Kilimanjaro & Mount Meru - Nadja Hartl - E-Book

Kilimanjaro & Mount Meru E-Book

Nadja Hartl

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Beschreibung

Nachdem ich 2014 den höchsten Berg Afrikas aus dem Fenster eines Flugzeugs gesehen habe, blieb er, als atemberaubendes Erlebnis, in meiner Erinnerung. Eine Besteigung war damals allerdings kein Thema. Es war sein überwältigender Anblick aus der Luft, der in meiner Erinnerung hängen blieb. Damals gab es kaum Freizeitaktivitäten, die Arbeit nahm allen Platz in meinem Leben ein. Nach einiger Zeit, und einem wohl vorhersehbaren Burnout, änderte sich das. Ich fand wieder zurück zur Natur und dem Wandern, das ich als Kind so geliebt hatte. So kam es, dass der höchste Berg Afrikas, der Kilimanjaro mit seinem schneebedeckten Gipfel, ein Ziel für mich wurde. 2019 habe ich ihn das erste Mal bestiegen, seither lässt er mich nicht mehr los.

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Seitenzahl: 215

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nadja Hartl

KILIMANJARO

und Mount Meru

Zwei Jahre

Sechs Besteigungen

& unvergessliche Momente

Für Köbi & John

Es war mir ein Vergnügen mit euch Unterwegs zu sein

Der Kilimanjaro!

Der höchste Berg auf dem afrikanischen Kontinent.

Der vierthöchste Gipfel der SevenSummits.

Ein fast 6000er.

Ein einfacher Wanderberg.

Der höchste freistehende Berg der Welt.

Der Traum vieler Menschen ist es, ihn einmal in ihrem Leben zu besteigen.

Jedes Jahr machen sich Zehntausende auf den Weg zum Gipfel. Viele von ihnen haben noch nie zuvor einen Mehrtagesmarsch unternommen.

Aufgrund der körperlichen Anstrengungen in grosser Höhe, und der vor Ort kaum möglichen Höhenanpassung, erreicht ein Grossteil den Gipfel nicht.

Auch ich hatte mir Anfang 2018 in den Kopf gesetzt diesen Berg zu besteigen.

Es war kein lang gehegter Traum, sondern eher die Suche nach einer neuen Herausforderung in meinem wiedergefundenen WandererLeben.

Es war eine plötzliche Idee.

Eine Idee die sich weiterentwickeln sollte.

Das Dach Afrikas.

Der Kilimanjaro.

Er hat mich zweifellos in seinen Bann gezogen.

Ob er mich jemals wieder loslassen wird, das wissen nur die Götter, die auf seinem Gipfel wohnen.

Dezember 2014 - eine unvergessliche Begegnung

Ich sitze in der letzten Reihe eines nagelneuen Boeing Dreamliner, am Himmel über Nairobi. Wir landen in etwa zehn Minuten, und dann werde ich vier Stunden auf meinen Anschlussflug warten müssen.

Draußen ist noch dunkle Nacht, und auch im Flughafengebäude herrscht noch Ruhe. Ich fliege erst um neun Uhr weiter, mit einem Propellerflugzeug, das mich nach Sansibar bringen soll. Vier Tage entspannen und den sechzigsten Geburtstag meines lieben Papa feiern, so der Plan. Zuerst einmal muss ich aber die Zeit totschlagen, bis ich pünktlich, als einer von zwei Passagieren in einer Maschine der PrecisionAir über das Rollfeld rumple.

Wir heben ab, und ich schaue den unter uns vorüberziehenden Wolken zu. Ich liebe es zu fliegen, und hinauszuschauen. Die Wolken sehen aus wie Wattebäusche, Autos und Häuser werden immer kleiner, bis sie als stecknadelkopfgroße Punkte unter uns verschwinden.

Nach einiger Zeit taucht zwischen den Wolken etwas auf, das ich nicht sofort einordnen kann. Schnee!

Schnee? Ich sitze in einem Flugzeug irgendwo über Afrika!

Dann schiesst es wie ein Blitz durch meinen Kopf – der Kilimanjaro! Das muss er sein! Der höchste Berg Afrikas!

5895 Meter hoch!

Der Kilimanjaro ist genau genommen ein Bergmassiv, mit dem 5895 Meter hohen Kibo als höchstem Gipfel, auf dem afrikanischen Kontinent. Es liegt im Nordosten von Tansania, unweit der kenianischen Grenze, und etwa 350 Kilometer südlich des Äquators. Bereits 1987 wurde der Kilimanjaro zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt.

Die Eiskappe des Kibo ist sehr stark vom Gletscherschwund betroffen. Wenn man die Fotos von Walter Mittelholzers Kilimanjaro Flug 1930 mit den heutigen vergleicht, kann man den Rückgang der Gletscher gut erkennen.

Das Kilimanjaro Massiv besteht eigentlich aus drei erloschenen Vulkanen - dem Shira, dem Mawenzi, und dem Kibo. Die Vergletscherung beschränkt sich allerdings nur auf den Kibo.

Er wurde am 6. Oktober 1889, als das heutige Tansania noch Deutsch - Ostafrika war, von Hans Meyer und Ludwig Purtscheller erstbestiegen. Der Gipfel wurde daraufhin als Kaiser-Wilhelm-Spitze bekannt. Im Zuge der Unabhängigkeit Tansanias wurde er 1962 umbenannt in Uhuru Peak - Freiheitsspitze.

Ich sehe den Krater bedeckt mit Schnee und Eis zwischen den Wolken, und kann den Blick nicht abwenden. Welch ein gigantischer Anblick, was für ein  wunderbarer Moment.

Ich verdrehe mir regelrecht den Hals um alles bis zur letzten Sekunde zu geniessen. Dann ist er weg.

Ich habe diesen Berg schon so oft auf Bildern gesehen. Ich weiß, das viele Menschen nach Tansania fliegen, um sich dort ihren Traum einer Besteigung des höchsten Afrikanischen Berges zu erfüllen. Ich allerdings habe noch nie einen Gedanken daran verschwendet irgendwann einmal dort hinaufzusteigen, und tue es auch in diesem Moment nicht.

Mein Leben besteht aus Karriere, die Arbeit ist mein Leben!

Ausserdem lebe ich in Dubai, umgeben von Wüste und Sand, mit keinerlei Möglichkeit für ein sinnvolles Bergtraining.

Als ich vier Tage später als eine von diesmal drei Personen den Rückflug antrete, hoffe ich insgeheim, den Kilimanjaro noch einmal zu sehen.

Und wie ich ihn sehe!

Noch besser als beim Hinflug fliegen wir nicht nur darüber hinweg, sondern daran vorbei. Ich fühle mich, wie sich wohl Walter Mittelholzer bei seinem Kilimanjaro Flug 1930 gefühlt haben muss. Mit dem Unterschied, dass er fotografierte!

Ich nicht! Ich bin einfach nur fasziniert, und denke gar nicht daran. Wieder geniesse ich den Blick auf den Berg, seine gleichmäßig ansteigenden Hänge und die übrig gebliebenen Gletscher.

Aber Moment.

Warum fliegen wir so tief?

Landen wir?

Wir landen!

Am Kilimanjaro Airport.

Der Flughafen Nairobi – unser Ziel – wurde aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen geschlossen, und wir fliegen nirgendwo hin, solange das so bleibt.

Na super!

Ich muss den Anschlussflug erreichen.

Ich muss nach Dubai.

Zur Arbeit!

Und das bitte pünktlich!

Ich habe doch keine Zeit!

Wir warten im Flughafengebäude, laufen hin und her wie Tiger im Käfig, den kleinen Raum verlassen dürfen wir nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht es endlich wieder weiter. Einsteigen!

Ich erreiche den Anschlussflug in Nairobi knapp, und bin pünktlich zurück im Arbeitsleben.

Der höchste Berg Afrikas, mit seinem schneebedeckten Gipfel, verschwindet in den Tiefen meiner Erinnerung.

April 2018 - Neue Ideen

Vier lange Jahre, einige tiefgreifende Erlebnisse und Veränderungen, und einen Burnout später, befinde ich mich wieder im Berufsleben und gerade im Urlaub auf einem Trekking in Marokko, als sich bei der Überquerung des Atlasgebirges ein besonderer Berg, den ich vor Jahren einmal gesehen habe, in meine Gedanken mogelt.

Der Kilimanjaro.

Erinnerungen werden wach, und ich komme zum Entschluss - ich will eine Besteigung des höchsten Berges in Afrika in Angriff nehmen.

Nun müssen der Idee nur noch die Taten folgen!

Ich habe inzwischen einiges in meinem Leben verändert…

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Ich bin nun einundvierzig Jahre alt und mehr denn je der Meinung, dass man seine Ideen sobald als möglich in die Tat umsetzen, seine Wünsche nicht vor sich herschieben und sich seine Träume erfüllen soll!

Das Leben ist kurz.

Manchmal zu kurz!

Ich bin gerne draussen in der Natur, sehr gerne.

Schon als Kind ging ich regelmässig, meistens mit meinem Onkel und seinem Hund, an den Wochenenden in den Wald zum wandern. In diesem ländlichen Gebiet in dem ich aufgewachsen bin, prägen Wälder und Wiesen, Hügel und kleinere Berge das Bild. Eine wunderbare Gegend um die Natur zu geniessen.

Als ich dann älter wurde, änderten sich wie selbstverständlich die Interessen, das Wandern verlor für mich immer mehr an Bedeutung, die Natur wurde nebensächlich und eher früher als später, hatte mich, mit Anfang zwanzig, die Arbeitswelt fest in ihrem  Griff. Die Karriere bahnte sich ihren Weg an die erste Stelle meiner Prioritätenliste.

Reisen fanden dann statt wenn sie sich in irgendeiner Form mit der Arbeit verbinden liessen, Weiterbildung nannte ich das.   Später dann durchaus auch zur Erholung. Nie aber hätte ich damals einen Trekkingurlaub oder die Besteigung eines Berges in Betracht gezogen.

Jetzt, über zwanzig Jahre später sieht die Sache ganz anders aus. Trekking, Bergwanderungen, Hochtouren, Besteigungen von Bergen oder auch ganz einfache Genusswanderungen auf der ganzen Welt sind inzwischen wieder meine liebste Freizeit- und Urlaubsbeschäftigung.

Seit Anfang 2016 lebe und arbeite ich in der Schweiz, dem Wanderparadies schlechthin.

Ich habe mich Schritt für Schritt wieder herangewagt an das, was mir als Kind so viel Freude bereitet hat. Fast täglich bin ich mehrere Stunden draussen unterwegs. Weit weg vom Dreck, dem Lärm und der Hektik einer Stadt habe ich sie wiedergefunden, meine innere Ruhe, und die Liebe zu den Bergen.

Nach verschiedenen Urlaubsreisen, die ich in den vergangenen Jahren als Wandersmann verbracht habe, steht nun also einer der SevenSummits ganz oben auf meiner Ideenliste für einen Trekkingurlaub. Der höchste Berg Afrikas. Der Kilimanjaro!

Eine Besteigung des Kilimanjaro kann man sich durchaus von einer Agentur oder einem Reisebüro in Europa oder Tansania organisieren lassen, oder man fliegt einfach hin und sucht sich Guide und Träger vor Ort.

Ich ziehe es vor, mir meine Reise vorher, mit allem drum und dran organisieren zu lassen. Das Rundum-Sorglos-Paket quasi. Ich durchsuche also die Weiten des WorldwideWeb nach Reiseveranstaltern die eine Kilimanjaro Besteigung anbieten, und muss feststellen, es gibt dutzende.

Hinzu kommt, das für Wanderer wie mich fünf Routen relevant sind.

Die Marangu Route

Ist die einzige Route mit Hütten, die Besteigung gilt als leicht, denn die Wege sind gut begehbar, und sind, bis auf den Gipfelanstieg ab der letzten Hütte, nicht steil. Das Trekking ist durchaus in fünf Tagen machbar, es empfiehlt sich aber ein Zusatztag (Ruhetag am dritten Tag) zur Höhenanpassung.

Die Marangu Route war bis vor einigen Jahren, die am meisten begangene Route. Inzwischen sind die Besucherzahlen auf dieser Route jedoch limitiert auf etwa 70 Bergsteiger pro Tag. Landschaftlich ist diese Route sehr reizvoll und abwechslungsreich, allerdings sind Auf- und Abstiegsweg identisch.

Machame Route

Ist eine Zeltroute, die in sechs bis sieben Tagen durchgeführt werden kann. Der Anstieg ist gelegentlich sehr steil und unwegsam. Landschaftlich gilt diese Route als die schönste und abwechslungsreichste, was sie wiederum zu einer sehr beliebten, und damit auch zu Zeiten, zu einer sehr überlaufenen Route macht. Der Abstieg erfolgt über die Mweka Route.

Lemosho Route

Sie ist eine längere Route, die in sieben oder acht Tagen durchgeführt wird, und bei der man ebenfalls in Zelten übernachten muss. Auch sie enthält steilere Passagen und Trittsicherheit ist auf jeden Fall nötig. Auf dieser Route erfolgt der Abstieg ebenfalls über die Mweka Route.

Umbwe Route

Sie gilt die schwierigste Route, da sie streckenmässig die kürzeste ist, und auch die mit den steilsten Anstiegen. Deshalb ist sie die am wenigsten frequentierte Route am Kilimanjaro. Auch diese Route wird nur mit dem Zelt begangen, und der Abstieg folgt auch hier über die Mweka Route.

Die Umbwe Route wird nicht für Erstbesteigungen empfohlen, da hier sehr wenig Zeit zur Höhenanpassung bleibt.

Rongai (Kikelelwa) Route

Die Kikelelwa Route ist auch nur mit dem Zelt zu begehen, und ist gewissermaßen eine Verlängerung der Rongai Route. Sie kann in sechs Tagen durchgeführt werden, aber auch hier ist ein zusätzlicher Tag zu Höhenanpassung sehr empfohlen. Die Wege sind auch auf dieser Route weniger steil, und gut zu wandern.

Sie führt als einzige Route von Norden her auf den Berg, und der Abstieg erfolgt nach Süden, über die Marangu Route.

Für jede dieser Routen, egal ob Hütte oder Zelt, benötigt man Guide, Koch und Träger, denn individuelle bzw. Solo Besteigungen des höchsten afrikanischen Berges sind verboten.

Ich habe in vielerlei Hinsicht die Wahl, gewissermaßen also die Qual der Wahl.

Ich recherchiere und recherchiere…. Reiseveranstalter, Routen…. Routen und Reiseveranstalter, Gruppentour oder Einzeltour…

Ich entscheide mich letztlich für eine Gruppentour über die Marangu Route, mit einem privaten Reiseveranstalter, mit dem ich im vergangenen Jahr in Nepal unterwegs, und sehr zufrieden, war.

Manchmal liegen die guten Dinge ja so nah.

Bei meinen Recherchen stosse ich ausserdem auf die Möglichkeit, zur Akklimatisierung, noch auf einen weiteren Berg in Tansania zu steigen.

Den Mount Meru.

Der Mount Meru ist ein 4562 Meter hoher, erloschener Vulkan, und befindet sich etwa siebzig Kilometer südwestlich des Kilimanjaro. Die Bewohner, die am Fuß des Berges leben, sind die Meru. Er ist der dritthöchste Berg in Tansania, umgeben vom Arusha Nationalpark.

Eine Besteigung des Berges erfordert keinerlei technische Fähigkeiten, trittsicher sollte man allerdings sein. Am Berg gibt es zwei Hütten, die Miriakamba Hütte auf 2500 Meter Höhe, und die Sattelhütte auf 3500 Meter. Von hier erfolgt üblicherweise der Aufstieg mitten in der Nacht. Nach etwa sechs Stunden steht man am Gipfel.

Der Aufstieg bis zur Sattelhütte wird immer von einem Ranger mit Gewehr begleitet. Im Nationalpark gibt es viele Büffel, und diese Maßnahme dient der Sicherheit aller Wanderlustigen. Von der Sattelhütte lässt sich ein schöner Akklimatisierungs-Spaziergang zum Little Meru in 3800 Meter Höhe machen. Die Aussicht von dort ist wunderbar, allerdings hat man dort am Nachmittag oft viele Wolken.

Wenn ich etwas mache, dann richtig. Halbe Sachen gibt es nicht. Wen wundert es da, das mein Plan für das Trekking nun tatsächlich auf die Besteigung beider Berge ausgeweitet wurde. Wenn ich schon nach Tansania fliege dann will ich soviel wie möglich davon haben.

Der Reiseplan sieht also wie folgt aus:

4 Tage Mount Meru - allein

6 Tage Kilimanjaro über die Marangu Route – mit einer Gruppe

5 Tage Safari in Tarangire und Ngorongoro

Man gönnt sich ja sonst nichts!

Umgeben von den Schweizer Bergen, kann ich mich wunderbar auf meine Reise vorbereiten.

Also wandere ich. Es ist großartig!

Die Natur erleben, die Ruhe geniessen, durch den Wald laufen, vom Berg ins Tal schauen, im Frühling die blühenden Wiesenblumen bestaunen und im Herbst die goldenen Lärchen…

Ich wandere bei Sonnenschein, mache lange Wanderungen, kurze Wanderungen, wandere mit vielen Höhenmetern, wandere mit schwerem Rucksack,  bei Regen, vor der Arbeit….

Und muss mich doch immer wieder selbst daran erinnern, dass der Mensch auch mal Ruhe braucht.

Oktober 2018 - einfach mal machen, könnte ja gut werden

Ich habe einen Sommer voller Training hinter mir, und in einigen Tagen ist es soweit. Ich bin so aufgeregt.

Ich habe keine Ahnung was mich erwartet.

Noch nie war ich in einer solchen Höhe unterwegs.

Werde ich an meine Grenzen stossen?

Ich habe schon vor Wochen angefangen, Kleidung, Gerätschaften, Schuhe und allerlei andere Dinge, die man brauchen könnte, für meine Reise auf das Dach Afrikas zurechtzulegen.

Ich könnte ja etwas vergessen!

Es ist inzwischen mein Ritual. Ein grosser Haufen der vermutlich benötigten Reiseutensilien wird schon Wochen vor jeder Reise aufgestapelt und wartet auf die endgültige Sortierung und die Verpackung in Seesack oder Reisetasche!

Ich bin die einzige der späteren Gruppe, die den Mount Meru besteigen wird, also werde ich einige Tage vor allen anderen abfliegen.

Zwanzig Kilogramm Gepäck sind aus meinem Haufen zusammengekommen, die ich in eine Tasche, einen Rucksack und einen Seesack verpacke.

Da ich kein Auto besitze, und mich grundsätzlich mit dem öffentlichen Verkehr arrangiere, was in einem Engadiner Bergdorf nicht immer einfach ist, steht als erste Herausforderung das Finden einer ÖV Verbindung mit so wenig wie möglich Umsteigeverbindungen an. Darin bin ich aber als Autoverweigerer bereits geübt, und habe schnell die Passende gefunden. Am Abreisetag, oder genauer gesagt, dem Tag vor der Abreise nach Tansania - ich werde eine Nacht in Zürich verbringen, da der Flug mit KLM bereits am Morgen um sieben Uhr startet, und es mitten in der Nacht keine Verbindung aus einem Bergtal in die Zivilisation gibt - steht als  erste Etappe der Weg zur Bushaltestelle auf dem Programm.

Das Gute am Dorfleben ist, dass man Dinge einfach am Strassenrand oder irgendwo sonst abstellen, und absolut sicher sein kann, dass sie zwanzig Minuten später noch immer genau dort stehen.

Ich trage also die ersten zehn Kilo zur Bushaltestelle, gehe wieder nach Hause und hole die zweite Tasche und den Rucksack, gehe zurück und wir steigen in den Bus und sind auf dem Weg nach Afrika.

Am nächsten Morgen fliege ich von Zürich nach Amsterdam. Nach etwa zwei Stunden Wartezeit und gefühlten fünf Kilometern Fussmarsch durch diesen niederländischen Flughafen zum Gate, sitze ich endlich einer Maschine der KLM zum Kilimanjaro Airport.

Die Maschine landet pünktlich, sie ist bis unters Dach mit Menschen gefüllt. Wollen die etwa alle auf den Berg?

Es stellt sich heraus, das ein Grossteil sitzen bleiben wird um nach Dar es Salaam weiterzufliegen.

Ich kann mich dunkel an diesen Flughafen erinnern, schliesslich war ich, wenn auch ziemlich unfreiwillig, schon einmal hier.

Die Einreiseprozedur dauert nach afrikanischer Manier recht lang,  auch wenn man sich, wie ich, das Visum schon vorher besorgt hat. Stress und Hektik scheint man hier nicht zu kennen, nun ja, ich bin schliesslich im Urlaub. Hakuna Matata! Pole Pole!

Als ich mein Gepäck eingesammelt habe, und das Flughafengebäude endlich verlasse, wartet ein Fahrer auf mich, der mich nach Marangu bringen wird.

Wir fahren in einem alten Geländebus, dessen Vertrauenswürdigkeit ich als gering einstufe. Der überaus freundliche Fahrer und die stockfinstere Nacht durch die wir mit diesem Gefährt gleich fahren werden, tragen nicht unbedingt dazu bei, mehr Vertrauen zu gewinnen. Die Fahrt ist holprig und besteht aus ständigem Stop and Go, denn die Straße ist gefühlt alle zehn Meter mit irgendwelchen Buckeln gepflastert, die zu schnelles fahren verhindern sollen. Nach etwa neunzig Minuten erreichen wir das Ziel des heutigen Tages - oder besser gesagt - der heutigen Nacht, das Marangu Hotel am Fuße des Kilimanjaro.

Karibu!

Jambo Afrika!

Ich bin in Afrika.

Es ist kurz vor Mitternacht, ich werde herzlich von einer schwarzen Mama in einem weiten, bunten Gewand empfangen, direkt im Speisesaal an einen schön gedeckten Tisch gesetzt und mitten in der Nacht noch mit einem 3 Gänge Menü bewirtet. Wow!

Mein Gepäck wird inzwischen schon auf mein Zimmer gebracht und nach etwa einer Stunde folge ich, kugelrund und hundemüde. Voller Vorfreude schlafe ich nach diesem langen Tag ein.

Ich erwache im Morgengrauen und schaue verschlafen aus dem Fenster. Ich blicke in einen prachtvollen Garten und sehe durch die Baumkronen den Kilimanjaro! Aus dieser Perspektive wirkt er klein, aber ich lasse mich nicht täuschen, ich habe die Bilder meines Überflugs im Kopf als wäre es gestern gewesen. Ich weiss was für ein riesiger Berg sich da vor meinem Fenster erhebt. Noch etwa eine Woche muss er warten.

Oder vielmehr – Ich muss warten.

Eins nach dem anderen.

Zuerst geht es auf den Meru, der immer im Schatten dieses großen schneebedeckten „Bruders“ steht, aber ich freue mich nicht weniger darauf.

Marangu ist eigentlich kein Ausgangspunkt für eine Meru Besteigung, aber ich werde mein Gepäck deponieren und wenn ich zurück bin, werde ich hier mit der Gruppe zusammentreffen um gemeinsam die Besteigung des Kibo über die sogenannte Marangu Route in Angriff zu nehmen.

Am nächsten Tag fahre ich, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Arusha, um Guide und Träger für die Meru Besteigung zu treffen und dann gemeinsam zum Arusha Nationalpark zu fahren.

Ich werde vom Besitzer der Agentur aufgehalten, er braucht noch Geld, für dies und das… aber es ist doch schon alles bezahlt… hmm, naja, aber wenn ich ihm das Geld nicht gebe, gibt es keine Tour auf den Meru.. also gut, ich zahle!

Ich habe keine Lust auf Diskussionen, ich will auf den Berg, und werde das später mit Hanspeter klären, der mir das alles organisiert hat, und mir versicherte, alles ist geregelt.

Als wir am Gate ankommen ist es bereits halb fünf und wir werden abgewiesen. Es war zu erwarten!

Zu spät für einen Aufstieg zur Miriakamba Hütte, der gute vier Stunden dauert. Wir haben keine Wahl und drehen um, suchen für mich in der Nähe ein Hotel und werden morgen früh zurückkommen. Das fängt ja gut an!!

Am nächsten Morgen werde ich wieder abgeholt und es folgt direkt die nächste Hiobsbotschaft.

Joseph, einem der Träger wurde in der Nacht der Ausweis gestohlen, und ohne werden ihn die Ranger am Gate nicht hineinlassen. Kein Ausweis, kein Job!

Er wird nicht mitkommen können.

Ich will wissen wo denn Guide und Träger die Nacht verbracht haben, aber keiner will es mir sagen.

Meine Frage bleibt für immer unbeantwortet.

Wir fahren zum Momella Gate. Diesmal werden wir ohne Probleme in den Park gelassen, und es braucht zwei Stunden für die Bürokratie und bis sich endlich ein Ranger gefunden hat, der uns, und zwei weitere Wanderlustige auf dem Weg durch den Busch begleiten wird.

Pole Pole! Wir marschieren los.

Wir sind kaum eine Stunde unterwegs und es fängt an zu regnen. Nicht ein bisschen Nieselregen, nein, ein Wolkenbruch.

So schnell wir können, packen wir Schirm, Pelerine und alles aus, was uns als Regenschutz in die Hände kommt. Viel nützt es nicht, wir sind zu langsam beim herumsuchen und schon ziemlich nass. Wer bitte packt denn auch seine Pelerine ganz unten in den Rucksack?

Plötzlich taucht ein Jeep mit zwei Rangern hinter uns auf, wir springen zur Seite und er hält neben uns an. Mein Guide Baraka und der Koch Philippo der uns begleitet, nutzen den Moment, hüpfen auf die Ladefläche und ziehen mich hinterher. Die Ranger schauen etwa genauso überrascht wie ich selbst, und nach ein paar Worten auf Swahili, die ich natürlich nicht verstehe, geht es los!

Unser Ranger mit dem Gewehr und die beiden anderen Wanderlustigen bleiben zurück.

Die Fahrt ist wild. Der Typ fährt, als wären alle Löwen Afrikas hinter uns her. Wir quetschen geduckt, mit tief ins Gesicht gezogener Pelerine zwischen unseren Rucksäcken und allerlei Ranger-Utensilien auf der Ladefläche und ergeben uns dem was kommt. Wir hüpfen hin und her, der Regen peitscht uns aus allen Richtungen ins Gesicht, tropft von unseren Nasen, der Jeep scheppert über Steine und durch Pfützen so gross wie der Bodensee, Schlamm spritzt…. und endlich werden wir langsamer.

Wir sind da. Miriakamba Hütte.

Baraka gibt mir zu verstehen, dass unsere Taxifahrer ein kleines Trinkgeld erwarten. Für eine Achterbahnfahrt inklusive kalter Dusche - Selbstverständlich!

Ich bin einfach froh bei diesem Regen nicht immer noch zu Fuss unterwegs zu sein, auch wenn wir sehr wahrscheinlich genauso nass geworden sind.

Ich werde in eine der Hütten geführt, wo Emmanuel, mein Träger, meine Tasche schon in einem der Zimmer deponiert hat. Zimmer „Zebra“. Das Zimmer ist klein und an jeder Seite steht ein Stockbett. Insgesamt vier Personen hätten hier Platz. Oder vielmehr hätten sie kaum Platz! Ich bin allein und kann mich ausbreiten. Was für ein Luxus in 2500 Meter  Höhe.

Ich richte mich ein, ziehe mir trockene Sachen an, und schaue mich etwas auf dem Gelände um. Es gibt ein „Badezimmer“ bestehend aus vier aneinander gereihten Waschbecken ohne Abfluss und ein Toilettenhäuschen mit Toilettenschüsseln, so wie wir Europäer das gewöhnt sind, allerdings mit nicht funktionierender Spülung, ausserdem gibt es eine weitere Schlafhütte, eine Hütte in der gekocht wird, ein Häuschen für die Ranger und eines für Guides und Träger und eine Speisehütte, wo schon warmer Tee und gesalzenes Popcorn auf mich warten.

Der Regen hat inzwischen aufgehört und ich gehe auf eine Art Balkon, der an der Speisehütte angebaut ist.

Von hier aus kann man bei klarem Wetter Kilimanjaro und Mawenzi aufragen sehen.

Ich sehe Wolken und Nebel, den dichten, an manchen Stellen undurchdringlichen Wald, der die Hüttenanlage umgibt, und der jetzt in der Dämmerung gefüllt ist mit gespenstischen Geräuschen. Lange stehe ich dort oben…

Bis ich gerufen werde. Das Abendessen ist fertig!

Nach einem reichlichen und vor allem sehr guten Essen, bespreche ich mit Baraka den morgigen Tag. Wir wollen um  acht Uhr zur Sattelhütte aufbrechen und am Nachmittag noch auf den Little Meru steigen. Das ist gut für die Akklimatisation.

Ich frage mich insgeheim wie wir den verlorenen Tag wieder herausholen wollen, schliesslich sollten wir in dieser Nacht schon zum Gipfel gehen, wenn denn alles planmässig gelaufen wäre.

Ich stelle die Frage aber nicht. Stattdessen frage ich Baraka wie oft er den Meru schon bestiegen hat. Seine Antwort habe ich so nicht erwartet – noch NIE! Ich sage nichts. Ich bin überrascht.

Wieso schickt man mich mit jemand los, mit dem ich in finsterster Dunkelheit auf einen Berg steigen soll, und der die Route, wenn überhaupt, nur theoretisch kennt. Die Besteigung beginnt üblicherweise gegen ein Uhr nachts, so dass man zum Sonnenaufgang am Gipfel ist.

Wie genau ich mit einem Guide, der den Berg noch niemals vorher bestiegen hat, in der Nacht den Gipfel erreichen soll ist mir rätselhaft.

Dieses Problem wird sich morgen auf eine recht einfache Art lösen, ich weiss es nur noch nicht!

Die Nacht ist unruhig, und gefüllt mit mehreren Ausflügen zum Toilettenhäuschen. Wieso muss ich auch die Sache mit dem viel trinken so verdammt ernst nehmen?!

Aus dem Wald, der die Hütte umgibt dringen allerlei merkwürdige Geräusche, und ich beeile mich, zurück in mein Zimmer zu kommen. Als ich wieder in meinem Schlafsack liege, raschelt es irgendwo. Unter meinem Bett? Auf dem Bett gegenüber? Darunter? Ich kann es nicht deuten, nehme aber an, dass es eine von diesen winzigen Mäusen ist, die überall herumrennen. Irgendwo wird sie hereingekommen sein. Durch den Schlitz unter der Tür, durch ein Loch irgendwo in der Wand, keine Ahnung. Eigentlich ist es auch egal, meine Schokoladen Vorräte sind fest verpackt, und unerreichbar. Ich schlafe ein.