Killerwelle - Clive Cussler - E-Book

Killerwelle E-Book

Clive Cussler

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Beschreibung

Juan Cabrillo und die Crew des Sondereinsatzschiffs „Oregon” sind die Einzigen, die die größte Bedrohung aller Zeiten gegen die Vereinigten Staaten noch abwehren können. Doch zunächst müssen sie erkennen, wie ihre letzten Einsätze in aller Welt zusammenhängen. Und was hat es mit der alten chinesischen Waffe auf sich, die die einfachen Soldaten nur »Den Blick des Drachen« nannten – der kommandierende General jedoch den Weg zum sicheren Sieg über alle Feinde Chinas?

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Clive Cussler

& Jack DuBrul

Killerwelle

Ein Juan-Cabrillo-Roman

Aus dem Englischen

von Michael Kubiak

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Jungle« bei Putnam, New York.
E-Book-Ausgabe 2015 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Copyright © 2011 by Sandecker RLLLP By arrangement with Peter Lampack Agency, Inc. 551 Fifth Avenue, Suite 1613 New York, NY 10176 – 0187 USA Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagillustration: © Illustration Johannes Wiebel | punchdesign, München, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock Redaktion: Jörn Rauser HK · Herstellung: sam Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach ISBN: 978-3-641-15193-5V002
www.blanvalet.de

PROLOG

OST-CHINA

1281 A. D.

Dichter Nebel quoll aus dem Tal und breitete sich über die Berge ringsum aus. Getragen von einer leichten Brise erweckte der Dunst den Eindruck, als atmeten die Berge. Von den dichten Wäldern waren nur vage Formen und Silhouetten zu erkennen, keine einzelnen Bäume. Keinerlei Getier huschte über den dichten Teppich aus Laub und Tannennadeln, und auch Vogelgezwitscher war nicht zu hören. Eine gespenstische Stille herrschte. Sogar die Geräusche der Soldatenpferde gingen in der undurchdringlichen Dunkelheit unter. Das gelegentliche, gedämpfte Aufstampfen eines Hufs war alles, was ihre Anwesenheit verriet.

Allmählich brannte die Sonne den Dunst weg, und wie etwas, das aus der Tiefe hochstieg, erschienen die obersten Teile der Burg aus dem Nebel, als schwebten sie losgelöst in der Luft. Die roten Ziegeldächer glänzten feucht. Als Nächstes tauchten die hohen Mauern auf, die die Stadt umgaben. Die Mauerzinnen waren so gleichmäßig geformt wie Drachenzähne. Aus der Ferne waren die Wächter, die auf den Mauern patrouillierten und leichte Speere lässig auf den Schultern trugen, deutlich zu erkennen. Sie wussten zwar, dass das Heer des Großen Khans in der Nähe lauerte, schienen jedoch darauf zu vertrauen, dass die Befestigungen der Stadt als Schutz ausreichten.

Ein chinesisches Sprichwort besagte, ein Dorf ohne eine Mauer sei nichts anderes als ein Haus ohne Dach. Daher verfügte jede noch so kleine Ansiedlung über ein wehrhaftes Bollwerk aus Steinen oder zumindest aus hohen Palisaden. Belagerung und Gegenbelagerung waren die bevorzugte Kriegstaktik – und in über eintausend Jahren kämpferischer Auseinandersetzungen verfeinert worden.

Vor der Eroberung Chinas hatten die Mongolen als leichte Kavallerie gekämpft, waren über die Steppen gezogen und hatten die Anzahl ihrer Feinde in blitzartigen Überfällen dezimiert. Aber sie übernahmen die chinesische Schlachtstrategie, wenn auch nur widerstrebend. Die Wochen und Monate und manchmal sogar Jahre, die nötig waren, um die Mauern einer befestigten Stadt zu schleifen, waren ihrem angeborenen Streben nach einem schnellen Sieg völlig zuwider. Ebenso wie der Einsatz von Sklaven, der dazu diente, unter dem tödlichen Pfeilregen, der von den Brustwehren kam, die Wassergräben mit Erdreich zu füllen und die Rammböcke zu bemannen.

Wenn alles so verlief wie geplant – und die Sonne, die den Nebel vertrieb, weckte berechtigte Hoffnungen, dass genau dies geschähe –, würde an diesem Tag eine neue Strategie zur Anwendung kommen, die jede ummauerte Zitadelle zu einer tödlichen Falle machte, aus der es kein Entrinnen gab. Die wenigen Kriegsherren in der Region, die dem Khan noch keine Treue geschworen hatten, müssten mit schneller Vernichtung rechnen.

Seit einer Woche harrte eine Armee von fünfhundert berittenen Kriegern und weiteren eintausend Fußsoldaten in den Wäldern jenseits der städtischen Felder und Äcker aus. Die Ernte war eingebracht, die Felder waren kahl und mit einem gelblichen Schimmer überzogen. Sie gaben den Bogenschützen innerhalb der Zitadelle die hervorragende Möglichkeit, jeden zu töten, der so närrisch war, sein Glück mit einem direkten Angriff zu versuchen. Nicht weniger wichtig war für die Verteidiger, dass sie über genügend Nahrung verfügten, um einer langen Belagerung standzuhalten. Falls der Winter anbrach, bevor die Mauern gefallen waren, würden sich die Mongolen nach Norden in ihre Hauptstadt zurückziehen und nicht vor Frühlingsbeginn zurückkehren.

General Khenbish hatte vom Khan den Befehl erhalten, diese Stadt einzunehmen, bevor der erste Schnee das Dach seines Palastes überzuckerte. Obgleich er niemals die Ehre einer persönlichen Begegnung mit dem Khan erfahren hatte, würde er seinen Herrscher ebenso wenig enttäuschen wie seinen besten Freund. Er wünschte nur, dass der Große Führer nicht einen Abgesandten geschickt hätte, um den Kampf als Augenzeuge zu verfolgen. Und dazu auch noch einen derart hässlichen Mann mit fahler Haut und einer ausgeprägten Hakennase – außerdem hatte er den bösen Blick. Khenbish beneidete ihn allerdings um seinen Bart. Während er selbst sich mit einem herabhängenden Schnurrbart und einigen dünnen Strähnen an seinem Kinn zufriedengeben musste, wurde die untere Gesichtshälfte des Beobachters von dichten dunklen Locken verhüllt.

Anders als bei anderen Belagerungen hatte General Khenbish weder Dutzende von Sturmleitern und Sturmböcken noch Bliden und Katapulte bauen lassen. Er hatte lediglich genügend Sklaven zur Unterstützung seiner Soldaten mitgenommen und zwei holzverkleidete Türme auf dem Feld außerhalb der Reichweite der städtischen Bogenschützen errichtet. Die Turmspitzen bestanden aus großen kupfernen, nach oben hin offenen Schüsseln. Die Innenseite einer jeden Schüssel war mit einer dünnen Silberschicht bedeckt, die poliert worden war, bis sie genauso hell funkelte wie die Sonne selbst. Unter jeder Schüssel ragte ein Lauf – wie der einer kleinen Kanone – aus einer Holzkiste heraus, auf welcher die zweieinhalb Meter breite Kupferschüssel ruhte. Der gesamte obere Aufbau, der fünf Meter über dem Erdboden von einem Balkengerüst gehalten wurde, konnte auf einem Kardanring gedreht und auf und nieder bewegt werden. Auf jeder dieser Konstruktionen standen jeweils vier der besten Männer des Generals.

Falls der Abgesandte des Khans irgendwelche Fragen zu diesen seltsamen Türmen hatte, so behielt er sie jedenfalls für sich.

Seit einer Woche stand die rote Jurte vor den verriegelten Stadttoren. Nach mongolischer Tradition war zuerst ein weißes Zelt aufgeschlagen worden, um den Stadtherren die Möglichkeit zu schaffen, ohne Gefahr für Leib und Leben über ihre Kapitulation zu beraten. Wenn das rote wollene Zelt – das ger oder die Jurte – das weiße Zelt ablöste, wurde damit angezeigt, dass ein Angriff unmittelbar bevorstand. Und wenn das rote Zelt abgebaut und dafür ein schwarzes Zelt errichtet wurde, so war dies das Todesurteil für alle, die sich innerhalb der Stadtmauern aufhielten.

In den Tagen, seit das rote ger an der Straße zum Stadttor im Wind schwankte und flatterte, hatte es entweder geregnet oder der Himmel war dicht bewölkt gewesen. Heute würde das Wetter anscheinend zum ersten Mal aufklaren, und sobald Khenbish sicher war, dass sich die Sonne gegen den Dunst durchsetzen werde, schickte er Sklaven auf die brachliegenden Felder hinaus, um das rote Zelt abzubauen und sein Unheil verkündendes Pendant zu errichten.

Bogenschützen nahmen die Sklaven ins Visier, sobald sie in Schussweite gerieten. Pfeilsalven, so dicht wie Insektenschwärme, spickten den Untergrund rund um die Männer. Und fanden auch ihr Ziel. Vier Sklaven gingen, als sie getroffen wurden, auf der Stelle zu Boden; zwei andere taumelten weiter mit dünnen Holzschäften, die aus ihren Körpern ragten. Die restlichen ließen sich nicht beirren und wurden durch die Masse des zusammengepackten schwarzen Zeltes geschützt.

Sofort wurde Ersatz hinausgeschickt. Sie nahmen einen Zickzack-Kurs über die Felder, um den Bogenschützen das Zielen zu erschweren. Die meisten hatten damit Erfolg, doch einige brachen zusammen und trieben sich, als sie zu Boden stürzten, die Pfeile nur noch tiefer in die Leiber. Insgesamt waren zwanzig Männer nötig, um das Zelt aufzubauen, und von denen schafften es nur fünf hinter die mongolischen Linien zurück.

»Das erscheint mir ziemlich unwirtschaftlich«, stellte der Beobachter mit seinem schwerfälligen Akzent fest.

»So wird es immer gemacht«, erwiderte Khenbish, ohne sein Pferd zu wenden. »Weißes Zelt, rotes Zelt, schwarzes Zelt, Tod.«

»Der Khan hat sich nie dazu geäußert, weshalb diese Stadt angegriffen wird. Wisst Ihr es?«

Khenbish wollte nur ganz kurz antworten, dass der Khan sicherlich seine Gründe dafür habe und sie nicht zu erklären brauche. Aber er wusste, dass er den Mann seinem Stand entsprechend respektvoll behandeln musste. Daher sagte er: »Der örtliche Kriegsherr hat dem Khan im vergangenen Jahr nicht die gesamten geforderten Steuern gezahlt. Der Betrag war zwar nur gering, und der Khan hätte vielleicht großzügig darüber hinweggesehen. Jedoch hatte ein königlicher Postbote gehört, wie er sich mit diesem Diebstahl gebrüstet hatte.«

Das Reich war berühmt für seinen Postdienst, der auf allen wichtigen Routen eine Reihe von Rasthäusern unterhielt, wo die Reiter entweder die Pferde wechseln oder Nachrichten an ausgeruhte Boten weitergeben konnten. Auf diese Weise erreichten Meldungen aus den fernsten Besitzungen des Khans seinen Hof innerhalb von nur wenigen Wochen, wenn nicht gar Tagen.

»Eine solche Dreistigkeit«, fuhr Khenbish fort, »darf nicht ungestraft bleiben.«

»Gebt Caesar, was des Caesars ist«, sagte der Abgesandte.

Der General ging auf die Anspielung, deren Bedeutung ihm verborgen blieb, gar nicht erst ein, sondern blickte zum Himmel. Die letzten Nebelschwaden hatten sich nahezu vollständig aufgelöst, und über dem Schlachtfeld wölbte sich ein makellos blauer Himmel. Er wendete sein Pferd und musterte die Männer, die hinter ihm warteten. Sie trugen Bambusrüstungen und saßen auf stämmigen Pferden, die ausnahmslos Abkömmlinge der Tiere waren, die es den mongolischen Horden ermöglicht hatten, einen Kontinent anzugreifen und unter Kontrolle zu halten. Jeder Reiter besaß einen besonderen Sack aus Ölhaut, der seitlich an seinem Sattel hing. Der Stoff war absolut wasserdicht, der Inhalt von den besten Alchimisten sorgfältig zusammengestellt und bemessen worden. Hinter der Kavallerie hielten sich Scharen von Fußsoldaten bereit, bewaffnet mit Lanzen von doppelter Manneslänge. Die Klingen in ihren Spitzen waren rasiermesserscharf.

»General«, rief einer seiner Adjutanten.

Er wandte sich zu dem fernen Dorf um. Auf jedem der seltsamen Belagerungstürme stand ein Soldat und schwenkte eine rote Fahne – es war das Signal, dass sie bereit waren.

Khenbish gab seinem eigenen Fahnenträger mit einem Kopfnicken ein Zeichen. Der Mann trat vor, so dass er deutlich zu sehen war, und schwenkte eine Seidenstandarte über dem Kopf hin und her. Draußen auf den Türmen ließen die Männer ihre Fahnen sinken und konzentrierten sich auf die seltsamen Apparate, die sie auf den Feldern aufgestellt hatten. Sie manövrierten mit den schwerfälligen Gebilden herum, bis die kleinen Öffnungen in den sarggroßen Holzkästen auf die Krone der Stadtmauer gerichtet waren. Einer der Soldaten zog die Hülle von dem kanonenähnlichen Lauf herunter, während andere die Kiste langsam hin und her schwenkten. Wenn eines der beiden Rohre genau auf einen Bogenschützen oder Beobachter auf der Mauer gerichtet war, hielt es für einen kurzen Moment inne.

Es schien, als verändere sich nichts. Kein Geräusch erklang, kein Geschoss wurde abgefeuert, nichts deutete darauf hin, dass irgendetwas geschah. Und dennoch: Jedes Mal, wenn einer der Läufe auf einen Wächter zielte, tauchte der Mann plötzlich weg und zeigte sich nicht mehr.

Der Abgesandte des Khans blickte fragend zum General und wartete auf eine Erklärung. Der wortkarge General studierte die Brustwehren durch eine Scheibe dunkel getönten Glases, die so groß wie der Taschenspiegel einer Dame war. Schließlich wandte er sich um und gewahrte den verwirrten Gesichtsausdruck des Mannes hinter sich. Darauf lenkte er sein Pferd mit einem Schenkeldruck zu ihm hinüber und reichte ihm die Glasscheibe.

Der Diplomat ergriff sie an ihrem kunstvoll geschnitzten Stiel und hielt sie sich vor ein Auge. Er blinzelte heftig und blickte dann über den Rand hinweg zur Stadtmauer hinüber. Genauso schnell schaute er wieder durch das Glas.

Die Tönung der kleinen Scheibe tauchte die gesamte Szenerie trotz der hellen Sonne in ein unheimliches Zwielicht. Aber nicht dies war es, was ihn verblüfft hatte. Es waren vielmehr die hellen Lichtstrahlen, dünn wie Florettklingen, die aus den beiden Türmen hervorstachen. Die roten Strahlen stießen wie Lanzen aus den seltsamen Konstruktionen heraus und strichen über die Mauerkrone. Er sah, wie der Kopf eines Wächters zwischen zwei Zinnen auftauchte. Beide Lichtstrahlen konzentrierten sich sofort auf ihn. Das Licht glitt über sein Gesicht, und obgleich die Entfernung zu groß war, um sich ganz sicher sein zu können, glaubte der Gesandte, dass die Lichtstrahlen auf die Augen des Wächters zielten. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der unglückselige Mann den Kopf heftig schüttelte und abtauchte.

Er ließ das Glas ein zweites Mal sinken. Die sepiafarbene Tönung war verschwunden; die rubinroten Lichtstrahlen ebenfalls. Alles war still und friedlich – bis auf die Bewegung der beiden Holzkästen, die hin und her geschwenkt wurden und deren Zweck ohne die Glasscheibe nicht zu erkennen war.

Sein Gesichtsausdruck war jetzt noch verständnisloser als kurz zuvor.

»Drachenblick«, sagte Khenbish, ohne sich umzuwenden. »So nennen es meine Männer.«

»Und Ihr«, fragte der Abgesandte, »wie nennt Ihr es?«

Khenbish zog an den Zügeln, um sein Pferd umzuwenden. »Sicherer Sieg.«

»Ich verstehe nicht. Wie funktioniert es?«

»In jedem der Geräte steckt ein länglicher achteckiger Kristall aus einem alten Bergwerk im Süden. Fragt mich nicht nach der wissenschaftlichen Begründung, aber unter Verwendung einer Reihe von Spiegeln mit Löchern in der Mitte sammeln die Kristalle das Sonnenlicht, das in der Schüssel an der Spitze oben eingefangen wird, und bündeln es, so dass es einen Menschen blenden kann, der direkt hineinschaut.«

»Trotzdem ist es irgendwie unsichtbar.«

»Es erscheint als winziger roter Punkt, wenn es auf einen Gegenstand trifft, aber der Strahl ist in der Luft nur durch dieses Glas in Eurer Hand sichtbar.« Er wandte sich zu seinen Reitern um. »Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Belagerung zu beenden.«

Der Gesandte des Khans betrachtete abermals die aufragenden Brüstungen und das massive hölzerne Tor. Das Bauwerk erschien genauso unüberwindbar wie die Große Mauer nördlich der Hauptstadt. Er konnte nicht verstehen, wie das Blenden einiger Wächter das Ende einer Belagerung herbeiführen konnte. Aber er stammte aus einer Familie von Kaufleuten und hatte keine Ahnung vom Kriegshandwerk und militärischer Taktik.

»Angriff«, befahl Khenbish.

Während der Abgesandte mit einem wilden explosionsartigen Vorpreschen von Mann und Pferd in Richtung der fernen Stadtmauer rechnete, erfolgte der Angriff in Form eines leisen und langsamen Anschleichens. Die Hufe der Pferde waren mit dicken wollenen Lappen umwickelt, so dass sie kaum einen Laut erzeugten. Zaumzeug und Sattelgurte waren derart stramm angezogen, dass von dem sonst üblichen Knarren und Knistern des Lederzeugs nichts zu hören war und die Männer ihre Pferde mit geflüsterten Befehlen lenkten. Wenn er die Augen schloss, konnte der Abgesandte nicht erkennen, dass fünfzig Reiter an ihm vorbeitrotteten. Von all seinen Sinnen nahm nur seine Nase den feinen Staub wahr, der von den umwickelten Hufen der Pferde aufgewirbelt wurde.

Obwohl er keine Ahnung von militärischen Dingen hatte, wusste er instinktiv, dass dies die kritische Phase im Plan des Generals war. Er blickte hoch. Der Himmel über ihnen war völlig klar, aber eine einzige Quellwolke trieb langsam auf das Schlachtfeld zu. Ihr Schatten wanderte wie eine Sonnenfinsternis über die Berge hinter der Stadt. Falls sie sie erreichte, war zu befürchten, dass Khenbishs geheime Waffe nutzlos wäre.

Seit vielen Minuten hatte sich kein Ausguck mehr auf den Mauern blicken lassen. Er konnte sich die Angst und die Verwirrung unter den Verteidigern vorstellen, die nicht wussten, was sie getroffen hatte und wie es sie hatte mit Blindheit schlagen können. Dies war keine besonders umfangreiche Gemeinde, und er hatte auf seinen Reisen erfahren, dass die ländliche Bevölkerung zum Aberglauben neigte. Welcher Art von Zauber oder Hexenkunst mochten sie ihre plötzliche Blindheit zuschreiben?

Wie eine Armee von Geistersoldaten bewegte sich die Reiterkolonne zügig über die Felder. Die Tiere waren derart gut erzogen, dass keins schnaubte oder wieherte.

Die Wolke war noch einige Minuten weit entfernt. Im Kopf stellte der Gesandte eine schnelle Berechnung an. Es würde wahrscheinlich eine knappe Angelegenheit werden, trotzdem legten die Reiter keinen Schritt zu. Dem General ging die Disziplin über alles.

Ein Kopf tauchte über der Mauer auf, und beide Lichtkanonen zielten so schnell auf ihn, dass er kaum einen Blick auf das Schlachtfeld werfen konnte, ehe seine Netzhäute von den unsichtbaren Lichtstrahlen verbrannt wurden. Khenbish straffte sich auf seinem Pferd und wartete auf den Warnruf, der den unsichtbaren Bogenschützen das Signal geben würde, ihre Pfeile auf die Reise zu schicken. Ein Schrei hoch über ihm ließ ihn mit zusammengebissenen Zähnen zischend einatmen. Es war jedoch nicht mehr als eine Krähe im Geäst eines Baums hinter ihm.

Der führende Reiter erreichte die Mauer und warf den Sack, den er trug, in den Staub vor dem Holztor. Kurz danach folgte der nächste Reiter, der nächste Sack. Dann ein dritter und ein vierter. Der Haufen wuchs, bis er die Höhe eines kleinen Hügels hatte, der gegen das Tor drückte.

Schließlich bewies jemand innerhalb der Mauer zumindest ein wenig Geist. Als er den Kopf rechts neben dem Tor über die Mauerkrone hob, überschattete er mit einer Hand die Augen und hielt den Blick dann nach unten gerichtet. Sein Warnruf hallte weit über das freie Feld. Der Überraschungseffekt war verpufft.

Die Reiter verzichteten jetzt auf jede Heimlichkeit und trieben ihre Pferde zu einem scharfen Galopp an. Die letzten schleuderten ihre Säcke gegen das Tor und machten sofort wieder kehrt. Sie wichen jedoch in dem Augenblick auseinander, als Pfeile, die blindlings von innerhalb der Mauer abgeschossen wurden, den Himmel abermals verdunkelten.

Aber es waren nicht so sehr die Pfeile, die die Sonne verdeckten, sondern eher die Wolke, die sich unbemerkt genähert hatte. Und durch irgendeine Laune des Schicksals ließ der Wind, der bisher kräftig geweht hatte, plötzlich nach, so dass die Wolke wie ein gigantischer Sonnenschirm über dem Dorf stehen blieb. Und ohne direkte Sonneneinstrahlung hatten Khenbishs Strahlenkanonen keinerlei Wirkung.

Aufmerksame Wachtposten erkannten, was kommen würde, und begannen eimerweise Wasser auf den Hügel von Säcken zu schütten, der etwa bis zur halben Höhe des Stadttors reichte. Etwas Derartiges hatte der General schon vorausgesehen und darum dafür gesorgt, dass jeder der Säcke mit einer dicken Schicht Baumharz imprägniert worden war, damit kein Wasser eindringen konnte.

Von Verzweiflung getrieben, erschienen Bogenschützen auf den Zinnen und zielten sorgfältig, ehe sie ihre Pfeile abschossen. Die Reiter trugen Brustpanzer, und Helme bedeckten ihre Köpfe, aber ihre Rücken waren ungeschützt, und einige Pfeile fanden ihr Ziel. Wenige Augenblicke später irrten mehrere herrenlose Pferde über das Feld. Ihre Reiter wälzten sich entweder in Schmerzen auf dem staubigen Untergrund oder rührten sich nicht mehr.

Einer von Khenbishs Männern galoppierte an der Mauer entlang, stand in den Steigbügeln und hatte einen Pfeil schussbereit auf die Sehne seines kurzen Kavalleriebogens gelegt. Anstelle einer messerscharfen Bronzespitze war der Pfeil mit einem in Pech getauchten Lappen umwickelt, der in hellen Flammen stand. Der Reiter schoss und zerrte sofort ruckartig am linken Zügel. Das Pferd kannte das Zeichen und warf sich auf seine linke Flanke, wirbelte eine dichte Staubwolke auf und trat mit den Hufen unbeholfen in die Luft, während es mit seinem massigen Leib den Reiter vor dem beschützte, was nun kommen würde.

Der Pfeil bohrte sich im gleichen Moment in den unteren Teil des Hügels kleiner Säcke, als ein Eimer Wasser über die Brustwehr ausgeleert wurde. Die Flamme verwandelte sich in weißen Qualm und Dampf und erlosch dann völlig. Auf einem Schlachtfeld kann die Zeit eine Dehnbarkeit entwickeln, die jeglicher Logik widerspricht. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, dabei verging keine halbe Sekunde, bis sich die letzte Glutflocke der Pfeilspitze durch den Sack gebrannt hatte und den Inhalt entzündete.

Alchimisten waren bei ihrer Suche nach dem Elixier des Lebens durch Zufall auf eine Mischung aus Chemikalien gestoßen, die sie huoˇ yào oder Feuermedizin nannten. Die Welt sollte diese Substanz später als Schießpulver kennen.

Als träge brennender Sprengstoff muss Schießpulver komprimiert werden, um nicht nur einen Blitz zu erzeugen und knisternd abzubrennen. Aus dem ersten Sack schlug eine qualmende Flamme, die andere Säcke auf der Außenseite des Haufens entzündete, bis Flammen meterhoch in die Luft schossen. Das Feuer reichte aus, um die Säcke zur Explosion zu bringen, die auf dem Grund des Hügels lagen, und die Masse der Säcke darüber komprimierte die sich ausdehnenden Gase lange genug, um eine gigantische Explosion zu erzeugen.

Die Druckwelle rollte über das Feld und schob eine Wand aus heißer Luft bis zu dem General und seinen Fußsoldaten. Der Luftstoß schleuderte den Abgesandten von seinem Pferd, und er hatte das Gefühl, als stünde er vor dem Brennofen eines Töpfers. Flammen und Qualm stiegen zum Himmel auf, während auf der anderen Seite dieser Wand aus heißer Luft und Explosionsgasen das Stadttor völlig zertrümmert wurde. Der Schutt mähte jeden nieder, der ihm im Weg stand, während Bogenschützen und Beobachter auf den Mauerzinnen herumgeschleudert wurden wie leblose Puppen. Ihre Schreie übertönten den Explosionslärm.

Der Abgesandte des Khans kämpfte sich mühsam auf die Füße. In seinen Ohren lärmte ein lautes Klingeln, und als er die Augen schloss, erschien das Bild der Explosion wie eingebrannt in die Innenseite seiner Augenlider. Das war die zweite Wunderwaffe, mit der er an diesem Tag konfrontiert worden war. Zuerst die Lichtkanone und jetzt eine geheimnisvolle Methode, Feuer in Säcken einzufangen und alles gleichzeitig freizulassen. Dies schien wahrlich ein erstaunliches Land zu sein.

Auf dem Schlachtfeld machten die verstreuten Reiter wie ein Fischschwarm kehrt und hielten auf das zerstörte Stadttor zu, von dem nur noch einige qualmende Balken übrig waren. Benommene Verteidiger stolperten in tiefem Schock durch die Trümmer. Schwerter wurden gezückt und reflektierten die Sonnenstrahlen, nachdem die Wolke schließlich doch weitergewandert war. Die Männer auf den Türmen suchten nach Opfern, aber die Explosion hatte den Kampf aus der Garnison herausgeholt.

General Khenbish schickte seine Reserve aus Fußsoldaten hinter der Kavallerie her. Mit einem Lärm so laut wie die Schießpulverexplosion stürmten die Männer über das Feld, um das Vorhaben ihres Khans auszuführen und seine Ehre wiederherzustellen, die durch den Raub besudelt worden war und ihn hatte schwach aussehen lassen. Sie würden die hübschesten Frauen und Jungen, die man als Sklaven verwenden konnte, verschonen, doch alle anderen mussten getötet und das gesamte Dorf sollte völlig dem Erdboden gleichgemacht werden. Den Kopf des örtlichen Kriegsherrn würde man auf eine Lanze aufspießen und in der nächsten Ansiedlung als Warnung für all jene aufstellen, die glaubten, dass die Strafe des Khans nicht umgehend und gründlich erfolgte.

»Ich möchte mehr über Euer erstaunliches Waffenarsenal erfahren«, sagte der Abgesandte, während er und Khenbish absaßen. Es war nicht üblich, dass sich der General persönlich an dem Massaker beteiligte, und dem Abgesandten stand nicht der Sinn danach, sich anzusehen, was auf der anderen Seite der Mauer vor sich ging.

»Ich werde Euch mit meinem Alchimisten bekannt machen. Er kann beides wesentlich ausführlicher erklären als ich selbst. Mir reicht es, dass alles funktioniert.« Ein Helfer reichte ihm eine Porzellantasse heißen Tees.

Während sie den Weg zu dem kleinen Wäldchen einschlugen, wo Lagerhelfer und Medizinkundige bereitstanden, um die im Kampf Verwundeten zu behandeln, ging dem Botschafter durch den Kopf, dass es unendlich viele bemerkenswerte Dinge gab, die er im Laufe seiner Reisen durch dieses fremde Land kennengelernt hatte. Einige dieser Dinge würde er niemals kundtun, wie zum Beispiel die Intimitäten, die er mit einigen Konkubinen des Khans ausgetauscht hatte. Und über manche Dinge würde er nicht berichten, weil sie einfach zu bizarr waren, als dass seine Zuhörer sie geglaubt hätten. Wie die Große Mauer – sie war so hoch und mächtig wie ein fünfstöckiges Haus, aus Stein erbaut. Und trotzdem erstreckte sie sich von Horizont zu Horizont und noch weiter darüber hinaus. Sie allein überragte jedes Zeugnis römischer Baukunst, das in Europa anzutreffen war. Und da gab es felsenharte Knochen von Drachen, die man ihm in der großen Wüste gezeigt hatte, Schädel, so groß wie Weinfässer, mit Zähnen wie Dolche. Oder auch mannshohe Oberschenkelknochen. Und dann war da noch das, was er heute gesehen hatte: ein Apparat, der Licht aussenden konnte, das stark genug war, um einen Menschen zu blenden.

Aus ganz persönlicher Neugier wollte er wissen, wie diese Waffe beschaffen war, wie sie arbeitete – Khenbish hatte einen ganz besonderen Kristall erwähnt. Aber er wusste schon jetzt, dass dies auch nur ein weiteres Geheimnis wäre, das er mit ins Grab nehmen würde.

Marco Polo schritt neben dem General her und war sich ziemlich sicher, dass die Venezianer nicht einmal den banaleren Geschichten, die er zu erzählen hätte, Glauben schenken würden.

1

BIRMINGHAM, ENGLAND

VORVIERMONATEN

William Cantor hatte bereits in das Mikrofon geniest, ehe sich der Juckreiz in seiner Nase richtig bemerkbar gemacht hatte. Das Bedürfnis überfiel ihn regelrecht, und ihm blieb keine Zeit mehr, den Kopf abzuwenden. Der Schleim, der durch das Niesen in seine Nasenhöhle gedrückt worden war, musste zurückgezogen werden, und dieses Schnauben hallte nun elektrisch verstärkt durch den nahezu leeren Versammlungsraum.

»Verzeihung«, sagte er und hüstelte. Dabei hielt er sich die Hand vor den Mund und wandte sich ab, um den etwa zehn Personen, die sich zu seinem Vortrag eingefunden hatten, zu demonstrieren, dass er kein kompletter Banause war. »Wie ein Amerikaner, den ich auf dem Christ Church College kannte, einmal sagte« – ihr habt richtig gehört, ihr Bauerntrampel, ich war in Oxford –, »alles andere lässt sich immer im Griff behalten, doch ein Schnupfen macht mit einem einfach, was er will.«

Die Reaktion des Publikums mochte ein höfliches Lachen gewesen sein, sie klang jedoch eher nach einem gedämpften Husten.

Herrgott im Himmel, wie er diese Vorträge hasste, die stets in Erweiterungsbauten oder in Dorfbibliotheken stattfanden, wo die einzigen Zuhörer Pensionäre waren, die sich nicht im Mindesten für das Vortragsthema interessierten, sondern lediglich nichts Besseres mit dem Nachmittag anzufangen wussten. Schlimmer waren jedoch solche Städte wie Birmingham, derart heruntergekommen, dass dort so gut wie nie die Sonne schien. Und die Leute im Saal waren nur gekommen, um sich aufzuwärmen, ehe sie wieder hinausgingen, um Passanten um ein paar Cent anzuschnorren oder sich vor einer Suppenküche anzustellen. Er hatte zehn Teilnehmer gezählt, als er das Podium betrat, und nicht weniger als vierzehn Mäntel. Dazu stellte er sich eine ganze Reihe verrosteter Supermarkt-Einkaufswagen vor, die von allem möglichen Krempel überquellend auf dem Bibliotheksparkplatz standen.

»›Ich habe nicht einmal die Hälfte dessen erzählt, was ich gesehen habe.‹« Eine viel bessere Einleitung, als das Mikrofon mit Rotz zu bespucken, dachte Cantor reumütig. Trotzdem, er hatte seine Ziele, und man konnte nie wissen, vielleicht war die vermummte Frau im hinteren Teil des von Neonröhren erhellten Raums J. K. Rowling in Tarnkleidung. »Das waren die letzten Worte, die der berühmte venezianische Entdecker und Forscher Marco Polo auf seinem Totenbett von sich gab.

Wir wissen aus seinem berühmten Buch, Die Wunder der Welt, das er Rustichello da Pisa diktierte, während beide in einem Gefängnis in Genua saßen, dass Polo zusammen mit seinem Vater Niccolò und seinem Onkel Maffeo« – die Namen kamen Cantor trotz seiner Kopfgrippe flüssig über die Lippen, da es bei weitem nicht das erste Mal war, dass er diesen Vortrag hielt – »viele unglaubliche Entdeckungen machte und die erstaunlichsten Dinge zu sehen bekam.«

Im hinteren Teil des Raums entstand eine kurze Unruhe, als ein Neuankömmling aus dem wenig einladenden Lesesaal der Bibliothek hereinkam. Metallene Klappstühle knarrten und quietschten, während sich ein paar Zuhörer umdrehten, um zu sehen, wer da noch erschienen war, um sich den Vortrag anzuhören. Wahrscheinlich nahmen sie an, dass es ein obdachloser Kumpel vom Chamberlain Square war.

Der Mann trug einen Kaschmirmantel, der fast bis auf den Fußboden reichte, und zwar über einem dunklen Anzug und einem dunklen Hemd mit ebenfalls dunkler Krawatte. Er war hochgewachsen und von massiger Statur. Mit einer Handbewegung entschuldigte er sich für sein verspätetes Erscheinen und suchte sich einen Sitzplatz in der hintersten Reihe, ehe Cantor etwas von seinem Gesicht erkennen konnte. Das sah ja vielversprechend aus, dachte der ständig am Rand einer Pleite entlangbalancierende Gelehrte. Wenigstens trug dieser Kerl Kleider, die nicht schon mehrmals ausrangiert worden waren.

Cantor wartete lange genug, damit der Mann es sich auf seinem Stuhl bequem machen konnte. Wenn dies ein potentieller finanzieller Gönner war, dann könnte er auch gleich noch damit anfangen, ihm die Füße zu küssen.

»Schon zu seiner Zeit entfachte Polos Reisebericht heftige Diskussionen. Die Menschen glaubten ganz einfach nicht, dass er all das gesehen und getan hatte, was er in seinem Buch schilderte. Sie konnten sich über ihr eigenes Vorurteil nicht hinwegsetzen, dass irgendwo noch eine andere Zivilisation existieren könnte, die den europäischen Staaten ebenbürtig war oder sie sogar noch übertraf. Später stieß man auf eine unübersehbare Auslassung. Einfach ausgedrückt hat er trotz seiner vielen Jahre in China und all dessen, was er über dieses ferne Land geschrieben hatte, nicht ein einziges Mal seine größte baumeisterliche Leistung, seine geradezu ikonenhafte Sehenswürdigkeit erwähnt.

Sehen Sie, während er Rustichello da Pisa seinen ausführlichen Reisebericht diktierte, kam er zu keinem Zeitpunkt auf die Große Chinesische Mauer zu sprechen. Das war in etwa das Gleiche, als würde ein moderner Tourist berichten, er sei in London gewesen, ohne das Auge gesehen zu haben. Aber Moment – ich könnte mir schon vorstellen, dass dieses hässliche Riesenrad etwas ist, das ein kundiger Reisender lieber vergäße.« Cantor machte eine kurze Pause für amüsierte Lacher. Allerdings hörte er auch jetzt nicht mehr als ein müdes Husten. »Na ja, die Tatsache, dass er sich nicht über die Große Mauer äußerte, die ja nicht weit von Peking entfernt steht, wo Marco Polo sehr viel Zeit verbrachte, hatte zur Folge, dass seine Kritiker den Wahrheitsgehalt seines gesamten Berichts anzweifelten.

Aber wenn die Schuld nun nicht beim Diktierenden, sondern bei dem zu suchen ist, dem diktiert wurde?« An dieser Stelle wollte er eigentlich ein Wortspiel einfügen und von dem despotischen Dogen von Genua berichten, der Polo und den Schriftsteller, Rustichello, ins Gefängnis hatte einsperren lassen. Doch er entschied sich dagegen. »Man weiß nur wenig über den Mann, dem Marco Polo seine Geschichte diktierte, während sie ihre Strafe in einem Genueser Gefängnis absaßen, nachdem Polo nach der Schlacht von Curzola gefangen genommen worden war. Rustichello selbst war bereits vierzehn Jahre zuvor nach der entscheidenden Schlacht von Meloria inhaftiert worden, die den Beginn des Untergangs des Stadtstaates Pisa eingeleitet hatte.

Rustichello war, wie man es heute beschreiben würde, ein Schmonzettenschreiber, der schon vor seiner Verhaftung einige Erfolge vorzuweisen hatte. Betrachten Sie ihn als eine Art männliche Jackie Collins seiner Epoche. Er wusste ganz genau, was die Fantasie seiner Leser anregte und was sie als zu fantastisch und unglaubwürdig ablehnten.

Unter diesem Aspekt ist er für mich nicht nur derjenige, der Polos Geschichte zu Papier brachte, sondern gleichzeitig auch sein Lektor oder Redakteur, also jemand, der einige von Marco Polos kontroverseren Entdeckungen und Erkenntnissen auslassen konnte, damit das Manuskript dem Massengeschmack entgegenkam. Der mittelalterliche Adel – und das waren im Wesentlichen die Kreise, für die Schriftsteller in der damaligen Zeit ihre Werke verfassten – wollte nichts davon wissen, dass China ihm ebenbürtig war und ihn in vielen Fällen mit seinen Erfolgen auf den Gebieten der Medizin, der Ingenieurskunst, der Verwaltung und vor allem des Kriegswesens sogar noch bei weitem übertraf.«

Cantor legte eine kurze Pause ein. Der Ausdruck auf den Mienen seiner Zuhörer reichte von Schläfrigkeit bis hin zu vollständigem Desinteresse. Solange sie Schutz vor dem eisigen Regen fanden, der sich auf die mittelenglische Stadt ergoss, war ihnen im Grunde völlig egal, was er erzählte. Er wünschte sich nur, er könnte den Mann im dunklen Anzug ein wenig besser sehen, doch der versteckte sich hinter einem ungewöhnlich großen Obdachlosen, der in ganz gerader Sitzhaltung eingeschlafen war.

»Mit diesem Gedanken im Kopf – dass Rustichello sich während ihres langen Gefängnisaufenthalts Notizen machte, die später aus der Endfassung der Wunder der Welt herausgestrichen wurden, und dass diese Notizen einige der Auslassungen enthalten könnten, auf Grund derer spätere Gelehrte den Wert und die Bedeutung des gesamten Buches in Frage stellten – bin ich heute zu Ihnen gekommen.« Dieser Satz kam Cantor zwar selbst ziemlich umständlich und mühsam vor, aber er versuchte das Bild eines Gelehrten von sich zu vermitteln, und all seine Professoren in Oxford pflegten sich in solchen Bandwurmsätzen auszudrücken, die über ganze Buch- oder Manuskriptseiten reichten.

»Ich denke«, fuhr er fort, »dass diese Notizen noch irgendwo auf der Welt existieren. Ich meine vor allem die Teile der Geschichte Marco Polos, die von der mittelalterlichen Zensur – und das war der Vatikan – nicht freigegeben wurden, weil sie bei der Leserschaft jener Zeit zu viele Zweifel geweckt hätten. Seit ich Christ Church verließ« – es hätte keinen Sinn zu erwähnen, dass er keine Abschlussprüfung abgelegt hatte –, »habe ich überall in Italien und in Frankreich nach Hinweisen auf ein solches Buch gesucht. Und endlich, vor einem halben Jahr, habe ich es dann, wie ich glaube, auch gefunden.«

Hatte der Mann im dunklen Anzug bei dieser Nachricht in irgendeiner Weise auffällig reagiert? Cantor schien es so, als hätte der Schatten im hinteren Teil des Raums seine Position ein wenig verändert. Er kam sich wie ein Angler vor, der das erste Knabbern am Köder spürt. Nun musste er nur noch den Haken ins Ziel bringen, um seinen Fang zu sichern.

»Ich erhielt Zugang zu den Verkaufslisten eines kleinen Buchantiquariats, das sich in einer winzigen Stadt in Italien befindet und seit 1884 existiert. Dort fand ich Aufzeichnungen über den Verkauf eines von Rustichellos bedeutenden Werken, Roman de Roi Artus, im Jahr 1908. Zu diesem Buch über die Artus-Sage gehörte ein Konvolut an losen Seiten.

Zu jener Zeit bereisten Familien aus dem England Edwards VII. Italien, um ihren Wissenshorizont zu erweitern. Denken Sie nur an E. M. Forsters Roman Zimmer mit Aussicht.« Für die meisten hätte es wohl eher heißen müssen Ein Pappkarton mit Zellophanfenster, aber Cantor wusste, dass sein Vortrag eigentlich nur einem einzigen Zuhörer galt. »Wie jeder Tourist kehrten diese Reisenden mit Souvenirs in ihre Heimat zurück. Möbel, Kunstwerke, so gut wie alles, das sie in die Finger bekamen und das sie an die Lombardei oder die Toskana erinnerte. Eine spezielle Familie interessierte sich vor allem für Bücher und kehrte mit ganzen Koffern voll davon zurück, genug, um damit eine Bibliothek wie diese hier vom Boden bis zur Decke zu füllen. Einige der Bücher stammten aus dem Jahrhundert, bevor Polo geboren wurde. Diese Familie war es, die Rustichellos Werke schließlich erwarb.

Gegen eine Gebühr durfte ich mich in Teilen der Bibliothek umsehen.« Fünfhundert Pfund für einen einzigen Nachmittag, erinnerte sich Cantor bitter. Die meisten seiner Erinnerungen waren in letzter Zeit eher bitter. Der derzeitige Besitzer der Bibliothek war ein ausgesprochener Mistkerl, der, nur weil er wusste, wie sehr sich Cantor einen ausgiebigen Blick in die Bibliothek wünschte, die Frechheit beging, sich am wissenschaftlichen Interesse eines dreißig Jahre alten Forschers zu bereichern.

Cantor hatte gerade genug für einen einzigen Besuch zusammenkratzen können, aber es hatte immerhin ausgereicht. Und das war es, was er eigentlich heute und während der vergangenen Monate hier tat. Er hatte keinerlei Interesse, das Wissen von gelangweilten Witwen und Obdachlosen zu mehren. Er hoffte, einen Gönner zu finden, der ihm dabei helfen würde, seine weiteren Forschungen zu finanzieren. Der Eigentümer des Konvoluts hatte unmissverständlich erklärt, dass er nicht gewillt sei, es jemals zu verkaufen, aber er sei bereit, Cantor den Zutritt zu gestatten – für fünfhundert Pfund pro Tag.

Der junge Akademiker war sicher, dass nach der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse zunehmender Druck aus Historikerkreisen den Eigentümer dazu zwingen würde, wenn schon nicht das Konvolut in Form einer Schenkung abzugeben, so doch zumindest einer wichtigen Universität zu gestatten, die Echtheit von Rustichellos Werk festzustellen und auf diese Art und Weise Cantors Ruf zu festigen und ihm, wie er hoffte, gleichzeitig zu einem kleinen Vermögen zu verhelfen.

»Der Text ist im typischen mittelalterlichen Französisch gehalten, neben dem Italienischen aus derselben Zeit mein Spezialgebiet. Ich konnte nur eine kurze Passage übersetzen, da ich den Text erst gegen Ende meines Besuchs in der Bibliothek fand, aber was ich zu lesen bekam, war einfach unglaublich. Es ist die Beschreibung einer Schlacht, der Marco Polo im Jahr 1281 als Zeuge beiwohnte und in deren Verlauf ein General namens Khenbish seine Feinde unter Verwendung von Schießpulver vernichtete, das Marco Polo noch nie auf diese Art und Weise im Einsatz gesehen hatte. Und zwar geschah dies mit Hilfe eines höchst bemerkenswerten Apparats, der sich eines besonderen Kristalls bediente, um Sonnenlicht zu einem konzentrierten Strahl zu bündeln, ähnlich wie bei einem modernen Laser.«

Cantor hielt abermals inne. Der Mann im dunklen Anzug hatte sich erhoben und verließ den Nebenraum der Bibliothek, wobei sein langer Mantel wie ein Cape aus Obsidian um seine Füße flatterte. Cantor unterdrückte einen wütenden Fluch. Es war ihm nicht gelungen, den Haken zu setzen, und nun hatte er sogar den Fisch verscheucht. Niedergeschlagen starrte er in die unrasierten und ausdruckslosen Gesichter vor ihm. Welchen Sinn hatte es weiterzureden? Sie hatten doch ebenso wenig Lust, sich seinen monotonen Vortrag anzuhören, wie er Lust hatte, damit fortzufahren.

»Na gut, vielen Dank. Gibt es noch irgendwelche Fragen?« Er war völlig verblüfft, als sich eine knochige Hand hob. Sie gehörte zu einer Frau mit einem völlig zerknitterten Gesicht, das an eine dieser Puppen erinnerte, die Kinder sich gelegentlich aus Nylonstrümpfen basteln. »Ja, bitte?«

»Haben Sie einen Cent für mich?«

Cantor raffte seine Aktentasche vom Rednerpult, warf sich den abgetragenen Regenmantel über den Arm und verließ das Podium, verfolgt von einem Chor heiseren Gelächters.

Es war mittlerweile völlig dunkel geworden, als die Eingangstür der Bibliothek hinter ihm zufiel. Die weite Fläche des Chamberlain Square wurde auf einer Seite von der Beton gewordenen Monstrosität der Bibliothek begrenzt, auf der anderen Seite von dem dreistöckigen neoklassizistischen Gebäude des Rathauses. Und auf der dritten Seite von der Stadthalle, die an einen griechischen Tempel erinnerte. In der Mitte stand das Denkmal Joseph Chamberlains, der in dieser trostlosen Stadt irgendeine wichtige Rolle gespielt haben musste. Für Cantor sah das Ganze aus, als hätten Diebe eine gesamte gotische Kathedrale gestohlen und nur die obersten zwanzig Meter ihrer Türme und Dächer zurückgelassen.

Falls die Stadtväter die Absicht gehabt hatten, einen architektonisch noch weniger harmonischen Platz zu gestalten, konnte er sich nicht vorstellen, wie das möglich sein sollte.

Vielleicht hätten sie noch irgendeinen Zeppelinhangar oder eine russisch-orthodoxe Kirche mit diversen Zwiebeltürmen hinzufügen können, dachte er und musste unwillkürlich grinsen.

Vom Regen war nur noch ein kaltes Nieseln übrig, aber obwohl Cantor seinen Mantelkragen hochschlug, fanden die eisigen Tropfen einen Weg an seinem Hals entlang und weiter den Rücken hinab. Er sehnte sich nach einer warmen Dusche und einem heißen Grog und hoffte, dass er sich nicht ständig die wunde Nase putzen musste.

Sein ramponierter Volkswagen parkte in der Newhall Street, und er war gerade in die Colmore Road eingebogen, als das Fenster auf der Fahrerseite einer eleganten Jaguar-Limousine leise nach unten schnurrte.

»Dr. Cantor, kann ich Sie für einen Moment sprechen?« Die Stimme klang kultiviert und hatte einen kontinentalen Akzent – französisch, deutsch, vielleicht schweizerisch, was für Cantor wie eine Kombination der ersten beiden klang.

»Oh, ich habe noch nicht promoviert«, stotterte er, als er das schwarze Oberhemd und die schwarze Krawatte des Mannes im dunklen Anzug erkannte, der hinter dem Lenkrad der Luxuslimousine saß.

»Trotzdem haben Sie einen fesselnden Vortrag gehalten. Ich hätte mir gerne auch noch den Rest angehört, aber ich erhielt einen Anruf, den ich annehmen musste. Ich bitte Sie nur um ein paar Minuten Ihrer wertvollen Zeit.«

»Es regnet.« Als er sich bückte, um in den Wagen zu blicken, schoss ein scharfer Schmerz durch Cantors überstrapazierte Nasennebenhöhlen.

»Nicht hier drin.« Der Mann lächelte, oder zumindest verzogen sich seine Lippen, so dass seine Zähne zu sehen waren. »Ich kann Sie zu Ihrem Wagen fahren.«

Cantor ließ den Blick durch die Straße wandern. Niemand war zu sehen, und sein Wagen war tatsächlich noch fünf Blocks weit entfernt. »Okay.«

Er ging um die langgestreckte Motorhaube herum und hörte, wie das elektrische Schloss der Beifahrertür mit einem Klicken geöffnet wurde. Er ließ sich auf das weiche Leder gleiten. Das hölzerne Armaturenbrett der Limousine schimmerte im matten Schein der Anzeigeinstrumente.

Der Fremde legte den Gang ein und lenkte den Wagen vom Bordstein weg. Der Jaguar war so leise, dass Cantor nicht einmal ein Motorengeräusch hörte.

»Ein Bekannter von mir hat den Vortrag gehört, den Sie in der vergangenen Woche in Coventry gehalten haben, und war so beeindruckt davon, dass er mir davon berichtete. Ich musste ihn mir unbedingt selbst anhören.«

»Verzeihen Sie, aber Sie sind …?«

»Oh. Ich muss mich entschuldigen. Tony Forsythe.« Sie wechselten einen umständlichen Händedruck, weil Forsythe unter seinem linken Arm hindurchgriff, um das Lenkrad nicht loslassen zu müssen.

»Und woher kommt Ihr Interesse für Marco Polo, Mr. Forsythe?«, fragte Cantor.

Er nahm einige seltsame Schwingungen von dem Mann auf. Er war wohl um die vierzig und hatte ein unauffälliges Dutzendgesicht. Dabei war sein dunkles Haar so dicht, dass es auch ein Toupet sein konnte. Aber da war noch etwas anderes, und Cantor wusste auch, was es war. Seine Hände waren groß und voller Schwielen. Sein Händedruck war nicht besonders kräftig gewesen, aber Forsythes Hand hatte Cantors Hand praktisch verschlungen. Nach seiner Erfahrung hatten Männer in 1.000-Pfund-Anzügen und 60.000-Pfund-Automobilen keine schwieligen Hände.

»Ich bin so etwas wie ein Amateurhistoriker, könnte man es beschreiben, und ich interessiere mich für dieses alte Buch und seinen Inhalt.«

William Cantor hatte Ausschau nach einem Fisch gehalten, und nun hatte er plötzlich das Gefühl, als hätte er einen Hai erwischt. »Hm, mein Wagen steht in der Newhall.«

»Ja, ich weiß«, erwiderte Forsythe, was Cantor misstrauisch werden ließ. Aber der Fremde fügte hinzu: »Wir sind sofort da. Sie erwähnten, dass der Besitzer des Buches nicht die Absicht habe, es zu verkaufen – ist das richtig?«

»Ja, der Mann ist wohlhabend. Ich denke, er hat mich für einen Blick in seine Bibliothek nur deshalb bezahlen lassen, um mich zu ärgern.«

»Und wurde nicht über einen Preis gesprochen?«

»Nein. Ich musste nur irgendwie fünfhundert Pfund auf den Tisch legen, um mir das verdammte Ding einen Tag lang ansehen zu dürfen.«

»Schade«, murmelte Forsythe vor sich hin. »Ein simples Bargeschäft wäre das Beste gewesen.«

Zu Cantors Erleichterung bog der Jaguar in diesem Moment nach links in die Newhall Street ab.

Forsythe sah ihn kurz von der Seite an. »Ich nehme nicht an, dass Sie bereit sind, mir den Namen des Gentlemans zu nennen?«

»Ich, nun, ich glaube nicht, dass das in meinem Interesse wäre, oder?«

»Oh, das wäre es doch, Freund William. Es wäre ganz gewiss in Ihrem besten Interesse.«

Der Jaguar machte plötzlich einen Satz vorwärts, während er abrupt beschleunigte. Cantor erhaschte einen flüchtigen Blick auf seinen blauen VW Polo, als sie daran vorbeischossen. »Was zur Hölle haben Sie …«

Der Arm einer Person, die unsichtbar und ohne sich zu rühren auf dem breiten Rücksitz gelegen hatte, schlang sich mit der Kraft einer Anakonda um Cantors Hals und erstickte die Worte in seiner Kehle. Ein kurzer Einstich in seinen Nacken, ein seltsamer metallischer Geschmack in seinem Mund, und drei Sekunden später sackte William Cantor unter der Wirkung eines Betäubungsmittels zusammen.

Da seine Eltern vor längerer Zeit bei einem Verkehrsunfall auf der M1 ums Leben gekommen waren und es keine Geschwister oder eine Freundin gab, dauerte es einen Monat, bis sein Vermieter an die Tür seines kleinen Einzimmer-Apartments klopfte und auf diese Weise bekannt wurde, dass Cantor von der Bildfläche verschwunden war. Die jeweiligen Termine für die wenigen Vorträge, die er geplant hatte, waren telefonisch und ausgesprochen höflich von einer Person, die sich unter seinem Namen meldete, verschoben worden. Es dauerte noch mehrere Tage, ehe eine Vermisstenmeldung mit der kopf- und händelosen Leiche in Verbindung gebracht wurde, die zur gleichen Zeit vor der Hafenstadt Grimsby aus der Nordsee gefischt wurde.

Es gab zwei Punkte, über die sich jene Polizeidienststellen einigen konnten, die an den Ermittlungen beteiligt waren. Zum einen passte die DNS, die in Cantors Apartment gefunden wurde, zu der der Wasserleiche. Und zum anderen war deutlich zu erkennen, dass der Mann derart bestialisch gefoltert worden war, dass ihm sein Tod wie ein Geschenk Gottes vorgekommen sein musste.

Da Cantor all seine Notizen über das Rustichello-Buch und das Konvolut an losen Blättern in seinem Aktenkoffer aufbewahrt hatte, der jedoch nicht gefunden wurde, gab es ein weiteres Vergehen, von dem die Polizei nicht wusste, dass es mit dem Verschwinden des Mannes zusammenhing. Nicht weit von der Stadt Beaulieu in Hampshire hatte ein Einbruch stattgefunden, der jedoch vereitelt worden war. Stattgefunden hatte er zwei Tage, nachdem Cantor das letzte Mal lebendig gesehen worden war. Kriminaltechnische Untersuchungen ergaben, dass die Einbrecher von dem verwitweten Hauseigentümer überrascht worden waren, ihm dann mit einem Brecheisen, das sie – ohne Fingerabdrücke – am Tatort zurückließen, einen Schlag über den Schädel gaben und die Flucht ergriffen. Dabei machten sie sich nicht einmal die Mühe, die Kissenbezüge mitzunehmen, die sie bereits mit silbernem Essbesteck und anderen wertvollen Gegenständen gefüllt hatten.

Keinem Angehörigen der Polizei fiel die schmale Lücke in den zahllosen Bücherreihen auf, die die holzgetäfelten Wände der Bibliothek in der Villa säumten.

2

BERGREGION

NORD-WASIRISTAN

HEUTE

Das Bergdorf hatte sich in zweihundert Jahren nicht verändert. Bis auf die Gewehre natürlich. Die hatte es eigentlich schon immer gegeben, das war nicht der Punkt. Sondern es war die Art der Waffe, die sich geändert hatte. Jahrhunderte zuvor hatten die Männer Donnerbüchsen mit trichterförmigen Läufen mit sich herumgetragen. Dann kamen die Tower-Musketen, zunächst gefolgt von den Lee-Enfield-Gewehren und schließlich von den allgegenwärtigen AK-47ern, den so genannten Kalaschnikows, die dank der sowjetischen Invasion Afghanistans in Massen in den Norden gelangten. Und diese Gewehre waren so gut, dass die meisten älteren Datums waren als die Männer, die sie trugen. Ganz gleich, ob sie ihr Einflussgebiet gegen einen rivalisierenden Stamm verteidigten oder das Plumpsklo aufsuchten, ein Mann ohne eine Kalaschnikow schussbereit unter dem Arm war kein richtiger Mann.

All das ging Cabrillo durch den Kopf, während er beobachtete, wie zwei junge Pashtunen aus dem Norden, Halbwüchsige und sicherlich noch im Teenageralter, die Bärte nicht mehr als einige vereinzelte Stoppeln an Kinn und Wangen, sich bemühten, zwei Ziegen auf einen offenen Lastwagen zu hieven. Ständig rutschten die Sturmgewehre, die sie sich über die Schultern gehängt hatten, nach vorn vor die Brust und schlugen gegen die Tiere, die sich gegen diese unsanfte Behandlung wehrten.

Jedes Mal, wenn ein Gewehr verrutschte, musste der betreffende Junge innehalten, es wieder über die Schulter schieben und dann die sanftäugige Ziege beruhigen. Die Entfernung war zwar zu groß, um etwas hören zu können, aber Cabrillo konnte sich gut vorstellen, wie die Ziegen ängstlich meckerten und die jungen Männer Allah anflehten, ihnen beim Verladen ihrer Tiere zu helfen. Es kam ihnen nicht in den Sinn, die Gewehre abzunehmen und auch nur für die eine Minute gegen den wackligen Zaun zu lehnen, die sie brauchen würden, um die Tiere problemlos auf den Lastwagen zu heben.

Wenn die ungefähr vierzig weiteren bewaffneten Männer im Lager vor dem Dorf nicht gewesen wären, hätte er die Szene durchaus amüsant finden können.

Wegen einer bestimmten Sache musste er die Jungen bewundern. Obgleich er die modernste Kälteschutzkleidung trug, fror er sich im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern ab, während die Jungen nicht mehr am Leib trugen als höchstens zwei Schichten handgefertigter Wollsachen.

Natürlich hatte Cabrillo während der letzten fünfzehn Stunden kaum mehr bewegt als seine Augenlider. Und das traf auch auf sein restliches Team zu. In Nord-Wasiristan gehörte es zur Tradition, dass Dörfer wie Zitadellen auf Berggipfeln angelegt wurden. Was an Weide- und Ackerflächen zur Verfügung stand, reichte die Berghänge bis zur Stadt hinunter. Um einen geeigneten Beobachtungspunkt zu finden, von dem aus sie auf das Taliban-Lager hinabschauen konnten, mussten sie auf einem benachbarten Berg in Deckung gehen. Die Entfernung über das tiefe Tal hinweg betrug nur etwa anderthalb Kilometer, jedoch wurden sie dadurch gezwungen, einen mit Schnee und Gletschereis bedeckten Berg zu ersteigen und in über dreitausend Metern Höhe gegen ständige Atemnot anzukämpfen. Durch sein Fernglas, das auf einem Stativ ruhte, konnte er ein paar alte Männer erkennen, die eine Zigarette nach der anderen rauchten.

Cabrillo bereute noch jetzt die letzte Zigarre, die er sich genehmigt hatte, da seine Lungen sich angefühlt hatten, als hätten sie gierig die metallisch riechenden Luftreste einer leeren Tauchflasche aufgesaugt.

Eine tiefe Baritonstimme erklang in seinem Ohrhörer. »Kämpfen sie mit den Ziegen, oder treffen sie Vorbereitungen für ein Tête-à-tête?«

Eine andere Stimme meldete sich. »Da die Ziegen keine Burkas tragen, wissen diese Jungs wenigstens, was sie erwartet.«

»Funkstille«, sagte Cabrillo. Er machte sich keine Gedanken, dass seine Leute in ihrer konzentrierten Einsatzbereitschaft nachließen. Was ihm vielmehr Sorgen machte, war, dass der nächste Kommentar bestimmt von seiner Stellvertreterin Linda Ross käme. Da er aber ihren ganz besonderen Humor kannte, wusste er auch, dass er in schallendes Gelächter ausbrechen würde, ganz gleich, was ihr als Bemerkung einfiele.

Einer der jungen Schäfer stellte sein AK-47 mit Wire-Stock-Schulterstütze endlich beiseite, und nun bugsierten sie die Tiere auf die Ladefläche. Als die Ladeklappe geschlossen war, hatte sich der Junge sein Gewehr längst wieder über die Schulter gehängt. Der Motor sprang an, stieß eine blaue Abgaswolke aus, und dann entfernte sich der Lastwagen träge von dem Dorf auf der Bergspitze. Es war ein Al-Kaida-Stützpunkt, und trotzdem ging das normale Leben in den zerklüfteten Bergen weiter. Die Äcker mussten bestellt, das Vieh versorgt und Waren mussten ge- und verkauft werden. Was Al Kaida und die Taliban als schmutziges Geheimnis hüteten, war, dass ihre Anhänger zwar Fanatiker waren, aber dennoch bezahlt werden mussten. Nachdem der Profit aus der Mohnernte des vergangenen Herbstes längst verbraucht worden war, war es nötig, die Einsatzbereitschaft der Kämpfer mit traditionellen Methoden aufrechtzuerhalten.

Die Ansiedlung bestand aus etwa zwei Dutzend Gebäuden. Sechs davon waren an der Schotterstraße erbaut worden, die ins Tal hinabführte, während die anderen auf dem Berg standen und lediglich durch Trampelpfade miteinander verbunden waren. Alle waren aus Stein erbaut und verschmolzen mit ihren niedrigen flachen Dächern und den wenigen Fenstern mit der Umgebung. Das größte Bauwerk war eine Moschee mit einem Minarett, das aussah, als ob es jeden Moment umkippen könnte.

Die wenigen Frauen, die Cabrillo und sein Team gesehen hatten, hatten sich ausnahmslos in schwarze Burkas gehüllt, während die Männer weite Hosen unter einer Jacke, chapan genannt, sowie Turbane und flache Wollmützen trugen, so genannte pakols.

»Juan.« Linda Ross’ Stimme hatte einen elfenhaften Klang, der zu ihrem feenhaften Aussehen passte. »Sieh dir mal die Moschee an.«

Vorsichtig, um nicht aufzufallen, schwenkte Cabrillo sein Fernglas ein paar Bogengrade zur Seite und zoomte den Eingang der Moschee heran. Wie die anderen drei Angehörigen seines Teams hatte er sich in den Berghang eingegraben, eine Plane über das Schützenloch gedeckt und Geröll darauf geschaufelt. Bereits aus ein paar Schritten Entfernung waren sie unsichtbar.

Er justierte die Scharfeinstellung. Drei Personen kamen aus der Moschee. Der Mann mit dem langen grauen Bart musste der Imam sein, während seine Begleiter viel jünger aussahen. Sie gingen rechts und links von dem älteren Mann und lauschten mit ernsten Gesichtern auf das, was er ihnen gerade mitteilte.

Juan konzentrierte sich auf die beiden. Sie hatten asiatische Gesichtszüge und nicht die Spur eines Bartes. Ihre Kleidung passte auch nicht zu dieser ärmlichen Gegend. Ihre Parkas, wenn auch von eher düsterer Farbe, waren von hervorragender Qualität, und beide trugen neue Wanderstiefel. Der Kleinere der beiden interessierte ihn besonders. Schon vor Beginn der Operation hatte er sein Gesicht stundenlang studiert und es für genau diesen Moment in seinem Gedächtnis gespeichert.

»Bingo«, sagte er leise über ihre abhörsichere Funkverbindung. »Das ist Setiawan Bahar. Behaltet ihn genau im Auge. Wir müssen wissen, wohin sie ihn bringen.«

Das seltsame Trio stieg hinter der Hauptstraße bergauf. Dabei gingen die drei sehr langsam, weil der Imam stark humpelte. Der Geheimdienst meinte, er habe sich dieses Hinken eingehandelt, als Kandahar im Jahr 2001 von den Amerikanern eingenommen wurde. Schließlich erreichten sie eines der gleichförmig aussehenden Häuser. Ein bärtiger Mann begrüßte sie. Sie unterhielten sich einige Minuten lang vor der Haustür, dann geleitete der Hausbesitzer die zwei Jungen, beides Indonesier, in sein Haus. Der Imam kehrte zu seiner Moschee zurück.

»Okay, wir wissen Bescheid«, sagte Juan. »Von jetzt an das Haus nicht mehr aus den Augen lassen, damit wir sicher sein können, dass er es nicht verlässt.«

Cabrillo hörte ein mehrstimmiges »Roger«.

Dann, entgegen seinem eigenen Befehl, schwenkte Juan sein Fernglas zurück auf die Hauptstraße, während eine weiße Toyota-Limousine, die wahrscheinlich schon einige hunderttausend Kilometer auf dem Buckel hatte, auf die kleine Ortschaft zukam. Kaum hatte sie angehalten, wurden auch schon die vier Türen aufgestoßen, und bewaffnete Männer sprangen heraus. Ihre Gesichter waren hinter den Zipfeln ihrer Turbantücher verborgen. Sie brachten ihre Gewehre in Anschlag, während sie sich im Halbkreis um den Kofferraum des Wagens aufbauten. Einer beugte sich vor und entriegelte mit einem Schlüssel das Schloss. Die Klappe öffnete sich dank ihrer Hydraulik, und drei Männer traten dicht an den Kofferraum heran und steckten die Läufe ihrer Kalaschnikows hinein.

Juan konnte nicht erkennen, was sich in dem Kofferraum befand oder, dies schien eher wahrscheinlich, wer dort war, und wartete gespannt, während einer der Männer sein Gewehr sinken ließ, so dass es unter seinem Arm hing, und in den Kofferraum hineingriff. Er zog einen fünften Mann heraus, der dort zusammengerollt gelegen hatte. Der Gefangene trug offensichtlich einen standardmäßigen Kampfanzug der amerikanischen Army. Die Stiefel sahen auch nach Militär aus. Er hatte einen Knebel im Mund, und seine Augen waren mit einem Tuch verbunden. Das Haar war ein wenig länger, als die Vorschriften der Army es gestatteten, und außerdem blond. Er war zu schwach, um aus eigener Kraft auf den Beinen zu stehen, und sackte zu Boden, sobald er aus dem Kofferraum befreit worden war.

»Wir haben ein Problem«, murmelte Cabrillo. Er richtete das Fernglas wieder auf das Haus, in dem Setiawan Bahar untergebracht worden war, und wies seine Leute an, auf die freie Fläche zu achten, die offenbar so etwas wie der Marktplatz der Stadt sein sollte.

Eddie Seng sagte zunächst nichts, während Linda Ross zischend einatmete und Franklin Lincoln einen leisen Fluch ausstieß.

»Haben wir irgendetwas über einen gefangenen Soldaten gehört?«, fragte Seng schließlich.

»Nein. Nichts«, antwortete Linda, und ihre Stimme klang gepresst, als einer der Taliban dem gefangenen Soldaten einen Fußtritt gegen die Brust versetzte.

Linc bemerkte mit seiner tiefen Stimme: »Es könnte während der dreißig Stunden passiert sein, die wir gebraucht haben, um unsere Hintern in Position zu bringen. Es gab keinen Grund, weshalb Max eine solche Nachricht an uns hätte weiterleiten sollen.«

Ohne den Blick vom Haus zu lösen, wechselte Cabrillo die Funkfrequenz. »Oregon, Oregon, hört ihr mich?«

Aus der Hafenstadt Karatschi, gut achthundert Kilometer weiter südlich, kam sofort die Bestätigung: »Hier ist die Oregon, Hali am Mikro, Chef.«

»Hali, ist seit Beginn unserer Operation irgendeine Meldung über einen in Afghanistan entführten amerikanischen oder NATO-Soldaten bei euch eingegangen?«

»Nichts über die Nachrichtenkanäle und auch nichts über die amtlichen Drähte, aber du weißt ja, dass wir beim Pentagon zurzeit ein wenig in Ungnade gefallen sind.«

Letzteres wusste Cabrillo nur zu gut. Vor ein paar Monaten, nachdem er sich fast zehn Jahre lang über seinen alten Mentor bei der CIA, Langston Overholt, eines nahezu ungehinderten Zugangs zu Informationen des militärischen Geheimdienstes hatte erfreuen dürfen, war Cabrillos private Sicherheitsfirma, die als Corporation bekannt war und von einem Trampdampfer namens Oregon aus operierte, kaltgestellt worden. Sie hatten eine Operation in der Antarktis durchgeführt, um einen von Argentinien und China geplanten gemeinsamen Zugriff auf ein riesiges Ölvorkommen vor der nahezu unberührten Küste des südlichen Kontinents zu vereiteln. Aus Furcht vor den geopolitischen Risiken, die mit einer solchen Aktion verknüpft waren, hatte die amerikanische Regierung sehr klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass sie von dieser Mission absehen sollten.

Da war es gleichgültig, dass sie einen spektakulären Erfolg zu verbuchen hatten. Sie wurden vom neuen Präsidenten als skrupellos und gefährlich betrachtet, und Overholt erhielt die Anweisung, sich der Dienste, die die Corporation anbot, nie wieder zu bedienen. Und zwar wirklich niemals wieder. Langston hatte seinen beachtlichen Einfluss in Washington mit Nachdruck geltend machen müssen, um nach dieser Episode seinen Job nicht zu verlieren. Er machte Juan in einem vertraulichen Gespräch das Geständnis, dass ihn der Präsident moralisch derart versohlt habe, dass er für mindestens eine Woche nicht mehr habe richtig sitzen können.

Und das war es, was Cabrillo und sein kleines Team hierhergeführt hatte: an einen der wenigen Orte auf der Erde, der noch nicht von einer fremden Armee besetzt wurde. Sogar Alexander der Große war vernünftig genug gewesen, Wasiristan und die restlichen Stammesgebiete im Norden zu meiden. Sie waren hier, weil ein reicher indonesischer Geschäftsmann, Gunawan Bahar, einen Sohn hatte, der von zu Hause weggelaufen war, um sich den Taliban anzuschließen – so ähnlich wie vor einigen Generationen, als Jugendliche in den Vereinigten Staaten von zu Hause durchbrannten, um zum Zirkus zu gehen. Der einzige Unterschied war, dass der junge Setiawan geistig nicht weiter entwickelt war als ein Siebenjähriger und der Cousin, der ihn hierhergebracht hatte, dem Anwerber in Jakarta erklärt hatte, dass Seti ein Märtyrer sein wolle.

Amerikanische Ausreißer wurden zu Schaustellern. Auf Setiawan wartete das Schicksal eines Selbstmordattentäters.

Hali fuhr fort: »Stoney und Murph haben seit eurem Start jede Datenbank, in die sie reinkamen, durchforstet.« Eric Stone und Mark Murphy waren neben ihren anderen Funktionen die IT-Experten der Corporation. »Keinerlei Neuigkeiten aus dieser Ecke der Welt.«

»Sag ihnen, sie sollen weiter die Augen offen halten. Ich habe da gerade einen blonden Kameraden in NATO-Kluft vor mir, dem es verdammt schlecht geht.«

»Ich gebe es weiter«, versprach Hali Kasim, der Kommunikationsspezialist des Schiffes.

Cabrillo schaltete wieder auf die taktische Frequenz um. »Irgendwelche Vorschläge?«

Linda Ross meldete sich augenblicklich zu Wort. »Wir können ihn doch nicht einfach dort lassen. Schließlich wissen wir alle, dass er in ein oder zwei Tagen als Hauptdarsteller eines dschihadistischen Enthauptungsvideos um die Welt gehen wird.«

»Eddie?«, fragte Juan und kannte die Antwort bereits.

»Ihn retten.«

»Frag gar nicht erst«, brummte Linc.

»Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich das müsste.« Juan beobachtete noch immer das Zielgebäude und wollte es keine Sekunde aus den Augen lassen. »Was tun sie jetzt?«

»Sie haben ihn auf die Füße gezogen«, berichtete Linda. »Seine Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Zwei Kinder aus dem Dorf sind herausgekommen, um ihn anzugaffen. Eins hat ihn soeben angespuckt. Achtung. Die Taliban verscheuchen die Kinder. Okay, sie führen ihn über den Platz und in die Richtung unseres Zielgebäudes. Und sie gehen weiter und weiter und … das wär’s. Drei Häuser links von dem, in das Seti gebracht wurde.«

»Linc, übernimm mal unser Ziel«, befahl Juan. Er wartete einen kurzen Moment, bis der imposante Ex-SEAL sein Fernglas entsprechend justiert hatte, und richtete dann sein eigenes dorthin, wo die vier Terroristen ihren blonden Gefangenen in ein Gebäude aus Lehm und Stein stießen, das sich in nichts von allen anderen Bauten unterschied.

Zwei Afghanen bezogen vor der schlichten Holztür Posten. Juan versuchte einen Blick durch das offene Fenster neben der Tür zu werfen, aber das Innere des Hauses war zu dunkel, um mehr als nur eine vage Bewegung zu erkennen.

Die Corporation war engagiert worden, um Gunawan Bahars Sohn aus den Klauen von Al Kaida zu befreien, und nicht, um einen fremden Soldaten zu retten. Aber wie auch schon im Verlauf der Antarktis-Operation war Cabrillos moralischer Kompass die treibende Kraft hinter ihren Aktivitäten. Diesen Fremden zu retten, ohne dafür ebenfalls mit einer Million Dollar bezahlt zu werden – die Bahar bereits lockergemacht hatte, und zwar mit der Aussicht auf vier weitere, sobald sein Sohn in einem Flugzeug mit Kurs auf Jakarta säße –, das war für ihn genauso wichtig.

Juan erinnerte sich an die Tränen in Bahars Augen, als er anlässlich ihres einzigen Zusammentreffens davon erzählt hatte, wie sehr sein Sohn seinen älteren Vetter verehre und wie der Junge auf hinterhältige Art und Weise in die Fundamentalistengruppe einer Moschee in Jakarta gelockt worden war. Gunawan hatte ihm weiter erklärt, dass Seti aufgrund seiner geistigen Behinderung überhaupt nicht hatte begreifen können, dass er es mit einer terroristischen Organisation zu tun hatte. Daher war er gekidnappt und in diese Al- Kaida-Festung in den Bergen gebracht worden.

Cabrillo hatte die unerschöpfliche Liebe in der gequälten Miene des Mannes gesehen und ebenso in seiner Stimme gehört. Er hatte zwar keine eigenen Kinder, aber er war Präsident der Corporation und Kapitän ihres Schiffes, der Oregon. Er liebte seine Mannschaft genauso wie ein Vater seine Kinder, daher konnte er sich sehr gut vorstellen, welches Leid Bahar ertragen musste. Wenn man einen seiner Leute kidnappte, würde er mehr als nur Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn zurückzuholen.

»Sie müssen verstehen, was für ein Segen dieses Kind ist«, hatte der Vater gesagt, »ein wahres Geschenk Allahs. Fremde mögen es als eine Last betrachten, aber sie können gar nicht ermessen, welche Liebe meine Frau und ich für dieses Kind empfinden. Vielleicht ist es falsch, dass ich so etwas sage, aber von unseren drei Söhnen ist Seti unser Liebling.«