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Seit Monaten liegt die FPÖ in Wahlprognosen auf Platz eins. Ihr Parteichef Herbert Kickl spricht von ungezügelter Völkerwanderung, EU-Verrätern, linkem Gesinnungsterror und beschimpft politische Gegner. Doch was passiert, wenn man den selbsternannten »Volkskanzler« beim Wort nimmt? Welches Bild zeigt sich, welche Ideologie wird sichtbar? »Man muss dazu stehen, was man sagt«, meint Herbert Kickl. Doch was sagt er eigentlich? »Falter«-Chefreporterin Nina Horaczek hat seine Zitate über Asyl, Bildung oder Corona versammelt; die fehlende Abgrenzung zu den Identitären, die Angriffe auf die Medien oder die Menschenrechte; über die »Festung Österreich«, die Türkei oder die Ukraine. Der Zweck dieser Zitatensammlung liegt auf der Hand: Gerade im Wahljahr 2024 bietet sie eine umfassende Argumentationshilfe für eine sachliche Auseinandersetzung über die Person Herbert Kickl. Nicht um ihn zu überführen oder zu diffamieren, sondern um seinen Charakter und die rechtsextreme, populistische Ideologie zu zeigen, die er und seine FPÖ vertreten.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2024
Nina Horaczek
Nina Horaczek
Czernin Verlag, Wien
Horaczek, Nina: Kickl beim Wort genommen / Nina Horaczek
Wien: Czernin Verlag 2024
ISBN: 978-3-7076-0855-7
© 2024 Czernin Verlags GmbH, Wien
Umschlagabbildungen: Eva Manhart / APA / picturedesk.com
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print: 978-3-7076-0855-7
ISBN E-Book: 978-3-7076-0856-4
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Liebe Leserin, lieber Leser!
Wer ist Herbert Kickl?
Herbert Kickl über Asylpolitik
Herbert Kickl über Ausländer
Herbert Kickls Beschimpfungen
Herbert Kickl über Bildungspolitik
Herbert Kickl über die Coronapandemie
Herbert Kickl über Demokratie
Herbert Kickl über Demonstrationen
Herbert Kickl über das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands
Herbert Kickl über die Europäische Union
Herbert Kickl über Familie
Herbert Kickl über Frauen
Herbert Kickl über Gendern
Herbert Kickl über Gewalt
Herbert Kickl über Heimat
Herbert Kickl über den Islam
Herbert Kickl über Integration
Herbert Kickl über die Justiz
Herbert Kickl über Kickl
Herbert Kickl über die Kirche
Herbert Kickl über Klimapolitik
Herbert Kickl über Kommunismus
Herbert Kickl über Kunst
Herbert Kickl über LGBTIQ-Personen
Herbert Kickl über Medien
Herbert Kickl über Menschenrechte
Herbert Kickl über die Neutralität
Herbert Kickl über Viktor Orbán
Herbert Kickl über die Polizei
Herbert Kickl über Rechtsextremismus
Herbert Kickl über Russland
Herbert Kickl über Schwangerschaftsabbruch
Herbert Kickl über den Sozialstaat
Herbert Kickl über Steuerpolitik
Herbert Kickl über die Türkei
Herbert Kickl über die Ukraine
Herbert Kickl über die Verfassung
Herbert Kickl über den Volkskanzler
Herbert Kickl über die Weltgesundheitsorganisation
Herbert Kickl über Zensur
Verwendete Literatur
Über die Autorin
Dieses Buch ist eine Zitatensammlung, deren Zweck auf der Hand liegt: Jeder und jedem politisch Interessierten soll die Möglichkeit geboten werden, sich selbst ein Bild über Geist, Charakter und Ideologie von Herbert Kickl zu machen. Es ist eine Zusammenstellung von Aussagen des FPÖ-Parteichefs über Ausländer, Migration, Asyl, Menschenrechte, Minderheiten, Europa und Medien, aber auch zu anderen entscheidenden Themen des 21. Jahrhunderts wie etwa dem Ukrainekrieg, dem Verhältnis zu Russland, dem Kampf gegen die Erderwärmung oder auch über internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, die Weltgesundheitsorganisation WHO oder das Weltwirtschaftsforum (WEF).
Warum eine solche Zitatensammlung? Die FPÖ steht unter Parteichef Herbert Kickl seit Monaten und in sämtlichen Umfragen konstant auf dem 1. Platz. Sollte es den Freiheitlichen gelingen, diesen Vorsprung in Meinungsumfragen bei den nächsten Wahlen ins Ziel zu bringen und stärkste Partei in Österreich zu werden, hat Herbert Kickl durchaus Chancen, Bundeskanzler der Republik Österreich zu werden. Deshalb tut eine intensive Auseinandersetzung mit der Person Herbert Kickl, mit seinen politischen Vorstellungen und Zielen not.
Das vorliegende Buch soll einen Einblick in die Denkweise und das ideologische Gerüst des FPÖ-Vorsitzenden geben und auch eine Argumentationshilfe für eine sachliche Auseinandersetzung über Kickl und die FPÖ unter seiner Führung sein. In diesem Buch wird Kickl nicht interpretiert, sondern zitiert. Und das ganz bewusst: Nur so ist es möglich, klar zu belegen, wie der FPÖ-Chef wirklich denkt und wie er die Republik Österreich politisch verändern möchte – wenn man ihn lässt.
Es ist eine Auswahl von mehreren hundert Zitaten aus Parteitagsreden, Wahlkampfveranstaltungen, aus Parlamentsreden, Presseaussendungen und aus Social-Media-Beiträgen. Die Zitate umfassen einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten, rechnet man jene Passagen dazu, als Kickl noch als Redenschreiber des damaligen FPÖ-Politikers Jörg Haider tätig war und in dessen Auftrag so manche Schmährede über diejenigen verfasste, die den Freiheitlichen auf ihrem Weg an die Macht entgegenstanden. Heute ist es Kickl selbst, der all jene höhnt und verbal niedermacht, die er als seine Feinde sieht. Auch diese Attacken finden Sie in diesem Buch. Weil es viel über eine Person aussagt, wie sie sich gegenüber Andersdenkenden verhält und wie ihr politischer Stil aussieht.
So liefert der FPÖ-Chef selbst Belege dafür, dass er als Parteichef für eine rassistische Politik der Ausgrenzung steht, die das Land spaltet, dass er eine Art Apartheidssystem für Migrantinnen und Migranten errichten und das Asylrecht in Österreich abschaffen möchte. In seinen Aussagen entblößt Kickl auch, wie wenig er von Pressefreiheit und dem Schutz von Minderheiten hält und wie sehr sein Weltbild durchdrungen ist von der Idee einer angeblichen Verschwörung einer Elite gegen »das Volk«.
Wer Kickls eigene Worte liest, erfährt ungefiltert, wie sehr der FPÖ-Chef die universell gültigen Menschenrechte ablehnt und dass er im Kampf gegen die Erderwärmung nichts anderes als »Klimakommunismus« sieht.
All das sollte man wissen. Um sich selbst eine Meinung bilden zu können, was ein Politiker wie Herbert Kickl an der Spitze der Republik Österreich für die Zukunft dieses Landes und seine Bewohnerinnen und Bewohner bedeuten würde.
Wien, April 2024
»Alle hören seine Sprüche, doch kaum jemand kennt das Gesicht des freiheitlichen Masterminds aus Kärnten, das so unscheinbar mit ausgewaschenen Jeans und einfachem blauem Hemd in seinem mausgrau möblierten Büro im 6. Bezirk sitzt, dass es fast schon inszeniert wirkt«, schrieb die Wochenzeitung Falter im Dezember 2005 über Herbert Kickl. Fast zwanzig Jahre später ist Kickl die Person, über die Österreich spricht. Der Mann, der die Freiheitlichen in die Regierung und das Land in eine autoritäre Richtung führen will.
Um verstehen zu können, wie der FPÖ-Chef zu dem Politiker wurde, der er heute ist, lohnt es sich, ganz zum Beginn zurückzugehen.
Der heutige FPÖ-Chef kommt 1968 zur Welt, in jenem geschichtsträchtigen Aufbruchsjahr, das Kickl als Politiker heute am liebsten aus den Geschichtsbüchern löschen würde. »Das Projekt der 68er ist gescheitert. Wir erleben jetzt, nicht nur in Österreich, eine Gegenbewegung. Und das ist auch gut so. Für mich kommt es zu einer Rückkehr zur Normalität. Die 68er versuchten im Namen des Fortschritts zerstörerisch zu wirken. Wenn ich nur an das Aushöhlen der staatlichen Identität oder der Identität des Familienverbundes denke«, kritisiert Kickl in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung im Jänner 2018 die links-progressive Achtundsechziger-Bewegung. »Die Thesen der 68er haben sich als falsch herausgestellt. Das Bedürfnis nach Orientierung, Geborgenheit und Heimat wird von uns wieder in ein positives Licht gerückt«, meinte Kickl damals.
Er selbst entdeckt das Thema Politik erst in seiner Jugend. Zu Hause sei nie politisiert worden. Kickls Leben ist eine klassische Aufsteigergeschichte. Er stammt aus armen Verhältnissen, wächst in einer typischen Arbeiterfamilie in Oberkärnten auf. Die kleine Wohnung heizte nur ein Ofen, der in der Küche stand. Die Familie lebt in der Erdmannsiedlung in Radenthein. Es ist eine kleine Gemeinde in der Nähe von Spittal an der Drau, gleich beim Millstätter See, in der er als Einzelkind mit Mama und Papa aufwächst. Eine Siedlung, die im Ort kein großes Ansehen genoss. »Die dort unten sind alle deppert, weil sie am meisten Rauch vom Betrieb abbekommen, hieß es damals. Heute stehen dort schmucke, etwas gedrungene Einfamilienhäuser mit zum Teil putzig kleinen Fenstern und man fragt sich, wohnen da die Hobbits?«, fragte der Kärntner Monat 2019 etwas despektierlich. Kickls Eltern arbeiteten bei Veitsch Radex, einem Teil des heutigen Industrie-Weltmarktunternehmens RHI Magnesita, das in Radenthein Magnesit abbaut, ein Rohstoff, der aufgrund seiner extremen Feuerfestigkeit für die Industrie wichtig ist. Bis heute wird hier Magnesit abgebaut, aber die Arbeitersiedlung ist in den vergangenen Jahrzehnten massiv geschrumpft.
Trotz des fehlenden materiellen Wohlstands beschreibt Kickl seine Kindheit in Interviews durchaus positiv. Heute schlägt der FPÖ-Chef auch politisches Kapital aus seiner Herkunftsgeschichte: Schaut her, ich bin einer von euch. Ich gehöre nicht zu den Großkopferten!, lautet die Botschaft, die in Kickls Reden stets mitschwingt.
Kickls Vater ist Fußballer, spielt zeitweise sogar in der 1. Liga. Sohn Herbert ist der Libero auf dem Fußballplatz, kickt bei den Miniknaben der WSG Radenthein. Als die Fußballkarriere des Vaters vorbei ist, betreiben die Eltern gemeinsam ein kleines Lebensmittelgeschäft in der Radex.
Bub Herbert ist der Erste in seiner Familie, der es ins Gymnasium schafft. Dort sitzt er gemeinsam mit der späteren Grünen-Parteichefin Eva Glawischnig in einer Klasse. In der Klasse gilt Kickl damals als Kumpeltyp. Auf einer Schulreise kümmert er sich mit Freunden um einen querschnittgelähmten Schulkollegen. Später maturiert er in Philosophie. »Damals hätten wir uns nie gedacht, dass der Herbert bei der FPÖ landen wird«, sagt die Grüne Glawischnig Jahre später. Nur sein Faible für Military-Look könnte im Nachhinein als Indiz für seine rechte Gesinnung interpretiert werden. »Ansonsten war er ein exzellenter Schüler, sehr vif, diskussionsfreudig und beliebt«, erinnert sich die Grüne.
Dabei liebäugelt Schüler Kickl damals mit der Fremdenlegion. Als sein Jahrgang auf Klassenreise nach Frankreich fährt, versucht Kickl, mit Fremdenlegionären in Kontakt zu kommen, besucht extra Cafés, in denen sie verkehren. Nach der Matura meldet er sich als Einjährigfreiwilliger beim Bundesheer, geht zu den Gebirgsjägern. In dieser Elitetruppe wurde ihm schnell klar, dass eine Karriere beim Heer doch nichts für ihn ist. Stattdessen zieht er zum Studieren nach Wien.
Auch viele Jahre danach schwärmt der heutige FPÖ-Chef von Elitesoldaten: »Also wie es jemand aushalten kann, eine halbe Stunde in einem Eiswasser zu sein, ohne verrückt zu werden, das ist schon faszinierend.« Der Extremsport ist etwas, das es Kickl auch als Politiker angetan hat. Als junger Politiker läuft er den Ironman, nimmt an Triathlons teil. Auch heute präsentiert er sich in sozialen Medien gerne sportlich, bei einer winterlichen Laufrunde oder auf Klettertour in den Alpen.
Parallel zu Kickls Schulkarriere steigt der Politiker Jörg Haider politisch auf. Als Kickl 1983 in die Oberstufe kommt, ist Jörg Haider wortgewaltiger Landesparteiobmann, der nicht nur in Kärnten die Opposition anführt, sondern oft und gerne gegen die Bundes-FPÖ, die unter dem damaligen Parteichef Norbert Steger mit der SPÖ in der Regierung ist, agitiert. Im September 1986 putscht Haider Steger schließlich von der Parteispitze. Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) löste daraufhin die Regierungskoalition auf.
»Der junge Jörg Haider hat mich als Schüler sicher interessiert«, sagt Kickl einmal in einem Interview. Einen rebellischen Ansatz, Tabubruch und Wille zur Veränderung habe er im neuen FPÖ-Chef gesehen: »Das war alles ganz anders als bei meinen Lehrern, die fast alle links waren, auf eine billige Art links.« Auch wie Haider damals ein Kärntner Dorf von Rot auf Blau dreht, imponiert dem jungen Kickl. Haiders Wahlplakate imponieren ihm: »Die hatten einen ganz neuen Stil, waren rotzfrech in der Ansage. Das war ein Zugang, wo ich dann gesagt hab: ›Das ist etwas, was es noch nicht gegeben hat.‹«
Bis Kickl in der FPÖ Karriere macht, dauert es aber noch. Nach Matura und Wehrdienst übersiedelt er von Kärnten nach Wien, inskribiert zuerst Politikwissenschaft und Publizistik, dann wechselt er zum Philosophiestudium.
An seiner Uni beschreibt er sich selbst als Außenseiter, auch politisch gesehen: »Am Institut waren die Linken überrepräsentiert. Deutscher Idealismus als Schwerpunkt – da kann man sich eh vorstellen, wie man aufgenommen wird in einem Umfeld, das Genderphilosophie und Ähnliches betreibt.« Der Kärntner Philosophiefreund stürzt sich hingegen auf Kant und Hegel. Kickl lernt an der Uni auch die Theorien von Karl Marx kennen und ihm gefällt »die dialektische Schulung, wie sie linke Kader haben«. Das verrät er dem Falter 2005 in einem Interview. Auch weltanschaulich sieht der junge Kickl mehr ideologische Übereinstimmung mit linken Denkern als mit irgendwelchen Turbokapitalisten: »Den Markt für sich selbst die Dinge in die Hand nehmen zu lassen, wie es eine Zeitlang in der Partei angedacht wurde, meistens von denen, die schon auf der privilegierten Seite sitzen, das halte ich für unanständig, politisch wie intellektuell.«
Seine nie abgeschlossene Diplomarbeit trägt den Titel »Die transzendentale Deduktion der Kategorien und Bewusstseinskapitel in Hegels Phänomenologie«. Er schließt sein Studium nie ab, angeblich fehlen seiner Diplomarbeit nur zwei Kapitel. Den Fast-Philosophen betont Kickl aber auch später gerne. Unter ihm als Generalsekretär sind FPÖ-Presseaussendungen mit Zitaten berühmter Denker geschmückt. »In der Freizeit nehme ich mir gerne einen Hegel zur Hand oder lese zur Entspannung wieder einmal einen Platon«, antwortete der blaue Philosoph, als der Falter ihn 2005 nach seinem Lieblingsschriftsteller fragte.
Die Philosophie führt Kickl direkt zur FPÖ. 1995 heuert er beim Freiheitlichen Bildungsinstitut, der Parteiakademie der FPÖ, an. »Ich kann nichts, aber ich kann alles lernen.« Das soll er damals bei der Bewerbung gesagt haben. So erzählte es zumindest ein alter Wegbegleiter. »Mein Studienkollege Johannes Berchtold, der jetzt die Männerabteilung im Sozialministerium leitet, war in der freiheitlichen Akademie und hat mir gesagt, schau doch vorbei«, erinnert er sich. Weil man als Philosophiestudent ohnehin dauernd höre, man habe zwei linke Hände und sei zu nichts zu gebrauchen, wollte er mit dem Job in der Akademie beweisen, dass man auch mit so einem Studium Geld verdienen kann.
Anfangs ist Kickl nur für Organisatorisches zuständig. Über den damaligen FPÖ-Bundesgeschäftsführer Gernot Rumpold kommt er zu Haider und wird einer von dessen persönlichen Referenten. Für Kickl heißt das zu Beginn seiner Parteikarriere vor allem, heißes Wasser mit einer Thermoskanne und einem Glas voll Eiswürfeln perfekt zu temperieren. »Im Wahlkampf 1995 war ich für den Tee von Jörg Haider zuständig«, erzählte Kickl vor einigen Jahren dem Kurier. »War er zu heiß, konnte Jörg ihn nicht trinken. War er zu kalt, hätte er sich verkühlt. Es war ein Winterwahlkampf, da muss man auf die Stimme achten. So gesehen war der Tee wichtig.«
Vom Tee geht es weiter zum Schimpfen. Kickl wird Haiders Redenschreiber, gestaltet dessen politische Reden. Harmlose, wie etwa seine erste Arbeit als Ghostwriter im Jahr 1999, als er für den Kärntner Landeshauptmann einen Text zur Neueröffnung des Kongresshauses in Villach verfasst. Aber auch Schmähreden, etwa jene zum politischen Aschermittwoch der FPÖ. Da lässt Kickl Haider schimpfen, der damalige französische Präsident Jacques Chirac, der federführend beteiligt war an den Sanktionen, die die EU-Mitgliedsstaaten 2000 gegen Österreich verhängten, nachdem die ÖVP mit der FPÖ erstmals eine rechtsextreme Partei in Regierungsfunktion brachte, sei ein »Westentaschennapoleon«. Oder über Ariel Muzicant, den damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich: »Ich verstehe überhaupt nicht, wie jemand, der so viel Dreck am Stecken hat, Ariel heißen kann.« Eine plumpe Anspielung auf das bekannte Waschmittel Ariel, die im Saal für Schenkelklopfer sorgte.
Obwohl Kickl viele Jahre im Umfeld des damaligen Kärntner Landeshauptmanns verbringt, sagt er später: »Zum Jörg Haider hat es nie ein Naheverhältnis gegeben«. Er war »nie in seiner Wörtherseetruppe, diese Distanz habe ich immer zu bewahren versucht«. Auch inhaltlich distanziert sich Kickl vom früheren FPÖ-Übervater. 2002 sagt Haider beim politischen Aschermittwoch der FPÖ über Ludwig Adamovich, zu dieser Zeit Präsident des Verfassungsgerichtshofes: »Wenn einer schon Adamovich heißt, muss man zuerst einmal fragen, ob er überhaupt eine aufrechte Aufenthaltsberechtigung hat.« Das stamme nicht aus seiner Feder, sagt Kickl später dazu. »Das war Haiders Eigenproduktion. So etwas gefällt mir nicht, das ist einfach blöd.«
Parteiintern ist der junge Kickl in diesen Jahren nicht nur am Redenschreiben. Er ist auch für Hilfsarbeiten zuständig. Noch 2002, als die Kärntner Freiheitlichen Journalisten zu ihrer 1.-Mai-Feier einladen, ist Kickls Handynummer als Kontakt für Pressefotos angegeben. 2004 arbeitet Kickl zum letzten Mal für Haider, ist beteiligt an der Gestaltung des Kärntner Landtagswahlkampfs 2004. »An Bessern kriag ma nimma«, steht auf den Plakaten unter Haiders Porträt. Damit gewinnt die Kärntner FPÖ 42,2 Prozent der Stimmen, ein sensationelles Ergebnis. »Kickl ist ein guter Spindoctor«, sagt Haiders damaliger persönlicher Assistent Stefan Petzner 2012 im Kurier. »Aber er hat einen üblen Charakter.«
Im Jahr 2005 sieht die politische Welt in Österreich noch ganz anders aus. Im April 2005 spaltet sich die FPÖ. Jörg Haider, der frühere FPÖ-Chef und zu dieser Zeit Kärntner Landeshauptmann, verlässt die Freiheitliche Partei und gründet das »Bündnis Zukunft Österreich« (BZÖ), und das gemeinsam mit der damaligen FPÖ-Regierungsriege, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre mit der ÖVP in einer Koalition befindet. Der überwiegende Teil des freiheitlichen Parlamentsklubs wechselt zum BZÖ. Nur zwei Nationalratsabgeordnete bleiben der FPÖ damals. In den Ländern bekriegen und spalten sich die Landesparteien. Jeder und jede Freiheitliche steht vor der Frage: mit Haider mitgehen oder bei dessen Herausforderer und neuem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bleiben?
Auch Herbert Kickl steht vor dieser Entscheidung. Er hat von beiden Seiten berufliche Angebote. Haider will ihn in Kärnten bei sich haben. Der langjährige Haider-Verehrer wählt Strache. Karrieretechnisch definitiv eine kluge Entscheidung. Denn so wird der damals politisch völlig Unbekannte im Frühjahr 2005 FPÖ-Generalsekretär und Chefstratege der FPÖ. »Es war eine Blitzbeförderung«, sagt Kickl 2005 über seinen politischen Aufstieg. Als Mann im Hintergrund ist er für viele Jahre Vater des Erfolges der FPÖ unter Parteichef Strache. Eine blaue Erfolgsgeschichte, die erst der Ibizaskandal im Juni 2019 stoppt.
»Die Parteispaltung brachte ihn nach oben, aus dem einfachen Sekretär wurde ein General mit dem Zuständigkeitsbereich Strategie und Kampagnen«, schreibt das Nachrichtenmagazin Profil im Februar 2006 und beschreibt Kickl als einen »intelligenten, leicht verspielten Typ«. Es diagnostizierte aber auch »einen etwas autoritären Einschlag«. Laut Profil sind Kickls Gegner schon damals »das Großkapital« und »das System« gewesen, »die Heimat« galt in seinen Augen hingegen als schützenswert.
Unter Generalsekretär Kickl schwenkt die FPÖ ab 2005 auf einen klar islamfeindlichen Kurs ein. Kickl reimt für Strache dafür Slogans wie »Daham statt Islam« oder »Pummerin statt Muezzin«, Frauen, die Kopftuch tragen, gelten in der blauen Welt plötzlich als Bedrohung. »Jahrelang haben Rot, Grün und Schwarz das Märchen von der friedvollen multikulturellen Gesellschaft erzählt, wo alle Menschen sich umarmen und den ganzen Tag lachen, tanzen und singen«, schreibt Kickl im Jänner 2006 in einer Presseaussendung. »Die Wirklichkeit sieht anders aus: Islamistische Hassprediger in Wien, Minarette in Tirol, Kopftuchzwang in Linz – und das alles ist nur die Spitze des Eisbergs.«
Der neue Generalsekretär verpasst der FPÖ einen neuen Außenauftritt: »Deutsch statt nix verstehn«, »Abendland in Christenhand«, »Echte Volksvertreter statt EU-Verräter«, »Unser Geld für unsre Leut«, »Asylbetrug heißt Heimatflug«. Unter Kickl sind die freiheitlichen Slogans ebenso knapp wie radikal. »Wir haben immer versucht, mit drei Worten zu arbeiten und es möglichst zu reimen, damit die Slogans eingängiger sind«, sagt Kickl 2006 über seine Kampagnen. Man müsse die Menschen genau in der Sekunde Aufmerksamkeit, die sie für Politik überhaupt noch haben, erwischen, lautet sein Credo.
Neben Ausländern und Islam ist es die Europäische Union, die Kickl als zentrales Feindbild seiner Partei auswählt. Als Sozialsprecher des FPÖ-Nationalratsklubs spricht er sich anfangs noch für eine Reichensteuer aus. »Weil mir ist es nicht egal, ob ich für die Reichen oder die Armen da bin«, gibt sich der FPÖ-Politiker 2005 noch klassenkämpferisch. Heute ist Kickl klar gegen eine solche Steuer.
Kickls Sozialpolitik hat von Anfang an eine eindeutige rassistische Prägung. Staatliche Sozialleistungen möchte er ausschließlich österreichischen Staatsbürgern vorbehalten. Ausländerinnen und Ausländer, die in Österreich arbeiten, sollen sich ihre eigene Krankenversicherung finanzieren und dort auch nur Basisleistungen beziehen dürfen. Bildungspolitisch setzte er in Wahrheit auf Segregation statt Integration: Kinder, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, sollten Ausländerkindergärten besuchen, finanziert von den Eltern und nicht vom Staat. Ausländer, »für die es keine Arbeitsplätze oder Wohnungen im Land gibt«, wie es im damals erstmals erschienenen »Handbuch freiheitlicher Politik« stand, will er sofort abschieben, denn Gastarbeiter, die arbeitslos werden, »haben die Möglichkeit, im Heimatland Arbeit zu finden«. Und wer die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen bekommt (und nicht durch Geburt erwarb), dürfe erst gar nicht straffällig werden, sonst drohen der Verlust des Passes und die Staatenlosigkeit.
Neben der inhaltlichen Neuausrichtung der FPÖ kümmert sich Kickl auch darum, die passenden medialen Kanäle aufzubauen, um ihre Botschaften unter die Leute zu bringen. Im blauen Kosmos rund um die FPÖ gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Onlinemedien, die gemeinsam mit sozialen Medien wie Facebook und Telegram die Botschaft der Freiheitlichen verbreiten. Dazu hat die FPÖ auch seit mehr als zehn Jahren einen eigenen Youtube-Kanal namens FPÖ TV. Die anderen Medien seien nur »darauf ausgerichtet, die Freiheitliche Partei kleinzuhalten«, in Österreich herrschten »Zensur« und »parteipolitisch motivierte Verzerrungen«, erklärte der damalige FPÖ-Generalsekretär Kickl im ersten Beitrag von FPÖ TV.
Als »Straches Schreibtischtäter« bezeichnet der frühere FPÖ-Politiker Uwe Scheuch den neuen blauen Generalsekretär. Eine Bezeichnung, die Kickl schon damals gar nicht gefällt. Das sei der »Versuch einer Kriminalisierung«. Anfangs möchte er noch gefallen, möchte vom politischen Gegner akzeptiert und von Medienvertretern anerkannt werden. Über den damaligen Grünen-Parteichef Alexander Van der Bellen sagt Kickl 2005 noch: »Ich schätze die Art, mit der Alexander Van der Bellen Politik kommuniziert, das gefällt mir, das hat Sex.« Eine Rede für den grünen Parteichef zu verfassen hält Kickl damals noch für »eine spannende Gschicht!«. Heute ist Van der Bellen Bundespräsident und Kickl beschimpft ihn als »Mumie in der Hofburg« und als »Demokratie- und Staatsgefährder«, der des Amtes enthoben gehöre.
Viele Jahre gefällt sich Kickl in der Rolle des mächtigen Mannes in der zweiten Reihe. Die große Bühne, die gehört dem damaligen FPÖ-Vorsitzenden Strache. Dahinter steht Kickl, der Unauffällige, bei dem aber alle Fäden zusammenlaufen. »Meist sieht man ihn in Jeans und blauem Hemd ohne Krawatte. Mit seiner schmalen Brille und den leicht zerzausten Haaren erinnert er an einen gealterten Harry Potter«, schreibt das deutsche Magazin Focus 2016 über den damaligen FPÖ-Generalsekretär. In diesem Jahr zeigt Kickl erstmals öffentlich, wie wenig Berührungsängste er zur rechtsextremen Szene hat. Im Gegensatz zu vielen in seiner Partei ist Kickl nicht Mitglied einer deutschnationalen Studentenverbindung. Die Deutschtümelei ist ihm lange Zeit fern. Allerdings beginnt er immer mehr, seine engsten Mitarbeiter in diesen Kreisen zu rekrutieren. Alexander Höferl, den Kickl später zum Kommunikationschef im Innenministerium ernennt, ist Mitglied der Burschenschaft Gothia, sein späterer Kabinettschef Reinhard Teufel ist Mitglied der Innsbrucker akademischen Burschenschaft Brixia und der FPÖ-Klubdirektor Norbert Nemeth ist Alter Herr der Burschenschaft Olympia. Alle drei deutschnationale studentische Verbindungen, die selbst in diesen Kreisen extrem weit rechts außen stehen.
Kickl selbst tritt 2016 als Redner beim Kongress der »Verteidiger Europas« in Linz auf, einer rechtsextremen Veranstaltung, die sich der vermeintlichen »ethnokulturellen Verdrängung der europäischen Völker« widmete. Mit dabei sind damals die rechtsextreme Identitäre Bewegung, der deutsche Publizist Götz Kubitschek, dessem »Institut für Staatspolitik« das deutsche Verwaltungsgericht in Magdeburg »rassistische und biologistische Sichtweisen« bestätigt. Das Institut »richte sich gegen die freiheitliche und demokratische Grundordnung«, zitiert das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel aus dem Urteil. Ebenfalls unter den Gästen ist der Deutsche Jürgen Elsässer, Herausgeber des Compact-Magazins, das der deutsche Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextrem« einstuft.
In dieser illlustren Runde hält Kickl damals eine Rede: »Das ist ein Publikum, wie ich mir das wünsche und wie ich es mir vorstelle«, begrüßte er die rechtsextreme Schar, denn, »es ist etwas ganz etwas anderes, wie wenn man im Parlament steht, dort redet und in diesen
