mir nach Hause und bleibst eine Zeit lang bei uns. Du weißt schon. Eine Freundin, die ich bei einer Konferenz am College kennengelernt habe und mit der ich in Kontakt geblieben bin. Marlene und Frank werden dich lieben und dich behandeln, als würdest du zur Familie gehören.“

Zoe sah sie beunruhigt an. „Das ist keine gute Idee, Rusty. Ich will nicht, dass du oder deine Familie euch irgendeiner Gefahr aussetzt. Du bist bereits ein viel zu großes Risiko eingegangen.“

Zu Zoes Überraschung fing Rusty an zu lachen. „Ich stelle fest, wir haben beide trotz unserer Freundschaft unsere Geheimnisse gehütet — du die Tatsache, dass dein Vater eine wichtige Rolle im organisierten Verbrechen spielt, und ich? Nun, sagen wir mal so: Bis uns was Besseres einfällt, gibt es keinen sichereren Ort als bei meiner Familie. Der Typ hat keine Chance gegen meine Brüder, ganz zu schweigen von all den Leuten, die für sie arbeiten.“

Zoe runzelte fragend die Stirn.

Rusty zählte ihre Argumente an den Fingern ab. „Abgesehen von der Tatsache, dass der Arschloch-Sheriff unsere Familie immer im Auge hat — er ist ein adoptiertes Familienmitglied, genau wie ich —, sind meine Brüder hauptberuflich Raufbolde. Sie waren alle beim Militär, und nur ein Vollidiot würde sich jemals mit ihnen anlegen. Und sobald du als meine Freundin mit mir nach Hause kommst, darfst du dich als Mitglied des Kelly-Clans betrachten. Sein Motto lautet: ‚Niemand legt sich mit den Kellys an.‘ Und glaub mir, Schwester, das ist keine Großkotzigkeit.“

„Was um Himmels willen machen sie denn? Ich meine, abgesehen davon, dass sie sich als Raufbolde ihren Lebensunterhalt verdienen und beim Militär waren?“

„Sie haben eine Organisation, die eine große Bandbreite an Dienstleistungen anbietet, von Personenschutz über Geiselbefreiung bis hin zu Einsätzen, an denen sich die Regierung nicht die Hände schmutzig machen will, aber keine Hemmung hat, KGI die dreckige Arbeit tun zu lassen, solange nur das gewünschte Ziel erreicht wird. Zu ihren Aufgaben gehört es, Flüchtige zu ergreifen, Rettungsaktionen durchzuführen und Terrororganisationen zu sprengen. Und nebenbei lernen sie dann auf ihren Missionen auch noch die Liebe ihres Lebens kennen.“

Zoe sah sie durchdringend an. „Du machst Witze, oder?“

Rusty schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn ich sage, dass sie die ultraknallharten Typen sind, übertreibe ich ganz und gar nicht. Warte, bis du sie kennenlernst.“

„Hm, vielleicht ist das keine so gute Idee“, murmelte Zoe. „Mir wäre wohler, wenn ich die meiste Zeit allein wäre.“

Rusty zuckte mit den Schultern. „Wenn du mit zu mir kommst, lässt es sich nicht umgehen, dass du sie über kurz oder lang kennenlernst. Sei einfach du selbst und verhalte dich unauffällig. Wenn du dich seltsam benimmst oder nervös wirkst, werden sie misstrauisch werden, und das ist das Letzte, was wir wollen.“

„Dann wirst du ihnen also nichts von … mir erzählen? Ich meine, die Wahrheit?“

Rustys Gesichtsausdruck wurde ernst. „Ich würde niemals dein Vertrauen missbrauchen, Zoe. Du bist meine Freundin, und sie brauchen nicht mehr zu wissen, als dass wir Freundinnen sind, die sich am College kennengelernt haben, und du mich besuchst, damit wir gemeinsam überlegen können, was wir mit unseren Abschlüssen und unserer Zukunft anfangen wollen. Je weniger sie wissen, desto besser. Außer uns beiden braucht im Grunde niemand jemals die Wahrheit zu erfahren. So etwas geht immer schief. Ich sorge dafür, dass du am Leben bleibst, egal was nötig wird. Ich lasse nicht zu, dass dich dieses Arschloch in die Finger bekommt.“

Zoe holte tief Luft. „Okay, und wann brechen wir auf?“

2

„Wir sind fast da“, sagte Rusty fröhlich, als sie auf der Brücke über den Kentucky Lake waren.

„Es ist schön hier“, flüsterte Zoe. „Es wirkt so ruhig und friedlich. Hier herrscht nicht so eine Hektik wie in großen Städten. Sind die Leute hier nett?“

Rusty zog die Nase kraus. „Die meisten schon. Ich meine, wie alle kleinen Städte haben wir ein paar neugierige Wichtigtuer, die nichts Besseres zu tun haben, als anderen Leuten das Leben schwerzumachen, aber die Kellys genießen in dieser Gegend viel Respekt. Frank besitzt in Dover eine Eisenwarenhandlung, und seine und Marlenes Söhne haben, wie ich dir bereits erzählt habe, alle bei verschiedenen Teilstreitkräften des Militärs gedient. Ich bin auf der anderen Seite der Stadt aufgewachsen. Weißer Abschaum, Unruhestifter, Verlierer, such dir was aus. Mein Leben hat sich erst geändert, als ich bei Frank und Marlene eingebrochen bin, weil ich Hunger hatte und mein Stiefvater, dieses Arschloch, nur interessiert daran war, wo er seine nächste Dröhnung herbekam. Wählerisch war er nicht. Alkohol, Drogen, womit auch immer man sich am schnellsten betäuben konnte. Sich um seine Stieftochter zu kümmern, die ihm von seiner Frau, dieser Schlampe, aufs Auge gedrückt worden war, gehörte nicht gerade zu seinen Prioritäten. Freiwillig wäre ich keine einzige Nacht bei ihm geblieben, aber ich wusste nicht, wohin, und ich war damals zu jung, um älter auftreten zu können. Man hätte mich sofort in eine Pflegefamilie gesteckt, also war mein Stiefvater das kleinere Übel. Immerhin kannte ich ihn und wusste, wie ich ihm am besten aus dem Weg ging.“ Sie zog eine Grimasse. „Meistens jedenfalls.“

„Himmel, Rusty. Mein Leben war nicht gerade umwerfend, aber ich wurde nicht missbraucht und hatte immer genug zu essen. Mein Vater hat dafür gesorgt, dass ich immer von allem das Beste bekam. Vermutlich, damit ich ihn nicht noch mehr in Verlegenheit brachte, als ich das ohnehin schon tat. Ich meine, es war offensichtlich, dass meine eigene Mutter keine Verwendung für mich hatte. Sie ist abgehauen und hat sich nicht die Mühe gemacht, ihre Tochter mitzunehmen.“

Rusty verzog mürrisch das Gesicht. „Ich sehe da keinen großen Unterschied zwischen uns beiden. Wir waren beide unerwünscht, und das macht eine Menge mit einem Kind, wie wir beide bezeugen können.“

„Das stimmt“, gab Zoe ihr recht.

„Ich habe riesiges Glück gehabt“, fuhr Rusty fort. Ihre Gesichtszüge entspannten sich, und ihre Augen strahlten vor Liebe und Stolz. „Marlene und Frank sind unglaublich gute Menschen. Marlene hat mich aufgenommen, ohne Fragen zu stellen, und dann hat sie Klartext mit meinem Stiefvater, diesem Arschloch, geredet und dafür gesorgt, dass ihm dauerhaft das Sorgerecht entzogen wurde. Als ich achtzehn wurde, haben sie mich sogar adoptiert. Sie wollten, dass ich mir ganz sicher sein konnte, dauerhaft ein Mitglied ihrer Familie zu sein. Ihre Tochter.“

„Sie müssen großartig sein“, erwiderte Zoe sehnsüchtig.

„Warte, bis du sie kennengelernt hast.“ Rusty lächelte. „Spätestens nach einem Tag wird dich Marlene als zur Familie gehörig betrachten. Meine Brüder ziehen sie immer auf wegen ihrer Neigung, ‚Streuner‘ bei sich aufzunehmen. Mit Streunern meinen sie all die Leute, die Marlene im Laufe der Jahre in die Familie aufgenommen hat. Es ist unmöglich, Frank und sie nicht zu lieben.“

„Das klingt zu gut, um wahr zu sein“, entgegnete Zoe.

„Sie sind wirklich so. Du wirst es ja gleich erleben.“

Zoe wickelte sich nervös die langen Haare um die Finger und betrachtete sich im Seitenspiegel.

„Ich bin mir nicht sicher mit dieser ganzen Verkleidung, Rusty. Es fühlt sich einfach nicht wie ich an.“

Rusty lachte. „Genau darum geht es doch.“ Aber dann schien sie zu spüren, wie zutiefst unwohl Zoe sich fühlte, und sie legte die Hand auf die ihrer Freundin und drückte sie beruhigend. „Blond steht dir super. Deine roten Haare schwarz zu färben, wäre zu riskant gewesen. Die Wurzeln wären auffälliger gewesen, allerdings müssen wir auch so gut aufpassen und die Haare regelmäßig nachfärben. Du warst so gar nicht die typische Rothaarige, insofern wird es lange nicht so auffällig sein, selbst wenn an den Wurzeln deine ursprüngliche Farbe durchscheint.“

„Und die Extensions?“, fragte Zoe zweifelnd.

„Denk doch mal nach. Du hattest schulterlanges Haar. Was würden die meisten Leute tun, wenn sie ihr Äußeres verändern wollen? Sie würden es abschneiden lassen, weil ihr Haar nicht schnell genug wächst, um eine überzeugende Verkleidung darzustellen. Damit, dass wir dein Haar zwanzig Zentimeter länger gemacht haben, verleihen wir deiner neuen Identität mehr Glaubwürdigkeit, und niemand kann auch nur ahnen, dass es Extensions sind. Es sieht absolut natürlich aus. Deshalb hat die Prozedur auch so lange gedauert. Ich musste es perfekt hinbekommen, und auch das müssen wir mit schöner Regelmäßigkeit wiederholen. Nachlässigkeit gibt es nicht.“

Zoes Mund verzog sich zu einem schwachen Lächeln. „Du sagst immer ‚wir‘, als wolltest du die ganze Zeit auf mich aufpassen.“

Rustys Gesichtsausdruck wurde grimmig. „Wenn ich kann, werde ich genau das tun, bis mir etwas einfällt, wie wir dich aus dem Schlamassel herausbekommen und dieses Arschloch loswerden, das dich umbringen will.“

„Trotzdem, ich weiß nicht, ob ich dieses nette, natürliche Mädchen von nebenan, das du aus mir zu machen versuchst, spielen kann“, wandte Zoe ein.

Rusty seufzte hörbar und warf ihr einen Blick zu, der eine Mischung aus Gereiztheit und Bedauern war.

„Versteh mich nicht falsch, Zoe. Dies soll keine Kritik an dir sein. Mir ist durchaus bewusst, was für hohe Maßstäbe dein Vater an dich angelegt und wie er damit dein ganzes Leben bestimmt hat. Du warst rund um die Uhr wie aus dem Ei gepellt. Du warst der Inbegriff von Reichtum und Vornehmheit. Himmel, du hast nie auch nur einen Schritt aus deiner Wohnung gemacht, ohne deine Sommersprossen mit Make-up zu kaschieren, weil dein Vater sie als Unvollkommenheit betrachtet hat. Mit der Zeit hat er es geschafft, dass du sie genauso betrachtet hast, genau wie alles andere auch. Er hat dich in eine Schublade gesteckt, bis du selbst geglaubt hast, du wärest nicht in Ordnung, so wie du bist. Du hast doch selbst gesagt, dass das Arschloch, mit dem du zusammen warst, von deinen Sommersprossen nichts wusste. Man hat dir nie gestattet, einfach du zu sein. Und, Zoe, hör gut zu, was ich jetzt sage. Du, diejenige, die du wirklich bist? An der ist nichts verkehrt. Du bist schön, und dafür brauchst du weder tolle Kleidung noch Make-up oder Schmuck. Aber im Moment wirkt sich deine Besessenheit, jeden vermeintlichen Makel zu verbergen, zu unseren Gunsten aus. Dadurch hast du jetzt ein anderes Gesicht, ohne Make-up, mit ein paar Sommersprossen auf dem Nasenrücken. Die sehen total entzückend aus. Du ähnelst nicht mehr im Geringsten der edlen Modetussi, die du dein ganzes Leben lang warst. Mit den ausgebleichten Jeans, den hübschen Oberteilen, den Halbschuhen und den Flipflops würde niemand die Person erkennen, die du mal warst. Du hast dir nur erlaubt, diejenige zu sein, die du immer schon warst. Wirklich du und nicht irgendeine Verkleidung, die man dir die meiste Zeit deines Lebens aufgezwungen hat. Vertrau mir, dein jetziges Äußeres, die Person, die du jetzt darstellst, ist eine idiotensichere Tarnung, weil sie nicht im Geringsten eine Täuschung darstellt. Sie ist hundertprozentig echt und entspricht dem Menschen, der du immer schon warst.“

Zoe brannten die Augen vor mühsam zurückgehaltenen Tränen. Rasch blinzelte sie sie weg, während Rustys leidenschaftliche Worte einsanken und sie an verletzlichen Stellen trafen, die sie nie jemandem zu zeigen gewagt hatte.

„Ich klinge eitel und undankbar“, sagte Zoe, die sich mehr und mehr zu schämen begann. „Aber ich schwöre, das bin ich nicht, Rusty. Ich bin nur völlig verängstigt, nicht nur meinetwegen, sondern auch deinetwegen. Du hast alles riskiert, um mir zu helfen, und ich kann nicht anders, als mich dauernd zu fragen, was passiert, wenn sie Wind von dir bekommen oder dich schnappen. Ich wüsste nicht, wie ich mit dem Wissen leben sollte, dass man dich verletzt oder getötet hat, weil du für mich ein zu hohes Risiko eingegangen bist.“

Zoe packte ihre Hand so fest, dass Rusty sich behutsam aus ihrem verängstigten Griff befreien musste. Voller Verständnis, Liebe und Freundschaft sah sie Zoe an, bis dieser die Tränen in die Augen traten.

„Du bist meine beste Freundin“, sagte Rusty ernst. „Ich würde dich niemals im Stich lassen. Außerdem verfüge ich über irre Fähigkeiten. Nicht einmal meine Brüder wären in der Lage, die Wahrheit über deine Vergangenheit herauszufinden, und das heißt eine Menge, wenn man bedenkt, womit sie ihr Geld verdienen. Normalerweise nervt es mich, dass sie mich dauernd unterschätzen oder so überfürsorglich sind, dass sie mich am liebsten in Watte packen würden, wie sie das mit ihren Ehefrauen machen, und mich niemals allein in die Welt hinausgehen lassen wollen. Himmel, du hättest die Einwände hören müssen, als ich nach dem zweiten Studienjahr nicht mehr auf dem Campus wohnen, sondern mir eine Wohnung in der Umgebung suchen wollte. Man hätte meinen können, der Weltuntergang naht. Oder damals, als ich zu einem meiner Brüder im Spaß gesagt habe, dass Frauen, die zur Universität gehen, einen Selbstverteidigungskurs ableisten müssen und ich mich deshalb selbst zur Wehr setzen könnte … sofort wollte er wissen, welche Arschlöcher mir Probleme machen. Er hat damit gedroht, ihnen eine unvergessliche Lektion zu erteilen.“

Rusty verdrehte die Augen, was Zoe zum Lachen brachte.

„Ich weiß nicht“, sagte Zoe wehmütig. „Es muss herrlich sein, eine Familie zu haben, die einen so sehr liebt und sich so um einen kümmert.“

Sofort machte Rusty ein betrübtes Gesicht. „Himmel, bin ich bescheuert. Ich wollte nicht, dass du dich mies fühlst.“

„Sei still“, erwiderte Zoe energisch. „Entschuldige dich ja nicht dafür, dass du so eine großartige Familie hast, nur weil ich, wenn man es genau betrachtet, keine hatte. Außerdem … wenn es stimmt, was du sagst, werde ich schon bald mitbekommen, was es heißt, eine richtige Familie zu haben.“

„Du darfst nur eins nicht vergessen“, sagte Rusty in einem Ton, der Zoes Meinung nach ihre beste Version einer schulmeisterlichen Belehrung war. „Nichts von deinem üblichen Make-up, keine Designerklamotten. Du musst dich so verhalten, wie du aussiehst. Wie ein offenherziges, unschuldiges, typisch amerikanisches Mädchen von nebenan, das Jimmy Choo für ein Restaurant hält und nicht für einen abartig teuren Schuh.“

Zoe lachte laut auf. „Das kriege ich hin. Das wird nett, endlich mal ich selbst sein zu dürfen und keine aufgetakelte Barbiepuppe unter ständiger Kontrolle meines Dads. Der hat sich immer nur daran erinnert, dass er eine Tochter hat, wenn er ihr vorgeschrieben hat, was sie anziehen und wie sie sich verhalten und wo sie hingehen und nicht hingehen soll.“

„Du wirst das alles überstehen“, versprach Rusty ihr. „Ich habe nicht auf alles eine Antwort. Noch nicht. Aber fürs Erste möchte ich nur, dass du dich entspannst und es genießt, bei meiner Familie und mir zu sein, und dass du das Arschloch, das dich umbringen will, zu vergessen versuchst. Hier kann er dir nichts tun, meine Liebe. So viel kann ich dir versprechen.“

Sie bogen in die kurvige Landstraße ein, die am See entlangführte, und wenige Minuten später stand Rustys Jeep vor einem riesigen Sicherheitstor, bei dessen Anblick Zoe die Augen aufriss. Als Rusty das Fenster hinuntergleiten ließ und in den Augenscanner schaute, fiel Zoe endgültig die Kinnlade herunter.

„Ich habe dir doch erzählt, was meine Brüder machen“, sagte Rusty achselzuckend. „Sie nehmen die Sicherheit unserer Familie sehr ernst. Sie haben sich im Laufe der Jahre ein paar Feinde von der nicht so angenehmen Sorte gemacht, und bevor die Anlage ganz fertig war, ist sogar eine meiner Schwägerinnen vom Gelände weg entführt worden. Also glaub mir, wenn ich dir sage, dass hier niemand rein- oder rauskommt, ohne dass sie das wissen.“

Zum ersten Mal, seit ihre ganze Welt zusammengebrochen war, begann Zoe so etwas wie Hoffnung zu verspüren. Vielleicht hatte Rusty recht. Vielleicht war dies wirklich der absolut sicherste Ort, um eine Zeit lang abzutauchen. Als sie an einer Landebahn, einem Schießstand und zwei Gebäuden vorbeikamen, die, wie Rusty ihr erklärte, die Einsatzzentrale und die Krankenstation waren, bekam Zoes Hoffnung weitere Nahrung. Nicht einmal ihr Vater verfügte über Mittel, wie die Kellys sie offenbar hatten.

Kurz darauf fuhren sie vor einem großen, zweistöckigen Haus vor, das, obwohl neu, einen auf eine Zeitreise in eine andere Ära zu entführen schien. Der Inbegriff eines Südstaatenhauses, komplett mit entzückenden Mansardenfenstern und einer umlaufenden Veranda mit Schaukelstühlen und einer Hollywoodschaukel.

„Das ist Franks und Marlenes Haus“, erklärte Rusty. „Meine Brüder und ihre Frauen haben alle Häuser hier auf dem Gelände. Es hat einige Zeit gedauert, bis Sam, mein ältester Bruder, meine Eltern zum Umziehen bewegen konnte, aber jetzt sind sie hier. Sie haben einen Architekten engagiert, der ein exaktes Duplikat ihres alten Hauses gezeichnet hat, was die zweitbeste Möglichkeit war, das alte Haus hier wiedererstehen zu lassen. Der einzige verbliebene Verweigerer ist Joe. Nathan und er sind Zwillinge, außerdem die Jüngsten. Jedenfalls waren sie das, bis ich daherkam“, fügte sie grinsend hinzu. „Er ist der letzte Junggeselle und verbringt die meiste Zeit, in der er nicht auf einer Mission ist, damit, sich Marlenes Verkupplungsversuchen zu entziehen.“

„Sind deine Brüder oft weg?“, fragte Zoe neugierig.

„Kommt drauf an.“ Rusty stieg aus und ging wie Zoe zum Kofferraum, um ihre Taschen herauszuholen. „Im Moment ist es eher ruhig, aber das kann sich jederzeit ändern. Sie haben drei Teams und stellen gerade noch neue Leute ein und trainieren sie. Normalerweise wechseln sich die Teams mit den Missionen ab, damit alle zwischen den Einsätzen genügend Erholung bekommen, aber wenn es knüppeldick kommt, müssen alle drei Teams auf einmal los.“

Zoe machte große Augen. „Das will ich mir lieber gar nicht erst vorstellen.“

„Da gewöhnst du dich schon noch dran“, erwiderte Rusty wegwerfend. „So läuft das hier nun mal. Jemandem, der nicht zur Familie gehört, erscheint unsere Lebensweise vielleicht bizarr, aber für uns ist das Alltag. Tatsache ist, es fühlt sich komischer an, wenn nichts los ist und wir ein ganz normales Leben führen.“

„Irgendetwas sagt mir, dass du mich mit einer Menge Geschichten unterhalten könntest“, sagte Zoe und sah Rusty fragend an.

Rusty lachte. „Oh Mann, und wie! Eines Tages erzähle ich dir alles. Aber jetzt schauen wir erst mal, dass du dich hier einrichtest.“

Als Zoe hörte, wie eine Tür geöffnet wurde, und Rusty auf einmal strahlend lächelte, drehte sie sich zur Eingangstür um. Eine ältere Frau kam herausgeeilt, und Rusty ließ sofort die Koffer fallen und warf sich ihr in die Arme. Noch nie hatte Zoe Rusty so enthusiastisch erlebt.

„Meine Kleine ist wieder da!“, rief die Frau, von der Zoe annahm, dass sie Marlene war, und schloss Rusty fest in die Arme.

Einen Moment später erschien ein älterer Herr, dem sich Rusty ebenfalls in die Arme warf, genau wie sie das vorher bei Marlene getan hatte.

„Schön, dass du wieder zu Hause bist, Kind“, sagte er ein wenig unbeholfen.

Zoe konnte weder ihre plötzlich aufwallende Sehnsucht unterdrücken noch die Tränen, die ihr brennend in die Augen traten. Diese beiden Menschen liebten Rusty eindeutig genauso innig wie Rusty sie. Wie es sich wohl anfühlen mochte, so bedingungslos geliebt zu werden? Auf einmal fühlte sie sich unendlich allein und wertlos. Sie senkte den Blick, denn sie konnte den Anblick dessen, was sie sich schon ihr ganzes Leben lang ersehnte, ohne es je bekommen zu haben, nicht länger ertragen.

„Mom, Pop. Ich habe euch doch von meiner Freundin erzählt, die für einige Zeit mit mir hierbleiben wird.“ Rusty drehte sich um und nahm Zoe bei der Hand. „Das hier ist Zoe Kildare.“

Sie zog Zoe zu dem älteren Paar hin, und Zoe stellte überrascht fest, dass Marlene sie mit einem ehrlichen Lächeln willkommen hieß und Frank sie sofort voller Zuneigung ansah.

„Wie schön, dich kennenzulernen, Liebes“, sagte Marlene und schockierte Zoe damit, dass sie sie genauso liebevoll in den Arm nahm, wie sie das mit Rusty gemacht hatte.

Zoe konnte Marlene nicht gleich wieder loslassen, zu intensiv war der Eindruck, dass sich so die Umarmung einer Mutter anfühlen musste. Als würde Marlene Zoes Bedürftigkeit spüren, nahm sie sie noch fester in die Arme und hielt sie einfach eine Zeit lang fest. Dann trat sie einen Schritt zurück, und sogleich fand sich Zoe in Franks kräftigen Armen wieder und wurde an seine tonnenförmige Brust gedrückt.

„Freunde von Rusty gehören bei uns zur Familie“, sagte er in jenem rauen Ton, den Zoe bereits als typisch für Rustys Stiefvater erkannt hatte. „Bleib so lange, wie du magst. Marlene wird begeistert sein, wenn noch jemand im Haus ist, den sie umsorgen kann.“

Rusty warf ihr einen Blick zu, als wolle sie sagen: „Habe ich es dir nicht gesagt?“, während Zoe völlig verblüfft dastand und nicht recht wusste, wie sie auf diese überaus herzliche Begrüßung reagieren sollte.

Marlene nahm sie bei der Hand, während Frank sich die Taschen schnappte. „Komm rein, meine Liebe. Du musst hungrig und durstig von der Fahrt sein.“

„Steig einfach drauf ein“, flüsterte Rusty Zoe zu. „Marlene stopft alle mit Essen voll, und glaub mir, du hast noch nie etwas so Leckeres bekommen wie das, was aus ihrer Küche kommt.“

Rusty führte sie eine Treppe hinauf und weiter zu einem Schlafzimmer am Ende des Flurs. Die beiden Frauen traten ein.

„Dies ist das Einzige, was im Vergleich zu dem alten Haus anders ist“, sagte Rusty lächelnd. „Ursprünglich gab es sieben Schlafzimmer, das Elternschlafzimmer und dann eins für jeden meiner Brüder. Als ich dazukam, haben nur Nathan und Joe noch zu Hause gewohnt, allerdings waren sie nur selten da, weil sie beim Militär waren. Sie sahen keinen Sinn darin, sich was Eigenes zu kaufen, wenn sie immer nur auf Kurzurlaub nach Hause kamen, also sind sie hier wohnen geblieben. Als ich dazukam, hat Marlene mir einfach eins der alten Zimmer meiner Brüder gegeben. Aber als sie das Haus nachgebaut haben, hat sie darauf bestanden, dass ich mein eigenes Schlafzimmer bekomme, obwohl es jetzt sechs unbenutzte Schlafzimmer im Haus gibt.“

Zoe sah sie verwirrt an, woraufhin Rusty lachte.

„Ich weiß, okay? Wie ich schon sagte, Joe ist der einzige Sohn, der noch nicht verheiratet ist, aber er wohnt in dem früheren Haus seines ältesten Bruders, am See außerhalb des Geländes. Alle anderen haben ein eigenes Haus, wo sie mit Frau und Kindern wohnen, aber Marlene hat darauf bestanden, dass alles so bleibt wie früher, dass jeder sein altes Schlafzimmer behält, bis hin zur Dekoration mit alten Trophäen, Auszeichnungen, Erinnerungsstücken und so weiter. Irgendwie cool, wenn man es sich recht überlegt. Sie hat gesagt, es solle immer für alle einen Ort geben, an den sie heimkehren oder wo sie sich in den Ferien treffen und in alten Zeiten und Erinnerungen schwelgen können. Das war ihr unglaublich wichtig. Und, nun ja, ich kann es ihr nicht verdenken. Alle ihre Kinder sind inzwischen flügge geworden, und dies ist ihr Weg, wie sie weitermacht und die Familie zusammen- und die Erinnerungen lebendig hält. Sie will, dass ihre Enkel sehen, wo ihre Väter groß geworden sind, will ihnen die Fotos zeigen und all das, was ihnen gehört hat, als sie noch klein waren. Man könnte vermutlich sagen, dass das Haus die greifbare Darstellung der Familiengeschichte ist.“

„Ich finde das großartig“, sagte Zoe und versuchte, den Schmerz in ihrer Stimme zu kaschieren.

„Und“, sagte Rusty und zog das Wort in die Länge. „Du schläfst hier bei mir. Allerdings nicht aus Mangel an Zimmern.“

Beide mussten sie lachen, und es dauerte einen Moment, bis Rusty weitersprechen konnte.

„Sondern weil ich nachts in deiner Nähe sein will.“ Ihre Stimme und ihr Gesichtsausdruck wurden ernst. „Du warst völlig verängstigt, Freundin, und du hattest noch überhaupt keine Zeit, dich damit auseinanderzusetzen oder gar damit fertig zu werden. Ich muss in der Nähe sein, damit Marlene und Frank, falls du Albträume hast oder schreiend aufwachst, nicht misstrauisch werden und wir uns aus einer heiklen Situation herauslügen müssen. Mir ist bewusst, dass ich sie belüge, indem ich einiges verschweige, aber ich möchte ihnen nicht direkt ins Gesicht lügen. Nach all dem, was sie für mich getan haben, will ich auf keinen Fall ihr Vertrauen missbrauchen.“

Rusty schienen die Erinnerungen an die Vergangenheit zu schmerzen, und sofort fühlte sich Zoe schuldig wegen der Dinge, die sie ihre Freundin für sich tun ließ. Beide belogen sie Rustys Adoptiveltern, weshalb Zoe sich absolut mies vorkam.

„He, schau nicht so“, sagte Rusty. „Manchmal müssen wir Dinge tun, die wir weder akzeptieren noch mögen, und in diesem Fall kann ich damit leben. Außerdem wären die beiden in einer Situation wie dieser niemals böse auf mich. Ich lüge sie ja nicht aus Bösartigkeit an oder um mich aus irgendetwas hinauszumanövrieren, was ich verbockt habe, oder weil ich mich vor der Verantwortung drücken will. Ich tue dies, um meiner Freundin das Leben zu retten, und ehrlich gesagt wären sie total enttäuscht von mir, wenn ich dir den Rücken kehren und mich weigern würde, dir zu helfen, oder einfach wegschauen würde. So sind sie nicht. Egal, um wen es sich in der Familie handelt, Frank und Marlene haben ihre Kinder und alle, die sie in die Sippe adoptiert haben, gelehrt, Stellung zu beziehen, das Richtige zu tun und selbstlos zu sein. Man kann durchaus sagen, dass es ihnen voll und ganz gelungen ist, diese Werte jedem einzelnen ihrer Kinder einzupflanzen, egal ob eigene oder nicht. Ich habe vielleicht nur etwas länger als die anderen gebraucht, bis ich das Konzept begriffen hatte“, fügte sie reuevoll hinzu.

„Hallo ihr zwei“, rief Frank vom Flur her. „Ich bringe euer Gepäck. Wenn ihr mir sagt, wohin ihr es haben wollt, dann verstaue ich es gleich für euch.“

Rusty eilte zur Tür und riss sie auf. Zoe war bereits aufgefallen, dass Rustys Gesichtsausdruck jedes Mal, wenn sie ihre Eltern auch nur sah, weicher wurde und ihre Augen liebevoll aufleuchteten.

„Danke, Pop. Stell es einfach hier hin.“ Sie deutete auf die Wand direkt hinter der Tür. „Wir packen später aus, vorher horchen wir noch ein Stündchen am Kissen. Ich könnte schwören, dass die Fahrt von Knoxville hierher von Mal zu Mal länger wird.“

Frank küsste Rusty auf die Stirn. „Deshalb musst du dir eine Stelle suchen, die nicht so weit von zu Hause entfernt ist. Ohne dich ist es hier nicht dasselbe, und deine Mutter und ich vermissen dich. Es wäre nett, wenn wir dich öfter sehen könnten, und noch besser wäre es, wenn du heiraten und Kinder bekommen würdest. Die könnten dann mit all unseren anderen Enkeln zusammen aufwachsen, und wir könnten sie maßlos verwöhnen.“

Bei Franks Erwähnung von Ehe und Kindern wirkte Rusty auf einmal wie ein Reh im Scheinwerferlicht, und Zoe konnte sich nur mühsam das Lachen verkneifen.

Frank wandte sich zum Gehen. „Ich lasse euch Mädchen jetzt auspacken. Noch einmal, Zoe, es ist schön, dass du hier bist. Und falls du irgendetwas brauchen solltest, sag einfach Marlene oder mir Bescheid, wir kümmern uns sofort darum.“

Er war schon fast im Flur verschwunden, als er sich noch einmal umdrehte.

„Ach, was ich ganz vergessen habe: Deine Mutter lässt ausrichten, dass das Abendessen in Kürze fertig ist, also beeilt euch lieber.“

3

Joe lehnte sich an einen der Schreibtische in der Einsatzzentrale und betrachtete die im Raum verstreuten Teams inklusive der beiden Neuzugänge, Ryker Sinclair und Allie Jacobs. Ryker hatte sich Joes und Nathans Team angeschlossen, worüber die Zwillingsbrüder besonders glücklich waren. Ryker hatte mit ihnen beim Militär gedient, und beide vertrauten sie ihm bedingungslos. Das galt auch für die anderen Teammitglieder, Swanny, Edge und Skylar.

Allie hatte sich, gelinde gesagt, als Überraschung entpuppt. Sie war ein explosiver Feuerball in einem sehr kleinen Körper. Allein Rios Gesichtsausdruck, als ihm sein potenzielles neues Teammitglied vorgestellt wurde, war Gold wert gewesen. Nicht einmal eine Stunde nachdem sie nicht nur Rio, sondern auch Terrence — Rios rechte Hand und ein Bär von einem Mann — aufs Kreuz gelegt hatte, war Rios Skepsis sekundenschnell in Respekt umgeschlagen. Und nachdem sie ihr Können auf dem Schießstand unter Beweis gestellt hatte sowie ihre Fähigkeit, rasch und effektiv Bomben zu entschärfen, waren alle bei KGI überzeugt gewesen, dass sie eine hochqualifizierte Neuerwerbung war. Alle waren froh gewesen, sie entdeckt zu haben, bevor eine andere Organisation das hatte tun können.

Alles deutete darauf hin, dass sie einen besonderen Fang gemacht hatten, aber noch war die Frage offen, ob sie auch von ihrer Persönlichkeit her zu ihnen passen würde. Allie war eher steif und schien sich nicht wohlzufühlen mit dem lockeren Umgang, der zwischen den KGI-Mitgliedern üblich war, doch alle waren bereit, ihr eine Chance zu geben. Vielleicht war sie einfach nur nervös und fühlte sich in ihrer neuen Umgebung noch nicht heimisch.

Sam, sein ältester Bruder und Gründer von KGI, blickte, offensichtlich irritiert, auf seine Uhr.

„Hat irgendwer was von Steele gehört? Das sieht ihm gar nicht ähnlich, zu einer Besprechung zu spät zu kommen.“

Die anderen schienen genauso überrascht zu sein wie Sam. Einige von Steeles Team sahen sich fragend an, schwiegen aber.

„Und wenn ihm nun etwas passiert ist?“, fragte Dolphin, der einen sehr besorgten Eindruck machte, und sprach damit aus, was auch den anderen durch den Kopf ging.

Sam griff nach seinem Handy und drückte auf eine Taste. In dem Moment ging die Tür zur Einsatzzentrale auf. Alle drehten sich um und sahen Steele an, der mit glasigen Augen dastand und den Eindruck machte, als ob er nicht die geringste Ahnung hätte, wo er sich befand und wer er war.

„Ich hatte euch Panikmacher gerade darüber informieren wollen, dass Steele das Sicherheitstor vor zweiundsechzig Sekunden passiert hat“, sagte Donovan, der hauseigene Technik-Guru, trocken.

Joe musterte Steele, der noch immer mit starrem Blick dastand, als würde er niemanden wahrnehmen.

„He Mann, alles in Ordnung?“, fragte Joe.

P.J. Coletrane ging auf Steele zu und legte ihm die Hand auf den Arm. „He, was ist los, Steele?“

Cole trat hinter seine Frau P.J. und streckte ebenfalls die Hand aus, als habe er Angst, sein Teamleiter könne auf der Stelle vornüberkippen.

„Maren ist wieder schwanger“, sagte Steele mit gedämpfter Stimme.

Der Raum explodierte vor Hurras und Glückwünschen, und Steele versuchte benommen die Balance zu halten, als ihm die meisten KGI-Mitglieder kräftig auf den Rücken klopften.

„Heilige Scheiße“, flüsterte Steele, als sich der Aufruhr gelegt hatte. „Sie ist schwanger. Erneut.“

Alle lachten, aber Steeles Gesichtsausdruck blieb völlig ernst und … verängstigt. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, und die anderen sahen sich amüsiert an. Bevor Maren in sein Leben getreten war, hatte Steele den Namen Eismann gehabt. Gefühllos. Ungesellig. Lebte nur für seinen Job und für sein Team. Wortkarg. Nie ein Wort zu viel. Er war eher der Typ, der Taten statt Worte sprechen ließ. Keine ungeschätzte Qualität in ihrer Organisation.

„He, sie ist stark“, sagte Garrett, Joes zweitältester Bruder, in dem Versuch, den verwirrten Teamleiter zu beruhigen. „Nach allem, was sie überlebt hat, und danach zu urteilen, wie erfolgreich sie sich dabei zur Wehr gesetzt hat, wird eine zweite Geburt der reinste Spaziergang.“

„Ich glaube, ich werde eine zweite Schwangerschaft nicht überleben“, brach es aus Steele heraus, während sich das irre Funkeln in seinen Augen intensivierte.

Erneut hallte der ganze Raum von Gelächter wider, aber die anwesenden Väter sahen ihn auch voller Mitgefühl und Verständnis an. Himmel, KGI hatte sich zu einer regelrechten Babyfabrik entwickelt. Joe warf seinem Zwilling Nathan einen nervösen Blick zu, den Nathan, der ihn normalerweise immer aufzog, weil er der letzte verbliebene Junggeselle war und ihre Mutter ihn ständig zu verkuppeln versuchte, mit einem ähnlich unruhigen Blick erwiderte.

„Glaub mir, es wird nicht besser, wenn du verheiratet bist“, murmelte Nathan. „Ich hatte gedacht, Ma würde dauerhaft von mir ablassen und stattdessen dir im Nacken sitzen, bis du dich ergeben und die Richtige gefunden hast, aber jetzt fragt sie ständig durch die Blume, wann Shea und ich ihr ein Enkelkind schenken. Himmel! Dabei hat sie schon neun, eigene oder quasi zur Familie gehörige. Ich hatte gedacht, spätestens beim fünften würde sie Ruhe geben!“

Joe sah seinen Bruder entnervt an. „Großartig. Du erzählst mir also, dass Ma mich nicht nur Tag und Nacht damit nerven wird, eine nette junge Frau zu finden und zu heiraten, sondern dass sie nach der Heirat — und ich sage nicht, dass das so bald der Fall sein wird — von mir verlangen wird, gefälligst für Nachwuchs zu sorgen?“

Offenbar stand ihm ins Gesicht geschrieben, wie sehr ihm davor grauste, denn sein Zwillingsbruder lachte, bis er sich die Seite hielt. „Ja, so ungefähr läuft das ab.“

„Und wie es aussieht, endet es ja nicht mal nach dem ersten Kind“, fuhr Joe fort. „Bei Sam und Sophie hatte sie regelmäßig von einem zweiten geredet. Jetzt macht sie schon bei Sarah Andeutungen über ein zweites, dabei ist Kelsey gerade mal ein Jahr alt! Sam und Sophie, die Armen, müssen inzwischen vermutlich Anspielungen auf Kind Nummer drei über sich ergehen lassen, jetzt wo Grant vierzehn Monate alt ist.“

„Oh, Sam tut mir nicht leid“, sagte Nathan ironisch. „Mein Mitgefühl gilt Sophie, denn Sam würde nichts besser gefallen, als wenn Sophie die nächsten paar Jahre Kinder gebiert. Ma und er koordinieren ihre Angriffe vermutlich und nehmen die arme Frau von beiden Seiten in die Zange.“

„Vielleicht wird die Nachricht von Marens Schwangerschaft Mom besänftigen und sie zumindest ein paar Monate lang ablenken“, meinte Joe sarkastisch.

„Schön wär’s“, erwiderte Nathan spöttisch.

Sie wandten sich gerade noch rechtzeitig wieder dem Geschehen im Raum zu, um mitzubekommen, wie Steele auf einen Stuhl sank, den ein anderes Teammitglied, Renshaw, gegriffen und neben seinen Teamleiter gestellt hatte.

„Sie hat während ihrer ersten Schwangerschaft so verdammt viel durchgemacht“, sagte Steele atemlos. „Sie wurde gekidnappt, eingeschüchtert, manipuliert, kontrolliert und musste jeden einzelnen Tag ihrer Gefangenschaft um das Leben ihres Kindes fürchten. Ständig lebte sie in der Angst, dieses Schwein würde sie vergewaltigen. Sie hat nicht richtig gegessen und getrunken, weil sie Angst hatte, er würde unserem Baby etwas antun. Dann fällt sie beinahe aus einem Hubschrauber und überlebt wundersamerweise den nachfolgenden Absturz, und als Nächstes lasse ich sie nicht eine Sekunde aus den Augen, weil ich solche Panik habe, ich könnte sie noch einmal verlieren. Und die Geburt! Himmel, die Geburt hat ewig gedauert. Sie hatte so schreckliche Schmerzen, und jetzt soll sie das alles noch einmal durchmachen? Wenn ihr oder dem Kind nun irgendetwas passiert? Ich würde es nicht überleben. Sie ist mein Ein und Alles.“

Alle im Raum schwiegen und starrten den Teamleiter, der sich oft eher wie ein Roboter als wie ein Mann benahm, mit offenem Mund an. In den letzten paar Minuten hatte er mehr von sich gegeben als in so ziemlich all den Jahren seiner Leitung eines der KGI-Teams.

„Und da wunderst du dich, dass ich mich der großartigen Institution Ehe verweigere“, flüsterte Joe seinem Bruder zu. „Schau ihn dir doch an. Er dreht völlig durch, und dieser Mann verliert nie die Nerven. Nie. Außer es hat irgendetwas mit Maren und Olivia zu tun. Wer zum Teufel würde freiwillig ein Leben voller Sorge, Stress und Angst führen wollen?“

Nathan warf seinem Bruder einen Blick zu, der diesem das Gefühl gab, unwissend und kein adäquater Gesprächspartner zu sein, und der ihn, wenn er ehrlich war, auch verdammt neidisch machte.

„Weil ich mir mein Leben gar nicht anders vorstellen kann“, erwiderte sein Bruder. „Zu wissen, dass Shea zu mir gehört, dass sie mich liebt und dass ich sie mehr als das Leben liebe? Nun, das ist jede Sorge, jede Angst, jeden lähmenden Schreckensmoment wert. Wenn ich noch mal von vorne beginnen müsste, würde ich nicht das Geringste ändern. Ich würde wieder in die Hölle zurückkehren und mich von diesen sadistischen Dreckskerlen foltern lassen, denn ohne das hätte ich Shea jetzt nicht.“

Joe wusste zu dem leidenschaftlichen Schwur seines Bruders nichts zu sagen. Er hatte seinen Bruder an seinem Tiefpunkt und auf seinem Höhepunkt erlebt. Shea hatte ihn zurückgebracht. Hatte Joe etwas Unbezahlbares zurückgegeben. Seinen Zwillingsbruder, zu dem die Bindung jetzt enger war als je zuvor, vor allem weil es da diese spezielle telepathische Beziehung zwischen Nathan und seiner Frau gab, die auch Joe mit einschloss. Es hatte Joe und Shea beide maßlos verblüfft, aber jetzt hätte er es gar nicht anders haben wollen. Dadurch fühlte er sich seinem Bruder noch näher, während er sich, wäre es anders gelaufen, zurückgelassen gefühlt hätte, ausgeschlossen von etwas so Kostbarem und Lebensveränderndem. Es beruhigte ihn, dass Shea Kontakt mit ihm aufnehmen konnte, falls sein Bruder oder sie jemals in Gefahr gerieten oder Hilfe brauchten.

„Maren wird keine Probleme haben“, sagte Ethan. „Die Frau ist eine Kämpferin. Alle unsere Frauen sind Kämpferinnen. Du hast es selbst gesagt. Sie hat bereits das Schlimmste überlebt. Genieß es, Mann. Ab jetzt wird es immer nur besser und besser. Du musst die Vergangenheit ruhen lassen, sonst frisst sie dich bei lebendigem Leib. Glaub mir, ich kenne mich damit aus.“

Steele blickte zu Ethan, Joes Bruder, und war sich offenbar sofort wieder bewusst, was Ethan und seine Frau, vor allem aber Rachel, durchgemacht hatten und wo sie jetzt standen. Sie waren stärker als je zuvor. Rachel war eine Kämpferin. Eine verdammt starke Kämpferin, die sich geweigert hatte aufzugeben. Noch nie im Leben hatte Joe jemanden so bewundert wie seine beiden Schwägerinnen Rachel und Shea. Beide hatten sie das Unvorstellbare ausgehalten, für seine Brüder.

Steeles Gesichtsausdruck wirkte gequält, als er erneut zu Ethan hochsah. Eine weitere uncharakteristische Zurschaustellung seiner normalerweise gut verborgenen Gefühle. „Himmel, ich höre mich wie das letzte Arschloch an.“

Ethan lächelte. „Nein. Wir müssen alle ab und an daran erinnert werden, wie gesegnet wir sind und dass wir uns nicht verrückt machen dürfen, indem wir uns Sorgen machen über die Zukunft, über Fehler oder über Dinge, die wir nicht in der Hand haben.“

Sam räusperte sich. „Wenn der morgendliche Zusammenbruch jetzt vorbei ist, könnten wir dann zur Sache kommen?“

Steele warf ihm einen bösen Blick zu, schien aber erleichtert zu sein, dass die Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde.

„Nur zu, Herr und Meister“, sagte Donovan respektlos. „Ich habe eine Verabredung mit meiner Frau und meinen Kindern, zu der ich gerne noch vor, sagen wir, nächster Woche kommen würde.“

Ja, zurück zum üblichen Ablauf. Alle im Raum schienen erleichtert aufzuseufzen. Dinge in die Luft zu jagen, böse Buben unschädlich zu machen, Kugeln ausweichen zu müssen, all das war längst nicht so unangenehm, wie mitzuerleben, wie Männer und Frauen, die im Beruf knallhart waren, einen emotionalen Zusammenbruch erlitten.

„Wie die meisten von euch wissen, zumindest die, die sich die Mühe gemacht haben, aufzupassen“, begann Sam und spielte damit grinsend auf gewisse Mitglieder seines Teams an, „haben wir neue Mitstreiter eingestellt. Alle kennen bereits Ryker Sinclair, Edens Bruder und somit auch Hancocks.“

Bei der Erwähnung des Namens ihres ehemaligen Erzfeindes ging ein allgemeines Stöhnen durch den Raum. Wie Steele hatte auch Hancock einen grundlegenden Wandel durchgemacht und sich von einer kalten, gefühllosen Maschine, die sich nur für die erfolgreiche Ausführung ihrer Missionen interessierte, egal mit welchen Mitteln, zu einem Mann entwickelt, der den Verstand verlor, wenn sich seine Frau auch nur einen Zeh anstieß.

Und das war es, was Joes Mutter und Schwägerinnen für ihn wollten? Das würde er lieber noch hinausschieben. Noch sehr lange hinausschieben. Er liebte sein normales Leben genau so, wie es war. Normal. Besten Dank auch.

„Er wird mit Skylar, Edge und Swanny zusammenarbeiten, dem von Nathan und Joe geführten Team.“

Ryker grinste. „Swanny, du solltest wissen, dass meine Schwester mir Prügel angedroht hat, falls ich nicht auf ihren geliebten Mann aufpasse und dafür sorge, dass er ja noch alle Körperteile hat, wenn er heimkommt.“

Swanny verdrehte die Augen. „Da bist du noch gut davongekommen. Mir hat sie bis ins kleinste Detail geschildert, was mir passiert, wenn ihr kostbarer Bruder auch nur einen Kratzer abbekommt. Milchbubi.“

Allie sah die beiden böse an, ihr Gesichtsausdruck zeugte von äußerster Missbilligung.

„Seid ihr eigentlich jemals ernst, oder habe ich hier bei einem Zirkus angeheuert? Ich dachte, bei diesem Job ginge es darum, wie eine gut geölte Maschine zu funktionieren, auf höchstem Niveau zu trainieren und Missionen zu übernehmen, die das Leben anderer zum Guten hin verändern.“

Damit fing sie sich mehr als nur einen überraschten Blick ein, aber Rio grinste nur, genau wie der Rest seines Teams.

„Ich habe euch doch gesagt, dass sie super zu euch antisozialen Quenglern passt“, sagte Sam wenig überzeugend.

Bei seinen Worten wurde Allies Gesichtsausdruck noch wütender. Da sie im Nahkampf bereits die Hälfte von ihnen auf die Matte geschickt hatte, traten die, die in ihrer Nähe standen, vorsichtshalber ein paar Schritte zurück und behielten sie aufmerksam im Auge.

„Die veralbern dich bloß“, versuchte Skylar sie zu beschwichtigen, aber Joe spürte, dass Allies Bemerkungen sie verärgert hatten. „Wir können nicht die ganze Zeit ernst sein, sonst würde uns dieser Job bei lebendigem Leib auffressen. Ich denke, du wirst schon noch merken, dass unser Sinn für Humor, oder in einigen ausgewählten Fällen auch dessen Fehlen, unsere Fähigkeiten nicht im Geringsten beeinträchtigt, wenn es drauf ankommt.“

„Hooyah!“, brüllten Ethan und Cole gleichzeitig.

„Es tut mir leid, wenn du daran Anstoß nimmst, dass wir ein bisschen Dampf ablassen“, sagte Donovan ernst. „Aber es stimmt, was Sky sagt. Bei jeder unserer Missionen lauert der Tod, und das lehrt uns, jeden Moment zu genießen und uns nicht zu sehr mit dem Was-wäre-Wenn zu beschäftigen. Wir wissen, dass es jedes Mal, wenn wir unsere Frauen, Männer oder Liebsten verlassen, vielleicht das letzte Mal ist, dass wir sie sehen. Jeder geht mit diesem Druck auf seine eigene Weise um, und wir versuchen, niemanden zu verurteilen, außer es läuft völlig aus dem Ruder. Die meisten von uns kennen einander schon sehr lange, und wir sind miteinander durch Krisen gegangen, die andere zerstört oder dazu gebracht hätten, das Handtuch zu werfen und einfach zu gehen. Wir haben uns für dich entschieden, weil du die beste neue Mitarbeiterin bist, die wir je eingestellt haben, mit Fähigkeiten, die wir nicht nur brauchen, sondern die uns als Team noch besser machen. In dieser Organisation geht es nie um eine einzelne Person. Um einen Satz zu zitieren, den du in diesem Umfeld häufiger hören wirst: Wir leben und sterben mit diesem Team. Und das bedeutet, dass nie einer von uns auf sich allein gestellt ist. Ich kann nur hoffen, dass du nicht den falschen Eindruck von uns gewonnen hast. Wir wollten uns mit Sicherheit nicht despektierlich dir gegenüber aufführen, und ich hoffe, du hast weiterhin Lust, bei uns zu bleiben.“

„Ja, bitte tu das“, knurrte Garrett. „Wenn du auf der Gegenseite wärest, würdest du uns den Arsch aufreißen.“

Einen kurzen Moment lang lächelte Allie doch tatsächlich. Verdammt, wenn sie nicht so schrecklich ernst war und diesen verkniffenen Gesichtsausdruck ablegte, war sie eine richtig schöne Frau. Glattes, tiefschwarzes Haar, cremefarbene Haut, bezaubernde Augen, alles Teil ihres asiatischen Erbes. Wenn sie lächelte, war es, als würde sich ihr gesamtes Gesicht verändern, und Joe war nicht der Einzige, dem das auffiel. Andere waren ähnlich verblüfft, als sie ihre neueste Kriegerin anstarrten. Vielleicht gab es doch noch Hoffnung für sie. Aber sie würde rasch lockerer werden müssen, oder dieser Job würde sie bei lebendigem Leib auffressen und wieder ausspucken.

„Tut mir leid“, erwiderte sie ernst. „Sagen wir mal so, meine letzten Teamkollegen waren nicht gerade von der Sorte, mit der man gern zusammenarbeitet. Sie haben viel zu viel über Sachen geredet, die sie nichts angingen. Wenn sie weniger geredet und stattdessen ihre Arbeit gemacht hätten, hätte ich nicht mit ihnen bei unserer letzten Mission versagt und wäre nicht gezwungen gewesen, mir eine längere Auszeit zu nehmen, die dazu geführt hat, dass ich nie mehr zurückgekehrt bin.“

„Das ist echt scheiße“, knurrte Terrence.

P.J. trat auf Allie zu und legte ihr die Hand auf den Arm, was alle überraschte, da P.J. nicht unbedingt der warme, kuschelige Typ war.

„Glaub mir, Allie. Bessere Leute kannst du gar nicht finden, wenn du Rückendeckung brauchst. Ich muss es wissen. Sie labern Schwachsinn, ja, aber sie lassen dich nie im Stich. Darauf kannst du dich verlassen, auch wenn du dich auf sonst nichts verlässt.“

Allie schien verblüfft über P.J.s Heftigkeit, doch dann betrachtete sie ihr vorgeschobenes Kinn und bedachte sie mit einem kurzen Nicken, das Joe so deutete, dass sie sich erst noch selbst eine Meinung bilden wollte.

„Ich werde dies kurz und knapp halten, da wir schon weit über kurz und knapp hinaus sind“, sagte Sam. „Steele, ich möchte gern, dass du und dein Team die nächsten zwei Wochen hier auf dem Gelände bleibt und dabei helft, die Neuen einzuarbeiten. Sowohl Rios als auch Nathans und Joes Team werden sämtliche Trainingseinheiten hier durchführen, und dann können wir uns zusätzlich zu den Teamübungen noch nach Spezialfähigkeiten aufteilen und die Neuen jeweils individuell einarbeiten.“

„Es kommt nicht oft vor, dass wir so viel Zeit zwischen zwei Einsätzen haben“, bemerkte Garrett. „Und ich habe vor, die Zeit mit meiner Frau und meiner Tochter zu genießen, solange die Ruhe währt. Deshalb treffen wir uns jeden Vormittag, Montag bis Freitag, vier Stunden zum Training, zumindest bis alles zum Teufel geht und wir den nächsten Auftrag bekommen.“

„Hat dir schon mal jemand gesagt, was für ein Optimist du bist?“, knurrte Nathan.

„Und“, fuhr Sam grinsend fort. „Ich habe noch etwas ganz Besonderes für euch. Allie wird eine Trainingseinheit über Bomben abhalten: wie man sie entschärft und unbrauchbar macht, woher man weiß, wann man im Arsch ist und wann nicht. Baker, du müsstest das von allen am meisten zu schätzen wissen.“

„Ach leckt mich doch alle am Arsch“, knurrte Baker. „Himmel noch eins! Das war ein einziges Mal, und es ist Ewigkeiten her. Hör endlich auf mit dem Scheiß.“

Allie runzelte fragend die Stirn.

„Ich erzähle es dir später“, versprach P.J. und grinste Baker spöttisch an.

„He, so schlecht war das gar nicht“, setzte Renshaw zu Bakers Verteidigung an. „Immerhin hat es unseren Boss und Maren zusammengebracht.“

„Wieso habe ich das Gefühl, dass dies eine endlos lange Geschichte wird?“, fragte Allie resigniert. „Nehmt ihr überhaupt jemals irgendetwas ernst?“

Alle lachten.

„Das sind alles längere Geschichten“, sagte Skylar fröhlich. „Und ich bin noch nicht mal so lange dabei wie die meisten.“

„Es gibt durchaus Dinge, die wir ernst nehmen“, sagte Joe sachlich zu Allie. „Wir nehmen es sehr ernst, keinen Scheiß zu bauen und nicht zu sterben. Das sollte alles an Ernsthaftigkeit sein, was du brauchst.“

Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe, und er hätte schwören können, dass in ihrem Blick Verachtung lag. Skylar hatte es ebenfalls bemerkt, woraufhin sich ihr Gesicht verdüsterte. P.J. fing ihren Blick auf, und die beiden Frauen tauschten sich wortlos über ihr Missfallen aus. Mist. Wenn er an Allies Stelle wäre, würde er sich jetzt in die Hose machen. Eine der beiden Frauen gegen sich zu haben, wäre schon erschreckend genug. Aber sowohl Skylar als auch P.J.? Wenn ein erwachsener Mann bei dieser Doppelbedrohung nicht das große Zittern bekam, dann war er ein absoluter Dummkopf. Er konnte Allie nur wünschen, dass sie ihre Allüren möglichst schnell ablegte, sonst würde es bald sehr hässlich werden.

„Rio, bringst du Grace und Elizabeth mit her?“, fragte Donovan grinsend.

Rio warf ihm einen Blick zu, der ausdrückte, für wie idiotisch er die Frage hielt. Er empfand es als unter seiner Würde, darauf zu antworten. Stattdessen winkte er seinem Team, ihm zu folgen, und sie marschierten einfach aus der Einsatzzentrale.

Joe kicherte. „Man kann Rio nicht vorwerfen, dass er sich nicht treu bleibt.“