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Was ist eigentlich Hunger? Ist er nur ein Berater, der unser Überleben sichert? Oder ein Verführer, der uns dick macht? Warum ist er uns immer einen Schritt voraus, wenn wir gegen ihn kämpfen? Martina Reuter hat ihrem Hunger früher stets nachgegeben. Bis er ihr ganzes Leben bestimmte und sie sich in ihrem Körper nicht mehr wohlfühlte. Dann beschloss sie, etwas zu ändern. Und verwandelte sich vom Curvy- zum Bikini-Model. In diesem Buch zeigt sie, wie sie ihren Hunger wieder zu dem guten Freund machte, der er in ihrer Kindheit war. Der ihr dabei half, sich in ihrem Körper wohlzufühlen.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Martina Reuter:Kilofrei
Alle Rechte vorbehalten© 2026 edition a, Wienwww.edition-a.at
Coverfoto: Valerie VoithoferFotos im Buch: Olga Mikhailenko, PrivatSatz: Jovana Mišković
Gesetzt in der PremieraGedruckt in Europa
12345—29282726
ISBN: 978-3-99001-893-4
eISBN 978-3-99001-894-1
MARTINA REUTER
Wie ich denHunger besiegte
Kapitel eins
Akzeptieren Sie die Situation radikal
Kapitel zwei
Geben Sie Ihrem Hunger Raum und nehmen Sie ihm Schuld
Kapitel drei
Die Transformation ist kein Nebenjob
Kapitel vier
Finden Sie Ihr Timing
Kapitel fünf
Halten Sie Zeitpläne ein
Kapitel sechs
Lernen Sie, die Stimme Ihres Hungers zu hören
Kapitel sieben
Werden Sie zum Regisseur Ihres Essens
Kapitel acht
Visualisieren Sie das Aufhören, ehe Sie anfangen
Kapitel neun
Tipps aus der Suchtmedizin
Kapitel zehn
Beachten Sie den glykämischen Index
Kapitel elf
Die falschen gesunden Sachen
Kapitel zwölf
Rezepte
Kapitel dreizehn
Ein kleiner Spaziergang kann reichen
Kapitel vierzehn
Das ganze Leben verändern
Darf ich vorstellen: Hier ist jemand, den ich eines Tages in mein Haus ließ und übersah, seinen Hintern rechtzeitig wieder zur Tür hinauszubefördern. Er machte sich breit und allmählich richtete ich alle meine Überlegungen und Entscheidungen an ihm aus: der falsche Hunger, der nicht unser Leben vor Mangel schützt, sondern uns rücksichtslos für seine Interessen missbraucht. Ein Porträt.
Als ich die Augen öffnete, begrüßte mich zuerst mein Magen. Unmissverständlich ließ er mich wissen: Ich bin da und brauche deine Aufmerksamkeit.
Ich stieg aus dem Bett, stellte mich unter die Dusche, zog mich an und machte mich fertig. Dann weckte ich meine Kids und richtete ihnen das Frühstück. Müsli mit Schokostückchen, mir selbst füllte ich auch eine Schüssel. Dazu gezuckerter Orangensaft aus dem Tetrapack und der erste Kaffee.
Kaum waren sie außer Haus und auf dem Weg zur Schule, fuhr ich zur Arbeit. Unterwegs hielt ich an einer Tankstelle, holte mir ein Schokocroissant und einen Cappuccino. Noch ehe ich in der Redaktion ankam, war der Pappbecher leer und das Croissant gegessen.
Gegen 10.30 Uhr meldete sich der Hunger wieder. Er kam plötzlich und er kam stark. Die letzte Stunde bis zur Mittagspause war wie immer eine Qual. Kaum war die Pause angebrochen, ging es schnell. Meine Optionen: Leberkäsesemmel beim Würstelstand um die Ecke, Kebab, Asia-Fastfood. Oder McDonald’s, was auch immer schnell war und meinen Hunger zufriedenstellte.
Diesmal entschied ich mich für eine Nudelbox mit gebratenem Huhn. Der Hunger war wie ein wilder Wachhund, dem ich ein Stück Wurst hinhielt, damit er mich nicht biss. Nur blieb es nicht bei einem Stück.
In der Lade meines Schreibtisches lagerten einige Tafeln Rittersport, mein Energiebringer für zwischendurch. Bis zum Ende meines Arbeitstags verschlang ich zwei davon, ohne es überhaupt zu merken. Neben Telefonieren, Drehs, Video-Calls und der Vorbereitung für die Sendungen. Ich spülte die Schokolade runter mit Kaffee, der mich entweder aufdrehte oder noch müder machte. Aber ich war sicher, ohne ihn käme ich nicht durch den Tag.
Der Abend war bereits angebrochen, als ich nach Hause kam. Meine Kids waren von der Schule zurück. Um diese Zeit spielten sie, schauten fern oder machten Hausaufgaben. Ich schenkte mir, wie oft nach harten Tagen, ein Glas Wein ein. Als alleinerziehende Mutter von zwei pubertierenden Kids mit einem Vollzeitjob hatte ich das mehr als verdient, fand ich.
Zum Abendessen gab es, was schnell ging und satt machte. Viel gekocht hatte ich noch nie. Entweder wir bestellten Pizza, Burger, Chinesisch, oder ich schob zwei Tiefkühlpizzen ins Rohr. Dazu tranken wir Cola. Eine schöne, gemeinsame Belohnung, ein tägliches Ritual für die ganze Familie.
Danach legte ich mich auf die Couch. Endlich entspannen. Die Füße hochlegen und den Fernseher einschalten. Guilty Pleasures schauen, um das Hirn auszuschalten und die Seele baumeln zu lassen. Dazu eine Tüte Chips oder Gummibären. Das ging schnell und fühlte sich gut an auf der Zunge, jeder Bissen ein kleines Geschenk, das sagte: Das hast du gut gemacht heute. Gönn dir doch mal etwas. Entspann dich.
Ich bemerkte gar nicht, wie mein Hunger mich steuerte wie eine Marionette. Er war die treibende Kraft hinter meinen Entscheidungen, flüsterte mir Gedanken ins Ohr, schmeichelte mir und konnte, wenn er musste, gnadenlos sein. Ich ordnete mein Leben seinen Ansprüchen unter. Füllte meinen Kühlschrank mit Dingen, die ihn schnell befriedigten. Wählte meine Pausen nach seinen Anstößen. Sagte nie Nein, wenn er etwas von mir verlangte.
Der Hunger ist ein komplizierter Freund. Er klopft an, um dich zu warnen und zu informieren. Du kannst ihm vertrauen, er meint es gut, er lässt dich wissen, wann du etwas essen solltest, um stark und fit zu bleiben. Doch je öfter du ihn hereinlässt, desto besser gefällt es ihm in deinem Haus.
Dann macht er es sich bequem bei dir. Liegt auf der Couch, während du versuchst, ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Weiterhin ruft er dir Warnungen zu, doch jetzt tut er das wahllos und du kommst nicht mehr zur Ruhe. Er lässt dich für ihn arbeiten, auch wenn das für dich selbst keinen echten Nutzen mehr bringt.
So ist er, der Hunger. Er ist ein natürlicher Freund unseres Körpers, aber wenn wir nicht aufpassen, wenn wir nicht lernen, mit ihm umzugehen, nutzt er uns aus. Hat er sich einmal in uns breitgemacht, bekommen wir ihn nur noch schwer weg. Egal, wie sehr wir flehen und bitten, er wird hart bleiben. Es braucht dann schon mehr als gute Vorsätze, um seinen Hintern aus der Tür zu befördern. Es braucht gut überlegte Strategien, professionelle Tricks aus der Medizin und einen klaren Plan.
Dieses Buch enthält Strategien, Tricks und Pläne im Umgang mit dem Hunger und es hilft dabei, eigene zu entwickeln. Ich weiß, wie schwer er wieder loszuwerden ist, wenn er uns einmal im Griff hat. Ich weiß es, seit ich meine Transformation begann. Der oben geschilderte Tagesablauf war davor mein Standard. Ich richtete mich völlig nach dem Hunger. Er war von einer natürlichen Funktion meines Körpers, die mein Überleben sichern sollte, zu einer Art Sucht geworden.
In meinem Buch Die 14-Tage-Formel habe ich anhand meiner persönlichen Reise eine Anleitung zum Abnehmen geliefert. Dieses Buch beschäftigt sich nun mit unserem Feind Nummer eins auf dieser Mission: dem falschen Hunger. Also dem, der nicht auf natürliche Weise unser Überleben sichert und uns darauf hinweist, wenn uns gerade etwas fehlt, sondern dem, den andere Energien antreiben, etwa der Wunsch nach Belohnung, Wärme, Liebe oder was auch immer. Ein Hunger, der dick und krank macht, der uns einen Mangel einredet, obwohl wir mehr zu uns nehmen, als wir brauchen.
Wie wir mit unserem Hunger umgehen, entscheidet so vieles. Es geht nicht bloß um das Abnehmen. Es geht auch darum, ob wir es schaffen, schlechte Ernährungsgewohnheiten abzulegen. Schließlich kann dieser gemeine, falsche und hartnäckige Hunger auch zu hohen Zucker- und Entzündungswerten, Müdigkeit und Kraftlosigkeit, schlechtem Schlaf, Gereiztheit und Verstimmung bis hin zu Depression oder Problemen mit Organen wie Leber, Herz oder Magen führen.
Das Essen bestimmt unsere Lebensqualität, und dabei gilt es, unseren Hunger kennenzulernen, seine guten von seinen schlechten Eigenschaften zu unterscheiden, uns in unserer Welt des Überflusses, in der niemand mehr verhungern muss, von ihm zu emanzipieren und so ein besseres und schöneres Leben zu führen.
Dieses Buch versteht sich als eine Anleitung für den Umgang mit dem Hunger, ohne ihn als gemeinen Bösewicht zu zeichnen. Vielmehr hilft es uns dabei, ihn uns tatsächlich als Freund vorzustellen. Ihn aus dem Leben zu verbannen, wäre nicht sinnvoll. Wir brauchen ihn. Doch wir müssen wissen, wo sein Platz ist. Er darf nicht zum Herrn und Meister unserer Gedanken und Gefühle werden. Dieses Buch zeigt, wie wir lernen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, als gleichberechtigt, was unsere Entscheidungen betrifft. Womit wir uns eine Freiheit schaffen, in der wir sein, leben, essen, trinken und letztlich auch aussehen können, wie wir selbst wollen. Unser Hunger ist dann ein Begleiter, für den wir immer ein offenes Ohr haben, dem wir aber auch leichthin einmal sagen können: Also bitte, jetzt beruhige dich erst mal.
Wir alle können das schaffen. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür. Als ich anfing, mit meinem Hunger zu kämpfen, war ich 43 Jahre alt. Mutter zweier Kinder, wie gesagt. Voll berufstätig. Keine Sportskanone. 1,85 Meter groß, 112 Kilo schwer. Ständig müde, ausgelaugt, schnell gereizt. Und hungrig. Ständig war dieser verfluchte Hunger da.
Zwei Jahre später wiege ich siebzig Kilogramm. Modelte auf den Laufstegen von Miami, Los Angeles und New York. Und trat vor Kurzem bei meinem ersten Bodybuilding-Wettbewerb an. Keine Angst, Bodybuilding ist keine Voraussetzung für die erfolgreiche Auseinandersetzung mit unserem Hunger. Nicht mal Sport ist dafür notwendig. Tatsächlich ist es leichter, als es sich die meisten Menschen vorstellen, besonders jene, die schon aus guten Gründen an diversen verkorksten Diäten gescheitert sind.
Was nicht heißen soll, es sei per se leicht, den Hunger zu überwinden. Nein, das ist es nicht, aber es ist möglich. Mit dem richtigen Wissen, Tipps aus der Praxis einer einst ständig überforderten Frau und erprobten, street-smarten Strategien wird aus dem gefräßigen Tiger Hunger ein zahmes Hauskätzchen. Und aus uns ein völlig neuer Mensch.
Seit ich mich mit meinem Hunger angefreundet habe, macht Essen richtig Spaß!
Nennen wir es einfach so: ein Mindset. Wie finden wir das richtige, um unseren Hunger zu überwinden, um ihn wie ein wildes Tier zu domestizieren und zu unserem Freund machen zu können? Indem wir aufhören, mit ihm zu kämpfen und bei unseren ständigen Niederlagen mit ihm zu hadern, uns stattdessen unsere Lage in Ruhe ansehen und sagen: Es ist jetzt einmal alles, wie es ist. Damit kommt das richtige Mindset ganz von selbst, als bekämen wir es vom Universum geschenkt.
Als ich an den Punkt kam, an dem ich so nicht weitermachen wollte, dachte ich zunächst, ich müsse gegen meinen Hunger kämpfen. Ich habe ihn gehasst. Dieser Hass schlug bald auf mich selbst und meinen Körper um.
»Warum kannst du dich nicht kontrollieren?« »Warum bist du ständig hungrig?« »Hör doch einfach auf zu essen!« »Es ist deine Hand, die Lebensmittel in deinen Mund steckt. Wie lächerlich bist du, wenn du darüber keine Kontrolle hast?«
So redete ich mit mir selbst. Mein Hunger war ein Teil von mir geworden. Er war zur Sucht geworden. Ich war mein Hunger und mein Hunger war ich. Er war mir immer einen Schritt voraus. Je größer mein Hass auf ihn wurde, desto größer wurde auch er selbst. Ich hatte nur meinen Willen und meine Disziplin, beides zugegeben nicht unbedingt meine Stärken. Er konnte mich von innen heraus manipulieren, über meine Neurobiologie, tief verankerte evolutionäre Programmierungen und seelische Aspekte.
Mein Konflikt mit ihm war ebenso aufreibend wie sinnlos, das begriff ich schließlich, und trat noch einmal einen Schritt zurück. Was sollte ich tun? Wo sollte ich anfangen? Was war das Mindset einer Siegerin im Kampf gegen den Hunger? Waren »Kampf« und »Sieg« wirklich die richtigen Worte? Ging es überhaupt um ein »Mindset«? Stärkt »Kampf« auf psychologischer Ebene nicht immer nur den Gegner? Worum ging es eigentlich?
Zunächst beschloss ich, keinen Kampf zu führen, sondern einen Konflikt zu lösen. Den Überflüssigen zwischen mir und meinem Hunger. Auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen könnte.
Zu dieser Zeit unterhielt ich mich mit meiner Kollegin Sonja, mit der ich weder befreundet war noch viel zu tun hatte. Wir saßen eher zufällig beim Essen gemeinsam an einem Tisch und gaben uns kurze Updates unseres Lebens, nachdem wir uns schon länger nicht mehr gesehen hatten.
Sonja war in einer ebenso klassischen wie unerquicklichen Situation. Verheiratet, zwei Kinder, ein Haus mit Garten, Garage und Hundehütte dreißig Kilometer außerhalb von Wien auf Pump gekauft, und dann lernt ihr Typ eine andere kennen und bildet sich ein, für sie alles hinschmeißen zu wollen. Mit allen Folgen für das wirtschaftliche Desaster und die Obsorge für die Kinder, ganz zu schweigen von der persönlichen Kränkung.
»So ein Arsch«, sagte ich.
Sie lächelte.
»Du wirkst ja verhältnismäßig gelassen«, bemerkte ich.
»Das war ich nicht von Anfang an«, sagte sie, »aber es hat keinen Sinn, gegen ihn, die Situation und meinen Schmerz zu kämpfen. Das habe ich irgendwann bemerkt. Es brachte mich nicht weiter, sondern stürzte mich immer tiefer in einen schrecklichen Strudel.«
»Und jetzt? Was tust du jetzt?«
»Ich habe gelernt, die Situation radikal zu akzeptieren. Ich sehe sie mir mit allen ihren Aspekten an und frage mich dabei nicht gleich, was ich dagegen tun kann, sondern denke mir nur: Es ist, wie es ist.«
»Und welche Schlüsse ziehst du dann daraus?«
»Eigentlich gar keine«, sagte sie. »Es ist wirklich seltsam. Wenn du etwas einmal radikal akzeptierst, tauchen ganz von selbst Hinweise in deinem Leben auf, die dir zeigen, wie es weitergeht. Die dir den Weg weisen. Du bemerkst große und kleine Dinge, die dir immer wichtig waren und die dich erfüllt hätten, die du aber den Kompromissen zugunsten deiner Ehe untergeordnet hast. Du bemerkst Menschen um dich, die dir immer wichtiger geworden sind und denen du viel zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hast. Du bemerkst vielleicht sogar welche, die dir wichtiger als dein Mann geworden sind und die dir innerlich mehr geben als er. Du wirst es vielleicht nicht glauben wollen, aber vielleicht bemerkst du sogar, wie gut sich deine Beziehung zu deinem Mann in den gemeinsamen Jahren entwickelt hat, nur eben in eine andere Richtung als geplant. Dann gibt es auf einmal keine Schuldigen mehr und das Schönste dabei ist: Wenn du dich damit beschäftigst, alles zu betrachten, wie es ist, statt damit zu hadern, formen sich neue Möglichkeiten, deine Zukunft zu gestalten. Auf allen Ebenen, auch auf der finanziellen. Du denkst dir diese Möglichkeiten nicht aus, sondern sie fliegen dir zu, als kämen sie von deinen Schutzengeln irgendwo im Universum.«
»Das klingt alles sehr weise«, sagte ich, während ich nach der Vitrine mit den Nachspeisen schielte. Gut sah der Nussstrudel nicht aus, aber besser als nichts. »Ich glaube, ich würde das nicht schaffen«, sagte ich zu Sonja.
»Da gibt es nichts zu schaffen, du brauchst weder Kraft noch Weisheit dafür, sonst könnte ich es auch nicht. Du setzt dich einfach hin, betrachtest alles und schon bist du mittendrin in einem neuen Anfang.«
»Und was ist mit deiner Wut?«
»Die reibt uns nur auf, das wissen wir beide.«
»Das heißt, du hast sie unter Kontrolle?«
»Eigentlich nicht.« Sonja dachte einen Moment nach, ehe sie fortfuhr. »Das radikale Akzeptieren kam, als ich ihrer müde wurde, weil sie doch nichts bringt. Als ich zu erschöpft war vom Kämpfen gegen meine Situation. Ich weiß es aber jetzt für meine nächste Krise und übe mich im radikalen Akzeptieren. Wenn ich den Bus versäume und auf der Anzeige acht Minuten steht, ärgere ich mich nicht, sondern akzeptiere die Wartezeit. Auf einmal fällt mir ein, wie ich sie nützen könnte, und dann tut es mir fast leid, wenn der Bus schneller als erwartet kommt. Einmal bin ich sogar stehen geblieben und habe auf den Nächsten gewartet, weil ich auf die Idee kam, jemanden anzurufen, mit dem ich schon immer mehr zu tun haben wollte.«
In dem Moment kamen ein Mann unseres Alters und ein etwa achtjähriger Junge auf uns zu. Der Mann nickte Sonja nur lächelnd zu und überließ das lautstarke Grüßen seinem Begleiter. »Hallo, Sonja«, rief der Junge, eilte auf sie zu und nahm mit beiden Händen ihre Linke.
Staunend beobachtete ich die drei, während sich Sonja erhob. »Wir müssen gehen, Martina«, sagte Sonja. »Wir holen meine Kinder von der Schule ab und machen dann was miteinander.«
Ich rätselte, was ich da gerade zu sehen bekam, und das war mir anscheinend anzumerken. Sonja beugte sich zu mir herunter und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Du hast schon recht«, sagte sie. »Er ist der von der Bushaltestelle.« Sie zwinkerte mir zu. »Radikale Akzeptanz, denk dran.«
Da saß ich nun mit meinem mickrigen Nussstrudel und hatte den Eindruck, etwas Besseres gesehen zu haben als jedes mühsam zusammengeflickte Familienleben. Radikale Akzeptanz? Ich selbst war da noch in der Phase des Haderns und Kämpfens mit meiner Situation, voller Wut auf den Hunger, der mich einfach nicht aus seinen Fängen entließ, egal ob ich fluchte oder jammerte oder beides zugleich.
Wie viele Beziehungen ist auch die zwischen meinem Hunger und mir durch verschiedene Phasen gegangen. In meiner Kindheit zeigte er nur seine besten Seiten. Wie viel, wann und was ich aß, spielte nie eine Rolle. Wenn er groß war, schmeckte mir das Essen umso besser und meine Mutter sagte:
Iss langsam, Martina. Nach dem Essen war er weg und kehrte erst vor dem fest geplanten nächsten zurück. Das war der Idealzustand.
Als er schließlich seine andere Seite zeigte und mich verformte, machte ich einfach ein Geschäftsmodell aus ihm. Ich wurde ein Curvy-Model, sagte den kurvigen Frauen, wie schön sie seien, verurteilte den Schlankheitswahn und schrieb sogar Bücher darüber. Martina Reuter, das Curvy-Model, brachte es zu einiger Bekanntheit, bis ich an den Punkt kam, an dem ich mich fragte: Bin das wirklich ich? Ist das eine Rolle, die nicht mehr zu mir passt? Ein merkwürdiges Gefühl, mir selbst fremd zu sein, unzufrieden mit mir zu sein, beschlich mich. Ein Gefühl, etwas ändern zu müssen. Ein Gefühl, das ich verdrängte, so gut ich konnte.
Es lief ja alles bestens. Ich bemühte mich, meine eigenen Geschichten über »curvy« zu glauben und alle schattenhaften Aspekte zu verdrängen, die gesundheitlichen zum Beispiel und die Frage, wer das alles über die Curvy- und Body-Positivity-Bubble hinaus glaubte.
Dennoch drängte sich ein unbehagliches Gefühl schon seit einigen Jahren bei verschiedenen Situationen in den Vordergrund. Beim Strandurlaub in Spanien, wenn ich meinen Bikini überstreifte und zu meiner Liege ging. Bei Fotoshootings für Sendungen, wenn die Kamera jeden Zentimeter meines Körpers erfasste. Beim Shopping, wenn ich fragen musste, ob es diese Hose oder dieses Top auch ein paar Nummern größer gebe.
Dieses Gefühl beschlich mich auch, wenn ich mich dabei ertappte, wie ich um Mitternacht den Kühlschrank öffnete und einen Schokopudding herausholte. Oder auf der Couch Chips mampfte und versuchte, es leise zu tun, um mich nicht selbst beim Essen zu hören. Selbst, wenn ich darüber sprach, wie sehr ich mich und meinen Körper mochte, drängte es sich auf. Wie das sanfte Pochen einer Migräne, die nie kam. Oder die Melodie eines Lieds, das in deinem Hinterkopf spukt, an dessen Text du dich aber nicht erinnern kannst.
Ich schob dieses Gefühl nach Möglichkeit von mir weg. Denn ich wusste, wenn ich es anerkannte und in mein Leben ließ, würde ich mich damit auseinandersetzen müssen. Ich hatte Angst. Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder und noch dazu mit einem Sechzig-Stunden-Job hatte ich einfach keine Energie, irgendetwas anders zu machen als bisher. Das redete ich mir jedenfalls ein. Ich hatte Angst vor diesem Gefühl.
Doch das Ignorieren brachte keine Erleichterung, im Gegenteil. Immer öfter fühlte ich Scham, Schuld und Unzufriedenheit. Wenn ich traurig war und eine Tafel Schokolade aß, fragte ich mich danach: Habe ich die gerade wirklich allein aufgegessen? Ich fühlte, wie meine Oberschenkel beim Gehen aneinanderrieben. Die Haut rötete sich und schmerzte, ich musste sie eincremen. Es war schmerzhaft, Röcke zu tragen. Meine Haut war wässrig und aufgebläht. Wenn ich mit meinen Kindern spielte und ihnen nachlief, musste ich nach wenigen Metern mit Schnappatmung und Seitenstechen stehen bleiben.
Es folgten meine ersten unbeholfenen, planlosen Versuche, meinem Hunger etwas entgegenzusetzen. Zunächst hatte ich meinen guten Vorsatz, keinen Kampf zu führen, wieder vergessen. Meine Idee war neuerlich, den Kampf mit ihm aufzunehmen. Denn etwas anderes fiel mir nicht ein. Diesen Kampf, den wir nicht gewinnen können, weil wir dabei gegen uns selbst kämpfen.
Je stärker wir im Kampf gegen unseren Hunger werden, desto stärker und mächtiger wird auch er. Je mehr wir ihn hassen, desto mehr Spaß scheint er daran zu finden, uns auszutricksen, uns seine Macht zu zeigen, die ganze Klaviatur seiner körperlichen, geistigen und seelischen Tricks anzuwenden, um unsere Pläne zu vereiteln.
Eine Weile kämpfte ich, dann gab ich wieder auf, verdrängte wieder, dann kämpfte ich neuerlich, so ging das dahin und in meinem Leben gewann der Hunger in neuer Gestalt Konturen: als Antagonist, als der Bösewicht, der dem Protagonisten, also dem Helden, in meinem Fall der Heldin, beim Erreichen ihrer Ziele im Weg stand. Wie sollte das enden?
Als ich Sonja in der Kantine traf, war ich gerade wieder einmal in einer Phase des Verdrängens, das allerdings immer schlechter funktionierte. Dieses Gefühl und mein mächtiger Antagonist warfen einen Schatten über mein Leben, der mich nur umso wütender machte. Womit hatte ich es verdient, in so ein Dilemma zu geraten? Versuchte ich nicht, alles richtig zu machen? Eine gute Moderatorin zu sein, im Berufsleben fair, aufmerksam gegenüber Familien und Freunden, eine gute Mutter vor allem. Und dann so ein quälender Mist?
Nun saß ich da, stocherte mit der Gabel im Nussstrudel und dachte über radikale Akzeptanz nach. Die Situation so anzunehmen, wie sie war. Es ist, wie es ist. Die Anonymen Alkoholiker fielen mir ein, deren Runden ich aus diversen Spielfilmen und Serien kannte und deren Teilnehmer am Ende ihrer Bestandsaufnahmen immer so seltsam gelassen sagten: Ich bin Alkoholiker. War das auch eine Art von radikaler Akzeptanz?
Radikale Akzeptanz bedeutet, Umstände in unserem Leben zu betrachten, ohne sie zu bewerten. Uns damit einen Überblick zu verschaffen, ohne Gefühlen wie Wut oder Angst oder unseren angeborenen Instinkten, Auswege zu finden, Raum zu geben.
Hatte ich Sonja richtig verstanden und funktionierte das?
