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Erin Ich lebe nur noch für meine Rache. Mein ganzes Leben, mein ganzes Sein wird davon bestimmt. Niemand wird mich davon abhalten, alle Zahnräder in dieser korrupten Maschinerie zu beseitigen. Ihr habt mir meinen besten Freund, meine Familie und meine Liebe geraubt, deshalb nehme ich mir jetzt eure Leben. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Dann treffe ich auf dich. Ich will mich nicht auf dich einlassen. Ich muss mein Herz schützen. Unsere Interessen überschneiden sich auf eine gefährliche Weise und als Staatsanwalt bist auch du mein Gegenspieler. Zu sehr weichen unserer Wertvorstellungen voneinander ab. Die Zeit drängt, um meinen Plan durchzuziehen, denn mit jedem Mord steigt die Wahrscheinlichkeit, aufzufliegen. Ruark Fasziniert von den Morden, die ein Serienkiller verübt, recherchiere ich die Hintergründe und versuche den gemeinsamen Nenner zu finden. Ich kann es nicht erwarten, den Killer hinter Schloss und Riegel zu bringen. Dann treffe ich auf dich. Du bist so anders als alle Frauen vor dir. Unnahbar. Kühl. Geheimnisvoll. Ich kann nicht widerstehen, muss dich näher kennenlernen, und vielleicht wirst du mir irgendwann genug vertrauen, um mir dein Geheimnis zu verraten. Du lässt mich meine Jagd auf den Killer fast vergessen, doch mein Gefühl sagt mir, die Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
Raven T. Winter
Kill your enemies protect your heart
Romance thrill
Copyright © 2021
Raven T. Winter
Erstausgabe Februar 2021 im Selfpublishing
Alle Rechte vorbehalten!
Copyright © Raven T. Winter
Covergestaltung: Giessel Design
Korrektorat: SW Korrektur
Raven T. Winter
c/o Autorenservice Patchwork
Schlossweg 6
A-9020 Klagenfurt
Personen und Handlungen sowie Schauplätze sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Es darf weder auszugsweise noch vollständig in jeglicher Form ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung der Autorin weiter gegeben werden.
Was Recht ist, muss nicht gerecht sein.
(Exler, Georg-Wilhelm)
Das "Ende" ist nicht immer das Ende, sondern manchmal der Start für einen "Neu-" Anfang.
(Klaus Seibold)
Klappentext
Erin
Ich lebe nur noch für meine Rache. Mein ganzes Leben, mein ganzes Sein wird davon bestimmt. Niemand wird mich davon abhalten, alle Zahnräder in dieser korrupten Maschinerie zu beseitigen.
Ihr habt mir meinen besten Freund, meine Familie und meine Liebe geraubt, deshalb nehme ich mir jetzt eure Leben. Auge um Auge. Zahn um Zahn.
Dann treffe ich auf dich. Ich will mich nicht auf dich einlassen. Ich muss mein Herz schützen.
Unsere Interessen überschneiden sich auf eine gefährliche Weise und als Staatsanwalt bist auch du mein Gegenspieler. Zu sehr weichen unserer Wertvorstellungen voneinander ab.
Die Zeit drängt, um meinen Plan durchzuziehen, denn mit jedem Mord steigt die Wahrscheinlichkeit, aufzufliegen.
Ruark
Fasziniert von den Morden, die ein Serienkiller verübt, recherchiere ich die Hintergründe und versuche den gemeinsamen Nenner zu finden. Ich kann es nicht erwarten, den Killer hinter Schloss und Riegel zu bringen.
Dann treffe ich auf dich. Du bist so anders als alle Frauen vor dir.
Unnahbar. Kühl. Geheimnisvoll.
Ich kann nicht widerstehen, muss dich näher kennenlernen, und vielleicht wirst du mir irgendwann genug vertrauen, um mir dein Geheimnis zu verraten.
Du lässt mich meine Jagd auf den Killer fast vergessen, doch mein Gefühl sagt mir, die Zeit zerrinnt mir zwischen den Fingern.
Erin
Der leicht aufkommende Wind veranlasst mich, mein Scharfschützengewehr neu auszurichten. Die klirrende Kälte ist schon vor einiger Zeit durch die Stofflagen der Kleidung gekrochen, und doch verharre ich weitestgehend reglos, gut verborgen in meinem Versteck, auf mein Ziel fixiert.
Bald komme ich von diesem eiskalten Dach herunter, um mir in der Badewanne meine Glieder wieder aufzuwärmen. Ich kann das heiße Wasser schon spüren, wie es samten meinen Körper umspült, die Hitze, die die Kälte aus mir vertreibt. Genießerisch rekle ich mich bereits in Gedanken in meiner Wanne.
Auf der Straße unter mir tut sich etwas. Sofort bin ich wieder voll bei der Sache, kontrolliere erneut die Windanzeige und meine Zieleinstellung. Ein kleiner Fehler in der Adjustage und ich kann mich von meiner Freizeitplanung – sprich meinem heißen Bad und einem guten Glas Wein – verabschieden, weil ich die Zielperson irgendwie erwischen muss, bevor die Sicherheitsmaßen so aufgestockt werden, dass ich keine Chance mehr habe, an den ehrenwerten Richter ranzukommen. Allein an dieses scheinheilige Monster zu denken, lässt Zorn in mir aufwallen.
Wenn nicht zufällig jemand im Darknet für seinen Tod eine hübsche Stange Geld geboten hätte, dieser Kerl wäre in den nächsten Wochen maximal Monaten umsonst durch meine Hand gestorben. Die leeren Kinderaugen, gezeichnet durch Missbrauch, alte Menschen, die alles verloren haben, weil sie sich die Mietpreise nicht mehr leisten können und auf der Straße landen.
Alles nur, weil dieser Richter in seiner Freizeit noch als Immobilienunternehmer tätig ist, dort überteuerte Luxuswohnungen und Einkaufsmeilen erbaut und die Mieter oder Eigentümer daraus vertreibt. Egal mit welchen Mitteln, nicht nur mit dem Ansteigen der Mietpreise; auch Drohungen und Einschüchterungen kommen oft zum Einsatz.
Niemand traut sich, deswegen gegen ihn vorzugehen, geschweige denn, dass es einige Recherchearbeit benötigt, um herauszufinden, wer hinter den ganzen Taten steckt. Sein Image nach außen hin ist tadellos.
Von den Journalisten in dieser Stadt und auch überregional wird er als Eckpfeiler der Gesellschaft betitelt, ein wahrer Gentleman, der ein Herz für die armen Kinder unserer Stadt hat.
Dass ich nicht lache – dieser Mann ist ein Monster.
Auf meiner Liste ist er wegen der Immobilien. Im Net durch den Tötungsauftrag bin ich auf seine Vorliebe für junge Kinder gestoßen; das ist der Grund, weshalb er erst jetzt an der Reihe ist. Ansonsten wäre er bei den Ersten gewesen, die ich aus dem Verkehr gezogen habe.
Ich ärgere mich noch immer maßlos darüber, es nicht vorher in Erfahrung gebracht zu haben. Wie viel Leid hätte ich damit noch verhindern können?
Ich darf mir kein Versagen erlauben. Schon morgen soll er als Gönner einem Waisenhaus wieder einen großen Scheck übereignen. Bei dem Gedanken, was er sich als Gegenleistung erwartet, zieht sich mein Inneres zu einem harten Klumpen zusammen. Er lädt danach immer ein oder auch zwei Kinder zu sich ein, als weiteres zusätzliches Highlight für diese Kinder. Dort vergeht er sich an ihnen, droht ihnen.
Nein, es muss heute sein. Ich kann nicht damit leben, wenn er noch einen weiteren Tag erlebt und auch nur ein weiteres Kind anfasst.
Unruhe entsteht unter mir, der Moment, auf den ich gewartet habe, ist da. Eine Limousine rollt heran, die Haustür geht auf. Zu den zwei Sicherheitsleuten, die auf dem Gehweg bereits Stellung bezogen haben, gesellen sich noch zwei weitere. Und mein Ziel zwischen ihnen.
Ein gut aussehender Endfünfziger, der aussieht wie ein netter und respektabler Mann der Gesellschaft, jemand, in dessen Gegenwart sich jeder wohlfühlt. Wie sehr dieser Eindruck doch trügt, er hat diese Facette perfektioniert. Ich verfolge die Bewegungen der Gruppe durch das Zielfernrohr.
Man sollte annehmen, mein Pulsschlag beschleunigt sich, und ich sollte voller Gewissensbissen sein, weil ich dabei bin, das Leben eines Menschen zu beenden – weit gefehlt.
Ich krümme den Zeigefinger noch ein bisschen mehr, und das wars. Ein Lächeln spielt um meine Mundwinkel, als der Knall ertönt und mein Ziel von der Kugel nach hinten gerissen wird.
Ohne mich zu vergewissern, ob mein Ziel wirklich tot ist – bei einem so präzise ausgeführten Kopfschuss mitten zwischen die Augen kann es gar nicht anders sein –, beginne ich mit raschen fließenden Bewegungen meine Ausrüstung zusammenzupacken und mein kleines Souvenir auf den Sims des Daches zu legen, und zwar ein Zahnrad.
Ein kleines Rädchen – wenn ich alle Namen von der Liste getilgt habe, sind es so viele kleine Räder, die ich aus dem Spiel genommen habe, dass die Maschinerie stoppt; viele sind nicht mehr übrig. In den letzten Jahren bin ich fleißig gewesen. Habe lange recherchiert, um ja keinen Fehler zu machen.
Aus den Augenwinkeln bekomme ich mit, wie Hektik ausbricht, Rufe werden laut, Befehle werden gebellt. Sie machen sich auf die Suche nach mir. Vielleicht ist es überheblich, aber ich mache mir wenig Sorgen, dass sie mich so schnell finden werden. Bis sie auf dieses Gebäude kommen, bin ich schon lange weg. Ich kundschafte meine Opfer und die Security lange und gründlich aus, erwäge verschiedene Pläne und habe immer mindestens drei Fluchtrouten. Ich überlasse nichts dem Zufall.
Nicht einmal dreißig Sekunden nach dem Schuss bewege ich mich bereits die Feuertreppe nach unten. Ich wende den Mantel, den ich anhabe, bevor ich die Straße erreiche und zwischen vorbeieilenden Passanten verschwinde. Aus dem schwarzen Mantel, der mich verborgen gehalten hat, wird ein auffälliger silbergrauer Mantel mit schwarzem Rand. Meine blonden Haare, die ich unter einer schwarzen Mütze verborgen hielt, lasse ich nun frei, locker fallen sie mir bis über meine Schultern.
Ein Blick auf die Uhr vergewissert mich, dass es nicht mehr lange dauern wird und die Einsatzkräfte müssen am Tatort auftauchen. Wie aufs Stichwort erschallen in diesem Moment laut die Sirenen. Perfekt getimt.
Es ist Donnerstagabend, in diesem Teil der Stadt ist viel los. Ich steuere die nächste Bar an – wie so oft in den letzten Wochen um diese Uhrzeit – mit meiner großen Shoppertasche im XXL-Format. Natürlich wäre mir mein Bad jetzt lieber als ein alkoholisches Getränk und einige plumpe Flirtversuche, damit mir warm wird, und auch mein bequemes Bett schreit schon förmlich nach mir. Eine Stunde, maximal zwei, dann bin ich hier weg. Seufzend lasse ich mich auf einem Stuhl am Tresen nieder.
»Na, was darf es heute sein?« Der ältere bärtige Besitzer der Bar wirft mir einen freundlichen Blick zu, während er mich nach meinem Getränkewunsch fragt.
Ich schenke ihm ein aufrichtiges Lächeln, dieser Bär von einem Mann mit seinem Karohemd passt besser in irgendeinen Wald als hier in die Großstadt, es fehlt nur die Axt, die er über der Schulter trägt, um ein paar Bäume zu fällen.
»Einen Kakao mit Rum, bitte.«
Sein dröhnendes Lachen übertönt die Geräuschkulisse der Gespräche um uns herum. Neugierig werden die Köpfe nach uns gereckt. Das Interesse der Leute legt sich aber sofort wieder, als sie erkennen, dass nur ich es bin, die dem ansonsten griesgrämigen Besitzer diesen Laut entlockt. Wie so oft in den letzten Wochen.
»Du bist die Einzige, die dieses Gesöff ordert, Missi. Nur für dich habe ich extra Milch und Kakao hier. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie du mich dazu gebracht hast.« Amüsiert zucke ich mit den Schultern.
»Das muss einfach an meinem unwiderstehlichen Charme liegen«, antworte ich ihm keck und klimpere dabei übertrieben unschuldig mit meinen Wimpern.
Jo macht sich lachend auf den Weg, um mir das Gewünschte zu bringen. Ohne Hast streiche ich mir die Handschuhe von den Fingern und stopfe sie zusammen mit der Mütze, die ich zuvor einfach schnell in meine Manteltasche gesteckt habe, in meine Tasche, bevor ich den Reißverschluss daran zuziehe.
»So, Mädchen, hier hast du dein Kindergetränk mit Schuss für Erwachsene.«
Zwinkernd proste ich ihm zu und bedanke mich so bei ihm, während er sich schon seinen nächsten Gästen zuwendet. Meine eisigen Finger umklammern die heiße Tasse. Zuerst ist die Berührung schmerzhaft. Ich genieße diesen kurzen Moment. Zeigt er mir, dass ich noch am Leben bin und fühle.
Ich führe sie an meine Lippen, der Duft weckt Erinnerungen in mir. An vergangene Abende, an Lachen, Umarmungen und Küsse. Ein Gesicht drängt sich in meine Erinnerungen, doch die Konturen sind bereits verschwommen, verschwimmen von Monat zu Monat mehr. Vier Jahre ist es bereits her, seit ich diesen Mann, unsere Liebe und meine Zukunft verloren habe. Wehmut und Trauer erfüllen mich, ich verdränge das Gefühl, denn ich habe mir vor langer Zeit geschworen, nichts mehr zu fühlen.
Die Tasse an meine kalten Lippen führend nehme ich einen kleinen Schluck. Der schokoladige Geschmack gemischt mit einem Hauch Kirsche tanzt über meine Zunge, bevor ich ihn hinunterschlucke und der Rum in meinem Hals leicht nachbrennt.
»Hey, Süße, was trinkst du da? Sieht ekelig aus. Ich würde dir gern etwas Richtiges ausgeben, ein Bier zum Beispiel.«
Ich verziehe mein Gesicht, es kommt mir vor, als hätte ich auf eine Zitrone gebissen. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um dem Typen, der auch schon eine Hand auf meinen Oberschenkel gelegt hat, nicht jeden Finger einzeln zu brechen. Bevor ich mich ihm zuwende, setze ich mein süßestes Lächeln auf. Denk dran, du musst unauffällig bleiben, beschwöre ich mich in Gedanken selbst.
»Danke, aber ich bleibe bei diesem hier, gegen ein wenig Gesellschaft habe ich nichts einzuwenden«, zwinge ich mich zu sagen.
Kokett lächle ich den Typen an, der sich sofort dichter an mich drängt und seine Hand noch etwas weiter meinen Oberschenkel hinauf bewegt. Ein Sonnyboy, wie er im Buche steht. Blonde, etwas zu lange Haare, solariumgebräunt, muskulöser Körper, eindeutig nicht aus dieser Gegend. Die Stimmung in der Bar ändert sich, meinem aufdringlichen Verehrer entgeht dieser Zustand komplett, war zu sehr damit beschäftigt, mich abzuchecken.
Hierher verirrt sich selten jemand Fremdes, und ich scheine bereits in die Runde hier aufgenommen worden zu sein. Interessant, dass die Stammgäste mich bereits als eine der ihren betrachten und ein wachsames Auge auf mich haben.
Der Typ ist auch so gar nicht mein Fall. Er wirkt wie jemand, der mit seinen knapp dreißig Jahren noch nie wirklich gearbeitet hat; seine Kleidung zeugt von Kohle. Treuhandfonds von Daddy lässt grüßen, ist meine erste Einschätzung.
Sonnyboy winkt Jo zu sich heran, während er mich weiter mit seinen Augen verschlingt. Jo kommt zu uns herüber, bevor er den Mann anspricht, um in Erfahrung zu bringen, was er trinken möchte, wirft er mir einen fragenden Blick zu, ich schüttle leicht den Kopf, lächle ihn an.
Verstimmt und eindeutig alles andere als damit einverstanden, dass ich den Kerl nicht auf der Stelle davonjage, blickt er mich noch einen Bruchteil länger an, bevor er sich dem Sonnyboy zuwendet. Dieser ist alles andere als amüsiert darüber, ignoriert worden zu sein.
»Hey, hier spielt die Musik, ich will ein Bier, und zwar pronto.« Sofort wendet sich Grapschhand wieder mir zu.
»Was ist denn das hier für eine Scheiß-Spelunke? Der Service ist ja echt unter aller Sau.«
Der Kerl raubt jetzt schon den letzten Geduldsfaden. Ich bin ganz knapp davor, etwas sehr, sehr Dummes zu tun, und bereue es bereits, Jo kein Zeichen gegeben zu haben, ihn aus seinem Laden zu schmeißen. Mal ehrlich, wer rechnet schon damit, dass der Typ dermaßen daneben ist.
In Gedanken überlege ich noch, was ich ihm für eine Antwort geben soll, die nicht allzu ironisch klingt, als bereits die Bierflasche vor ihm auf den Tresen geknallt wird.
»Macht vier neunzig.« Mit einem hämischen Grinsen dreht sich Sonnyboy zu Jo um, während er so eine Geldklammer aus seiner hinteren Hosentasche zieht. Offenbar denkt er, er kann mich damit beeindrucken, denn es ist ein ansehnliches Bündel voller Hunderter. Innerlich verdrehe ich die Augen.
Was erwartet er sich? Dass ich zu seinen Füßen sinke und ihm hier und jetzt einen Blowjob verpasse in der Hoffnung, einen der Scheinchen zu ergattern. Gelangweilt drehe ich mich von ihm weg, um einen weiteren Schluck von meinem Kakao zu nehmen, der mittlerweile nur noch lauwarm ist. Somit schmeckt er bloß halb so gut, was meine Laune weiter sinken lässt – von seinem nächsten Satz will ich gar nicht reden. Frustriert seufze ich. Wäre ich doch nur bereits zu Hause in meiner Badewanne.
»Mach fünf draus, für den exquisiten Service in diesem Schuppen.« Gönnerhaft hält er Jo den großen Schein hin. Ich kann mich nicht ganz zurücknehmen und sage etwas spitz: »Also ich habe noch nie Probleme mit dem Service hier gehabt.«
»Du bist ja auch eine scharfe Braut, kein Wunder, dass du einen besseren Service bekommst.« Das Verlangen nach mir steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder schreien soll. Während er auch schon beginnt, meine Haut durch den schwarzen Stoff meiner Jeans zu kneten. Wieso habe ich ihm das vorhin überhaupt erlaubt? Ich kann es mir nur mit momentaner geistiger Umnachtung erklären. Es hilft nichts, mit dem Typen werde ich nicht warm werden. Daran wird auch mein halbherziger spontaner Versuch – oder was auch immer ich mir eingebildet habe, was das soll – nichts ändern.
»Ich denke, du solltest die Finger von mir lassen und dir eine andere Gespielin suchen. Ich bin nicht interessiert.«
»Komm schon, das mit uns wird gut werden, vertrau mir.«
»Ich habe Nein gesagt.«
»Das meinst du nicht so, ich weiß doch, ihr Weiber spielt gern die Spröden, die ein wenig dazu ermuntert werden wollen.«
»Verstehst du mich nicht?«
»Doch, nur bin ich mir sicher, du meinst es nicht so. Du willst mich, ich will dich. Ich mag es, wenn ich dich ein wenig drängen muss. Anscheinend stehst du auch auf dieses Spiel.«
Er beginnt damit, mit seiner Hand in Richtung meiner Mitte zu wandern. Ich hasse solche widerlichen Kerle, die denken, sie sind ein Geschenk an die Frauenwelt.
»Entweder nimmst du deine Hand von mir oder ich breche sie dir. Und nein, ich spiele nicht, und es soll auch nicht dazu dienen, dich zu reizen. Mein Nein ist und bleibt ein Nein. Du tust sicher gut daran, ein Nein auch als Nein hinzunehmen, nicht nur bei mir.«
Kalt funkle ich ihn an, zögerlich nimmt er die Hand von mir.
»Entschuldige, Süße, das war wohl ein Missverständnis.« Verwundert über die rasche Kapitulation bleibe ich allein zurück, während er in die Richtung der uralten Kassa geht, die Jo geöffnet hat, um das Restgeld rauszuzählen.
Sonnyboy redet auf ihn ein, ich kann sie unauffällig in der Spiegelfront beobachten, die hinter dem Tresen angebracht ist. Genervt dreht sich der Besitzer erneut um, ergreift zwei Gläser und gießt in beide eine bernsteinfarbene Flüssigkeit ein. Jo stellt sie vor ihm ab und wendet sich seiner alten Handkassa, die ihm immer wieder mal Probleme macht, zu. Aber er liebt dieses alte Ding einfach.
Mein Instinkt rät mir nach wie vor, Grapschhand weiter zu beobachten. Ich kann nicht genau erkennen, woher er die kleine Phiole zaubert, die er plötzlich in der Hand hält, tippe aber auf eine seiner Hosentaschen. Hastig kippt er ein paar Tropfen hinein. Wut steigt in mir auf, ich hoffe für ihn, dass er sich selbst etwas einwirft und nicht etwa damit zu mir kommt. Er blickt triumphierend in meine Richtung. Jeder Zweifel ausgeschlossen, dieser Idiot hat das offenbar echt vor.
Er will mir K.o.-Tropfen oder sonst einen Scheiß unterjubeln. Grapschhand lässt das kleine Fläschchen wieder verschwinden, richtet sich zufrieden auf, um nach den Gläsern zu greifen. Bevor er sie aufnimmt, hat Jo ihn schon gepackt und über den Tresen zu sich gezogen.
Jeglicher Laut verstummt auf der Stelle, jeder im Raum hält den Atem an, nur die Musik im Hintergrund ist etwas zu hören, während Jo zornig zu brüllen beginnt. Und den erwachsenen Mann, der nicht wenig muskulös und klein ist, wie eine Puppe schüttelt. Doch das hält Jo nicht davon ab in seiner Rage
»Du dreckiger kleiner Wichser, glaubst du echt, du kannst in meiner Bar irgendwelche Scheißdrogen in einen Drink kippen. Das wirst du bereuen.«
Mit jedem Wort, das er voller Zorn hervorstößt, bebt er mehr, die schiere Mordlust ist ihm anzusehen.
»Rums.«
Die Tür der Kneippe kracht hart in die Mauer, Einsatzkräfte stürmen mit gezückten Waffen herein.
»Lassen Sie sofort den Mann los.« Jo zieht seine Hand vom Kragen des Sonnyboys zurück, der daraufhin hart auf dem Boden landet, weil er keinen festen Halt unter den Füßen hat.
»Was ist hier los?« Einer der Eindringlinge richtet diese Frage in den Raum.
»Der kleine Scheißkerl hat irgendwelche Drogen in einen der Drinks getan, und ich bin mir sicher, er wollte ihn der jungen Lady dahinten aufschwatzen, die ihn wegen seines aufdringlichen Verhaltens abblitzen ließ. Nicht in meiner Bar und schon gar nicht mit mir.«
Zum Glück richtet sich die allgemeine Aufmerksamkeit nicht auf mich, sondern auf den Wichser, der nach wie vor zu Füßen der Polizisten liegt.
»Ich habe nichts getan, der will mir einfach so was unterstellen, ist wohl selbst scharf auf die Kleine.« Er versucht sich rauszureden.
»Scheiße, verdammt, wir haben keine Zeit für so was. Haben Sie Beweise, dass er jemanden unter Drogen setzen wollte?«
»Er muss das Fläschchen noch bei sich tragen.«
»Na los, helft ihm auf, und schaut, ob ihr was findet«, weist der Redelsführer der Einsatzkräfte zwei der anwesenden Officers an.
»Hey, Pfoten weg, das ist Freiheitsberaubung und Beamtenmissbrauch. Ich werde Sie durch meine Anwälte verklagen lassen. Wenn mein Vater erfährt, wie Sie mich behandeln, sind Sie alle Ihre Jobs los.«
Sag ich doch, vom Beruf Sohn, ich hätte den Kerl gleich gar nicht neben mir sitzen lassen sollen. Auf der anderen Seite, habe ich wahrscheinlich weitere Frauen vor seinen Aufdringlichkeiten und Schlimmerem gerettet.
Ohne sich viel um seine Gegenwehr zu kümmern, durchsuchen sie seine Taschen und werden auch rasch fündig.
»Sieh an, na los, Leute, nehmt ihn mit. Wir müssen noch einen Verdächtigen finden.«
»Sie machen einen Riesenfehler! Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Das wird ein Nachspiel haben für Sie alle«, schreit er aufgebracht, doch die Beamten lassen sich davon nicht beirren, während sie ihm Handschellen anlegen, ihm seine Rechte vorlesen und ihn auch schon abführen.
»Hergehört, hat irgendjemand in der letzten Stunde etwas Verdächtiges gesehen oder gehört? Einen Fremden möglicherweise oder sonst etwas, was ihm komisch vorgekommen ist?« Die Stimme des Beamten klingt eindringlich. Doch alle schütteln unisono den Kopf.
Einige Rufe werden laut, dass der abgeführte Typ der einzige unbekannte Gast und somit auch das einzige ungewöhnliche Ereignis an diesem Abend war.
»Wenn euch sonst noch etwas einfällt, bitte wendet euch an die hiesige Polizeistation.«
»Was ist überhaupt passiert?«
»Da wurde sicher jemand gekillt. Wenn so viele von ihnen unterwegs sind. Die suchen den Täter.«
»Wer wurde umgebracht?«
»Was, hier in dieser Gegend?«
»Müssen wir uns Sorgen machen?«
»Hast du das nicht gehört, hier geht ein neuer Serienkiller um und an den Tatorten hinterlässt er immer nur ein Zahnrad.«
»Warum tut die Polizei nichts dagegen?«
Diese und viele weitere Fragen schallen durch den Raum, erneute Unruhe greift um sich.
»Wie schon gesagt: Sollte Ihnen noch etwas Ungewöhnliches aufgefallen sein, bitte melden Sie sich bei uns. Leider kann und darf ich Ihnen keine weiteren Auskünfte geben. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Abend.«
Hastig ziehen sich die Beamten zurück. Dieses rabiate Eindringen war sicher auf die momentane Brüllerei von Jo zurückzuführen. Anstatt dass ein oder zwei der Beamten reingekommen und Befragungen durchgeführt und sich die Personen näher angeschaut hätten. Glück für mich. Zufrieden lächelnd trinke ich noch einen weiteren Schluck des mittlerweile kalten Kakaos, die Tasse mit beiden Händen festhaltend.
Eine große Hand legt sich auf meine linke Schulter, drückt sie leicht. Ich zucke etwas zusammen – das wird von einer wehrlosen Frau erwartet, die gerade etwas Unangenehmes erlebt hat, was noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Dass ich ihn schon zuvor bemerkt habe, darf ich mir nicht anmerken lassen.
»Geht es dir gut?« Eindringlich blickt Jo mich an, ich kann die Sorge um mich in seinem Gesicht lesen.
»Ich bin fassungslos, aber es geht.« Ich nehme meine rechte Hand von der Tasse und lege sie auf seine Hand, die mich nach wie vor berührt. Leicht drücke ich sie.
»Vielen Dank, dass du auf mich aufgepasst hast, ich schulde dir etwas.« Das Lächeln, welches ich ihm schenke, ist seit langer Zeit das erste echte.
»Gern geschehen, kann ich dir noch etwas bringen?«
»Nein, danke, aber kannst du mir ein Taxi rufen? Mein Akku ist mal wieder leer, und ich denke, ich sollte jetzt nach Hause. Das war doch ein wenig viel.«
»Natürlich.« Ein weiteres Mal drückt er aufmunternd meine Schulter, bevor er sich von mir löst und nach hinten verschwindet, um mir ein Taxi zu rufen. Es tut mir leid, dass er sich meinetwegen sorgt, aber ich kann ihm nicht sagen, wie wenig dieser Zwischenfall in Wahrheit in mir auslöst.
Sonnyboy hatte Glück, hätte er mir den Drink mit den Drogen angeboten, hätte ich meinen Vorsatz, keinen Menschen, der sich nicht auf der Liste befindet oder der es auf mich abgesehen hat, zu töten, gebrochen und er hätte diese Nacht nicht überlebt.
Bei ihm handelte es sich eindeutig nicht um jemanden, der das zum ersten Mal getan hat, sondern um einen Wiederholungstäter. Er war zu selbstsicher in seinen Handlungen, dachte, er hätte seine Beute – sprich mich – schon erlegt. Zu sehr davon überzeugt, dass ihn das Geld von Daddy raushauen wird. Wie sehr ich solche Menschen verachte.
Fünf Minuten später ist meine Mitfahrgelegenheit da, ich rutsche vom Barhocker, grüße alle mir bisher bekannten Stammgäste, werfe Jo im Vorbeigehen eine Kusshand zu und verlasse die Kneipe. Nur noch ein paar Minuten, bis ich bei meiner Werkstatt angekommen bin, dann kann ich die Fassade der jungen unbedarften Frau endlich fallen lassen und mir das lang ersehnte Bad gönnen und ein Glas Rotwein genehmigen, um den erfolgreichen Tag abzuschließen.
Überall laufen noch Beamte auf der Straße herum, schenken mir, wie gedacht, keinerlei Aufmerksamkeit. Sie sind auf der Suche nach einem Mann oder auch nach mehreren, der seine Opfer zumeist mit einem Scharfschützengewehr ausschaltet und immer ein Zahnrad am Ort des Attentates hinterlässt, nicht nach einer zierlichen blonden Frau, die es auf knapp einen Meter fünfundsiebzig bringt.
Erin
Müde reibe ich mir über die Augen, während ich die Treppe zu meiner Werkstatt hinuntersteige. Im ersten Stockwerk befindet sich meine Wohnung, was sehr praktisch ist. Ich werde bereits von den lärmenden Klängen von Metallica begrüßt. Genervt verziehe ich mein Gesicht.
»Mach sofort diesen Krach aus, Stevie«, brülle ich gegen die kreischenden Stimmen, die aus den Boxen schallen, an.
Augenblicklich wird der Quasigesang gestoppt, nur um durch sanfte Klavierklänge ersetzt zu werden.
»Sagt mal, wollt ihr mich verarschen?!«
Lautes Gelächter erschallt, während die Köpfe meiner drei Angestellten um die Ecke lugen.
»Hey, Boss, wieso schreist du immer mit mir?«
»Weil du hier der einzige Metalkopf bist. Aber wem verdanke ich denn jetzt dieses klassische Stück?«
Aufgebracht wedle ich mit den Händen durch die Luft, während ich bei der untersten Stufe angekommen bin.
»Auch nicht dein Geschmack?«, fragt Phil gespielt schockiert, während Leo bereits auf dem Bedienfeld der Anlage herumdrückt
Das rhythmische Intro von ACDCs War machine erfüllt die große Lagerhalle.
»Du bist von den Jungs der Einzige mit etwas Musikgeschmack, bitte bewahre ihn dir.« Leo wirft seinen Kumpels selbstgefällige Blicke zu, während sich Stevie und Phil daran versuchen, uns auszubuhen und das Lied zu übertönen, ohne Erfolg, denn Leo dreht den Regler für die Lautstärke weiter hinauf.
Ich lächle in mich hinein, derweil ich mich auf den Weg zur Kaffeemaschine mache. Um meine Kaffeesucht zumindest etwas in den Griff zu bekommen, gibt es nur eine Maschine und die steht hier in der Gemeinschaftsküche. Mit der Kaffeetasse in der Hand lasse ich mich auf einen der Stühle sinken, die Jungs gesellen sich zu mir, damit wir die Arbeitseinteilung für den heutigen Tag vornehmen können.
Seit ich vor etwas mehr als drei Jahren die Werkstatt eröffnet habe und die drei für mich zu arbeiten begonnen haben, ist es eine feste Routine geworden, dass wir eine kleine Besprechung abhalten, bevor wir den Laden um acht öffnen.
»Was liegt heute an, Boss?«
»Wir bekommen einige Ersatzteillieferungen, die gehören einsortiert. Auch eine Inventur wäre nicht verkehrt. Ansonsten nichts Großartiges, einige Bikes sind zum Service angemeldet. Ach ja, die aufgemotzte Kawasaki Ninja ZX-6R sollen wir verkaufen. Wer sie an den Mann bringt, bekommt zehn Prozent als Provision. Aber bitte dreht sie niemandem an, der nicht mit ihr umgehen kann. Ihr wisst, wie biestig das Schätzchen sein kann.«
»Verdammt, das ist kein Schätzchen, die hat in ihrem getunten Zustand um die 170 PS. Das ist eine waschechte Dämonin.« Ehrfürchtig starren die Jungs zu der Stelle, an der diese grün-schwarze Schönheit geparkt steht.
»Verdammt, das Geld könnte ich gut gebrauchen, das sind etwas über 2.000 Dollar Provision.«
Ich zucke mit den Schultern. »Ihr habt Spielraum bis 18.000, darunter geht sie nicht weg. Je besser ihr handelt, desto mehr – oder auch weniger – bleibt dem Verkäufer.« Zwinkernd trinke ich den letzten Schluck meines Kaffees, bevor ich mich daranmache, das Tor zu öffnen, und der Alltag in meiner Motorradwerkstatt beginnt.
Mit leisem Surren gleitet das elektrische Tor nach oben und lässt die Sonne herein. Es ist ein kühler Morgen, zu kalt für diese Jahreszeit und für diese Gegend, wie ich in der letzten Nacht zu spüren bekommen habe, doch schon bald werden wir wieder Temperaturen an die zwanzig Grad haben.
Mit den Gedanken bereits bei der Büroarbeit, die ich heute erledigen muss, wende ich mich vom Eingang ab, als mich die dunkle Stimme eines Mannes zurückhält.
»Entschuldigen Sie, Miss, ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen.«
»Wie kann ich Ihnen helfen, Mister?« Vor mir steht ein gepflegter Mann mit dunklen Haaren, hohen Wangenknochen und dunkelblauen Augen; seine Stimme klingt dunkel und verrucht.
Die feinen Härchen in meinem Nacken stellen sich bei seinen Worten auf. Ist das jetzt gut oder schlecht? Mein intuitives menschliches Radar springt nicht an. Warum nicht? Benötigt der Typ wirklich Hilfe oder beginne ich bereits paranoid zu werden? Irgendwas ist an ihm.
»Ich muss dringend ins Gericht, ich habe in einer halben Stunde eine Verhandlung.«
»Keine Ahnung, wie ich Ihnen dabei helfen soll.«
»Mein Auto hat einen Platten, ich habe keine Zeit, auf den Abschleppdienst zu warten oder den Reifen zu wechseln. Verstehen Sie nicht, ich hab es verdammt eilig.«
»Selbst wenn Sie es eilig haben, verstehe ich immer noch nicht, was Sie von mir wollen.«
»Ist das hier eine Werkstatt oder ist das hier keine Werkstatt?« Seine Antwort klingt bereits leicht ungeduldig und zynisch.
»Das stimmt, das ist eine Werkstatt, aber wir reparieren hier nur Motorräder und keine Autos.« Ich habe meine Stimme an seine angepasst und klinge mit Sicherheit verdammt belehrend, gewürzt mit einer Prise Sarkasmus.
»Ich bezahle Sie, wenn Sie mich mit Ihrem Wagen zum Gericht fahren.«
»Sehen Sie hier irgendwo vielleicht ein Auto? Wenn ich von A nach B möchte, nehme ich mein Motorrad.«
»Dann fahren Sie mich halt mit dem Motorrad.« Seine Stimme klingt mittlerweile gereizt und angepisst.
»Ich kann den Laden nicht einfach zumachen, immerhin haben wir heute einige Kundentermine, die ich so kurzfristig nicht absagen kann.« Was fällt diesem reichen Snob – anders kann es gar nicht sein, außerdem verrät ihn seine Kleidung und seine Uhr – ein?
»Fuck, Sie wollen mich wohl verarschen.«
Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen, als dieser geschniegelte Kerl die Fassung verliert. Ich weiß nicht warum, doch es bereitet mir wahnsinniges Vergnügen, ihn zu reizen.
»Eine Möglichkeit fällt mir ein, die ist aber nicht gerade günstig, und natürlich benötigen Sie einen Motorradführerschein.«
Böse starrt er mir ins Gesicht, während ich schon weiterrede und in Richtung der Werkstatt gehe, um ihm meinen Einfall gleich noch zu präsentieren.
»Ich habe den Auftrag bekommen, dieses Schätzchen zu verkaufen, also wenn Sie mit einer Kawasaki Ninja umgehen können, wäre sie Ihre Möglichkeit, rechtzeitig zu Ihrem Termin vor Ort zu sein.«
Seine Gesichtszüge entgleisen ihm, innerlich lache ich auf, während ich mit Müh und Not versuche, nach außen hin die Fassung zu wahren und nicht laut loszuprusten.
»Wie viel?« Gerade so kann ich sein Geknurre verstehen.
Rasch lasse ich meinen bewussten Blick über ihn gleiten: teure Uhr, maßgefertigter Anzug genauso wie das Hemd und teure italienische Schuhe, ergänzt mit einem Haarschnitt, der sicher das Vierfache von meinem kostet, obwohl ich ihn mir leisten könnte. Er soll wissen, dass ich ihn gerade schröpfe und den Preis höher angesetzt habe.
»25 Riesen, und einen Helm lege ich gratis obendrauf.«
»Mieten kommt nicht infrage, nehme ich an?«
Seine Frage meint er doch nicht wirklich ernst? Er muss meine Ablehnung deutlich in meinem Gesicht stehen sehen, denn der Mann seufzt nur resignierend und schüttelt den Kopf.
»Ich gebe Ihnen 26, dafür kümmern Sie sich darum, dass mein Auto zu Ihrer Werkstatt abgeschleppt wird und auch der platte Reifen durch einen neuen ersetzt wird.«
»Deal.« Ich halte ihm meine ausgestreckte Hand hin, kann es noch immer nicht glauben, dass dieser Mann wirklich auf den Handel eingeht, ohne auch nur irgendwie zu verhandeln. Natürlich kann er es sich leisten, zumindest sieht er danach aus.
Er schlägt ein. Als sich unsere Finger berühren, jagt ein Stromstoß angefangen von den Kuppen bis zu den Zehen durch meinen Körper, auch ihm scheint es nicht anders zu ergehen, denn er blickt einfach nur ungläubig auf mich herab.
Gleichzeitig entziehen wir uns unsere Hände, nicht bereit, unsere körperliche Reaktion aufeinander näher zu analysieren. Diesen elektrischen Schlag bei der ersten Berührung kenne ich sonst nur aus kitschigen Liebesromanen, die ich in meiner Teenagerzeit gelesen habe, als ich an so was noch geglaubt habe. Und daran, mit seinem Prinzen in den Sonnenuntergang zu reiten. Wieso hat mir damals niemand gesagt, dass das Leben zumeist ein Arschloch ist?
»Ich hole den passenden Helm, haben Sie Ihre Ausweispapiere hier?«
Als ich mit dem Helm zurück bin, hält er mir seine Brieftasche entgegen.
»Hier, bitte nehmen Sie einfach, was Sie brauchen, ich muss zusehen, dass ich ins Gericht komme. Ich kann nicht länger warten, bis alle Papiere unter Dach und Fach sind.«
Ein Blick auf die große Uhr in der Werkstatt bestätigt seine Aussage, denn soweit ich weiß beginnen die Verhandlungen um neun, es wird so schon verdammt knapp, damit er rechtzeitig vor Ort ist.
»Na gut, ich kopiere nur schnell Ihren Führerschein, damit Sie zumindest den bei sich haben. Vergessen Sie nicht auf den Wagenschlüssel und Ihre Brieftasche behalte ich ebenfalls hier.«
»Einverstanden, nur bitte beeilen Sie sich. Wenn ich nicht rechtzeitig dort bin, geht der Pisser nicht ins Gefängnis, aber da gehört er hin. Und ich lasse mich wegen eines kaputten Reifens nicht davon abhalten, dass er dort landet.«
Schnell ist das Dokument kopiert und der Schlüssel zu seinem Motorrad geholt. Ich lasse ihn auch noch einen Schrieb unterschreiben, dass er sich auf einer Spritztour befindet und somit das Bike auch mit diesen Nummerntafeln fahren darf. Immerhin will ich keinen Ärger haben.
»Danke, wir sehen uns gegen siebzehn Uhr?«
Ich nicke bloß. Der Mann, der auf dem Motorrad plötzlich eine ganz andere Ausstrahlung hat, lässt den Motor aufheulen und schießt wie eine Rakete aus der Einfahrt. Meine drei Angestellten kommen aus dem rückwärtigen Teil des Lagers gerannt.
»Scheiße, wurden wir beraubt? Hat jemand die Ninja geklaut?«
»Nein, ich habe sie gerade verkauft.«
»Das gibt es ja gar nicht. Wie zum Teufel machst du das immer? Wir haben nie auch nur den Hauch einer Chance.«
»Verdammt, wieso träumen wir eigentlich immer von der Provision, wenn wir es eigentlich besser wissen müssten.«
Enttäuscht verkrümeln sie sich wieder in das Lager und lassen mich allein zurück. Lange starre ich noch auf die Straße hinaus, lausche, ob ich irgendwo hören kann, wie Metall auf Metall kracht. Doch da ist nichts.
Seufzend hole ich mir die Kopie seines Führerscheines aus dem Kopierer. Ruark Griffin, steht dort. Geboren am 28.07.1988, somit ist er drei Jahre älter als ich. Ein weiterer Blick beruhigt mein Unbehagen zumindest teilweise, denn er darf wirklich – und das nicht erst seit gestern – mit einem Motorrad fahren, aber die Dämonin ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Ich hoffe, ich sehe den Mann am Nachmittag wieder. Ich habe keine Lust auf den Stress, der folgt, wenn er es nicht tut.
»Hey, Leute, ich muss schnell etwas erledigen, seid so gut und kommt nach vorne, damit der Laden nicht unbeaufsichtigt wirkt.«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, schnappe ich mir Ruarks Autoschlüssel, den er auf den Tresen gelegt hat, dann mache ich mich auf den Weg und schlage die Richtung ein, aus der er gekommen ist. Immerhin muss ich sein Auto abschleppen lassen, dazu muss ich es erst einmal finden.
Dem Schlüssel nach handelt es sich um einen Mustang. Wer hätte gedacht, dass ich heute Vormittag »Such das Auto eines fremden Mannes« spielen werde. Während ich so dahingehe, versuche ich mir den Gedanken über die Absurdität des Augenblickes aus dem Kopf zu schlagen. Und warum ich mich überhaupt darauf eingelassen habe. Vielleicht haben ein paar meiner Gehirnzellen noch einen Kälteschock und lassen mich deswegen so irrational handeln.
Zumindest denke ich jetzt nicht mehr, dass mich dieser Mann bewusst aufgesucht hat. Das kann jemand leichter erreichen, als so eine Show abzuziehen.
»Danke, Jim.«
»Aber immer gerne doch, Erin.«
Ich klopfe zum Abschied gegen die Fensterscheibe, nachdem ich die Tür geschlossen habe. Ruarks Wagen stand ein paar Gehminuten entfernt und jetzt hier auf dem Vorplatz. Wie habe ich mich dazu breitschlagen lassen? Frostschäden im Gehirn, anders kann ich mir das wirklich nicht erklären.
Eigentlich habe ich angenommen, dass ich ihn mit meiner zickigen Art vertreibe. Aber dass er die Ninja vom Fleck weg gekauft hat, war eine Überraschung für mich. Diese Spontanität habe ich ihm als Schlipsträger nicht zugetraut.
Es kommt nicht oft vor, eigentlich so gut wie nie, dass ich eine Person nicht einschätzen kann. Das wurmt mich.
Ich will mich mit fremden Personen gar nicht zu sehr beschäftigen. Auch meine Angestellten habe ich versucht auf Abstand zu halten, denn ich werde nicht mehr ewig hier sein. Sobald ich meine Liste abgearbeitet habe, werde ich verschwinden.
